bad frank (tony germinario, usa 2017)

Veröffentlicht: November 19, 2019 in Film
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Der nächste Eintrag in meiner kleinen Reihe „Filme, die auf meiner Amazon-Prime-Watchlist landeten, weil sie nach Action aussahen, sich dann aber als etwas anderes entpuppten“: BAD FRANK ist ein kleiner, für gerade einmal 80.000 Dollar in New Jersey produzierter Crime-Film, um den titelgebenden Frank (Kevin Interdonato), den vorbestraften Sohn eines Polizeibeamten (Ray Mancini), der seit einigen Jahren versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, dann aber wieder mitten hineinrutscht ins Milieu, weil er seinem Kumpel Travis (Brandon Heitkamp) einen Gefallen tut. Bei dem Drogendeal, bei dem Frank eigentlich nur im Hintergrund rumsteht, ist zunächst mal sein alter Komplize Mickey (Tom Sizemore) involviert, ein skrupelloser Gewaltverbrecher, dessen Sidekick Niko (Russ Russo) dann auch gleich zur Waffe greift und die Geschäftspartner kaltblütig erschießt. Frank kann es nicht fassen und weil er keine Lust hat, sein neues, cleanes, alkoholfreies Leben mit Ehefrau und Haus wegen eines Verbrechens aufs Spiel zu setzen, mit dem er rein gar nichts zu tun hatte, beschließt er, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Doch dann bekommen Mickey und Niko von seinem Vorhaben Wind und entführen seine Gattin Gina (Amanda Clayton), um ihn ruhigzustellen. Und Frank, der seine inneren Impulse seit Jahren mit größter Anstrengung zurückgehalten hat, explodiert förmlich.

Es ist gewiss keine neue Geschichte, die Regisseur Tony Germinario erzählt, aber sie wird durch das aufopferungsvolle Spiel seines Hauptdarstellers und die Direktheit der Inszenierung mit Leben gefüllt. Ein bisschen erinnerte mich BAD FRANK an BRAWL IN CELL BLOCK 99 und DRAGGED ACROSS CONCRETE, die beiden letzten Filme von Craig R. Zahler, gegenüber denen er aber noch einmal eine ganze Ecke kleiner und schmuckloser wirkt, zudem Zahlers Hang zum Absurden vermissen lässt. Was er aber mit ihnen teilt, ist die Ruhe der Inszenierung, die Gewöhnlichkeit und Mittelmäßigkeit der Welt, in der er angesiedelt ist, und ein Protagonist, der zwischen den zwei Welten, zwischen denen er gefangen ist, förmlich zerrissen wird. Kevin Interdonato ist die eigentliche Entdeckung des Films: Muskulös, ohne aufgepumpt zu wirken, und mit einem ebenso kantig-virilen wie etwas dumpfen Gesicht, entspricht er jenem Typ Schauspieler, der in einer großen Produktion bestenfalls mal den im Hintergrund herumstehenden „Bad Guy #3“ spielen darf, aber hier die Gelegenheit bekommt, zu zeigen, was er kann. Und das ist eine Menge. Sein Frank trägt ein enorm (selbst)zerstörerisches Potenzial in sich, das er mit äußerster Anstrengung in einem täglichen Kampf immer wieder aufs Neue niederringen muss – und diese Anstrengung zeichnet sich ebenso in seinem Gesicht ab wie in seinem Körper, der ständig kurz vor der Explosion steht. Dass er einen kriminellen und darüber hinaus einen Suchthintergrund hat, wird explizit gesagt, aber welcher Verbrechen genau er sich schuldig gemacht hat, darüber schweigt sich der Film andeutungsreich aus und das trägt enorm zu seiner inneren Spannung bei. Franks Vergangenheit ist der sprichwörtliche Elefant im Raum, über den aber niemand sprechen will, auch wenn er unübersehbar ist. Sein Vater, der Cop, hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, in drei emotional enorm aufgeladenen Szenen begegnet er ihm wieder und es wird klar, dass der Vater auch deshalb auf Distanz gegangen ist, weil er mit seinem Sohn mehr gemein hat, als ihm lieb ist. Welche Last er mit sich herumschleppt, wird aber ebenfalls niemals ausformuliert. Und die Tatsache, dass es da auch noch eine Mutter gibt, die mit beiden Männern nichts mehr zu tun haben will, ist nur ein weiteres Indiz, das auf eine Familientragödie schließen lässt.

Aber neben Interdonato agiert ja auch noch ein sichtlich abgemagerter Tom Sizemore, ein Relikt der tarantinoesken Neunzigerjahre, dem Drogen und ein unglückliches Händchen bei der Rollenwahl die gut laufende Karriere versauten: IMDb weist ihn als ausgesprochen produktiv aus, nur wirklich große Projekte sucht man in seiner Filmografie vergebens. Egal, denn als gewalttätiger Mickey liefert er er eine Spitzenleistung ab: Wie er den armen, jämmerlich heulenden Travis foltert, ihm Handyfotos von der Vergewaltigung seiner Freundin zeigt und ihm droht, die Gliedmaßen abzuschneiden, dann wieder ruhig wird und sich beinahe entschuldigt, nur um gleich wieder vollkommen auszurasten, ist schon ziemlich einmalig. Er hat nicht viele Szenen, aber er nutzt seine Screentime und schafft es in der Zeit, die ihm zur Verfügung steht, den Gegenpol zum Protagonisten aufzubauen, den der Film benötigt – was angesichts der schon erwähnten Leistung Interdonatos nicht die einfachste Aufgabe gewesen sein dürfte.

Makellos ist BAD FRANK nicht, das wäre angesichts seines semiprofessionellen Hintergrunds aber auch zu viel verlangt: Im letzten Akt kommt der Film ein bisschen ins Trudeln und manche Inszenierungsidee geht nicht ganz so auf, wie sich Germinario das vorgestellt hat, aber am Ende bin ich geneigt, diese Mängel als „Schönheitsfehler“ abzuhaken. Vielleicht wäre BAD FRANK besser gefahren, hätte er einen konventionelleren Weg gewählt, aber ich finden, man sollte den Mut Germinarios, die Dinge anders zu machen, zu honorieren. Ich musste danach noch eine Weile über den Film nachdenken – auch weil er nicht rundum zufriedenstellend ist, Ecken und Kanten aufweist und hier und da etwas ungelenk und ungeschliffen wirkt. Gutes Teil!

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