Mit ‘Aaron Norris’ getaggte Beiträge

Wenn man Texte über das sogenannte Exploitationkino (von vielen auch gern als „Trash“ bezeichnet) liest, geht es dort oft um die Frage, was vom Filmemacher „beabsichtigt“ war. Ein „guter“ Film, so die zugrundeliegende These, folgt einem von Regisseur und Drehbuchator akribisch ausgearbeiteten Plan, dessen lückenlos erfolgreicher Entfaltung man als Zuschauer beiwohnen darf. Im Exploitationfilm hingegen, an dem sich bekanntermaßen nur Geschäftsmänner, Gescheiterte, Dilettanten und sonstige zwielichtige Gestalten tummeln, erfreut man sich an der Ästhetik der Unabsichtlichkeit. Was gut war, war unmöglich „gewollt“, im Unzulänglichen zeigt sich hingegen dieWahrheit. Zum Teil ist das natürlich nachvollziehbar: Von klammen Budgets gebeutelt und mit drittklassigen Akteuren geschlagen, sind der Vision des B-Filme-Machers (um mal einen weiteren unscharfen Begriff zu verwenden) meist engere Grenzen gesetzt, als dem Studiodarling, das für seine Produktion aus dem Vollen schöpfen kann. Aber wenn ein Film gut ist, ist es ja völlig gleichgültig, ob das so gewollt war oder eine glücklichen Fügung des Schicksals zu verdanken ist. Manche Filme sind scheiße, völlig unabhängig von production values, möglicherweise großen Ambitionen und eingesetzter Kompetenz. Andere gelingen gegen jede Wahrscheinlichkeit, profitieren von Hingeworfen- und Ungeschliffenheit. Wieder andere sind so perfekt, dass man vor Langweile einschläft. Und manche erreichen gerade in ihrem Misslingen eine Brillanz, die sie unverwechselbar macht. Das wirft die Frage auf, was diese objektive Qualität der Wohlgeformtheit eigentlich wert ist und welche Rolle der Intention, die man ja nie mit Gewissheit belegen, bestenfalls unterstellen kann, überhaupt zugemessen werden muss.

PLATOON LEADER wirkt gnadenlos überambitioniert – das ist ja schon einmal ungewöhnlich für einen Dudikoff-Film – und verfehlt sein angepeiltes Ziel auf den ersten Blick um mehrere Längen. Was ich wollte, war ein feister Actioner, wie ihn das geile Videocover mit seinen öligen Muskeln, geschwollenen Adern und im Sonnenlicht glänzenden Monsterknarren verspricht: Einen Film, der reinläuft, nicht wehtut, höchstens Ärsche tritt. Einen Gebrauchsfilm hal. Das ist PLATOON LEADER nicht. Stattdessen habe ich mich mitunter vor dem Bildschirm gewunden angesichts der ungeschickt dargebotenen Klischees, mich gefragt, ob man das wirklich nicht hätte besser hinbekommen können, mich gefragt, wann Dudikoff denn endlich den American Fighter des Vietnamkriegs gibt und die gesichtslosen Widersache plattmacht. Gut, Aaron Norris wird gewiss nicht als großer vergessener Künstler in die Annalen eingehen, wahrscheinlich noch nicht einmal als großer Action-Regisseur (er inszeniert immer etwas sediert, fängt seinen berühmteren Bruder in DELTA FORCE 2 in endlosen, völlig unspektakulären Zeitluopnstudien ein, die fast schon avantgardistisch sind in ihrer Ereignislosigkeit), und so ist es nicht so verwunderlich, dass er auch hier, in dem verzweifelten Versuch, Stones PLATOON und Kubricks FULL METAL JACKET nachzueifern, hart an seine Grenzen stößt. Aber gerade in seinem Scheitern, einen mitreißenden, von seinen Charakteren getragenen Vietnamfilm zu machen, erreicht er manchmal eine transzendente Wahrhaftigkeit, die den objektiv betrachtet „besseren“ Werken verschlossen bleibt. Dass das seine Absicht war, wage ich zu bezweifeln. Aber das ändert ja nichts an der Tatsache.

Es gibt nur wenig Grund anzunehmen, dass PLATOON LEADER mehr sein sollte, als ein an Stones supererfolgreiches Vorbild angelehntes Vehikel für die Videotheken-Klientel (auch wenn er in den USA einen Kinostart hatte). Drehbuchautor Andrew Deutschs Filmografie umfasst u. a. den unfassbaren MERCENARY FIGHTERS mit Reb Brown und Peter Fonda, den Dudikoff-Film RIVER OF DEATH und DELTA FORCE 3: THE KILLING GAME, von seinem Kollegen Rick Marx stammen solche Perlen wie NASTY GIRLS, DADDY’S LITTLE GIRL, SEX SPA U.S.A. oder BROOKE DOES COLLEGE. Ihr Script basiert auf dem Erlebnisbericht des Veteranen James R. McDonough, dessen kommerzielles Potenzial dann niemand geringeres als Harry Alan Towers erkannte, einer der „Großen Alten“ des europäischen Exploitationkinos. PLATOON LEADER verfügt dann auch über Towers-übliche respektable Schauwerte – besonders die Kameraarbeit von Arthur Wooster (Second Unit Photographer u. a. bei allen Bond-Filmen von FOR YOUR EYES ONLY bis DIE ANOTHER DAY) ist erwähnenswert -, aber es gelingt nicht recht – ebenfalls ein untrügliches Towers-Merkmal – die einzelnen Zutaten zu einem homogenen Ganzen zusammenzufügen. Es fehlt ein durchgehaltener dramaturgischer Spannungsbogen, der Film bewegt sich sprunghaft und elliptisch, die Charaktere bleiben schablonenhaft und ihre Motivationen undurchsichtig. Dudikoff ist als Protagonist eine Leerstelle, eine Nebenfigur mutiert inneralb weniger Szenen vom gut gelaunten Kiffer zum depressiven Stoner zum Selbstmörder durch goldenen Schuss. Die emotionalen Ausbrüche der Figuren, die Aaron Norris immer wieder einfängt, wirken auf den Zuschauer angesichts solcher Lücken aufgesetzt und nur wenig nachvollziehbar. PLATOON LEADER erinnert mitunter an ein Malen nach Zahlen, ein Abpausen vorgegebener Formen. Das Ergebnis ist eckig und nachrangig.

Dann gibt es aber wieder sehr gelungene Momente wie jene Szene, in der das Platoon bei einem Erkundungsgang plötzlich von heranstürmenden Vietcong überrascht wird, sich eilig zwischen dem hüfthohen Farn am Boden versteckt und nur atemlos darauf warten kann, dass der Feind vorüberzieht, ohne etwas zu bemerken. Als das tatsächlich geschieht, stehen sie nur verdutzt da, können ihr Glück kaum fassen. Die Bedrohung ist so schnell verschwunden wie sie auftauchte – wie ein Albtraum, der einem den Schweiß auf die Strn treibt, an den man sich nach dem Aufwachen aber kaum noch erinnern kann. Manch vermeintlicher Makel erscheint angesichts solcher Szenen in einem anderen Licht: Ist es nicht so, dass Krieg für den Soldaten an der Front einfach nur eine Abfolge unverbundener Einelereignisse ist, die es zu überleben gilt? Dass die Kameraden kommen und gehen, sich ihre Geschichten unweigerlich gleichen? Wie es ein Soldat zu Beginn beschreibt: „You go out on patrol, and you kill a few of them. Then they kill a few of yours. Then you go back to base. Eat. Sleep. Next day, same thing. Before you know it, you’re either dead, or you’re going home.“ Wie das Grauen ermüdende Routine wird, selbst die evozierten Emotionen nur noch Reflexe sind, das fängt PLATOON LEADER vielleicht sogar auf ehrlichere Weise ein als die „großen“ Vietnamkriegsfilme, die ja trotzdem noch eine Spannungsdramaturgie brauchen, eine Entwicklung, eine Perspektive. Ganz kann sich PLATOON LEADER nicht davon trennen. Man merkt, er möchte ein emotionaler Film über Menschen sein, wichtige Erkenntnisse über sie vermitteln und über ihren Drang, sich immer wieder gegenseitig umzubringen, aber weil Norris das Rüstzeug dafür fehlt, ist er dann doch nur einer über entkernte Wesen, die mit dem Sein ringen und daran scheitern, Individuen zu sein. Das ist aber ja auch etwas, Absicht oder nicht. Das feiste Geballer hat mir aber trotzdem gefehlt.

 

Der ganze Film in einem Satz: Braddock denkt an die Kinder.

Von Reverend Polanski (Yehuda Efroni) erfährt der Vietnamveteran Braddock (Chuck Norris), dass seine totgeglaubte vietnamesische Frau Lin (Miki Kim) noch lebt und er sogar einen Sohn (Roland Harrah III) hat: Beide leben in einem nordvietnamesischen Dorf unter menschenunwürdigen Bedingungen, als Menschen zweiter Klasse der ständigen Gängelei durch General Quoc (Aki Aleong) ausgesetzt. Braddock macht sich sofort auf den Weg, seine Familie zu befreien und mit in die USA zu nehmen …

Wenn Joseph Zitos MISSING IN ACTION (und das back-to-back gedrehte Sequel) in ihrer Bitterkeit und Hasserfülltheit selbst Ausdruck des Traumas sind, in das der Vietnamkrieg das Kollektiv der US-amerikanischen Gesellschaft gestürzt hatte, dann ist BRADDOCK: MISSING IN ACTION III die störrische Weigerung, sich mit diesem Trauma auseinanderzusetzen und zur Realität zurückzukehren. 1988, im selben Jahr, in dem man Stallone dafür auslachte, weil er sich in Afghanistan in einen Konflikt einmischte, der in der Realität soeben sein Ende gefunden hatte, arbeitet sich Braddock immer noch an den kommunistischen Vietnamesen ab, hat er die Niederlage immer noch nicht überwunden, immerhin satte 13 Jahre, nachdem der Krieg beendet wurde. Aaron Norris‘ Film ist ein krasser Anachronismus, der die psychische Disposition seines Protagonisten zur unbeugsamen Tugend stilisiert. Am Ende des mit 105 Minuten überlangen Films kann man nur den Kopf schütteln, ob der zur Schau getragenen Unfähigkeit, die Vergangenheit zu verarbeiten, dem einstigen Feind die Hand zu reichen und eigene Fehler einzugestehen. „I can see the love of freedom/shining in your eyes“ singt Ron Bloom in seinem pathetischen Abschlusssong, sich mit bebender Inbrunst gegen die Erkenntnis stemmend, dass es im Krieg kein Gut und Böse, aber dafür sehr wohl eine „freedom“ außerhalb der USA gibt, eine, die nicht erst großzügig durch einen bärtigen Massenmörder verabreicht werden muss.

Dabei wirkt BRADDOCK: MISSING IN ACTION III selbst nicht mehr allzu überzeugt von seiner Weltsicht: Da muss erst eine Verkettung äußerst unglücklicher Missgeschicke konstruiert werden, um den US-Soldaten in den Glauben zu versetzen, seine vietnamesische Frau sei einer Explosion zum Opfer gefallen, der Sohn sein verständliches Misstrauen gegen den ihm vollkommen unbekannten Papa in Rekordgeschwindigkeit ablegen und zum glühenden Bewunderer seiner Mordkunst werden, auch wenn der genau genommen Schuld daran ist, dass die Mama nur Minuten nach der „Befreiung“ vor seinen Augen hingerichtet wurde. Um Braddocks Handeln zu legitimieren, müssen alle Register der Zuschauermanipulation gezogen und ein Heim voller „Bastardkinder“ erdichtet werden, die der amerikanische Held dann als „Karawane der Tapferen“ ins sichere Thailand führt, es dabei ganz allein mit den gegnerischen Streitkräften aufnehmend. Wenn es um Kinder geht, sind bekanntlich alle Mittel recht. Doch das Gemetzel kommt vier Jahre nach dem ersten Teil und drei Jahre, nachdem Rambo gezeigt hatte, wie so eine Revanche auszusehen hat, nur noch müde daher.

So bleibt nur der Prolog lobend zu erwähnen: Das Chaos um den Fall von Saigon, die Aufruhr vor den Toren der amerikanischen Botschaft, die von verzweifelt auf Rettung hoffenden Zivilisten belagert wird, wurde von Aaron Norris spannungsreich und authentisch eingefangen. Die ganze Sequenz darf als eine der überzeugendsten des gesamten Cannon-Katalogs gelten und hätte definitiv einen besseren Film verdient gehabt als diese unverbesserliche Schote. So ist sie der funkelnde Edelstein in der Jauchgrube.

Auf Hard Sensations kann man ab sofort den zweiten Teil meines kleinen Aufsatzes über Actionfilme mit Südamerikabezug lesen.  Gegenstand der Betrachtung sind der schöne Robert-Ginty-Film THE MISSION … KILL, Aaron Norris‘ DELTA FORCE 2: THE COLOMBIAN CONNECTION, James Glickenhaus‘ MC BAIN und zu guter Letzt J. Lee Thompsons ultrabrutaler Bronson-Knaller THE EVIL THAT MEN DO. Viel Vergnügen!

the hitman (aaron norris, usa 1991)

Veröffentlicht: August 5, 2009 in Film
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Garret (Chuck Norris), ein tougher Cop, wird bei einer Razzia von seinem verräterischen Partner Delaney (Michael Parks) erschossen. Wie durch ein Wunder überlebt der Polizist und wird einige Jahre später mit neuer Identität ausgestattet in die Organisation des Mafiabosses Luganni (Al Waxman) eingeschleust, wo er unter dem Namen Grogan nicht nur dessen Vertrauen, sondern bald auch eine entsprechend verantwortungsvolle Position einnimmt. Als ein Krieg zwischen den italienischen, französischen und iranischen Organisationen entbrennt, ist Grogan mittendrin und trifft bald schon auf seinen einstigen Partner, der es ebenfalls weit gebracht hat …

501811[1]Der Actionheld schwankt stets zwischen zwei Polen: der inneren Lähmung, die die ständige Konfrontation mit Grausamkeiten, Tod und Verbrechen und die Resignation gegenüber der Unveränderbarkeit der Welt nach sich ziehen, und dem stetigen Lauerzustand, der der körperlichen Explosion vorausgeht, ihn die Fesseln der Lähmung reflexartig und impulsiv abwerfen lässt. Chuck Norris kann das eine perfekt verkörpern, das andere überhaupt nicht: Selbst im größten Schlachtgetümmel, auf dem Sattel eines mit Raketenwerfern ausgestatteten Motorrads, Auge in Auge mit dem verhassten Schurken und im Hand-to-Hand-Combat strahlt er nüchtern-sachliches, fast protestantisches Pflichtbewusstsein aus, anstatt in ekstatische Rauschzustände zu geraten. Sein Kampfstil ist Ausdruck einer roboterhaften Ökonomie, der jeder Anflug von ornamentaler Individualität zuwider ist. Chuck Norris würde nie einen Spagat machen, wie sein Kollege Van Damme, er würde nie weinen wie Stallone oder selbstsicher prahlen wie Seagal: Er ist ein Arbeiter, ein Handwerker, befähigt und „auserwählt“ nicht durch ein übermenschliches Talent, eine göttliche Gabe, Vision und Inspiration, sondern durch Disziplin und Selbstbeschränkung. Deshalb ist er auch der perfekte Mann für Figuren wie Garret/Grogan, für jeder Emotion beraubter Zombies, für Männer, die über die ewige Routine zu Stein geworden sind, seelenlose Hüllen, die sich damit begnügen, die ihnen zugedachte Rolle einzunehmen. Gleich zu Beginn pustet Grogan einen von Lugannis Männern einfach so, ohne Vorwarnung, ohne jede Emphase weg, weil dieser ihn beschimpft hatte, und versetzt mit dieser Art des bedingungslosen commitments sogar seinen Boss in Erstaunen. „Du brauchst noch nicht mal einen Grund! Er war doch nur ein Arschloch!“, sagt er, nicht wissend, ob er sich wirklich darüber freuen soll, diesen Grogan zu kennen. THE HITMAN, wahrscheinlich Aaron Norris‘ bester Film, schlägt volles Kapital aus den Limitierungen seines Hauptdarstellers, lässt ihn in den minimalistischen Actionsequenzen mit der Unaufhaltsamkeit des Sensenmanns (der großzügige Einsatz von Trockeneisnebel akzentuiert noch das Unterweltliche der Figur) durch die Feindeslinien schreiten, Leichen links und rechts zu seinen Füßen sinken. Diese Analogie rückt THE HITMAN natürlich in die Nähe solch metaphysisch angehauchter Western wie etwa Corbuccis DJANGO oder Eastwoods HIGH PLAINS DRIFTER, in denen jeweils offen bleibt, ob die rechtsprechende Urgewalt in Menschengestalt ein Besucher aus dem Jenseits ist. Grogan, meist in einen langen schwarzen Mantel gekleidet, mit Vollbart und langen Haaren sowie einer altertümlichen Waffe ausgestattet und auf dem Soundtrack gern mit dem Einsatz von Bläsern akzentuiert, die sowohl ans Westerngenre als auch an Trauermärsche denken lassen, ist in jeder Hinsicht ein Wiedergänger, ein Zombie: weil er bereits klinisch tot war, weil er Relikt einer vergangenen Zeit ist und weil er nichts mehr zu verlieren hat. In der Spätphase von Norris‘ Filmkarriere setzte er sich mit THE HITMAN und der Darstellung des Grogan selbst ein Denkmal, bevor er dann seine gescheiterten Crossover-Versuche in Richtung Familienunterhaltung unternahm. Dieser Schritt deutet sich aber – der Fleck auf der ansonsten reinen Weste dieses Films – hier schon an in dem Subplot um Grogans braven Nachbarsjungen Tim, dem er hilft, sich gegen den Bully von gegenüber durchzusetzen. Wäre dieser Strang nicht, der sich in diesen Film einfach nicht einfügen will, mit seinem gutmenschlich-naiven Humanismus wie eine lieblich-melodisches Säuseln in einer ansonsten brachialen Kakophonie der Gewalt und des Todes wirkt und damit vollkommen deplatziert ist, ich würde von einem Meisterwerk sprechen. So ist THE HITMAN einfach nur ein filmgewordenes Kantholz, perfekt dazu geeignet, einem Ahnungslosen ins ungeschützte Kreuz geworfen zu werden.