spider baby or the maddest story ever told (jack hill, usa 1964

Veröffentlicht: Januar 2, 2020 in Film
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SPIDER BABY stammt aus der goldenen Zeit des amerikanischen Exploitationkinos, wurde inszeniert von einem seiner großen unterschätzten Meisterregisseure und ist einer jener rätsel- wie zauberhaften Filme, bei denen sich alles, wirklich alles wie durch ein Wunder zusammenfügt, die ökonomischen Limitierungen überwunden und zu einer Stärke umgedeutet werden und so unter dem Strich ein einzigartiges, unverwechselbares Werk steht, für das die Exploitation-Schublade viel, viel zu klein ist. Zu seiner Entstehungszeit durch Produktions- und Finanzierungsschwierigkeiten gebeutelt, erlangte SPIDER BABY erst Legenden- und dann, Jahrzehnte später, einen his heute anhaltenden Kultfilmstatus. Es ist eine Geschichte, die einen an kosmische Gerechtigkeit glauben lässt.

Das Juwel, das eigentlich den Titel „Cannibal Orgy“ tragen sollte, eignet sich aber nicht nur hervorragend für einen vergnüglich-stimmungsvollen, geistreich-belebenden Filmabend, sondern auch als Unterrichtsstunde in Sachen Genrefilm-Geschichte: Hills Kreativität, seine Liebe zum Kino und seine geschärfte Sensibilität für die Trends und Strömungen der Zeit versetzten ihn in die Lage, schon Mitte der Sechziger einen Film zu drehen, der eine Ahnung davon vermittelte, wohin sich das Genre zum Ende des Jahrzehnts und in den Siebzigern entwickeln würde. Mit dem Universal-Star Chaney in der Hauptrolle, dem munteren Themesong (von Chaney himself intoniert), der Schwarzweißfotografie, dem einleitenden Auftritt von Mantan Moreland und dem Spukhaus-Setting ist SPIDER BABY einerseits ganz den Traditionen des Genres verpflichtet, doch er nutzt diese nur al Sprungbrett für ausgesprochen kühne Innovationen: Die Wurzel des Horrors liegt in einer durch Inzest verursachten, degenerativen Krankheit, die aus den Sprösslingen der Merryes – Elizabeth (Beverly Washburn), Virginia (Jill Banner) und Ralph (Sid Haig) – wahnsinnige Kannibalen macht, die nur vom selbstlosen Einsatz des gutmütigen alten Bruno (Lon Chaney Jr.) im Zaum gehalten werden, der im Ernstfall auch weiß, wie er Leichen verschwinden lässt – und wie er andere Geheimnisse zu hüten hat. Mit der kruden, aber immer charmanten Mischung aus sanftem Grusel, nur angedeuteter, aber dabei durchaus verstörender Gewalt, grellem, aber auch liebenswerten Humor, devianter, anstößiger Erotik und Freude an der Geschmacklosigkeit war Hill seiner Zeit weit voraus- und erreicht mit seiner überschaubaren Figurenkonstellation auf begrenztem Raum beachtliche Dynamik.

SPIDER BABY landete nach seiner Fertigstellung leider für mehrere Jahre im Giftschrank, weil seine Produktionsfirma vor seinem Start Konkurs anmelden musste. Erst 1967 wurde der Film ohne großen Aufwand und in kleiner Kopienzahl in die Kinos gebracht, aus denen er schnell wieder verschwand und erneut in Vergessenheit geriet, bis er in den Achtzigerjahren in einer Mitleid erregenden Videoabtastung auf dem Markt erschien und so wiederentdeckt wurde. Die Zahl derer, die ihn bei seinem kurzen Kinoeinsatz in den Sechzigern erleben durften, war überschaubar, trotzdem muss man annehmen, dass ein Regisseur wie Tobe Hooper ihn zu Gesicht bekommen hatte, zu frappierend sind die Parallelen zwischen Hills Zerrbild einer amerikanischen Familie und THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Was die beiden ganz wesentlich unterscheidet und SPIDER BABY im Vergleich zu Hoopers konfrontativem Masterpiece zu einer Herzenssache macht, ist sein uneingeschränkter Humanismus: Hill erzählt eine Geschichte von voraussetzungsloser Liebe, von Toleranz und Akzeptanz, davon, dass die „Normalen“ in vieler Hinsicht die eigentlichen Freaks sind und er tut dies mit Witz, Drive und sophistication. SPIDER BABY ist für mich ein perfekter Film, ein Kleinod, bei dem einfach alles stimmt, von seiner Geschichte, den Charakteren und den Dialogen über die großartig aufgelegten Darsteller (Chaney ist zum Knuddeln, die Banner abwechselnd sexy und furchteinflößend, Haig einfach nur creepy, Redeker und Schanzer sind zum Schießen) bis hin zur fantastischen Cinematografie von Alfred Taylor und den großartigen Einfällen von Hill. Ich habe den viel zu lange nicht mehr gesehen. Und wer ihn noch nicht kennt – das dürften noch einige sein -, sollte das unbedingt nachholen. Viel besser geht es nicht.

 

Kommentare
  1. Jetzt hast Du mich zum ersten Blu-ray-Kauf des neuen Jahres genötigt. Aber wieder mal in England, weil die da noch vernünftige Preisvorstellungen haben. 19 € (einschl. Versand) auf der Insel, subkulturelle 38 € hierzulande …

    • Oliver sagt:

      Habe auch die Arrow-BR. Ich glaube, ausschlaggebend für den niedrigeren Preis in GB sind nicht die „vernünftigen Vorstellungen“, sondern dass die Zielgruppe für englischsprachige VÖs größer ist als die für deutsche. Arrow hat einen weltweiten Ruf; welches deutsche Label kann das von sich behaupten? Das liegt gewiss nicht an der Qualität der Veröffentlichungen auch wenn Arrow eine Klasse für sich ist).

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