honeymoon (leigh janiak, usa 2014)

Veröffentlicht: Oktober 3, 2019 in Film
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Kann man seinen Partner – oder generell einen nahestehenden Menschen – wirklich kennen? Was, wenn er sich plötzlich, im Moment der größten Intimität, als Fremder herausstellt, als Feind gar? Diese Frage stellt Leigh Janiak im kleinen, aber feinen HONEYMOON, der sich gleich mehreren Horror-Subgenres zuordnen ließe, vielleicht aber auch einfach nur eine Parabel auf die plötzliche, unvermittelte Entfremdung zweier Menschen ist, die sich nur wenige Stunden zuvor noch die ewige Treue geschworen haben.

Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) haben eben geheiratet und befinden sich auf dem Weg in die Flitterwochen, die sie in einem Blockhaus in Kanada verbringen, das ihren Eltern gehört und in dem sie Teile ihrer Kindheit verbracht hat. Die beiden sind über beide Ohren ineinander verknallt, was man an ihren kleinen Neckereien, ihren dauernden Flirts und dem Blitzen in den Augen erkennt, wenn sie sich anschauen. Beide können es kaum erwarten, sich die Kleider vom Leib zu reißen und dass es am Ort ihres gemeinsamen Urlaubs wirklich fast gar nichts zu tun gibt, was sie voneinander ablenken könnte, stört sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Aber wer einmal in einer mehrjährigen Beziehung gelebt hat (oder dies immer noch tut), der weiß auch, dass diese Zeit, in der der Himmel voller Geigen hängt und einem alles, wirklich alles am Partner als anbetungswürdig erscheint, irgendwann vorbei ist. Und dann gilt es zu akzeptieren, dass die beschlossene und proklamierte Einheit nur ein Kompromiss und ein Bild ist. Bea und vor allem Paul lernen diese Lektion auf die denkbar härteste Art und Weise.

Erste Anzeichen für eine Kluft zwischen ihnen gibt es schon nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht als Ehepaar. Sein achtlos hingeworfener Scherz, sie möge „ihre Gebärmutter ausruhen“, stößt bei ihr auf deutliche Irritationen. Will er etwa ein Kind von ihr? Seine Entschuldigung, er habe nur einen Scherz darüber machen wollen, „wie hart er sie gefickt habe“, zerstreut zwar ihre Befürchtungen, legt aber auch eine grundlegende Unsicherheit Pauls in Hinblick auf seine Männlichkeit und seine Fähigkeit, Bea an sich zu binden, frei. Später löst der Besuch in einem kleinen Restaurant, das zu Beas Überraschung von einer alten Jugendliebe von ihr betreut wird, weitere Unsicherheit bei Paul aus. Dieser Konflikt zwischen der ein gewisses Maß an Unabhängigkeit beanspruchenden Bea und dem totale Hingabe fordernden, eifersüchtigen Paul bestimmt HONEYMOON schon lange, bevor der Film eine bizarre Wendung zum Übernatürlichen nimmt: Als Paul das nächtliche Bett neben sich leer und Bea daraufhin verstört und nackt im Wald findet, gehen die echten Probleme los. Am nächsten Morgen weiß Bea nicht mehr, wie man Kaffee zubereitet, rätselhafte Wunden zeigen sich an der Innenseite ihrer Oberschenkel, er beobachtet sie dabei, wie sie vor dem Spiegel Ausreden einstudiert, um keinen Sex mit ihm haben zu müssen, und die Notizen in ihrem Tagebuch scheinen den Zweck zu verfolgen, sie daran zu erinnern, wer sie eigentlich ist. Als der Versöhnungssex auf dem Gipfel von Pauls Verunsicherung über seine Frau und ihre Ehe zu heftigen Blutungen bei ihr führt, reißt ihm der Geduldsfaden. Aber da ist es eigentlich schon zu spät für ihn.

Im letzten Drittel verwandelt sich das Junge-Ehe-Drama in einen waschechten Horrorfilm, der Elemente von Paranoiafilm, Körperfresser-Science-Fiction und Male Angst unter Einbeziehung garstiger Body-Horror-Szenen miteinander verbindet, ohne eine einfache, psychologische Ausdeutung der Vorgänge jedoch gänzlich zu verwerfen. Auch wenn da am Ende schattenhafte Wesen hinter der Wandlung der Frauen zu männermordenden Bestien stecken, geht es doch eigentlich um die Spannungen zwischen Mann und Frau, um das Unbehagen oder besser die Unsicherheit, die die Emanzipation der Frauen bei manchen Männern ausgelöst hat, um ihre Schwierigkeiten, ihre Rolle in der Partnerschaft neu zu definieren. Hinzu kommen natürlich auch ein paar klischierte Ängste vor der Frau, dem viel zitierten „unbekannten Wesen“, den Abgründen ihrer rätselhaften Psyche und der Tiefe ihres Geschlechtsteils. Es gibt etwa eine ziemlich eklige „Geburtsszene“, die in einem Film dieser Art kaum fehlen darf. Aber HONEYMOON bedient und unterwandert seine Klischees gleichermaßen. Rose Leslie ist als Bea sowohl feen- bzw. elfengleiches Geschöpf, blass, fragil und schutzbedürftig einerseits, dann aber auch wieder von einer Kraft und Entschlossenheit, neben der Harry Treadaway als Paul zwangsläufig wie ein ahnungsloser Waschlappen wirken muss, selbst wenn er als derjenige gezeigt wird, der den Überblick und die Kontrolle hat.

Das Ende ist nicht hunderprozentig zufriedenstellend, aber davon abgesehen stellt HONEYMOON eine schöne, intelligente, eindringliche Variante eines bekannten Topos dar. Empfehlenswert.

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