get the gringo (adrian grünberg, usa/mexiko 2012)

Veröffentlicht: November 5, 2019 in Film
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Mel Gibson befindet sich seit einigen Jahren in einem seltsamen Karrierelimbo: Zwar tritt er trotz seiner alkoholgeschwängerten antisemitischen Ausfälle noch relativ regelmäßig mit großen, aufwändigen und prestigeträchtigen Produktionen als Regisseur in Erscheinung (zuletzt etwa mit HACKSAW RIDGE, der mich gleichermaßen fasziniert wie befremdet hat), doch als Hauptdarsteller in Großproduktionen scheint er einigermaßen verbrannt, was nur zum Teil auf sein mittlerweile fortgeschrittenes Alter zurückzuführen ist. Seine letzten Filme waren Zahlers großartiger DRAGGED ACROSS CONCRETE, ein unabhängig produzierter Low-Budget-Film, und der Historienfilm THE PROFESSOR AND THE MADMAN, der ebenfall außerhalb des großen Filmzirkus anzusiedeln ist. Seine letzten Hollywood-Filme waren DADDY’S HOME 2, THE EXPENDABLES 3 und MACHETE KILLS, in denen er jeweils die Funktion der aufmerksamkeitstauglich besetzten Nebenrolle einnahm. Und vor diesen kam eben der mit rund 20 Millionen Dollar budgetierte GET THE GRINGO, der weltweit gerade einmal ein Viertel davon wieder einspielte. Nicht gerade ein Argument für ihn, aber GET THE GRINGO ist ein hübscher Appetithappen für Fans des badass cinema, in dem es sich Gibson kein Stück anmerken lässt, dass er die Teilnahme an einem Film dieser Art zehn Jahre vorher nicht einmal annähernd in Erwägung gezogen hätte.

Gibson spielt den Berufsverbrecher Driver, der direkt zu Beginn des Films nach einem Raubüberfall, bei dem er zwei Millionen Dollar erbeutet hat, vor der Polizei flieht und dabei die Grenze nach Mexiko überquert. Sein Verfolger (Dean Norris) hat gegenüber den korrupten mexikanischen Cops das Nachsehen: Sie stecken Driver in das berüchtigte Gefängnis „El Pueblito“ – das Gibsons Charakter mit „the world’s shittiest mall“ vergleicht – und selbst die Beute ein. Im Knast checkt Driver sofort die Lage, um dort einigermaßen über die Runden zu kommen und findet so heraus, dass der Crimlord Javi (Daniel Giménez Cacho), der den Knast quasi regiert, dringend eine neue Leber benötigt. Ein sicherer Spender ist ein zehnjähriger Junge (Kevin Balmore), der im Knast sitzt, weil seine Mutter (Dolores Heredia) wegen eines Drogendeliktes verurteilt wurde: Er hat eine Rechnung mit Jai offen, denn der Gangster ermordete einst seinen Vater. Driver freundet sich mit dem Jungen an und versucht ihm zu helfen. Dass der um die zwei Millionen Dollar erleichterte Frank (Peter Stormare) seine Fühler nach Driver ausstreckt, um sein Geld zurückzubekommen, nutzt der clevere Gangster für seine eigenen Zwecke.

GET THE GRINGO hat zum einen einen großartig aufgelegten Mel Gibson, der diesen Crime-Film mit seinem angeborenen Charisma und seinem lakonischen Humor gehörig aufwertet, mit dem real existierenden „El Pueblito“-Knast zum anderen ein faszinierendes Setting, das sich von anderen Film-Gefängnissen deutlich abhebt. Es ist eine ganz eigene Welt, eine vollständige kleine Stadt mit unterschiedlichen „Einwohnern“, die sich hier innerhalb der gegebenen Strukturen „frei“ bewegen, eigenen Geschäften und einer eigenen Ordnung und Hierarchie. Zusammen mit Driver lernt der Zuschauer diese faszinierende Welt kennen, erhält Einblicke in die Mechanismen und Regeln, nach denen sie funktioniert und nimmt dann Teil daran, wie er diese für seinen eigenen Zwecke beugt und nutzt. Ziel ist natürlich, mittelfristig auszubrechen, am besten mit der Kohle, die er erbeutet und dann bei seiner Inhaftierung verloren hat. Grünbergs Film erinnert ein bisschen an Kurosawas YOJIMBO oder noch mehr natürlich an Leones Western-Adaption PER UN PUGNO DI DOLLARI: Wie Eastwoods Namenloser manipuliert Driver die verschiedenen Parteien, suggeriert ihnen, er spiele bei ihrem Spiel mit, während er sie in Wahrheit für seine eigenen Zwecke nutzt. Die schönsten Szenen hat GET THE GRINGO aber gleich nach seiner Ankunft im Knast, wenn er ungläubig mit dem ausgelassenen Treiben dort konfrontiert wird, erste Schritte für das spätere Überleben unternimmt (er überfällt einen Gangster und deponiert dann dessen Knarre in einem Versteck) und bereits Pläne ausheckt und ausführt, um an etwas Bargeld zu kommen. Später verfällt der Film dann etwas in den Modus der zynischen Gewaltkomödie, wenn etwa die beiden Cops vom Anfang von Frank verhört, gefoltert und schließlich hingerichtet werden. Nicht mein bevorzugter Modus für diese Art von Crime-Film, aber Grünberg vermeidet auch allzu starke Überzeichnungen und doofe Witze. Am Ende gibt es einen großen Shootout mit – leider- ziemlich hässlichen CGI-Blutspritzern und eine Eastwood-Imitation von Gibson, an der sich die Geister scheiden werden und die allein deshalb schon im Gedächtnis bleibt, sowie ein romantisches Happy End für Driver.

GET THE GRINGO ist kein Meisterwerk, aber es ist schön, dass es solche Filme überhaupt noch gibt. Das sang- und klanglose Absaufen an der Kinokasse spricht allerdings nicht dafür, dass wir dergleichen in Zukunft noch oft serviert bekommen werden. Von Gibson als Mensch mag man halten, was man will, aber den badass mit dem Sinn für Humor und Selbstironie hat er immer noch drauf wie kein anderer. Von daher bitte mehr davon: Eine Welt, die uns Gibson in kleinen, dreckigen Crime- und Actionfilmen schenkt, ist eine bessere. Regisseur Grünberg ist derzeit mit RAMBO: LAST BLOOD im Kino zu sehen. Kein Meister seines Faches, aber einer, der sich auf Actioninszenierung versteht und der gern damit weitermachen darf.

 

Kommentare
  1. Dennis Neiss sagt:

    „Grünbergs Film erinnert ein bisschen an Kurosawas YOJIMBO oder noch mehr natürlich an Leones Western-Adaption PER UN PUGNO DI DOLLARI.“ Oder auch an Walter Hills LAST MAN STANDING.

    • Oliver sagt:

      Was in der Natur der Sache liegt.

      • Dennis Neiss sagt:

        Wobei du schon recht hast, dass dich GET THE GRINGO mehr an Leones Adaption erinnert. Geht mir ähnlich.

        LAST MAN STANDING ist tonal einfach zu weit weg von GET THE GRINGO. Mehr Endzeitfilm oder wie Andreas Kilb es damals ausdrückte, The Last Gangster Show, als Gangsterkomödie.

  2. Oliver sagt:

    Habe den eigentlich nur deshalb nicht erwähnt, weil er ja auch nur eine weitere Adaption ist, während der Leone ja sehr gleichberechtigt neben Kurosawas Original steht. Aber ja, Hill inszeniert den als in einer ahistorischen Hyperrealität angesiedelt.

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