joe (david gordon green, usa 2013)

Veröffentlicht: November 3, 2019 in Film
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Über Streamingdienste wird in meiner Filterbubble heiß und kontrovers diskutiert. Die einen sehen darin den Sargnagel für die eh schon am Boden liegende Kinokultur und bemängeln ein bestenfalls mittelprächtiges, schlecht kuratiertes Angebot der Anbieter gepaart mit einer Benutzerführung, die einem potenziell interessante Titel vorenthält, um einen dafür mit den prestigeträchtigen Kassenmagneten zuzuschmeißen, für andere ist es auch nur eine andere, zusätzliche Art, Filme zu Hause sehen, die ja auch einige Vorteile mit sich bringt: Tausende Titel sind nur einen Knopfdruck entfernt und können „ausprobiert“ werden, ohne dafür eine Leihgebühr zu entrichten. Ich kann beide Haltungen verstehen, sehe immensen Verbesserungsbedarf, und glaube, dass Menschen mit einem filmischen Interesse jenseits der großen Eventblockbuster und Neuheiten immer das Nachsehen haben werden (was aber bei den Videotheken auch schon so war). Andererseits sehe ich bei mir, dass ich mir via Prime Filme ansehe, die ich wahrscheinlich nie geschaut hätte, wenn ich dafür extra hätte bezahlen müssen. JOE ist so ein Titel.

Auf JOE bin ich nur gestoßen, weil ich die Amazon-Prime-Filmothek nach potenziell interessanten Gratistiteln durchsucht habe. Nic Cage sehe ich immer gern, der Untertitel „Die Rache ist sein“ suggerierte mir einen DTV-Actioner, der Film wanderte auf meine „Watchlist“. Die Sichtung war dann aber eine echte Überraschung, weil der Film sich als erstklassiges, sensibles Drama vor pittoresker White-Trash-Kulisse entpuppte, in dem der Hauptdarsteller eine seiner allerbesten Karriereleistungen ablegt. Und dann offenbarten mir die Schlusscredits auch noch, dass das Teil mitnichten ein DTV-Film eines Unbekannten, sondern eine respektable Indieproduktion von David Gordon Green ist. Manchmal ist es ja wirklich von Vorteil, wenn man sich nicht andauernd über das filmische Tagesgeschehen informiert. Man wird viel häufiger überrascht.

Zuletzt machte Cage immer dann von sich Reden, wenn er schauspielerisch über die Stränge schlug, Stichwort „Megaacting“. Mit MANDY erlebte er eine kleine Renaissance, demnächst wird er, nach allem, was man so liest, in Richard Stanleys von mir sehnlichst erwartetem THE COLOR OUT OF SPACE ähnlich am Rad drehen. Aber JOE ist kein Film, in dem Cage mit den Augen rollt, Sätze rätselhaft betont, wie aus dem Nichts anfängt zu schreien oder zu singen oder sonstwie agiert, als käme er von einem anderen Planeten, trotzdem liefert der Star eine Performance ab, die unverkennbar Cage ist. Niemand kann so entspannt und genussvoll an einer Zigarette ziehen wie er und allein ihm dabei zuschauen zu können, wie er sich in nahezu jeder Szene eine Kippe anzündet oder sich am Küchentisch eine Whisky-Cola mischt, macht JOE für mich zum Gewinner. Auch Dialoge wirken ganz zweifellos so, als habe Cage entweder ein Wörtchen mitgeredet oder aber als seien sie von Green gleich mit ihm im Hinterkopf geschrieben worden. Joes Tipp für den coolen Gesichtsausdruck, auf den die Frauen so stehen: So schauen, als habe man starke Schmerzen und dann lächeln. Was lässt die Damen sofort aufhorchen? Das Klingen eines aufschnappenden Zippos, denn wer es erklingen lässt, hat Geld – so glauben sie zumindest. Aus dem Munde von Joe/Cage klingen diese Nuggets wie echte Lebensweisheiten.

JOE hat durchaus seine Merkwürdigkeiten, aber es wird nicht mit Leuchtsignalen und Neonschildern auf sie hingewiesen, vielmehr fügen sie sich organisch in die Welt und das Leben ein, das David Gordon Green hier abbildet. Diese Welt befindet sich irgendwo in Texas (gedreht wurde in und um Austin herum) und sie wird bevölkert von einfachen Leuten, Versagern und Säufern, Prostituierten und einfachen Arbeitern, die sich so durchs Leben schlagen. Einer von ihnen ist eben Joe (Nicolas Cage), ein saufender, kettenrauchender Ex-Häftling, der Schwierigkeiten hat, seine Aggressionen im Zaum zu halten und im Auftrag eines Rodungsunternehmens mit seinem Team illegale Baumvergiftungen vornimmt. Eines Tages begegnet er dem 15-jährigen Gary (Tye Sheridan), ein fleißiger, zuvorkommender und freundlicher Junge und selbst missbrauchserfahrener Sohn eines alkoholkranken Vaters (Gary Poulter). Zwischen Joe und Gary entwickelt sich eine enge Freundschaft, weil sich der ältere Mann in dem Jungen wiedererkennt und ihn auf den richtigen Weg führen will. Diese Fürsorge führt unweigerlich zu Konflikten mit dem Vater, der in seinem Sohn (und der verstörten Tochter) vor allem ein Mittel sieht, seinen eigenen Suff zu finanzieren.

Der Plot, den man aus JOE herauskristallisieren könnte, tritt gegenüber den Alltagsbeobachtungen, die Green anstellt, in den Hintergrund. Zwar läuft der Film durchaus stringent auf sein Ziel zu, aber zum einen hat er es auf seinem Weg nicht allzu eilig, zum anderen betrachtet er diesen nicht so sehr als Resultat außergewöhnlicher Handlungen, sondern gewissermaßen als vorgezeichnet. Joe tut einfach, was er aufgrund seiner Haltung zum Leben und seiner Überzeugungen für richtig hält. Und wir begleiten ihn auf diesem Wegabschnitt, der sich als sein letzter entpuppt. Cage interpretiert Joe als eigentlich eher harmoniebedürftigen Menschen. Er ist umgänglich, stets hilfsbereit und interessiert an seinen Mitmenschen, aber er macht nicht viele Worte, schwingt keine großen Reden. Etwas nagt an ihm – seine Frau hat ihn mit seinen Kinder verlassen und den Kontakt zu ihm abgebrochen -, aber er zieht keine Aufmerksamkeit auf seine Probleme. Die Ruhe, die er ausstrahlt, ist allerdings sehr anfällig für Störsignale von außen – und dann neigt Joe zu Aktionen, die ihm immer wieder Ärger bereiten. Da gibt es zum Beispiel einen aggressiv kläffenden Hund in dem Bordell, das er immer aufsucht, und er hasst diesen Hund, fordert immer wieder, dass er weggesperrt wird, wenn er vorbeikommt. Als der Hund ihn bei einem seiner Besucher wieder einmal anbellt, platzt Joe der Kragen: Er fährt nach Hause, holt seine eigenen Hund – eine Bulldogge -, bringt diesen mit und hetzt ihn auf den anderen Köter, bis der tot am Boden liegt. Ein anderes Mal wird er von einem Polizisten zum Alkoholtest aufgefordert. Joe weigert sich und fährt davon, attackiert schließlich den Polizisten, weil er dessen Manöver für Schikane hält. Joe wird in diesen Momenten aber keineswegs zum rasenden Amokläufer, dem die Sicherung rausspringt: Er verzweifelt vielmehr daran, dass sich die Welt ihm immer wieder in den Weg stellt und geht lediglich mit äußerster Entschlossenheit, aber vollkommen kalkuliert dagegen vor. Er ist nicht das Opfer von Affekten oder Übersprungshandlungen: Er akzeptiert einfach nicht, dass die Dinge manchmal so sind wie sie sind.

Green drehte JOE zum Teil mit Amateuren, mit echten Obdachlosen und Alkoholikern, die dem Film seine Authentizität verleihen. Gary Poulter ist einer von ihnen und er bringt eine beunruhigende Unberechenbarkeit mit, weil sein Spiel frei ist von allen Affekten und Manierismen. Wind und Wetter haben tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben und wenn er sich durch die Straßen treiben lässt, wird er eins mit seiner Umgebung. Sein Blick scannt die Umgebung ab, prüfend, ob es irgendwo etwas für ihn zu holen gibt, gleichzeitig ruht er ganz in sich. Man müsste ihn als Entdeckung bezeichnen, wenn er man ihn nicht kurz nach Ende der Dreharbeiten tot aufgefunden hätte: Er war stark alkoholisiert in einen See gestürzt und ertrunken. Der Vorwurf der Elendspornografie, der bei solchen Filmen immer im Raum steht, prallt meines Erachtens ab an JOE und Green. Zwar wirft er einen Blick auf ein prekäres Milieu, auf Menschen, die vom Neoliberalismus abgehängt wurden und er beschönigt da nichts, aber weder suhlt er sich in Bildern des Verfalls und der Armut noch möchte er uns das, was er uns zeigt, als irgendwie „ehrlicher“ verkaufen. Die Menschen in JOE führen ihr Leben so gut wie sie es können, sie gehen ihren Weg. Ob sie ihn freiwillig eingeschlagen oder ob schicksalhafte Umstände sie geführt haben, spielt für sie eigentlich keine Rolle. Wichtiger ist, dass sie ihn jetzt mit Haltung beschreiten.

 

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