who killed captain alex? (nabwana i.g.g., uganda 2010)

Veröffentlicht: Oktober 27, 2019 in Film
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WHO KILLED CAPTAIN ALEX? ist kein normaler Film. Es handelt sich um den (angeblich) ersten Actionfilm aus Uganda. Sein Budget betrug 200 Dollar, gedreht wurde er in Wakaliga, einem Slum in der ugandischen Hauptstadt Kampala, von und mit Bewohnern und ihren mitgebrachten Kostümen sowie mit aus Einzelteilen zusammengebasteltem Equipment. Schnitt und Effekte übernahm der Regisseur an seinem Computer Marke Eigenbau und lud sowohl Trailer als auch Film anschließend bei YouTube hoch, wo sich WHO KILLED CAPTAIN ALEX? zu einem viralen Phänomen entwickelte. Weil sein Computer nur beschränkten Platz bot, musste er das „Master“ danach wieder löschen, um Platz für den nächsten Film aus „Wakaliwood“ zu machen, wie sich das Studio in einer Mischung aus Selbstironie und Stolz nennt (auch Musik kommt aus Wakaliwood und einige der dort produzierten Songs hört man auch in WHO KILLED CAPTAIN ALEX?). Die Version, die bis zur VÖ einer Blu-ray im Netz kursierte, war mit einem „Video Joker“ versehen, einem Voice-over in Kirmesmanier, der den Film witzig kommentierte oder auch nur als zusätzlicher Anheizer fungierte, indem er Sachen wie „Best Action-packed movie ever!“ oder „UGANDA!“ über die absurden Geschehnisse brüllte. WHO KILLED CAPTAIN ALEX? ist, legt man objektive Kriterien an, ein grotesk schlechter Film, aber er fungiert auch als Beleg dafür, warum solche Kriterien oft gar keinen Sinn ergeben: Was für WHO KILLED CAPTAIN ALEX? uneingeschränkt einnimmt, ist der Enthusiasmus aller Beteiligten, die Freude daran, etwas im Kollektiv zu erschaffen, ihre Begeisterung für Film und das Geschichtenerzählen. Und dann stellt der Film natürlich ein schieres Wunder dar: Mit buchstäblich Nichts außer dieser Freude ist da inmitten der größten Armut ein Film entstanden, den mittlerweile Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gesehen haben. Wenn Regisseur Nabwana am Ende in seinem Dörfchen aus baufälligen Hütten steht und strahlend verkündet, dass er seinen Film „für alle“ gemacht habe, ist das einfach wahnsinnig ergreifend. Es stellt sich dann die Frage, ob wir die sogenannte Dritte Welt und das, was sie uns zu geben hat, nicht noch dringender braucht als sie uns.

Über den Inhalt des Films zu sprechen, führt indes zu nichts. Es gibt einen rudimentär entwickelten Plot – es geht um den Kampf des Militärs gegen eine Verbrecherorganisation namens Tiger Mafia, die zu Beginn den titelgebenden Captain Alex (Kakule William), den „besten Soldaten Ugandas“ ermordet -, aber spannend im herkömmlichen Sinne des Wortes ist WHO KILLED CAPTAIN ALEX? natürlich nicht. Man staunt und lacht über die kargen Mittel und die Chuzpe, mit der da den großen Vorbildern nachgeeifert wurde, obwohl nicht einmal ein Bruchteil der finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung stand: Waffen sind aus schwarz angemalten Rohren zusammengebaut. Mündungsfeuer und Blutspritzer kommen aus dem Rechner. Wenn geballert wird, wackeln die Darsteller wie wild mit ihren Spielzeuggewehren herum, den Rest besorgt der ohrenbetäubende Soundtrack (der wesentlich dazu beiträgt, dass die Illusion tatsächlich irgendwie gelingt). Ein Patronengurt ist aus Holz geschnitzt, der „Logowürfel“ an den Mikrofonen der Fernsehjournalisten aus Papier gefaltet. Die Getränke in einer Kneipenszene bestehen aus verdünnter Farbe, die gerade zur Hand war, weil die Wände des Drehorts kurz zuvor einen neuen Anstrich erhalten hatten. Es sterben immer wieder dieselben 20 Darsteller. Die beiden Hubschrauber, mit denen ein Teil des unfassbaren Finales bestritten wird, sind wenig überzeugende Computergrafiken, in die man dann die Darsteller reinmontiert hat. Explosionen und einstürzende Gebäude wurden mit Computerfeffekten realisiert, die selbst die Pixelmonstrositäten von Asylum noch oscarverdächtig erscheinen lassen. Und über diesen schieren Wahnsinn brüllt der Video-Joker mit afrikanischem Akzent, offensichtlich selbst völlig mitgerissen vom Geschehen, abstrusen Quatsch wie „Movie, movie, movie, movie!“ Man muss das einfach gesehen haben. Film wird hier tatsächlich zur Performance-Kunst, zum kollektiven Ritual. Es ist wunderschön.

Wenn man einigermaßen offen an WHO KILLED CAPTAIN ALEX? herantritt, wird man aber auch erstaunt bemerken, wie vertraut uns dieser Film von einem völlig unbekannten Fleck der Erde erscheint: Seine Urheber kennen offensichtlich dieselben Filme wie wir, ein melancholisches Instrumentalstück auf dem Soundtrack entpuppt sich als Seals „Kiss from a Rose“, der Humor des VJ ist dem unseren sehr ähnlich. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich die Dorfgemeinde in Wakaliga abends um einen Röhrenfernseher versammelt, irgendjemand die DVD-R von WHO KILLED CAPTAIN ALEX? einwirft und die Stimmung daraufhin förmlich überkocht, jeder sich noch einmal an seinen Part erinnert, freudig jauchzt, wenn er seinen großen Auftritt hat. In ihren Herzen steht CAPTAIN ALEX direkt neben RAMBO: FIRST BLOOD PART II und THE TERMINATOR und, fuck, ich finde, da gehört er auch hin.

Man kann sich be Amazon die Blu-ray von WHO KILLED CAPTAIN ALEX kaufen, auf der er auch ohne den VJ enthalten ist sowie ein weiteres Wunderwerk aus Wakaliwood – oder man kann sich das Ganze auf YouTube anschauen. Von da stößt man dann in ein tiefes Wurmloch vor, das einen in die Welt von Wakaliwood führt: Hier gibt es etwa den Audiokommentar des Regisseurs zum Film und hier ist der offizielle Kanal des Studios, auf dem man zahlreiche weitere Trailer und Videos bestaunen kann.

 

 

 

Kommentare
  1. […] Oliver Nöding hat auf Remember It For Later sein Herz für Wakaliwood und “Who Killed Captain Alex?” entdeckt, verteidigt Brian dePalmas neusten Film „Domino“ gegen die zahlreichen Verrisse, […]

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