mission: impossible – fallout (christopher mcquarrie, usa/china/frankreich/norwegen/großbritannien 2018)

Veröffentlicht: Oktober 17, 2019 in Film
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In den 23 Jahren, die seit Brian De Palmas erstem Teil vergangen sind, hat es diese Reihe nun also mittlerweile auf fünf Sequels gebracht – und dabei ihre ganz eigene Stilistik geprägt. Vielleicht erinnere ich das falsch, aber MISSION: IMPOSSIBLE war ja damals – mit Ausnahme des Tunnelfinales – eher down to earth, weniger an absurden Actionsequenzen interessiert als am Thrill, den die heute ikonische Heist-Szene mit dem am Seil hängenden Ethan Hunt idealtypisch repräsentierte. Est mit der Verpflichtung des damals super-angesagten John Woo für Teil zwei wurde ein deutliches Bekenntnis zu bildstürmerischer Action abgegeben und spätestens seit Teil vier steht das Franchise vor allem für haarsträubende, spektakuläre Stunts, bei denen sich Hauptdarsteller Tom Cruise enormen Gefahren aussetzt, und den Puls nach oben treibende Actionsequenzen. Diese Ausrichtung hat dazu geführt, dass jeder neue Teil sich zwar damit rühmen darf, einen neuen Standard in Sachen Machbarkeit zu schaffen, aber auch, dass alles andere demgegenüber in den Hintergrund tritt. Ich weiß noch, dass ich den vorangegangenen Teil, MISSION: IMPOSSIBLE – ROGUE NATION sehr gut fand, aber darüber hinaus kann ich mich an fast nichts mehr erinnern. Spontan würde ich behaupten, dass der erneut von McQuarrie inszenierte sechste Teil den Höhepunkt der Reihe bildet (vielleicht neben MISSION: IMPOSSIBLE III, aber den müsste ich erst mal wieder auffrischen), aber ich halte es nicht für unmöglich, dass ich 2021, wenn die nächste Fortsetzung ansteht, erneut Mühe habe, mich an Details zu erinnern.

Aber das ist eigentlich völlig okay. Schon die Serie war nicht für bahnbrechende Substanz berühmt, sondern in erster Linie für die Titelmelodie von Lalo Schifrin, die immer wiederkehrenden Demaskierungen und technische Gimmicks. Die Kinofilme sind nur die konsequente Fortführung auf höchstem produktionstechnischen Niveau: Es geht in ihnen nicht um Inhalte oder darum, kritische Aussagen zur internationalen Diplomatie oder zum Handeln der Geheimdienste zu treffen – mit dem Spionagethriller der Siebzigerjahre hat dieses Franchise nur oberflächlich zu tun, deutlich mehr verbindet sie mit den Filmen um den Superagenten James Bond. Es hat sich auf den spielerischen Umgang mit der Form spezialisiert, grift dafür auf die seit Jahrzehnten etablierten Motive und Mechanismen des Agentenfilms zurück, weil sie eine schöne Basis für die Vexierspiele, Verführungen, Täuschungs-, Ablenkungs- und Überrumpelungsmanöver darstellen, aus denen sie sich zusammensetzen. Ob es wirklich noch einen Sinn ergibt, wer da wen hintergeht und warum, ist von völlig untergeordneter Bedeutung: Es geht dabei vor allem darum, alles ständig in Bewegung zu halten, Sicherheit und Gewissheit zu minimieren und damit die erzählerische Grundlage dafür zu schaffen, dass hier zu jeder Zeit alles möglich ist. Damit korrespondiert auch die Zeichnung des Protagonisten Ethan Hunt (Tom Cruise): Der trug schon in John Woos erster Fortsetzung deutlich messianische Züge, die seitdem aber noch stärker akzentuiert wurden. In MISSION: IMPOSSIBLE III stellte man ihm noch eine Ehefrau (Michelle Monaghan) zur Seite, die er dann retten musste, in FALLOUT dient sie – mittlerweile von ihm getrennt – vor allem dazu, seine Zeichnung als übermenschlicher Retter zu stärken, der für eine Beziehung nicht geeignet ist, weil es ihn von seiner Hauptaufgabe, als Schutzengel über die Menschen zu wachen, abhielte. Die Aufgaben, die er im aktuellen Film zu bewältigen hat, sind unlösbar und dass er trotzdem aus jeder Zwickmühle herausfindet, jeden Sturz oder Kampf überlebt und das Unmögliche möglich macht, wäre eigentlich zum Totlachen, wenn ein anderer als Cruise ihn spielen würde.

Man muss das so deutlich sagen: Ohne Tom Cruise würde das ganze Franchise nicht funktionieren. Es gibt keinen Schauspieler, der diese Rolle übernehmen könnte, ohne dass die um sie herum konstruierten Filme etwas vollständig anderes werden müssten. Cruise ist nicht nur exakt der überlebensgroße Superstar, den es braucht, um die unermüdlich aneinandergereihten Absurditäten halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen (man stelle sich mal andere Actionstars in dieser Rolle vor: Es geht nicht.), mit seiner an Todessehnsucht grenzenden Tollkühnheit treibt er die Reihe auch immer wieder zu jenen neuen Höhepunkten, die mittlerweile ihr Markenzeichen geworden sind. Zugegeben, ein Highlight wie die Burj-Khalifa-Sequenz aus GHOST PROTOCOL ist hier nicht dabei, aber dafür legt FALLOUT ein insgesamt halsbrecherisches Tempo vor. Das Spektrum reicht von erbittert geführten, ruppigen Keilereien über Verfolgungsjagden mit dem Wagen, dem Motorrad, zu Fuß und per Helikopter, Klettereien in schwindelerregender Höhe, Fallschirmsprünge durch Gewitterwolken und natürlich präzisen Shootouts. Im Finale gilt es nicht eine, sondern gleich zwei Atombomben zu entschärfen, wozu Hunt eine Fernsteuerung in seinen Besitz bringen muss, mit der der schurkische August Walker (Henry Cavill) im Hubschrauber davonfliegt. Für das Happy End muss er also den Hubschrauber erreichen, Walker bezwingen und ihm den Zünder abnehmen, während seine Partner Luther (Ving Rhames), Benji (Simon Pegg) und Ilsa (Rebecca Ferguson) zur gleichen Zeit nicht nur die Bomben finden, Feinde bezwingen und die richtigen Kabel durchknipsen müssen. Wenn FALLOUT zu Ende ist, ist man reif für einen Beruhigungstee. Doch die beste Sequenz ist eine andere für mich: Hunt muss den zu Fuß entkommenden Walker einholen, wobei ihm aber der kürzeste Weg versperrt wird. Der Weg, den er wie ein Irrer rennend zurücklegt, führt ihn daher über zahlreiche Umwege über Dächer, durch Großraumbüros und die obligatorische Fensterscheibe. Hier werden dann am ehesten Erinnerungen an die alten Kracher eines Jean-Paul Belmondo wach (der Schauplatz Paris tut sein Übriges), doch trotz der offenkundigen Reminiszenz schafft McQuarrie es, diese ganze Sequenz frisch, modern und innovativ erscheinen zu lassen, eben so, wie es sich für die Reihe gehört.

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT wird dem hart erarbeiteten Ruf des Franchises (ich weiß, der Begriff ist furchtbar) mehr als gerecht, stellt ein gut zweistündiges Bombardement an Edge-of-your-Seat-Sequenzen, physischem Actionkino und erzählerischen Winkelzügen dar, das in jeder Sekunde spielerisch-leicht und enorm sexy daherkommt. Gerne mehr davon!

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