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in defense of „hair metal“

Veröffentlicht: September 5, 2014 in Musik

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich gesagt, dass ich nach einigen nur mäßig gelungenen Versuchen, über Hip-Hop zu schreiben, in Zukunft auch weiterhin davon absehen wolle, mich hier zu Musik zu äußern. Dabei bleibe ich auch, denn ich habe über Musik kaum etwas Gehaltvolles zu sagen: Wenn ich musikalisches Fachvokabular verwende, komme ich mir immer wie ein Priester vor, der was über Sex erzählen will, weil ich über ein bestenfalls rudimentäres Verständnis dieser Begriffe verfüge. Und allein die Tatsache, dass ich irgendeine Platte oder Band gern mag, befugt mich noch nicht wirklich dazu, dass Internet mit einer Meinung vollzuschreiben, die außer mir auch Millionen anderer Menschen teilen. Manchmal juckt es mich zugegebenermaßen in den Fingern, aber ich halte es dann wie der Müde Joe in den TRINITÀFilmen von Bud Spencer und Terence Hill und kratze mir einfach die Handflächen, weil ich genau weiß, dass mir die euphorisch hingeschriebenen Texten wenig später peinlich sein werden.

Mötley Crüe galten in Metalkreisen damals als Inbegriff der hassenswerten Poser (wohl auch, weil Vince Neils Sauferei einem Menschen das Leben kostete), rehabilitierten sich jedoch vor ca. zehn Jahren mit der Autobiografie „The Dirt“ als lustige Krawallheinis. Was wichtiger ist: Ihr Debüt „Too Fast for Love“ versprüht punkige Energie, der Nachfolger „Shout at the Devil“ ist ein Heavy-Metal-Meilenstein.

Eine Sache nervt mich aber seit geraumer Zeit, sodass ich mich hier nun bemüßigt fühle, meinem Ärger Luft zu machen. Es geht dabei um die Arroganz sowohl diverser (Online-)Musikjournalisten wie auch der deren Seiten frequentierenden Leser (meist sich eh ständig ihrer intellektuellen und poitischen Überlegenheit versichernde Indie-und Alternative-Fans), die sich in ihrem allwissenden Hipsterism darüber verständigt zu haben scheinen, dass das, was sie abfällig als „Hair Metal“ bezeichnen, die wahrscheinlich erste und einzige Form der Popmusik ist, die über keinerlei nennenswerten Qualitäten, dafür aber ausschließlich besonders verblödete Fans verfügt, objektiv beschissen ist und daher immer dann herangezogen werden darf, wenn man ein schlag- und beweiskräftiges Beispiel für durch und durch wertlosen Müll braucht. Sicherlich hat jeder das Recht auf seine Meinung und dass die hier in Frage stehende Musikrichtung so viel Verachtung und Häme auf sich zieht (im Gegensatz etwa zum wenige Jahre vor ihr erfolgreichen New-Wave-Sound, der heute wieder als heißester Scheiß gelten darf), lässt sich duchaus pophistorisch und ästhetisch erklären. Was mich aber an der Verbissenheit wundert, mit der man diese Musik immer und immer wieder als kulturellen GAU beschwört, mehr als 20 Jahre, nachdem sie von den Bühnen der großen Arenen und der Heavy Rotation der Musiksender verschwunden und in die Dive Bars und Truckerpinten zurückgekehrt ist, denen sie einst entsprang, sind zwei Dinge: Erstens sollte man doch eigentlich längst wissen, wie das mit Moden und Trends funktioniert, dass sie immer wiederkommen und man dann möglicherweise selbst wie ein Idiot dasteht. Als einer, der plötzlich nicht mehr den coolen Leuten mit dem richtigen Geschmack angehört; oder aber, noch schlimmer, als einer, der plötzlich wortbrüchig geworden ist. Zweitens und noch wichtiger: Ist der Vorwurf der Poserei nicht eigentlich selbst fürchterlich chauvinistisch? Könnte man denn nicht ehrlicherweise gleich sagen, dass man diese Musik für schwul hält, die hinter ihr stehenden Musiker für unmännlich?

Tatsächlich weitestgehend unerträglich: Poison. Aber ihr Nummer-1-Hit „Every Rose has its Thorn“ gehört zu jenen schmalzigen Schmachtballaden, die sich heute leider niemand mehr zu machen traut.

Ja, es gibt Gründe dafür, dass „Hair Metal“ – der by the way früher Glam-, Sleaze- oder Hardrock genannt wurde, bevor irgendwelche Oberschlauen ihn rückwirkend zum kulturellen No-go ernannten – heute als die Verkörperung peinlicher Musik gilt: Seine Vertreter genossen den Oberflächenrausch der Achtzigerjahre in vollen Zügen, feierten Drogen, Alkohol und Sex und hatten dabei nur wenig anderes im Kopf, was ihnen unverschämterweise nicht im Geringsten unangenehm war. Penelope Spheeris‘ fantastische Dokumentation THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION PART 2: THE METAL YEARS (ich warte immer noch auf eine DVD dieses Lieblingsfilms) legt ein recht eindrucksvolles Zeugnis davon ab, was die Szene damals umtrieb, und das Bild, das sie zeichnet, ist nur wenig schmeichelhaft. Den äußeren Exzess bei gleichzeitigem innerem gesundheitlichen wie idealistischen Verfall spiegelt auch die Musik wider, bei der produktionstechnischer Overkill und songwriterischer Minimalismus in krassem Missverhältnis zueinander stehen. Die Plattenfirmen rochen bald das große Geld und warfen eine Band nach der anderen auf den Markt, wie das bei solchen musikalischen Trends immer so ist (auch beim immer noch übermäßig idealisierten Grunge, dessen flanellhemdige Stubenhockerei auf Dauer jedoch kaum weniger aufgesetzt war als der Hedonismus der Sunset-Strip-Rocker). Und natürlich sank das Niveau irgendwann, gab es unzählige Trittbrettfahrer, die ihre Alben mit kläglichen Poprock-Nümmerchen und Balladen füllten. (In diesem Video erzählt Jani Lane von Warrant, dass er sich für den Riesenhit „Cherry Pie“, zu dem er von seiner Plattenfirma genötigt wurde, „am liebsten in den Kopf schießen“ würde). Zu den Bands aus dem hier diskutierten Genre gehörten die einst Millionen von Tonträgern verkaufenden Giganten Bon Jovi und Guns N‘ Roses, aber natürlich auch solche wie Posion, Mötley Crüe, Twisted Sister, W.A.S.P., Warrant, White Lion, Skid Row, Cinderella, Stryper, Ratt, Tesla, Dokken, Enuff Z’Nuff, Dangerous Toys, L.A. Guns, Extreme, Steelheart, Nelson, Kix, Bullet Boys, Trixter, XYZ, Faster Pussycat, London, Danger Danger, Great White, House of Lords, Britny Fox, Firehouse, Trixter, Slaughter oder auch Damen wie Lita Ford und die Band Vixen (muhaha) sowie bereits zuvor etablierte Combos wie Kiss, Aerosmith (sowas wie die Vorväter der Szene), Def Leppard, Whitesnake, Judas Priest oder Ozzy Osbourne adaptierten den plötzlich populären Sound mit hallenden Bombastdrums, lasziven Texten und Keyboardfanfaren im Hintergrund.

Die L.A.-Glamrocker Faster Pussycat bewiesen mit der Wahl ihres Bandnamens Geschmack, Sänger „Taime Downe“ mit seinem Künstlernamen eher nicht.

Die Musiker frönten trotz Drag-Queen-Look dem unverhohlenen Chauvinismus, toupierten sich die Haare zu beeindruckenden Türmen, schminkten sich wie billige Huren, hüllten sich in Spandexhosen, zerrissene Jeans, arschbackenfreie Lederhosen, behingen sich mit allerlei Accessoires und losen Weibern. (Ehrlich: Was sagt es uns, dass das heute immer noch so verlacht wird?) Vieles davon schreit heute nach der Phrase vom „Style over Substance“, und der typische Achtzigersound mit seinen synthetisch klingenden Drums, ausgedehnten Gniedelpassagen für die angehenden Axtgötter, dem angehäuften Reverb und prollig geshouteten Refrains ist und bleibt genauso Geschmacksache wie das primitive Songwriting, das seinen Ursprung im Bluesrock der Siebziger trotz allen Schnickschnacks nicht verbergen kann. Wie auch der mit ähnlich viel Häme bedachte AOR (Album-oriented Rock) von Bands wie Journey, Foreigner, Survivor, Styx, Toto, Night Ranger oder Bad English trifft den „Hair Metal“ heute der schlimmste aller anzunehmenden Vorwürfe, mit der man eigentlich auf Nonkonformismus abzielende Rockmusik bedenken kann: der des „corporate rock“, des kapitalistisch bezähmten Konsumartikels aus industrieller Fertigung. Das wilde, rebellische, genderzuschreibungen durchbrechende Styling, die Texte, die Rausch, Suff und Sex predigten, waren demnach gewissermaßen nur Verkleidung, hinter der sich das ganz normale Spießertum versteckte. Es ist klar, dass die sprichwörtliche Alternative, die sich in den späten Achtzigern bereits abzeichnete, um dann in den frühen Neunzigerjahren ihren Siegeszug anzutreten, so aussehen und sich so anhören musste, wie sie es dann tat: Zurückgeschraubt, „authentisch“, ungestylt. Was irgendwann natürlich auch nur ein cleverer Stylingschachzug war.

Die hierzulande eher unbekannt gebliebenen Britny Fox erreichten mit ihrem selbstbetitelten 88er-Debütalbum und Hits wie „Girlschool“ Goldstatus in den USA.

Diese gängige Kritik am „Hair Metal“ ist meines Erachtens aber nur eine Seite der Medaille, denn die Musiklandschaft hat sich seit damals verändert, was damals Mainstream war, ist, wie beschrieben, heute nur noch ein Schimpfwort, die einstige „Alternative“ hat zwar auch bereits einige Metamorphosen durchlaufen, aber die Rockmusik-Landschaft doch mehr als nachhaltig verändert. Die Glamrock-Stars von einst sind größtenteils tatsächlich immer noch tätig, wie ich vor ein paar Jahren erstaunt herausfand, als ich durch diverse Hardrock-Blogs surfte. Sie sind heute meist jenseits der 50 und keine Sexgötter mehr, aber sie sind ihrem musikalischen Stil weitestgehend treu geblieben, verkneifen sich peinliche Versuche, „relevant“ zu bleiben und bedienen einfach weiter ihr Publikum. Manche haben nie aufgehört, Platten aufzunehmen und zu touren, andere haben sich mit ihren alten Kollegen reuniert, weil es immer noch Menschen gibt, die den Sound von einst hören wollen. Viele davon treibt gewiss die Nostalgie, wenn sie eine Karte lösen, und ich käme heute wahrscheinlich auch nicht auf die Idee, mir Alben von Ratt anzuhören (was ich tatsächlich tue), wenn ich diese Art der Musik nicht schon damals gemocht hätte und sie mich in die Zeit meiner Jugend zurückversetzte. Wie denn auch? Diese Musik wird ja, anders als andere Hits der Achtziger- und Neunzigerjahre, geradezu totgeschwiegen. Es sei denn natürlich, es bietet sich die Gelegenheit, sich mehr oder minder ironisch-schadenfroh an diese vermeintlich peinliche Zeit zu erinnern, etwa in Filmen wie ROCK OF AGES (benannt nach einem Def-Leppard-Song by the way). Dann wird diese Musik herausgekramt und man versichert sich darüber, wie flach und schrecklich das damals alles war.

White Lion gehörten in den USA zu den Superstars der Szene. Ihr zweites Album „Pride“ verkaufte sich dank der Top-3-Single „When the Children Cry“ 2 Millionen Mal.

Glam- und Hardrock ist definitiv nicht zeitlos, aber mal ehrlich: Die wenigste Musik ist das. Ich finde in ihr heute  etwas, das ich in 99,9 % der aktuellen Rockmusik vergeblich suche: In Verbindung mit den Texten wirkt sie erfrischend unprätentiös, geradeaus und absolut ehrlich, sich einen Scheißdreck um irgendwelche Konzeptionen von „Coolness“, „gutem“ Geschmack oder sonstwas scherend. Der Hardrock der Achtziger verhält sich zu seinen zeitgenössischen Entsprechungen wie der Kostümschinken zum Mumblecore-Film. Beim einen sind Gefühle groß und bunt, darf eine Liebesszene auch ruhig mal hemmungslos in den Kitsch abdriften, beim anderen ist alles reduziert, „authentisch“ und zurückgenommen. Fantasie und Traum gegen Alltag und Realität gewissermaßen. David Coverdale, Reibeisenstimme von Whitesnake, war sich nicht zu schade, in „Fool for your Loving“, einem Song vom Album „Slip of the Tongue“, dem Nachfolger zum Mammutseller „1987“, darüber zu singen, wie ihn seine große Liebe immer wieder hemmungslos zum Heulen bringt („I’m so tired of trying, I always end up crying/Fool for your loving no more“) und ich möchte behaupten, dass das heute sowohl textlich als auch stimmlich anders gehandhabt würde. Ein Rocksänger würde sich diese Blöße heute ja gar nicht mehr geben. Zumindest würde sich die Musik, mit der ein solches Geständnis unterlegt wäre, deutlich anders anhören.

Eine der besten Hardrock-Bands der Achtziger: Ratt. Zu ihrem Hit „Round & Round“ führt Mickey Rourkes alternder Wrestler Randy Robinson in Aronofskys THE WRESTLER ein kleines Tänzchen auf.

Mir ist bewusst, dass das ich hier eine Haltung zu der Musik einnehme, die erst durch die zeitliche Distanz möglich ist: Natürlich war den L.A-Rockern von einst ihr Image alles andere als egal, sondern im Gegenteil sogar immens wichtig, natürlich hielten sie sich selbst für unendlich cool und sexy und natürlich betrachteten auch ihre Fans sie so. Aber aus heutiger Perspektive liegt alles, was diese Musik ausdrückt, so weit jenseits all dessen, was als cool und hip gilt, dass sie wie eine frische Brise wirkt, die einem gehörig den Kopf freibläst und einem verdeutlicht, dass sich die Dinge auch ganz anders ausdrücken und fühlen lassen. Eine Kontingenzerfahrung. Die Musik macht Spaß, sie ist überkandidelt und größenwahnsinnig, manchmal schlicht drüber, gleichzeitig aber auffallend solipsistisch, naiv und klein. Die Bands kreisen um eine kleine Welt, die am Tresen der Stammkneipe, auf der Bühne des örtlichen Rockschuppens oder aber auf der Matratze der Angebeteten schon wieder zu Ende ist. Die Hooks sind wie Kaugummi ohne große Raffinesse, aber dafür mit viel Verve intoniert. Die Musik ist frech, rotzig und unverschämt, aber ohne jene Selbstüberschätzung, die heute noch jeden Halbgebildeten dazu veranlasst, einen Anti-Bush-Song zu schreiben und sich dabei wahnsinnig politisch zu fühlen. Wobei Selbstüberschätzung durchaus ein Thema war: Die tools von London, eine der peinlichsten Erscheinungen in der oben erwähnten Doku von Spheeris, kündigten ihren Song „Russian Winter“ auch schon mal mit dem Verbrennen einer UdSSR-Flagge an. Unangenehm chauvinistisch, sicher, aber gleichzeitig so offenkundig ungebildet und boneheaded, dass man es als politische Aussage gar nicht Ernst nehmen kann.

Cinderella. Ihr Sänger Tom Keifer hatte eine seinem Namen alle Ehren machende Röhre, wie sie heute leider total verpönt ist. Das Album „Night Songs“ ist knorke.

Meist merkt man den Musikern an, dass sie ins Musikgeschäft gestolpert sind wie das Kind in den Süßigkeitenladen, das nun großäugig und bis über beide Ohren grinsend vor den Regalen steht und sich hoffnungslos überfressen wird. Jeder Sinn von Professionalismus, der viele zeitgenössische Mucker so fürchterlich öde macht (Fußballer sind heute ähnlich), geht ihnen ab. Ich komme wieder auf Spheeris Film zurück: Dass die Musiker sich so ablichten ließen, wäre heute undenkbar. Sofort würde ein Agent oder Anwalt dazwischenspringen und die Aufnahme stoppen. Und so klingt die Musik auch oft: Überschwänglich, manchmal einfach furchtbar und herrlich Over the Top, mit Inbrunst und heiligem Ernst intoniert. Es gibt keinerlei absichernde Ironie: Alles ist genauso gemeint wie es ausgedrückt wird. Und manchmal wird die Grenze zur Peinlichkeit weit überschritten. Das ist meines Erachtens ein unschätzbarer Wert, und einer der Gründe, warum mich zum einen die immer wieder über das Genre ausgegossene Häme nervt, ich zum anderen solche Combos wie The Darkness so überaus halbherzig und blöd finde. Es ist einfach, sich die Haare mit Haarspray vollzukleistern, sexualisierten Blödsinn zu singen und das für irrsinnig komisch zu halten. Die Kunst besteht darin, es vollkommen Ernst zu meinen. Die Sunset-Strip-Glamster sind nicht geschminkt und aufgetakelt auf die Bühne gegangen, weil das ein Trend war, von dem sie sich Reichtum und Ruhm erhofften, sie waren genauso echt wie der Grunger nach ihnen, der Doc Martens und ein Flanellhemd trug. Aber nur, weil ihnen das Aussehen wichtiger war, heißt das nicht, dass alles andere dahinter verblasste und zweitrangig war. Es ist nicht per se „echter“ oder „besser“, wenn Musiker möglichst „normal“ aussehen, das macht ihre Musik nicht bedeutender oder künstlerisch wertvoller: Dahinter steht lediglich ein anderes Paradigma. Hinter Glamrock steckte logischerweise ein extrovertierterer, „lauterer“ Lifestyle. Es ging um Spaß, Hedonismus, Sex. Darum, sich größer zu machen als man tatsächlich war. Eskapismus, basically. Die Vergänglichkeit ist dieser Musik ins Erbgut eingeschrieben. Sie feiert den Augenblick. Um ihr Erbe dürften sich die Musiker nur wenig Gedanken gemacht haben. Das ist Pop, wenn mich nicht alles täuscht.

Aus Erfahrung blöd: London, rechts im Bild Frontmann „Nadir D’Priest“.

Jetzt habe ich hier lange rumschwadroniert und dabei ist der Ärger ein wenig verflogen – wenigstens bis ich zum nächsten Mal lesen muss, dass „Hair Metal“ eine Musik ohne jede redeeming qualities und bestenfalls ironisch zu goutieren sei. Ob meine Argumentation für andere überzeugend ist oder nicht, weiß ich natürlich nicht. Ich schätze, wer mit dieser Art von Musik damals schon nichts anzufangen wusste, der wird heute kaum leichter Zugang zu ihr finden. Aber vielleicht habe ich den ein oder anderen rockaffinen Leser, der in den Achtzigern, als diese Musik allgegenwärtig war, die Nase über die „Poser“ rümpfte, davon überzeugen können, ihr noch einmal eine Chance zu geben, wenn auch nur nur um des Flashbacks willen. Mir war es einfach wichtig zu sagen, was diese Musik mir bedeutet, dass sie etwas bedeutet: Ich höre in ihr etwas, was Pop- und Rockmusik heute verloren hat, etwas, was mir in der gegenwärtigen Musiklandschaft fehlt: den sense of fun. Die Bands von einst aufgrund überkommener Moden und Oberflächlichkeiten kurzerhand als Abfallprodukt der Kulturindustrie und Geschmacksverwirrung der Zeit abzutun, fällt überaus leicht. Aber vielleicht übersieht und überhört man dabei auch etwas.

Zum Abschluss ein bisschen Musik.

 

 

R.I.P. Jeff Hanneman (1964 – 2013)

Veröffentlicht: Mai 3, 2013 in Über mich, Musik

Heute ist ein trauriger Tag. Jeff Hanneman, eine Hälfte des legendären Gitarren-Duos der größten Thrash-Metal-Band der Welt, Slayer, ist 49-jährig an Leberversagen gestorben. Die Geschichte hinter seinem Tod ist dabei so obskur, dass sie wie ein Metal-Lyric klingt: Hanneman erlitt vor zwei Jahren einen Spinnenbiss, der „Nekrotisierende Fasziitis“ auslöste – auch das klingt wie ein Slayer-Songtitel –, eine gefährliche Infektionskrankheit, die die Haut „auffrisst“ und die es ihm unmöglich machte, weiter Gitarre zu spielen. Bei Auftritten seiner Band wurde Hanneman seitdem ersetzt. Ob er jemals wieder würde Gitarre spielen können, war noch dieses Jahr von seinem Bandmate Kerry King angezweifelt worden, aber es hieß, Hanneman würde wieder Lyrics zum neuen Slayer-Album beitragen. Nun macht die Nachricht von seinem Tod – der möglicherweise eine Spätfolge seiner Krankheit ist – diesen Plänen eine Strich durch die Rechnung.

Hanneman war ein ziemlich streitbarer Typ, wie sich Slayer ja sowieso mit großem Erfolg darum bemühten, anzuecken und Konzepte von Political Correctness mit Füßen zu treten. Hanneman sammelte Nazi-Memorabilia aus dem Zweiten Weltkrieg, der Text zu dem von ihm geschriebenen Song „Angel of Death“ widmete sich dem „Schaffen“ von Josef Mengele und beginnt mit den unsterblichen Worten „Auschwitz, the meaning of pain, the way that I want you to die“, in den Neunzigern sorgte Slayer-Frontmann Tom Araya für einen kleineren Skandal, als der gebürtige Chilene sich als Bewunderer des Diktators Pinochet offenbarte. All das machte Slayer zum Prototypen einer „gefährlichen“ Band und unterfütterte ihren ominösen Sound. Es gab und gibt extremere Kapellen als Slayer, aber keine verstand es so gut, schiere satanische Bösartigkeit in Musik zu übersetzen. Ihr 1986 veröffentlichter Meilenstein „Reign in Blood“ ist heute noch eine Lehrstunde in metallischer Zerstörungswut: ein reißender Hagelsturm, der in 26 Minuten über einen hinwegfetzt und nichts unversehrt lässt. Jeff Hanneman prägte diesen Sound mit seinen disharmonischen, ohrenbetäubenden und ungebändigten Gitarrensoli maßgeblich, fungierte in Slayers Sturm-und-Drang-Zeit zudem gemeinsam mit Kerry King als Hauptsongwriter. Auf sein Konto gehen unsterbliche Klassiker wie „At Dawn They Sleep“, „Angel of Death“, „Altar of Sacrifice“, „Postmortem“, „Raining Blood“,  „South of Heaven“, „War Ensemble“, „Dead Skin Mask“ oder „Seasons in the Abyss“, die auf keinem Slayer-Mixtape fehlen dürfen. Matthias Herr, der in den Neunzigern ein in Metalkreisen vielabeachtetes Metal-Lexikon verfasste, schrieb mal sehr treffend, dass Hanneman mit seinen blonden, dünnen Haaren ein wenig aussehe wie „Marilyn Monroe nach einem Wolkenbruch“. Hanneman bildete einen deutlichen Kontrast zu dem großen, schwarzhaarigen Araya und dem untersetzten King, dessen zunehmend lichtere Haarpracht bald einem tätowierten Schädel wich, und vervollkommnete das höllische Quartett so auch optisch. Es schien fast, als habe der Teufel höchstpersönlich diese auf den ersten Blick so unterschiedlichen Typen zusammengeführt. Vier Reiter der Apokalypse, ausgezogen der Welt zu lehren, was eine Harke ist. Bilder aus den letzten Jahren zeigen Hanneman im Körperumfang massiv angewachsen und möglicherweise auch vom Alkohol gezeichnet. Aus dem enfant terrible war längst eine Legende geworden, dessen Körper die Spuren der geschlagenen Schlachten nicht länger verbergen konnte. Ein „Metal God“.

Für mich, der ich seit meinem 15. Lebensjahr großer Verehrer dieser vielleicht größten aller extremen Metalbands bin, bedeutet der Tod Hannemans auch, dass einer meiner größten Wünsche nicht mehr in Erfüllung gehen wird: Slayer  einmal live zu sehen. Bisher hatte sich das einfach nicht ergeben, zumal ich nicht der größte Konzertgänger vor dem Herrn bin. Damals zu Teenagerzeiten, als es eigentlich reichlich Gelegenheit gab, Slayer zu sehen, hatte ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst davor, vor den Armeen der „Slatanic Wehrmacht“, die ich mir immer als die härtesten aller Fans ausmalte. Zuletzt habe ich die Chance verpasst, aber wie ich nun weiß, wäre Hanneman ja eh nicht mehr dabei gewesen. Wahrscheinlich wird er nun dauerhaft ersetzt werden, so wie auch Dave Lombardo am Schlagzeug ersetzt worden ist. Aber das werden dann nicht mehr die Slayer sein, die mich in meinem Jugendzimmer einst in Raserei versetzten, dazu brachten, vom Schreibtisch ins Bett zu diven, und die meine Eltern mit ihren kakophonischen Gitarrenpeitschen in den Wahnsinn trieben. Slayer sind heute gestorben.

Wie ich schon sagte: Heute ist ein trauriger Tag.

Den Mord ihres Bruders an einem Drogendealer nimmt die junge Angela Duvall (Suzane Carvalho) auf sich und wandert für 18 Jahre in den Bau. Dort kommt der Arzt Dr. Cuña (Henri Pagnoncelli) hinter das Geheimnis der Frau und versucht, ihre Unschuld zu beweisen. Doch just in dem Moment, in dem ihm das gelingt und er eine Freilassung erwirkt, bricht im Gefängnis eine Revolte aus, in deren Folge Angela mit einigen anderen Frauen die Flucht in den Urwald gelingt. Und der fanatische Captain Bonifacio (Leonardo José) denkt gar nicht daran, Rücksicht auf die Unschuldige zu nehmen …

Michele Massimo Tarantini erzählt seine Geschichte in einer Rückblende und versucht so die exploitative Schlagseite seines Films hinter einer seriösen Human-Interest-Fassade zu verbergen. Eine Texttafel zu Beginn gaukelt hehre Ansprüche vor, doch kann auch der in der ersten Hälfte vergleichsweise sparsame Einsatz von Sex & Gewalt nicht darüber hinwegtäuschen, worum es hier geht. Und es ist ja nicht zuletzt genau diese Vortäuschung falscher Tatsachen, die den Exploitation-Heuler kennzeichnet. Echte Stimmung kommt vor allem ab der Revolte auf, wenn der Film sich vom Knast weg- und in den Urwald Brasiliens bewegt, aber natürlich hat auch das groschenromanhafte Pendeln zwischen „ernstem“ Drama und selbstzweckhaftem Sex was. Die Knastszenen sind schön siffig, die brasilianischen Schönheiten immer dekorativ verschwitzt und nett anzuschauen. Besonders gut hat mir aber eine fette Negermama (man verzeihe mir die political incorrectness, aber der Begriff passt einfach) gefallen, die sich der Heldin annimmt und während der Revolte einer Verräterin kurzentschlossen den Kopf absäbelt. Sobald es in den Urwald geht, fühlt man sich in alte Söldnerfilme versetzt, wird rumgeballert, dass es nur so eine Art ist und auch mal mit einer Anaconda gerungen. Die Schlusspointe schließt den Kreis zum Anfang und gibt der attraktiven Suzana Carvalho nochmal die Gelegenheit, ihre schönen Brüste im nassen Kleid zu präsentieren, bevor eine weitere Texttafel den Zuschauer mit seinen selbstverständlich porentief reinen Gedanken allein lässt.

Der Film ist deutlich besser, als sich das jetzt möglicherweise anhört, deutlich weniger niederträchtig und schmuddelig, als die WiP-Trasher, die sonst so aus Italien kamen, sauber inszeniert und gut gespielt. Vielleicht ist das in der Zeit begründet, denn 1985 war wohl nicht mehr ganz so viel möglich, wie noch ein paar Jahre zuvor. Es kann aber auch an Regisseur Tarantini liegen, der ein Freund der schönen Dinge war, wie man unschwer seiner Filmografie entnehmen kann, in der sich solche wohlklingenden Titel tummeln wie FLOTTE TEENS UND HEISSE JEANS, POLITESS IM SITTENSTRESS, FLOTTE BIENEN AUF HEISSEN MASCHINEN, HELM AUF – HOSE RUNTER oder auch DIE LETZTEN HEULER IN DER MARINE. Wo bleibt die Box?

CD-Regal Vol. 2

Veröffentlicht: Oktober 10, 2008 in Musik

Die Platte ist ja schon ein paar Tage raus und der Rausch darüber hat mich vollkommen vergessen lassen, sie hier zu posten. Oasis sind die einzige Band, bei der es mir noch gelingt, Fan im Wortsinn zu sein: Objektivismus hat hier nix zu suchen, die Gallaghers sind Götter für mich. Punkt. Die einzige Band, bei der es mir vollkommen ausreicht, immer wieder dieselbe Platte zu bekommen, die einzige Band, bei der es mir nicht nur nichts ausmacht, dass sie live nicht mehr tun als ihren Stiefel runterzuspielen, sondern bei der ich genau das und nichts anderes haben will. „Dig out your Soul“ ist etwas psychedelischer als das letzte Album, rockt feist nach vorn und hat wieder einen Sack voll ergreifender Melodien, von denen andere Bands wünschen, dass sie das nur einmal in ihrer lächerlichen Karriere hinbekämen.

Wer mich jetzt via Kommentar anpöbeln will, weil Oasis scheiße und die Gallaghers Proleten sind: Nur zu. Als Oasis-Fans erwarte ich es, gehasst zu werden. [Mancunian]Fuck off![/Mancunian]  

Old-School-Helden

Veröffentlicht: August 13, 2008 in Musik, Zum Lesen

Ein Posting aus Langeweile: Das von mir schon einmal gelobte Blog „If Charlie Parker was a Gunslinger, there’d be a whole lot of dead Copycats“ hat auch eine Bilderserie zu meinem derzeitigen Lieblingsthema: Unter „Hierophants of Hip-Hop“ finden sich schöne Fotos von Oldschool- und Golden-Age-Heroen. Meine beiden Lieblingsbilder aus der Reihe sehen so aus (links: Grandmaster Flash, rechts: Big Daddy Kane):

mixtape, die dritte

Veröffentlicht: Juli 29, 2008 in Musik

Das nächste Mixtape, das den Boden für ein kommendes Album bereiten, die Spannung zum Siedepunkt anheizen soll – auch wenn man anhand der nach wie vor rapide beängstigend miesen Verkaufszahlen von Major-Rap-Releases nicht ganz an den Erfolg dieses Unterfangens glauben mag: Außer Lil‘ Waynes „Tha Carter III“ bleiben bislang alle großen Rap-Alben weit hinter den Erwartungen zurück. Nas, der ja auch in die Mixtape-Offensive gegangen war, konnte in der ersten Woche noch nicht einmal die Hälfte dessen absetzen, was im selben Zeitraum von seinem letzten Album „Hip-Hop is Dead“ über die Ladentische gegangen war. (Für Platz 1 hat es im Zeitalter der Klingelton- und Downloadcharts bezeichnenderweise dennoch gereicht.) Zurück zum Thema: Schlicht „The Preview“ betitelt, erscheint der Vorgeschmack auf das neue Album von Ludacris unter Schirmherrschaft des viel beschäftigten DJ Drama und seines Mixtape-Imprints „Gangsta Grillz“; durchaus ein Zeichen von Qualität. Das Mixtape steht für lau im Netz, wartet mit einer Spielzeit von über einer Stunde auf und ist relativ leicht zu finden. (Einen Link gibt es wegen einer für mich nicht ganz zu durchschauenden Rechtslage also auch diesmal nicht.) Ich habe selbst nur kurz reingehört, kann deswegen also nix Gehaltvolles sagen, aber einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul. Jetzt hoffe ich auf die nächsten Wochen, in denen es hoffentlich vergleichbare Promoaktionen von The Game und eben T.I. gibt.

cd-regal vol. 1: nas – untitled

Veröffentlicht: Juli 11, 2008 in Musik

Heute ist das neue selbst- bzw. gar nicht betitelte Nas-Album erschienen, das deshalb meist mit dem Behelfsnamen „Untitled“ belegt wird. Mit dem vorab zum Gratisdownload veröffentlichten Mixtape hat es wenig gemein, die meisten Tracks sind also brandneu und bislang unbekannt. Ausnahmen sind die Single „Hero“, der Quasi-Titeltrack „N.I.G.G.E.R.“ (das Album sollte ursprünglich „Nigger“ heißen, bis diverse Großhändler einen Boykott androhten und Def Jam veranlassten, den Titel zu ändern) und die euphorische, Gänsehaut verursachende Barack-Obama-Inthronisationshymne „Black President“. „Untitled“ ist heute pünktlich bei mir im Briefkasten gelandet und läuft gerade, während ich diese Zeilen tippe, um mich auf mein Wochenende einzustimmen. Was soll ich lang um den heißen Brei herumreden: Es klingt großartig und übertrifft meine Erwartungen deutlich. Meine kürzlich in der Diskussion mit McNulty geäußerte Kritik, gegenwärtige Hip-Hop-Alben klängen eher wie Compilations, anstatt wie zusammenhängende Alben, trifft dieses Album trotz seiner unterschiedlicher Producer (u. a. Cool & Dre, stic.man, Polow da Don, Jay Electronica und Salaam Remi) jedenfalls nicht: Es klingt wie aus einem Guss. Ich muss aufpassen, nicht zu übertrieben, zumal ich jetzt gerade erst bei Track 9 angelangt bin, aber es scheint Nas hier tatsächlich zum ersten Mal seit seinem Debüt gelungen zu sein, ein durchweg hohes Niveau zu halten. Die ihm angelasteten fragwürdigen Beat-Choices gibt es hier definitiv nicht. Vielleicht gehe ich demnächst nochmal im Detail auf „Untitled“ ein, jetzt gebe ich mich erstmal der Musik hin und begnüge mich mit dem Posten des Coverartworks.