demon (marcin wrona, polen 2015)

Veröffentlicht: November 2, 2019 in Film
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Der Dibbuk ist in der jüdischen Vorstellung der Geist eines Verstorbenen, der von einem Lebenden Besitz ergreift. In Wronas drittem und nach seinem Freitod leider auch letztem Spielfilm fährt der Geist eines jüdischen Mädchens in den Körper eines Mannes, der soeben geheiratet hat, verunsichert so die ausgelassen feiernde Hochzeitsgesellschaft, offenbart ein dunkles Geheimnis und treibt einen Keil zwischen die Mitglieder einer polnischen Familie. DEMON ist sehr offenkundig eine Auseinandersetzung mit polnischem Antisemitismus und der Schuld, die auch viele Polen im Zweiten Weltkrieg auf sich luden und als solche gewiss ein Stachel im polnischen Fleisch, denn die offensive Aufarbeitung dieser Schuld lässt bei unseren Nachbarn noch auf sich warten (ich sage das natürlich, ohne erhobenen Zeigefinger, es ist lediglich eine Feststellung). Für ein Land, das zuerst Opfer der deutschen Kriegstreiber war, ist es wahrscheinlich ungleich schwerer, sich einzugestehen, dass nicht das ganze Volk im Widerstand war, sondern es durchaus Menschen gab, die den Nazs zur Seite standen.

Piotr (Itay Tiran), der in Großbritannien aufgewachsen und fremd in Polen ist, reist in das Land seiner Eltern, um dort seine Geliebte Zaneta (Agnieska Zulewska) zu heiraten, die Tochter eines großen Bauunternehmers (Andrzej Grabowski). Von ihm erhält das junge Paar ein altes Landhaus als Geschenk, das die beiden zu renovieren gedenken. Beim Umgraben des Grundstücks vor den Feierlichkeiten macht Piotr aber einen erschreckenden Fund: Er stößt auf die Knochen eines Menschen. Zwar verscharrt er sie sofort wieder, doch auf der folgenden Hochzeitsfeier verhält er sich zunehmend seltsam, bis er schließlich von heftigen Zuckungen befallen wird. Während der Vater versucht, die Gäste bei Laune zu halten und die „Blamage“ zu überspielen, beginnt Piotr Jiddisch zu sprechen und sich als Hanna auszugeben, ein jüdisches Mädchen, das während des Krieges spurlos verschwand.

In den zahlreichen englischsprachigen Reviews von DEMON ist zu lesen, der Film sei zumindest in Teilen eine Komödie, was eine Einschätzung ist, die ich einigermaßen befremdlich finde, denn lustig ist das, was da passiert eigentlich nicht – es sei denn, man findet es ausnehmendkomisch, wie da der schöne Schein vor den Augen der trunkenen Hochzeitsgesellschaft von einem Geist zum Bröckeln gebracht wird. Es überwiegen aber eigentlich Zorn, Fassungslosigkeit oder eben Mitleid, denn für den Zuschauer ist relativ schnell klar, dass das Geheimnis, das da in der Erde vergraben liegt, einen sehr tragischen Hintergrund hat – und Teile der feinen Herrschaften entgegen ihrer Bekundungen ganz genau wissen, was es damit auf sich hat. DEMON erinnerte mich sehr stark an Vinterbergs FESTEN, in dem ebenfalls eine große Familienfeier den Hintergrund für die schonungslose Dekonstruktion einer anscheinend makellosen bürgerlichen Sippschaft liefert. Doch während das Übel dort einen „privaten“ Hintergrund hatte, nämlich in den Beziehungen des Patriarchen zu seinen Kindern zu suchen war, reicht es in DEMON über die im Zentrum stehende Familie hinaus: Der im Raum stehende Mord an einem jüdischen Mädchen steht stellvertretend für die Verbrechen, die polnische Nazi-Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg begingen – in diesem Fall noch dazu aus rein materiellen Gründen. Das Haus, das der Vater seiner Tochter und seinem Schwiegersohn so großzügig vermacht, gehörte ursprünglich nämlich nicht ihm. Wrona formuliert das alles nicht bis ins letzte Detail aus und belässt vieles vage, aber es scheint doch einigermaßen klar, dass die Familie einen Teil ihrer Reichtümer im Krieg unrechtmäßig erwarb, um es freundlich auszudrücken.

DEMON sieht fantastisch aus mit seinen in erdige Braun- und Goldtöne gehüllten Bildern, die zum Ende hin immer kälter werden, und verfügt zudem über hervorragende Hauptdarsteller und ein nuanciertes Drehbuch, aber er ist leider nicht besonders überraschend. Kennt man Vinterbergs Dogma-Klassiker, kommt einem vieles sehr bekannt vor, und die Durchschlagskraft, die DEMON für polnische Zuschauer ganz sicher haben mag, blieb für mich als deutscher Zuschauer, der sich bereits oft mit unserem speziellen Beitrag zur Geschichte auseinandersetzen musste, eher aus. So steht am Ende ein Film, den ich als „gut“ bezeichnen würde, ohne von ihm tatsächlich in Begeisterung versetzt worden zu sein.

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