suspiria (luca guadagnino, italien/usa 2018)

Veröffentlicht: Februar 4, 2020 in Film
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Ich habe mich entschieden: Das Genörgel über Remakes, Sequels oder Reboots, nervt mich mittlerweile mehr als alle Remakes, Reboots und Sequels zusammen. Sicher kann man fragen, ob wirklich jeder gerade mal fünf Jahre alte Film eine Neuauflage braucht, jedem dritten zwangsläufig auch ein vierter Teil folgen muss, vor allem, wenn diese sich durch eine unübersehbare Lust- und Planlosigkeit auszeichnen, aber letztlich gelten für die Bewertung von Remakes und Fortsetzungen exakt dieselben Regeln wie für jeden anderen Film: Es gibt gute und schlechte. Völlig absurd wird das kulturpessimistische Klagen meiner Meinung nach, wenn man sich einen Film wie Guadagninos SUSPIRIA anschaut. Natürlich war der Aufschrei hier besonders laut zu vernehmen, schon als der Neuverfilmungsplan angekündigt wurde, gingen die Horden auf die virtuellen Barrikaden, schließlich steht Argentos Klassiker aus dem Jahr 1977 bei unzähligen Freunden des abseitigen Kinos immens hoch im Kurs, lässt selbst solche Leute erregt von „Kunst“ stammeln, die die Qualität eines Films sonst an der Anzahl abgetrennter Gliedmaßen festmachen. Einen solchen Geniestreich hat man gefälligst nicht zu remaken, warum denn auch, man könne es ja eh nicht besser machen. Diese allem Gemaule implizite Forderung ist das eigentlich merkwürdige an der ganzen Remake-Debatte: Denn es geht ja (meistens) gar nicht darum, es „besser“, sondern vor allem darum, es anders zu machen. Man könnte gut 99,9 Prozent der Kulturerzeugnisse – seien es Filme, Bücher, Kompositionen oder Gemälde – eigentlich wegschmeißen, wenn man nur jene gelten ließe, die etwas Neues in die Welt gebracht haben. Und wenn wir uns in einem so eng abgezirkelten Bereich wie dem Genrekino bewegen, gilt das umso mehr. Der hinter der Kritik stehende Glaube an das „Original“ scheint mir hoffnungslos naiv, vor allem wenn er sich, wie im vorliegenden Fall, einzig an einen Titel klammert. Luca Guadagninos SUSPIRIA hat abseits des Plots – oder sagen wir besser: der Prämisse, oder noch besser: des Settings, denn schließlich wissen wir mittlerweile dank hunderter uninformierter Blogposts, dass SUSPIRIA gar keine Handlung hat, aber dafür tolle Farben und Atmosphäre – weniger mit seinem berühmten Vorgänger zu tun als zwei beliebige andere Genrevertreter miteinander. Dass er existiert, ist keine Blasphemie, kein Affront gegen Argento, sondern die Bestätigung, dass der etwas erschaffen hat, was sich in den Köpfen seiner Betrachter fortpflanzt. Und den Vorwurf der Ideenlosigkeit kann man ihm auch nicht machen, denn dieser SUSPIRIA quillt nun wahrlich über vor Einfällen. Fast so, als meinte sein Schöpfer, etwas kompensieren zu müssen.

Guadagnino unternimmt gar nicht erst den Versuch, Argentos elaboriertes Spiel mit Primärfarben, Architektur und Sound zu kopieren. Er verpflanzt das Märchen um die kulleräugige Suzy, die sich in einer Tanzschule einschreibt, stattdessen aber in einen Hexenzirkel verirrt, in die tristgraue Realität des deutschen Herbstes 1977 an der Berliner Mauer und macht aus der scheuen damsel in distress des Originals eine selbstbewusst-autonome Vorkämpferin des Feminismus. Die Welt, auf die diese Suzy (Dakota Johnson) trifft, ist nicht minder rätselhaft und labyrinthisch als die des Originals, aber man hat das Gefühl, dass sie sich deutlich besser in ihr zurechtfindet als ihre Vorgängerin – vielleicht auch, weil seelische Aufruhr und emotionaler Tumult ihr nicht fremd sind und sich dieses zerrissene Berlin wie das Zuhause anfühlt, das sie nie hatte. Für die Ideologie der Hexen, die deutlich als Widerhall der Nazivergangenheit Deutschlands zu erkennen ist, ist sie entgegen ihren Kommilitoninnen überaus empfänglich. Ihre Mentorin Madame Blanc (Tilda Swinton), zu der sie ehrfurchtsvoll hinaufschaut, propagiert mit ihrer Tanzphilosophie und ihren Aufführungen eine Art Auflösung des individuellen Körpers: Es ist kein Wunder, dass das Stück, das sie mit ihren Schülerinnen zur Aufführung bringt, auf den Titel „Volk“ hört. Es geht um nichts weniger als das faschistische Projekt der Geburt eines Kollektivwesens, in dem der Einzelne sich nur noch über seine Funktion als Rädchen im Getriebe des Ganzen definiert. Im Kampf diverser Schülerinnen gegen die Vereinnahmung durch die Idelogogie spiegelt sich dann die Rebellion von RAF-Terror und Protestbewegungen, die immer auch an den Fensters der Tanzakademie vorüberzieht. Auch das Schicksal von Dr. Klemperer, einem Psychologen, der durch die abtrünnige Patricia (Chloë Grace Moretz) vom geheimnisvollen Treiben an der Akademie erfährt, eigene Nachforschungen anstellt und dabei mit seinen Erinnerungen an den überlebten Holocaust konfrontiert wird, korrespondiert damit. Anscheinend unvereinbare Aspekte und Phänomene, Politik und Magie, Okkultismus und gesellschaftlicher Protest, Kunst und Geschichte, stehen direkt nebeneinander, haben anscheinend nichts miteinander zu tun und sind dennoch untrennbar miteinander verwoben. Tatsächlich führt dieses rhizomatische Geflecht irgendwann in ein tempelhaftes Gewölbe, in dem die Wiedergeburt der Mater Suspiriorum erwartet wird, sowie zur Erlösung des Holocaust-Überlebenden, der endlich erfährt, was einst mit seiner Ehefrau geschehen war.

Ja, manchmal macht dieser SUSPIRIA den Eindruck einer ungeordneten Zettelsammlung. Zeichnete sich das Original neben seinem Expressionismus vor allem durch seine Homogenität aus, dadurch, dass Argento seine Linie mit ungeheurer Zielstrebigkeit und Sicherheit verfolgte, ist Guadagninos Remake ungeordneter, assoziativer, offener. Viel mehr als Argento möchte Guadagnino, dass man seinen Film aufschließt, interpretiert; zumindest deuten die vielen Hinweise und Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse darauf hin. Das kann man durchaus als Makel betrachten: Argento schuf mit SUSPIRIA einen Film, der sein eigenes Universum barg, der ganz für sich allein, völlig autark existierte ohne Bezug zu anderen Werken. Guadagninos Remake ist demgegenüber sehr viel weltlicher und nachrangiger, gewissermaßen die mit Fußnoten versehene Sekundärliteratur zum ursprünglichen Text oder dessen kommentierter Ausgabe. Und manchmal wirkt er etwas angestrengt in dem Bemühen, so ganz anders zu sein als der Film, an den er sich anlehnt. Nun ist Argento beileibe kein Bauch- und Instinktfilmer gewesen, auch seine Filme waren stets sehr akademisch in ihrer Auseinandersetzung mit Architektur, Strukturalismus und Gender, nur verbarg sich das hinter dem rauschhaften Tosen der Form, das der Regisseur entfachte. Guadagninos SUSPIRIA ist viel mehr Kopf- und Ideenfilm: Selbst wenn Guadagnino sich der spektakulären Tanzaufführung und dem buchstäblich dionysischen Rausch zuwendet, bleibt sein inszenatorischer Zugriff immer spürbar. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass es hier nicht auch diese Momente gibt, die einem wie Blitze in die Glieder fahren, in denen er einen mitreißenden Sog entwickelt und dieses Prickeln auf der Haut verursacht, das nur Kunstwerke auslösen, die einen zu bislang unbekannten Orte mitnehmen. Denn einzig- und fremdartig ist auch dieser Film. Man muss nur die Bereitschaft mitbringen, sich durch diese ausufernde Zettelsammlung zu wühlen, ein paar hingeworfene Notizen beiseite zu schieben und sich stattdessen auf andere zu konzentrieren. Guadagnino ist ein würdiges Remake gelungen, das sowohl als demütige, aber durchaus selbstbewusste Verbeugung vor dem Original bestehen kann, wie auch als völlig eigenständiger Film. Und das sei allen Meckerfritzen zum Abschluss mit auf den Weg gegeben: Er ist um ein Vielfaches origineller als das Gros dessen, was sich als „Original“ ausgibt.

 

Kommentare
  1. Stepnwolf sagt:

    Dieser „Suspiria“ ist „ungeordneter, assoziativer, offener“ sagst du richtig. Das war so ein bisschen mein Problem beim Schauen, da Guadanigno zu viele Themen anreißt und dann offen liegen lässt. Aber prinzipiell ist der neuere durchaus sehenswert, weil – wie du auch sagst – hier nur der Grundgedanke des Originals übernommen wurde, sich ansonsten der Film aber eigenständig entwickelt.

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