flickan som lekte med elden (daniel alfredson, schweden/dänemark/deutschland 2009)

Veröffentlicht: Juli 29, 2020 in Film
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Der zweite Teil von Stieg Larssons Millennium-Trilogie nimmt im Gesamtkonstrukt eine ähnliche Rolle ein wie THE EMPIRE STRIKES BACK in George Lucas‘ STAR WARS-Trilogie: Beide malen den menschlichen Background ihrer Hauptfigur aus, beide warten dazu mit einer überraschenden Enthüllung auf und beide enden mit einem krassen Cliffhanger.

Nachdem der Journalist Mikael Blomqvist (Michael Nyqvist) in MÄN SOM HATAR KVINNOR die verstörte, eigenbrötlerische, aber brillante Hackerin und Researcherin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) in der Ermittlung zu einem spektakulären Serienmordfall kennengelernt hatte, wird die junge Frau in der in Deutschland unter dem Titel VERDAMMNIS erschienenen Fortsetzung selbst zum Gegenstand eines Kriminalfalls, als sie wegen dreifachen Mordes verdächtigt und gesucht wird. Um ihre Unschuld zu beweisen, muss Blomqvist erst das Geheimnis ihrer Vergangenheit aufklären. Wie im Vorgänger stößt er dabei auf skurpellose Männerbünde und dubiose politische Machenschaften, deren Opfer erneut die Frauen sind: Lisbeth Salander zum einen, minderjährige zwangsprostituierte Immigrantinnen aus dem Ostblock zum anderen. Larsson verbindet im zugrunde liegenden Roman Elemente des Krimis, des Serienmörder- und Horrorfilms sowie des Psycho- und Politthrillers und zieht – wie bereits im Vorgänger – mit der geschickten Verflechtung der verschiedenen Handlungsstränge sowie dem ständigen Perspektivwechsel zwischen den handelnden Personen, vor allem natürlich zwischen den getrennten Verbündeten Mikael und Lisbeth, in Bann.

In der Verfilmung von Daniel Alfredson gelingt die Übertragung diesmal leider deutlich weniger gut als noch im ersten Teil. Vor allem der Aufbau wirkt überhastet und holprig: Während die Romanvorlage epischen Drive entwickelt und die Ahnung historischer, schicksalsträchtiger, tragischer Tiefe langsam einsinken lässt, gerät der Stoff in Alfredsons Händen zur wüsten Räuberpistole, die eine sorgfältige Konstruktion über weite Strecken gänzlich vermissen lässt. Das Hauptproblem des Films offenbart sich schon, wenn man sich anschaut, wie sich die beiden Teile des Director’s Cuts zum Buch verhalten: Teil 1 deckt die ersten rund 500 Seiten ab, Teil 2 die letzten 250. Kein Wunder, dass FLICKAN SOM LEKTE MED ELDEN „hinten raus“ deutlich an Klasse gewinnt, die erste Hälfte hingegen den Eindruck macht, die Produzenten hätten ständig zur Eile gemahnt. Der Tiefpunkt ist gewiss der Kampf zwischen dem Boxer Paolo Roberto (Paolo Roberto) und einem hünenhaften Killer, im Buch ein dramatisches Highlight: Alfredson lässt jedes Gefühl für Action, Kinetik und Drive vermissen, das die Szene gebraucht hätte, stattdessen wirkt sie billig, unbeholfen und mit ihren fehlgeleiteten Wisch- und Slomo-Effekten zudem ästhetisch hässlich. Für die Größe, die Larsson ohne Zweifel anstrebte, fehlten offensichtlich die Mittel. Das zeigt sich auch im Verzicht auf die Verfilmung des fulminanten Prologs des Buches, der schon beim Lesen aufwändig produzierte Filmbilder vor dem geistigen Auge vorüberziehen ließ und Larssons Ambitionen ziemlich deutlich machte. So muss man sagen: Gottseidank, dass die Produzenten die Finger davon gelassen haben.

Zur Ehrenrettung Alfredsons muss ich allerdings einräumen, dass Larssons Roman weit weniger dankbar zu verfilmen war als dessen Vorgänger. Oplev, Regisseur von MÄN SOM HATAR KVINNOR, profitierte auch davon, dass die Vorlage eine (mehr oder weniger) abgeschlossene Geschichte erzählte, die auch räumlich mit der Verortung auf einer winterlichen schwedischen Insel klar umrissen und stimmungsvoll zu bebildern war. FLICKAN SOM LEKTE MED ELDEN kann nicht allein für sich stehen und die Handlungsfäden, die er aufgreift und weiterspinnen muss, sind weit weniger klar voneinander abgegrenzt. Dazu kommt, dass die beiden Protagonisten, deren Freundschaft im Vorgänger das menschliche Zentrum bildete, nun getrennt voneinander kämpfen müssen. Das Buch bezieht seine Spannung im Wesentlichen daraus, dass es ganz langsam auf die Enthüllung hinarbeitet, während es die Schlinge um den Hals seiner Protagonistin kontinuierlich enger zieht. Larsson spielt sehr geschickt mit der Ökonomie der Informationsweitergabe. Um das filmisch adäquat umzusetzen, hätte es eines Scripts bedurft, dass nicht verzweifelt versucht, möglichst viel aus dem Buch in den Film zu retten, stattdessen stärker aussortiert und dafür die Zügel fester im Griff behält. Gerade im Bedürfnis, die Fans des Buches mit einer „originalgetreuen“ Adaption zu erfreuen, hat man den Bestseller seiner größten Stärke beraubt.

 

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Moin!

    Was das Verdichten auf wesentliche Handlungsstränge oder Motive angeht ist für mich immer noch das beste Vorbild „L.A. Confidential“. Als ich den Roman noch mal las (nach mehrmaliger Sichtung des Films) war ich überrascht, wie viele Teile der Handlung der Film noch nicht mal erwähnt. Trotzdem würde ich ihn als der Vorlage getreue Adaption ansehen, die zudem dank ihrer Verdichtung immer wieder zu fesseln vermag.

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