Archiv für November, 2019

Der nächste Eintrag in meiner kleinen Reihe „Filme, die auf meiner Amazon-Prime-Watchlist landeten, weil sie nach Action aussahen, sich dann aber als etwas anderes entpuppten“: BAD FRANK ist ein kleiner, für gerade einmal 80.000 Dollar in New Jersey produzierter Crime-Film, um den titelgebenden Frank (Kevin Interdonato), den vorbestraften Sohn eines Polizeibeamten (Ray Mancini), der seit einigen Jahren versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, dann aber wieder mitten hineinrutscht ins Milieu, weil er seinem Kumpel Travis (Brandon Heitkamp) einen Gefallen tut. Bei dem Drogendeal, bei dem Frank eigentlich nur im Hintergrund rumsteht, ist zunächst mal sein alter Komplize Mickey (Tom Sizemore) involviert, ein skrupelloser Gewaltverbrecher, dessen Sidekick Niko (Russ Russo) dann auch gleich zur Waffe greift und die Geschäftspartner kaltblütig erschießt. Frank kann es nicht fassen und weil er keine Lust hat, sein neues, cleanes, alkoholfreies Leben mit Ehefrau und Haus wegen eines Verbrechens aufs Spiel zu setzen, mit dem er rein gar nichts zu tun hatte, beschließt er, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Doch dann bekommen Mickey und Niko von seinem Vorhaben Wind und entführen seine Gattin Gina (Amanda Clayton), um ihn ruhigzustellen. Und Frank, der seine inneren Impulse seit Jahren mit größter Anstrengung zurückgehalten hat, explodiert förmlich.

Es ist gewiss keine neue Geschichte, die Regisseur Tony Germinario erzählt, aber sie wird durch das aufopferungsvolle Spiel seines Hauptdarstellers und die Direktheit der Inszenierung mit Leben gefüllt. Ein bisschen erinnerte mich BAD FRANK an BRAWL IN CELL BLOCK 99 und DRAGGED ACROSS CONCRETE, die beiden letzten Filme von Craig R. Zahler, gegenüber denen er aber noch einmal eine ganze Ecke kleiner und schmuckloser wirkt, zudem Zahlers Hang zum Absurden vermissen lässt. Was er aber mit ihnen teilt, ist die Ruhe der Inszenierung, die Gewöhnlichkeit und Mittelmäßigkeit der Welt, in der er angesiedelt ist, und ein Protagonist, der zwischen den zwei Welten, zwischen denen er gefangen ist, förmlich zerrissen wird. Kevin Interdonato ist die eigentliche Entdeckung des Films: Muskulös, ohne aufgepumpt zu wirken, und mit einem ebenso kantig-virilen wie etwas dumpfen Gesicht, entspricht er jenem Typ Schauspieler, der in einer großen Produktion bestenfalls mal den im Hintergrund herumstehenden „Bad Guy #3“ spielen darf, aber hier die Gelegenheit bekommt, zu zeigen, was er kann. Und das ist eine Menge. Sein Frank trägt ein enorm (selbst)zerstörerisches Potenzial in sich, das er mit äußerster Anstrengung in einem täglichen Kampf immer wieder aufs Neue niederringen muss – und diese Anstrengung zeichnet sich ebenso in seinem Gesicht ab wie in seinem Körper, der ständig kurz vor der Explosion steht. Dass er einen kriminellen und darüber hinaus einen Suchthintergrund hat, wird explizit gesagt, aber welcher Verbrechen genau er sich schuldig gemacht hat, darüber schweigt sich der Film andeutungsreich aus und das trägt enorm zu seiner inneren Spannung bei. Franks Vergangenheit ist der sprichwörtliche Elefant im Raum, über den aber niemand sprechen will, auch wenn er unübersehbar ist. Sein Vater, der Cop, hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, in drei emotional enorm aufgeladenen Szenen begegnet er ihm wieder und es wird klar, dass der Vater auch deshalb auf Distanz gegangen ist, weil er mit seinem Sohn mehr gemein hat, als ihm lieb ist. Welche Last er mit sich herumschleppt, wird aber ebenfalls niemals ausformuliert. Und die Tatsache, dass es da auch noch eine Mutter gibt, die mit beiden Männern nichts mehr zu tun haben will, ist nur ein weiteres Indiz, das auf eine Familientragödie schließen lässt.

Aber neben Interdonato agiert ja auch noch ein sichtlich abgemagerter Tom Sizemore, ein Relikt der tarantinoesken Neunzigerjahre, dem Drogen und ein unglückliches Händchen bei der Rollenwahl die gut laufende Karriere versauten: IMDb weist ihn als ausgesprochen produktiv aus, nur wirklich große Projekte sucht man in seiner Filmografie vergebens. Egal, denn als gewalttätiger Mickey liefert er er eine Spitzenleistung ab: Wie er den armen, jämmerlich heulenden Travis foltert, ihm Handyfotos von der Vergewaltigung seiner Freundin zeigt und ihm droht, die Gliedmaßen abzuschneiden, dann wieder ruhig wird und sich beinahe entschuldigt, nur um gleich wieder vollkommen auszurasten, ist schon ziemlich einmalig. Er hat nicht viele Szenen, aber er nutzt seine Screentime und schafft es in der Zeit, die ihm zur Verfügung steht, den Gegenpol zum Protagonisten aufzubauen, den der Film benötigt – was angesichts der schon erwähnten Leistung Interdonatos nicht die einfachste Aufgabe gewesen sein dürfte.

Makellos ist BAD FRANK nicht, das wäre angesichts seines semiprofessionellen Hintergrunds aber auch zu viel verlangt: Im letzten Akt kommt der Film ein bisschen ins Trudeln und manche Inszenierungsidee geht nicht ganz so auf, wie sich Germinario das vorgestellt hat, aber am Ende bin ich geneigt, diese Mängel als „Schönheitsfehler“ abzuhaken. Vielleicht wäre BAD FRANK besser gefahren, hätte er einen konventionelleren Weg gewählt, aber ich finden, man sollte den Mut Germinarios, die Dinge anders zu machen, zu honorieren. Ich musste danach noch eine Weile über den Film nachdenken – auch weil er nicht rundum zufriedenstellend ist, Ecken und Kanten aufweist und hier und da etwas ungelenk und ungeschliffen wirkt. Gutes Teil!

Wenn euch das nächste Mal jemand nach Sequels fragt, die besser sind als der erste Teil, und ihr mit ruhiger, fester Stimme und sicherem Blick „WRATH OF THE TITANS“ antwortet, habt ihr nicht nur die Überraschung auf eurer Seite, ihr habt außerdem großen Sachverstand bewiesen: Ohne jeden Zweifel ist WRATH OF THE TITANS besser als der in jeder Hinsicht ernüchternde CLASH OF THE TITANS. Auf der anderen Seite: Auch WRATH ist jetzt nicht gerade ein Film, der Begeisterungsstürme provoziert.

Eigentlich ist Liebesmans Fortsetzung sogar genauso nichtssagend wie der Vorgänger und ich frage mich schon beim Verfassen dieser Zeilen, wie ich die Tatsache verbergen werde, dass ich mich weniger als 24 Stunden nach der Sichtung bereits an nichts mehr erinnern kann. Die Geschichte ist egal, gleichermaßen uninteressant wie unnachvollziehbar, und dafür, dass hier ein Stoff bemüht wird, der die Menschen seit Jahrhunderten fasziniert, ist der ganze Film bei aller Geschäftigkeit seltsam routiniert und fantasielos. Worthingtons Perseus dürfte einer der ödesten Helden der Filmgeschichte sein, aber er passt damit wie die Faust aufs Auge eines Films, der niemals irgendwelche Emotionen beim Betrachter auslöst, egal wie viele Feuerbälle da gerade durch die Luft wirbeln oder im Wüstenboden einschlagen.

Was der Film auf der Habenseite verbuchen kann, ist eine deutlich gelungenere Optik als der Vorgänger, der aussah, als habe man versucht, die PIxelhaufen, die der Computer da ausgespuckt hat, hinter einem Graubraunschleier zu verstecken. WRATH ist deutlich knackiger, gönnt sich hier und da sogar mal einen Farbtupfer und hat mit seinem finalen Lavamonster Cronos einen imposanten Endgegner zu bieten, der sogar vergessen lässt, dass der Endkampf ohne jede Spannung auskommt. Plötzlich macht es „peng“, der Bösewicht ist tot und keiner weiß, warum. Aus der Darstellerriege, die wieder einmal verzweifelt um Orientierung bemüht ist, ragt die schöne Rosamund Pike als kriegerische Andromeda hervor. Ralph Fiennes chargiert dankenswerterweise nicht ganz so erbärmlich wie im Vorgänger, Edgar Ramirez verlegt sich als schurkischer Ares darauf, böse zu gucken. Hatte der auch nur eine Dialogzeile? Keine Ahnung.

Das Beste, was ich über WRATH OF THE TITANS sagen kann, ist dass er anschaubar ist, vor allem, wenn man sich zuvor durch CLASH OF THE TITANS gemüht hat. Wer aber von seiner Abendunterhaltung erwartet, dass sie ihn in irgendeiner Form involviert, sollte auch um dieses Werk einen großen Bogen machen. Warum produziert man so etwas? Ich hoffe nur, dass niemand auf die Idee kommt, dass man hier noch einmal nachlegen könnte. Zweimal Nichts mit Göttern ist mehr als genug.

Lasst uns ehrlich sein: Der 1981er CLASH OF THE TITANS ist nicht das filmische Großereignis für das viele, die mit ihm aufwuchsen, ihn halten. Sein Regisseur Desmond Davis war ein britischer Routinier, der in den Jahren zuvor ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet hatte. Viele Elemente des Films, ich denke nur an die ultracheesigen Szenen auf dem Olymp, mit einer hölzernen Ursula Andress als Göttin Hera, sind überhaupt nicht gut gealtert, der Film ist überlang und ohne echtes Flair inszeniert. Aber er hat eben die Effekte von Ray Harryhausen, die 1981 zwar auch längst nicht mehr State of the Art waren, aber dafür eben Persönlichkeit und Charakter im Überfluss hatten. Es war egal, was um sie herum passierte, weil sie das Eintrittsgeld allein Wert waren. Harryhausens Schöpfungen waren pure Kinomagie, der auch Dutzende von Making-ofs den Zauber nicht nehmen konnten. Es war eine einfache Illusion, die seine Kreaturen in Bewegung versetzte, aber irgendwie gelang es Harryhausen stets, ihnen echtes Leben einzuimpfen, den Trick der Stop-Motion-Animation zu transzendieren, die Schwächen und Beschränkungen der Technik zu einer Stärke zu machen.

Dass es eine Frage der Zeit war, bis sich jemand des Stoffes annahm, um ihn mit moderner Computer-Effekttechnologie einem neuen Publikum anzubieten, war klar. Die antiken griechischen Mythen beinhalten endlos viel Stoff für gewaltige, aufregende Epen voller mutiger Helden, schicksalhafter Schlachten und legendärer Monstren und einen Markt für fantasylastige, historische Abenteuerfilme gibt es fast immer. Aber das Resultat ist dann schon ernüchternd, vor allem wenn man bedenkt, dass der originale CLASH OF THE TITANS eben mitnichten ein perfekter Film war. Louis Leterriers Version kann nicht nur nicht mit Harryhausens Effektmagie mithalten (was zu erwarten war), der Film versagt auf nahezu allen Ebenen. Vor allem aber lässt er etwas vermissen, dass man dem Original bei allen Argumenten, die man gegen es ins Feld führen kann, nicht streitig machen kann: Persönlichkeit. Leterriers CLASH OF THE TITANS ist hingegen charakter- und Identitätslos, ein Film ohne echte Vision und ohne Stil, ein reines Marketing- und Abschreibungsprodukt, das wahrscheinlich niemanden, der in seine Entstehung involviert war, wirklich begeisterte oder dazu brachte, alles in die Waagschale zu werfen.

Die Liste fragwürdiger „künstlerischer“ Entscheidungen begann mit der Konversion des herkömmlich gedrehten Films zu 3D, die zulasten der Bildqualität ging und unter anderem dazu führte, dass Regisseur Louis Leterrier sich später von CLASH OF THE TITANS distanzierte. Aber auch ohne diese Schwäche wirken viele der CGIs lieblos und hingeschludert, am schlimmsten sicherlich bei den Szenen um die Medusa, die aussieht, als habe man sie aus einem Computerspiel in den Film gebeamt. Der Kampf gegen einige Riesenskorpione, die Szenen mit Pegasus und das Finale um den riesigen Kraken kommen besser weg, aber auch letzterer wirkt gegenüber Harryhausens wesentlich bescheidenerer Version einfach leb- und gesichtslos. Sam Worthington ist als Perseus blass und ohne Eigenschaften, ein Held, mit dem man als Zuschauer nichts verbindet. Um ihn herum stolpern gnadenlos überqualifizierte Darsteller wie Liam Neeson, Ralph Fiennes, Mads Mikkelsen, Gemma Arterton, Jason Flemyng oder Nicholas Hoult in nichtssagenden Rollen herum, verzweifelt bemüht, nicht sofort wieder in Vergessenheit zu geraten. Eine innere Dramaturgie gibt es nicht, der Film präsentiert sich als lose Aneinanderreihung von unter ihren Möglichkeiten bleibenden Set Pieces und ausgerechnet die mieseste Idee des Originals wurde als einzige nahezu eins zu eins übernommen, nämlich die kitschigen Versammlungsrunden der Götter auf dem Olymp. Das alles wird in ein jeden Anflug von Fantasie und Vorstellungskraft im Keim erstickendes Farbspektrum zwischen Braun und Grau gehüllt. Es ist einfach nicht zum Aushalten. Das Einzige, das ich diesem Film zugute halten möchte, ist seine griffige Länge von 100 Minuten. Wenigstens waren die Macher nicht so vermessen, das alles auch noch auf 150 Minuten aufzublähen, wie man das heute nahezu garantiert machen würde. Das macht CLASH OF THE TITANS nicht besser, aber noch halbwegs erträglich. Trotzdem ist das Versagen bemerkenswert: Aus diesem Stoff mit diesen Mitteln so wenig zu machen, muss man auch erst einmal hinbekommen.

Die Schwestern Lisa (Mandy Moore) und Kate (Claire Holt) verbringen einen gemeinsamen Urlaub in Mexiko. Zwei Typen, die sie während einer durchtanzten Nacht kennen lernen, überreden die beiden dazu, mit ihnen eine Bootstour zu machen, an deren Ende sie sich in einem Haikäfig in Wasser herunterlassen, um die gefräßigen Raubtiere aus nächster Nähe zu beobachten. Lisa ist skepisch, lässt sich aber überreden und natürlich geschieht ein Unglück. Die Winde des maroden Bootes, die den Käfig hält, hat einen Defekt, die beiden Schwestern sinken bis auf den Meeresboden in 47 Metern Tiefe. Der Sauerstoff reicht für eine knappe Stunde, der Weg nach oben wird von den Haien versperrt.

Den Raum extrem zu verengen, die Handlungsoptionen der Protagonisten zu verkleinern, Zeit zu reduzieren: Es ist eine Strategie, die im Genrekino immer wieder gern genutzt wird. Sie ist meistens mit geringeren Kosten verbunden – man benötigt kein aufwändiges Location Scouting, keine Architekten oder Kulissenbauer, fast keine Requisite und noch dazu weniger Darsteller -, gibt dem Filmemacher die Möglichkeit, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren und fungiert im Idealfall als Katalysator für film- und erzähltechnische Innovationen. Der vermeintliche Mangel wird zur Tugend. Nicht wenige Filme dieser Art reiften in den letzten 20 Jahren zu Kassen- oder Festivalhits: CUBE, SAW, UNFRIENDED, BURIED, OPEN WATER, PHONE BOOTH – es ließen sich gewiss weitere finden. Johannes Roberts greift für seinen erfolgreichen Beitrag die bereits leinwanderprobte Faszination für Haie auf und erhöht den Einsatz dadurch, dass seine Protagonistinnen nicht nur auf begrenztem Raum und mit begrenzter Zeit agieren müssen, sondern sich dabei auch noch unter Wasser befinden. Aber hier fangen die Probleme von 47 METERS DOWN auch schon an, denn einen Aspekt, der unter den gegebenen räumlichen Voraussetzungen eigentlich naheliegend gewesen wäre, noch dazu eine spannende Herausforderung für Regie und Darsteller bedeutet hätte, klammert er durch einen Kniff aus, der die Prämisse seines Films von vornherein unterwandert: Er verleiht den beide Schwestern die Technik, die ihnen die verbale Kommunikation unter Wasser ermöglicht.

Jetzt muss ich gestehen, mich mit dem Tauchsport und dem zugehörigen Equipment überhaupt nicht auszukennen, aber ich glaube, dass die allermeisten Taucher mit stinknormalen Taucherbrillen und Mundstück ins Wasser springen und sich demnach mit Handzeichen verständigen. Keine Ahnung, ob es solche Tauchhelme, die die beiden Frauen tragen und die es ihnen erlauben, miteinander zu reden, wirklich gibt, aber ich schätze mal, dass sie nicht Bestandteil der Ausrüstung eines dubiosen mexikanischen Tourineppers wären, der amerikanischen Urlauberinnen 100 Dollar pro Nase dafür abknöpft, sie für ein paar Minuten in seinen rostigen Haikäfig zu stecken. Wie dem auch sei, dass die beiden Frauen in ihrer misslichen Lage dazu befähigt sind, sich miteinander zu unterhalten, raubt ihrer Situation (und dem Film) nicht nur viel klaustrophobisches Potenzial, es macht 47 METERS DOWN mitunter auch zur Belastungsprobe für den Zuschauer, denn die beiden können die Klappe wirklich nicht für 30 Sekunden halten. Das beginnt schon mit ihrer anfangs noch ungetrübten Begeisterung, als sich angesichts um sie herumschwimmender Fische ein Schwall von „awesomes“ über den Betrachter ergießt, und setzt sich dann später fort, wenn eine Panikattacke die nächste jagt, die Damen mit sich selbst sprechen, um sich Mut zu machen, oder auch einfach nur kommentieren, was man ohnehin sieht. Ich sehe ein, dass es enorm schwierig, vielleicht auch kaum weniger anstrengend geworden wäre, wenn Roberts tatsächlich ganz auf Dialoge verzichtet hätte, aber so wirkt 47 METERS DOWN ein bisschen halbherzig. Bezeichnenderweise ist die schönste Sequenz des Films völlig wortlos: Es ist die Schlussszene, wenn die halluzinierende Lisa, die schon davon geträumt hat, wie sie mit ihrer Schwester an die Wasseroberfläche taucht und sich dabei der Haie erwehrt, auf dem Meeresboden „aufwacht“, von stumm heranschwimmenden Tiefseerettern aufgesammelt und dann nach oben, dem Licht entgegen, gebracht wird. Es ist ein visuell aufregender, poetischer und fast avantgardistischer Abschluss eines Films, der zeigt, was drin gewesen wäre, wenn er sich mehr auf seinen Schauplatz und dessen Bedingungen eingelassen und nicht ausschließlich darauf reduziert hätte, die Thrillmaschine am Laufen zu halte.

Ein totaler Reinfall ist 47 METERS DOWN aber trotzdem nicht und wer Sharxploitation genauso liebt wie ich, der wird auch an diesem Film seinen 90-minütigen Spaß haben (auch wenn die – nebenbei gesagt toll aussehenden – Haie nur eine Nebenrolle einnehmen). Das sahen wohl auch die meisten Zuschauer so, denn derzeit läuft ja sogar ein Sequel in unseren Kinos. Ich bin mal gespannt, was sich Roberts dafür hat einfallen lassen, ob er ein paar Schwächen des Vorgängers abschalten konnte und der Erfolg des Vorgängers ihm das Selbstbewusstsein verliehen hat, sich etwas mehr zu trauen.

Über Eli Roths Remake des Michael-Winner-Klassikers, der Charles Bronson zu seinem großen Durchbruch in den USA verhalf, wurde schon gelästert, bevor es überhaupt jemand zu Gesicht bekommen hatte. Vor allem an der Besetzung der Hauptrolle mit Bruce Willis wurde Anstoß genommen. Ich habe das nicht verstanden: Man kann sicherlich darüber streiten, ob dieser Besetzungscoup besonders originell war und ist, aber Vorwürfe der Fehlbesetzung lassen doch eher auf das mangelnde Abstraktionsvermögen derer schließen, die sie äußerten. Ist es nicht die Aufgabe eines Schauspielers, auch und gerade solche Charaktere mit Leben zu füllen, die man nicht zwingend mit ihnen assoziiert? War nicht schon Bronson als liberaler Architekt Paul Kersey von Winner deutlich gegen den Strich und wenn man so will fehlbesetzt? Wer mit Willis bis ans Ende aller Zeit den John McClain verbindet und diesen von vornherein nicht in der Rolle eines weniger zupackenden Charakters akzeptieren kann, hat meiner Meinung nach eher selbst ein Problem. Worüber man streiten kann und muss, ist natürlich die Frage, ob Willis den Anforderungen gerecht wird und ob es diesen Film gebraucht hat: Was hat uns das Remake über unsere Zeit zu sagen, was fügt er dem Original hinzu, was lässt er weg und warum tut er das?

Das Drehbuch von Joe Carnahan verlegt den Schauplatz zunächst vom mittlerweile gentrifizierten New York, das längst nicht mehr den Ruf des menschenverachtenden Molochs genießt, der der Stadt bis in die Achtzigerjahre anhaftete, nach Chicago, das in den letzten Jahren mit explodierenden Verbrechensstatistiken von sich Reden machte (einmal läuft Chief Keefs „Sosa“ auf dem Soundtrack, der aus der berüchtigten Chicagoer South Side kommt), und aus dem liberalen Architekten wird der liberale Chirurg, der im Operationssaal tagtäglich mit angeschossenen Polizisten und Verbrechern konfrontiert wird. Die Kriminellen, die seine Frau und Tochter überfallen, sind keine jugendlichen Hooligans, sondern „gewöhnliche“ Räuber, eine Vergewaltigung gibt es nicht, die beiden Frauen werden umgebracht und verwundet, weil sie sich zur Wehr setzen. Der wichtigste Unterschied scheint mir aber ein anderer: In Winners Original zeigte sich die Ziellosigkeit von Kerseys Rachefeldzug vor allem darin, dass er bei seinen nächtlichen Streifzügen zwar allerhand Kroppzeuch entsorgte, aber dabei nie auf die eigentlichen Täter traf. In Eli Roths Version des Stoffes ist das anders, denn hier gelingt es Kersey durchaus, die Schurken, die sich an seiner Familie vergriffen, zu stellen und zu töten. Man könnte auch sagen: Er hat Erfolg, während die Polizei versagt. Das ist doch ein erheblicher Eingriff in die Grundaussage des Originals. Eine weitere Änderung betrifft Kerseys „Werdegang“ selbst: Charles Bronsons Vigilant zog zunächst mit einem selbstgebastelten Totschläger los, Willis‘ Kersey greift sofort zur Schusswaffe. Und während Bronsons Kersey sich nach seinem ersten Streifzug noch vor Aufregung übergeben musste, legt Kersey in Roths Version von Beginn an eine ziemliche Kaltschnäuzigkeit an den Tag, die seine Unerfahrenheit – er verletzt sich beim Abfeuern seiner Waffe selbst am Daumen – ausgleicht. Seine Entscheidung, als Rächer loszuziehen, beruht auf einem Erlebnis mit seinem Schwiegervater nach der Beerdigung seiner Ehefrau irgendwo im mittleren Westen: Auf der Fahrt nach Hause hält der alte Mann plötzlich an, steigt aus dem Wagen und blickt von der Straße aus hinab auf ein Feld, auf dem er zwei Wilddiebe ausgemacht hat. Ganz selbstverständlich eröffnet er mit seinem Schießprügel das Feuer auf die Täter und erklärt dem verdutzten Schwiegersohn, dass sich die Menschen heutzutage zu sehr auf die Polizei verließen: Man müsse selbst für seine Sicherheit sorgen. Das ist so oder so eine streitbare These, angewendet auf das Schicksal der Kersey-Frauen aber doppelter Unfug: Erstens ist es ja nicht unbedingt die erste Aufgabe der Polizei, Verbrechen präventiv zu verhindern (beziehungsweise wäre das ziemlich viel verlangt), zweitens hilft einem diese Empfehlung ja nicht in dem Fall, in dem man plötzlich von mehreren Gewalttätern überrumpelt wird. Kersey selbst hatte gar keine Chance, irgendwas zu tun: Er war gar nicht zu Hause, als sich die Kriminellen Eingang in sein Haus verschafften. Und als Rechtfertigung für Kerseys folgenden Feldzug funktioniert diese Philosophie auch nicht: Von den Tätern geht ja nun keine Gefahr mehr für ihn aus, vielmehr begibt er sich erst in dieselbe, als er sich auf die Suche nach ihnen macht.

Man merkt DEATH WISH an, dass Roth und Carnahan nicht allzu viele Gedanken an Details verschwendeten: Ihr Remake ist in erster Linie eine Sammlung markiger Klischees, die im Rachefilm und von Law-and-Order-Apologeten immer wieder rauf- und runtergebetet werden. Da gibt es die öffentlichen Reaktionen auf das Treiben des „Grim Reaper“ getauften Vigilanten, die in Form von Diskussionsbeiträgen aus Radiosendungen eingespielt werden und die die Kluft zwischen Befürwortung, dass da endlich mal jemand was tut, bis hin zu Ablehnung von Selbstjustiz reichen. Natürlich darf ein satirischer Blick auf den US-amerikanischen Waffenfetischismus nicht fehlen, wenn Kersey sich von einer attraktiven, dickbrüstigen Blondine halbautomatische Ballermänner vorführen lässt wie andere Leute Sportschuhe. Dann sind da die Verbrecher selbst, volltätowierte, zottelbärtige Typen mit dumpfem Blick oder sadistischem Grinsen, oder natürlich die Kriminalbeamten, die sich zwar alle Mühe geben, aber letztlich nicht mehr sind als freundliche Grüßonkels. Wie zu erwarten war, wird die Gewalt nicht mehr so furztrocken inszeniert wie anno 1974, bei Roth splattert es deutlich blutiger, was auch Ausdruck eines mehr im Vordergrund stehenden Humors ist. Winners Film funktionierte als Aufreger ja auch deshalb so gut, weil man die Position des Regisseurs nicht auf Anhieb festmachen konnte, der Mann aber Spaß daran hatte, zu provozieren. Roth und Carnahan legen ihr Remake aber sehr offensichtlich als ausgewogenen Diskussionsbeitrag an, der sich selbst nicht so richtig äußern mag, aber gleichzeitig aber auch niemanden verprellen möchte und fein säuberlich für jedes Pro ein Kontra findet. Das ist aber eine letztlich sehr sinnlose und unfruchtbare Position, weil zu diesem Thema wirklich alles gesagt ist – und es eigentlich keinen Bedarf mehr gibt, es neu zu verhandeln. Ganz ohne – zugegebenermaßen rein vordergründigen – Reiz ist DEATH WISH in dieser Version aber trotzdem nicht. Er Film ist schwungvoll und mit einigen amüsanten Spitzen versehen, er läuft gut rein, würde ich sagen – aber eben auch schnell wieder raus. Und Willis? Ist passabel als Kersey. Wäre er vor 30 Jahren auch bloß „passabel“ gewesen, würde ihn heute keiner mehr kennen. Und schon gar nicht im Remake eines Klassikers besetzen.

 

Ich mache hier nach LAW ABIDING CITIZEN mal weiter mit den Rachefilmen – auch wenn SEEKING JUSTICE zugegeben etwas aus dem Rahmen fällt und einen anderen Weg einschlägt, als ich erwartet hatte. Der Film passt trotzdem ganz gut rein, weil er meine zuletzt geäußerte Behauptung, der Rachefilm habe sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren vom kleinen, zyklisch wiederkehrenden Subgenre zu einem dauerhaften Standard des Thrillers und Actionfilms entwickelt, bestätigt. Und er steht exemplarisch für einen weiteren auffallenden Trend: Das Subgenre ist zu einer wichtigen Spielwiese für ehemalige Superstars geworden, die sich in der zweiten Hälfte ihrer Karriere befinden. Der Rachefilm ist nicht zuletzt ein Alternde-Männer-Film. Warum? Wahrscheinlich weil es beim Rachefilm um den Zusammenbruch fest gefügter Überzeugungen und Lebensentwürfe, um die tiefe Zäsur. Hier werden gestandene Männer auf die Probe gestellt und in ihren Grundfesten erschüttert. Das funktioniert mit Jungspunden einfach nicht so gut.

Bevor SEEKING JUSTICE scharf abbiegt (und zwar ausnahmsweise mal nicht rechts, haha) beginnt er geradezu idealtypisch: Der Lehrer Will Gerard (Nicolas Cage) ist glücklich mit seiner Gattin Laura (January Jones) verheiratet, als eines Tages das Schicksal zuschlägt und sie auf dem Nachhauseweg überfallen und vergewaltigt wird. Noch im Wartezimmer des Krankenhauses nimmt ein Mann namens Simon (Guy Pearce) Kontakt zu Will auf, bietet ihm an, die Strafe des ihm bereits bekannten Täters zu übernehmen. Nach kurzem Zögern nimmt Will das Angebot an, erhält wenig später tatsächlich den Beweis in Form eines Fotos des toten Verbrechers. Will ist entsetzt, auch weil er seine Entscheidung aus dem Affekt heraus traf, doch da auch seine Frau ins Leben zurückfindet, vergisst er, was passiert ist. Bis Simon wieder auftaucht und nun einen Gefallen von Will einfordert: Der Lehrer soll einen Mord an einem vermeintlichen Kinderpornografen begehen, um seine Schuld zu begleichen.

Zunächst mal: SEEKING JUSTICE ist deutlich besser, als ich es erwartet hatte, wenngleich auch kein übersehener Kracher, den man unbedingt sehen müsste. Zwar startete der Film in vielen Ländern im Kino, doch eigentlich handelt sich um den klassischen Fall eines Heimkinofilms: Die namhafte Besetzung ist glamourös genug, um ihn von sonstigem DTV-Kram abzuheben, und er ist von Ex-Hollywood-Profi Donaldson kompetent inszeniert, aber gemessen an den Eventmovies, die heute in den Multiplexen laufen, mutet er doch eher klein und auch etwas altbacken an. Nach hinten raus geht ihm zudem ein bisschen die Luft aus – wie seinem alternden Star bei den diversen fußläufigen Verfolgungsjagden. Vom handelsüblichen Rachefilm, mit dem ich gerechnet hatte, hebt er sich ebenfalls ab: Es geht nicht um die Frage, ob Selbstjustiz eine Lösung darstellt, auch nicht um den Kitzel, den der brave Bürger verspürt, wenn er plötzlich Sheriff spielt. Nie besteht ein Zweifel daran, dass Simon und die Organisation, die er im Rücken hat, böse ist und auch der Held bleibt standhaft seinen Werten und Überzeugungen verpflichtet, in denen Gewalt nicht vorkommt. Stattdessen verwickelt Donaldson seinen Protagonisten in ein Hitchcock’sches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der arglose Mann in ein übles Komplott gerät und sich ganz gegen seine Natur zur Wehr setzen muss. Abgeschmeckt wird das Ganze mit etwas paranoider Geheimbündlerei, denn die Organisation, die die Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist in alle Bereiche der Gesellschaft verzweigt. Das ist jetzt nicht die originellste Idee der Welt, aber es ist angenehm, dass Donaldson auf klassischen Thrill setzt statt auf wüste Gimmicks und abgeschmackte Provokationen.

Wer bei Nicolas Cage immer auf eine Lektion in Mega-Acting hofft, wird hier eher enttäuscht, denn der Star liefert eine zurückhaltende Darbietung ab, die dem Film sehr angemessen ist und all jenen, die ihn für einen gnadenlosen Overacter halten, zeigen, was seine Stärken sind: Als Will Gerard kommt Cage ungemein sympathisch und normal rüber. Gerade letzteres ist nicht unbedingt die Eigenschaft, die man als erstes mit ihm assoziiert. Einen wunderbar bescheuerten Einfall gibt es aber doch: Um Simon gegenüber zu signalisieren, dass er den „Vertrag“ wirklich eingehen will, soll Will zum Snack-Automaten des Krankenhauses gehen und zwei Schokoriegel ziehen. Die Szene, in der er das tut, wird von Donaldson ohne erkennbare Ironie als Suspense-Höhepunkt inszeniert inklusive Nahaufnahmen des zurückfahrenden Schokoriegel-Haltemechanismus und dramatischen Pausen von Cage. Man fragt sich als Zuschauer, was das soll und erwartet, dass vielleicht eine Botschaft oder ähnliches auf den Riegeln steht, aber nichts dergleichen. Das Ziehen des Snacks ist eine völlig arbiträre Handlung, genauso gut hätte Simon Will in die Hände klatschen oder „Ja, ich will“ sagen lassen können. Keine Ahnung, ob das als Witz gemeint war oder ob eine nähere Erklärung dem Endschnitt zum Opfer fiel: So oder so fand ich diesen Moment in seiner Leere einfach super. Sehr gut gefallen hat mir auch die Entwicklung von Laura nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus. Zuerst ist sie stark verunsichert, wünscht sich neue Türschlösser und dann eine Schusswaffe, was Will ablehnt. Man sieht sie, wie sie Schießunterricht nimmt und erwartet, dass ihre Entwicklung zum Paranoiker zu einem der Themen des Films wird. Stattdessen erholt sie sich dann (etwas zu schnell) und ihre neu erlernten Schießkünste kommen dann erst sehr überraschend im Finale wieder zum Einsatz, wenn sie dem Ehemann zur Hilfe kommt. Ihr merkt: SEEKING JUSTICE ist hier und da ein wenig holprig, aber es spielt dem Film tatsächlich eher in die Karten. Ein nettes Teil für Zwischendurch, gerade für Cage-Fans, Rachefilm-Komplettisten oder Freunde vergessener Hollywood-Routiniers. Kann man machen.

Warum sind wir so besessen von der Idee der Rache?

Rachefilme gehören zum US-Kino, seit berittene Helden mit Stetson und Revolver noch das Gros der Spielfilmprotagonisten stellten. Die Idee der Durchsetzung und Wiederherstellung von Gerechtigkeit mit den Mitteln der Gewalt spielte beim Aufstieg des Kinos zur beherrschenden Kunstform des 20. und 21. Jahrhunderts wahrscheinlich auch deshalb eine so bedeutende Rolle, weil die USA genau so, nämlich mit Blei, überhaupt aus dem Boden gestampft werden konnten: Bevor es eine Verfassung und ein Gesetzbuch gab, mussten schließlich erst all jene aus dem Weg geräumt werden, die einem solchen Unterfangen mehr als nur kritisch gegenüberstanden. In den Siebzigerjahren rückte dann eine neue Form des Rachefilms in den Fokus: Der Selbstjustizfilm, wie Michael Winner ihn mit DEATH WISH begründete, schlug den Bogen zum Western zurück, indem er eine Gesellschaft abbildete, die kurz vor dem Rückfall in die Barbarei stand. Das Verbrechen drohte Überhand und den „braven Bürgern“ die Existenzgrundlage wegzunehmen, so die Diagnose dieser Filme. Doch war es wirklich eine Lösung, das Gesetz mit der Schusswaffe wieder in die eigene Hand zu nehmen? Seit dem Erfolg des Charles-Bronson-Klassikers feiern der Selbstjustiz-Thriller und Rachefilm regelmäßig ihre Renaissance, was seltsam ist, weil es wahrscheinlich noch niemals so sicher auf unseren Straßen war wie heute. Und immer wieder wird in diesen Filmen suggeriert, dass die Frage nach der Recht- oder Unrechtmäßigkeit von Selbstjustiz neu verhandelt werden müsse, dass es keine Übereinkunft darüber gebe, dass die Aufgabe, Recht zu vollstrecken, in den Händen des Staates liege. Zugegeben: Wann immer ein Straftäter in den Augen der „schweigenden Mehrheit“ (oder der rechtskonservativen Presse) nicht hart genug bestraft wird, folgt todsicher auch wieder der Ruf nach der Todesstrafe oder einer anderen körperlichen Form der Bestrafung. Und sicher lässt sich das Rachebedürfnis von Menschen, die ein Familienmitglied aufgrund eines Verbrechens verloren, emotional gut nachvollziehen. Ich glaube aber nicht, dass es hier diesen echten Verhandlungsbedarf gibt, wie es der Rachefilm in den Raum stellt. Selbst dem überzeugtesten Rechtsausleger muss ja klar sein, dass er diesem „Recht“, das er für sich in Anspruch nehmen möchte, selbst zum Opfer fallen könnte. Trotzdem spülen seit einiger Zeit Jahr für Jahr gefühlt Dutzende von Filmen in unsere Kinos, in das Programm von Streaminganbietern oder via Blu-ray und DVD in unsere Regale, die sich mit Rache und Selbstjustiz auseinandersetzen, uns daran erinnern, dass wir gar nicht so tief in uns drin eine gewalttätige Spezies sind und die Frage aufwerfen, ob Rache nicht vielleicht doch OK ist. Der Rachefilm ist von einem kleinen Subgenre zu einer Standardform des Actionfilms und des Thrillers geworden. Und so reizvoll ich das Thema „Rache“ gerade für harte, politisch unkorrekte Reißer auch finde: Ich halte diese Tendenz für etwas beunruhigend. Selbst wenn alle diese Filme letztgenannte Frage ablehnend beantworten, wirkt es doch so, als geschehe das letztlich eher aus einem Pflichtgefühl heraus, denn aus Überzeugung.

LAW ABIDING CITIZEN ist kein besonders aktuelles, aber umso eklatanteres Beispiel für die nicht mehr ganz so neue Strömung, ein abgeschmackter, harter, sich in der ersten Hälfte in grafischen, abstoßenden Gewaltszenen und Anstößigkeit geradezu suhlender Film, der seinen relativ gängigen Plot – ein Mann, der seine Familie an zwei skrupellose Mörder verloren hat und vom Justizsystem enttäuscht wurde, nimmt Rache – mit den Mechanismen verbindet, die die SAW-Reihe dem Kino bescherte. Gerard Butlers Protagonist Clyde Shelton ist nämlich kein einfacher, heißgelaufener Vigilant, der mit der Pumpgun loszieht, um Punks abzuknallen wie sein Vorgänger Paul Kersey, sondern ein brillantes, diabolisches, in den Geheimdiensten geschultes Mastermind, das einen aufwändigen Plan ausgeklügelt hat, mit dem es seine Gegenspieler manipuliert wie Figuren in einem elaborierten Brettspiel. In diesem Spiel geht es nicht nur darum, Rache zu üben und Gerechtigkeit her-, sondern das gesamte Rechtssystem auf die Probe zu stellen. Ziel seines Plans sind neben den beiden Mördern, die bereits innerhalb der ersten halben Stunde ihr Leben auf grausame Art und Weise verlieren, auch der Rechtsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx), der sich damals auf einen faulen Deal einließ, sowie die Richterin und mit diesen der ganze Rechtsapparat. Eigentlich geht es Shelton aber gar nicht um Individuen, sondern insgesamt um die abstrakte Idee von Recht und um die Mechanismen, die diesem Recht dazu verhelfen, Wirklichkeit zu werden – zumindest behauptet er das. Das ist durchaus eine interessante Grundlage für ein sich mit philosophischen Grundfragen auseinandersetzendes Drama, aber LAW ABIDING CITIZEN verwendet seine Energie dann doch lieber auf die Zelebrierung grotesker Splatterszenen, derber, das R-Rating auf eine Zerreißprobe stellende Geschmacklosigkeiten, die seiner vermeintlich kritischen Haltung zuwiderlaufen, und haarsträubend idiotische Plotwendungen. Dieser Clyde Shelton mag ein Wahnsinniger sein, aber der Film findet nicht wenig Freude daran, seinen Wahn in blutrünstigen Bildern vor dem Betrachter auszubreiten. Es ist der klassische Fall eines Films, der sich für deutlich cleverer hält, als er tatsächlich ist und in dem Aufwand, der da betrieben wird, um möglichst perfide Gewaltdarstellungen herbeizukonstruieren und inhaltlich zu legitimieren, kommt ein unangenehm unreflektiertes, geradezu obsessives Verhältnis zu Gewalt zum Vorschein. Und wenn es am Ende darum geht, das Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, das da ie ganze Zeit angeteasert wurde, kommt nur antiklimaktischer Unfug dabei heraus. Drehbuchautor ist Kurt Wimmer, der einst den schönen Brian-Bosworth-Actioner ONE TOUGH BASTARD inszenierte, und danach mit dem MATRIX-Klon EQUILIBRIUM eine ganze hanebüchene Dystopie erdachte, bloß um Christian Bale mit einer Pistole herumfuchteln zu lassen.

Wer wie ich einen herkömmlichen Selbstjustizreißer von LAW ABIDING CITIZEN erwartet, wird sich nach etwa 30 Minuten ziemlich wundern: Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden ekligen Home Invaders, die Shelton Frau und Tochter vor seinen Augen ermorden und vergewaltigen, nämlich bereits tot, ihr Mörder – besagter Shelton – gefasst und man fragt sich, was in den kommenden 90 Minuten des Director’s Cuts eigentlich noch passieren soll. Bis hierhin durfte der Betrachter bereits einer Hinrichtung per Giftspritze beiwohnen, die durch Sheltons Zutun zur körperlichen Qual für das hilflose, wimmernde Opfer gerät, der blutigen Verstümmelung des Killers mit Trennschleifer und diversen anderen Schneidewerkzeugen sowie der folgenden Übersendung einer Videoaufzeichnung des Massakers an die kleine Tochter des Anwalts (die Auskunft, dass der Penis einem Teppichmesser und der Hodensack einem Hackebeil zum Opfer fielen, hebt der Film sich für die Dialoge auf). In diesem Tempo macht LAW ABIDING CITIZEN weiter: Die Richterin wird vom sich selbst verteidigenden Shelton erst davon überzeugt, dass er ohne Kaution auf freien Fuß zu setzen sei, dann von ihm als „bitch in heat“, die es gern „up the ass“ nehme, beschimpft, weil sie einen Killer wie ihn laufen ließe. Es bleibt nicht bei dieser Beleidigung: Er sprengt ihren Kopf wenig später via Telefonverbindung. Zu seinem Spielchen gehört auch die Ermordung seines Zellenkameraden durch ein gutes Dutzend Stiche mit einem Steakknochen in die Kehle, wonach sich der blutüberströmte Gerechtigkeitsfanatiker dann in aller Seelenruhe auf seine Pritsche legt. Ihr merkt schon: LAW ABIDING CITIZEN ist ein gemütliches kleines Filmchen, das cinephiler Schöngeister anspricht und zu rechtsphilosophischen Debatten bei Rotwein und Käsehäppchen anregt. Doch nachdem in der ersten Stunde die Leihen angehäuft wurden, packt den Film die Müdigkeit und er verfällt in gängige Thrillerstrukturen. Der so geniale Plan des Rächers läuft auf einen ziemlich schnöden Terrorakt hinaus (er will das Gerichtsgebäude sprengen), seine übermenschliche Intelligenz, die in einer Szene gepriesen wird, die auch aus einem Seagal-Film stammen könnte, besteht letztlich darin, dass er einen Tunnel gegraben hat, durch den er aus dem Knast entkommen kann. Und bevor man sich fragt, wozu er den ganzen irrwitzigen Aufwand eigentlich betrieben hat, wenn er seine Bombe doch auch einfach so hätte legen können, ist der Film zu Ende.

LAW ABIDING CITIZEN ist Hochglanzschund, ein mit viel Geld polierter Reißer, der so tut, als hätte er etwas zu erzählen, aber fast ausschließlich aus billigen Tricks besteht, die davon ablenken sollen, dass das alles kompletter Blödsinn ist. Der durchtriebene Anwalt und sein Team sind komplett unfähig und die Genialität des Killers würden andere als „Umständlichkeit“ beschreiben. Das trifft auch auf die Inszenierung zu, die mit so abgeschmackten Einfällen wie jenem daherkommt, die Hinrichtung eines Verbrechers mit einem Bühnenauftritt der Anwaltstochter parallelzumontieren. Hier ist alles Selbstzweck, der sich aber schämt, dazu zu stehen und stattdessen große Töne spuckt. Das ist für eine Stunde lang ganz putzig, danach aber nur noch nervtötend.