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Vielleicht bin ich mit dem Werk von Ken Russell einfach nicht vertraut genug, um diesen Film nicht als überraschenden Querschläger in seinem Oeuvre zu betrachten. Klar, die Attribute „bunt“, „schrill“, „trippy“ und mitunter „beknackt“ kann man wahrscheinlich mehreren seiner Filme anheften, sicherlich sind einige von ihnen hinter ihrer artifiziellen Fassade auch irgendwie komisch, aber diese betont trashy gehaltene Horrorkomödie ist nicht unbedingt der Film, den ich von einem in Cineastenkreisen verehrten, kontrovers diskutierten auteur seines Rufes erwarten würde. Was wiederum nicht heißt, dass THE LAIR OF THE WHITE WORM misslungen, unpassend oder gar peinlich wäre, im Gegenteil: Das Teil ist eine echte Wundertüte und eben auch deshalb so toll, weil dahinter ein solch eigenwilliger Kopf steckte, der damit seine sehr eigenständige Version eines Genrefilms realisierte – und den zahlreichen minderbemittelten hacks und Proleten, die sich während der Achtzigerjahre an der Horrorkomödie versuchten, zeigte, dass eine solche durchaus visuell gewagt und anspruchsvoll sein kann, ohne dabei an Zugänglichkeit oder Witz einzubüßen.

THE LAIR OF THE WHITE WORM basiert lose auf Bram Stokers gleichnamigem Roman und entstand als Teil eines Four-Picture-Deals mit Vestron, nachdem Russells GOTHIC zuvor sehr erfolgreich auf Video ausgewertet worden war. Ich erinnere mich an Berichte in der damals noch existierenden, auf das fantastische Kino spezialisierten Zeitschrift Moviestar, die Russells bizarren Film sogar auf dem Cover präsentierte. Ich vermute, dass die wahrscheinlich eher spärlichen Besucher, die sich daraufhin in den Film verirrten, nicht ganz das bekamen, was sie sich erhofft hatten. Dass THE LAIR OF THE WHITE WORM aber auch heute, exakt 30 Jahre später nicht regelmäßig als verkanntes Meisterwerk und euphorisierende Cinedrug gefeiert wird, ist der eigentliche Skandal. Während andere, als Sternstunden gefeierte Genrefilme schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen erheblich von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben und nicht viel mehr als ein indifferentes Schulterzucken evozieren, wirkt THE LAIR OF THE WHITE WORM auch heute immer noch völlig singulär, dabei so frisch wie am ersten Tag und darüber hinaus noch witzig, radikal, eigenständig und anspruchsvoll, ohne jemals gezwungen, angestrengt oder aufgesetzt anzumuten. Russell ist die ziemlich schwierige Verbindung von Kunst und Spaß tatsächlich fulminant geglückt. Auf Anhieb fallen mir nur wenige Filme ein, über die ich das so sagen kann. Eigentlich sogar gar keine (was aber auch an meinem Gedächtnis liegen kann).

Klar, man sieht dem Film sein Alter heute an: Aber die damals vermutlich noch visionären Video-Collage-Sequenzen gewinnen gerade heute, wo dieses Stilmittel nur noch als „retro“ zu bezeichnen ist, wieder erheblich an Reiz und verfehlen ihre Wirkung nicht – zumindest nicht auf der großen Leinwand, auf der ich dieses Wunderwerk in der vergangenen Woche bestaunen durfte (im Double Feature mit Harry Kümels gleichermaßen magischem LES LÉVRES ROUGE, Mondo Bizarr sei Dank). Nicht nur in diesen Szenen, auch in den zahlreichen Auftritten der anbetungswürdigen Amanda Donohoe (wie gut, dass die eigentlich vorgesehene Tilda Swinton absagte) erreicht der Film eine fiebrig-psychedelische Qualität, die durch den (von der deutschen Synchro forcierten) Humor geschickt unterschnitten wird: Wie sie sich zur Dudelsack-Darbietung von DR. WHO-Darsteller Peter Capaldi aus einem großen Korb windet, ist nicht nur ein herrlich bescheuerter Einfall, sondern auch einfach ein tolles Bild, das in Russells Verquickung aus britischer Mythologie, Eighties-Pop, Psychedelik, SM-Erotik und Slapstick gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Und der Film ist voll von solchen Momenten, dabei nie ausrechenbar und immer on point – auch dann, wenn er absichtlich ins Kraut schlägt. Neben der verführerischen Amanda Donohoe, die in hüfthohen Lackleder-Schaftstiefeln zu knappen Dessous eine ebenso gute Figur macht wie als Schlangengift versprühende Dämonin, begeistert auch der junge Hugh Grant als zwar schmieriger, aber doch sympathischer Offizier, dem die Synchro eine Überdosis britischer Gelacktheit in die Stimme legt. (Die Synchro ist wirklich toll, unterstreicht die Genialität von Russells Ideen und erinnert wieder einmal schmerzhaft daran, dass uns diese Kunst in den letzten Jahrzehnten leider vollends verloren gegangen ist.) Aber solche Einzelheiten oder Personen hervorzuheben, wird THE LAIR OF THE WHITE WORM eigentlich nicht gerecht. Vielleicht das größte Wunder an einem Film, der in der Rückschau wie ein Füllhorn greller Ideen anmutet: Er ist durch und durch homogen und fließt wie aus einem Guss.

 

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In einer überaus produktiven, erfolg- und einflussreichen Phase seines Schaffens drehte Ford auch TOBACCO ROAD, die Filmadaption eines überaus beliebten Broadway-Stücks, das wiederum auf einem hochgelobten Roman basierte. Das Unterfangen war nicht ohne Risiko: Die Vorlage von Erskine Caldwell galt seinerzeit als „schmutzig“ und anstößig, musste schon für die Bühnenumsetzung einiger Spitzen bereinigt und für die große Leinwand dann noch einmal kräftig überarbeitet werden. John Ford machte aus Caldwells Roman, einer desillusionierten, bitteren Bestandsaufnahme der USA in der Depression, in dem eine verarmte Familie ihre Töchter verhökert und die fromme Nachbarsfrau prostituiert, um ein paar Dollar für das benötigte Saatgut zu verdienen, zur überdrehten Komödie, die ihre durchaus vorhandenen Widerhaken hinter einer Fassade burlesker Heiterkeit verbirgt. Ford gelang mit TOBACCO ROAD ein weiterer Hit, der außerdem gute Kritiken einheimste, aber nach Masterpieces wie STAGECOACH, DRUMS ALONG THE MOHAWK, YOUNG MR. LINCOLN, THE GRAPES OF WRATH und THE LONG VOYAGE HOME lässt er seinen Urheber zum ersten Mal nach Jahren wieder wie einen Normalsterblichen erscheinen, der auch mal eine weniger gute Idee hat – so sehe ich das zumindest nach Erstsichtung.

Thematisch liegen TOBACCO ROAD und THE GRAPES OF WRATH eng beieinander: Beide spielen in der Zeit der Depression, beide handeln von einer Familie, die ihre Folgen mit voller Wucht zu spüren bekommt. Doch anders als die Joads in THE GRAPES OF WRATH, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und die Reise nach Westen antreten, halten die Lesters ihrer Heimat die Treue und sehen zu, wie alles um sie herum stirbt. Das fruchtbare Land, an dem sich Baumwollplantagen und Felder aneinanderreihten, ist verdorrt, die stolzen Herrenhäuser sind Ruinen, und die verbliebenen Bewohner, denen es einst sehr gut ging, zeigen längst ebenfalls die Zeichen des Verfalls. Familie Lester, angeführt vom zauseligen Jeeter (Charley Grapewin), haust in einer maroden Holzhütte auf einem schlammigen Acker, die jüngste Tochter haben sie an den weinerlichen Lov (Ward Bond) verheiratet, dem sie längst abgehauen ist. Kein Problem, sie haben ja noch die schöne Ellie May (Gene Tierney), die zwar keine Hasenscharte hat wie in der Vorlage, deren Sexiness aber mit geistiger Minderbemitteltheit einhergeht – sie spricht im ganzen Film kein einziges Wort, wälzt sich dafür aber lasziv im Schlamm. Der älteste Sohn, Dude Lester (William Tracy), ist ein großmäuliger Schwachkopf mit Zahnlücke und Kreischstimme, der später die deutlich ältere Nachbarin Bessie (Marjorie Rambeau) heiratet, um dann den zur Hochzeit neu gekauften Wagen innerhalb von 24 Stunden zu Schrott zu fahren. Jeder würde hier jeden verhökern und verraten, um an ein paar Dollars zu kommen, eine Tatsache, die seltsamerweise verbindenden Charakter hat. Dass der freundliche Captain Tim (Dana Andrews) am Ende das zum Erhalt der Farm dringend benötigte Geld zur Verfügung stellt, ist ein Happy End ohne Überzeugung: Die Tobacco Road ist für den Untergang bestimmt, aber die Lesters haben sich mit der deprimierenden Situation ganz gut arrangiert. Im Schlamm sind sie zu Hause.

TOBACCO ROAD ist turbulent und laut, fast schon als Comic zu bezeichnen und nur schwer zugänglich – auch wenn Ford seinen Film selbst als Spektakel fürs Herz bezeichnete. Wir erkennen Jeeter als Mann mit gutem Herz, aber für die Zivilisation ist er dennoch verloren, zusammen mit seiner ganzen Familie. Sein zahnloses Geplapper, die lautstarken, mitunter handgreiflichen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn, die Verblendung, mit der er geschlagen ist: Auch geistig lebt dieser Mann bereits in einer anderen Welt, und was innerhalb des Films als lustig erscheint, würde man im wahren Leben nicht unbedingt komisch finden. Ford versagt den Lesters weder Mitleid noch grundsätzliche Sympathie, denn sie sind letztlich Opfer einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung, aber von der Romantisierung ihrer Armut ist er weit entfernt. Nichts am Leben der Lesters ist erstrebenswert oder satisfaktionsfähig und wenn man weniger zurückhaltend ist, könnte man auch sagen, dass Ford den Windschatten, den ihm diese armen Tröpfe bieten, ausgiebig dazu nutzt, mit einigen gemeinhin als amerikanisch geltenden Werten abzurechnen. Vor allem die unreflektierte Religiosität wird von ihm mit Hohn und Spott überzogen: Wann immer Bessie und Dude wegen ihrer illegitimen Ehe – Dude ist noch minderjährig – Ärger zu bekommen drohen, retten sich die beiden damit, dass sie ein Kirchenlied anstimmen. Und der Rausch, in den der Besitz eines Autos, die verarmten Proleten versetzt, ist schon ein Vorbote dessen, was in den kommenden Jahrzehnten noch folgen sollten.

Das Herz von TOBACCO ROAD sitzt definitiv am rechten Fleck, aber ich empfand ihn doch als eher anstrengend: Es gibt keinerlei Fluchtmöglichkeit vor dem Irrsinn und speziell William Tracys Darstellung des Dude Lester überscheitet eigentlich die Grenze des Zumutbaren. Der Film ist schon ein ziemlich gemeiner Bastard, wie er vorgaukelt, das alles sei irrsinnig komisch und dabei einen ungeschönten Blick in den Abgrund wirft – und damit erschreckend modern.

Ein Schiff liegt still in der Abenddämmerung vor der Küste einer Karibikinsel. Ein warmer, schwüler Wind geht. Die Matrosen stehen an der Reling, gelangweilt und geil, lauschen den verführerischen Gesängen der einheimischen Schönheiten, die am Strand nur darauf warten, endlich diese fremden Männer besuchen zu können, die vom anderen Ende der Welt kommen. Doch bevor sie an Bord klettern, in ihren üppig gefüllten Obstkörben ist natürlich auch etwas Rum versteckt, müssen sie noch etwas warten. Und mit ihnen die Männer, von denen viele längst auf diesem Schiff zu Hause sind. Für ein Leben an Land und die menschliche Gesellschaft sind sie nicht mehr zu haben: Sie treiben von einem Hafen zum nächsten, ständig in Bewegung, doch darum, ein „Ziel“ zu erreichen, geht es längst nicht mehr. Eine Ausnahme ist der Schwede Olsen (John Wayne), ein junger, gutaussehender Mann, der ein Zuhause, ein Mädchen, eine Familie und Hoffnung auf eine Zukunft jenseits trauriger Seelenverkäufer hat. THE LONG VOYAGE HOME erzählt viele kleine Geschichten, aber im Mittelpunkt steht die Mission von Olsens Kameraden, sicherzustellen, dass er dieses Schiff nach Hause nimmt, nicht wie sie direkt auf dem nächsten Kahn anheuert.

John Fords Film beginnt wie ein feuchter Traum: Das ganze Karibik-Szenario ist entweder als unwirklich oder aber als hyperreal zu bezeichnen. Die Luft ist elektrisch aufgeladen, man spürt die Lust der Seeleute und die Freude der Frauen daran, einmal so begehrt zu sein wie Filmstars. Die Langeweile liegt Zentnerschwer auf den Schultern der Seemänner, die die ganze Welt bereisen, aber doch immer nur dieselben schäbigen Pinten sehen, von ihren Vorgesetzten an der kurzen Leine gehalten werden und am Ende mit einem traurigen Hungerlohn für die Knochenarbeit bedacht werden, der ihnen keine andere Perspektive offenbart, als gleich den nächsten Auftrag anzunehmen.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs und der bevorstehende Auftrag, eine ganze Schiffsladung von TNT sprichwörtlich unter dem eigenen Hintern nach Großbritannien zu transportieren, verursacht eine gewisse Nervosität, aber unter den Belastungen des Alltags, der Enge in den winzigen Kojen und dem Mangel an Zerstreuung liegen die Nerven eh schon blank. Yank (Ward Bond), einer der Veteranen unter den Matrosen, erliegt einer Verletzung, die er sich bei dem Versuch zuzieht, das Schiff während eines Sturms vor dem Kentern zu bewahren, danach versteigen sich die überspannten Männer in den Verdacht, der eigenbrötlerische Alkoholiker Smitty (Ian Davis) sei ein Spion in Diensten der Nazis. Besonders die Zeitungsmeldung, deutsche Spione nutzten harmlose Liebesbriefe als Geheimnachrichten, regt die Fantasie der Matrosen an: In einer schmerzhaften Szene halten sie Smitty fest und verlesen in seiner Gegenwart laut seine privaten Briefe, die er in einem kleinen Kästchen aufbewahrt. Erst nach einigen Minuten geht ihnen auf, wie schäbig und idiotisch ihre Verdächtigungen sind. Der Schaden ist da aber bereits nicht mehr rückgängig zu machen. Wie geprügelte Hunde wenden sie sich ab, beschämt über ihre Niedertracht.

THE LONG VOYAGE HOME endet in einem britischen Hafen: Bevor sie Olsen auf sein Schiff nach Hause schicken, gehen die Männer noch einmal gemeinsam einen draufmachen, doch plötzlich ist der Kumpel weg, entführt von niederträchtigen Gesellen, die Betrunkene in den Kneipen aufgreifen, um sie dann auf ihre Schiffe verschleppen und zur Arbeit als Besatzungsmitglieder zu verdonnern. In einer finalen Keilerei gelingt es ihnen, ihren Freund zu befreien und ihre Mission zu erfüllen, doch zu spät bemerken sie, dass der alte Driscoll (Thomas Mitchell) dabei zurückgeblieben ist. Das Bedauern weicht einem schadenfrohen Lachen: Drisk hat schon so viele Schiffe gesehen, er wird es schon überstehen. Nur einer lacht nicht: Er lässt die Zeitung, die davon berichtet, dass Drisks Schiff im Ärmelkanal von den Deutschen torpediert wurde, ins Wasser gleiten …

Strukturell unterscheidet sich THE LONG VOYAGE HOME nicht so sehr von dem zur selben Zeit entstandenen THE GRAPES OF WRATH: Beide Filme sind „Reisefilme“, deren Narration durch die chronologische Abfolge von Episoden bestimmt wird. Doch THE LONG VOYAGE HOME wirkt noch deutlich loser und „entspannter“: Das liegt wohl auch daran, dass er sich trotz seiner Verortung im Zweiten Weltkrieg nicht in erster Linie mit historischen Fakten beschäftigt. Ja, es geht auch darum, was die Kriegserfahrung mit den Männern macht, wie sie sich auf ihr Denken und Handeln auswirkt, aber um welchen Krieg es sich dabei handelt, ist zweitrangig. Das ist gewissermaßen der Punkt: Ford erklärt gleich zu Beginn auf einer Texttafel, dass sein Film von Menschen handelt, die aufgrund ihrer Arbeit vom weltlichen Geschehen gewissermaßen entkoppelt existieren. Auf hoher See spielt das, was die „Landmenschen“ beschäftigt, eine nur sehr untergeordnete Rolle. THE LONG VOYAGE HOME entwickelt einen sehr eigenartigen Rhythmus und folgt einer fremdartigen Erzähllogik, in der die Ereignisse keine echten Konsequenzen haben. Der Tod fährt immer mit, das Risiko ist bekannt, für Trauer bleibt keine Zeit. Alle haben sich damit arrangiert, dass es sie schon bei der nächsten Fahrt genauso treffen könnte und nicht wenige von ihnen würden den Tod sogar als Erlösung ansehen. Der Film ist traurig und deprimierend, aber nicht wehleidig oder selbstmitleidig: Er erinnert darin etwas an die existenzialistischen Filme Jean-Pierre Melvilles, dessen Helden den eingeschlagenen Weg, den sie als den ihren erkannt haben, unbeirrbar verfolgen, auch wenn sie wissen, dass er sie nirgends hinführen wird. Dieses Wissen ist aber auch der Ursprung einer Kameradschaft, die die Männer zusammenschweißt und sie manche Härte überwinden lässt – und natürlich die ausgelassene Freude in den wenigen Stunden, in denen sie ihre Freiheit umso mehr genießen.

John Wayne spielt die nominelle Hauptrolle, aber er ist eigentlich nur eine Projektionsfläche, sowohl für seine Kumpels als auch für den Zuschauer: Er tut wenig mehr, als groß und gutaussehend im Wind zu stehen, all das zu verkörpern, was die anderen längst aufgegeben haben. Seine Dialogzeilen sind rar und selten gewichtig. Er ist ein Außenseiter an Bord, aber nicht im negativen Wortsinn: Alle schauen zu ihm auf, weil sie in ihm all das eigene ungehobene Potenzial sehen. Ihm den Abgang zu ermöglichen, wird ihre Lebensmission: Olsen soll das erreichen, was sie nicht geschafft haben und für sie das Leben führen, das ihnen nicht vergönnt war. Es gibt aber keinen tränenreichen Abschied, keine großen Reden und Freundschaftsbekenntnisse: Ein Film, der es mit seinem Altruismus ernst meint, muss seine Wohltäter nicht in strahlendem Licht erscheinen lassen. Sie tun einfach das, was sie für richtig halten, für ihren Freund. Ob der ihnen dafür dankbar ist und ihre Opferbereitschaft anerkennt, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass er sein Schiff erreicht. Das reicht als Lohn.

Ich habe eben gelernt, dass der vom großen Gregg Toland fotografierte Film filmhistorisch für seinen Einsatz von Rückprojektionen bedeutsam war, mit denen der Kameramann seine später in CITIZEN KANE perfektionierten Tiefenschärfeaufnahmen verwirklichte. Tatsächlich ist THE LONG VOYAGE HOME visuell ein Gedicht, ganz gleich, ob er die sirenenhaft singenden Karibikschönheiten am Strand einfängt, die Rauchkringel, die Yank in die schwüle Seebrise bläst, oder die klaustrophobische Enge unter Deck der Glencairn. Aber am Ende summiert sich das alles zu dieser großen, versöhnlichen und hoffnungsvoll stimmenden Erkenntnis, dass auch der ärmste Tropf im Leben die Gelegenheit bekommt, etwas zu tun, das größer ist als er.

Als Ford John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ verfilmte, der heute als einer der Meilensteine englischsprachiger Literatur gilt und 1962 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, war das Buch gerade mal ein Jahr alt – hatte aber bereits hohe Wellen geschlagen. Die Geschichte der Familie Joad, einfacher Farmer in Oklahoma, die die volle Wucht der Depression zu spüren bekommen, ihre von Dürre und Sandstürmen geplagte Heimat verlassen müssen und ihr Glück zusammen mit Tausenden anderer im entfernten Kalifornien suchen, nur um auch dort bitter enttäuscht zu werden, war eine unverhohlene Anklage des Kapitalismus, der Menschen zum Vorteil der Mächtigen entwurzelte und in unwürdige Verhältnisse stürzte. Darryl F. Zanuck hatte einige Bedenken, den Film zu produzieren, schließlich wollte er nur ungern als Kommunist gebrandmarkt werden. Die auf den ersten Blick überraschende Wahl des eher als konservativ geltenden John Fords als Regisseur ist vor diesem Hintergrund relativ einleuchtend – und rückblickend natürlich ein Geniestreich: THE GRAPES OF WRATH fügt sich nahtlos ins Werk des Filmemachers, der innerhalb weniger Jahre seinen zweiten Academy Award (nach THE INFORMER) einstrich – und das hochverdient. Die damals nahezu tagesaktuelle Geschichte – man muss sich das immer wieder klarmachen, dass die Geschehnisse, von denen Steinbeck und Ford erzählten, nur wenige Jahre in der Vergangenheit lagen – wird dank Fords Regie und Gregg Tolands unvergleichlicher Kameraarbeit zum Schöpfungsmythos, ohne dabei ihrer Durchschlagskraft beraubt zu werden. Dies gelingt durch den Wechsel überirdisch-außerzeitlich-ikonischer, dann wieder dokumentarisch anmutender Bilder und einer Verschiebung des Fokus weg von der Individualität seiner Protagonisten hin zum Universellen. Die Joads sind bei Ford nur Platzhalter, an denen sich das Leid Tausender abzeichnet.

Das von der literarischen Vorlage abweichende, optimistischere Ende knüpft in gewisser Hinsicht an die Schlusseinstellung des kurz zuvor erschienenen YOUNG MR. LINCOLN an: Blickte dort der junge Lincoln in eine für ihn ungewisse, für den Betrachter aber bekanntermaßen ruhmreiche Zukunft, so verspricht der straffällige Tom Joad (Henry Ford) sich für das Wohlergehen aller Arbeiter und Hilfebedürftigen einzusetzen, murz bevor er seine Familie verlässt, um sie nicht länger zu gefährden. Es ist nicht nur dieses Ende, das Filmwissenschaftler immer wieder dazu angeregt hat, den Film auf seine christliche Symbolik abzuklopfen – was zugegebenermaßen nahe liegt: Ford verleiht seinem ganzen Film etwas Sakrales, gerade im ersten Drittel, das Schicksal der Familie Joad ist selbst eine Passionsgeschichte und mit dem ehemaligen Priester Casy (John Carradine) werden religiöse Themen auch immer wieder ganz direkt adressiert. Fonda, im genannten YOUNG MR. LINCOLN sowas wie der Vater der Demokratie und der amerikanischen Nation, wird als Tom Joad eigentlich erst in dieser Schlussszene mit einem Ziel ausgestattet. Er ist bis dahin weitestgehend passiver Beobachter der Geschehnisse um ihn herum, die er genauso wenig versteht wie seine Familie und die zahllosen „Okies“, die mit ihnen den Weg gen Westen antreten. Als sie in einem Camp damit konfrontiert werden, dass das, was sie erwartet, mitnichten das wirtschaftliche Glück ist, sondern eine noch viel schlimmere Form der Armut, können sie es kaum glauben. Für eine Umkehr ist es da sowieso schon zu spät. Natürlich bewahrheiten sich die Warnungen: Großvater und Großmutter, die die Anstrengungen der Reise nicht überstehen, sterben völlig umsonst. Am Ziel werden die Joads als frühe Version heutiger „Wirtschaftsflüchtlinge“ angefeindet, unter menschenunwürdigen Bedingungen eingepfercht, gegängelt und ausgebeutet. Eine „Lösung“ deutet sich kurz an, als die Joads ein Camp finden, in dem sie tatsächlich wie Menschen behandelt und für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden, aber das Glück kann natürlich nur von kurzer Dauer sein. Tom Joad hat sich da insgeheim bereits für ein anderes Leben entschieden: Er will sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen.

Der Zugang zu THE GRAPES OF WRATH fällt nicht nur deshalb so leicht, weil wir, sobald wir heute den Fernseher einschalten, sowohl mit dem Leid der Familie Joad konfrontiert werden als auch mit den Vorurteilen und der Ablehnung, denen sie sich gegenübersehen. Erschreckend, wie sehr sich die Bilder gleichen. Es ist aber auch die schon angesprochene Ford’sche Inszenierung: warmherzig, aber ohne falsches Pathos, nachdrücklich, aber ohne erhobenen Zeigefinger, bildgewaltig, aber niemals kitschig, ergreifend, aber nicht rührselig. Gerade im ersten Drittel spürt man den Einfluss der deutschen Expressionisten, wenn dunkel, betont artifizielle Bilder die beinahe apokalyptische Tragweite der Ereignisse greifbar machen. Wenn sich die Joads auf die Reise begeben, wird der Film zum Road Movie und damit auch weltlicher, greifbarer, episodischer: Ford gießt Geschichte in Bilder und erreicht Komplexität und Ambivalenz durch Auslassung und den „Mut zur Lücke“: Zwei Figuren verschwinden einfach, ohne dass dies jemals thematisiert würde. Wahrscheinlich waren organisatorische Probleme die Ursache, die sich in der Postproduktion nicht beheben ließen, aber filmimmanent macht das durchaus Sinn: In dieser Zeit verschwanden Menschen spurlos, wurden Familien für immer zerrissen. Unvorstellbar, dass dies außerhalb des Kriegsirrsinns des 20. Jahrhunderts geschehen konnte. Fords THE GRAPES OF WRATH wird uns für immer eindrucksvoll daran erinnern. Schade, dass sein Ruf als Klassiker ihm heute nicht mehr Zuschauer beschert. Es wäre dringend nötig.

 

 

„They pit the lifers against the new boy and the young against the old. The black against the white. Everything they do is to keep us in our place.“

Der Satz, gesprochen als prophetischer Voice-over in einem zunächst doch sehr im (damaligen) Hier und Jetzt verorteten Film ganz zu Beginn des Films, wird am Ende, wenn sich das Drama des Films in einem Standbild von nahezu antiker Ikonizität verdichtet, noch einmal wiederholt. Man erinnert sich schon Sekundenbruchteile, bevor die sonore Stimme erklingt, an die Worte vom Anfang und weiß sofort, dass sie nun noch einmal gesprochen werden – und man versteht dann auch, dass es sich nicht um einen Standard aus dem Phrasenbuch sozialistischer Proletarierverherrlichung und Kapitalismuskritik handelt, sondern um eine sehr konkrete Beobachtung, eine, die Schrader aus der tristgrauen Realität des Arbeitertums mit beinahe chirurgischer Präzision herausschält.

Zeke (Richard Pryor), Jerry (Harvey Keitel) und Smokey (Yaphet Kotto) sind Kumpels und außerdem Kollegen: Gemeinsam arbeiten sie in einer Automobilfabrik in Detroit. Sie werden beschissen bezahlt, die Schulden drücken und die einzige bescheidene Freude sind das Feierabendbier, die Parties mit Nutten und Koks, die Smokey immer mal schmeißt, und die Familienabende beim Bowling. Von der Gewerkschaft, die behauptet, ihre Interessen zu vertreten, werden die Arbeiter immer wieder mit leeren Versprechungen hingehalten oder verarscht. Als die Verzweiflung kaum noch auszuhalten ist, kommt Zeke eine Idee: Der Safe der Gewerkschaft wird lediglich von einem alten Zausel bewacht und beinhaltet bestimmt ein Vermögen. Also werden die drei zu Einbrechern: Und erbeuten dabei ein Geschäftsbuch, das Auskunft über die dubiosen Geldgeschäfte der Gewerkschaft gibt und deshalb von höchster Brisanz ist. Die Idee, damit Geld zu machen, ist verlockend, doch Zeke hat eigene Pläne …

Paul Schraders Regiedebüt ist eine bittere Anklage eines ausbeuterischen Systems, das auch deshalb floriert, weil es seine schwächsten Glieder gegeneinander ausspielt: die oben zitierte These. Zeke, Smokey und Jerry haben ein Mittel in der Hand, das Spiel zu ihren Gunsten zu beeinflussen, aber egoistische Motive obsiegen am Ende. Zeke – gleichzeitig der größte Träumer, aber auch der größte Realist der drei – ahnt, dass aus dem großen Putsch nichts werden wird, also geht er einen Handel ein, bei dem er wenigstens etwas abbekommt, natürlich auf Kosten seiner Freunde, die ihres Lebens danach nicht mehr sicher sein können. Die Verwandlung Zekes vom clownesken Verlierer in einen berechnenden, über Leichen gehenden Egoisten ist schockierend: Es ist, als hätten die Körperfresser von ihm Besitz ergriffen und seine Seele verschlungen. Man muss ihn für seinen grausamen Verrat verachten, aber eigentlich ist auch er ein Opfer. Das System hat ihm Gewalt angetan: keine körperliche, aber es hat ihm all seiner Prinzipien und Werte beraubt.

BLUE COLLAR ist ein bitterer Film, aber er lässt sich von der wenig erbaulichen Realität lange Zeit nicht unterkriegen, genau wie seine Protagonisten. Die Arbeit mag hart und dreckig sein, die Existenzängste groß, die Aussichten beschissen: Wenn die drei Freunde zusammen sind und ihre Bierchen zischen, sind die Sorgen zumindest für kurze Zeit vergessen. Bis ungefähr zur Hälfte ist BLUE COLLAR eine lupenreine Komödie, die vom Zusammenhalt der Arbeiter getragen wird. Dann, nach dem Einbruch, markiert eine Reihe von Auslassungen den Bruch. Was den Gesinnungswandel Zekes auslöst, lässt Schrader im Dunkeln, er konfrontiert den Zuschauer stattdessen mit harten Fakten, die aufgrund des Verzichts einer Herleitung umso schwerer treffen. Der Humor verflüchtigt sich und macht Platz für Paranoia und Todesangst. Jerry muss nach einem Mordanschlag Hilfe beim FBI suchen und seine Wurzeln kappen. Er fühlt sich nicht wohl im Schutz der Beamten, die in ihm auch nur einen „Fall“ sehen, und seine ehemaligen Freunde beäugen ihn wie einen Aussätzigen. Das ist aber noch nichts gegen die Konfrontation mit Zeke: Aus den Freunden sind Todfeinde geworden, die sich gegenseitig die Schädel einschlagen würden, wenn man sie ließe.

Schrader hat mit BLUE COLLAR einen meisterlichen Film hingelegt, und mit seinen drei Hauptdarstellern einen absoluten Volltreffer gelandet. Yaphet Kotto hat mich als cooler Smokey nach seiner Leistung in REPORT TO THE COMMISSIONER  zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit begeistert. Er ist so etwas wie der Anführer des Trios, der große Bruder, der beschützend seine starke Hand über sie hält, bis es ihn kalt erwischt. Harvey Keitels Jerry ist eher unauffällig, ein zurückhaltender Typ, der aufbrausend wird, wenn man etwas gegen seine Gewerkschaft sagt: Eigentlich will er nur seine Ruhe haben, insofern ist er genau der Mann, denn sich die Mächtigen wünschen. Der Besetzungscoups schlechthin ist Stand-up-Legende Richard Pryor als Zeke, der sowohl den bemitleidenswerten spindeldürren Tropf überzeugend verkörpern kann wie auch den Morgenluft witternden Opportunisten. Pryors act umfasste immer eine geradezu schmerzhafte ehrliche Selbstanklage: Er war ein Getriebener und wusste ganz genau um seine Schwächen, die er immer wieder zur Zielscheibe seiner Gags machte. Seine Stand-up-Routinen waren eine Art der Selbstreinigung, Therapiestunden, das Publikum die Anvertrauten, denen er alles sagen konnte. In BLUE COLLAR scheint er den Ausbruch aus seinem Seelengefängnis zu proben: Wie wäre es, einmal ein anderer zu sein, der Typ, der auf alles scheißt und sich einfach nimmt, was er will? Die Verwandlung ist total, und am Ende, wenn sich sein immer etwas suchender, unsicherer Blick zu einer hasserfüllten Maske verzerrt, erkennt man ihn kaum noch wieder. Pryor blieb zum Glück Pryor, auch wenn er an diese Glanzleistung in Ermangelung wirklich ernsthafter Filmangebote nicht mehr anknüpfen konnte. Was aus Zeke geworden ist, will man lieber nicht wissen.

shamus (buzz kulik, usa 1973)

Veröffentlicht: September 19, 2018 in Film
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Burt Reynolds ist in der vergangenen Woche verstorben. Er war einer der Superstars der Siebzigerjahre, bis in die Achtziger hinein wurden Starvehikel um ihn gestrickt, bis seine Masche und sein Schnäuz nicht mehr zeitgemäß waren und andere kernige Typen und ein anderer Typ Mann ihn ablösten. Und wie viele männliche Stars, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer Popularität ihrer Attraktivität und Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht verdanken, fiel er mit zunehmendem Alter bei Publikum und Kritik in Ungnade. Burt Reynolds musste erst sterben, damit man sich wieder daran erinnerte, dass er nicht nur der gnadenlos selbstbewusste und geckenhaft lachende, unverschämt gut aussehende Typ mit dem Pornoschnurrbart war, sondern tatsächlich ein Schauspieler, der über eine unleugbare Leinwandpräsenz verfügte.

SHAMUS stammt aus jener Phase seines Schaffens, in der er zu jenem Superstar wurde, an den wir uns heute zurückerinnern: John Boormans DELIVERANCE, WHITE LIGHTNING, Robert Aldrichs THE LONGEST YARD und HUSTLE stammen aus dieser Zeit und etablierten seine Persona als durchtrainierter, zupackender, nicht unbedingt strahlender, weil doch immer etwas dubioser, aber doch eher dem Guten zugeneigter Frauenheld. In SHAMUS kommt zudem noch sein selbstentwaffnener Humor zum Zuge, der ihm in den späten Siebzigerjahren mit SMOKEY AND THE BANDIT einen erneuten Popularitätsschub verschaffte. Es handelt sich bei Buzz Kuliks Film um einen jener starzentrierten Krimis, die wir heute im Zeitalter des Eventmovies gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, die uns heute beinahe fremdartig unspektakulär erscheinen. Die Detektivgeschichte ist Standard-Crime-Fare, basierend auf den Private-Eye-Geschichten des Noir, und lediglich Mittel zum Zweck. Und jener Zweck ist es, dem Star eine Plattform zu bieten. Burt Reynolds ist in nahezu jeder Szene zu sehen und sein Privatdetektiv ist es, der den Film im Wesentlichen interessant macht. Aber das ist rückblickend dennoch nicht das einzige, was für SHAMUS einnimmt.

SHAMUS ist nämlich vollgestopft mit interessanten Charakteren und guten, authentisch agierenden Nebendarstellern, die die schmutzigen Straßen eines Brooklyn bevölkern, das jene grittiness aufweist, die man speziell am New-York-Film jener Tage so schätzt, aber noch nicht so abgenutzt ist, dass man ein Déjà vu nach dem anderen erlebt. Und Reynolds Privatdetektiv Shamus McCoy führt uns durch diese Welt. Da gibt es den Informanten Springy (Larry Block), der ständig mit nutzlosem Sportwissen um sich schmeißt. Oder Heav (Irving Selbst), den stoischen Betreiber der Billardhalle, die Shamus als Büro dient. Dem Mafiosi namens Dottore (Giorgio Tozzi) möchte man stundenlang beim genießerischen Verspeisen seiner Tagliatelle zusehen (wie Steven Seagal in OUT FOR JUSTICE hat Shamus eine Straßenvergangenheit und gute Kontakte zur italienischen Mafia) und Dyan Cannon ist als love interest Alexis Montaigne das ganz seltene Beispiel einer selbstbewussten und intelligenten Frau, die nicht nur dazu da ist, den Helden anzuhimmeln oder ihm zuzusetzen. Wie sie sich mit Reynolds die Bälle zusielt, ist ein Highlight des Films. John P. Ryans hat in seinem Gastauftritt als irrer Colonel Hardcore die Gelegenheit, richtig aufzudrehen, aber seine überzogene Rolle lenkt eigentlich von der Gelassenheit, die Kuliks Film sonst auszeichnet, ab. Es sind eher die kleineren Einfälle, die haften bleiben und mit denen der Regisseur typische Standards akzentuiert: etwa wenn Shamus gleich zu Beginn einen Auftrag von einem Multimillionär erhält, der für ihn mehr als nur eine Nummer zu groß ist (ein Noir-Standard, den auch die Coens in THE BIG LEBOWSKI aufgriffen), und er von dem reichen Pinkel in einem so weit runtergekühlten Raum empfangen wird, dass er seinen abgelegten Trenchcoat als Decke verwenden muss. (Die Frage McCoys, der wie vielte er auf seiner Liste gewesen sei, beantwortet der Auftraggeber wahrheitsgemäß mit „der dreiundfünfzigste“.)

Der für sich genommen spektakulärste Moment von SHAMUS ist ein Stunt ganz am Ende: Der in die Enge getriebene Protagonist springt von einer Mauer in einen dünnen Baum, dessen Ast daraufhin bricht und den Detektiv in einem ungesund ausehenden Salto zu Boden stürzen lässt. Das war nicht geplant und Stuntman Hal Needham erlitt bei dem Sturz eine Gehirnerschütterung, aber Kulik bewies Stil und beließ den Unfall im Film. Es gibt einige weitere gut getimete Actionszenen, wie eine Zu-Fuß-Verfolgungsjagd im Hafen und ein paar blutige Einschüsse, die SHAMUS immer mal wieder einen Arschtritt verpassen, aber mehr als diese Spitzen haben mich der angenehme Flow des Films und sein niemals aufdringlicher Witz begeistert. Reynolds hat ganz erheblichen Anteil daran: Die ersten fünf Minuten, in denen sein McCoy nach einer durchzechten Nacht aufwacht (er schläft auf einem Billardtisch) und von einem heftigen Hangover geplagt durch seine Wohnung wank, sind ganz große Schauspielkunst und ein Einstand nach Maß in diesen gut abgehangenen Thriller, der den Betrachter nicht unbedingt mitreißt, aber ihn sehr überzeugend dazu überredet, ihn für 90 Minuten zu begleiten.

Vor 20 Jahren versüßte mir dieser in der heimischen Videothek abgegriffene Hobel aus der untersten Schublade manch Dosenbier-getränkte Stunde. Es handelt sich um einen dieser Filme, die ein halbambitionierter Hobbyregisseur wahrscheinlich zusammen mit seinen Kumpels in den Sommerferien im heimischen Forst abdrehte, die dann aber nicht ausschließlich zur eigenen Belustigung auf Privatvorführungen zum Einsatz kamen, sondern auf rätselhaften Wegen tatsächlich einen internationalen Verleih fanden und so arme Seelen rund um den Erdball erreichten. Irgendwie schön.

Die mutig ins Jahr 1920 verlegte Geschichte dreht sich um ein paar Schiffbrüchige, die auf einer einsamen Insel mit den titelgebenden Kreaturen konfrontiert werden, kleinen rothäutigen, langhaarigen Biestern mit weißen Eieraugen und scharfen Zähnen, die sich mit selbstmörderischem Selbstbewusstsein auf die gut fünfmal so großen Eindringlinge stürzen und sie nach und nach dezimieren, bis ein Bötchen vorbeikommt und die beiden letzten Überlebenden aufsammelt.

Man muss die ausufernde, nicht enden wollende Title-Sequenz nicht einmal aufmerksam verfolgen, um zu bemerken, dass hier keine Könner am Werk waren: Alle Namen der Stabsliste tauchen in mehrfacher Funktion auf und das sieht oder hört man dann auch. Die Kameraführung ist rudimentär, der Ton unterirdisch, der Schnitt höchstens zweckdienlich und die Lichtsetzung bestand wohl darin, eine traurige Funzel in die Richtung der „Action“ zu richten. Das Drehbuch kann nicht mehr als zehn Seiten umfasst haben, von denen fünf aus der Regieanweisung „Protagonisten laufen durch den Wald“ bestanden. Wir haben es bei dem markig benannten ATTACK OF THE BEAST CREATURES um einen dieser typischen Wald-und-Wiesen-Filme, bei denen die Laufzeit gnadenlos mit Impressionen aus dem Stadtwald gestreckt wird. Naturfreunde kommen zwar auf ihre Kosten, aber es ist anzunehmen, dass die meisten Menschen weniger als 90 Minuten benötigen, um in der Nähe ihrer Heimstatt einen ganz vergleichbaren, noch dazu authentischen Eindruck von laubtragender Flora zu erhalten. Aber in der heutigen Zeit, in der Filme sich kaum mehr Zeit lassen, sondern hektisch von einer markigen Attraktion zur nächsten hetzen, fungiert ein Werk wie dieses als wohltuender Beruhigungstee. Wer beklagt, dass die Erfahrung der Langeweile  dank ständiger Verfügbarkeit von Unterhaltung der Vergangenheit angehört, der bekommt hier das willkommene Surrogat.

Was natürlich nicht heißt, dass ATTACK OF THE BEAST CREATURES ganz ohne Attraktionen auskommt, aber sie sind großzügig ür die Laufzeit verteilt, sodass man nicht in Stress gerät: Ein armer Tropf, der seinen Kopf gierig in einen erfrischen Bach steckt, muss erkennen, dass dieser kein Wasser, sondern Säure führt. Der obligatorische Misanthrop, der nur an sich denkt, wird wahnsinnig und beginnt zu sabbern, nachdem ihm die Viehcher immer wieder in dieselbe Beinwunde gebissen haben. Eine Frau schnitzt an einem Ast und wird dafür vom Schiffskpaitän gelobt. Ein Dicker stürzt am Ende in einen anderen, ebenfalls angespitzten Stock. Highlight sind aber natürlich die Attacken der Monster, kleiner unbeweglicher Holzpüppchen, die von jenseits der Kamera ins Bild geschmissen werden und die die Schauspieler dann mit großer Inbrunst an ihren Körper drücken und herumschleudern, um den Einruck zu erwecken, es handle sich um aggressive Biester. Die geradezu groteske Langsamkeit des Films schlägt in diesen Szenen regelmäßig ins totale Delirium um, das tatsächlich ungemein ansteckend ist. Man kann sich gut vorstellen, dass der Film eine therapeutische Maßnahme war und die Darsteller Patienten mit Aggressionsproblemen. Sicherlich ging es ihne am Ende der Dreharbeiten besser und ihre Kondition dürfte von der endlosen Lauferei auch profitiert haben. Sehr toll ist auch die große „Enthüllung“ des Films: Nach gefühlt Stunden dauerndem Aufstieg auf einen bescheidenen Hügel erhaschen die verbliebenen Menschen einen Blick auf eine riesige hölzerne Götzenstatue, die von den Beast Creatures angebetet wird. Eine besondere Erkenntnis bringt diese mit bedeuterungsschwangerer Musi unterlegte Szene allerdings nicht, außer jener, dass das in den Siebzigerjahren im Kinderfernsehen aktive grüne Froschwesen namens Plumpaquatsch offensichtlich auch in Connecticut bekannt war.