domino (brian de palma, dänemark/frankreich/italien/belgien/niederlande 2019)

Veröffentlicht: Oktober 26, 2019 in Film
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Für mich ist De Palma einer der All-Time-Greats und meiner Meinung nach hat der mittlerweile 79-Jährige noch keinen wirklich schlechten Film gemacht (WISEGUYS ist wahrscheinlich sein objektiv schwächster, REDACTED hat mich damals auch eher enttäuscht). Auch sein Spätwerk ist mit Filmen wie SNAKE EYES, FEMME FATALE, BLACK DAHLIA, mit Abstrichen auch PASSION oder jetzt eben DOMINO über jeden Zweifel erhaben, auch wenn diese Ansicht wahrscheinlich nicht allzu viele mit mir teilen. I’ll take De Palma over Scorsese, Scott or Polanski any day. (Nachdem ich vor über zehn Jahren mal eine umfassende Werkschau in meinem damaligen Filmforen-Tagebuch gemacht habe, werde ich mir ein paar seine Filme demnächst mal wieder zu Gemüte führen.)

Mit DOMINO, da müssen wir uns nichts vormachen, erfindet sich der Altmeister gewiss nicht neu, aber wenn er sich selbst kopiert, klaut er immerhin bei einem der besten. Einige seiner bewährten Tricks wirken hier, in einem Film, der mit einem geradezu lächerlichen Budget von knapp 8 Millionen Dollar ausgestattet ist, etwas weniger geschliffen und glamourös, als man es aus seinen besten Werken gewohnt ist, aber andere Filmemacher wüssten wahrscheinlich gar nicht, was sie mit einem solchen Betrag überhaupt anfangen sollten. DOMINO sieht ein bisschen wie ein TV-Film aus (allerdings ein schöner), wirkt manchmal eher zweckdienlich als elegant, was ihm dann auch einige Kritik eingebracht hat, aber mir ist ein solcher gut konstruierter, mit 85 Minuten wunderbar griffiger, angenehm altmodischer Reißer am Ende lieber als irgendwelcher High-Concept-Schmonzes, bei dem ich weiß, dass ein Drittel des Materials aus dem Rechner kommt.

Der dänische Cop Lars (Søren Malling) wird bei einem Einsatz von einem Afrikaner namens Ezra (Eriq Ebouaney) ermordet. der zuvor offenbar einen nordafrikanischen Waffenschmuggler gefoltert und hingerichtet hatte. Beim Versuch, ihn festzuhalten, verliert Lars‘ Partner und bester Freund Christian (Nikolaj Coster-Waldau) das Bewusstsein, sieht aber noch, wie Ezra von drei Männern entführt wird. Es stellt sich heraus, dass der CIA-Mann Joe Martin (Guy Pearce) einen ISIS-Anführer stellen möchte; und auf jenen Mann hat es eben auch Ezra abgesehen, weil der Terrorist seinen Vater umgebracht und seine Kinder verschleppt hatte. Christians und Joes Pläne kollidieren, denn während ersterer Ezra für den Mord an seinem Freund verhaften will, möchte Joe weitere Informationen. Aber noch eine vierte Person ist involviert: die Polizistin Alex (Carice van Houten), die eine Affäre mit dem verheirateten Lars hatte und ein Kind von ihm erwartet. Der Weg führt nach Almeria, wo der ISIS einen Terroranschlag plant.

DOMINO erinnert uns daran, dass der „War on Terror“ keine klinisch-saubere Mission auf der Ebene der Hochpolitik ist, sondern dass ganz normale Menschen in diese Schlacht involviert sind: Ezra nimmt keine Rücksicht, weil das Leben seiner Familie davon abhängt, dass er den Terroristenführer stellt. Christian kann wiederum weder Rücksicht auf diese noch auf Joes Motive nehmen, weil es für ihn darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Und Alex, die keiner auf der Rechnung hat, treibt noch etwas ganz anderes an. Der Terror spielt sich ebenso wenig wie der Kampf gegen ihn auf einer dem Alltag enthobenen Ebene ab: Er betrifft Menschen, die wiederum ihren eigenen emotionalen Ballast mit sich herumschleppen. Das Leben ist bei De Palma ja immer eine ziemlich unordentliche Angelegenheit, das zeigt sich auch hier. Lars‘ mürrische Art und das ständig verdreckte Innere seines Wagens sind Zeichen einer persönlichen Krise, von der weder seine Ehefrau noch sein bester Freund und Partner etwas wissen. Der Titel des Films bezieht sich natürlich auf die weitreichenden Folgen und die unvorhersehbare Kettenreaktion, die ein Verbrechen hier nach sich zieht.

Sehr wichtig und De-Palma-typisch ist auch seine Thematisierung der Medien, die der ISIS ganz gezielt nutzt. Die obligatorische Splitscreen-Sequenz ist hier der mit zwei GoPros gefilmte Anschlag einer Terroristin während eines Filmfestivals: eine Kamera zeigt sie selbst und ihren gar nicht so triumphalen Gesichtsausdruck, die andere nimmt den Blick eines First-Person-Shooters ein und zeigt den Lauf ihres Maschinengewehrs, den sie auf verschiedene unschuldige richtet, bevor sie sich selbst in die Luft sprengt. Auch Handykameras und Drohnen kommen mehrfach zum Einsatz – letztere fungiert im doppelten Showdown unabsichtlich als tödliche Waffe – und in einer perfiden Verhörsequenz spielt De Palma geschickt mit verschiedenen Perspektiven. Auch wenn diese Stilmittel heute eher an Trademarks erinnern, die der Regisseur um ihrer selbst willen einsetzt, weil sie ihm vor rund 50 Jahren zu Weltruhm verhalfen, so macht ihre Anwendung im Rahmen des Films doch Sinn: Die mediale Inszenierung, die Macht über die eigene Darstellung durch das Filmbild sind integraler Bestandteil des Terrors als Organisation wie auch seiner Wirkung. Der „War on Terror“ ist ein Krieg der nicht zuletzt mit Bildern und um sie geführt wird.

 

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