spider-man: into the spider-verse (bob persichetti/peter ramsey/rodney rothman, usa 2018

Veröffentlicht: August 20, 2019 in Film
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Ich mag Superhelden und ich mag Marvel Comics, das muss ich vielleicht noch mal klarstellen. Es gab mal eine Zeit, zu Beginn der Neunziger, als der heutige Hype zumindest in Deutschland in weiter, weiter Ferne lag, da sammelte ich die US-Heftchen, Trading Cards und Plastikfigürchen, kannte jeden noch so apokryphen Helden samt Fähigkeit und zugehörigem Erzfeind. Und natürlich war das nur die Fortsetzung einer Faszination, die schon in Kindheitstagen begonnen hatte, als die Heftchen noch im Condor Verlag erschienen und „Spider-Man“ noch „Die Spinne“ hieß. Dass die Superhelden nach ein paar miserablen, vielen halbgaren und einigen guten Versuchen endlich zu Protagonisten in großbudgetierten, fett produzierten Eventfilmen wurden, war wie die (für mich zugegebenermaßen etwas zu spät kommende) Erfüllung eines lang gehegten Traums. Der Erfolg der Marvel-Filme, die heute fast keinen Platz mehr für anderes in den Kinos lassen, zeigt, dass dieser Traum von ziemlich vielen Menschen geträumt wurde. Aber für mich blieb bei der Umsetzung etwas auf der Strecke: Die Entfremdung begann mit Joss Whedons THE AVENGERS, dem für mich – bei aller Freude darüber, die Helden in Überlebensgröße vereint auf der Leinwand zu sehen – der Hauch von „auf Nummer sicher“ anhaftete. Dieses Gefühl hat mich seitdem nicht mehr verlassen. So vordergründig „perfekt“ die Filme des sogenannten MCU auch sind, sie begnügen sich irgendwie damit, nichts falsch zu machen. Es gibt kein Risiko, keinen Style, keine Experimente (man komme mir bitte nicht damit, dass in AVENGERS: ENDGAME mehrere der liebgewonnenen Protagonisten sterben, denn auch das ist ja ein gängiger Mechanismus der Comics). Das liegt zum einen gewiss daran, dass verdammt viel Kohle an diesen Filmen hängt und ein Flop ziemlich teuer wäre, zum anderen aber vielleicht auch daran, dass die Kombination von echten Darstellern und aufwändigsten CGI-Effekten im Handling eher nicht die Improvisation, Spontaneität und Experimentierfreude fördert. Nach der Sichtung von SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE jedenfalls frage ich mich, ob wir mit einem animierten MCU nicht deutlich besser bedient wären, denn der Film hat all das, was ich an den Marvel-Verfilmungen vermisse: Style, Mut, Witz, Tempo, Dynamik, irre visuelle Einfälle und schlichte Freude am Erzählen. Das Ding ist eine Offenbarung, nicht nur als Marvel-Film, und für mich das mit weitem Abstand beste, was unter dem Namen des Comic-Verlages bislang das Licht der Leinwände erblickte.

SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE kommt seinen Vorlagen im Look logischerweise viel näher, als es eine Verfilmung je könnte. Er kann sich Abstraktion und Experimentierfreude erlauben und mittendrin auch einfach mal den Animationsstil ändern, ohne dass das einen Bruch gäbe. Er setzt Sprechblasen und Lautmalerei ein, wenn es passt, und sorgt so dafür, dass es immer etwas zu gucken und zu bestaunen gibt. Er setzt die visuelle Gestaltung ganz klar in den Mittelpunkt und verzichtet auf lahmarschige Dialoge, in denen dem Betrachter irgendwelche Zusammenhänge erklärt werden. Er springt mitten ins Geschehen, gibt von Anfang an Vollgas, weil er weiß, dass seine Zuschauer eh mit dem nötigen Hintergrundwissen ausgestattet sind. Er schwingt sich zum wahnwitzigen Finale in psychedelische Höhen empor, die sonst japanischen Anime vorbehalten sind, und erreicht darin eine Bildgewalt, von denen die „Real“-Verfilmungen nur träumen können. Er erlaubt es sich, von den Comics zu abstrahieren und etwas Neues zu versuchen, dem Wesen seines Helden und der Faszination, die Superhelden ausüben, an sich auf die Spur zu gehen, anstatt wieder nur vom langweiligen Kampf gegen einen beliebigen Schurken zu erzählen. Er interessiert sich nicht für ein „Cinematic Universe“, seine Rolle in einem wie auch immer gearteten großen Ganzen, sondern ist in jeder Sekunde ganz bei sich. SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist von einem immensen Selbstbewusstsein geprägt. (Und muss nicht genau das die Herangehensweise an einen Spider-Man-Film sein, in dessen Zentrum immerhin eine der wahrscheinlich populärsten Figuren der Gegenwart steht?) Mehr noch: Der Film macht genau dieses Selbstbewusstsein zum Kern seiner Geschichte.

Hauptfigur von SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist nicht Peter Parker, sondern Miles Morales, ein afro-amerikanischer Teenager, der in den Comics 2011 zum ersten Mal die Rolle Spider-Mans übernahm, nachdem Peter Parker verstorben war. Das geschieht auch hier, als Parker versucht, eine Maschine zu zerstören, mit der Superschurke Wilson Fisk das Raum-Zeit-Kontinuum manipulieren möchte. Der junge Miles, der seine neuen Fähigkeiten eben erst entdeckt hat und mit ihnen noch nicht umzugehen weiß, beobachtet den Tod Spider-Mans und sieht sich nun in der Verantwortung, für Gerechtigkeit zu sorgen. Hilfe bekommt er überraschend von fünf anderen Spider-Men: Fisks Maschine hat nämlich einen Zugang zu verschiedenen Parallel-Universen geschaffen, durch den nun  alternative Versionen des Helden bei Miles auftauchen: ein erwachsener, runtergekommener, dickbäuchiger und depressiver Peter Parker, Spider-Man Noir, ein schwarzweißer Held in Trenchcoat und Fedora, Spider-Girl, hinter der sich Gwen Stacy verbirgt, die den Tod ihres Freundes Peter nicht verhindern konnte, Peni Parker, eine Anime-Figur, die eine Art Spider-Mech namens SP//dr: führt, sowie Spider-Ham, eine Cartoonfigur im Stile der Looney Tunes, die entstand, als eine Spinne von einem radioaktiven Schwein gebissen wurde. Im gemeinsamen Kampf geht es für Miles nicht nur darum, seine Kräfte in den Griff zu bekommen, sondern seinen Helfern auch den Rückweg in ihre Dimensionen zu öffnen.

Die Idee mit den Paralleluniversen bringt jede Menge frischen Wind in die sattsam bekannte, durch die Reboots der letzten Jahre zudem reichlich durchgenudelte Geschichte um den Schüler, der von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen wurde. Wann immer der Film in die Situation kommt, diese Origin-Story noch einmal zu erzählen, macht er sich sogar einen Spaß daraus, dass diese nun wirklich jedes Kind bereits auswendig kennt. Dazu liefert Fisks Erfindung mit den folgenden Störungen des Raum-Zeit-Kontinuums den Zeichnern und Animationskünstlern jede Menge Gelegenheit, freizudrehen, einen visuellen Farboverkill über dem Zuschauer auszuschütten und technisch wie erzählerisch aus dem Vollen zu schöpfen. Die Idee mit den verschiedenen Inkarnationen des Helden sorgt oberflächlich für zusätzlichen Witz, hebt die Geschichte aber auch auf eine höhere, selbstreferenzielle Ebene und unterstreicht die schöne Botschaft: Jeder kann ein Held sein, egal welche Gestalt er hat. Es tut dem Film ungemein gut, dass er ganz für sich allein stehen darf, er nicht mir der Bürde belastet ist, Baustein in einem sich über mehrere Jahre und Dutzende Filme erstreckenden narrativen Gesamtkonzept zu sein. INTO THE SPIDER-VERSE hat damit genau das, was seinen großen Kollegen fast gänzlich abgeht: Freiheit, Leichtigkeit, Flüchtigkeit, Lockerheit, Entspanntheit. Er zahlt dem Zuschauer das mit einer atemberaubenden, farbenfrohen visuellen Gestaltung zurück, aber er ergeht sich auch nicht in der bloßen Form: SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist der bislang erste Marvel-Film, der mich wirklich berührt hat. Bitte, bitte mehr davon.

 

 

 

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