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und wieder ist morbid movies

Veröffentlicht: April 18, 2018 in Film, Veranstaltungen
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Das aus einer Schnapsidee heraus geborene Festival geht in die dritte Runde. Andere beschwören die Liebe, wir preisen die Verachtung. Im KommKino in Nürnberg bauen wir ein Denkmal für Schmutz, Schund und Schmuddelkram. Nur die Härtesten der Harten erhalten Eingang – und können sich Hoffnungen machen, unbeschadet wieder nach Hause zu gehen. Wer meint, Film habe etwas mit Poesie zu tun, mit Geist und Kunstfertigkeit, den möchten wir an drei schmerzhaften Tagen eines Besseren belehren: Der Zelluloid-Einlauf, den wir ihm verpassen, wird blutigen Stuhl zur Folge haben, explosionsartiges Erbrechen und natürlich schweißtreibende Albträume. Das Programm? Wird jetzt noch nicht verraten. Nur so viel: Es gibt dumpfe Serienmörder, dampfende Eingeweide mampfende Eingeborene, notgeile Zwerge, frontalasoziale Punks, eklig-berüchtigten Mondokram und vielleicht noch mehr. Wer nicht dabei ist. hat wahrscheinlich Recht gehabt.

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Meine Liebe zum generischen DTV-Actionkino muss ich hier nicht mehr groß ausbreiten. Auch MISSION OF JUSTICE ist wieder so ein „Werk“, das mein Herz gar nicht wirklich erobern muss, weil es sich meiner grundsätzlichen Sympathie schon sicher sein kann und nur noch die schwungvolle Abfolge von gut abgehangenen Plotklischees, Kampfszenen, steingesichtigen Schurken, liebenswerter Drehbuchidiotie und budgetbedingter Limitierung zu liefern braucht. Wer den Exploitationfilm hingegen vor allem deshalb schätzt, weil er immer auch ein großes Experimentierfeld und Filmemachern fernab der großen Studios Möglichkeiten der Selbstverwirklichung bot, der kann MISSION OF JUSTICE  links liegen lassen. Inszenatorisch zieht Barnett nicht die Butter vom Brot, visuell betrachtet war Meister Schmalhans Küchenmeister und C-Lister Jeff Wincott ist auch nicht gerade der Martial-Arts-Gott, von dem man jeden Roundhouse-Kick gesehen haben muss. Aber der Film hat mich mit der unaufgeregten Art, mit der er seine hanebüchene Story darbietet, trotzdem mühelos eingefangen.

Im fiktiven Örtchen Eastgate (gedreht wurde in eher anonym aussehenden Teilen von L.A.) verrichtet der tapfere Cop Kurt Harris (Jeff Wincott) seinen Dienst: Sein auf Konflikt gebügelter Vorgesetzter Duncan (Christopher Kriesa) legt ihm aber immer wieder Steine in den Weg. Die grassierende Gewalt auf den Straßen macht sich auch Dr. Rachel Larkin (Brigitte Nielsen) zunutze: Mit dem Erfolg ihrer „Mission of Justice“, einer Mischung aus Bürgerwehr und Sekte, deren Philosophie auf ihren eigenen Lebenshilfe-Ratgebern fußt (Yin-Yang inklusive), will Larkin sich zur Bürgermeisterin wählen lassen. Eines ihrer Werkzeuge ist der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Cedric Williams (Tony Burton), auch ein Kumpel von Kurt: Seine Popularität will sie für sich ausschlachten, doch der alternde Boxer hat keine Lust mehr auf ihre miesen Geschäfte. Es kommt, wie es kommen muss: Als der vom Dienst suspendierte Harris von der Ermordung des Freundes erfährt, schleust er sich in die „Mission of Justice“ ein …

Die Inhaltsangabe liest sich schon wie die zu tausend anderen Filmen und so setzen sich die Déjà Vus auch auf der Mikroebene der Handlung fort: Supercop Kurt (Muskelshirt, Lederblouson und Wildleder-Cowoboystiefel zur Jeans) hat die Faxen dicke von den ständigen Gängeleien, von doofen Regeln und nachsichtigen Richtern. Nachdem er seinen Job geschmissen hat, besucht er das Gym seines alten Freundes Cedric, um erst einmal ordentlich zu pumpen. Kaum hat er das schäbige Etablissement verlassen, tauchen Larkin und ihre Schergen auf (darunter der hünenhafte Matthias Hues) und machen kurzen Prozess mit Apollo Creeds Ex-Trainer. Natürlich wird die Tat von einem der sogenannten „Peacemaker“ der „Mission of Justice“ beobachtet, doch der traut sich nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil die teuflische Larkin ein perfides Netz aus Überwachung und Strafe gesponnen hat. Wenn Kurt vom Tod von Cedric erfährt, begießt er die Trauer mit Whiskey und herzt das Foto, das ihn mit dem Freund zeigt. Das Vertrauen von Larkin erschleicht er sich, weil just im Moment seiner Bewerbung drei Rockertypen auftauchen, um Ärger zu machen, von Kurt aber mit Fausthieben und Tritten ruhigestellt werden. Bis zur Enttarnung der Schurkin, die auch vor dem Mord an einem alten Mütterchen nicht Halt macht (der Oma des Zeugen), gibt es die üblichen Versatzstücke: Kurt hat eine brutale Aufnahmeprüfung zu bestehen, er schleicht auf der Suche nach Beweisstücken in der Firmenzentrale herum, manipuliert eine Überwachungskamera und findet ein belastendes Video (das der Einfachheit halber unmissverständlich beschriftet ist). Außerdem geht er mit den anderen Peacemakern auf Tour durchs Viertel und räumt bei der Gelegenheit ein bisschen auf: Der Actionhöhepunkt des Films ist eine ausgedehnte Keilerei in einer illegalen Autowerkstatt, bei der unter anderem auch Kettensäge, Bohrer und Hebebühne zum Einsatz kommen und die kein Ende zu nehmen scheint.

Was MISSION OF JUSTICE an Finesse und Feinschliff vermissen lässt, macht er mit Einsatz wieder wett: Die choreografisch eher mittelprächtigen Fights steigern sich zu wahren Prügelorgien, bei denen die „Helden“ jede Hemmung verlieren und die erschrockenen Gesichter ihrer Gegner wie Irre mit Schlägen bearbeiten. Des Eindrucks, dass da so Einiges kompensiert wird, kann man sich nur schwer erwehren. Schön auch, dass Gleichberechtigung hier nicht nur ein Lippenbekenntnis ist: Die beiden kämpfenden Damen des Films – Kurts Partnerin Lynn (Karen Sheperd) und Larkins „Analystin“ Erin (Cyndi Pass) – gehen mit derselben Blutgier aufeinander los wie ihre männlichen Kollegen. Der Augenblick, in dem Lynn einen Schreibtisch zu Hilfe nimmt, um für einen eingedrehten Sprungkick in die Fresse ihrer Kontrahentin den richtigen, die Wirkung maximierenden Einfallwinkel zu bekommen, war vielleicht mein persönliches Highlight des Films. Aber die armselig kopierten Schwarzweiß-Wahlposter, die Larkin und den abgehalfterten Ex-Boxer zeigen und der große Coup ihres Wahlkampfes sein sollen, sind auch ziemlich toll. Und das alles präsentiert Barnett ohne Augenzwinkern, anscheinend ohne jedes Bewusstsein für die inhärente Absurdität seiner Geschichte und ihrer Klischees. Das ist einfach wunderbar.

Dieser Tage ist Ruggero Deodatos von der Cannon produzierte Fantasyfim DIE BARBAREN als Mediabook bei Koch Media erschienen. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich dafür mal wieder einen Audiokommentar eingesprochen und das Booklet beigesteuert. Wem das als Kaufanreiz noch nicht reich, den überzeugt vielleicht die Tatsache, dass Deodatos Frühwerk FENOMENA E I TESORO DI TUTANKAMEN (zu Deutsch: FENOMENAL UND DER SCHATZ VON TUTANCHAMUN) enthalten ist.

Außerdem möchte ich noch auf die kleine, aber feine Ausstellung „Raus aus dem Spießerglück: die anderen 60er Jahre“ hinweisen, die man sich derzeit im Freilichtmuseum Detmold anschauen kann. Anhand von mehreren gestifteten Alltagsgegenständen aus den Sechzigern wird ein sehr konkretes und auch emotionales Bild von einem Jahrzehnt gezeichnet, das längst nicht nur aus Hippies und Mondlandungen bestand. Für den gleichnamigen Ausstellungsband durfte ich einen Aufsatz zu den Karl-May-Filmen jener Zeit verfassen, die das deutsche Publikum damals in Scharen in die Kinos lockten und eine bessere Welt voller Edelmut, Tapferkeit, Romantik und Abenteuer erträumten. Mehr zur Ausstellung gibt es hier: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/ausstellungen/sonderausstellungen

In den USA startete BACKFIRE gleich im Fernsehen, während er hierzulande auf Video ausgewertet wurde – und mir in Form eines schön reißerischen Trailers mehrfach über den Weg lief: In Deutschland reüssierte der Film als FINAL NIGHT. Der technisch über jeden Zweifel erhabene Neo Noir von Gilbert Cates gewinnt zwar garantiert keine Originalitätspreise, dennoch vermisse ich die Zeit, als solche erstklassig besetzten, erwachsenen und gimmickfreien Thriller gedreht wurden, von Filmemachern, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hatten und sich in einer filmischen Tradition sahen. Cates zum Beispiel merkt man die Begeisterung für den Noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre an und seine erzählerischen Innovationen ergeben sich organisch aus der Fortentwicklung dieser Traditionen, nicht aus irgendwelchen „krassen“ Ideen, die auf Gedeih und Verderb übergestülpt werden, um irgendwelche Trends zu befriedigen oder Kids ins Kino zu ziehen, die sich mehr für Comics, Videoclips oder Dating-Apps interessieren.

Der eigentlich Witz an BACKFIRE ist, dass er einen Noirstandard adaptiert und dessen Plotverlauf gewissermaßen doppelt. Der Film fängt an einer Stelle an, wo seine ideellen Vorläufer üblicherweise enden: Mara (Karen Allen) ist mit dem wohlhabenden Donnie (Jeff Fahey) verheiratet und wohnt mit ihm in einer riesigen Villa in seinem Heimatort. Alles könnte gut sein, doch Donnie wird die Schreckensbilder des Krieges nicht los, hat Albträume, trinkt, ist kaum noch unter Leute zu bringen – und paranoid. Als Mara ihn eines Abends allein zu Hause lässt, erleidet er einen besonders schlimmen Anfall – bei dem Mara gemeinsam mit ihrem Lover Jake (Dean Pal Martin) kräftig nachgeholfen hat, um ihn in den Selbstmord zu treiben und sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen. So weit so gut, doch der Plan geht doppelt schief: Nicht nur überlebt Donnie und sitzt nun im Stadium der Katatonie im Rollstuhl, eine Urkunde verdonnert Mara auch dazu, ihn zu pflegen, wenn sie einen Anspruch auf seinen Besitz haben möchte. Verbittert beißt sie in den sauren Apfel und bändelt nur wenig später mit dem drifter Reed (Keith Carradine) an, der wie aus dem Nichts im Ort auftaucht …

BACKFIRE ist ein morality play, dessen Crime-does-not-pay-Botschaft in Verbindung mit einigen drastischen Bildern etwas an die EC-Horrorcomics erinnert. Der Spieß wird im weiteren Verlauf des Films erwartungsgemäß zu Ungunsten von Mara umgedreht, wobei gerade Donnies Vietnamvergangenheit, die für seinen Absturz verantwortlich war, auch bei seiner Vergeltung eine wichtige Rolle spielt. Die Geschichte erhält ihre Ambivalenz aus dem Charakter Maras: Wir verstehen sie und sympathisieren in gewisser Weise mit ihr. Auch wenn ihr Plan, den Ehemann in den Selbstmord zu treiben, nicht gerade freundlich ist, wir erkennen sie eher als Getriebene: Donnie ist ein Waschlappen, unfähig, selbst einen Weg aus seiner Krankheit zu finden, aber auch nicht bereit, sich helfen zu lassen. Seine Unzufriedenheit lässt er dann immer wieder an seiner Gattin aus, für die kaum noch Raum zur Entfaltung bleibt. In der Enge des Heimatorts ist sie zudem immer noch die Schlampe aus ärmlichen Verhältnissen, die sich damals mit ihren Hexenkräften den „golden boy“ unter den Nagel gerissen hat, um von seinem Reichtum zu profitieren. Niemand kommt ihr zur Hilfe, auch wenn alle wissen, in welch erbarmungswürdigem Zustand sich Donnie befindet.

Das unumstrittene Highlight von BACKFIRE ist die opulente Kameraarbeit von Tak Fujimoto, der immer wieder das prachtvolle Anwesen umkreist, die Natur des nordamerikanischen Nordwestens im Hintergrund einfängt und dem es wunderbar gelingt, die emotional-sexuell aufgeladene Atmosphäre in gleichermaßen heiße wie kalte Bilder zu übersetzen. Gleiches gilt für den Score von David Shire, dessen orchestrale Pracht das private Drama zum Lehrstück über die Conditio humana erhebt. Der Mensch ist des Menschen Wolf und wenn man kein Glück hat, kommt meist auch noch Pech dazu: Gut, wenn man einen Buddy aus Vietnam hat. BACKFIRE hat mich nicht zuletzt nostalgisch gestimmt: Leute wie Allen, Carradine oder Fahey würden heute wahrscheinlich maximal eine Nebenrolle in einer Fernsehserie angeboten bekommen – und da kann man mir erzählen, was man will: Formal spielen die in einer anderen, nämlich tieferen Liga. Zugegeben, BACKFIRE repliziert einige heute etwas überkommen scheinende Rollenklischees: Carradine darf den geheimnisvollen drifter als tequilatrinkenden, markige Sprüche reißenden man’s man interpretieren, der dem Fettsack in der Truckerkneipe die Fresse poliert und die leading lady mit seinem sehnigen Körper in den Wahnsinn treibt. Und Fahey weiß zweifellos, was seine stahlblauen Augen wert sind. Selbst als sabbernder Wachkompatient sieht er noch makellos aus – der einzige echte Haken des Films. Als Maras Lover ist Dean Paul Martin zu sehen, Dean Martins Sohn, der kurze Zeit nach Ende der Dreharbeiten mit seinem Kampfflugzeug an einem Berg zerschellte. Er begleitete meine Jugend mit der hübschen, aber kurzlebigen Serie MISFITS OF SCIENCE, die als DIE SPEZIALISTEN UNTERWEGS auf RTL lief. MIttelpunkt des Geschehens ist aber eindeutig Karen Allen. Man kennt sie ja in erster Linie als kulleräugige Freundin von Indiana Jones in RAIDERS OF THE LOST ARK, aber hier zeigt sie, dass sie auch in einer ambivalenten Rolle als Schurkin zu überzeugen weiß. Ein wirklich schöner Film.

Der internationale Verleihtitel FINAL JUSTICE klingt nach generischer Neunzigerjahre-DTV-Actiongülle (die Übersetzung des Originaltitels THUNDERBOLT VANGUARD hingegen wie ein Schwulenporno um Sprengstoffexperten), dabei ist Parkman Wongs Film mit Danny Lee und dem gerade 26-jährige Stephen Chow hochkarätig besetzt. Beide spielen, ganz nach der damals populären Buddyfilm-Formel, zwei ungleiche Partner im Kampf gegen eine Verbrecherbande: Lee ist Sergeant Cheung, tough bis zur Karikatur, auf Regeln pfeifend und immer mit seinem Motorrad unterwegs, Chow der Kleinkriminelle Ah Wai, der sich mit den bösen Buben eigelassen hat und von Cheung nun zur Mithilfe verdonnert wird.

Komödiantische Elemente überwiegen, die Action wird eher sparsam eingesetzt (dann aber mit ein paar schönen Einschüssen), vor allem, wenn man sie mit den Filmen der großen Actionspezialisten Hongkogs vergleicht,etwa mit denen von John Woo, in dessen Meisterwerk DIE XUE SHUANG XIONG Lee nur wenige Jahre später in einer deutlich ernteren, gewichtigeren Rolle zu sehen war, oder bedenkt, dass mit Chow ein Darsteller zur Verfügung stand, der für seine große Martial-Arts-Artistik bekannt ist: Er darf von diesem beachtlichen Talent überhaupt nichts zeigen, muss stattdessen den gutmütigen Taugenichts spielen, der vom adrenalinsüchtigen Cheung von einer brenzligen Situation in die nächste getrieben wird.

Das ist leider eher langweilig, weil PIK LIK SIN FUNG strikt nach Formel abläuft und das einzige, was aufmerken lässt, Danny Lees bescheuerter Cop und diverse bizarre Modererscheinungen sind. Manchmal habe ich den Eindruck, die Achtziger waren in Hongkong am achtzigerigsten: Danny Lee trägt eine unfassbar Deppenfrisur zur Schaue, die ihn aussehen lässt wie Moe von den Drei Stooges, er wohnt in einer Garage, trägt ständig Lederjacke und Sonnenbrille, hat einen frivolen Zigarettenspender und liegt, wie könnte das anders sein, im Clinch mit dem geleckten Vorgesetzten. Chows Ah Wai hingegen ist eher so der verspielte modebewusste, was man an seinem Jeansblouson sieht, auf dessen Rücken bunte Knöpfe eine „Fuck“ formen. Später trägt er dann eine Jacke, an deren Revers zwei anthropomorphe Plüschherzen gepinnt sind – einer der idiotischeren „Trends“ eines an solchen nicht armen Jahrzehnts. Viel mehr ist leider nicht hängen geblieben.

In Deutschland erschien dieser putzige Serienmörderthriller, der deutlich weniger schmierig und billig ist, als ich es erwartet – und um ehrlich zu sein: erhofft – hatte, unter dem herrlichen Titel DIE NACHT DER APOKALYPSE mit einem toll reißerischen Videocover. Damit kann das Original zwar nicht dienen, aber Horrorfilme, die auf dem Cover mit vollbärtigen Schmierlappen in Latzhose werben, können sich meiner grundsätzlichen Zuneigung natürlich trotzdem gewiss sein, vor allem, wenn sie ihm eine Heckenschere in die Hand drücken und eine nackte Frau in unmittelbarer Nähe platzieren. Letztlich ist LADY STAY DEAD ein ziemlich stilsicher und routiniert inszenierter Psychothriller, der den positiven Eindruck, den man sich von Ozploitation bislang gemacht hat, festigt – aber er ist auch irgendwie ein bisschen langweiliger als es das nebenstehende Bild suggeriert.

Gordon (Chard Hayward) ist Gärtner, vor allem aber ein Spinner: Er himmelt die Popsängerin Marie (Deborah Coulls) an, deren Garten er pflegt, bespannt sie beim Baden im Meer, wobei er sich in Folterfantasien ergeht und in den Sand vögelt – tja und dann vergewaltigt er sie und bringt sie um. Wie das in solchen Filmen so ist, bleibt es nicht bei dem einen Mord: Der freundliche ältere Nachbar, der Gordon mit der Leiche ertappt, muss ebenfalls beseitigt werden. Und dann taucht wenig später Maries ältere Schwester Jenny (Louise Howitt) auf, die schnell ahnt, dass dieser Gordon nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Es kommt zu einer Belagerungssituation …

LADY STAY DEAD ist weniger glatt als vergleichbare US-Produktionen und eben irgendwie ein bisschen anders, so wie man das von australischen Exploitern kennt, ohne genau benennen zu können, worin dieser Andersartigkeit eigentlich besteht. Gerade in der ersten halben Stunde ist Bourkes Film sleaziger und expliziter als es solche Thriller üblicherweise sind, was nicht zuletzt an Haywards geekigem Killer liegt (der mich an eine muskulösere Mischung aus John Landis und Tobe Hooper erinnert hat), aber er ist auch nicht so schundig und abgrundtief spekulativ, wie es fürs Bahnhofskino oder das Drive-in gefertigte Titel aus dem Zwischenreich von Slasher und Serienmörderfilm sind. Wenn das Katz-und-Maus-Spiel beginnt, versandet LADY STAY DEAD aber leider etwas in der Beliebigkeit, auch wenn Bourke seine Sache gut macht, sein Film über einer weit überdurchschnittliche Kameraarbeit und einen schicken Score verfügt. Es fehlt das Quäntchen Wahnsinn, zumal der nun endgültig durchdrehende Psycho nur selten richtig gefährlich wirkt, eher wie ein jähzorniges Kind rüberkommt. Ozploitation-Freunde sollten ruhig mal einen Blick riskieren, zumal der Film in einer supercrispen HD-Variante vorliegt: Ich fand LADY STAY DEAD zwar nicht rundum zufriedenstellend, aber doch sehr sympathisch.

lenny (bob fosse, usa 1974)

Veröffentlicht: April 7, 2018 in Film
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Auch ohne viel über Bob Fosse zu wissen, ahnt man schon nach nur oberflächlicher Beschäftigung mit ihm, was ihn am Komiker Lenny Bruce interessierte, dem er mit LENNY ein grobkörniges, monochromes, nocturnes Denkmal setzte. Sie waren ungefähr gleichalt (Bruce wurde 1925 geboren, Fosse 1927), entschieden sich früh für ein Leben auf oder zumindest in der Nähe der Bühne, beider Aufstieg begann in den 1950er-Jahren und beide waren Suchtmenschen, was sie mit einem frühen Tod bezahlten: Bruce starb mit 40 Jahren an den Folgen einer – möglicherweise absichtlich genommenen? – Überdosis, Fosse erlag mit 60 einem Herzinfarkt, der durch jahrzehntelanges Kettenrauchen begünstigt worden war. Wie viel Fosse LENNY bedeutete (wie nah ihm Bruce ideell stand?), zeigt sich auch daran, dass der Protagonist seines autobiografischen Meisterwerks ALL THAT JAZZ, ein Regisseur, im Schneideraum über dem Schnitt seines neuen Films über einen Stand-up-Comedian verzweifelt.

LENNY verfolgt die Lebensgeschichte von Lenny Bruce (Dustin Hoffman) von dessen Anfängen als drittklassiger Witzeerzähler und Imitator in miesen Clubs, über seine Ehe mit und Scheidung von der Stripperin Honey Harlow (Valerie Perrine), den Aufstieg als gesellschaftskritischer, bisweilen agitatorischer Comedian bis hin zu den regelmäßigen Konflikten mit der herrschenden Moral und der diese vertretenden Obrigkeit sowie schließlich dem Niedergang in Verfolgungswahn und Drogen. Unterbrochen wird der erzählerische Fluss immer wieder durch kurze Interviews, die die Hinterbliebenen des Komikers – dargestellt von denselben Schauspielern wie im biografischen Strang – nach dessen Tod einem ungenannt bleibende Fragesteller geben: eine effektive Authentifizierungsstrategie. Fosses Anspruch ist es aber nicht, den Komiker abschließend zu erklären: Zu lückenhaft ist sein Film, zu wenig erfahren wir über seine wahre Motivation. Was wir sehen, ist ein getriebener, akribischer, intelligenter Künstler, der unterging, weil er zu früh kam – und für die auf ihn einprasselnden Vorwürfen emotional nicht gewappnet war. Seine Ansichten zur Scheinheiligkeit der amerikanischen Gesellschaft und wie sie sich in der Sprache niederschlägt, zu Sexualmoral und Rassismus waren Vorboten einer Entwicklung, die erst nach seinem Tod wirklich ins Rollen kam, in seiner Zeit aber nicht nur einen Schock bedeuteten, sondern von großen Teilen der Bevölkerung als Angriff auf den Status quo gewertet werden mussten. Lenny Bruce gilt als einer der besten und einflussreichen Stand-up Comedians, es darf als gesichert betrachtet werden, dass die Kunstform ohne ihn heute anders aussähe. In einer Rangliste der 50 besten Komiker, die das Magazin Rolling Stone 2017 veröffentlichte, belegt er mehr als 50 Jahre nach seinem Tod Rang drei: Übertrumpft wurde er von Richard Pryor und George Carlin, die sich direkt auf Bruce beriefen.

Das Tolle an LENNY – neben dem interessanten Protagonisten, Hoffmans engagiertem Spiel und der zauberhaften Schwarzweiß-Fotografie – ist, dass er seine Hauptfigur nicht gnadenlos verklärt, wie das andere Biopics mit schöner Regelmäßigkeit tun. Weder werden die weniger liebenswerten Charakterzüge Bruces verschwiegen oder zu sympathischen Marotten verklärt, die man außergewöhnlich begabten Menschen eben verzeihen muss, noch verfällt Fosse bei der Schilderung von Bruces „Kampf“ gegen eine verlogene Moral in übertriebenes Pathos. Der Komiker aus LENNY ist nicht auf heiliger Mission unterwegs, er sagt lediglich, was ihm auffällt, ohne sich dabei selbst zu zensieren. Das Aufsehen, das er damit erregt, verwundert ihn selbst: Warum sollte man auf einer Bühne bestimmte Worte nicht benutzen dürfen, obwohl diese doch zum normalen Sprachgebrauch gehören? Der echte Künstler tut einfach, was ihm eingegeben wird, er denkt nicht über Ziel oder Zweck nach: Es heißt, bei seinen besten Auftritten habe Lenny Bruce einfach geredet, was ihm in den Sinn kam, ohne Script, ohne Selbstbeschränkung. Und manchmal sei er dann auf der Bühne in Gelächter ausgebrochen, weil es ihm gelungen war, sich selbst zu überraschen.

Eine Fähigkeit, die eines gewisses Vertrauens und uneingeschränkter Offenheitbedarf: Vielleicht wurde ihm genau dies zum Verhängnis. Er landete in der Heroinabhängigkeit, obwohl er bei seiner Ex-Frau gesehen hatte, wo sie hinführte (Honey Harlow gelang nach der Scheidung der Entzug), er war vor Gericht nicht in der Lage, das Spiel mitzuspielen, das man ihm aufzwang, redete sich dort – zumindest in Fosses Film- um Kopf und Kragen, in der Hoffnung, zum Herzen der Justiz durchzudringen. Als Motiv für seine zahlreichen Seitensprünge gibt seine Ex-Frau in einem der Interviewschnipsel Unsicherheit an: Bruce habe immer Bestätigung gesucht, sie bei den Frauen und in den Reaktionen des Publikums gefunden. Die Auftrittsverbote, die es in den letzten Jahren hagelte, die Strafen wegen Unsittlichkeit müssen wie Schläge für ihn gewesen sein. Das Ende von LENNY ist schmerzhaft: Der Höhepunkt ist eine mehrminütige, statische, ungeschnittene Aufnahme, die einen Auftritt des nur mit einem Bademantel bekleideten, unter Heroineinfluss stehenden Komikers zeigt. Er redet mit sich selbst, vergisst mitten im Satz, was er sagen wollte, bricht plötzlich in eine Tirade aus und stürmt schließlich von der Bühne, weil er sich übergeben muss. Aber auch in klareren Momenten legt er in den späten Jahren seiner Karriere manisches Verhalten an den Tag: Zuschauer verlassen seine Shows in Scharen, weil er nichts anderes tut, als die gegen ihn erhobenen Strafbescheide zu verlesen. 1964 wurde er in New York schließlich wegen „Obscenity“ verurteilt. Er starb vor dem Ende seines Einspruchsverfahrens, die Nadel steckte ihm noch im Arm, als man ihn tot in seinem Haus fand. 2003 wurde er nachträglich freigesprochen.