the purge (james demonaco, usa 2013)

Veröffentlicht: Oktober 27, 2019 in Film
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THE PURGE, der es mittlerweile auf drei Fortsetzungen sowie eine TV-Serie brachte (ein weiteres Sequel ist in Planung), verschwendet eine potenziell nicht uninteressante dystopische Idee für einen müden Home-Invason-Thriller, der zugunsten von abgedroschenen Klischees davor zurückscheut, die wirklich schmerzhaften Fragen zu stellen.

Einmal im Jahr wird in den USA die große „Säuberung“ ausgerufen. Eine Nacht lang wird das Gesetz aufgehoben und Menschen können ungestraft ihren niedersten Instinkten nachgeben, sprich morden, rauben, vergewaltigen, plündern, zerstören und brandschatzen. Die Säuberung wurde eingeführt, um explodierenden Verbrechenszahlen Einhalt zu gebieten und eine Ordnung dadurch wiederherzustellen, dass Menschen ihre Aggressionen nicht länger unter Verschluss halten müssen, sondern Gelegenheit bekommen, sie auszuleben. Die Familie Sandin um Vater James (Ethan Hawke) und Mutter Mary (Lena Headey) gehört zu den Nutznießern der Säuberung, denn James ist mit dem Verkauf von Haus-Sicherheitssystemen, die infolgedessen reißenden Absatz fanden, reich geworden. Wie jedes Jahr verbarrikadieren sich die Sandins in ihrem palastartigen Haus wie in einem Fort, als das Signal ertönt, das den kollektiven Amoklauf einleitet, und warten darauf, dass der Sturm vorüberzieht. Doch dann lässt Sohnemann Charlie (Max Burkholder) einen hilfesuchenden Obdachlosen (Edwin Hodge) ein.

Wie sich die Story infolgedessen entfaltet, erinnert an die Home-Invasion-Dutzendware, die zu Beginn der Neunzigerjahre die Furcht des Mittelstands, man könne ihm etwas wegnehmen, in Bilder übertrug. Verquickt wird dies mit Elementen des auf ein familienfreundliches Maß gedrosselten „Terror-Films“, der sich nur noch dunkel seiner peinvollen Tradition – etwa Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT – erinnert. Zwar spielt der Film mit der Andeutung, dass sich auch hinter der Fassade der braven amerikanischen Familie Sandin mörderische Abgründe verbergen könnten, aber letztlich schützt er sie vor dem totalen Absturz (und den Zuschauer vor dem Blick in den Zerrspiegel), denn zum Glück kommen schnell ein paar echte Psychopathen vorbei, die Notwehr erforderlich machen – und Papa verwirft sogar seinen ursprünglichen Plan, den Obdachlosen einfach in den Tod zu schicken, weil er sich seiner guten Kinderstube erinnert, Gott sei Dank. So sehr Writer-Director DeMonaco mit THE PURGE auch eine schonungslose Gesellschaftskritik formulieren will, so sehr bleibt er bei vagen Allgemeinplätzen stehen und schont seine Betrachter, indem er ihnen immer jemanden anbietet, auf den sie mit dem Finger zeigen können, anstatt sich selbst zu hinterfragen. Das beginnt schon bei der Prämisse: Die Strategie, die Verbrechensrate zu senken, indem man Verbrechen für eine Nacht legalisiert, erinnert etwas an die statistischen Winkelzüge, mit denen Politiker durch Neudefinition von „Arbeit“ die Arbeitslosenquote schönfärben. Es ist schlicht Blödsinn. Einmal wird in einem TV-Bericht kurz angedeutet, dass sich hinter der Säuberung ausschließlich wirtschaftliche Interessen verbergen, aber auch das wird nicht weiterverfolgt, es bleibt lediglich eine Nebelkerze, die Tiefe suggerieren und an echte gesellschaftspolitische Debatten erinnern soll. Das eigentliche Grauen, das ja darin besteht, dass ganz normale Leute zu Mördern werden, weil sie dazu legitimiert werden, umgeht das Drehbuch, und bietet stattdessen wieder wahnsinnige Butzemänner auf, die große Reden schwingen, gemein grinsen und sich dann auch noch maskieren, obwohl es dazu ja gar keinen Anlass mehr gibt. Dabei kann man sich angesichts der sich heute zeigenden Zustände, nicht nur in den USA, sondern in aller Welt, durchaus gut vorstellen, dass Menschen die Idee einer „Säuberung“ gar nicht so schlecht fänden: Nur sähe das Resultat vermutlich ganz anders aus als in diesem Film, der nur wieder die altbekannten Buhmänner aus dem Hut zieht und das Ideal der amerikanischen Familie unangetastet lässt.

Dass THE PURGE auch als reiner Schocker nicht zu gebrauchen ist, kommt dann noch erschwerend hinzu. Die zwei Inszenierungskniffe, die DeMonaco kennt, um Spannung zu erzeugen oder zu schocken, wendet er so oft an, sodass man irgendwann nur noch sehnsüchtig auf den branchenüblichen Twist am Ende wartet, der dann allerdings genauso vorhersehbar ist wie der Rest des Films. Letztlich ist THE PURGE nur zu einer Sache gut: Er gibt Leuten, die einen echten Horrorfilm nie verkraften würden, das Gefühl, was richtig Fieses gesehen zu haben. Dass das offensichtlich funktioniert, unterwandert die Prämisse, auf der der Film aufbaut, noch zusätzlich.

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