runaway train (andrei konchalovsky, usa 1985)

Veröffentlicht: Dezember 22, 2019 in Film

Das war tatsächlich die Erstsichtung für mich – und was für eine! Auf dem Zettel stand RUNAWAY TRAIN, der vielen als bester Film gilt, den die Cannon je produziert hat, schon länger, aber es hat dann doch eine Weile gedauert. Ich weiß noch, dass mich die Gesichter von Voight und Roberts auf dem Poster früher immer irgendwie abgetörnt haben: Actionhelden mussten für mich einen bestimmten Typen verkörpern, dem die beiden nicht entsprachen. RUNAWAY TRAIN sah für mich, der ich mit Stallone-Postern im Zimmer aufgewachsen war, zu bleich aus, zu herunterziehend, zu realistisch. Welche Ironie, dass es bei dieser Erstsichtung vor allem das Spiel der beiden Hauptdarsteller und dann diese ungebrochene, fast literarische Poetik waren, die mir den Extrakick gegeben haben. Speziell Voights Darbeitung als knallharter Schwerverbrecher Manny dürfte eine der besten Leistungen sein, die ich überhaupt jemals gesehen habe – sie wird natürlich noch exponentiell gesteigert, weil man Voight so eigentlich überhaupt nicht kennt. Trotzdem fühlt sich seine Besetzung nicht wie ein Stunt an. Er fügt sich einfach organisch ins Gesamtkunstwerk ein und macht es sich dabei zu eigen. Was sich wie ein Widerspruch anhört, liegt aber in der Natur der Sache, denn der ganze Film ist eigentlich eine bildlich-metaphorische Extrapolierung dieser Hauptfigur.

Manny, das erfahren wir gleich zu Beginn, war drei Jahre lang in einer Einzelzelle angekettet. Doch diese vom handelsüblich sadistischen Gefängniswärter Ranken (John P. Ryan) ergriffene Maßnahme hat Manny nicht etwa gebrochen: Als seine Einzelinhaftierung für unrechtmäßig erklärt und er freigelassen wird, ist das für ihn, als komme er aus einem kleinen Urlaub zurück. In dem festungsartig in Alaska gelegenen Gefängnis ist er eine lebende Legende, ein Mann, der in sich ruht und der sich nicht von außen beeinflussen lässt, weil er weiß, wer er ist. Der ihn anhimmelnde Straßenjunge Buck (Eric Roberts) ist das genaue Gegenteil: Unsicher und vom Zuspruch, der Anerkennung seines großen Vorbilds abhängig. Als die beiden an Bord eines führerlos ins Verderben rasenden Zuges landen, muss sich ihr Schicksal entscheiden. Für Manny ist ganz klar: Lieber aufrecht sterben als zurück in den Knast. Aber Buck und die mit ihnen im Zug gefangene Bahnangestellte Sara (Rebecca de Mornay) haben noch ihr ganzes Leben vor sich. RUNAWAY TRAIN versteht man am besten von seinem Schlussbild her: Auf der in den sicheren Tod fahrenden Lokomotive steht Manny in triumphaler Pose, sich mit allem war er hat dem eisigen Wind und dem Schnee entgegenstemmend, mit einem befreiten Lachen das Ende erwartend. Er hat es geschafft, auch dieser Tod ist nicht fremdbestimmt, sondern von ihm gewählt, bis zum Schluss ist es niemandem gelungen, ihn zu bezwingen. Aber er hat doch einmal bewiesen, dass er doch mehr ist als ein Monster. Aus sicher, immer größer werdender Entfernung sehen ihm Buck und Sara hinterher, bis er im Schneetreiben verschwindet.

Konchalovsky hatte zuvor bereits MARIA’S LOVERS für die Cannon in den USA gedreht. Von Golan und Globus erhielt er laut eigenen Angaben die Carte blanche, um den auf einem Drehbuch von Kurosawa basierenden RUNAWAY TRAIN ganz nach seinen Vorstellungen zu inszenieren und er zahlte es den umstrittenen Produzenten mit einem unglaublich dichten, packenden und poetischen Film zurück. (Wie so oft, wussten sie damit nichts anzufangen, der Film wurde von den Kritikern gefeiert, doch fand nie sein Publikum.) Die parabelhafte Geschichte verbleibt dabei dank der rohen, physischen Bildwelt und der engagierten, griffigen Performances nicht im Abstrakten, er verkommt nicht zur hochtrabenden Hirnwichserei, sondern ist wie aus dem Leben gerissen. Das liegt an Voight und Roberts, deren Protagonisten – so archetypisch sie auch sein mögen – absolut authentisch sind, an Dialogen, die den schwierigen Spagat zwischen äußerster Pointierung und glaubwürdiger „Echtheit“ schaffen und an einer Kameraarbeit, die den Betrachter direkt ins Geschehen zieht. Über weite Strecken ist RUNAWAY TRAIN ein Kammerspiel, mit den drei hilflosen Passagieren in der engen Fahrerkabine, aber trotzdem ist er niemals statisch oder gar beengt, weil es immer um alles geht. Der einzige Wermutstropfen sind vielleicht die Szenen in der Schaltzentrale, in der von den typischen Beamten über das Schicksal des Zuges entschieden wird: Sie sind eine erzählerische Notwendigkeit, die man etwa aus dem Katastrophenfilm kennt, aber sie bringen den Film nicht wirklich weiter, fungieren lediglich als schmucklose Pausen. Zum Glück sieht das auch Konchalovsky so und schneidet immer wieder so schnell wie möglich zurück zu Manny und Buck und ihrem existenziellen Konflikt. Und was holen Voight und Roberts da raus! RUNAWAY TRAIN hat gleich mehrere absolute Gänsehautmomente zu bieten, die man danach nicht mehr vergisst: Mannys langen Monolog über das Leben in einem beschissenen Job (den er selbst improvisierte und innerhalb von nur zwei Takes umsetzte), eine Szene von unfassbarer Intensität; den Zweikampf zwischen den beiden Freunden, der für beide mit einer bahnbrechenden Erkenntnis endet, eine Szene, die niemanden unberührt lassen sollte; schließlich dieses phänomenale Schlussbild und die geniale Entscheidung des Regisseurs, seinen Film nicht mit einem effektreichen Crash, sondern mit Manny enden zu lassen. Wenn die Credits eingeblendet werden, ist man einfach nur gebügelt, möchte auf die Knie sinken und den Film am besten gleich noch einmal sehen. Oder, besser noch, sich diesem Scheißleben da draußen mit der Unbeugsamkeit Mannys entgegenwerfen.

 

Kommentare
  1. […] Oliver Nöding hat auf Remember It For Later eine wunderbare Liebeserklärung an Andrei Konchalovskys „Runaway Train“ verfasst. Dem kann ich nur aus ganzem Herzen […]

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