Mit ‘Achtzigerjahre’ getaggte Beiträge

Oh Mann, habe ich doch glatt NACH DER WÖLFE vergessen, den ich letzte Woche im Rahmen des Mondo Bizarr Double Features im Kino bewundern durfte. Aber besser spät als nie, gell? Der Film von Rüdiger Nüchtern, Mitbegründer des Filmverlags der Autoren, ist nämlich durchaus bemerkenswert – und leider zu Unrecht vergessen. Nicht nur ist er ein herrliches Zeitdokument, das den Blick in eine Zeit ermöglicht, in der Jugendliche noch „dufte“ sagten, Musikkassetten im Elektroladen erstanden oder sich in der örtlichen Eisdiele trafen, er behandelt sein Thema auch ganz ohne anstrengenden Sensationalismus.

In der Pariser Straße in München regieren die „Revengers“, eine sogenannte „Rockerbande“ oder auch einfach nur eine Gruppe von gelangweilten, zur Kleinkriminalität neigenden Jugendlichen, die an den Jacken oder Westen mit dem auffälligen Rückenaufnäher zu erkennen sind. Als eine türkische Gastarbeiterfamilie in der Pariser Straße einzieht und dort einen Lebensmittelladen eröffnet, erregt das sofort die Aufmerksamkeit der Halbstarken, die noch gesteigert wird, als sich die Türken ebenfalls in einer Bande, den „Blutadlern“, organisieren. Zunehmend angepisst von dem sinnlosen Hass sind Daniela (Daniela Obermeir), die mit dem gewalttätigen Duke (Karl-Heinz von Liebezeit) liiert ist, und der junge Türke Dogan (Ali Arkadas), der als erster die Fäuste der Revengers zu spüren bekommt. Die beiden nähern sich an.

Dass es zur großen grenzüberschreitenden Liebesgeschichte nie kommt, beschreibt Nüchterns Film schon recht gut. Große dramaturgische Bögen vermeidet er, konzentriert sich eher auf die unverstellte, authentische Beobachtung des relativ drögen Alltags, in dem es wenig Platz für echte Verpflichtungen wie Schule, Arbeit oder Familie gibt, aber dafür viel Zeit für Langeweile und schwachsinnige Ideen. Schon dieses Festhalten an der eigenen Straße, auf der kein anderer eine „Jacke“ tragen darf, ist reichlich absurd, aber es ist genau jenes Revierdenken, das die Grundlage für einen Bandenkrieg stiftet. Das Konzept ist Popkultur-Interessierten vor allem aus dem Hip-Hop geläufig, aber hier wirkt das alles noch so rührend naiv und infantil – auch wenn es am Ende in eine Tragödie führt. Eine der Ursachen dafür, dass es diesen Eindruck macht, ist zum einen die wie aus der Zeit gefallen erscheinende Jugendsprache, zum anderen die Tatsache, dass die Welt 1982 noch nicht in tausend Subkulturen aufgesplittert war. Die Halbstarken hören hier denselben Altherrenrock wie ihre Väter in den Seventies, auf dem Plattenteller drehen sich erst die deutschen Judas-Priest-Epigonen von Accept und anschließend The Police, ohne dass das einen großen Stilbruch darstellt. Getrunken wird Dosenbier, härterer Stoff ist auffallend abwesend. In der schönsten Szene des Films rempeln sich die beiden Revengers Duke und Mex (Fritz Gattungen) in der Eisdiele zu Rockmucke aus der Musikbox an, minutenlang, in einer abgemilderten, unentschlossenen, spielerischen Variante des Pogo. Irgendwann tritt die süße Anschi (Sabine Gundlach) hinzu, um mitzumachen. Aber sie stört den Kreis: Duke und Mex verharren, schauen verlegen auf Anschi, die ebenso verlegen zurückschaut. Dann ist das Lied zu Ende und die ganze Situation löst sich in Schweigen auf. Der Kinosaal lachte laut, aber es war nicht dieses ätzende SchleFaZ-Lachen, sondern ein Lachen der Vertrautheit: Nüchtern fängt die Banalität des Lebens so wunderschön ein, das kann man eigentlich gar nicht stellen. Dass die Darsteller allesamt unverbrauchte junge Gesichter sind, die auch später nur noch selten in Erscheinung tragen, trägt viel zum Charme des Filmes bei. Es wird viel rumgehangen, werden große Reden geschwungen, alle machen sich in der ein oder anderen Form zum Affen, aber alle nehmen sich dabei selbst unheimlich wichtig, wirken dabei aber stets glaubwürdig. Daniela hat diesen leicht verschlafenen, dabei aufmüpfigen Nena-Blick, mit dem sie unter ihrem hinreißenden Pony hervorschaut, ein prototypisches Achtzigermädel: Sie ist genervt von allem um sie herum, vor allem vom affigen Gehabe der Typen, kennt aber noch keine Alternative. Aber eigentlich spielen sie alle Rollen von gestern, eifern überkommenen Vorbildern nach und steuern geradewegs auf das Nichts zu. Die Männer sind in der besseren Situation, weil für sie die Position der Macher vorgesehen ist, aber das hindert sie eben auch daran, etwas zu ändern. Sie steuern sehenden Blickes in die Katastrophe, mit der der Film endet, unfähig, den Rückwärtsgang einzulegen oder auch nur das Steuer herumzureißen.

Rüdiger Nüchtern drehte noch einen anderen Jugendfilm, den in Bayern wohl relativ gut beleumundeten SCHLUCHTENFLITZER, dessen Trailer wir im Vorprogramm von NACHT DER WÖLFE bewundern durften. Auch der sah sehr interessant aus. Um nicht zu sagen: „dufte“.

 

Dieses ziemlich seltsame Burt-Reynolds-Vehikel heißt auf Deutsch HEAT – NICK, DER KILLER, ein Titel, den ich bei seiner Ankündigung in einer TV-Zeitschrift als HEAT-NICK, DER KILLER misslas. Ich finde es ja fast ein bisschen schade, dass die deutsche Titelschmiede die Chance fahren ließ, Burt Reynolds‘ Charakter den Spitznamen „Heat-Nick“ zu verpassen, es hätte zum Film auf jeden Fall gepasst.

HEAT basiert auf einem Roman des renommierten Autoren William Goldman, das er dann selbst für die Verfilmung adaptierte. Zu den Credits des Mannes zählen unter anderem solche illustren Titel wie BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID, PAPILLON, ALL THE PRESIDENT’S MEN, THE MARATHON-MAN, THE PRINCESS BRIDE oder MISERY, um nur einige zu nennen, was vielleicht erklärt, warum ursprünglich Robert Altman als Regisseur vorgesehen war. Der Altmeister absolvierte aber nur einen einzigen Drehtag, weil sein Stammkameramann Pierre Mignot kein Visum erhielt. Es war der Anfang einer ganzen Reihe von Komplikationen, die wohl dazu führten, dass HEAT so einen unfassbar holprigen Gesamteindruck macht. Insgesamt waren angeblich nicht weniger als sechs Regisseure an dem Film beteiligt. Für Dick Richards, der irgendwann übernahm und sich mit seinem Star so heftig in die Wolle bekam, dass dieser ihm den Kiefer brach, bedeutete das Engagement sogar das Karriereende. Für ihn sprang dann schließlich Jerry Jameson ein, der fast ausschließlich für das Fernsehen gearbeitet hatte, unter anderem für Serien wie CANNON, THE SIX MILLION DOLLAR MAN oder IRONSIDE, aber auch den stulligen AIRPORT ’77 zu verantworten hatte. Burt Reynolds nahm das Fiasko gelassen, gab irgendwann mal zu Protokoll, dass Filme wie MALONE oder eben HEAT wahrscheinlich nicht der heißeste Scheiß seien, ihm aber auch keinen wesentlichen Schaden zufügen würden. Wenn man ehrlich ist, befand er sich ja bereits seit den frühen Achtzigerjahren wenn schon nicht im freien Fall, so doch auf jeden Fall auf dem absteigenden Ast. Was HEAT hätte sein können, wenn ihm eine halbwegs normale Produktionsgeschichte zuteil geworden wäre, lässt sich aus dem orientierungslosen Tohuwabohu des fertigen Films kaum rekonstruieren. Irgendetwas müssen die Produzenten in dem Drehbuch Goldmans ja gesehen haben, nur was, das steht in den Sternen. Rund 30 Jahre später wurde der Roman unter dem Titel WILD CARD noch einmal verfilmt, diesmal mit Jason Statham in der Hauptrolle. Ich werde mir den bei Gelegenheit mal zu Gemüte führen, vielleicht verstehe ich HEAT dann ja retroaktiv besser.

Wie dem auch sei: Reynolds ist Nick Escalante, angeblich ein ehemaliger Söldner, zumindest behauptet das Wikipedia, der sich nun in Las Vegas als Privatdetektiv und Bodyguard verdingt und Kontakte zum organisierten Verbrechen hat. Sin City löst bei ihm Kopfschmerzen aus, weshalb er sich nach Venedig absetzen will, doch dafür benötigt er 100.000 Dollar. Hier könnte sich nun eine zielstrebig erzählte Geschichte über einen Auftrag für Nick anschließen, mit dem er das benötigt Geld verdienen will, stattdessen setzt es eine lose verbundene Abfolge von Episoden, die angerissen und fallen gelassen werden, am Ende aber doch zum Happy End in der Lagunenstadt führen. Der Ton changiert wüst von reißerisch über komisch bis hin zu depressiv-dramatisch, ohne dass es jemals Sinn ergeben würde. HEAT beginnt leichtfüßig mit einer Szene, in der Nick eine Frau in einer Kneipe auf schmierigste Art und Weise anbaggert und dann von deren schmächtigem Freund in die Schranken verwiesen wird. Das Ganze entpuppt sich in der nächsten Szene als abgekartetes Spiel: Der Freund hatte Nick engagiert, um seiner Freundin etwas vorzugaukeln und sie so an sich zu binden. Als nächstes beauftragt Nick der Milchbubi Cyrus Kinnick (Peter MacNicol), ihn beim Glücksspiel zu beschützen, was angesichts der lächerlichen Beträge, die er setzt, vollkommen sinnlos erscheint. Das bemerkt dann immerhin auch Nick. Wieder zu Hause wird er von seiner Freundin Holly (Karen Young) aufgesucht, einem Callgirl, das von seinem Freier, dem Gangster Danny DeMarco (Neill Barry), vergewaltigt und dann von dessen Leibwächtern übel verdroschen wurde. Nick gewandet sich in ein bizarres Pimpkostüm, schickt sich selbst als Strafzettel und nimmt dem Schmierlappen 20.000 Dollar ab, die Holly ihrem Beschützer überlässt. Das Geld setzt Nick im Casino ein und erhöht sein Vermögen schnell auf die 100.000, die er eigentlich braucht. Ende gut, alles gut? Nein, denn aus 100.000 könnte er ja auch 250.000 machen. Nick verliert alles und wird als nächstes wieder mit DeMarco konfrontiert. Es kommt zum Kampf, bei dem ihm Cyrus das Leben rettet und schwer verwundet wird. Am Ende reisen beide zusammen nach Venedig, denn das sich als ausgesprochen wohlhabend entpuppende Weichei hat einen Narren an Nick gefressen und überlässt ihm gern einen Teil seines Vermögens.

Ich versuche ja eigentlich, hier von ausufernden Inhaltsangaben und Zusammenfassungen abzusehen, weil das für mich genauso öde ist wie für meine Leser, aber im Falle von HEAT erscheint es mir durchaus als sinnvoll, mal eine Ausnahme zu machen. Der Film ist all over the place, mal Komödie, dann wieder Crimefilm und Zockerdrama, ein bisschen Neo-Noir über den ausgebrannten, desillusionierten Profi und am Schluss harter Actionreißer. Vor allem von letzterem serviert Richards aber leider viel zu wenig: Wenn Nick endlich zu Heat-Nick, dem Killer, wird, Bösewichte mit gezieltem Stahlstangenwurf an einem Stromkasten aufspießt, Leute anzündet, indem er sie mit Benzin übergießt und dann die Hängelampe über ihnen mit einem Sprungkick zertritt, sodass Funken hinabregnen, oder auch Kreditkarten als Schlitzinstrumente zweckentfremdet, kommt erhebliche Freude auf (die auch der fragwürdige Schnitt nicht ruinieren kann). Diese Freude ist aber nie von Dauer, weil als nächstes ein kompletter Genre- und Stimmungswechsel ansteht. Immer, wenn man denkt, dass es jetzt interessant werden könnte, gibt es einen harten Bruch und eine schlechte Idee. Dass Reynolds‘ angeborene Souveränität hier die Grenze zur Indifferenz deutlich überschreitet, trägt auch nicht gerade dazu bei, dass man dem Geschehen mit schlotternde Knien beiwohnt. Am Ende ist HEAT vor allem eine Kuriosität, wie sie sich Hollywood heute komplett abgewöhnt hat. Reynolds kam mit dem deutlich besseren MALONE zurück, danach ist sein Output eher zum Weglaufen, wobei ich RENT-A-COP auch immer mal sehen wollte. Der hat bestimmt auch so einen geilen Saxophon-Score wie HEAT.

 

Ein wiederkehrendes Thema meiner Texte in diesem Blog ist das unabsichtliche Einschlafen während meiner Filmsichtungen. Das passiert in den letzten Jahren immer häufiger, wobei ich differenzieren muss zwischen Filmen, die ich gern sehen würde, aber bei denen mich die Müdigkeit übermannt, und solchen, die ich mehr oder weniger in dem Wissen einwerfe, dass ich sie eh nicht durchhalten werde und zum Einschlafen einlege. ROADIE, der schon seit Jahren ungesehen bei mir im Schrank rumsteht, gehört eher zur letzteren Kategorie und hält wahrscheinlich den Rekord für die meisten schlafbedingten Abbrüche und Neuanfänge. Ich habe nicht mitgezählt, aber ich versuche seit einem guten Monat, diesen Film zu schauen, wieder und wieder. Ich habe den Film bestimmt fünfmal an ein und derselben Stelle wieder aufgenommen, weil ich bereits zehn Minuten später bereits eingepennt war. Zum Zeitpunkt, zu dem diese ersten Zeilen geschrieben wurden, hatte ich es immerhin bis ungefähr zur Mitte und zum Auftritt von Debbie Harry geschafft. Erstaunlich daran ist, dass mir das den Film nicht komplett verleidet hat. Heute morgen habe ich das Langzeitprojekt dann endlich erfolgreich beenden können.

Ich bin nicht gerade ein intimer Kenner von Rudolphs Werk, habe vor bestimmt 20 Jahren mal seinen Aliens-infizieren-Kühe-Wissenschaftsschocker ENDANGERED SPECIES gesehen und kann sonst nicht viel zu ihm sagen, aber beim Blick auf seine Filmografie scheint ROADIE schon ein Außenseiter zu sein: Es handelt sich um eine schrille, überdrehte, comicartige, bisweilen satirische im Musikbusiness angesiedelte Komödie mit vielen Gastauftritten, die man zur leichteren Orientierung durchaus mit John Landis‘ BLUES BROTHERS bezeichnen könnte (die Blues Brothers haben auch einen kleinen Cameo-Auftritt, der aber nicht von John Belushi und Dan Aykroyd, sondern von zwei Lookalikes absolviert wird). Der Titelcharakter ist Meat Loafs liebenswert-einfacher Redneck und Lkw-Fahrer Travis Redfish, der durch Zufall zum Roadie wird und sich in das minderjährige Groupie Lola Bouillabaisse (Kaki PORKY’S Hunter) verliebt, die es sich wiederum in den Kopf gesetzt hat, von Alice Cooper entjungfert zu werden und den dicken Träumer damit fürchterlich verprellt. Am Ende kriegen sich die beiden dann aber doch, denn wie Cheap Trick im Quasi-Titelsong singen „Everything will work out if you let it“, aber dann kommt ihnen ein UFO in die Quere, das die Hilfe des Roadies braucht, um weiterfliege zu können.

ROADIE springt von der einfach strukturierten, aber ziemlich seltsamen Hillbilly-Welt Travis‘ geradewegs in den Wirbel des L.A.-Showbiz mit seinen Cokeheads, größenwahnsinnigen Promotern, verpeilten Hängern, sensiblen Stars und coolen Profis und macht seinen unwahrscheinlichen Protagonisten, ein Kleinkind im Körper eines Bären, zu einer Art unterbelichtetem, aber überirdisch begabtem Messias der Bühnentechnik. Der Film beginnt im texanischen Hinterland, wo Travis mit seinem Schrotthändler-Papa Corpus Redfish (Art Carney) und seiner an Popeyes Olive Oil erinnernden Schwester Alice Poo (Rhonda Bates) das mit unzähligen Röhrenfernsehern und anderem Elektroschrott vollgestellte Haus der Familie Sawyer aus Tobe Hopes THE TEXAS CHAINSAW MASSCARE bewohnt (noch eine Parallele zum Klassiker: Gürteltiere). Travis ist ein gutmütiger Simpleton, der einen Cowboyhut trägt, zu Countrymusic das Bein schwingt, mit Kumpel B. B. Muldoon (Gailard Sartain) im Biertruck herumfährt und von der Welt da draußen noch nicht viel mitbekommen hat. Das ändert sich, als er Lola und sie ihn wie ein Blitzschlag trifft. Sein technisches Genie kommt dem Konzertpromoter Mohammed Johnson (Don Cornelius) gerade recht und so rettet Travis zum Beispiel mit Kuhdung den Tag, als Konservative einem Festival den Strom abdrehen. ROADIE strickt an dem beliebten Mythos, dass es die Leute im Hintergrund sind, die den Rockzirkus eigentlich am Laufen halten, Groupies wie Lola, die sich als „spark plug“ bezeichnet, die mit dem Rock’n’Roll die „greatest energy in the world“ entfesseln, oder eben Roadies wie Travis, die die technischen Mittel bereitstellen und letzten Endes die Grundlage für die Rock-Poeten schaffen, denen die Herzen so oder so zufliegen.

ROADIE ist all over the place, aber er wird eben auch von dieser Energie, die er besingt, zusammengehalten. Auf dem Soundtrack geht alles drunter und drüber, stehen New-Wave-Acts wie Blondie (die dann aber „RIng of Fire“ intoniert) oder Pat Benatar neben mal mehr, mal weniger schnarchigen Country-Acts wie Hank Williams jr., Asleep at the Wheel oder Eddie Rabbit, dem Quasi-Punk Alice Cooper – der den Karriereknick schon hinter sich hatte, aber noch kurz vor dem Totalabsturz stand -, den Classic-Rockern von Cheap Trick und einer Legende wie Roy Orbison, der auch einen kleinen Gastauftritt absolviert. Zu dem Tohuwabohu aus Verfolgungsjagden, Musiknummern, hirnrissigen Dialogen, einer Szene, in der Waschmittel mit Kokain mit den erwartbaren Folgen verwechselt wird, und anderem Quatsch passt auch das Finale mit dem UFO, das man nicht zu Gesicht bekommt, weil es zuvor bei einer Panne zerstört wurde. Die größte Entdeckung ist die Soul Train-Ikone Don Cornelius, die großes Vergnügen mit seinem an Don King angelehnten Zampano hat: „I’m gonna rape you career!“ Auch Alice Cooper, der so gar nicht dem Bild des unchristlichen, unmoralischen Punks entspricht, das Lola sich von ihm gemacht hat, nutzt seine paar Minuten Screentime für eine Darbietung, die deshalb denkwürdig ist, weil sie kaum richtig auffällt. Das passt: ROADIE nicht wirklich gut, aber er ist auf durchaus interessante und nicht unsympathische Art und Weise anders. Er lebt in seiner eigenen Welt, wie Lola und Travis.

Als Lucio Fulcio mit ZOMBI 2 dem von Romeros DAWN OF THE DEAD ausgelösten Zombie-Boom auch in Europa eine Heimat gab, konnte Umberto Lenzi nicht nein sagen und legte zwischen MANGIATI VIVI und CANNIBAL FEROX eine kleine Kannibalenpause für den wunderbar betitelten GROSSANGRIFF DER ZOMBIES ein. Dass er es nicht so mit Horror hatte und eher ein Mann für zupackende Action war, merkt man seinem Film aber in jeder Sekunde an: Er interessiert sich vor allem für die gesellschafts- und wissenschaftskritische Komponente von Romeros Zombiemythos oder auch seinem Seuchenfilm THE CRAZIES und kredenzte uns so zum ersten Mal Zombies, die nicht wie in Trance umherschlurften und motorisch stark eingeschränkt waren, sondern ihr Ziel mit äußerster Entschlossenheit und Geschwindigkeit attackierten und ihm auch mit Maschinengewehren oder Messern zu Leibe rückten. Danny Boyle, der in 28 DAYS LATER rennende Virenschleudern auf die Leinwand brachte und einen neuen, bis heute anhaltenden Trend lostrat, wusste vielleicht nicht, wer ihm vorausgegangen war, aber Lenzis GROSSANGRIFF ist der Film, mit dem das begann.

Weniger einflussreich war allerdings die Idee, das übliche Verwesungs-Make-up durch kotbeschmierte Ganzkopf-Badekappen zu ersetzen: Den detailverliebten Effekten, die Gianetto de Rossi zeitgleich für Fulci kreierte, kann Lenzi nicht das Wasser reichen, Zwar sehen nicht alle seiner Zombies so erbarmunsgwürdig aus, aber dieses Manko bremst den Film dennoch mehr als einmal aus. GROSSANGRIFF drückt nämlich – angetrieben von Stelvio Ciprianis ohrwurmträchtigem Score – ziemlich auf die Tube. Das geht gleich nach kurzer Exposition los mit einem amtlichen Massaker auf dem Landefeld des Flughafens, dem dann der totale Zusammenbruch der Ordnung folgt, den Lenzi als rasante Abfolge von aussichtslosen Scharmützeln inszeniert. Hauptakteure ist der pausbäckige Mexikaner Hugo Stiglitz als aufrechter Fernsehjournalist Miller, der vor Ort ist, als die Katastrophe ausbricht und dann versucht, seine im Krankenhaus arbeitende Gattin Anna (Laura Trotter) aus der Stadt zu holen. Ihm gegenüber stehen Francisco Rabal als Major Warren Holmes, der auf Anweisung von General Murchison – Mel Ferrer war offensichtlich nur wenige Tage am Set, denn alle seine Szenen spielen in ein und derselben Kommandozentrale -, diverse erfolglose Einsätze leitet und nebenbei eine Künstler-Freundin hat, die die wohl scheußlichsten Skulpturen aller Zeiten kreiert.

Das apokalyptische Feeling, das Lenzi anpeilt, will sich zwar nicht so recht einstellen – zum einen gelingt es ihm einfach nicht, den dafür nötigen Eindruck von Weite zu erzeugen, alles bleibt sehr intim und vergleichsweise klein, zum anderen wirken die „Zombies“ zu zielstrebig und strategisch, eher wie ferngesteuerte Terroristen als wie entmenschlichte Amokläufer -, aber unterhaltsam ist der Film dennoch. Er weist exakt die richtige Mischung aus handwerklichem Können und inhaltlich hanebüchenem Quatsch auf, der mich für den Eurohorror jener Tage so einnimmt. Da verlieren immer wieder einige attraktive Opferdamen im Kampf gegen die Zombies ihr Oberteil, unter dem sie selbstredend nackt sind, verhalten sich die Figuren schlicht bescheuert, werden Szenen sehr eigenwillig aufgebaut oder tragen die Figuren schlecht sitzende Klamotten vom Flohmarkt. Die gesamte „Gesellschaftskritik“ des Films wird dazu in sehr klobigen Monologbrocken von Millers unangenehm klugscheißerisch und sauertöpfisch wirkenden Frau absolviert, die als Ärztin ruhig auch mal die Vorzüge des Fortschritts erwähnen dürfte. Ein richtiger Schenkelklopfer ist das Traum-Ende, dass in Italien offensichtlich so gut ankam, dass es später auch noch in Lenzis LE PORTE DELL’INFERNO und in Matteis LE NOTTI DEL TERRORE Verwendung fand. GROSSANGRIFF ist kein richtiges Highlight, aber er hat sich seinen Platz im Italo-Zombie-Pantheo verdient, weil er einfach etwas anders ist als die anderen.

Man muss sich ja schon ein bisschen wundern, welche Filme heute das Arrow-Treatment erfahren. Dieser lokal in Wisconsin produzierte Film aus dem Jahr 1989 wurde nach Fertigstellung erst einmal im Giftschrank abgelegt und erst vier Jahre später unters nicht gerade ungeduldig wartende Volk gebracht, vermutlich weil die Produktionsfirma Windsor Lake in diesem Zeitraum einigen Wind mit ihren unter dem Siegel „Fangoria Films“ produzierten Splatterfilmchen machte. Die Bluray von Arrow wartet mit Extras wie einem Audiokommentar des Regisseurs, des Effektmannes und des Drehbuchautoren sowie einem Making-of auf und so begrüßenswert ich es grundsätzlich finde, dass dieser Aufwand nicht nur für anerkannte Klassiker, sondern auch für vollkommen unbedeutende Käsefilmchen betrieben wird, so frage ich mich doch: Wer braucht das?

TRAPPED ALIVE ist ein typischer DTV-Schlocker der späten Achtziger: Nichts hier ist irgendwie bemerkenswert. Das Script wurde wahrscheinlich innerhalb weniger Stunden runtergerockt, alle Settings schön plastikmäßig und vor allem hell ausgeleuchtet, zwei attraktive, aber mäßig talentierte Häschen als Hauptdarstellerinnen gecastet und zwei andere, leicht bekleidete aufs Cover gepackt und zu guter Letzt ein doofes Monster zusammengeschustert, das man im fertigen Film für etwa 28 Sekunden zu Gesicht bekommt. Als großen Coup konnte man noch Cameron Mitchell für den schauspielerischen Glanz verpflichten und dazu bringen, in dreieinhalb Szenen, die für das eigentliche Geschehen keinerlei Bewandtnis haben, zu monologisieren und betrübt dreinzuschauen. Es gibt ein klitzeklitzekleines Bisschen Gore und ein klitzeklitzekleines Bisschen nackte Haut und dann ist der Spuk nach knapp 90 Minuten zu Ende, ohne irgendwelche echten Emotionen ausgelöst zu haben. Es geht sehr viel schlechter, aber auch deutlich besser: TRAPPED ALIVE ist Mittelmaß, und überrascht allerhöchstens deshalb positiv, weil man eigentlich davon überzeugt war, dass er totale Kacke ist.

Die Geschichte um zwei Mäuschen, die an Weihnachten von drei Ausbrechern überfallen und gekidnappt werden und dann schließlich im Schacht einer verlassenen Mine landen, in der ein kannibalistischer Rauschebart umgeht (der ein bisschen aussieht wie ein ungewaschener Weihnachtsmann in zivil), erinnert ein bisschen an Gary Shermans ungleich besseren RAW MEAT und wird ohne echte Einfälle abgespult. Ein Nebenstrang der Handlung dreht sich um eine einsam in einer nahegelegenen Hütte wohnende Femme fatale, die sogleich beginnt, den nach den Ausbrechern fahndenden Polizisten zu becircen. Der scheint zunächst die heldenhafte Identifikationsfigur zu sein, macht aber eine plötzliche Metamorphose zum Arschloch durch, als er den Schurken in der Mine begegnet. Für den großen Schlusskampf, der gar keiner ist, ebenso plötzlich und unspektakulär endet, wie er angefangen hatte, kriegt er sich aber wieder ein und erkennt an, dass der letzte Überlebende der Bösewichte eigentlich ganz nett ist (er hatte ihm zuvor den wahrscheinlich nutzlosesten Fußverband ever aus einem goldenen Kunstledergürtel geknotet). Die Heldin entkleidet sich bis auf ihre Dessous, um in ein Wasserloch zu springen, die Femme fatale taucht mit der sensationellen Schlussenthüllung auf, dann fliegt alles in die Luft. Und Cameron Mitchell, der in kurzen Intermezzi immer wieder sorgenvoll in sein Whiskeyglas stiert und sich fragt, wo die geliebte Tochter denn nur bleibt, wird am Ende noch nicht einmal darüber aufgeklärt, dass es ihr gut geht. Der arme Mann!

 

 

the prey (edwin brown, usa 1983)

Veröffentlicht: August 18, 2019 in Film
Schlagwörter:, , , ,

THE PREY ist prototypisches Slashermaterial: Sechs junge Leute, fein säuberlich aufgeteilt in drei Heteropaare, machen einen Hikingtrip in die Berge von Kalifornien, wo ihnen der grimme Schnitter in Gestalt einer wasserköpfigen Missgeburt auflauert. Für das Final Girl hält die noch eine ganz besondere Überraschung bereit.

THE PREY ist so schmucklos, dass es schon wieder schön ist. Sechs junge Leute im Wald, ein Killer mit Vollmeise, ein tapferer Park Ranger, ein Eimer mit Kunstblut: Das ist der Stoff, aus dem in den Achtzigerjahren der Videothekenklassiker gemacht wurde. Unter dem Titel … UND DER TOD WARTET SCHON erschien THE PREY auch bei uns und ward wahrscheinlich schnell wieder vergessen, denn seien wir ehrlich: Mitte der Achtziger gab es jede Menge Horrorfilme, die deutlich aufregender waren als dieser, aber so mit 35 Jahren Abstand nötigt mir die Wham-bang-thank-you-ma’am-Strategie, derer sich Edwin Brown bediente, doch einigen Respekt ab (es wundert mich nicht, dass er danach einen Film namens NAUGHTY GIRLS NEED LOVE TOO drehte). Es ist schon einigermaßen erstaunlich, dass ein Film, der so wenig zu erzählen hat, so kurzweilig daherkommt. Das imposante Bergsetting trägt zum Gefallen gewiss bei und wird entsprechend erschöpfend ins Bild gerückt: Die Aufnahmen von Tieren, vom Specht bis zum Tausendfüßler, sind kaum zu zählen. Das ist zum einen natürlich eine erprobte Methode, um einen Kurzfilm zum abendfüllenden Spektakel aufzublähen, aber ähnlich wie bei einem (natürlich viel besseren) Film wie Jeff Liebermans JUST BEFORE DAWN trägt die Errichtung dieser Bildwelt ja auch dazu bei, den Kampf um Leben und Tod, dem die Protagonisten ausgesetzt sind, in einen größeren Kontext zu stellen.

Lobenswert ist auch das gemeine Ende, das THE PREY noch einmal gehörig aufwertet, dabei aber wie der ganze Film angenehm zurückhaltend bleibt. Der Slasherfilm wird gewiss nicht als das subtilste aller Horrorfilm-Subgenres in die Geschichtsbücher eingehen, umso schöner, wenn ein Film wie dieser, seines Zeichens ein Epigone der bereits zweiten oder dritten Verwertungswelle und ganz am Ende der Nahrungskette stehend, sich seiner Wurzeln in der Campfire-Erzählung und der hinter den Mordgeschichten stehenden existenzialistischen Ängste erinnert. THE PREY ist klein, aber fein.

Filmforschung ist mitunter schmerzhaft, vor allem, wenn man es sich zum Ziel gesetzt hat, den Slasherfilm in seiner betäubenden Gänze zu erfassen – und die Perlen schon vor langer, langer Zeit geborgen hat. APPOINTMENT WITH FEAR, ohne Übertreibung einer der ödesten, tristesten Filme, derer ich je ansichtig wurde, stürzte mich gestern fast in eine Sinnkrise. Noch so viele Slasher und so wenig Hoffnung auf echte Ganzlichter. TRAMPA INFERNAL, der Genrebeitrag des mexikanischen Schmuddelexperten Pedro Galindo III, war genau der richtige Stoff, um dem gesunkenen Mut eine Adrenalininjektion zu verpassen – und zwar voll in den Arsch!

Wie es mexikanische Exploiter so an sich haben, schert sich auch TRAMPA INFERNAL nicht lang um eine fein- oder gar hintersinnige Story: Die beiden Superdudes Nacho (Pedro Fernández) und Mauricio (Toño Mauri) befinden sich in einem nicht enden wollenden Schwanzvergleich, bei dem sie von ihren Kumpel und Freundinnen unterstützt und bejubelt werden. Gerade erst hat Nacho, der einen Nackenspoiler mit sich herumträgt, der Michael Bolton vor Neid erblassen ließe, Mauricio in einer Partie Gotcha besiegt, da sinnt Mauricio auch schon auf Revanche. Er schlägt vor, dass die beiden raus in die Wälder fahren, wo ein Bär fünf Touristen massakriert haben soll: Wer den Bär zur Strecke bringt, ist der neue Obermacker, jedenfalls bis zur nächsten Mutprobe. Nacho lässt sich natürlich nicht lumpen und so geht es auf Bärenjagd. Doch die Toten gehen gar nicht auf das Konto von Meister Petz, vielmehr versteckt sich in den Wäldern ein durchgeknallter Vietnam-Veteran, der nicht gemerkt hat, dass der Krieg schon zu Ende ist (und außerdem gar nicht in Mexiko stattfand).

TRAMPA INFERNAL läuft genau so ab, wie man sich das nach dieser Beschreibung vorstellen darf: Die beiden „Helden“ stapfen mit ihrem jeweiligen Anhang durch den Wald und werden bald schon dezimiert, während die Freundinnen in Badeklamotten an einem See rumhängen und sich beim Beachtennis so dusselig anstellen, dass der Ball auch schon mal 30 Meter weit im Wasser landet. Der Vietnamveteran sieht aus wie Sammy Hagar mit einer Michael-Myers-Maske, trägt einen Freddy-Krueger-Gedächtnishandschuh und hat im Wald ein paar Booby Traps installiert (die leider nicht so häufig zum Einsatz kommen, wie ich mir das gewünscht hätte, aber gut). Am Waldrand wohnt ein anderer Veteran in einem Wohnmobil und stattet die Protagonisten mit guten Ratschlägen und Waffen aus. Pedro Galindo III inszeniert die Chose ohne große Prätentionen frisch von der Leber weg. Bahnbrechende Ideen muss man hier nicht erwarten, dafür wird man aber eben auch von fehlgeleiteten Ambitionen verschont. Nach knapp 80 Minuten macht es „Bumm“, der Killer ist platt und was von den Protagonisten noch übrig ist, geht nach Hause. TRAMPA INFERNAL ist ein reiner Gebrauchsfilm, der mit seiner Naivität einnimmt. Nur in einem mexikanischen Slasher wird einem ein Kern-Asi wie Nacho als Identifikationsfigur angeboten, das allein hat mir schon gereicht, um diesen Film zu mögen. Dieser Nackenspoiler ist aber auch einfach zu geil.