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Am Sonntagabend des 11. Hofbauer Kongresses badeten wir uns in Unschuld. Dazu hatte Kongress-Kurator Christoph ein passendes Nudie-Cutie-Double-Feature zusammengestellt, das uns mit Sonnenstrahlen wachkitzeln, mit einer kühlen Sommerbrise erfrischen, mit dem Zauber der Natur becircen und mit dem Blick auf nackte Schönheiten anregen sollte. Der Plan ging auf und nach 140 Minuten fühlten sich alle Teilnehmer wie frisch gebadet – und damit bereit, wieder in den Morast hinabzusteigen.

Los ging es mit HOW I LIVED AS EVE, der die wilde Geschichte einer Nudistengemeinschaft (der Film bezeichnet sie als „Naturalisten“) erzählt, die sich der Herausforderung stellen, drei Monate wie Wilde auf einerTropeninsel zu leben, um so ihre kleine Nudistenkolonie zu retten, die ein Geschäftsmann für sich haben möchte.

Vorab ein paar Takte zum Genre des Nudistenfilms oder auch „Nudie Cutie“: Das erlebte vor allem in den Sechzigerjahren kurze Popularität, lockte unter dem Vorwand, sich mit der neuen Freikörperkultur auseinanderzusetzen, natürlich vor allem Männer mit nackten Tatsachen ins Kino, die sich vielleicht nicht in ein „richtiges“ Pornokino trauten. Die Fassade wird dabei immer gewahrt: Mehr als dem Geschichtenerzählen haben sich die Filme der (Pseudo-)Dokumentation verschrieben. Die lose Zusammenstellung von Strand-, Urlaubs- und Freizeitszenen wird von einem Voice-over-Kommentar begleitet, der Objektivität und einen gewissen Bildungsanspruch vorgaukelt. (HOW I LIVED AS EVE fährt zu diesem Zweck sogar eine – an „The Road to Hell“ den Film im Film aus CANNIBAL HOLOCAUST erinnernde – Dokumentation über einen brasilianischen Indianerstamm auf, die zu Beginn vorgeführt wird und Inspiration für die folgende Wette ist.) Sex oder andere grafische Anzüglichkeiten gibt es überhaupt nicht: Lediglich den Blick auf nackte Körper. Was dieses auch mit durchaus vorhandener Sympathie als „eindimensional“ zu bezeichnende Genre so interessant und im Wortsinn liebenswert macht, das ist die Abwesenheit jedes bösen Gedankens, Auch HOW I LIVED AS EVE ist so unglaublich süß, naiv und unschuldig, so … ja, fremdartig in seinem Verzicht auf jegliche Konflikte, Gewalt oder Zynismus, so unglaublich beruhigend in seiner Genügsamkeit, dass man das beseelte Dauergrinsen kaum noch wegbekommt.

HOW I LIVED AS EVE ist – vor allem im Vergleich zum nachfolgenden TÖCHTER DER SONNE – sogar noch relativ handlungslastig mit seiner eigenartigen Prämisse, aber umso frappierender fällt auf, wie wenig ihn Spannungsaufbau und -auflösung interessieren. Nicht wilde Tiere, Hunger, interne Konflikte, Naturgewalten oder Infektionskrankheiten stellen die größte Gefahr für den Erfolg des Unternehmens dar, sondern schlicht die Langeweile. Der Voice-over-Kommentator macht gar keinen Hehl daraus und sich offensichtlich keinerlei Sorgen darum, dass der Zuschauer von diesem Eingeständnis abgeschreckt werden könnte: Ganz selbstverständlich räumt er immer wieder ein, dass die armen Nudisten ihre Wette abbrechen könnten, weil auf dieser Insel einfach nichts passiert und drei Monate verschissen lang werden können. Bei so viel Nachdruck will dann auch das Drehbuch nicht dazwischenfunken. Wann immer sich die ersten vereinzelten leisen Zweifel an der ganzen Unternehmung bemerkbar machen, ist die Harmonie schon nach kürzester Zeit wieder vollkommen hergestellt. Und wenn es einmal doch dramatisch wird, ganz am Ende, wenn sich die Nudistenschönheit bei dem Versuch, ein kleines Zicklein einzufangen, den Kopf stößt und das Bewusstsein verliert, dann ist die Kamera beim Unfall nicht dabei, ganz so als wolle sie den Zuschauer schonen. Die Verantwortung des Spannungsaufbaus liegt ganz auf den Schulter des Kommentators, der sich redlich bemüht, die Stimmung hochzuhalten. Er hat immer einen lustigen, aber niemals zu grellen Spruch auf den Lippen, kein Anlass ist ihm zu banal. (Er erinnert in seinem Duktus und seiner Begeisterungsfähigkeit nicht wenig an das fleißige Kegelclubmitglied, das den gemeinsamen Ausflug nach Rüdesheim für alle Beteiligten in einem fünfseitigen Aufsatz festhält.) So gibt es auch keinerlei echte Spannung, allerhöchstens leise, in sich ruhende Belustigung, etwa über den wohlmeindenden und engagierten, aber immer etwas unglücklich agierenden John, dessen Heimwerkerarbeiten nie erfolgreich sind. Aber natürlich haben auch seine Fehlleistungen am Ende etwas Gutes.

HOW I LIVED AS EVE ist – wie sein ganzes Genre – so weit weg von uns, dass man nicht anders kann, als das Geschehen  mit äußerster Faszination zu betrachten. Dieser Film ist fernab allen Kitsches so zuckersüß, herzlich und gutmütig, dass er heute, wo Zynismus, Sarkasmus und Ironie die allgemeine Grundhaltung bestimmen, wie von einem anderen Planeten zu uns herabgebeamt wirkt. EIn filmisches Sonnenbad, nachdem man sich mit Erdbeeren und Schlagsahne stärkt.

where-the-boys-are-movie-poster-1961-1020191124Spring Break. Der Begriff ist längst auch hierzulande geläufig. Sofort hat man Horden vergnügungssüchtiger amerikanischer Jugendlicher vor dem geistigen Auge, die während ihrer Ferien über Florida oder auch Mexiko herfallen und sich dort in jahrmarktartigem Trubel dem Suff und den Freuden des vorehelichen, enthemmten Geschlechtsverkehrs hingeben. Privatsender wissen den Spring Break als Quelle quotenträchtiger Bilder zu schätzen und zu Beginn des Jahres erregte Harmony Korine mit seinem Skandalfilm SPRING BREAKERS die Gemüter auf ähnliche Weise. Doch es gab tatsächlich eine Zeit, da hieß der „Spring Break“ schlicht „Spring Vacation“ und war noch eine weit weniger durchorganisierte und institutionalisierte Zeremonie. Die Wurzeln des heutigen Massenevents gehen auf das Jahr 1958 zurück, in dem Glendon Swarthouts Roman „Where the Boys are“ erschien. Das Buch, das die Geschichte einiger Studenten aus Michigan erzählt, die ihre Osterferien an den Stränden Floridas verbringen, wurde wenig später unter der Ägide von MGM von Regisseur Henry Levin verfilmt und avancierte zum erfolgreichsten Low-Budget-Film des Studios. Im Winter veröffentlicht, inspirierte er Tausende von Teenagern, im folgenden Frühling in den warmen Süden zu reisen und – wie im Film gezeigt – Strände und Kneipen zu bevölkern. Das „einmalige“ Phänomen wurde zum festen, auch heute noch gepflegten Brauch, während WHERE THE BOYS ARE mittlerweile weitestgehend in Vergessenheit geraten ist (er ist für den heimischen Gebrauch im Rahmen der DVD-R-Reihe „Warner Archive Collection“ auf Scheibe verfügbar). Dankenswerterweise ermöglichte das Hofbauer-Kommando die historische Quellenforschung anhand einer wunderschönen 35-mm-Kopie in herrlichstem Scope.

Aus dem kalten, verschneiten Michigan reisen die Freundinnen Merritt (Dolores Hart), Tuggle (Paula Prentiss), Melanie (Yvette Mimieux) und Angie (Connie Francis) nach Fort Lauderdale, um dort die Sonne zu genießen, zu feiern und vielleicht auch einen Jungen kennenzulernen. Schon unterwegs lesen sie den Nonkonformisten TV (Jim Hutton) auf, dessen Sinn für Humor bei der gewitzt-intelligenten Tuggle sofort gut ankommt. Während die beiden sich ganz sachte auf eine Beziehung vorbereiten, schmeißt sich die naive Melanie ein paar halbstarken Sportlern an den Hals und Angie dem halbblinden Leadsänger einer „Dialectic-Jazz“-Band. Die kluge Merritt hingegen scheint das goldene Los gezogen zu haben: Für sie interessiert sich nämlich der attraktive Ryder (George Hamilton), seines Zeichens wohlerzogener Sohn aus reichem Hause …

WHERE THE BOYS ARE ist wunderbar locker-flockiges Hollywood-Unterhaltungskino, rührend unschuldig und anständig, gleichzeitig jedoch geprägt von jener sophistication und jenem Stil, deren heutigen Mangel mancher oft vorschnell als konservativ verschrieene Geselle nicht ganz zu Unrecht moniert. Das ist vor allem deshalb so spannend, weil WHERE THE BOYS ARE gewissermaßen den Grundstein für jene jugendlichen Entgleisungen geliefert hat, mit denen Boulevardmedien heute gern die Elterngeneration erschrecken. Stellt sich der Spring Break Außenstehenden heute als oberflächliches, geistloses Getöse dar, als sinnloser, mehrtägiger Alkoholexzess und grenzdebile Kollektivorgie, kommt die Veranstaltung unter Henry Levins Regie – und mithilfe der herrlichen deutschen Synchronisation – wunderbar kultiviert und geistreich daher. Natürlich liegt das auch daran, dass allzu saftige Details ausgespart werden müssen. Die beiden Heldinnen Merritt und Tuggle sind intelligente junge Damen, denen es weniger um das schnelle Vergnügen als vielmehr um eine ernsthafte Liebesbeziehung geht, und ihre Auserwählten sind gleichfalls moralisch über jeden Zweifel erhaben. So stehen dann am Ende nicht weniger als Liebesheirat und Ehe  im Raum. Das Gegenmodell und einen Blick auf die Schattenseiten des Urlaubsspektakels liefert Melanie, die sich in Ermangelung einer gewissen Reife genau jenen Typen an den Hals wirft, die nur die schlimmsten Absichten verfolgen. So wird dann die bunte, herrlich wenig nachhaltige Fröhlichkeit doch noch durch das große Drama getrübt, das WHERE THE BOYS ARE eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Warum sollte es denn nicht möglich sein, 90 Minuten lang mit sympathischen, witzigen und noch dazu gutaussehenden Menschen zu verbringen, die nichts anderes tun, als es sich für eine Woche unter strahlender Sonne bei Meeresrauschen und Musik gutgehen zu lassen? Levin zeigt über weite Strecken, dass es geht und hat somit einen Film gedreht, der das eigene Leben nicht verändert, aber, solange es dauert, ein kleines bisschen sonniger macht. Sowas gibt es leider viel zu selten und in der hier gebotenen Form selbstredend überhaupt gar nicht mehr. Dass Paula Prentiss und Dolores Hart einfach zum Anbeißen sind, ohne dabei dem gängigen Bimboklischee zu entsprechen, hilft immens. Und Connie Francis singt dazu ihr Ständchen.

In meinem Ankündigungstext für den 11. Hofbauer Kongress (wie mich Mit-Teilnehmer Alex von den Hypnosemaschinen aufklärte, eigentlich „11. außerordentlicher Kongress des Hofbauer-Kommandos“ genannt) verwendete ich das Bild der Defloration, um das Kongresserlebnis, so wie ich es nach den Schilderungen bisheriger Besucher vorgestellt hatte, zu beschreiben. Als am vergangenen Wochenende zu vorgerückter Stunde der Entschluss fiel, dass es nun an der Zeit für DAS LIEBESTOLLE INTERNAT von Jürgen Enz sei, da war ich zwar schon mittendrin im Kongress, doch die schmutzige, harte Penetration stand mir noch bevor. Wer hätte sie besser vollziehen können als Jürgen Enz?

Jürgen Enz drehte (dann und wann unter Pseudonymen wie „Kenneth Howard“ oder „Jörg Michael“) zwischen 1972 und 1990 18 Filme mit so wohlklingenden Titeln wie FEUCHTE TRÄUME JUNGER FRAUEN, WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT – DER WITWEN-REPORT, GAUDI IN DER LEDERHOSE, DAS SEX-ABITUR – HEISSE LIEBE IN BLUE JEANS oder auch WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN und versuchte sich darüber hinaus auch im Hardcore-Bereich. Zu später, äußerst unwahrscheinlicher Verehrung gelangte Enz im letzten Jahr, als sein Sauerlandmelodram HERBSTROMANZE in deutschen Cineastenkreisen die Runde machte und gleichermaßen euphorische wie tief befremdete Reaktionen provozierte. Wer den Film gesehen hatte, wollte sofort mehr von Enz, auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die die HERBSTROMANZE aufgeworfen hatte. Doch statt dieser Antworten offenbaren Enz‘ Filme immer nur tiefere Leere. Oder vielleicht ist es auch keine Leere, sondern die Präsenz des Banalen in ihrer ganzen Ausweglosigkeit, der Enz mit seinen Filmen einen Altar errichtet. So habe ich die Texte jedenfalls verstanden und dies während meiner „Enzauberung“ durch DAS LIEBESTOLLE INTERNAT – mehr oder weniger – bestätigt gefunden. Und so bin ich schon nach einem Film zum „Enzianer“ konvertiert, würde gern alles von ihm sehen.

DAS LIEBESTOLLE INTERNAT beginnt mit einer Szene, die tief in den DNA-Strang des deutschen Sexlustspiels eingeschrieben ist: Ein älterer Herr sitzt mit seiner rund 20 bis 30 Jahre jüngeren Sekretärin auf seiner braunen Couch, eine Flasche Cognac vor sich auf dem Tisch, um sich etwas Mut anzusaufen. Er kann sich kaum noch halten vor Lust, obwohl er seinem ganzen Habitus nach doch offenkundig homosexuell ist, sie sich anscheinend kaum Schöneres vorstellen, als von einem verweichlichten Lustgreis, der zudem noch ihr Chef ist, wüst begrapscht zu werden. Nach einigem Hickhack, sie ist mittlerweile nicht nur nackt, sondern auch geduscht – was die Klebebandrolle da auf dem Waschbeckenrand zu suchen hat, bleibt nur eines der unergründlichen Geheimnisse des Films –, soll es endlich zur Sache gehen, als unerwarteter Besuch auftaucht: des Lustgreises Nichte und ihr wehrpflichtiger Freund (der beim Bund, welch ein Trost, wahrscheinlich von seinem drahthaarigen Nackenspoiler getrennt werden wird). Und wie sich die Neuankömmlinge so ganz selbstverständlich neben den beiden auf die Couch setzen, ohne dass die Nacktheit der Frau in irgendeiner Form thematisiert oder auch nur bemerkt würde (nur der Freund guckt einmal ganz verstohlen), zeigt sich schon dieses Befremdliche, Autistische des Enz-Kosmos: Das in der Konstellation begründete Konfliktpotenzial, das jede andere deutsche Sexkomödie (und wahrscheinlich jede Komödie generell) weidlich ausschlachten würde, scheint Enz nicht nur nicht zu interessieren, sondern nicht einmal auch nur zu registrieren. Die Szene geht einfach so weiter und auch als zu allem Überfluss noch die Tochter des Mannes erscheint und sich ebenfalls dazusetzt, bleiben alle der Nacktheit der Sekretärin vollkommen indifferent gegenüber.

Ähnlich entspannt entwickelt sich auch die weitere „Handlung“ des Films, der die geschilderte Szene als Prolog voransteht: Eine Gruppe von Mädchen, darunter eben auch erwähnte Tochter und Nichte, treten ihr Schuljahr in einem malerisch auf einem Berg über einem See (wahrscheinlich im Allgäu) gelegenen Internat an. Außer dem Lehrer und Internatsleiter, einem Professor Boecke, gibt es auch noch eine teigige Sekretärin sowie einen notgeilen Gärtner, der sogleich anfängt, den Mädchen nachzustellen, die jedoch viel mehr Interesse an ihrem erstaunlich willensstarken Lehrer haben. Ihre Annäherungs- und Überrumpelunsgversuchen prallen zwar nicht gerade wirkungslos an dem armen Mann ab, aber er bleibt dennoch standhaft. Wenig später gesellen sich noch drei Jungs zur Protagonistenschar, die die Gelegenheit wittern, sich ordentlich die Hörner abzustoßen. Und so reiht sich dann eine behelfsmäßig hergeleitete Sexszene an die nächste, unterbrochen von kurzen Klamaukeinlagen, die auf ein sehr bizarres Humorverständnis schließen lassen. Es ist nicht so, dass Enz mit irrwitzigen oder gar besonders geschmacklosen Ideen aufwarten würde, das Gegenteil ist der Fall: Der Gipfel der Witzigkeit wird hier erreicht, wenn drei angezogene Menschen nacheinander in das Schwimmbecken fallen, in dem die Schülerinnen gerade nackt baden. Oder wenn eine Hecke wackelt, weil dahinter kräftig gevögelt wird, die Verdacht witternde Schulsekretärin aber mit dem Hinweis auf verstärkte Kaninchenaktivität beruhigt wird. Es ist unter anderem dieser Verzicht auf jede dramaturgische Herleitung, auf Spannungsaufbau, auf das Spiel mit den Kontrasten und Gegensätzen, sprich auf das Fundament, das eigentlich die Voraussetzung für jede Form von Humor und Witz ist, das befremdet. Und diese Unvermitteltheit, diese frappierende Plumpheit zieht sich durch den ganzen Film, der über weite Strecken wirkt, als habe ihn ein Außerirdischer gedreht, nachdem er sich das Treiben auf der Erde im Vorbeifliegen angeschaut hat.

Einer der Kongressteilnehmer, der mit dem Werk Enz‘ einigermaßen vertraut ist, sagte in einem Gespräch, dass es keinerlei Psychologie in seinen Filmen gebe, dass sie wie Utopien auf ihn wirkten, in denen die Menschen sich als gleichwertige, vollkommen unvorbelastete Wesen gegenübertreten und sich instinktiv verstehen. Tatsächlich gibt es keinerlei Niedertracht in DAS LIEBESTOLLE INTERNAT, noch nicht einmal einen Konflikt. Es wird kein böses Wort gesprochen, die Neckereien arten niemals aus, keiner kommt zu Schaden. Nichts hat irgendwelche Folgen, es gibt keine Pläne, die über die direkte Triebbefriedigung hinausgingen. Die Figuren sind kaum mehr als Körper, amöbenhafte Wesen, aber ganz bei sich und beseelt in ihrem nichtigen Dasein. Ihre Hässlichkeit und die Brutalität ihrer Sprache werden ihnen nie bewusst: Da werden „Schenkel auseinandergerückt“ und das weibliche Geschlecht als „Wunde“ bezeichnet, die „geschlossen“ werden will. Man muss sich den Enz-Protagonisten wahrhaft als glücklichen Menschen vorstellen, weil er keinerlei Ambitionen oder auch nur lästige Hobbys hat. Was ihn allein antreibt, das ist die Aussicht, einer Frau auf die nackten Brüste zu starren und sie vielleicht auch ein wenig kneten zu dürfen, sich betasten und ablecken zu lassen oder es sich selbst zu machen. Selbst ein Gartenschlauch kann brennendes Verlangen auslösen, das mit seiner Hilfe glücklicherweise auch gleich gelöscht wird. Individualität und Intimität existieren nicht, weshalb die Figuren bei Enz auch gern wie die Hühner auf der Stange aufgereiht werden. Und wer diese Gelüste nicht verspürt (wie die drei Schülerinnen, deren Darstellerinnen wohl nicht an Sexszenen teilnehmen wollten), der ist im Enz-Kosmos eine absolute Nonentität, führt ein noch schattenhafteres Dasein als die anderen. Es ist absolut unvorstellbar, dass ihr Leben über den geschilderten Rahmen hinausreicht, dass sie irgendwie weitermachen, wenn der Vorhang gefallen ist. Die Figuren sind Gefangene dieser kleinen, engen Filmwelt, aber darin geradezu selig. Wie unvollkommen und schmucklos sie ist, bemerken sie gar nicht: Die Räume sind karg und kahl, Abstellkammern, die sich dann mit ein oder zwei schludrig an die Wand gehängten Requisiten als Klassenzimmer oder Büro ausgeben. Überhaupt das „Internat“: Ganze sechs Schülerinnen werden dort von einem einzigen Lehrer unterwiesen, Biologieunterricht gibt es selbstverständlich nicht. Dafür kann sich der alte Mann vom Anfang auf Geheiß der Tochter, von deren Wohlbefinden er sich überzeugen will – ein Hauch von Plot weht kurz ins Nichts hinein –, als Arzt einschleichen und sich an ihren Kameradinnen vergreifen – die das selbstredend ganz toll finden. Dazu „orgelt“ schrille Synthiemucke irgendwo zwischen Zirkuszelt und Billigdisco: reines Musiksurrogat, Musiksimulation. Nichts ist echt bei Enz, außer den Brüsten. Bundesdeutscher Wahnsinn 1982. Geschichte wird gemacht, es geht voran. Hinein ins Delirium.

Silvia Szymanski, führende deutsche Enzpektorin hat auch zu DAS LIEBESTOLLE INTERNAT schon einen Text verfasst. Klick hier.

barbarawi-1348170283-49314Die Gottverlassenheit und Enge des Städtchens Tórshavn auf den Färöer Inseln ist der ideale Nährboden für Gerüchte und Intrigen.  Jeder weiß über jeden Bescheid, hat darüber hinaus viel, viel Zeit, sich über den anderen Gedanken zu machen und seine Meinung über ihn unters jeden Tratsch begierig aufsaugende Völkchen zu streuen. Als einmal ein spanisches Schiff im Hafen anlegt, freuen sich alle über die willkommene Abwechslung, die die neuen Gesichter bedeuten und bereiten sich aufgeregt auf ein großes rauschhaftes Fest vor. Doch während da die Frauen mit den dunkelhäutigen Spaniern tanzen, die so ganz anders sind als ihre knarzigen Männer, da tut sich bereits wieder diese unüberbrückbare Kluft zwischen den Geschlechtern auf. Argwöhnisch beäugen die Männer das Treiben der Damen, genau darauf achtend, ob ihr Verhalten in Zukunft als Druckmittel gegen sie ins Feld geführt werden kann. Und wie da so manche Jungfer mit ihrem stolzen Seemann im dunklen Hinterzimmer landet, ahnt man, dass der Gesprächsstoff für die nächsten Wochen gesichert ist. Am nächsten Morgen hängt demzufolge Katerstimmung in der Luft: Die Spanier haben schon wieder abgelegt,die Erinnerung an sie beginnt bereits zu verblassen.  Die Pastorsgattin plagen heftige Kopfschmerzen, die ihr strenger Mann mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Doch sie ist noch gut weggekommen: Denn eine andere Frau hat ein weitaus schwerwiegenderes Andenken behalten. Und ihr Chef, der fiese Kaufmann Gabriel (Herbert Fleischmann), spricht heute schon von den „spanischen Bastarden“, die in neun Monaten zur Inselpopulation gehören werden.

Der junge Arzt Paul (Helmut Griem) übernimmt auf den Färöer Inseln die Praxis seines verstorbenen Vorgängers, der auch die Witwe Barbara (Harriet Andersson) hinterlassen hat. Über Barbara zerreißt man sich in ganz Tórshavn das Maul: Sie habe keine Moral, sei ein rechtes Luder, das mit jedem ins Bett springe und so wahrscheinlich auch ihren armen Gatten in den Tod getrieben habe. Paul lauscht diesen Vorträgen mit souveräner Distanz: Als Wissenschaftler hält er nichts von solchen Moralpredigten, erkennt außerdem schnell, dass der Feuereifer der Männer nicht zuletzt daher rührt, dass eben längst nicht jeder bei Barbara landen konnte. Und außerdem hat er eh nicht vor, sich zu verlieben. Doch natürlich kommt es anders: Den sinnlichen Reizen der selbstbewussten jungen Frau erlegen, hält er schon nach kurzer Zeit um ihre Hand an. Kaum verheiratet, beginnt der Ärger: Ihr macht ein alter Schulfreund aus Kopenhagen den Hof und Paul beginnt, an ihrer Treue zweifelnd, seinen Besitzanspruch geltend zu machen, nicht merkend, dass er sie nur umso stärker zu ihrem Verehrer drängt …

Für mich der beste Film des Hofbauer Kongresses, schickt Frank Wisbars BARBARA – WILD WIE DAS MEER den Zuschauer über eine echte Gefühlsachterbahn. Das Lachen über die Piefigkeit der Figurenschar, deren tosender Zorn über die „Lasterhaftigkeit“ der Titelheldin nie wirklich manifest wird, weil alle viel zu feige sind, über diese brummende Gemütlichkeit, mit der jeder Anlass genutzt wird, einen „guten Tropfen“ zu sich zu nehmen, und die Diskrepanz zwischen der behaupteten Tugendhaftigkeit und der Triebgesteuertheit nahezu aller Bewohner, weicht immer wieder der Fassungslosigkeit angesichts des steinernen Chauvinismus und der skrupellosen Abgezocktheit mancher Figur. Herbert Fleischmanns intriganter Kaufmann Gabriel evoziert, mit mephistophelischem Bärtchen ausgestattet, wahre Hassgefühle, wie er sich als großer Menschenfreund und Moralist inszeniert, obwohl er nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dafür auch über Leichen geht. Er ist aber nur die extremste Verkörperung einer generell ungemein steifen und beengten Geisteshaltung, die sich auf irgendwelche arbiträren moralischen Regeln beruft, damit aber letztlich bloß bestehende Machtpositionen festigt und die eigene geistige Inflexibilität rechtfertigt. Auf dem einsamen, schroffen Felsen mitten im peitschenden Atlantik wirkt diese Rigidität wie ein schlechter Scherz: Als wäre das Leben nicht schon hart und entbehrungsreich genug. Eine Person wie Barbara muss in dieser feinen Gesellschaft Probleme bekommen. Sie ist durch und durch Impuls, wo andere unfähig sind, ihre Regeln selbst zu machen. Wisbar erzählt auch davon, wie eine repressive, patriarchalisch geregelte Gesellschaft Frauen fast zwangsläufig ins Abseits oder, um im Duktus des Films zu bleiben, in die „Sünde“ drängt: Wer sich, wie Barbara, nicht damit begnügt, das brave Weibchen zu spielen, der muss damit rechnen, von der feinen Gesellschaft geächtet zu werden. Die gegenläufige Entwicklung nimmt Paul: Der eigentlich recht aufgeklärt und liberal scheinende Mann wird zum Ebenbild jener Chauvinisten, die ihre Frauen am liebsten einsperren würden, damit diese nie bemerken, was sie für Versager geheiratet haben. So hat die Ehe zwischen den beiden von Anfang an keine Chance. Er ist nicht in der Lage, ihr gewisse Freiheiten zuzugestehen, weil sein Vertrauen durch die vielen Geschichten, die ihm zu Ohren gekommen sind, beschädigt ist, ihr bleibt kaum eine andere Wahl, als seine eh bestehende Meinung zu bestätigen und sich ihrer Jugendliebe (mit einem scheußlichen Angorapulli ausgestattet, dessen Fasern vor sexueller Spannung zu Berge stehen) an den Hals zu werfen. Das Ende ist dann dramatisch: Wir erfahren bei der Ankunft des neuen Arztes, dass sich Paul – nach der Scheidung tief gekränkt – nach Grönland  hat versetzen lassen. Barbara ist geblieben, doch der neue Arzt schließt eine Liebesbeziehung kategorisch aus. Wenn wir danach die sinnliche Barbara sehen, wie sie hinaus aufs Meer blickt, den Wind in den roten Harren, ahnen wir, dass sich die Geschichte wiederholen wird.

Dass BARBARA – WILD WIE DAS MEER endet wie ein Horrorfilm, zeigt auch, dass es 1961 noch zu früh war für einen Film, in dem eine Frau sexuell selbstbestimmt lebt, ohne dass man sie auch als dämonische Verführerin inszeniert. Wisbar fällt somit am Schluss hinter seine eigenen Erkenntnisse zurück, denn über weite Strecken wird sehr deutlich, dass das eigentliche Übel in der repressiven Sexualmoral liegt, die Frauen allenfalls eine passive Rolle zubilligt. Dem Vergnügen an seinem Film tut dieser finale Bruch aber keinen Abbruch. BARBARA – WILD WIE DAS MEER bietet einen absolut faszinierenden Einblick in die deutsche Gesellschaft vor rund 50 Jahren, ist dabei durchweg rasant und humorvoll erzählt, perfekt besetzt und gespielt. Das unverbrauchte Setting der kargen Inselwelt im Nordatlantik trägt seinen Teil zum Gelingen bei und ist der perfekte Schauplatz für diese Geschichte, die von unvereinbaren, aber dennoch stets miteinander verbundenen Gegensätzen handelt. Die Färöer Inseln stehen gleichermaßen für die absolute, wilde Freiheit wie für die größtmögliche Enge, vor der es kein Entrinnen gibt. Und dann ist da Harriet Andersson. Die spätere Bergman-Darstellerin ist brillant als unverstellter Lustmensch, ganz vibrierende Lippen, bebende Nasenflügel und brennende Augen. Ja, es ist durchaus verständlich, dass die männliche Inselbewohnerschar bei ihrem Anblick unter kollektivem Samenstau leidet. Ein Film, den ich am liebsten jeden Tag sehen würde, weil er einen mit Haut und Haaren in diese nach Holz und Salzwasser riechende Welt zieht, in der eine Flasche Schnaps und das Feuer im Kamin nie zu weit weg sind, aber schon ein unschuldiger Kuss einen alles vernichtenden Orkan heraufbeschwören kann. Mein Gott, was hält die deutsche Filmgeschichte wohl noch für Schätze bereit, wenn ein solches Meisterwerk in den Archiven vor sich hinmodert?

 

 

SexSpelunkeVonBangkokA1Man kann eine Reise ganz unterschiedlich begehen: Im Vorfilm GESCHÄFTLICHE REISE ZUR ERHOLUNG IN AFRIKA zeigen distinguierte Geschäftsreisende in Südafrika, wie man eine von Apartheid und Rassismus gepeinigte Nation besucht und trotzdem gut gelaunt bleibt. Nach getaner Arbeit fliegen sie auf Kosten des Gastgebers mit dem Flugzeug übers Land und lassen sich dabei von einer unermüdlichen Reiseleiterin erklären, was sie aus höchster Höhe an vermeintlichen Sehenswürdigkeiten zu bestaunen haben. Abends geht es zum Empfang beim wohlhabenden Firmenchef, der während eines ausufernden Diavortrags anpreist, was noch nicht genug gepriesen wurde: Traumstrände, Tierleben, Naturschönheiten. Wie gut, dass man von unbeachteten schwarzen Dienern, Caddys und Kellnern jederzeit gut versorgt wird und so Hände, Augen und Ohren frei hat, um alles aufzusaugen. Die naheliegende Frage, ob der Wirtschaftsboss sich seine Bemühungen vom Fremdenverkehrsamt bezahlen lässt, stellt niemand. Woher GESCHÄFTLICHE REISE ZUR ERHOLUNG IN AFRIKA kommt und wann er entstanden ist, lässt sich (noch) nicht nachvollziehen. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um einen Imagefilm handelt, den der Staat Südafrika vermutlich in den Fünfziger- oder frühen Sechzigerjahren in Auftrag gegeben hatte, um ausländische Geschäftsleute ins Land zu locken. Die deutsche Tonspur – ein Voice-over, der in den ersten Minuten nebem dem Originalton zu hören ist – ist von jener staubtrockenen Redseligkeit und zugeknöpften Euphorie, die den euphorischen Superlativ zur offiziellen Amtshandlung erhebt. Noch die letzte Banalität wird in blumigen, aber niemals wirklich überschwänglichen Worten besungen, immer kommt jene typisch deutsche Unfähigkeit zum Vorschein, irgendetwas als selbstverständlich annehmen zu können, darauf zu verzichten, es in menschliche Wertkategorien zu pressen. Und wenn ein Bergmassiv beschrieben wird und das Bergsteigen als attraktive Freizeitmöglichkeit, so darf die sich bietende Gelegenheit, den Wert der „Kameradschaft“ zu besingen, keinesfalls ausgelassen werden. Solchermaßen zugeschwallt, verabschieden sich die Geschäftsleute mit der festen Absicht, wiederzukommen, und vollgepackt mit Souvenir-Dias, die zum Abschluss auch vom Gastgeber bewundernd abgesegnet werden.

Wie anders nimmt sich gegen diese brave Bildungsbürgerbegeisterung die Protagonistenschar aus Erwin C. Dietrichs (unter dem Pseudonym „Michael Thomas“ gedrehten) DIE SEX-SPELUNKE VON BANGKOK aus. Wie Wehrmachtspiloten fallen die notgeilen und vergnügungssüchtigen Teutonen in Bangkok ein, der Bumsbomber ersetzt die Stuka. Ein blondes Mädel fungiert als Reiseleiterin und Stewardess, zunächst sichtlich genervt von den überschäumenden Anzüglichkeiten, die von den virilen Samenschleudern wie aus der Stalinorgel geschossen über ihr herniedergehen, dann jedoch offensichtlich mürbe geklopft und willig. Erst einmal zeigt sie den Kumpels jedoch den heißesten Vögelschuppen in Bangkok, wo die liebevoll als „Schlitzaugen“ titulierten Damen ihnen die wildesten Wünsche erfüllen. Was sich für manchen vielleicht auf- und erregend anhören mag, gerät unter Dietrichs unmotivierter Regie leider zum weniger animierenden Trockengerödel in Zeitlupe. Wer sich ob des wirklich furchtbaren Rassismus, der den Film durchtränkt wie ein fettiger Kartoffelpuffer eine Serviette, oder der kompletten inszenatorischen Einfallslosigkeit des Gebotenen noch nicht hat abschrecken lassen, für den bedeutet spätestens der Blick auf trotz wildesten Georgels vollständig erschlaffte Pimmel die hormonelle Endlösung. Mit Bangkok-Archivmaterial auf knappe 60 Minuten gedehnt und in drei, vier Settings runtergekurbelt, endet der Film damit, wie die befriedigten Touris auf dem Heimflug nacheinander von der aufgegeilten Reiseleiterin durchgezogen werden. Nach dem Schlussgag, der noch eine zweite Dame an Bord auftreten und dann gleich blankziehen lässt, findet der filmische Tiefschlag dankenswerterweise ein Ende.

Ich muss fairerweise gestehen, dass DIE SEX-SPELUNKE VON BANGKOK mich am Ende eines aufregenden Tages irgendwie in der richtigen Stimmung erwischte. Leicht angetrunken und mit einer Koffeintablette versorgt, verfolgte ich das trübe Spektakel menschlicher Niedertracht und Ereignislosigkeit mit jener unschlagbaren Mischung aus Müdigkeit und herzflimmernder Erregung; völlig unfähig, einzuschlafen oder auch nur die Augen abzuwenden, wie festbetoniert im Kinosessel, saß ich da, von der nicht enden wollenden Wiederkehr des Immergleichen immer mehr an den Rand der Hysterie getrieben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte der Film noch 30 Minuten länger gedauert. (Vermutlich dürften deutschsprachige Menschen heute noch nicht wieder in Thailand einreisen.) Ja, ich war fast ein bisschen enttäuscht, als DIE SEX-SPELUNKE VON BANGKOK dann doch noch das Ende fand, das wohl alle außer mir zitternd herbeigesehnt hatten. Ein zweites Mal muss ich ihn aber beim besten Willen nicht sehen. Ich bin zurück in den Händen der Vernunft und damit immun gegen die zweifelhaften Reize der SEX-SPELUNKE. Aber welche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Kopie dieses Machwerks aus der untersten Schublade in den prächtigsten Farben auf die Kongress-Teilnehmer herabstrahlte …

EDIT 18.09.2013: Der Verdacht bezüglich GESCHÄFTLICHE REISE ZUR ERHOLUNG NACH AFRIKA hat sich bestätigt.

Auf Madeira geht ein Mörder um. Nicht Frauen fallen ihm zum Opfer, sondern Männer, denen auf dem sexuellen Höhepunkt der Penis abgeschnitten wird. Während die Polizei noch rätselt, weiß der Gerichtsmediziner Dr. Roberts (Jess Franco), dass es sich bei dem Täter um einen Vampir handeln muss. Und er hat Recht: Seit Jahrhunderten geistert die letzte Überlebende eines atlantischen Vampirgeschlechts über die Erde, ihres Lebens müde, aber ohne den Mut, ihr Leben zu beenden …

Mit LES AVALEUSES (deutscher Titel: ENTFESSELTE BEGIERDE) schenkte Franco seiner langjährigen Darstellerin, Muse, Geliebten und späteren Ehefrau Lina Romay den ersten „eigenen“ Film. Mit langen schwarzen Haaren, Stiefeln, einem Gürtel und einem durchsichtigen Umhang auf sonst vollkommen nacktem Körper tritt sie gleichmäßigen, fast traumwandlerischen Schrittes aus dem Neben auf die Kamera zu, verhext den Zuschauer mit ihren dunklen Augen und dem melancholischen Blick. Auch im Folgenden steht sie im Zentrum fast jeder Szene des Films, wird dabei von Franco in allen möglichen Posen sexueller Erregung gezeigt, ihr entblößter, geöffneter Schritt wie eine Einladung in Überlebensgröße auf der Leinwand prangend. Wie sehr LES AVALEUSES um Romay gestrickt wurde, merkt man immer dann, wenn sie nicht zu sehen ist. Da läuft dann Jack Taylor in ein Erich-von-Däniken-Buch vertieft durch die Gegend, via Voice-over besonders eindrückliche Passagen zitierend, und es dauert eine gute Dreiviertelstunde, bis seine Funktion in diesem Werk überhaupt klar ist. In einer Szene, die den verträumt-ziellosen Charakter des Films ähnlich wunderbar einfängt wie die zahlreichen ausgedehnten Masturbationsszenen der Romay, sieht er nur kurz von seinem Buch auf, um den Hotellift zu rufen, ist aber Sekunden später, als sich dessen Tür öffnet, schon wieder so in seinen Inhalt vertieft, dass er bereits zu Fuß weitergegangen ist. Franco selbst brilliert in den wunderbar tölpeligen und hemdsärmeligen Krimi-Szenen, wenn er unter anderem einen blinden Parapsyhologen befragt oder diesen mit einem Opfer des Vampirs konfrontiert. Wann immer LES AVALEUSES Menschen sprechen lässt, Exposition betreibt oder „klassische“ Narration verfolgt, wird es hilarious: Da interviewt dann eine Reporterin die vermeintliche Vampirgräfin, obwohl diese stumm ist und sich lediglich durch Nicken oder Kopfschütteln mitteilen kann. Als sie auf die erste Nicht-Entscheidungsfrage demzufolge keine Antwort erhält, unterbricht sie die Stille mit nur wenig Empathie und Verständnis für das Handicap ihrer Gesprächspartnerin mit dem Satz „Ich merke schon, dass Sie mir nicht antworten wollen …“

Ähnlich wie zuvor EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) ist auch LES AVALEUSES kein Film, der Spoiler provozieren würde. Die Geschichte ist sogar noch nebensächlicher als in der De-Sade-Adaption und lediglich behelfsmäßig zusammengezimmerter Irrsinn, der den visuellen Ideen Francos und seiner Romay-Verehrung einen Rahmen verleiht. Das klingt für Nicht-Eingeweihte vielleicht fürchterlich, ist aber für jeden, der Franco zu lieben gelernt hat, ein Fest. LES AVALEUSES ist Franco in Reinform: Reine Poesie, die sich nur schwerlich beschreiben lässt. Madeira, jene portugiesische Insel im Atlantik, sieht hier gar nicht wie ein Urlaubsparadies aus, sondern trist und graubraun, wie in einem unauflöslichen Nebel liegend. Der ganze Film hat den Charakter eines Traums, so tief, dass einen selbst die Lacher nicht aus ihm herausreißen. Leider habe ich das Ende des Films verschlafen. Andererseits ist das wahrscheinlich sogar die adäquate Rezeptionshaltung. Wer weiß, wie tief mir der Film ins Unterbewusste gedrungen ist, als ich ihm hilflos ausgeliefert war.

2011091009235244266_artikelEs gibt viele Pforten, durch die man sich dem umfangreichen und unüberschaubaren Werk des frenetischen Vielfilmers Jess Franco – der leider im April dieses Jahres verstorben ist – nähern kann. Eine  davon ist mit dem Namen überschrieben, unter dem der französische Adlige, Schriftsteller und Philosoph Donatien Alphonse François de Sade zu einer historischen Figur wurde: Marquis de Sade. Nahezu alle Regisseure, die sich in den Genres Sex- oder Horrorfilm bewegen, müssen eine geistige Verbindung zu dem Mann verspüren, der der Lust an der Qual den Namen verlieh, doch nur wenige versuchten sich ganz direkt an einer Adaption seiner Werke. Jess Franco verfilmte gleich mehrere Bücher De Sades und „Die Philosophie des Boudoirs“ mit EUGENIE und EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) sogar zweimal. Wenn auch beide Filme literarische Vorlage und – zumindest im spanischen Original – sogar den Titel teilen, spiegeln sie doch recht klar zwei der vielen verschiedenen, sehr konträren Seiten, die Francos Werk zum Schillern brachten: EUGENIE wurde 1970 vom britischen Produzenten Harry Alan Towers großzügig budgetiert, ist mit Stars wie Christopher Lee und Maria Rohm (sowie Jack Taylor und Herbert Fux) klangvoll besetzt und aufwändig ausgestattet und gehört demzufolge zu den kommerzielleren Filmen Francos. Der zehn Jahre später entstandene EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) ist zwar nicht weniger schillernd, aber eine ganze Ecke bescheidener budgetiert und darüber hinaus geprägt von Francos Jazz- und Improvisationsvorliebe. Die Geschichte eines jungen Mädchens, das in die Hände eines sexsüchtigen Pärchens gerät und dabei seine Unschuld verliert, wird hier sehr lose und locker, beinahe nebenbei entwickelt und löst sich zum Ende hin immer mehr auf. Mehr als ein Plot bleiben hier Sinneseindrücke hängen, Bilder und Stimmungen, die sich in der Erinnerung untrennbar miteinander vereinen.

Vielleicht liegt es auch an den Rahmenbedingungen, unter denen die Sichtung stattfand, dass ich keinen direkten, verstandesmäßigen Zugriff mehr auf EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) bekomme: Nach einer fünfstündigen Autofahrt war es der Eröffnungsfilm meines ersten Hofbauer Kongresses, auf den ich schon seit einigen Wochen hingefiebert hatte. Eine Vielzahl von Eindrücken war zu diesem Zeitpunkt schon auf mich eingeprasselt: Neben den vielen Bekannten, die ich dort wiedersehen oder auch zum ersten Mal treffen durfte, hatte sich auch die bezaubernde EUGENIE-Hauptdarstellerin Katja Bienert eingefunden, die sich ganz selbstverständlich, gut gelaunt und entspannt unter den Kongressteilnehmern tummelte und vor dem Film in einem ausführlichen Interview offen, ehrlich und enthusiastisch Rede und Antwort stand. (Daran könnten sich viele ihrer Kollegen, die das Geld, dass man ihnen einst für ihre Teilnahme an diversen REPORT- oder sonstigen Softsex-Filmen zahlte, zwar gern entgegennahmen, aber heute eher verschnupft reagieren, wenn man sie darauf anspricht, ein Beispiel nehmen.) Sie fühlte sich übrigens so wohl auf dem Kongress, dass sie uns auch noch am nächsten Tag Gesellschaft leistete und darüber sogar gegen ihre Schlafgewohnheiten verstieß. Dass sich Francos De-Sade-Verfilmung aber förmlich dagegen sträubt, hier von mir seziert zu werden, liegt wohl auch in der Inszenierung des Films selbst begründet. So wie die von Franco wieder einmal als zentrales Gestaltungselement verwendeten ausblutenden Sonnenstrahlen das Bild selbst zu verbrennen und zu überlagern scheinen, verflüchtigt sich der Film in einen reinen Wahrnehmungsraum, der für die Ratio unzugänglich bleiben muss. Jede nachvollziehbare Psychologie ist abwesend, nur die nackte, brennende Leidenschaft bestimmt die Handlungen. Sie ist so stark, dass nichts ihr standhalten kann. Der reiche Lüstling Alberto (Antonio Mayans) verzehrt sich nach der minderjährigen Eugenie (Katja Bienert), seine kaum weniger geile Gattin Alba (Mabel Escaño) hilft ihm dabei, sie zu bekommen. Am Ende, wenn die sexuelle Spannung das empfindlich Beziehungsdreieck gesprengt hat, herrscht Alberto Alba an, wirft ihr vor, sie sei „wahnsinnig geworden vor Geilheit“ und die Sexgier habe ihr „das Rückenmark zerfressen“. Die reine Körperlichkeit ist kein Segen für den Menschen, sie bedeutet sein Ende.

EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN), den wir in der deutschen Fassung unter dem Titel LOLITA AM SCHEIDEWEG gesehen haben, ist ein wilder Reigen sonnendurchfluteter und von Dekadenz und Perversion durchspülter Bilder und wilder Ideen wie jener, Lina Romay als das menschliche Haustier des lüsternen Ehepaars zu inszenieren. Das eindrucksvolle, von Ricardo Bofill entworfene Apartmenthaus La Muralla Roja repräsentiert mit seinen verwinkelten Treppen und der labyrinthischen Struktur sowohl den derangierten Geist seiner Bewohner als auch das Netz der Manipulation, in dem sich Eugenie (in der deutschen Fassung „Lolita“) hoffnungslos verfängt (der andere imposante Schauplatz, Bofills Xanadu, symbolisiert eher die dräuende Gefahr für das junge Mädchen). Der deutsche Verleih bereinigte den in seiner Originalfassung angeblich rund 95-minütigen Film um satte 18 Minuten – sogar noch mehr, wenn man die „Traumszenen“ Eugenies miteinrechnet, die im Gegenzug aus einem Bea-Fiedler-Film eingeschmuggelt wurden. Jess Francos Jazz-Score wurde durch einen treibenden, aggressiv pumpenden Disco-Beatsound ersetzt, der das Künstliche, Triebhafte akzentuiert und darüber hinaus jede Plattensammlung adeln würde. Ob EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) in der intakten Fassung möglicherweise weniger fragmentarisch und traumhaft wirkt, lässt sich von hier aus nicht eruieren, faktisch steht ihm der Verzicht auf jegliche Erklärung ausgezeichnet zu Gesicht, macht ihn zu einem Film, über den man kaum sprechen kann, der sich aber als sinnlicher Eindruck tief ins Gedächtnis einbrennt.