Zum Mord in Serie

Veröffentlicht: März 5, 2008 in Veranstaltungen

Stefan Höltgen, Filmjournalist und Serienmord-Spezialist – aber, bevor ich da missverstanden werde, ein überaus freundlicher Zeitgenosse – lädt am 19.04.2008 nach Bonn zu einer Tagung zum Thema „Serienmord als ästhetisches Phänomen”. Eingeladen sind Medien-, Kulturwissenschaftler, Kriminologen, Historiker und Künstler aus dem gesamten Bundesgebiet, unter anderem etwa der Mainzer Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger, Zensurexperte Dr. Roland Seim, Undergroundfilmer Jörg Buttgereit (u. a. NEKROMANTIK, SCHRAMM) und der Kriminologe und Buchautor Stephan Harbort. Der Eintritt ist frei, Interessierte finden hier nähere Informationen.

Imitation of Life (douglas sirk, usa 1959)

Veröffentlicht: März 3, 2008 in Film
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200px-imitationoflife1959.jpgDie Witwe und arbeitslose Schauspielerin Lora Meredith (Lana Turner), Mutter der kleinen Susie (Sandra Dee/Terry Burnham), begegnet am Strand von Coney Island der schwarzen Annie Johnson (Juanita Moore), ihrerseits Mutter der hellhäutigen Sarah Jane (Susan Kohner/Karin Dicker). Spontan nimmt Lora die obdachlose Frau bei sich auf, die sich sogleich als Haushälterin nützlich macht und Lora mit Kräften zur Seite steht. Während Lora an der Erfüllung ihres Traums, eine berühmte Bühnenschauspielerin zu werden arbeitet, kündigen sich jedoch große Probleme an: Sarah Jane leidet unter der Hautfarbe ihrer Mutter, kann nicht akzeptieren, keine „echte“ Weiße zu sein. Zehn Jahre später ist Lora ein großer Star, doch gleichzeitig haben die Ängste der adoleszenten Sarah Janes einen Höhepunkt erreicht: Sie reißt von zu Hause aus …

Mit seinem letzten amerikanischen Film vor seiner Rückkehr nach Deutschland liefert Sirk das beeindruckende Remake des gleichnamigen Films von John M. Stahl aus dem Jahr 1934 ab. In gewohnt opulenter Bildsprache widmet sich Sirk dem Thema Rassismus, dem im Jahr 1959 noch einige Brisanz innewohnte. Dennoch ist IMITATION OF LIFE kein langweiliger Thesenfilm geworden, sondern ein äußerst bewegendes Stück Gefühlskino, das die Lieblingsthemen seines Regisseurs zu jeder Zeit eloquent artikuliert. Sirks Charaktere – allen voran Lora und Sarah Jane, aber auch Susie und Steve, fallen auf ein verzerrtes Selbstbild herein, das sie letztlich daran hindert, echtes Glück zu finden. Sie leben – so ist auch die Bedeutung des Titels zu erklären – kein echtes Leben, sondern nur eine Imitation desselben, ein Leben, von dem sie glauben, dass es „gut“ ist. Lora ordnet alles ihrer Karriere unter, verliert darüber nicht nur ihren Steve aus den Augen, sondern auch ihre eigene Tochter, Sarah Jane hingegen ist so besessen davon „normal“ zu sein, dass sie darüber ihre Herkunft verleugnet und ihre Mutter verrät. Beide lassen sich ihr Leben von der Gesellschaft oktroyieren: Lora will beweisen, dass sie auch als Witwe und alleinerziehende Mutter ihr Leben meistern kann, Sarah Jane ist von einem System geprägt, in dem der Schwarze immer noch ein Mensch zweiter Klasse ist.

Sirks Film ist seines traurigen Themas zum Trotz eine wahre Pracht: Sein bildkompositorisches Gespür ist beachtlich, vor allem der kreative Einsatz von Schatten sticht als markantestes Gestaltungselement hervor. Szenen wie jene, in der Sarah Jane von ihrem „Freund“ in einer dunklen Gasse verdroschen wird, weil sie ihm nicht die Schmach erspart hat, mit einer „Niggerin“ gesehen zu werden, sind von einer ungeschminkten Direktheit, die man in einem solchen Film eigentlich niemals erwartet hätte. Sirk entpuppt sich hier als seiner Zeit weit voraus, trifft mit seiner Inszenierung mitten ins Herz des empfindsamen Zuschauers und lässt seinen Film mit dem von Gospel-Königin Mahalia Jackson während der Beerdigung Annie Johnsons intonierten „Trouble ist he World“ zu einem Zeitpunkt kulminieren als eine Steigerung längst nicht mehr möglich scheint. Spätestens zu diesem Zeitpunkt brechen auch beim hartgesottensten Zuschauer alle Dämme. Man mag die Fünfzigerjahre als „spießig“, „intolerant“ und „kleinbürgerlich“ abgespeichert haben: Sirks IMITATION OF LIFE ist ein Monument der Toleranz, vor dessen inhaltlichem Reichtum und formaler Schönheit ähnlich motivierte aktuellere Filme demütig in den Staub sinken, um ihr Antlitz schamvoll zu verstecken. Anbetungswürdig.

Der Spielzeugfabrikant Clifford Groves (Fred MacMurray) lebt in Los Angeles mit seiner Frau und seinen drei Kindern ein Leben voller Routine. Alle Versuche, aus dem Einerlei auszubrechen und die Flamme der Leidenschaft neu zu entzünden, werden von seiner Frau unterbunden und auch die Kinder nehmen ihren Vater längst als selbstverständlich hin. Eines Tages begegnet Clifford die erfolgreiche New Yorker Modedesignerin Norma Vale (Barbara Stanwyck), mit der er vor 20 Jahren nicht nur eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung unterhielt. Zunächst ist es nur ein freudiges Wiedersehen alter Freunde, doch bald erkennen beide, dass ihnen mehr am anderen liegt …

bild-1.pngKonnte man das Ende von ALL I DESIRE – die Frau kehrt für ihre Liebe in dasselbe Umfeld zurück, dass sie einst als Ehebrecherin stigmatisiert hatte – trotz aller bitterer Untertöne noch als Happy End verstehen, bleibt am Schluss von THERE’S ALWAYS TOMORROW nur die traurige Erkenntnis, dass das Konzept vom Glück sich leider nicht immer mit dem Leben in unserer Zeit vereinbaren lässt. Soziale Zwänge lasten auf Clifford und Norma, aus denen sie nicht ausbrechen können: Familie und Karriere. Der Titel des Films hat eine ungemein bittere Note: Er suggeriert, dass man sein Leben jederzeit ändern könne, doch tatsächlich ist das nur eine Ausrede, die man sich vorhält, weil man die Wahrheit nicht ertragen kann. Clifford und Norma ergehen sich eine Weile in dem Traum, aus ihrem Leben auszubrechen, ihrem Herzen zu folgen und endlich das zu tun, wozu sie vor 20 Jahren nicht in der Lage waren. Doch es muss bei diesem Traum bleiben: Man ist eben nicht nur seines eigenen Glückes Schmied. Diese bittere Erkenntnis fasst Sirk in wunderbare Bilder voller Tristesse und leiser Tragik. Sein beliebtestes Mittel ist es wohl, seine Protagonisten durch Fenster zu beobachten, als wolle er sie in einer Bestandsaufnahme festhalten: Das ist dein Leben, schau es dir gut an. Bei Sirk führt diese Betrachtung tragischerweise zwar zur Selbsterkenntnis, aber diese kann keine Konsequenzen mehr nach sich ziehen, weil alle Wege bereits verbaut sind. Clifford und Norma bleibt am Ende nur, sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern, Lebewohl zu sagen, umzukehren und nicht mehr zurückzuschauen. Beide müssen sich in ihr Schicksal fügen, wie Cliffords neuer Spielzeugroboter immer weitergehen, bis die Batterie leer ist. Viel trauriger und resignativer kann ein Liebesfilm kaum enden. Mich hatte schon ALL I DESIRE schwer begeistert, THERE’S ALWAYS TOMORROW macht mich nur noch sprachlos.