Archiv für die Kategorie ‘Action’

Jim van Bebber, Jahrgang 1964, drehte sein Debüt DEADBEAT AT DAWN über einen Zeitraum von vier Jahren in seiner Heimatstadt Dayton, Ohio. Man muss sich das vergegenwärtigen: In einem Alter, in dem andere noch überlegen, was sie mit ihrem Leben denn überhaupt anfangen sollen, legte van Bebber einen Spielfilm vor, der zwar roh, ungeschliffen, manchmal auch noch ein wenig pubertär ist, aber dennoch zu jeder Sekunde eine ganz klare Vision und erhebliches inszenatorisches Geschick erkennen lässt – und in seiner nihilistischen Räudigkeit nahezu perfekt ist. Der Regisseur, ist nicht der einzige, der seine Karriere mit einem solchen DIY-Erfolg begann – Peter Jacksons BAD TASTE fällt unweigerlich ein -, aber DEADBEAT AT DAWN ist schon noch einmal ein besonderes Kaliber, weil van Bebber so mutig war, sein Ding ohne jeden distanzierenden oder sich selbst vor Kritik abschirmenden Humor durchzuziehen. Das ist für einen Quasi-Amateurfilm geradezu unerhört – und es funktioniert. Die Befürchtung, der Film könne ganz schlecht gealtert sein, die ich hatte, war demnach nicht nur unbegründet, tatsächlich das Gegenteil ist der Fall: DEADBEAT AT DAWN ist in den letzten 20 Jahren eigentlich nur besser geworden und war demnach ganz gewiss die Wiederentdeckung unseres kleinen Festivals. Es ist ein Film, den man ohne Probleme als verspäteten Nachfahren der abgeranzten New-York-Schocker der frühen Achtzigerjahre rezipieren darf, ein Genre, von dem zumindest ich nie genug bekomme.

van Bebber selbst spielt Goose, den jugendlichen Anführer der „Ravens“, einer Straßengang, die sich mit kleinen Raubüberfällen über Wasser hält und sich regelmäßig mit den vom psychopathischen Danny (Paul Harper) angeführten „Spyders“ herumschlägt. Goose‘ Freundin Christy (Megan Murphy) fleht ihn an, das Gangleben hinter sich zu lassen, um mit ihr ein „bürgerliches“ Dasein zu führen und kann ihn schließlich zum Ausstieg überreden. Doch während er seinen letzten Deal abschließt, wird sie von Danny und seinem Kettenhund „Bonecrusher“ (Marc Pitman) ermordet. Goose wird rückfällig und erlebt mit, wie die Ravens unter der neuen Führung von Keith (Ric Walker) mit den Spyders fusionieren. Nach einem großen gemeinsamen Raubüberfall lässt Danny alle Mitglieder der einstigen Feinde umbringen, nur Goose kann mit der Beute fliehen. Das letzte Duell steht kurz bevor …

Um die kleinen Anflüge von Kritik gleich zu Beginn aus dem Weg zu räumen: Wenn ich DEADBEAT AT DAWN oben als „pubertär“ beschrieb, bezieht sich das vor allem auf das erste Drittel des Films und die Art, wie sich van Bebber dort selbst inszeniert. Goose zieht sich gleich nach dem Aufwachen eine Line, demonstriert beim Training im Park seine Nunchaku-Skills und ballert einem Feind gnadenlos die Flosse ab, hat aber eigentlich ein gutes Herz. Das weiß auch das biedere Mäuschen Christy, das trotz der absolut trostlosen Perspektive große Hoffnung in die Beziehung mit dem Asozialen setzt. Diese Konstellation wirkt auch wegen der alles überschattenden Schäbigkeit des Films etwas naiv, aber es fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht, weil van Bebber seinen etwas einfältigen Plot lediglich als Anlass für den Abstieg in die urbane Apokalypse versteht. Der auf 16mm gedrehte DEADBEAT AT DAWN verfügt nicht nur über die entsprechend ungeschminkte Optik und potthässliche Settings – heruntergekommene Wohnungen, Fabrikhallen, Kellergänge, Abrisshäuser, Hinterhöfe, miese Pinten und die typischen Straßenzüge voller Pornokinos -, er zeichnet auch ein sehr desillusionierendes Bild von urbanem Leben: Christy wird zu Beginn auf offener Straße beinahe vergewaltigt, ihre Leiche später von Goose in einer Müllpresse entsorgt. Auf die Trauer seines Sohnes über den Tod der Freundin reagiert der Vater nur mit der Frage, ob der denn wenigstens Geld für Bier habe, bevor er sich schließlich einen Schuss zwischen die Altherrenzehen setzt. Danny ist ein skrupelloser Mörder und Bonecrusher ein augenrollender Sadist, dass sich am Ende ein blutiges Gemetzel mitten in der Stadt abspielt, scheint kaum jemanden zu interessieren. Und dann ist da die Gewalt.

van Bebber nimmt keine Gefangenen und fährt ein beachtliches Arsenal knüppelharter Mark-up-Effekte auf. Das blutrote Feuerwerk aus Kopfschüssen, Stichwunden, und abgetrennten Köpfen kulminiert am Ende mit abgebissenen Fingern und einem mit bloßen Händen herausgerissenen Kehlkopf. Das alles wird ohne jeglichen „Fun“ dargeboten, fügt sich in seiner Unmittelbarkeit stattdessen ein in das Bild einer Welt, in der Menschlichkeit lange auf der Strecke geblieben ist und jeder wie ein Tier ums nackte Überleben kämpft. Auch wenn der Eindruck eines Runterziehers überwiegt: DEADBEAT AT DAWN ist mit viel Power inszeniert, einer wunderbar dynamischen Kamera und einem fast an Lebensmüdigkeit grenzenden Enthusiasmus: Einmal seilt sich van Bebber mit einem Seil an einem Parkhaus ab und ich bezweifle, dass er dafür eine Genehmigung hatte. Überhaupt schätze ich, dass mancher Passant einen Herzinfarkt erlitten haben dürfte, als er diesen irren Filmtypen bei den Dreharbeiten nichts Böses ahnend über den Weg lief. Aber auch für den gut vorbereiteten passivenr Betrachter, der es sich im Kinosessel oder auf der heimischen Couch bequem gemacht hat, ist DEADBEAT AT DAWN eine mächtige Kelle, nach der man sich exakt so fühlt, wie Goose am Ende des Filmes aussieht: Wie über heißen, rissigen Asphalt gezerrt und mit einer Eisenstange verprügelt. Was für ein Arschtritt.

 

 

sauft benzin, ihr himmelhunde

Veröffentlicht: Dezember 24, 2015 in Action, Film, Zum Lesen
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12342458_543854822446831_6134096822251974533_nEinige von euch werden sich sicherlich noch an das Blog „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde!“ erinnern, in dem Marcos Ewert und ich uns von 2006 bis 2009 in schriftlichen Dialogen über Actionfilme ausgelassen haben. Wer unsere Texte so sehr mochte, dass er sie am liebsten auch zum Einschlafen lesen würde, oder wer sie noch nicht kennt und sich gern ganz oldschool bei einem Becher Kakao auf der Chaiselongue „festlesen“ möchte, der kann das ab sofort tun: Im neu gegründeten Verlag Editions Moustache erscheinen unsere gesammelten Werke in gedruckter Form. Weitere actionlastige Bücher sind in Planung und ich versichere euch: Da braut sich ein Sturm zusammen, der euch wegblasen wird. „Sauft Benzin, ihr Himmehunde!“ bestellt ihr über die üblichen Vertriebskanäle oder über BoD. Wir freuen uns über eure Unterstützung.

EDIT 24.01.2016: Leider haben sich in die Erstauflage bei der Übergabe vom Satz an den Druck ein paar für uns ärgerliche Fehler eingeschlichen, die wir schnellstmöglich beheben wollen. Ich bitte die Leute, die das Buch bereits gekauft haben, um Verständnis. Es sind eher kosmetische Dinge, die schiefgelaufen sind, am Inhalt der Texte ändern sie nichts. Aber natürlich möchten wir trotzdem ein möglichst fehlerfreies Buch auf den Markt bringen. Ich werde einen Beitrag veröffentlichen, sobald die neue Fassung fertig ist.

Teil 5 des Terminator-Franchises hat wie die vorangegangenen beiden Teile vor allem damit zu kämpfen, dass James Cameron seinerzeit mit THE TERMINATOR und T2: JUDGEMENT DAY zwei (sehr unterschiedliche) Filme schuf, die sofort zu Klassikern avancierten und ihre jeweilige Dekade beinahe idealtypisch verkörperten: Düstere, technikskeptische No-Future-Apokalypse für die Eighties, lautes, schnelles, großes, ironiedurchsetztes und zynisches Popcorn-Spektakel für die Nineties. Vor allem letzterer war damals ein Game Changer ersten Ranges, der Film, der einen Paradigmenwechsel und eine neue Epoche computergenerierter Effekte einläutete. Selbst, wenn man von den nachfolgenden drei Teilen der Reihe enttäuscht ist oder war, so muss man doch einräumen, dass es nahezu unmöglich scheint, heute noch etwas von vergleichbarer revolutionärer Bedeutung zu schaffen. Die Effekte von Alan Taylors TERMINATOR GENISYS sind teilweise beeindruckend, das Sounddesign ähnlich wie im Vorgänger TERMINATOR SALVATION eine Klasse für sich, trotzdem sind das nur kleine Details, deren Stellenwert nicht vergleichbar ist mit den Morphing-Effekten um den T-1000 vor beinahe 25 Jahren. Das fällt beim neuesten Eintrag umso stärker auf, als er den direkten Vergleich nicht scheut, sondern ihn aktiv sucht: TERMINATOR GENISYS erzählt die Geschichte von THE TERMINATOR zunächst noch einmal aus der Perspektive des Zeitreisenden Kyle Reese (Jai Courtney), streift dabei ikonische Szenen wie die Konfrontation des Terminators mit den Punks vor dem Planetarium, nimmt dann aber eine Abzweigung. Sarah Connor (Emilia Clarke) und der Terminator (Arnold Schwarzenegger) sind in ihrem Kampf gegen Skynet mittlerweile selbst zu versierten Zeitnavigatoren geworden, sodass es gleich mehrere alternativ laufende Zeitstränge gibt, die sich ständig überkreuzen und etwa dazu führen, dass der Terminator gegen sein altes Selbst kämpfen muss. Am Ende scheint die Zukunft mit der Zerstörung Skynets und ihres neuesten Produkts Genisys gerettet, aber mit Kenntnis der Reihe weiß man, dass es in einer Welt, in der man jederzeit in die Vergangenheit reisen kann, um die Dinge retroaktiv zu ändern, keinerlei bleibenden Gewissheiten mehr gibt. Man könnte sagen, dass die TERMINATOR-Reihe in ihrer ständigen Wiederbelebung und Neuninterpretation des Alten, dem leeren Versprechen einer nun endgültigen „Auflösung“ und der gleichzeitigen inhärenten Unmöglichkeit einer solchen das ultimative Hollywood-Produkt geworden ist. Genisys ist Skynet ist Hollywood.

So wie der Technologiekonzern sich in TERMINATOR GENISYS längst nicht mehr mit der Konstruktion waffenstarrender Kampfroboter zufrieden gibt sondern mittels des titelgebenden Programms via Internet alle relevanten Bereiche des menschlichen Lebens zu kontrollieren sucht, ist Film ja längst nur noch ein Bestandteil des Markenstrebens der Studios. Solange die Marke Gewinn abwirft, wird es also neue Filme geben und dank des den Kern der TERMINATOR-Urerzählung bildenden Zeitparadoxons ist das nächste Update (der Begriff macht hier noch mehr Sinn als anderswo) gewissermaßen schon eingebaut. Kyle Reese kann am Ende nach gelungener Weltrettung im pathetischen Brustton der Überzeugung sagen „The future is not set“, auf das Potenzial geschichtsumwälzender Handlungen anspielen, aber die Ironie entgeht ihm dabei. Denn wenn die Zukunft nicht feststeht, ist ja auch der nun errungene Sieg nur vorübergehend. Was hindert die Maschinenmenschen eines alternativen Zeitstrangs daran, die nun „echte“ Zukunft durch Eingreifen in ihre Vergangenheit wieder rückgängig zu machen? Wir werden es im nächsten Teil sehen.

Die verständliche Kritik an TERMINATOR GENISYS stieß sich genau daran: Dass auch dieser neueste Teil wie so viele andere Sequels und Reboots der vergangenen Jahre die altbekannte Geschichte nicht fortsetzte, sondern lediglich noch einmal von vorn erzählte, er lediglich als ständige Spiegelung der Vorgänger funktioniere und nicht als eigenständiges Werk. Das ist nicht verkehrt, verkennt aber die Tatsache, dass genau dieser Charakter schon in THE TERMINATOR angelegt war. Vordergründig malte Camerons Film eine apokalyptische Endzeitvision um Maschinen, die die Weltherrschaft an sich gerissen und die Menschen versklavt hatten, aber im Kern ging es immer um die Frage danach, inwieweit wir wirklich unseres eigenen Glückes Schmied sind – und um eine Liebes- und Familiengeschichte. Der Scope der Serie, die sich über mehrere Jahrzehnte und verschiedene nebeneinander laufende Zeitstränge erstreckt, nichts weniger als die Zukunft der Menschheit und der Erde verhandelt, mag gewaltig erscheinen: Tatsächlich ist sie von beinahe kammerspielartiger Intimität, kreist beständig um einen Kern von vier Personen, die mit jedem Teil eine neue Fassette ihrer Beziehung zueinander ergründen. Es war natürlich die eindrucksvolle Gestalt Schwarzeneggers, die den Betrachter von THE TERMINATOR zuerst in ihren Bann schlug, wie er da als perfekte Verkörperung einer emotionslosen, aber unaufhaltsamen Maschine durch den Film walzte, aber als ich ihn mir zuletzt angeschaut habe, stellte ich fest, dass das Herz des Filmes in jener kurzen Sequenz schlägt, in der sich Sarah und Reese erst einander annhähern, sich dann schließlich in Erfüllung ihres Schicksals auf einem Bett niederlassen, um das Kind zu zeugen, das später einmal die letzte Hoffnung der Menschen werden wird.

In TERMINATOR GENISYS wird diese durch die Zeit reichende, ihre Achsen krümmende Liebe wieder thematisiert, der Film mit der Komplettierung des Paares durch den von Sarah mittlerweile liebevoll „Pops“ genannten Terminators und des ebenfalls in die Vergangenheit reisenden John Connors (Jason Clarke) endgültig zum Familienfilm – der aber nicht ohne das obligatorische schwarze Schaf auskommt. Die Aufgabe, mit der zukünftige Sequels sich verstärkt zu beschäftigen haben werden, ist eine Justierung der Zeitstränge, die eine Vereinigung aller Familienmitglieder erlaubt. Erst wenn das gelungen ist, ist die Welt – möglicherweise? – tatsächlich gerettet.