kill list (ben wheatley, großbritannien 2011)

Veröffentlicht: Oktober 21, 2019 in Film
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Es gibt Horrorfilme, die erschrecken einen. Andere lassen einen frösteln. Und dann gibt es andere, die vielleicht seltenste Spielart, die einen wirklich verstört und einem Angst macht. KILL LIST ist so ein Film: Ich wusste rein gar nichts über ihn, als ich ihn startete (Ben Wheatley ist bislang total an mir vorbeigegangen), und er löste bei mir von der ersten Minute an ein physisches Unwohlsein aus, das von Minute zu Minute anwuchs, bis ich am Ende froh war, als die Credits liefen. Der Film kriecht einem in den Nacken und zieht einen in seine bizarre Welt hinein. Es ist wahrscheinlich unmöglich, ihn unbeteiligt zu sehen. Er ist ein fieser Bastard.

Dabei beginnt KILL LIST höchst profan: Jay (Neil Maskell) streitet mit seiner schwedischen Ehefrau Shel (MyAnna Buring) über das Geld. Er, ein Soldat, hat seit acht Monaten nicht mehr gearbeitet, weil er sich von seinem letzten Einsatz nicht erholt hat und Rückenprobleme vorschiebt. Bei einem Pärchenabend mit seinem alten Armeefreund Gal (Michael Smiley) und dessen neuer Freundin Fiona (Emma Fryer) gibt es einen neuen Streit der Ehepartner und Jay ergreift daraufhin das Jobangebot des Freundes: Die beiden sollen drei Auftragsmorde ausführen. Die Ereignisse nehmen bereits jetzt eine Wende zum Bizarren, als Fiona unbemerkt von den anderen eine Art heidnisches Symbol in die Rückseite des Badezimmerspiegels der Gastgeber ritzt und der Auftraggeber von Jay und Gal wenig später darauf besteht, dass der Vertrag mit Blut gezeichnet wird.

In den Texten, die man im Netz über KILL LIST findet, wird große Wert auf die Feststellung gelegt, dass der Film eine überraschende Genrewende vollzöge, sich vom weltlichen Gangster- oder Killerfilm unerwartet in einen Horrorfilm verwandelt. Aber das ist nicht ganz richtig, denn die Anzeichen dafür, dass es hier nicht nur um den Auftrag zweier Profikiller geht, zeigen sich wie oben erwähnt schon relativ früh und mehren sich dann in schneller Folge, bis der Film zum Finale hin zur brutalen Variante von THE WICKER MAN wird. Unangenehm ist er schon in den ersten Minuten, wenn der Betrachter gezwungen ist, dem Streit der beiden Eheleute beizuwohnen, der nicht mit Argumenten, sondern mit Beschuldigungen und Gemeinheiten geführt wird. Später, wenn da Schädel mit dem Hammer zertrümmert werden, würde man sich freuen, wenn KILL LIST zu solchen Banalitäten zurückkehrte. KILL LIST ist aber nicht deshalb so effektiv, weil er den Betrachter überrascht und überrumpelt, sondern weil Wheatley sehr geschickt mit der Frage umgeht, welche Informationen er dem Betrachter geben und was er zurückhalten möchte. Es geht ihm beim Zurückhalten von Informationen weniger um Suspense (die ja eh darauf beruht, dass der Zuschauer mehr weiß als die Protagonisten), sondern um die Schaffung einer Atmosphäre der Desorientierung. Der Vergleich mit Träumen wird oft für Filme wie SUSPIRIA gezogen, die über eine expressive visuelle Gestaltung verfügen, aber ich finde, dass er bei einem Film wie KILL LIST sehr viel angebrachter ist: Vordergründig wirkt hier alles normal, realistisch, authentisch, man meint, es könnte genau so passieren. Aber dann gibt es immer wieder kleine Störungen und nicht alle  sind Teil der Handlung. Ein Beispiel: Zu Beginn scheint es so, als wisse Shel nicht, welcher Natur Jay und Gals Job ist. Es wäre ja nur zu verständlich, dass die beiden Männer ihren Frauen die gewalttätige Natur ihres Auftrages verheimlichen. Man kennt das schließlich aus etlichen Killerfilmen: Der Killer muss eine Geheimidentität führen, niemand darf wissen, womit er sein Geld verdient. Aber dann zeigt sich später sehr zur Überraschung des Zuschauers, dass sie von Anfang an eingeweiht war, dass sein Job für sie eine ganz normale Sache ist. Man muss diese Enthüllung nicht zwingend als unheimlich empfinden, aber doch wird klar, dass die Welt, in der KILL LIST spielt, ziemlich aus den Fugen geraten ist. Was ist das für ein Ehepaar? Welche Haltung nehmen sie zur Welt um sich herum ein? In welcher Welt leben sie überhaupt? Sie sieht aus wie unsere, aber doch spielen sich da Dinge ab, die nicht unserer Wahrnehmung von ihr entsprechen.

Und Wheatley gibt einem einfach keine Antworten auf die vielen Fragen, die er im Verlauf des Filmes aufwirft, steigert so noch die Desorientierung und das Gefühl eines nahenden Unheils, dessen konkrete Gestalt unklar ist. Was meint der Priester, als er sich bei Jay für seine bevorstehende Hinrichtung bedankt? Warum hat der Snuff-Movie/KInderporno-Ring Informationen über Jay und Gals letzten Einsatz? Was passierte überhaupt bei diesem Einsatz, der immer wieder erwähnt wird und offensichtlich der Grund dafür ist, dass Jay sich zurückgezogen hat? Wer sind die Auftraggeber der beiden? Was hat es mit dem Zeichen auf sich, das Fiona hinterlässt? Und was will dieser rätselhafte Kult, der hinter allem steht, eigentlich von Jay und seiner Familie? Wheatley gab in einem Interview mal zu Protokoll, er sei von Horrorfilmen wie Romeros DAWN OF THE DEAD beeinflusst, Filme, die sich kritisch in Beziehung setzten zur Welt und Zeit, die sie hervorbrachte. Auch KILL LIST gibt zahllose HInweise in diese Richtung, erwähnt den Irak-Krieg und die Rezession, die seine Protagonisten überhaupt erst in die SItuation bringt, in der sie sich als Killer verdingen müssen. Vielleicht könnte Wheatley eine lückenlose Interpretation von KILL LIST liefern, aber ich hoffe insgeheim, dass er die nicht hat, dass er einfach einen markerschütternden Horrorfilm drehen wollte, mit einigen Bezügen zur Realität, denen man nachgehen kann, wenn man möchte, mit einigen Antworten vielleicht, aber auch einigen unlösbar bleibenden Mysterien. Ich will gar nicht wissen, was das alles bedeutet. Denn KILL LIST hat mich auch deshalb so hart gefickt, weil er sich einer hermeneutischen Analyse entzieht und in der Abbildung einer scheinbar vertrauten Welt so fucking fremdartig ist.

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