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Was ich eben anlässlich von MANGIATI VIVI! geschrieben habe, nämlich dass ich viele Filme, die mich vor 20 Jahren noch tierisch geschockt haben, heute nicht mehr viehisch brutal, sondern eher  belustigend finde, zeigt sich auch in CANNIBAL FEROX. Der war zwar schon damals keine ernsthafte Konkurrenz für Deodatos unerreichten CANNIBAL HOLOCAUST, aber dass er die goods deliverte hätte ich ihm nicht in Abrede stellen wollen. Für mich lag der damals splattertechnisch auf einer Höhe mit den Zombiefilmen Fulcis, mit dem Unterschied, dass er sujetbedingt noch eine Ecke geschmackloser und damit auch irgendwie ekliger und schmuziger war. Bei der gestrigen Sichtung habe ich ihn in erster Linie als putzige Lachnummer wahrgenommen, die zwar deutlich schockierender ist als der Vorläufer MANGIATI VIVI!, aber mit dem Abstand der Jahre doch erheblich an damaligem shock value verloren hat – dass er sich inhaltlich auch noch deutlich an Deodatos Meisterwerk orientiert, macht seine Misslingen nur noch deutlicher.

Los geht es mal wieder in New York, wo kein Geringerer als Dominic Raacke als eben aus der Klinik entlassener Junkie durch die Straßenschluchten taumelt und dann von dem blonden Carlo-Tränhardt-Lookalike Perry Pirkanen, der ja auch schon bei Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST mitgewirkt hatte, erschossen wird. Irgendwie geht es um Drogen und einen verschwundenen Gauner, der dann wenig später am Amazonas auftaucht: Es handelt sich um Mike (John Morghen), bis unter die Haarspitzen zugekokst und mit dem verletzten Kumpel Joe (Walter Lucchini) unterm Arm. Die drei Protagonisten Rudy (Danilo Mattei), Gloria (Lorraine De Selle) und Pat (Zora Kerova), die an den Amazonas gereist sind, um zu beweisen, dass es keine Kannibalen gibt, freuen sich zwar, statt madenfressender Urwaldmenschen mal wieder einen Weißen zu Gesicht zu bekommen, aber da ahnen sie auch noch nicht, dass Mike im Drogenrausch den Zorn eben eines Stammes von Menschenfressern auf sich gezogen hat. Wie bei Deodato hat sich Mike den „Primitiven“ gegenüber benommen wie die Axt im Wald, aber nicht, um spektakuläres Filmmaterial mit nach Hause zu bringen, sondern lediglich für schnöden Reichtum. Irgendwann schlagen die Gebeutelten zurück, schnippeln ihm den Piepmatz ab und zeigen der geilen, aber dummen Pat, wie sich der Begriff „Hängetitten“ etymologisch erklären lässt.

CANNIBAL FEROX genießt beinahe legendären Status, ist mit Beschlagnahmungen in angeblich 31 Ländern der „gewalttätigste Film aller Zeiten“, und fungierte unter anderem auch als Einfluss für einen gewissen Herrn Zombie, der das Debütalbum seiner Kapelle White Zombie nach dem internationalen Verleihtitel MAKE THEM DIE SLOWLY taufte, und wird immer genannt, wenn es um die Geschmacksentgleisungen des Schmuddelkinos europäischer Provenienz geht. Diesen Ruf hat er nicht ganz zu Unrecht, denn was hier für ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde, nur um Zora Kerova Haken durch die Brüste zu ziehen und sie daran aufzuhängen, ist schon erstaunlich. On location in New York und am Amazonas gedreht, ist CANNIBAL FEROX ein einziger Mummenschanz und Lenzi geht out of his way, um seinem Publikum das Essen aus dem Gesicht fallen zu lassen. Da werden, wie gesagt, fette Maden gefressen, Tiere abgeschlachtet, Eingeweide und Augäpfel rausgerissen, mit Lust und blutverschmierter Schnute auf Gekröse rumgekaut. Die Message hinter dem ganzen Quatsch ist wieder einmal die, dass der Zivilisationsmensch ein viel größeres Schwein ist als der eigentlich brave Kannibale, der doch nur in Ruhe im Schlamm sitzen möchte. John Morghen ist als freidrehender Vollarsch idealbesetzt und wie immer eine Schau, ob er sich nun mit irrem Blick eine Prise kolumbianisches Nasenpuder reinzieht, seine Eroberung Pat zur Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchens überredet oder einem armen Tropf ein Auge auspiekst.

DIE RACHE DER KANNIBALEN wurde Anfang der Achtziger in Deutschland aus dem Verkehr gezogen, ein Schicksal, das auch allen späteren Videoveröffentlichungen und selbst ausländischen Releases zuteil wurde. Ein reichlich lächerlicher Zustand, denn Lenzis Film ist so durchsichtig und stulle, dass man eigentlich niemanden davor schützen muss. Schon gar nicht heute, fast 40 Jahre nachdem Lenzis Schlachtplatte die deutschen Bahnhofskinos und die dort Unterschlupf suchenden Pennbrüder beglückte. Ich finde ihn heute wie gesagt eher putzig als schockierend und als Schlussstrich unter das Kannibalengenre, das er auf jene feisten Geschmacklosigkeiten reduziert, aus denen es immer schon bestanden hat, ziemlich perfekt. Wie immer man das auch letztlich bewerten mag.

 

 

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Von den „klassischen“ Kannibalenfilmen fand ich MANGIATI VIVI! immer am enttäuschendsten. Nicht zuletzt der endlos geile deutsche Titel LEBENDIG GEFRESSEN, eigentlich ja nur eine sehr korrekte Übersetzung des Originaltitels, aber eben um einiges härter, animalischer, atavistischer und sensationalistischer klingend, hat in mir immer Erwartungen geweckt, die er dann nie so recht zu erfüllen vermochte. Das hat sich leider auch nach über 20 Jahren nicht geändert, auch wenn ich nach Lenzis Tod vor knapp vier Wochen gern zu einer anderen Ereknntnis gekommen wäre. Sein Reißer, mit dem er nach einigen fulminanten Poliziotteschi in den Siebzigern sein nicht mehr ganz so ruhmreiches Spätwerk einleitete, ist ein heute vergleichsweise zahm anmutender Kannibalen-/Abenteuerfilm, der aus seiner reizvollen Story nicht wirklich viel zu machen weiß.

Nach einigen rätselhaften Morden in New York – die Opfer werden von einem dunkelhäutigen Mann mithilfe von Giftpfeilen getötet – begibt sich die junge Amerikanerin Sheila (Janet Agren) ins Amazonas-Gebiet, um dort ihre Schwester Diana (Paola Senatore) wiederzufinden. Sie soll sich der Purifikationssekte von Jonas Melvin (Ivan Rassimov) angeschlossen haben, der auch die Mordopfer angehört haben. Mit dem Abenteurer Mark (Robert Kerman) reist sie in den Urwald, wo sie von Kannibalen attackiert, aber von Jonas‘ Leuten gerettet werden. Der führt ein hartes Regiment gegen seine Jünger: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verbannt, was bedeutet, als Mittagessen der Kannibalen zu enden …

Die Geschichte um die Sekte ist unschwer erkennbar an den damals noch recht aktuellen Fall des Guyana-Massakers angelehnt, bei dem der Sektenführer Jim Jones die Angehörigen des Peoples Temple in den Massenselbstmord trieb, und dann mit Motiven des damals massiv erfolgreichen Kannibalenfilm-Genres angereichert, das Lenzi selbst acht Jahre zuvor mit seinem IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO aus der Taufe gehoben hatte. Es hatte danach ein paar Jahre gedauert, bis sich Deodato an ein Sequel begab: Sein ULTIMO MONDO CANNIBALE war der eigentliche Startschuss für einen wenige Jahre anhaltenden Boom, an dem Lenzi dann auch wieder partizipieren wollte. Sein Film beinhaltet alles, was das Genre auszeichnet: Die Kulisse des idealtypisch für die Zivilisation und den „Grußstadtdschungel“ stehenden Manhattans als Ausgangspunkt für eine von Tiersnuff, Splattereffekten, „primitiven“ Ritualen, softem Sex und sexualisierter Gewalt gesäumten Weg in die sprichwörtliche grüne Hölle, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass der westliche Mensch nicht viel besser ist als der Wilde aus dem Wald, aber dafür wenigstens mit Messer und Gabel isst.

Es ist nicht so, dass kein Potenzial in dem Film steckte: Es ist eigentlich toll, dass sich Lenzi nicht auf seine Kannibalengeschichte verlässt, sondern die Gekrösemampfereien eher in der Peripherie stattfinden lässt, nur leider wird die Purifikationssekte nie wirklich so lebendig, dass sie das Interesse, das er ihr widmet, rechtfertigen würde. Das Problem: Neben Jonas und ein paar Schergen bleiben die Sektenhuber reine Staffage, keiner von ihnen hat auch nur einen erkennbaren Charakterzug, von einer Persönlichkeit ganz zu schweigen. Warum sie Jonas anbeten und sich dazu an diesen gottverlassenen Ort begeben haben, warum sie ihm bereitwillig in den Tod folgen, bleibt völlig unklar, und demnach verpufft auch der Massenselbstmord am Ende ziemlich wirkungslos. OK, MANGIATI VIVI! ist nicht unbedingt der Film, an dem ich mit der Erwartung feinsinniger Charakterzeichnung herantrete, aber Gematsche wird eben auch nicht viel geboten. Viele der alten Reißer, deren Effekte mich damals noch massiv beeindruckt und geschockt haben, kommen heute eher zahm und albern daher, aber MANGIATI VIVI! hat besonders viele Federn gelassen. Der Schluss, wenn die arme Diana und eine andere Frau den Menschenfressern zu Opfer fallen und ihre gut sichtbar unter Sandhaufen verborgenen Unterarme und -schenkel abgetrennte Gliedmaßen simulieren, während die Kannibalen an Gummiextremitäten nagen, schlägt auf der Schäbigkeitsskala ziemlich hoch aus. Dass MANGIATI VIVI! im Jahre des Herrn 2002 beschlagnahmt wurde, ist geradezu rührend. Jede moderne Geisterbahn ist furchteinflößender als Lenzis Film.

Deshalb spare ich es mir auch, hier über Rassismus zu sprechen, was natürlich mehr als angebracht wäre. Oder über Sexismus: Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Szene, in der die schöne blonde Sheila über eine Fressorgie stolpert und von Chauviebolzen Mark per furztrockenem Kinnhaken vor dem Anblick erlöst wird, der ihr zartes Frauenseelchen todsicher nachhaltig zerrüttet hätte, sehr lustig fand. Er geizt eh nicht mit erzieherisch eingesetzten Maulschellen für das Weibchen, wohl wissend, dass es genau das ist, was die Frauen wollen. Irgendwann kann sie dann auch nicht mehr anders, als ob des drohenden Todes vor ihm auf die Bettstatt zu sinken. Wenigstens einmal noch bumsen, bevor man von Kannibalen gefressen, einem Sektenfuzzi ermordert oder amoklaufenden Krokodilen gefressen wird, das wär’s doch! Meine Lieblingsszene im ganzen Film ist aber jene, in der sich ein Kroko todesmutig per Kopfsprung auf einen nichts Böses ahnenden Eingeborenen stürzt und ihn ins Wasser zerrt. Was für ein Aggressionspotenzial! Wäre MANGIATI VIVI! durchgehend mit solchem Kokolores angefüllt, würde er mir deutlich besser munden.

Ein Taxifahrer vergewaltigt seine weiblichen Fahrgäste und filmt sie dabei. Um seiner Lust nachzugehen, wird er immer einfallsreicher: So baut er eine Düse in sein Fahrzeug ein, aus der ein Betäubungsgas ausströmt, das seine Opfer lahmlegt, während er sich durch Tragen einer Gasmaske schützt. Eines seiner Opfer ist eine Ehefrau, die nach dem Erlebnis einen Rape-Fetisch entwickelt, der die Beziehung zu ihrem Mann gefährdet, und ihre Schwester auf dumme Gedanken bringt …

Satôs Frühwerk – laut IMDb-Filmografie sein dritter Spielfilm, wobei ich vorsichtig wäre, das für die ultimative Wahrheit zu halten – ist stakr sexlastig und handlungsarm. Wie in einem „typischen“ Porno werden hier mehrere Sex- und Vergealtigungsszenen aneinandergereiht und nur von kurzen Dialog- und Handlungspassagen unterbrochen. Dennoch erkennt man den Regisseur schnell wieder: HITOZUMA KOREKUTÂ – internationaler Verleihtitel ist WIFE COLLECTOR – ist dunkel, kalt, ungemütlich, hoffnungslos, apokalyptisch. Warum es um die Menschen so mies bestellt ist, wird dabei nie so ganz klar. Warum sind sie nicht in der Lage, liebevolle, erfüllende Beziehungen zueinander zu unterhalten. Männer sind entweder Waschlappen, reißende Bestien, heimtückische Manipulatoren oder auf dem Weg dahin, eines von beiden zu werden, Frauen frustriert, unbefriedigt und neurotisch.

Auch wenn Satô sich nicht wirklich für die Hintergründe dieser Dispositionen interessiert, dass das Leben in der Megacity Tokio von Gleichgültigkeit und Egoismus geprägt ist, kommt in seinen Bildern immer wieder zum Ausdruck: Da fallen Männer gleich in Scharen über hilflose Frauen her, wird die mit versteckter Kamera gefilmte Vergewaltigung am Rand einer stark befahrenen Schnellstraße maximal mit einem faulen Hupen quittiert. Am Schluss, wenn der vergewaltigende Taxifahrer sein totes Opfer durch die Fußgängerzone schleppt, muss man angesichts der ratlos um ihn herumtorkelnden Menschen fast an den Zombiefilm denken. Der Serienvergewaltiger kommt da im Vergleich gar nicht mehr so schlecht weg, er hat wenigstens irgendeine Leidenschaft. Am Ende fährt er in die Tiefe der nächtlichen Stadt, verschwindet in den Lichtern. Er wird weitermachen und niemand wird ihn aufhalten.

Eine junge Frau, eine Kunstschmiedin, wandert über ein marode und rostig aussehendes Hafengelände und steigt schließlich in ein kleines Boot. Ein Mann in einem schwarzen Motorradanzug, dessen Gesicht durch den schwarzen Helm verdeckt bleibt, steigt zu ihr, überwältigt sie und beginnt sie mit dem Griff seines Messers zu vergewaltigen. Erinnerungen an einen Safe steigen in ihr hoch und das Bild einer schwarz behandschuhten Hand, die in ihn hineingreift. Ist das nur ein Albtraum oder ist das alles tatsächlich passiert? Wer ist die schwarz vermummte Gestalt?

Begeisternd an diesem frühen Film von Satô (er war damals gerade 31 Jahre alt) war für mich vor allem die oben geschilderte Albtraumsequenz, die (wahrscheinlich durch Aussparung von Einzelbildern) einen überwältigenden, verstörenden und irgendwie unmittelbaren Charakter erhält. Untermalt wird sie von metallisch-perkussiven, gleichzeitig aber auch sanften Klängen, die ihre irreale Anmutung noch verstärken. Diese traumgleiche Stimmung zieht sich durch den ganzen Film, der sich danach den Versuchen seiner weiblichen Hauptfigur widmet, mit den immer wiederkehrenden Bildern und Erinnerungsfetzen klarzukommen. Sie sucht eine Klinik auf, in der man sich zur Meditation in mit Flüssigkeit gefüllte Tanks legt. Auch hier wird sie vergewaltigt. Ihre Ängste agiert sie schließlich aus, indem sie in der U-Bahn schwarze Lederjacken zerschneidet.

BOKO CLIMAX! ist wie alle Filme von Satô, die ich bislang gesehen habe, gleichermaßen konkret-materialistisch wie amorph und geisterhaft. Man versteht irgendwie instinktiv, was da vorgeht, ohne es in Worte überführen zu können – ich kann es jedenfalls nicht. Am Ende bleibt alles rätselhaft, wie das Leben. Satôs Charaktere sind im Fluss, sie verschwimmen miteinander, sind weniger psychologische Einheiten als vielmehr wandelnde Repräsentanten unterdrückter Gefühlszustände. Sie leiden unter vergangenen Erlebnissen meist sexueller Natur, die auch ihre Körper unterwerfen. Traumata nehmen physische Gestalt an: Hier liegt wohl auch die immer wieder strapazierte Gemeinsamkeit zum Body Horror Cronenbergs. Wie die Filme des Kanadiers sind auch Satos Werke kalt, unfreundlich, von einer tief in sich eingekapselten Traurigkeit durchzogen, in der sich die Orientierungslosigkeit in bizarren Perversionen Ausdruck verschafft. BOKO CLIMAX! ist aber auch immer wieder sehr schön und weich, nicht zuletzt weil Wasser eine wichtige Rolle spielt. Visuell hat er mir von den bislang gesehenen Werken am besten gefallen: Der Kontrast zwischen der geschilderten Härte und Kälte und der traumartigen Sanftheit ist einfach sehr reizvoll. Letztlich handeln seine Filme von der Möglichkeit der Liebe in der kapitalistischen Apokalypse. Und dann sind da immer wieder diese Szenen, die Satô mit der „versteckten Kamera“ inmitten der geschäftigen Massen auf den Straßen Tokios dreht: Hier ersticht seine Protagonistin im Vorbeigehen einen Mann in schwarzem Lederanzug. Er sinkt tot zu Boden, bleibt reglos auf einem Zebrastreifen liegen. Und keiner hält an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

Ein 160 Minuten langes, unabhängig produziertes dialoglastiges Schwarzweiß-Kammerspiel aus dem Jahr 1975? Ganz klar, da hat ein Künstler sein Lebenswerk in Szene gesetzt, einen lang gehegten Traum in Bilder gegossen. Wahrscheinlich eine werkgetreue Literaturverfilmung, ein autobiografisch angehauchter Film über die Erfahrungen der Eltern während des Dritten Reichs vielleicht? Irgendetwas Tiefsinniges auf jeden Fall, etwas Kompliziertes, das den Regisseur an den Rand des Nervenzusammenbruchs und in die Verschuldung trieb, ein Werk der Selbstaufopferung für die Schönheit der Kunst. Nun ja, nicht ganz. Oder doch? THUNDERCRACK! ist ein Hardcore-Porno und wollte man so etwas wie ein zentrales Thema herausarbeiten, dann wären das wahrscheinlich Einsamkeit und die daraus resultierende sexuelle Perversion, die dann in der Liebe eines Mannes zu einem Gorilla namens „Medusa“ kulminiert.

Während eines gewaltigen, nächtlichen Sturms versammeln sich sechs Personen im Haus der Witwe Mrs. Gert Hammond (Marion Eaton) mitten in der Einöde von Nebraska. Den Tod des Mannes hat sie nie verwunden, ist darüber dem Alkohol verfallen. Ihre sexuelle Frustration agiert sie mit ihrer Lust für Salatgurken aus, Selbstmordgedanken schütteln sie. Die Personen, die bei ihr um Unterschlupf betteln, sind Willene Cassidy (Maggie Pyle), Ehefrau eines berühmten Countrysängers, die dominante Roo (Moira Benson) und ihr Sklave Sash (Melinda McDowell), die auch den Anhalter Toydy (Rick Johnson) im Schlepptau haben, Chandler Wilson (Phillip Heffernan), Witwer der schwerreichen Sarah Lou Phillips, deren Feuertod eine sexuelle Dysfunktion bei ihm auslöste, Bond (Ken Scudder), der eine Liebesbeziehung mit Sash beginnt, und schließlich der Zirkusangestellte Bing (George Kuchar), der eine unglückliche Liebesbeziehung zu besagtem Gorilla unterhält.

Nachdem diese Getriebenen bei der Hammond eingetroffen sind, betreten sie nacheinander ein unbenutztes Schlafzimmer voller Sexspielzeuge und pornografischer Gemälde, um sich „frisch“ zu machen: Während sie sich mit den verschiedenen Spielzeugen amüsieren, werden sie von Mrs. Hammond beobachtet, die wiederum mit einer Gurke masturbiert (die später wieder in der Gemüseschale landet). Zurück im Wohnzimmer und später am Esstisch entspinnt sich eine Art Gesprächs-Gruppentherapie, bei der alle ihre Geschichten erzählen und sich dann in unterschiedlichen Paarungen erneut zurückziehen, um Sex zu haben. Am ärmsten dran ist Bing, der von der lüsternen Medusa vergewaltigt wurde und seitdem von der Ehe mit dem Affen träumt. Die anderen überzeugen ihn schließlich davon, das Tier zu heiraten. Glücklich sinkt er, ein Hochzeitskleid tragend, am Schluss mit Medusa in die Kissen, und äußert den Wunsch einen Supermenschen, halb Mensch halb Tier, mit ihr zu zeugen …

Es muss nach diesem Versuch einer Inhaltsangabe nicht zusätzlich erwähnt werden, dass THUNDERCRACK! eine äußerst bizarre und absolut einzigartige Wundertüte geworden ist. Es fällt mir einfach nichts Vergleichbares ein, auch die Filme des manchmal herangezogenen John Waters sind doch irgendwie ganz anders. Hinter der seltsamen Mischung aus Porno, Drama, Psychogramm, Mystery, Kunst- und Präriefilm steckt der Undergroundfilmer George Kuchar, der das Drehbuch schrieb und in der Rolle des Sodomisten Bing (sowie im Affenkostüm) zu sehen ist. Neben der wahnwitzigen Story ist es auch die formale Gestaltung, die zum Mysterium von THUNDERCRACK! beiträgt. In seinem ausblutenden Schwarzweiß und mit seinen melodramatischen Dialogen sowie dem Verzicht auf klassische Establishing Shots – die eine Außenansicht des Hammond-Hauses ist eine Zeichnung – lässt er sich nur schwerlich einer Periode zuordnen. Am ehesten sind es die Frisuren der männlichen Darsteller – allesamt langhaarig und mit prächtigen Schnauzbärten ausgestattet -, die die Einordnung ermöglichen, ansonsten könnte THUNDERCRACK! auch aus den Dreißiger-, Vierziger- oder Fünfzigerjahren stammen.

Ebenfalls erstaunlich: Trotz der im Director’s Cut beachtlichen Länge (die normale Fassung ist aber auch „nur“ 20 bis 30 Minuten kürzer) ist THUNDERCRACK! extrem kurzweilig. Ob es die irgendwie putzigen Sexszenen sind, die gleichermaßen elaborierten wie hirnerweichenden Dialoge, das ständige Hin und Her der Protagonisten oder aber die schlicht spektakulär komischen Einfälle (die Gurke!), es wird einfach immer was geboten. Die Zeit vergeht wie im Flug und wenn man bis zum Ende durchhält – was eher traditionalistisch eingestellten Menschen trotz des großen Unterhaltungswertes wahrscheinlich schwerfallen dürfte -, wird man mit einem der originellsten, rätselhaftesten, witzigsten und einzigartigsten Filme überhaupt belohnt. Ich kann aufgeschlossenen Filmfreunden nur empfehlen wenigstens einmal den Versuch zu unternehmen. THUNDERCRACK! ist einfach toll!

 

Die Idee des Horror-Amateurfilms ist grundsätzlich eine schöne: unkompromittiert von irgendwelchen äußeren Einflüssen und kommerziellen Erwägungen mit Freunden und Bekannten eine gute Zeit haben, seinem Ding nachgehen, sich ausprobieren, den Vorbildern nacheifern, rumexperimentieren, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Leider geht der Schuss für den Zuschauer, der nicht mit Cast & Crew befreundet ist, meist nach hinten los. Klarer Fall, das Gros der Horror-Amateurfilme ist für den Eigenbedarf gemacht, in dem kühnen Glauben, dass der eigene Spaß sich automatisch auf den Betrachter überträgt. Aber das ist eben nur höchst selten der Fall.

Was mich zu MANIA bringt, dem Werk der Nürnberger Metal- und Horrorfans Alexander Franz und Thomas Herr, das sich wohltuend von der meist traurig-dürftigen Amateurfilm-Realität abhebt. Nicht, weil man hier künftigen Regie-, Drehbuch-, FX- oder Schauspiel-Assen zusehen würde, sondern weil MANIA mit einem sicheren Gespür für Tempo und Timing inszeniert wurde, ohne die in diesem Genre so oft nervtötende Selbstverliebtheit und Maßlosigkeit – fast wie ein „richtiger“ Film. An MANIA ist kein Gramm Fett dran, nach absolut ausreichenden 28 Minuten ist er auch schon wieder vorbei: So verzeiht man dann auch gern den schauspielerischen Dilettantismus, der in dieser Form tatsächlich charmant rüberkommt, weil erst gar nicht versucht wird, ihn zu verbergen. Im Gegenzug lassen Franz und Herr ihren Film aber auch nicht zur ultraironischen Gagparade verkommen, mit der andere versuchen, ihre Unfähigkeit quasi zur Tugend umzuinterpretieren und sich gegen Kritik abzusichern. MANIA ist durchaus ambitioniert erzählt sowie kompetent inszeniert und geschnitten. Man kann der Geschichte folgen, versteht zu jeder Sekunde, was da gerade vor sich geht und bleibt bis zum Ende interessiert am Ball.

Wenn ich zusammenfassen müsste, was MANIA von den etlichen missratenen Filme dieser Couleur unterscheidet: ein sehr realistische Einschätzung der Beteiligten, was sie können und was nicht, und der über allem stehende Wunsch, einen Film zu machen, den man sich nicht nur ansehen mag, weil man mit seinen Machern befreundet ist. MANIA ist witzig, weil er ehrlich und unverstellt ist, und hochsympathisch, weil sich Unzulänglichkeiten und Talent perfekt auspendeln. Die Effekte sind nicht von der irgendwie ekligen Besessenheit, die mir bei den Filmen von Schnaas und Ittenbach immer übel aufgestoßen sind, sondern erinnern eher an die liebevolle Fadenscheinigkeit eines Herschell Gordon Lewis. MANIA ist einfach ein Idealbeispiel für die Do-it-yourself-Mentalität, die den Amateurfilm auszeichnen sollte, es aber viel zu selten tut. Er ist noch kein „richtiger“ Spielfilm, aber nah genug dran, um neben ihm bestehen können.

Wer die sympathischen Franken unterstützen möchte, kann MANIA für einen geringen Unkostenbeitrag auf DVD oder Blu-ray über www.postmortem-productions.de/ oder den Facebook-Account der Jungs bestellen. Als Bonus gibt es neben dem obligatorischen Making-of ein ganz besonders schönes Goodie: das „Original“ von 1995, das dieselben Akteure als damals 13- bis 17-Jährige im Wald gedreht haben und das den Unterschied zwischen „Filmemachen“ und „Filmen“, den ich in diesem Text versucht habe zu skizzieren, sehr schön verdeutlicht. Richtig toll ist die minutenlange Szene, in der die sich gewiss mächtig erwachsen fühlenden Jungs verzweifelt mit einem Feuerzeug am Kronkorken einer Bierflasche vergehen. Da werden wehmütige Erinnerungen wach …

 

Comfort Food für Geschmacksverirrte und Nostalgiekeule für Menschen, die diesen Film 1970 zum Kassenschlager machten (unter anderen auch mein werter Herr Papa). Warum es in den späten Sechzigern einen kurzen, aber heftigen Boom von Hexenfolterfilmen gab – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL machte den Anfang, seinem Beispiel folgten dann unter anderem Franco mit DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR und eben Adrian Hoven, der auch noch eine Fortsetzung nachlegte -, dürfte schwer zu erklären sein, genauso wie man sich kaum vorstellen kann, dass ein Kracher solchen Titels damals Scharen deutscher Schaulustiger in die Kinos trieb. Schon die Tatsache, dass HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT über 20 Jahre später, bei seiner Videoveröffentlichung, eine Beschlagnahme einheimste, lässt erahnen, wie sich die Zeiten geändert haben und hatten und dass ein Phänomen wie dieses heute nicht mehr wiederholbar scheint.

Damals aber dachte Adrian Hoven, ehemaliger Frauenschwarm und Star des deutschen Heimatfilms, dass es eine Superidee sei, die historische Realität der Hexenverfolgung, -folterung und -verbrennung als Thema für einen Film zu wählen, der es mit der protokollarischen Schilderung jener vergangenen Zustände etwas weniger ernst nahm als mit der lüsternen Zurschaustellung weiblicher Pein – und er hatte ja Recht mit seiner Vermutung, wie oben erwähnt. HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT ist ein bizarrer Mischling: Der Film ist durchaus aufwändig gemacht, hochkarätig besetzt und sauber inszeniert, kein Vergleich mit dem Billigschrott, den findige Produzenten sonst so auf den Markt warfen und denen es  damit mitunter gelang, ein Mainstreampublikum zu ködern (sofern dieser Begriff vor 40, 50 Jahren überhaupt Sinn machte). Und zwischen all dem geilen Mummenschanz legt er auch die Inquisition als Werkzeug von Willkür, Machthunger und Misogynie unmissverständlich bloß. Wenn das letztlich auch bloß die gute alte Exploitationschule ist:Der gemeine (männliche) Kinogänger konnte damals in geiler Erwartung von nacktem Fleisch und Sadomasochismus in HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT stürzen und dann nach dem Besuch erzählen, er habe einen kritischen Film über die Leichen im Keller der katholischen Kirche gesehen. (Wobei ich bezweifle, dass jemand diese Ausrede wirklich anwendete: Die Menschen dürften damals deutlich weniger blöd und naiv gewesen sein als wir es ihnen zugutehalten.)

Der heutigen Freude tut das alles aber keinen Abbruch. Hovens Film ist einfach zum Liebhaben, eines nicht allzu vieler Beispiele wirklich perfekter deutscher Exploitation, krass, unverschämt, perfide, blutig, sexy, schmuddelig, aber auch wirklich schön anzuschauen. Der ganze Film ist einziger Schauwert, ob das nun die unverwechselbaren Antlitze der Herren Lom, Nalder, Fux und Kier sind, die üppigen Formen der weiblichen Protagonistin Vanessa (Christina Vuco), die fadenscheinigen, aber liebevollen Effekte oder die schönen österreichischen Kulissen. Am tollsten ist Herbert Fux als gut gelaunter Folterknecht, so toll, dass man sich ein Spin-off wünscht, das ihn durch den Arbeitsalltag begleitet. Wunderbar auch die Szene mit der Wasserfolter, bei der Adrian Hoven höchstselbst dem Wahnsinn anheimfällt. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, außer bei mir, denn ich fand HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT auch beim ersten Mal schon super und daran hat sich auch diesmal nichts geändert. Das Titelthema erinnert übrigens frappierend an jenes aus Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST. Ob sich der gute Riz Ortolani hier inspirieren ließ?