us (jordan peele, usa 2019)

Veröffentlicht: September 19, 2019 in Film
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Mit GET OUT widmete sich Regisseur Jordan Peele noch ziemlich explizit der Frage, inwiefern die alten Strukturen der Sklaverei in den zwischenmenschlichen Beziehungen von Weißen und Schwarzen auch heute noch in den USA lebendig sind, und schuf daraus einen schwarzhumorigen (no pun intended) Horrorfilm, der auch gut als Beitrag zur klassischen TWILIGHT ZONE-Serie durchgegangen wäre. Auch in US verbindet Peele gesellschaftskritische mit satirischen Tönen in einer diesmal allerdings komplexeren und in der Ausführung nicht mehr ganz so zwingenden Versuchsanordnung.

Als Kind wurde Adelaide (Lupita Nyong’o) schwer traumatisiert: Bei einem Kirmesbesuch stahl sie sich von ihren Eltern davon und landete in einem Spiegelkabinett, in dem sie zu ihrem Schrecken ihrem gespuckten Ebenbild begegnete. Jahrzehnte später ist sie mit Gabe (Winston Duke) verheiratet und Mutter von Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex). Im gemeinsamen Urlaub wird die Familie abends plötzlich von Doppelgängern überfallen. Mit Gewalt gelingt ihnen die Flucht, aber sie müssen feststellen, dass ihnen dieses Schicksal nicht als einziges widerfahren ist: Das ganze Land wird von Doppelgängern überrannt, die bestrebt sind, den Platz der „Originale“ zu übernehmen.

Wie schon in GET OUT zeigt Peele große Meisterschaft in der minutiösen visuellen Gestaltung seines Films. Da wird nichts dem Zufall überlassen und eine erstaunlicher Spagat bewerkstelligt: So aufgeräumt und clean die Kompositionen auch anmuten, bei genauerem Hinsehen sind sie mit kleinen Details, Hinweisen und Zitaten geradezu überhäuft. Das beginnt schon während der Exposition, die das traumatische Ereignis aus Adelaide Kindheit bebildert und ein Thriller-T-Shirt als wichtige Requisite verwendet. In der Titlesequenz wird man mit dem Bild einer Wand von Kaninchenkäfigen konfrontiert, dessen Bedeutung erst eine gute Stunde später aufgelöst wird. Spielbergs JAWS wird gleich doppelt zitiert, einmal auf einem T-Shirt, das Sohnemann Jason trägt, dann in einer dem Vorbild nachempfundenen Szene am Strand. Es ist auch bestimmt kein Zufall, dass jemand dieses Namens ständig eine Maske mit sich herumträgt, genauso wenig wie die Präsenz eines C.H.U.D.-VHS-Tapes in einem Regal: US spiegelt das Untergrund-Thema des liebenswerten Eighties-Kulthorrorfilms. Das Slant Magazine weist in seiner Rezension außerdem auf eine Reminiszenz an Philipp Noyce‘ Thriller DEAD CALM hin, die ich leider nicht verifizieren kann. Das Spiel mit popkulturellen Versatzstücken setzt sich auch auf dem Soundtrack fort, auf dem der Song „I got 5 on it“ der Bay-Area-Rapper Luniz eine wichtige Doppelrolle zukommt. Einen eher humorvollen Einsatz erhalten hingegen die Rap-Revoluzzer von N.W.A., deren Skandalsong „Fuck the Police“ gespielt wird, weil ein Alexa-artiges Gadget die Aufforderung von Nachbarin Kitty (Elisabeth Moss) falsch versteht: Die will nämlich eigentlich einen Notruf absetzen.

US ist am stärksten, wenn er sich auf die subkutane Wirkung seiner Inszenierung und Bilder verlässt: die kleine Adelaide, die auf der Kirmes von Eindrücken bestürmt wird; die Mutter, die sich im Urlaub einfach nicht entspannen kann, weil sie spürt, dass da etwas nicht stimmt; die vier reglosen Schatten in der Einfahrt; sinnlose Morde von aus dem Nichts auftauchenden Doppelgängern. Peeles Film ist nicht arm an unheimlichen und spannenden Bildern und der Regisseur versteht es ohne Frage, eine Atmosphäre trügerischer Ruhe aufzubauen, diese dann mit Details zu durchkreuzen, die nur ein kleines, aber entscheidendes Bisschen neben der Spur liegen, schließlich die Katastrophe einbrechen zu lassen. Aber das reicht ihm eben nicht, er möchte dem Betrachter mehr mitteilen. Und hier gerät US dann ins Stocken, weil der Film überfrachtet wirkt und vor lauter Gesellschaftskritik und cleverer Zitate sowohl die Stringenz als auch die emotionale Resonanz vernachlässigt. Am Ende schien mir der Film zu aufgeblasen oder wenigstens zu umständlich für das, was er zu sagen hat. Vielleicht habe ich ihn auch nicht verstanden, was aber letztlich auf dasselbe hinausläuft.

US überführt die fraglos brandaktuelle Kritik an der Ausbeutung der Dritten durch die Erste Welt (oder, weniger geopolitisch ausgedrückt, der Unterprivilegierten durch den saturierten Mittelstand und die Oberklasse) in eine griffige Parabel: Die Doppelgänger sind geknechtete Wesen, die es satt haben, in ihrem unterirdischen Kerkersystem zu hausen, und etwas vom Wohlstand ihrer Zwillinge da oben abhaben wollen. Dass es unsere Ebenbilder sind, die uns zu Leibe rücken, soll wohl verdeutlichen, dass „wir“ uns von „denen“ nicht unterscheiden, aber trotzdem wirkt die Metapher schrecklich überstrapaziert. Hinzukommt, dass viel Potenzial fahrlässig verschenkt wird: Der Mord an ihren Ebenbildern fällt den Protagonisten erschreckend leicht, eigentlich spielt es gar keine Rolle, dass ihre Todfeinde dieselben Gesichter wie sie tragen. Auch zu der Erkenntnis, die etwa am Ende eines Selbstjustizfilms wie Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT steht, nämlich dass „wir“ eigentlich deutlich grausamer als die vermeintlichen Eindringlinge sind, kommt Peele nicht. Ähnliches gilt für den „Twist“ am Ende: Er ist toll (da widerspreche ich vielen meiner Kollegen), aber Peele weiß nichts mit seinen Implikationen anzufangen. Er wirft viele Ansätze und Interpretationsmöglichkeiten in den Raum, ohne sie zu letzter Konsequenz auszuformulieren. US fehlt auf erzählerisch-konzeptioneller Ebene der Feinschliff, den Peele ihm auf formaler Ebene ohne Zweifel zukommen ließ.

 

 

 

 

 

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