nightbreed (director’s cut) (clive barker, usa 1990)

Veröffentlicht: Januar 14, 2020 in Film
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Früher konnte man zwar überall lesen, dass Bakers NIGHTBREED, seine zweite Regiearbeit nach dem überaus erfolg- und einflussreichen Debüt HELLRAISER, vom produzierenden Studio, das ihn nicht verstand, gnadenlos verstümmelt worden war, aber es gab keine Möglichkeit, das nachzuvollziehen. Ich, der ich den Film trotzdem toll fand, war einigermaßen verwundert über Barkers Frustration, die ihn immerhin dazu bewog, sich vorerst aus dem Filmbiz zurückzuziehen und erst fünf Jahre später für LORD OF ILLUSIONS auf den Regiestuhl zurückzukehren (der dann aber leider ebenso floppte). Ja, NIGHTBREED wirkte ein wenig zerfahren, seine Schlusseinstellung war ohne Zweifel auf Geheiß der Produzenten angeklebt worden, die darauf hofften, dass der von David Cronenberg verkörperte Psychokiller Decker zu einem populären Slasher vom Schlage Freddys, Jasons, Michael Myers‘ oder Pinheads heranreifen würde – was natürlich nicht eintrat – und man konnte erahnen, dass Material der Schere zum Opfer gefallen war, aber es überwog bei mir dann doch die Faszination für diesen ungewöhnlichen Hybrid aus Horror und Fantasy, der so ganz ohne die dämlichen Teenies und selbstreferenziellen Gags auskam, die damals zur Grundausstattung eines jeden Horrorfilms gehörten. Dass die ca. 100-minütige Kinofassung des Films aber gegenüber Barkers Version um 50 Minuten gekürzt worden war, ließ aber durchaus erahnen, dass es noch einigen Spielraum nach oben gab. Nur kam es nie zu einer Veröffentlichung dieser integralen Fassung und NIGHTBREED ging als „Film, der nicht sein durfte“ in die Geschichtsbücher ein.

Das hätte es ja eigentlich sein können, aber mit dem Internet entstand dann ein Raum, in dem Liebhaber des Films sich zusammenschlossen und ihren Wunsch nach einer integralen Fassung zum Ausdruck brachten, ein Wunsch, der auch an Barkers Ohr drang – und da der Regisseur seinen Frieden mit dem Flop immer noch nicht geschlossen hatte, beauftragte er Mark Miller von seiner Produktionsgesellschaft Seraphim Films im Jahr 2009, nach dem verschollenen Material zu suchen. Tatsächlich förderte der einige VHS-Tapes des Workprints zu Tage, Kopien von Kopien in entsprechend mieser Qualität, sowie später weiteres Material: Auf dieser Basis wurde der sogenannte „Cabal Cut“ mit einer Länge von ca. 155 Minuten rekonstruiert und 2012 auf DVD veröffentlicht. Diese Version war aber letztlich auch nur eine Zwischenetappe auf dem Ziel zum restaurierten Director’s Cut, der 2014 seine BluRay-Veröffentlichung erfuhr und den ich nun endlich gesehen habe. Die Fassung unterscheidet sich von der ursprünglichen Kinoversion durch etwa 40 Minuten neues Material, ist insgesamt aber „nur“ etwa 20 Minuten länger und fühlt sich so organisch und rund an, dass ich glaube, diese Version mit Fug und Recht als die maßgebliche bezeichnen zu können – ohne den „Cabal Cut“ jemals gesehen oder die „offizielle“ Version noch einmal nachgeholt zu haben.

NIGHTBREED handelt von der geheimnisvollen Stadt „Midian“, einen Zufluchtsort für Außenseiter aller Art, die in der „normalen“ Welt keinen Platz finden. Einer dieser Außenseiter ist Boone (Craig Sheffer): Ihm erscheint die Stadt in äußerst lebhaften Träumen, als würden seine Bewohner ihn rufen. Er befindet sich nicht zuletzt wegen dieser Träume in Behandlung bei dem Psychologen Decker (David Cronenberg), der in Wahrheit ein Serienmörder ist und in Boone den idealen Sündenbock vorfindet: Er redet ihm ein, die blutigen Morde begangen zu haben, für die Decker in Wahrheit selbst verantwortlich ist, und treibt ihn schließlich in einen missglückten Selbstmordversuch. In der Klinik trifft Boone auf einen Patienten, der den Weg nach Midian kennt, und er begreift, was Decker vorhat. In Midian erhält er Zuflucht, doch Decker verfolgt seine Spur und trommelt eine ganze Armee umd den Fascho-Cop Eigerman (Charles Haid) zusammen, mit der er das Refugium der Freaks zerstören will.

Barkers Film ist als Horrorfilm nur sehr unzureichend beschrieben: Sein Dark-Fantasy-Comic ist eine unverkennbar queere Lobpreisung, ja Heroisierung nonkonformen Außenseitertums und Brandmarkung vermeintlicher Heldentypen als Faschos, Meuchelmörder und Kriegstreiber, die 1990 ein gutes Jahrzehnt zu früh kam. Im Grunde stellt NIGHTBREED eine dunkelromantische Paraphrase der X-Men-Comics dar, die im Jahr 2000 ihre vielbeachtete Kinoadaption feierten und deren Titelhelden dann sogleich als Vorkämpfer der Gay-Rights-Bewegung vereinnahmt wurden. Die Monster, die Midian bevölkern, sind allerdings deutlich weniger cool als die Mutanten um Professor Xavier und fühlen sich auch nicht dazu verpflichtet, Welt und Menschheit im Kampf gegen intergalaktische Superschurken zu retten. Sie begnügen sich damit, zurückgezogen in ihrer unteriridischen Stadt zu leben, dabei ihre eigenen Rituale und Bräuche zu pflegen, und scheuen auch nicht davor zurück, Eindringlingen, die ihr Geheimnis zu enthüllen drohen, mitleidlos den Garaus zu machen. Sie sind nicht per se liebenswert und verlangen auch keine Integration: Alles, was sie wollen, ist das Recht, unter ihren Bedingungen, in ihrer Heimat leben zu können. Und das ist im Rahmen der filmischen Handlung für viele Betonköpfe bereits zu viel verlangt. Der Film kulminiert in einer großen Schlacht, bei der die Redneck-Armee um Decker und Eigerman in ihrem blinden Hass auf alles, was anders ist, auch vor Frauen und Kindern nicht halt macht und die lebendige Kultur Midian gnadenlos dem Erdboden gleich macht. Zwar werden sie am Ende besiegt und in Gestalt des messianischen Kriegers Boone gibt es einen Silberstreif am Horizont, aber der Preis ist hoch.

Im Director’s Cut werden die Motivationen der Hauptfiguren deutlich stärker herausgearbeitet und die Gemeinschaft der Monster in Midian mit mehr Leben und Details gefüllt, aber auch die Grausamkeit und Engstirnigkeit, mit der die Gegner angreifen, bekommt mdeutlich mehr Raum. Die Epik, die Barker angestrebt haben dürfte und die in der Fassung, die einst im Kino lief, buchstäblich unterschnitten wurde, wird jetzt endlich spürbar. Endlich ist auch dieses hirnrissige Ende weg, endet NIGHTBREED auf einer gleichermaßen tragischen wie hoffnunsgvollen Note, anstatt auf billigstmögliche Art und Weise ein Sequel anzuteasern, von dem keiner so recht wusste, wovon es eigentlich handeln könnte. Alle, die NIGHTBREED bisher schon geliebt haben, aber immer das Gefühl hatten, den Film durch einen Schleier zu sehen, werden mit dem Director’s Cut überaus glücklich sein. Der Film hat aber immer noch ein paar kleinere Probleme: Craig Sheffer ist als Lead einfach nicht einnehmend und sympathisch genug und die Liebe zwischen seinem Boone und der Sängerin Lori (Anne Bobby) bleibt bloße Behauptung. Die beiden passen optisch einfach nicht zusammen – er ein kerniger Klotz, sie ein verwundbares Heimchen – und entwickeln auch keine Chemie, die diese vordergründigen Hindernisse transzendieren würde. Dabei ist die grenzüberschreitende Liebe zwischen den beiden ein ganz wesentlicher Antrieb für den Film. Darüber hinaus wird auch in der intakten Version nicht ganz klar, was Boone eigentlich für ein Problem hat: Die Träume von Midian müssen ja einen Grund haben, der aber im Dunkeln bleibt. Und dann sind da noch die manchesmal arg plump wirkenden Dialoge, die in den vergangenen 30 Jahren nicht unbedingt gut gereift sind und Barkers ambitionierter Bilderstürmerei nicht wirklich einen Gefallen tun. Wirklich ins Gewicht fällt das aber nicht, dafür ist die Vision einfach zu reizvoll, zumal NIGHTBREED tatsächlich das vielfach bemühte „visuelle Fest“ darstellt. Vor allem Freunde des „Handgemachten“ kommen hier dank hunderter ausgefeilter, fantasievoller Monstermasken, traumhafter Matte Paintings und aufwändiger Bauten auf ihre Kosten. Ja, wahrscheinlich könnte man dieses Midian mit CGI und Greenscreen heute noch größer, imposanter, bevölkerter und fremdartiger darstellen, aber ich bezweifle, dass das das hier spürbare Leben ersetzen könnte. Insofern ist NIGHTBREED nicht nur ein Film, der mit seinen Ideen zu früh kam, sondern auch eine Art genrehistorischer Endpunkt: Ein solcher Aufwand wurde für Genreproduktionen mit mittelgroßem Budget (NIGHTBREED kostete ca. 11 Millionen Dollar) nicht mehr betrieben. Der Horrorfilm dieser Größenordnung verlagerte sich danach ins Videosegment, mit den logischen Konsequenzen. Vielleicht wurde hier, in NIGHTBREED anno 1990, zum letzten Mal groß geträumt.

 

Kommentare
  1. Thomas Hortian sagt:

    Danke, Du hast in mir jetzt doch noch einmal den Wunsch befeuert, den Director’s Cut zu sehen. Ich habe vor ein paar Jahren den Cabal Cut gesehen, der mir leider als der Kinofassung unterlegen schien, da er nicht nur arge Pacing-Probleme hatte (was ja normal für solch einen Zusammenschnitt ist), sondern auch tonal unrund wirkte. Oftmals wurde das Ganze durch unpassend lustige Passagen, meist um Boones Mitpatienten, gebrochen. Ich gehe ja jetzt nicht davon aus, dass die im DC fehlen, aber dass sie dort anders, besser zur Geltung kommen.

    • Oliver sagt:

      Der ist schon am ehesten als „lustiger“ Charakter angelegt, aber für mich stach das nicht negativ heraus. Es gab auch nur zwei, drei kürzere Szenen mit ihm. Und was das Pacing angeht: Mir kam er nicht zwei Stunden lang vor. 🙂

      • Naja, deswegen hoffe ich ja, dass der DC dies alles runder verpackt. Wie gesagt, ich ging ja auch nicht davon aus, dass der DC diesen Charakter tilgt, aber dadurch nicht tonal sprunghaft rüberkommt wie der Cabal Cut (und das ist wörtlich zu nehmen, da dieser auch viele Tonsprünge beinhaltet). Der Cabal Cut kam mir mit seinen fast drei Stunden ja erheblich zu lang vor. Ich bin doch ziemlich gespannt auf den DC.

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