bloodbeat (fabrice a. zaphiratos, usa 1983)

Veröffentlicht: August 17, 2019 in Film
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Ein Mann in Tarnanzug stapft durch eine herbstlich-winterlichen Wald und erlegt ein Reh. Mit seinem Pick-up-Truck kommt er dann an seinem Haus an, einem großen, schon etwas angegammelten Holzhaus, das mitten in der Pampa steht. Die Rasenfläche vor dem Haus zeigt ein totes Braun. Eine Frau in einem bunten Poncho kommt aus dem Haus und begrüßt ihn, er freut sich über das geschossene Reh, sie findet den Anblick eher unheimlich. Sie sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Shelley Duvall und Edward James Olmos – hager, schwarzhaarig, stechender Blick – und sie ist mit ihm liiert, aber nicht verheiratet. Es ist Weihnachten und die beiden erwarten Besuch von den Kindern der Frau aus einer vorigen Ehe. Sie – eine Tochter und ein Sohn, er hat seine neue, glubschäugige Freundin dabei – kommen an, als er gerade das geschossene Reh ausweidet. Es hängt draußen an einem Baum, die Eingeweide platschen in einen Eimer darunter, seine Hände sind blutrot. Seine Kinder stört das alles nicht, nur die Freundin ist sichtlich angeekelt. Als die drei an der Haustür die Mutter treffen, beäugt sie die Freundin mit durchdringendem Blick, als wolle sie sie sofort umbringen. Die Freundin hat Angst.

Das ist der Anfang von BLOODBEAT, eines hochgradig bizarren, hochgradig faszinierenden – ja, was? – Horrorfilm? aus den frühen Achtzigerjahren, der mit Minibudget und Amateurdarstellern auf 35 Millimetern, aber in 4:3 und mit Liveton in Wisconsin, unter anderem im Haus des Regisseurs, gedreht wurde. Für fast alle Beteiligten blieb BLOODBEAT der einzige Credit und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so. Aber es griffe zu kurz, BLOODBEAT als Billigschund abzustempeln, obwohl er das auch ist: Die Darsteller sind annähernd perfekt in ihren Rollen, die unpolierten Settings und die schmucklose Winteratmosphäre verleihen dem Film (zusammen mit dem Score, der wahrlich alle Register zieht) eine einzigartige, eisige, beunruhigende Stimmung, die den rätselhaften Vorgängen in die Karten spielt. Es ist dieser seltene Fall, in dem alle objektiven Mängel zu subjektiven Stärken werden.

Worum es geht, was da passiert, ist schwierig zu beschreiben: Zwischen den beiden Frauen besteht eine Art telepathische Verbindung. Die Mutter wird von Visionen geplagt, die sie in expressiven Gemälden exorziert. Die Bilder wiederum beunruhigen die Freundin, die eines Nachts eine Samuraiausrüstung in einer Kiste findet. Die Mutter ist der festen Überzeugung, die Freundin irgendwoher zu kennen, doch das kann eigentlich nicht sein. Irgendwann beginnt eine unheimliche Präsenz durch die Wälder zu stapfen, Menschen zu beobachten und dann umzubringen. Es handelt sich um einen Samurai, der sich im Finale, das ein bisschen an Cronenbergs SCANNERS erinnert, komplett mit leuchtenden Augen und aus Händen geschossenen Lichtbällen, als die Freundin entpuppt. BLOODBEAT ist langsam und hypnotisch, zeigt immer wieder die verstörten Blicke der beiden Frauen, die ahnungsvoll ins Nichts starren. Der Killer wird mittels Subjektiven ins Bild gerückt, die von seinem Keuchen unterlegt sind. Die Musik pendelt zwischen Synthiegeorgel und Klassik, die auch einen im viktorianischen England angesiedelten Historienfilm untermalen könnte. Am Ende tönt gar Carl Orffs „Carina Burana“. Einmal geht die Freundin mit der ganzen Familie gemeinsam auf die Jagd, und als ihr klar wird, dass die fest entschlossen sind, ein Reh zu erschießen, verscheucht sie das Tier mit einem markerschütternden Schrei und rent panisch davon. Schon die „Normalität“ des Films ist verstörend und unbequem.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, dass BLOODBEAT einfach wäre: Ich habe mehrere Anläufe für ihn gebraucht, man muss für den Film in der Stimmung sein. Es ist der klare Fall eines „Mood-Films“, der einen je nach Stimmung entweder total anödet oder vollends in seinen Bann zieht. Wenn jemand sagte, BLOODBEAT sei amateurhafter Schrott, hätte er damit nicht total Unrecht, auch wenn er den Kern des Films damit nicht trifft. Den Film zeichnet ein total singulärer Blick auf die Welt aus, vergleichbar mit den Filmen von Ed Wood oder Jürgen Enz. Ich habe den Audiokommentar, der auf der BluRay-Veröffentlichung von Vinegar Syndrome enthalten ist, nicht gehört, aber ich habe gelesen, dass man ihm entnehmen kann, dass Regisseur Zaphiratos schon ziemlich genau wusste, was er tat, auch wenn der Film nicht immer diesen Eindruck macht. Vielleicht macht diese wüste Geschichte, die ich nicht wirklich verstanden habe, für ihn total Sinn. Das ist das eigentlich Gruselige, Verstörende daran. BLOODBEAT ist nicht das Ergebnis eines lustigen Wochenendes von Freunden mit einer Kamera (die Dreharbeiten dauerten acht Wochen), es ist eine Überzeugungstat. Freunde des Bizarren müssen BLOODBEAT sehen.

Kommentare
  1. Gmpf, den konnte ich nie sehen, da das Band der Kassette, die ich aus der Videothek gekauft hatte, sofort beim ersten Mal gerissen ist.

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