non-stop (jaume collet-serra, großbritannien/usa/frankreich/kanada 2014)

Veröffentlicht: Oktober 18, 2019 in Film
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Vier Filme hat Jaume Collet-Serra innerhalb von sieben Jahren mit Liam Neeson gemacht, der einen verlängerten zweiten Frühling als Actionstar erlebt, seitdem er 2008 mit dem Überraschungserfolg TAKEN punktete. Ich habe diese Filme noch nicht alle gesehen, aber ein Blick auf ihre Inhaltsangaben bei IMDb legt nahe, dass die Besetzung der Hauptrolle nicht ihre einzige Gemeinsamkeit ist: In UNKNOWN spielt Neeson einen Mann, der aus dem Koma erwacht, und feststellen muss, dass jemand seine Identität angenommen hat. In RUN ALL NIGHT ist er ein Profikiller, der sich innerhalb einer Nacht überlegen muss, auf welcher Seite er steht. In THE COMMUTER spielt er einen Ex-Cop und soeben gefeuerten Versicherungsmakler, der im Zug nach Hause von einer Fremden beauftragt wird, einen Mann an Bord ausfindig zu machen. Und in NON-STOP, um den es hier geht, spielt er den alkoholkranken Air Marshal Bill Marks, der in der Enge eines Flugzeugs von einem Terroristen in ein böses Spielchen verstrickt wird. Alle Filme etablieren Neeson als in die Enge getriebenen Mann, der in auswegloser Situation auf die Probe gestellt wird und sich dabei noch nicht einmal zu hundert Prozent auf sich selbst verlassen kann, und sie spielen zudem auf begrenztem Raum und innerhalb eines eng gefassten Zeitraums. (Collet-Serras Blake-Lively-gegen-den-Hai-Film THE SHALLOWS fußt auf einem ganz ähnlichen Prinzip.)

Ein bisschen erinnert NON-STOP an die High-Concept-Actionfilme, die im Zuge des Erfolgs von DIE HARD in die Kinos kamen und dessen Grundkonstellation dann lediglich mit verschieden besetzten Variablen erneuerten. Während das DIE HARD-Sequel das Nakatomi-Hochhaus durch einen Flughafen ersetzte, schickte die kurzlebige UNDER SIEGE-Reihe ihren Helden Steven Seagal erst auf ein Kriegsschiff und dann in einen Zug, SPEED spielte wiederum erst an Bord eines Zuges, dann eines Luxusliners. Aber NON-STOP ist eigentlich kein Actionfilm, er spielt eher mit den Elementen des Thrillers. Bill Marks wird von Anfang an als zerrissener Held gezeichnet, der sich in seinem Job, in dem er für die Sicherheit hunderter Zivilpersonen verantwortlich ist, kaum noch wohlfühlt. Der Start eines Flugzeugs – sein Arbeitsplatz – bereitet ihm panische Angst, er leidet unter Selbstvorwürfen, seitdem seine Tochter verstarb, sein Alkoholismus tut sein Übriges. Als er Nachrichten eines möglichen Verbrechers erhält, der mit der Ermordung Unschuldiger droht, sollten ihm nicht 150 Millionen Dollar überwiesen werden, und sich auf die Suche begibt, gerät er bald selbst in Verdacht: Denn der Täter weiß genau, wen er sich da für sein ausgeklügeltes Spielchen ausgesucht hat. Es dauert nicht lange, da hat Marks nicht nur einen gefährlichen Killer gegen sich, sondern auch die Passagiere, die Crew und seine Vorgesetzten, die alle der Meinung sind, es mit einem durchgebrannten Psychopathen zu tun zu haben. Und es kostet Marks alle Anstrengung, nicht selbst den Glauben an sich zu verlieren.

Collet-Serra holt aus der Hitchock’schen Prämisse das Optimum raus: Das Script ist packend, vollgestopft mit falschen Fährten, gut getimten Überraschungen, Twists und Zuspitzungen, Neeson perfekt als geprügelter, aber ehrlicher und verlässlicher Hund, der auch kraftvoll zubeißen kann, wenn es nötig ist, der begrenzte Raum wird perfekt genutzt. Es ist enorm viel Bewegung drin, ob das nun daran liegt, dass Marks unentwegt zwischen Cockpit, Toilette, Stewardessen-Kabuff und den beiden getrennten Passagierräumen hin und her hetzt oder weil DoP Flavio Labiano, die Kamera elegant herumwirbelt. Auch die bei THE SHALLOWS noch etwas selbstzweckhafte und aufgesetzt wirkende Masche mit den eingeblendeten Textnachrichten fügt sich hier optisch ins Bild – und macht auch erzählerisch Sinn. NON-STOP verbindet klassisches, elegantes Filmmaking mit frischen Ideen, wie man es heute nicht mehr allzu oft bekommt, und stellt so eine schöne Ausnahme auf einem Markt dar, der heute überwiegend aus marktschreierisch beworbenen und mit CGI überfrachteten „Tentpoles“ besteht. Collet-Serras Film dürfte eigentlich gar nicht gemacht worden sein – in den Neunzigern wurde ganz ähnlicher Stoff direkt auf Video verwurstet -, umso erfreulicher, dass er bei einem lachhaften Budget von „nur“ 50 Millionen Dollar weltweit einen durchaus beachtlichen Gewinn einspielte; ganz ohne sexy Hauptdarsteller, hitlastigen Soundtrack, Spielzeug-Tie-in oder fette Marketing-Kampagne im Rücken. Es geht also noch. Den Erbsenzählern sei gesagt, dass man durchaus ein Haar in der Suppe finden kann, wenn man unbedingt danach suchen möchte: Die Geschichte ist natürlich krass konstruiert, mit den immer zu erwartenden Plot- und Logiklöchern und Schurken, die immer genauso intelligent oder dämlich sind, wie es die jeweilige Situation gerade verlangt. Auch die Auflösung bzw. ihre Motivation erscheint mir als kleiner Let-down, aber das liegt vielleicht auch an mir: Schließlich gibt es ja auch Menschen, die Flüchtlingsheime anzünden oder Synagogen überfallen, weil sie sich von diesem in ihrem Deutschsein gestört fühlen – und warum sollte ein Filmschurke klüger sein als irgendein real existierender Neonazi?

 

 

 

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