the commuter (jaume collet-serra, frankreich/usa 2018)

Veröffentlicht: Oktober 19, 2019 in Film
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Ist nicht schon das brave Meistern des alltäglichen Wahnsinns eine Heldentat, die viel zu wenig gewürdigt wird? Die tolle Eingangssequenz scheint das anzudeuten: In kurzen, sich schnell abwechselnden Szenen zeigt Jaume Collet-Serra, das morgendliche Micromanagement der dreiköpfigen Familie MacCauley, das tägliche Ritual zwischen Aufstehen, Fertigmachen, Frühstücken und eben dem Zur-Arbeit-Fahren. Jeder Morgen scheint gleich, bringt aber doch immer wieder neue Aufgaben, die sich zurzeit vor allem um die Collegepläne des Sohnes drehen. Er endet mit Michaels (Liam Neeson) Einstieg in den Zug, der ihn zu seiner Arbeit nach New York bringt. Der Ex-Cop ist dort als Versicherungsmakler tätig, arbeitet hart daran, die Familie aus den Schulden zu bringen. Tag für Tag trifft er im Zug dieselben Leute: Es ist eine Gemeinschaft der Halbbekannten: Man sieht sich jeden Morgen, weiß ein paar Details über das Leben des anderen, die man während des Transfers im freundlichen Smalltalk aufgeschnappt hat, doch wenn die jeweilige Haltestelle erreicht ist, geht jeder wieder seinen eigenen Weg, jeden morgen, jahrelang, bis man sich dann abends wiedersieht. Vorausgesetzt, man wird nicht sang und klanglos gefeuert, wie es Michael passiert. Der 60-Jährige hat zwar gute Arbeit geleistet, aber er ist schlicht zu teuer, statt einer Abfindung gibt es eine kostenlosen Krankenversicherung und die üblichen Floskeln des Bedauerns. Der Familienvater ist am Boden zerstört, nicht in der Lage, die schlechte Nachricht seiner Frau zu überbringen. Und vor ihm liegt die lange Rückfahrt – auf der sich eine überraschende Lösung für seine Probleme anbietet.

THE COMMUTER ist, wie ich schon in meinem Text zu NON-STOP andeutete, eine Variation von dessen Grundkonstellation: ein kriselnder Held, begrenzter Raum, begrenzte Zeit, eine Aufgabe, die ihm alles abverlangt, ein unbekannter, anscheinend allwissender Feind mit einem genialen Plan, der darauf hinausläuft, dass MacCauley am Ende als Mörder dasteht. „Was für ein Typ sind sie?“, fragt ihn die attraktive Passagierin Joanna (Vera Farmiga), die sich ihm gegenüber als Psychologin ausgibt. SIe weiß genau, in welcher Lage er sich befindet und dass er das Angebot von 100.000 Dollar nicht ablehnen kann, die locken, wenn er an Bord des Zuges einen Passagier mit einer Tasche, deren Inhalt Diebesgut enthält, aufspürt. Natürlich verbirgt sich mehr dahinter, eine groß angelegte Verschwörung und ein Mordplan, in dem MacCauley die Rolle eines Bauernopfers zukommt. Und er muss mitspielen, denn die Unversehrtheit seiner Familie wird als zusätzliches Druckmittel eingesetzt. Während MacCauley versucht, den Passagier ausfindig zu machen, muss er gleichzeitig überlegen, was die Motivation der Täter ist und welche Rolle ihm in dem ganzen Gefüge zukommt. Es dauert nicht lang, da gibt es die ersten Toten und er ist das Hauptverdächtige, der nicht nur die Verbrecher, sondern auch das Gesetz und die anderen Passagiere gegen sich hat (wobei das hier eine untergeordnete Rolle spielt). Je näher der Zug der Endstation in Cold Springt kommt, umso weniger Zeit bleibt ihm.

Wem NON-STOP gefallen hat, der wird auch THE COMMUTER mögen, ein erneut trick- und wendungsreich konstruierter Thriller, der visuell meines Erachtens noch ein bisschen schöner geraten ist, ein kleines Meisterstückchen angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des Films in einem nicht gerade hübschen Zug spielt. Ich finde sogar, dass das Setting des Pendlerzuges als Schauplatz eine ganze Ecke interessanter ist als das Flugzeug im Vorgänger: Mit seiner Ansammlung an müden Angestellten, die sich allesamt flüchtig kennen, bietet er ein schönes Personeninventar und zusätzliche Details, um die Geschichte anzureichern, und dann bildet der Zugthriller natürlich eh ein ganz eigenes Subgenre mit einer eigenen, langen und traditionsreichen Geschichte, das hypnotisch-enervierende Rattern im Hintergrund eine angemessene Tonuntermalung für einen Hochspannungsfilm. Seine Prämisse ist, da sollte man ehrlich sein, ein bisschen gemogelt: MacCauley ist nicht irgendein durchschnittlicher Angestellter, wie zu Beginn angedeutet wird, sondern eben ein New Yorker Ex-Cop von altem Schrot und Korn und mithin durchaus in der Lage, zum einen eine Strategie zu entwickeln, wie er die Herausforderung meistert, zum anderen es mit den Verbrechern aufzunehmen. Das Psychospielchen auf engstem Raum weicht am Ende dem großen Krawumm mit halsbrecherischen Klettereien auf dem fahrenden Zug (wobei ausnahmsweise mal nicht dessen Dach erklommen wird) und entgleisenden CGI-Waggons und mündet natürlich in den Kampf mit einem „überraschenden“ Drahtzieher, der so überraschend nicht ist, wenn man mehr als fünf Thriller gesehen hat. Aber es ist ja auch ein bisschen albern, das zu kritisieren, denn das sind nun einmal die Spielregeln solcher Filme und Collet-Serra ist nicht angetreten, das Rad neu zu erfinden.

Was ihm mit THE COMMUTER (und seinen anderen Neeson-Thrillern by the way) gelingt, ist aller Ehren wert, zumal solche mittelgroß budgetierten Thriller, die sich auf eine Tradition berufen, die viele heutige Filmemacher gänzlich vergessen haben, kaum noch eine Rolle spielen. Ich werde hier auch seine anderen beiden Filme, UNKNOWN IDENTITY und RUN ALL NIGHT besprechen, bei denen all jenen warm ums Herz werden sollte, die mit den zeitgenössischen Franchise-Monstren nicht so richtig glücklich werden und die sich sehnsüchtig an die Filme eines Peter Hyams erinnern – oder an noch weiter zurückliegende Titel.

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