die filme von stephanie rothman

Veröffentlicht: März 12, 2017 in Film, Zum Lesen
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Auf critic.de widmet sich eine Textreihe dem überschaubaren Werk von Stephanie Rothman, die in den frühen Siebzigerjahren zum Stall von Roger Cormans New World Pictures gehörte und ihm unter anderem den Riesenhit THE STUDENT NURSES bescherte. Wenn Cormans Filme aus jener Zeit heute als „subversiv“ bezeichnet werden, weil sie unter dem Deckmantel der Exploitation avancierte Ideen über den Stand der Gesellschaft verhandelten, dann muss Rothman in dieser Hinsicht als eine treibende Kraft bezeichnet werden. Kolleginnen und Kollegen wie Silvia Szymanski, Lukas Foerster und Michael Kienzl werden sich in den nächsten Tagen ihrer gesamten Filmografie  widmen. Mein Text ist soeben erschienen: Es handelt sich um einen kleinen Aufsatz zum erotischen Vampirfilm THE VELVET VAMPIRE, über den ich mich auch hier schon einmal ausgelassen habe.

„People who dial 976-EVIL receive supernatural powers and turn into satanic killers.“ Das ist eine IMDb-Kurzzusammenfassung, die den Film, den ich gestern gesehen habe, einerseits umreißt, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, andererseits aber trotzdem kaum etwas mit ihm zu tun hat. Ja, es gibt die besagte Telefonnummer, nach der der Film benannt ist, und ja, einer der Protagonisten wird am Ende vom Bösen besessen und begeht diverse Morde, aber Englunds Regiedebüt (Drehbuch: Brian Helgeland!) hat mit straightem Horrorkino, wie es der Storyabriss suggeriert, nur wenig am Hut. Der Film ist so voll gepackt mit nicht zu Ende geführten Ideen, vermeintlich wichtigen Figuren, die plötzlich verschwinden, oder aber unwichtigen, denen auf einmal große Bedeutung zukommt, und mäandernden Subplots, dass man sich ziemlich wundert, wenn die zuvor eher als Running Gag fungierende Telefonnummer auf einmal doch noch ins Zentrum tritt und die creative killings einsetzen.

Offensichtlich schwebte Englund so etwas wie CARRIE vor, an den 976-EVIL über weite Strecken erinnert. Hoax (Stephen Geoffreys) ist ein Pullunder tragender Nerd, der zusammen mit seiner schwer gläubigen Tante (Sandy Dennis) lebt. Sein Cousin Spike (Patrick O’Bryan), ein Rebell wie er im Buche steht, wohnt gegenüber und ist sein großes Vorbild. Als Spike mit der scharfen Suzie (Lezlie Dean) anbändelt, ist auch Hoax hin und weg, doch er bekommt natürlich irgendwann die Abfuhr, die es für die sexuell unerfahrenen Loser in solchen Filmen immer gibt. Es ist der Moment, in dem der Film sich seiner Verwurzelung im Popcorn-Horrorfilm erinnert, Stephen Geoffreys mit dämonischem Make-up vollgekleistert wird und er diverse Nebenfiguren blutig umbringt, bevor er in einem Hölle-auf-Erden-Szenario von Spike besiegt wird.

Bis dahin könnte 976-EVIL auch ein Film über den trostlosen Alltag von amerikanischen Jugendlichen sein: Ein wichtiges Setting ist ein altes Kino, dessen Marquee einen All-Night Horrormarathon für 1,99 anpreist und das von den ständig zockenden und Drogen dealenden Kleinkriminellen um Marcus (J. J. Cohen) geführt wird (einer seiner Sidekicks wird von Darren E. Burrows gespielt, der eine recht große Rolle in der Serie NORTHERN EXPOSURE hatte). In einer völlig rätselhaften Szene regnet es über dem Haus von Hoax‘ Tante plötzlich Fische, was diese als Zeichen Gottes wertet und was außerdem den Journalisten Marty (Jim Metzler) auf den Plan ruft, der dann Ermittlungen anstellt und dabei Mark Dark (Robert Picardo), dem mephistophelischen Betreiber der Telefonhotline, auf die Schliche kommt. Eltern und Lehrer sind überwiegend planlos und bloße Randerscheinungen im Leben der jugendlichen Protagonisten. 976-EVIL ist recht düster und schmutzig und nicht ohne Atmosphäre, zudem kommt er ohne die Albernheiten aus, die den Teeniehorror jener Jahre kennzeichneten und oft herunterzogen. Das macht ihn definitiv sehenswert, auch wenn das Gesamtergebnis konfus und zerfahren wirkt. Wie diese vielen verschiedenen Elemente eigentlich zusammenpassen sollten, geht aus dem fertigen Film jedenfalls nicht hervor, der trotz seiner gut 90 Minuten so wirkt, als fehlte da eine für das Verständnis ganz entscheidende Viertelstunde. Vielleicht muss ich den aber auch nur noch einmal schauen.

Englunds Karriere als Regisseur war nach diesem Film leider beendet. Er drehte noch eine Folge der NIGHTMARE-TV-Serie bevor er 20 Jahre Pause machte und dann ein ziemlich schlimm aussehendes Vehikel namens KILLER PAD drehte. 976-EVIL war wahrscheinlich zu weird, um ihm ein zweites Standbein zu sichern, auch wenn ein paar Jahre später tatsächlich ein Sequel herauskam, was an sich schon bizarr ist. Ich finde es gut, dass es 976-EVIL gibt.

dagon (stuart gordon, spanien 2001)

Veröffentlicht: März 12, 2017 in Film
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Die Geschichte der gescheiterten Verfilmung der Lovecraft-Erzählung von „The Shadow over Innsmouth“ ist eine traurige. Nach dem Erfolg von RE-ANIMATOR planten Regisseur Stuart Gordon und Brian Yuzna eine Filmadaption, entwarfen Konzepzeichnungen und Storyboards, entwickelten ein Drehbuch und versuchten das nötige Kleingeld für das Herzensprojekt aufzutreiben. Leider scheiterte der ambitionierte Film dann aber genau daran: Es kam einfach nicht genügend Geld zusammen, um die Pläne realisieren zu können. Was übrig blieb, waren eben jene fantastischen Zeichnungen, die in einer alten Fangoria-Ausgabe die Story des Films bebilderten, der nicht hatte sein sollen. Zumindest für 10, 15 Jahre nicht. Mit der preisgünstigen Verfügbarkeit von CGI war das Unmögiche plötzlich machbar geworden und so platzte 2001 jene Verfilmung in eine völlig veränderte Welt. Gordon, in den Achtzigern noch einer der Götter des US-Horrors, war mittlerweile weitestgehend von der Bildfläche verschwunden, die Latex- und Gore-Exzesse vergangener Tage waren passé, zeitgenössisches Horrorkino hatte nur noch wenig mit dem zu tun, was in den Achzigerjahren in solch rauen Mengen veröffentlicht worden war. Als DAGON erschien, waren vor allem die missratenen Visual Effects ein Thema und da ich die Geschichte von „Shadow“ kannte, beschloss ich Gordons neuestes Werk aus alter Verbundenheit zu meiden. Wahrscheinlich die richtige Entscheidung: Ich befürchte, ich hätte DAGON damals einfach nicht unbefangen sehen können, hätte mich über die zum Teil wirklich eher hässlichen CGI unverhältnismäßig stark geärgert und nicht erkannt, wie nah dran der Film sonst am Lovecraft’schen Spirit ist.

Bárbara (Raquel Meroño) und Paul (Ezra Godden) schippern mit ihren älteren Freunden vor der spanischen Küste, als sie von einem plötzlich aufziehenden Sturm überrascht werden und auf einem Felsen auflaufen. Mit dem Ruderboot paddelt das Pärchen zur Küste, an der sich ein verfallenes Fischerdorf erhebt, um Hilfe zu holen. Doch in dem Ort stimmt irgendetwas nicht: Die Menschen zeigen rätselhafte Deformationen und erweisen sich als überaus aggressiv gegen die Eindringlinge.  Seit einst die Fische ausblieben, huldigen sie einer uralten Gottheit namens Dagon, die einen hohen Preis von ihnen gefordert hat …

DAGON lebt ganz von der Konfrontation eines Einzelnen mit einer unfassbaren Geschichte und einer Überzahl von Feinden, die ihm ans Leder wollen, und nähert sich damit unweigerlich dem Paranoiafilm an – ein Aspekt der durch die Tatsache, dass sich der Amerikaner Paul unter den spanischen Einheimischen nicht verständlich machen kann, noch verstärkt wird. Der dekadente Neuengland-Touch Lovecrafts geht DAGON logischerweise ab, aber das von unablässigen Regenfällen völlig vermoderte spanische Fischerdorf lässt diesen Mangel schnell vergessen. Was DAGON hinsichtlich seiner visuellen Effekte vermissen lässt, macht er durch einen unnachahmlichen Sense of Place wieder wett, der für sein Gelingen absolut entscheidend ist. Man glaubt, dass es diesen Ort gibt, er erscheint völlig plausibel. Es macht auch nichts, dass der Film im Grunde genommen eine einzige lange Verfolgungsjagd durch verwinkelte Gassen ist: Der Ort ist faszinierend und die kleinen Episoden, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt, sind interessant genug, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Und wenn es blutig wird oder klassische Maskeneffekte zum Einsatz kommen, erinnert man sich wieder an die gute alte Zeit, in der Gordon seine Blüte erlebte und Brian Yuzna Leute wie „Screaming Mad George“ zu Popstars machte. DAGON ist ein wunderbarer Film, ganz gewiss eine der besten Lovecraft-Verfilmungen überhaupt und seine Schwächen machen nur deutlich, wie fehlgeleitet viele zeitgenössische Genrefilme in ihrem Effektwahnsinn sind. Was DAGON auszeichnet, ist das Beherrschen der Mittel klassischen Filmmakings, der Rest ist nur Augenpuder.

 

 

 

 

Als ich meine kurze, aber heftige Marvelphase hatte – es muss so Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein – da war Doctor Strange ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, an das sich nur die Veteranen noch erinnertern. Dass er nun mit einem eigenen Film geadelt und den Avengers künftig im Kampf gegen zerfahrene Drehbücher und unterentwickelte Schurkenfiguren zur Seite stehen wird, zeigt mir einmal mehr, dass die Comicwelt, die die Filme abbilden, nicht mehr die ist, die ich damals kennengelernt habe. Aber die Inklusion des über fernöstliche Esoterik zu magischen Kräften gelangten Neurochirurgen Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ins Marvel Cinematic Universe ist in jedem Fall eine willkommene, weil  die Figur das seit etlichen Filmen bestehende Einerlei doch ein wenig aufzumischen vermag. Was nicht heißt, dass DOCTOR STRANGE erzählerisch oder gar formal besonders aus der Reihe fiele: Derricksons Werk zeigt genau dieselben Schwächen, die mich auch bei den vorangegangene drölfzig Marvel-Filmen schon gelangweilt haben, nur mutet dieses Werk insgesamt etwas kurzweiliger, witziger und aufgrund seiner Figur minimal origineller an. Nach ANT-MAN darf DOCTOR STRANGE also für sich in Anspruch nehmen, einer der besseren Filme der dritten Marvel-Welle zu sein.

Leider muss man sich als Zuschauer, wie immer in diesen Filmen, wieder einmal durch eine ellenlange Exposition kämpfen, die umso sinnloser erscheint, als man jeden ihrer Schritte punktgenau vohersagen kann. Strange ist der brillante, witzige und auch irgendwie charmante Held, dem jedoch aufgrund einer mustergültigen Laufbahn jegliche Demut völlig fremd ist. Naturellement macht ein schwerer Autounfall seiner güldenen Karriere ein jähes Ende: Plötzlich steht das Wunderkind vor dem Nichts und er reagiert darauf wie ein Arschloch, das dringend eine Lektion braucht. Die gibt es in Nepal, wo er eigentlich die Heilung für seine verkrüppelten Hände sucht, aber weitaus mehr findet: Nicht nur mystische Zauberkräfte, sondern auch die Einsicht, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die ein reicher Schnösel nicht begreift. Weil das für einen Film aber noch nicht reicht, wird er noch in einen uralten Konflikt zwischen seiner Lehrerin „The Ancient One“ (Tilda Swinton) und einem abtrünnigen Schüler (Mads Mikkelsen) hineingezogen, der wieder einmal notdürftig übergestülpt wirkt und mit dem Rest des Films keine rechte Bindung eingehen mag.

Wie gesagt, im Grunde ist alles wie zuvor; dass ich DOCTOR STRANGE diese Mängel aber eher verzeihe als meinetwegen dem letzten CAPTAIN AMERICA-Film, liegt daran, dass Benedict Cumberbatch durch seine bloße Anwesenheit einen kultivierten Witz und Stil mitbringt, den andere Marvel-Filme weitestgehend vermissen lassen, und die Zaubershow, die er und seine Gegner abbrennen, darüber hinaus viel Stoff für visuell aufregende Effekte bietet. Über die von Nolans INCEPTION inspirierte Sequenz, in der sich eine ganze Stadt in einen Zauberwürfel zu verwandeln scheint, wurde schon viel geschrieben, fast noch schöner fand ich Stranges Flug durch bunte Space-Dimensionen, der an eine Achterbahnversion des berühmten Sternenfluges aus 2001: A SPACE ODYSSEY erinnert. Derrickson und seine Effektleute zaubern einfach jede Menge Eye Candy aus dem Zylinder und es ist eine willkommene Abwechslung, endlich einmal nicht mit diesem ganzen nach x Filmen doch etwas müden Politthriller-Gedöns der Avengers-Filme konfrontiert zu werden. DOCTOR STRANGE ist Quatsch im positivsten Sinne und als solcher recht erfrischend.

Rob Zombie hatte als Regisseur schon immer ein immenses Nervpotenzial. Die fatale Polanskieske Begeisterung für seine zugegeben knackige, aber nur mäßig begabte Gattin, der White-Trash-, Truckermützen- und Seventies-Redneck-Fetisch, der mitunter nicht subversiv, sondern eher infantil anmutende Hang zum ostentativen Tabubruch, die Unfähigkeit, drei zusammenhängende Dialogzeilen ohne Verwendung des Wörtchens „Fuck“ oder ähnlicher Vulgarismen zu Papier zu bringen: Das alles ließ mich auch schon in Zombies vorangegangenen Filmen mitunter die Augen verdrehen. Meist verzieh ich ihm seine Exzesse, weil ich ihm nicht absprechen konnte, einen eigenen Stil entwickelt zu haben, Filme zu machen, die unverkennbar die seinen waren, for better or worse. Und darüber hinaus entwarf er zum einen aufregende Bildwelten (die psychedelischen Tunnelsysteme in HOUSE OF 1000 CORPSES etwa), zum anderen hatte er immer wieder interessante und durchaus auch intelligente Einfälle, die einen über seine Fehlgriffe hinwegsehen ließen. Ich mochte nicht alle seine Filme, für manche brauchte ich zwei Anläufe (THE DEVIL’S REJECTS), bei anderen konnte ich mich dazu bislang nicht hinreißen (HALLOWEEN 2), aber ich war trotzdem immer neugierig, was da kommen würde, weil zumindest sicher war, dass Zombie keine fade Durchschnittsware liefern würde. Und sein letzter Spielfilm, THE LORDS OF SALEM ließ sogar die Möglichkeit eines künstlerischen Reifeprozesses plausibel erscheinen.

Nach 31 ist von dieser Hoffnung allerdings nicht mehr viel übrig. Der Film vereint Zombies fragwürdigsten Impulse in hochverdichteter Form, ohne jedoch den entsprechenden Ausgleich zu liefern. Es gibt keine interessanten Charaktere, keine auch nur ansatzweise involvierende Geschichte, ja nicht einmal ein einzige irgendwie reizvolle Idee oder auch nur ein im Gedächtnis bleibendes Bild. Stattdessen angesichts der nichtigen Handlung ausufernde 104 Minuten lang nervtötendes Gekreisch, in unattraktiver Wackeloptik inszenierte Metzeleien und Geschmacklosigkeiten, die möglicherweise einen 14-jährigen Mormonen in Salt Lake City oder Zombies unkritische Fanschar zu schocken vermögen, aber einem einigermaßen intelligenten Zuschauer kaum mehr als ein Gähnen entlocken dürften. 31 markiert den Moment, in dem Zombie die Phase der Selbstkopie mit Verve überspringt und gleich bei der ungewollten Selbstdemontage landet.

Seine Protagonisten Roscoe (Jeff Daniel Phillips), Charly (Sheri Moon Zombie), Panda (Lawrence Hilton-Thomas), Venus (Meg Foster) und Levon (Kevin Jackson) sind die fluchenden, fickenden, kiffenden, Classic Rock hörenden Betreiber einer Sideshow, die von drei vergreisten Bonzen im Barock-Outfit (Malcolm McDowell, Judy Geeson und Jane Carr) und ihren Killer-Clowns aufgegriffen und in ein mörderisches Menschenjagd-Spiel in einem leerstehenden Fabrikgebäude eingespannt werden. Bei diesen Clowns handelt es sich um einen spanisch sprechenden Lilliputaner (Pancho Moler) mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuz-Tattoo auf dem Bauch, zwei Freaks mit Kettensägen, einen hochgewachsenen Deutschen (Torsten Voges) mit blonder Langhaarfrisur und Tütü, der „Hänschen Klein“ singt und eine puppenhaft aufgetakelte Freundin (Elizabeth Daly) an einer Leine mit sich führt, und schließlich „Doom-Head“ (Richard Brake), den „Endgegner“, eine jener Zombie-typischen White-Trash-Figuren, die man in einer schmierigen Sexszene mit einer ekligen Prostituierten bewundern darf. Das Menschenjagd-Szenario, dessen sich immer wieder sehenswerte kleine Exploiter angenommen haben, wird vollkommen lustlos und ohne jeden Witz abgespult: Offensichtlich war Zombie der Meinung, seine mittlerweile doch reichlich abgedroschenen Einfälle würden seinen Film allein tragen. Ein bitterer Irrtum.

Die Momente, in denen man sich daran erinnert, wozu er in der Vergangenheit fähig war, sind rar gesät: Richard Brake gibt trotz seiner einfallslosen Figur eine gute Vorstellung ab, das Finale versöhnt zwar nicht mit dem drögen Vehikel, ist aber dennoch die beste Szene des Films. Die Ernüchterung ist groß. 31 ist von einer solchen Einfallslosigkeit und Primitivität, dass er in der Lage ist, rückwirkend auch die gelungeneren Vorgänger zu diskreditieren, weil man plötzlich vermutet, dass deren Stärken bloß dem Zufall geschuldet waren. Das einzige Argument, das man zu Zombies Ehrenrettung anführen könnte: Dass er diesen mit knapp 1,5 Millionen US-Dollar enorm billig entstandenen Film nur gedreht hat, weil sich nichts anderes anbot und er mal wieder was von sich hören lassen wollte (der geradezu offensiv nichtssagende Titel und der Verzicht, ihn irgendwie zu erklären, könnten Indizien in diese Richtung sein). Aber auch dann muss man fragen, ob es nicht ein bisschen mehr – oder wenigstens weniger vom Blöden – hätte sein können. Es tut mir schon ein bisschen weh, das so deutlich formulieren zu müssen, aber 31 ist einfach eine ziemlich unentschuldbare Scheiße.

Trotz vieler positiver Reaktionen von Bekannten, die ich für verlässlich halte, war ich skeptisch: Der Trailer von SWISS ARMY MAN sah zugegebenermaßen toll aus und entlockte mir das ein oder andere Lachen, aber den Verdacht, dass sich der Film als gimmickiges Novelty-Vehikel mit nur beschränkter Halbwertzeit entpuppen würde, konnte er nicht völlig entkräften. Daniel Radcliffe als Leiche mit Superfähigkeiten, mit denen ein auf einer einsamen Insel Gestrandeter sich am Leben erhält: Das roch nach einem auf Spielfilmlänge gestreckten Sketch. Und wahrscheinlich ist das auch der Ursprung von SWISS ARMY MAN: Im Bonusmaterial gestehen die Regisseure, dass ihr Film mit der Idee einer furzenden Leiche begann. Ihnen ist dann zum Glück noch etwas mehr eingefallen, aber grundsätzlich ist das eine treffende Beschreibung des Inhalts: Es geht um die Freundschaft eines Schiffbrüchigen mit einer furzenden Leiche, die ihm das Leben rettet. Das Schöne an SWISS ARMY MAN ist, dass der Film als auf diesem Gag basierender skurriler Bilderbogen funktioniert, aber dass man auch mehr in ihm sehen kann, ohne dass er darüber seinen infantilen Witz verlieren würde. Die Befürchtung, dass die beiden Daniels einen hoffnungslos ephemeren FIlm gedreht haben, erweist sich als unbegründet: Nicht weil SWISS ARMY MAN irrsinnig bedeutungsvoll wäre, sondern weil seine Leichtigkeit eine seiner großen Stärken ist.

Am Anfang fahren ein paar aus leeren Flaschen und Getränkepackungen gebastelte Bötchen auf dem offenen Meer an der Kamera vorbei. Die kontinuierlich komplexer werdenden Konstruktionen machen die Botschaft, die auf eines von ihnen gekritzelt ist, beinahe redundant: „Ich langweile mich“, steht darauf. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der auf einer einsamen Insel gestrandet um sein Überleben ringt. Aber sie ist charakteristisch für die in SWISS ARMY MAN zum Ausdruck kommende lakonische Sicht auf das Leben – und das erste Anzeichen dafür, dass das, was der Zuschauer im Folgenden sieht, nicht immer das ist, was tatsächlich passiert. Zunächst aber ist der Verfasser der Botschaften, ein junger Mann namens Hank (Paul Dano), tatsächlich ein moderner Robinson Crusoe, der seinen Freitag just in dem Moment trifft, in dem er sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will: Plötzlich liegt da der Körper eines Mannes (Daniel Radcliffe) in der Brandung, der sich bei näherer Begutachtung als tot herausstellt. Die Enttäuschung weicht bald der amüsierten Verwunderung, als dem leblosen Körper heftige Blähungen entweichen. Und die nutzt Hank schließlich als eine Art Außenbordmotor: Auf dem Körper des Toten rast er über das Meer und landet schließlich an einer nicht mehr ganz so öd aussehenden Küste. Plötzlich scheint die Möglichkeit der Rettung nah. Und mit der Leiche, die sich bald als „Manny“ vorstellt, gar nicht mehr so tot ist und zahlreiche weitere nützliche Fähigkeiten zeigt, ist die ganze Situation viel leichter zu ertragen.

SWISS ARMY MAN ist die Geschichte einer sprichwörtlich wunderbaren Freundschaft. Hank überwindet die Einsamkeit, indem er eine Persönlichkeit für den Toten erfindet, mit ihm Gespräche führt und sich gemeinsam Freizeitbetätigungen ausdenkt. Am Ende erweist sich vor allem Hank als nicht ganz der, der er zu sein vorgab: Hinter seinem traurigen, aber auch etwas ausdruckslosen Gesicht verbirgt sich ein Drama, das der Film aber nie vollständig aufdeckt. Vieles, was im Film eine prominente Rolle spielt, scheint seinem Wahn zu entspringen, aber es wird keine saubere Grenze gezogen. SWISS ARMY MAN lässt sich nicht lückenlos auflösen wie ein raffiniertes Puzzlespiel. Und das ist gut so, weil der Film nicht zuletzt von der Fähigkeit des Menschen handelt, sich zu wundern, zu staunen, Schönheit zu finden im Banalen und Alltäglichen. In seinen besten Szenen erinnert SWISS ARMY MAN an die Filme von Spike Jonze, an den DIY-Charme, den sie gleichermaßen feiern, wie sie von ihm beatmet sind. In einer ausgedehnten Sequenz baut Hank seinem toten Freund einen Bus aus Ästen und Müllteilen, um die tägliche Begegnung mit einem hübschen, unbekannten Mädchen nachzustellen. Er bastelt sogar eine am Fenster entlanglaufende Spule mit Fotos, mit der er die Fahrt simuliert und dem Freund so zeigt, wie schön es ist, einfach nur auf die vorbeiziehende Welt zu schauen. Oder er stellt mithilfe von Stockpuppen und einer vom Feuerschein beleuchteten Plane berühmte Kinofilme für ihn nach. Das Titelthema von JURASSIC PARK wird intoniert und es ist ganz klar: Wenn man diesen Film nicht gesehen hat, hat man eigentlich nicht gelebt. Natürlich lernt Hank auch selbst etwas im Austausch mit der Leiche: Zum Beispiel, dass es gut ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen nicht beherrschen zu lassen. Ein ihm am Ende entfleuchender Furz ist der große Durchbruch, den er wie einen großen Triumph feiern darf. Das ist gnadenlos albern, aber – und das ist doch eine ziemliche Leistung – auch einfach sehr schön.

Dieser Film mit dem verheißungsvollen internationalen Verleihtitel CANNIBAL MERCENARY ist schierer Exzess in allen Belangen. Er beginnt mit einer Schrifteinblendung, die verkündet, das Folgende seien die Erinnerungen eines Mannes, der den Krieg nicht vergessen könne. Man sieht diesen Mann dann auch gleich auf seiner Pritsche liegen, mit leerem Blick gegen die Decke starren, an der ein Ventilator kreist. Schon nach wenigen Sekunden ist klar: An großen Vorbildern mangelt es nicht, hier wird nicht einfach nur für knackig-kurzweilige Action-Unterhaltung gesorgt, nein, hier wird ein Statement gemacht und gnadenlos nach Hause gehämmert. Zwischen dem Bedürfnis einerseits mit beiden Fäusten ordentlich auf die Kacke zu hauen, andererseits aber auch ein niederschmetterndes Drama über die Conditio humana zu drehen, hat der Regisseur zwar mehr als einmal den Überblick verloren, aber wer will es ihm verdenken? 104 Minuten dauert dieser Hobel, die Orientierung hatte ich aber schon nach fünf verloren: Ein Voice-over vertont die Erinnerungsfetzen des Protagonisten (Alan English), der wohl eine an Polio erkrankte Tochter hat, die man dann auch in einer Rückblende zu Gesicht bekommt. Für den weiteren Verlauf von EMPLOY FOR DIE spielt das keine weitere Rolle: Nur die erste zahlreicher verwirrender Finten oder aber übrig gebliebener Reste eines ursprünglich mal geplanten Filmes. Der Held nimmt dann eine Mission an, die schließlich die eigentliche Handlung ausmacht, aber was nun eigentlich Gegenwart und Vergangenheit bzw. Erinnerung ist, muss man eher durch Ausschlussverfahren erörtern, als dass die Inszenierung dies wirklich klar macht. Dass meine Version nicht nur eine grauenhafte englische Synchro aufweist, sondern auch krasse Farb- und Qualitätswechsel, macht es nicht eben leichter herauszufinden, was Hong Lu Wong sich bei all dem wohl gedacht hat.

Fakt ist aber, dass er ein Vertreter des „Mehr ist mehr“ ist: Nach der kurzen Exposition wird da gute 90 Minuten durch den Busch gekraucht und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet. Ständig gibt es irgendwelche kleinen Konflikte, die dann sehr unvermittelt enden, nur um dem nächsten Platz zu machen, Figuren, die aufwändig eingeführt werden, nur um dann auf eine Art und Weise abserviert werden, die in keinem Verhältnis zum zuvor um sie veranstalteten Brimborium steht. Das Drehbuch ist bis zur Unterkante Oberlippe so vollgestopft, dass sich schnell Abstumpfung breit macht und auch inszenatorisch kennt Wong kein Halten: Da hagelt es Leoneske Close-up-Schnittgewitter, die einfach nicht enden wollen, und wenn EMPLOY FOR DIE dann endlich zum Ende kommt, wird auch das noch einmal gnadenlos ausgewalzt. Passend dazu taumelt der Film auch in seinen Gewaltdarstellungen von einer Geschmacksverirrung zur nächsten. Seinen Höhepunkt findet er in einer Szene, in der einer der Söldner vom Schurken, einem vietnamesischen Drogenbaron, und seinen Schergen bis zum Hals vergraben wird: Der Bösewicht hämmert ihm ein Messer in die Schädeldecke und lässt seine kannibalistischen Horden dann das herausquellende Hirn fressen. Dazu dröhnt der planlos zusammengeklaute Soundtrack, auf dem unter anderem Goblins Totentanz aus DAWN OF THE DEAD einen Gastauftritt feiert, ohne jede Modulation beständig auf oberstem Erregungsniveau und raubt einem den letzten Nerv, der aufgrund der ständigen Hektik eh schon arg strapaziert ist.

Als bizarre Kuriosität ist EMPLOY FOR DIE durchaus sehenswert: einer jener ultrabilligen Namsploitationer aus Asien, bei denen man nicht genau weiß, ob das jetzt nun totaler Ramsch oder nicht doch Avantgarde ist. Der Name Thomas Tang huscht durch die Credits und lässt Kenner schon erahnen, was ihnen da bevorsteht. Erratischer und konfuser als hier geht es eigentlich nicht mehr. Ein Fazit fällt schwer: Wirklich anschauen im Sinne von aktiv rezipieren kann man sich das Teil eigentlich nicht, zumindest nicht in der mir vorliegenden Fassung, aber das Chaos hinterlässt schon einen bleibenden Eindruck. Vielleicht ist es sogar genial, einen Film über den Wahnsinn des Krieges so zu realisieren: Es gibt keinerlei Form, EMPLOY FOR DIE durchläuft in jeder Sekunde seiner 104 Minuten einen eigenen Zerfallsprozess.