die tote von beverly hills (michael pfleghar, deutschland 1964)

Veröffentlicht: September 15, 2019 in Film
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Der deutsche Film ist spießig und langweilig. Deutsches Kino ist entweder Beziehungskomödie oder Problemfilm. Früher gab es in Deutschland nur Heimat- und Schlagerfilme, Winnetou oder Edgar Wallace. Der deutsche Film war erst durch die Bemühungen des Neuen deutschen Films in den Siebzigerjahren wieder ernstzunehmen (aber die damals entstandene Filme will man heute eigentlich auch nicht mehr sehen). Wenn deutsche Filme kommerziell erfolgreich waren, waren (sind) sie meistens Schrott.

Ich habe hier schon einige Mal versucht, diese Vorurteile zu entkräften. Die Freunde vom Hofbauer Kommando tun dies noch viel länger und in der Öffentlichkeit schlägt etwa Filmliebhaber und Kinofan Dominik Graf die Schlacht – von der breiten Masse ebenso erwartbar wie bedauerlicherweise natürlich weitestgehend ungehört. Es ist fraglich, ob sich an dem miserablen Ruf, den der deutsche Film im eigenen Land genießt, irgendwann mal etwas ändern wird. International ist er ja längst bedeutungslos, darüber sollten vereinzelte Oscar-Nominierungen unddie ohne Zweifel begabten Regisseure und Regisseurinnen, die es ja gibt, nicht hinwegtäuschen. Und wenn man sich anschaut, wie mit dem eigenen Filmerbe umgegangen wird, muss man sich keine Illusionen machen. Aber das hätte so alles nicht kommen müssen.

Dieser Tage ist DIE TOTE VON BEVERLY HILLS auf DVD veröffentlicht worden. Ein Film, der nicht nur völlig vergessen und lange Zeit nicht verfügbar war, sondern der auch mal weder von einem Paralleluniversum träumen lässt, in dem alles anders gelaufen ist. In dem all diese vergessenen und vernachlässigten Preziosen vom Feuilleton verdientermaßen gepriesen und die Kinosäle in Folge von den Zuschauermassen gestürmt worden wären. In dem ihr Erfolg zu einer Renaissance eines gleichermaßen kommerziell erfolgreichen wie künstlerisch anspruchsvollen deutschen Films geführt hätte. In dem DIE TOTE VON BEVERLY HILLS zu einem geliebten und respektierten Klassiker gereift wäre, der noch heute regelmäßige TV-Ausstrahlungen erführe und längst in einer edlen Bluray-Edition vorläge – und eben nicht via DVD bei einem Kleinstlabel erscheinen müsste, in kleiner Auflage für eine überschaubare Zahl von Menschen, die denselben Traum träumen wie ich hier. (Womit ich selbstverständlich nichts gegen die erstklassige Arbeit der Leute von M Square Classics gesagt haben möchte: Die DVD gehört in jeden Schrank.)

Michael Pfleghars Debüt-Kinofilm (er war bereits seit Mitte der Fünfzigerjahre fleißig für Fernsehen tätig gewesen) ist nicht nur ein kreativer Springbrunnen, sondern auch das Ergebnis eines unternehmerischen wie filmkünstlerischen Wagemuts, der heute nahezu völlig ausgestorben ist: Die Adaption eines Romans von Curt Goetz, den dieser während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil geschrieben hatte, wurde ohne jede Drehgenehmigung im Guerilla-Verfahren in Los Angeles und Las Vegas gedreht, weil das Budget ansonsten explodiert wäre. DIE TOTE VON BEVERLY HILLS profitiert immens von der Eile, die wahrscheinlich geboten war, und der damit einhergehenden Notwendigkeit für Improvisation. Der ganze Film wirkt aber niemals gehetzt, sondern im Gegenteil wunderbar entspannt, geradezu wie lässig aus dem Ärmel geschüttelt – nicht unbedingt eine Eigenschaft, die einem zum Schlagwort „deutscher Film“ als erstes einfällt. Aber da sieht man mal wieder, was „deutscher Film“ eben auch ist bzw. sein kann bzw. sein konnte: eine frech-frivole Krimi- und ja, auch Beziehungskomödie mit selbstreflexiv-avantgardistischen Untertönen, die das Bedürfnis nach kurzweiliger Zerstreuung eines Massenpublikums ebenso bediente wie den Cinephilen, der sich fragen mochte, ob so jemand wie Godard wohl auch zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen leben könnte.

DIE TOTE VON BEVERLY HILLS erzählt von den Ermittlungen in einem Mordfall, mehr aber noch von der Geschichte des Opfers: Der etwas versnobte C. G. (Klausjürgen Wussow) entdeckt in den Hollywood Hills die Leiche der jungen Lu Sostlov (Heidelinde Weis) und meldet seinen Fund bei der Polizei. Der Detektiv Ben (Wolfgang Neuss), der aus einem Rohbau heraus arbeitet, nimmt C. G. an seine Seite und gibt ihm das Tagebuch der Toten, das Aufschluss über ihre Vergangenheit gibt. Lu war noch minderjährig und hatte offensichtlich Spaß daran, Männern den Kopf zu verdrehen: Wahrscheinlich ist der Mörder unter ihren Liebhabern zu suchen. Und einer von denen war C. G.: Die Beweislast ist geradezu erdrückend, aber Detektiv Ben hat keine Eile.

Pfleghar springt zwischen der in Schwarzweiß gehaltenen filmischen Gegenwart, die sich mit den Ermittlungen von Ben und C. G. auseinandersetzt, und den Rückblenden in Lus ebenso bunte und ereignisreiche wie frivole Vergangenheit hin und her. Ob DIE TOTE VON BEVERLY HILLS tatsächlich der erste deutsche Film war, der dieses Spiel mit den Formaten wagte, wie Hauptdarstellerin Heidelinde Weis im Bonusmaterial behauptet, weiß ich nicht, aber es scheint nicht unwahrscheinlich. Noch beeindruckender als dieser Wechsel ist in jedem Fall der Stil- und Gestaltungswille der hier zum Ausdruck kommt. Da gibt es einen Lohengrin-Darsteller (Peter Schütte), der seinen Flügelhelm auch privat trägt; einen Sheriff, der immer mit dem Pferd angeritten kommt; ein ungleiches Tennis-Match zwischen den Geschlechtern; eine archäologische Ausgrabung in der Wüste von Nevada; eine Cocktailparty, bei der die Drinks von den voll bekleideten Gästen im Wasser eingenommen werden; einen Untersuchungsrichter (Horst Frank), der aus unerwiderter Liebe zum gescheiterten Künstler wird; eine Las-Vegas-Nummer mit den Kessler-Zwillingen und einem Bodybuilder, schließlich den alles wissenden Ben, den fleischgewordenen Verkünder des Plottwists. Aber alles wird überstrahlt von der wunderschönen Heidelinde Weis, die hier fast als rechtmäßige deutschsprachige Erbin Elizabeth Taylors durchgeht, von einem atemberaubenden Kostüm ins nächste hüpft und als „unschuldiges“ Mädchen genauso verführerisch aussieht wie als vornehme Society-Dame. Sie ist gewissermaßen das Sahnehäubchen auf diesem visuellen Augenschmaus, der seine Unverkrampftheit eben nicht nur der Tatsache verdankt, dass er sich seines Themas ohne jede Prüderie annimmt, in der Darstellung weiblicher Autonomie seiner Zeit vielmehr weit voraus ist, sondern auch, weil er sich nicht groß um seine Rezeption zu scheren scheint. DIE TOTE VON BEVERLY HILLS ist der Film eines Regisseurs, der in jeder Sekunde bei seinem Werk war, offensichtlich geradezu berauscht von der Idee eines Films, der in keinerlei kommerzielle oder gesellschaftspolitische Zwänge eingebunden ist. Dass das Ergebnis trotzdem geradezu unverschämt unterhaltsam, witzig und geistreich geworden ist, spricht sehr für Pfleghar.

 

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