sicario: day of the soldado (stefano sollima, usa/mexiko 2018)

Veröffentlicht: November 4, 2019 in Film
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Ich habe nur noch sehr vage Erinnerungen an SICARIO, deswegen kann und werde ich hier auf die inhaltliche Verbindung zum Vorgänger nicht eingehen und auch nicht die Frage beantworten, ob das Sequel eigentlich ein Prequel ist (wie es wohl mal geplant war) oder doch eine „echte“ Fortsetzung. Bei der Betrachtung spielte meine Gedächtnislücke aber kaum eine Rolle. SICARIO: DAY OF THE SOLDADO funktioniert auch als alleinstehender Film, der mit Villeneuves erstem Teil vor allem die nüchterne Sicht auf die Dinge und eine trockene Darstellung derselben teilt – und sogar noch einen draufsetzt: Während Emily Blunts Protagonistin zuvor noch als moralische Instanz fungierte, an der man sich orientieren und festhalten konnte, hat man es jetzt fast nur noch mit Verbrechern oder politischen Hardlinern zu tun, für die der Zweck jedes Mittel rechtfertigt. Wie Villeneuve nimmt auch Sollima eine Position zu den Figuren und Geschehnissen ein, aber ich vermute trotzdem, dass knallharten Trump-Verfechtern hier ziemlich einer abgeht – was auch so ein bisschen der Haken an SICARIO: DAY OF THE SOLDADO ist.

Der Film beginnt mit ISIS-Terroristen, die über die mexikanische Grenze in die USA kommen und dort dann ein Selbstmordattentat begehen – zumindest glaubt CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) an diese Verbindung. Sein Plan: Isabel (Isabela Moner) entführen, die Tochter des Kartellbosses Reyes, der unter anderem mit der Schlepperei sein blutiges Geld verdient, den Verdacht auf ein anderes Kartell lenken und so einen Krieg anzetteln, an dessen Ende beide zerschlagen sind und der illegalen Emigration ein Ende gesetzt ist. Graver schaltet Alejandro (Benicio del Toro) ein, einen Anwalt-turned-Profikiller, dessen Familie einst von Reyes umgebracht wurde und der nun für die Amerikaner die Drecksarbeit macht. Die Entführung gelingt, doch der Plan der Amerikaner fliegt auf und es kommt zu einem offenen Schusswechsel auf mexikanischem Boden, bei dem Gravers Männer mehrere mexikanische Polizisten erschießen. Isabel entkommt und Alejandro stellt ihr nach, derweil Gravers Auftraggeber den Stecker ziehen. Das Todesurteil für Alejandro und Isabel – und Graver soll es vollstrecken.

Denkenden Menschen sollte klar sein, dass Graver kein Held ist, die politisch-militärischen Winkelzüge der Amerikaner kaum besser als das, was die Kartelle da treiben. Die Autonomie des Nachbarstaates wird von den Amerikanern einfach ignoriert, voller Absicht und Berechnung in das Leben von Menschen eingegriffen, weil es die eigene Agenda stützt. Graver und seine Leute heizen bis an die Zähne bewaffnet in ihren gepanzerten Humvees herum, intrigieren und töten – wer nicht mitspielt, wird gefoltert oder muss ansehen, wie seine Familie per Knopfdruck ausgelöscht wird. All das geschieht ohne jedes Mitleid, sondern stets im Glauben, der „guten Sache“ zu dienen. So stellt sich dann auch die ursprüngliche Annahme, islamische Terroristen seien von Mexiko in die USA eingedrungen, als Trugschluss heraus – ändern tut das aber nichts: Man stellt zähneknirschend den Irrtum fest, pfeift die Hunde zurück und betreibt Schadensbegrenzung, indem man die Spuren verwischt. Beim nächsten Mal wird alles ganz genau wieder so laufen.

Die Haltung, die sowohl Villeneuve als auch Sollima an den Tag legen, ist natürlich die reifere: kein Predigen mit erhobenem Zeigefinger, sondern eine vergleichsweise nüchterne Darstellung, aufgrund derer man seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Für mich ist es ganz klar, auf welcher Seite die Filmemacher stehen. Aber dann stellt sich eben auch wieder die Frage, ob es in diesen Zeiten wirklich so clever ist, die Protagonisten eines amerikanischen Actionfilms gegen illegale mexikanische Einwanderer und islamische Terroristen, die sich unter diese mischen, zu richten? Ob ein Film wie SICARIO: DAY OF THE SOLDADO angesichts der Tatsache, dass Latinos im Hollywood-Kino fast ausschließlich auf die Rolle der Drogengangster, Waffenhändler oder Gangmitglieder reduziert werden, nicht ein falsches Signal ist? Ob es wirklich nötig ist, zu zeigen, wie eine Frau und ein Kind von der Explosion eines Selbstmordattentäters ausgelöscht werden? Ob all die Reaktionären, die Trump ihre Stimme gegeben haben und ihn auch nach drei Jahren Präsidentschaft immer noch als messianischen Heilsbringer verehren, in Brolins Graver wirklich einen Schurken sehen oder nicht doch den braven Diener seines Vaterlandes, der tut, was er tun muss, um die Freiheit zu erhalten? Ob Militärfetischisten angesichts des Arsenals, das hier aufgefahren wird, nicht feucht im Schritt werden? Ob die Schlusspointe der Ausrichtung des Films nicht einen Bärendienst erweist? Aber dann muss man auch darüber diskutieren, ob Filmemacher wirklich diese Verantwortung tragen: Müssen sie sich wirklich davor absichern, dass Idioten ihr Werk in ihrem Sinne falsch auslegen könnten? Ich weiß es nicht genau. Mir hat SICARIO: DAY OF THE SOLDADO gut gefallen, wahrscheinlich sogar besser als der Vorgänger (das müsste ich noch einmal verifizieren), aber er löst eben auch ein ungutes Gefühl bei mir aus, wenn ich daran denke, wer diesen Film eben auch sieht und sich von ihm bestätigt fühlt. Wir leben in einer heiklen Zeit, in der Angst eine wesentliche Motivation ist: Angst vor den „Fremden“, die uns etwas wegnehmen können, auf der einen Seite, Angst davor, dass wir die Freiheit, die wir erworben haben, vor lauter Blindheit und Hass aufs Spiel setzen und geradewegs in eine Katastrophe hineinsteuern auf der anderen Seite. SICARIO: DAY OF THE SOLDADO ist ein Kind dieser Zeit, er greift all die Widersprüche und konfligierenden Emotionen und Haltungen auf und setzt auf mündige Zuschauer. Ich weiß aber nicht, ob ich derzeit auf die Urteilsfähigkeit der breiten Masse vertrauen möchte.

 

Kommentare
  1. Oskar sagt:

    „aber ich vermute trotzdem, dass knallharten Trump-Verfechtern hier ziemlich einer abgeht“

    Ach, nö. Jetzt fängst selbst du mit solchen Phrasen an…

    • Oliver sagt:

      Das ist keine Phrase, sondern, wie da schon geschrieben steht, eine Vermutung, die ich zudem argumentativ untermauere. Phrasenhaft ist demgegenüber aber dein Vorwurf, da du völlig im Dunkeln lässt, was dich genau an meinem Satz stört, außer dass „das“ irgendwie alle sagen – was jetzt auch nicht gerade der originellste Vorwurf aller Zeiten ist.

  2. Oskar sagt:

    Da hast du schon recht. Aus diesem Grunde kurz präzisiert:

    Mich persönlich stört die Einbindung von Tagespolitik in Kunstessays und die Nennung des Namens eines sich gegenwärtig im Amt befindlichen Politikers ist in meinen Augen dergleichen.

    Verweise auf inhaltliche Ambivalenzen, die eine bestimmte Klientel in ihrem befremdlichen Gedankengut bestätigen könnten, sind interessant und nicht mein Problem, wenn sie denn allgemeiner gefasst würden. Statt also von „Reaktionären, die Trump ihre Stimme gegeben haben“ zu schreiben, bin ich eher ein Freund davon, wenn man schlicht von „Reaktionären“ spricht.

    Mal ganz davon abgesehen, dass die Trump-Wählerschicht sich nicht so eindeutig zusammensetzt, wie es oft suggeriert wird und man sich auch fragen sollte, was Medienliebling Obama eigentlich alles falsch gemacht haben muss, damit eine Type wie Trump überhaupt Präsident der USA werden konnte. Aber das ist ein anderers Thema.
    Weist aber auch daraufhin, dass deine Analyse mit allgemeineren Formulierungen treffender wäre. Denn ich bin mir sicher, dass sich nicht nur „Trump-Wähler“ durch SICARIO bestätigt fühlen könnten, sondern ebenfalls ehemalige Clinton-Unterstützer, die ihres Zeichens ja ein sog. politischer „Falke“ war, die militärischen Operationen gegenüber bekanntermaßen stets sehr aufgeschlossen war.

    Diese Trump-Hysterie geht mir – da will ich gerne Farbe bekennen – unheimlich auf den Keks, da mit ihr meist eine Dichotomie (Trump-Wähler = böse und dumm / Demokraten-Wähler = aufgeklärt und weltoffen) suggeriert wird (deutlich formuliert oder zart angedeutet mitschwingend ), die m. E. die Wirklichkeit schlicht nicht hergibt.

    Nicht falsch verstehen: Insbesondere dein letzter Absatz ist gut begründet. Du wirfst Fragen auf, die es wert sind gestellt zu werden. Aber ich mag es eben allgemeiner und abstrakter lieber.

    Du präferierst hingegen – zumindest in diesem Falle – das Konkrete. So ist das.

    Aber da es hier ja eine Kommentarfunktion gibt, die sicher nicht nur dazu da ist, Lob auzuschütten, sondern auch um andere Standpunkte in die Waagschale zu werfen, habe ich diese Möglichkeit genutzt.

    • Oliver sagt:

      So kann ich damit doch schon deutlich mehr anfangen und ja, Kritik ist hier natürlich erwünscht und willkommen, sofern sie konstruktiv ist. (Pöbeln darf man auch, nur muss man dann damit rechnen, dass ich entweder zurückpöble oder aber nicht antworte.)

      Zu deinen Anmerkungen: Ja, das stimmt schon, nicht nur Trump-Wähler dürften sich von aus Mexiko emigrierten islamistischen Terroristen getriggert fühlen, sondern auch alle anderen Rassisten und Paranoiker.

      Jetzt mein Einwand: Erstens nehme ich an, dass die Schnittmenge zwischen allen US-amerikanischen Rassisten und Trump-Wählern ziemlich groß sein dürfte, zweitens ist der zeitliche Bezug und damit der HInweis auf Trump schon nicht ganz unwichtig für meine Kritik. Es stimmt, Mexikaner waren auch schon unter Obama und wahrscheinlich unter allen vorangegangenen Präsidenten zuvor nicht gut gelitten bzw. Opfer von Vorurteilen und gegen islamischen Terror wurde auch schon vor 20 Jahren prominent zu Felde gezogen. (Der Aufschrei gegen TRUE LIES und seine Zeichnung von Arabern war ja damals, zu Zeiten Clintons, auch schon ziemlich laut.)

      Ich meine aber, dass die weltweite politische Lage heute deutlich fragiler ist als damals (ich sage das natürlich als jemand, der sich eher links einordnen würde, ein Rechter sieht das wahrscheinlich anders) und das Risiko, das mit Ambivalenzen einhergeht, nämlich dass sich die Falschen bestätigt fühlen, heute ungleich größer ist.

      Will sagen: Ja, grundsätzlich muss es erlaubt sein, einen Film über mexikanische Drogenkartelle zu machen. Im Jahre des Herrn 2018 fällt dieser aber auf einen deutlich fruchtbareren Boden als er das let’s say 2010 getan hätte. Und deshalb weiß ich nicht, ob es für einen Film, zumal einen, der ja eine kritische Haltung zu Staatsmacht, Militarismus und Rassismus einnimmt, nicht bessere Sujets gibt. Oder ob nicht eine etwas weniger grauzonige Ausrichtung besser wäre.

      Ich bin selbst nicht hundertprozentig zufrieden damit, weil ich für die Freiheit der Kunst bin und jederzeit gegen eine gewissermaßen pädagogische Ausrichtung eintreten würde. Aber bei SICARIO 2 fühlte ich mich mitunter unwohl, weil ich immer daran denken musste, wer sich vom Gezeigten fälschlicherweise bestätigt fühlen könnte.

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