Mit ‘Achtzigerjahre’ getaggte Beiträge

Man muss sich ja schon ein bisschen wundern, welche Filme heute das Arrow-Treatment erfahren. Dieser lokal in Wisconsin produzierte Film aus dem Jahr 1989 wurde nach Fertigstellung erst einmal im Giftschrank abgelegt und erst vier Jahre später unters nicht gerade ungeduldig wartende Volk gebracht, vermutlich weil die Produktionsfirma Windsor Lake in diesem Zeitraum einigen Wind mit ihren unter dem Siegel „Fangoria Films“ produzierten Splatterfilmchen machte. Die Bluray von Arrow wartet mit Extras wie einem Audiokommentar des Regisseurs, des Effektmannes und des Drehbuchautoren sowie einem Making-of auf und so begrüßenswert ich es grundsätzlich finde, dass dieser Aufwand nicht nur für anerkannte Klassiker, sondern auch für vollkommen unbedeutende Käsefilmchen betrieben wird, so frage ich mich doch: Wer braucht das?

TRAPPED ALIVE ist ein typischer DTV-Schlocker der späten Achtziger: Nichts hier ist irgendwie bemerkenswert. Das Script wurde wahrscheinlich innerhalb weniger Stunden runtergerockt, alle Settings schön plastikmäßig und vor allem hell ausgeleuchtet, zwei attraktive, aber mäßig talentierte Häschen als Hauptdarstellerinnen gecastet und zwei andere, leicht bekleidete aufs Cover gepackt und zu guter Letzt ein doofes Monster zusammengeschustert, das man im fertigen Film für etwa 28 Sekunden zu Gesicht bekommt. Als großen Coup konnte man noch Cameron Mitchell für den schauspielerischen Glanz verpflichten und dazu bringen, in dreieinhalb Szenen, die für das eigentliche Geschehen keinerlei Bewandtnis haben, zu monologisieren und betrübt dreinzuschauen. Es gibt ein klitzeklitzekleines Bisschen Gore und ein klitzeklitzekleines Bisschen nackte Haut und dann ist der Spuk nach knapp 90 Minuten zu Ende, ohne irgendwelche echten Emotionen ausgelöst zu haben. Es geht sehr viel schlechter, aber auch deutlich besser: TRAPPED ALIVE ist Mittelmaß, und überrascht allerhöchstens deshalb positiv, weil man eigentlich davon überzeugt war, dass er totale Kacke ist.

Die Geschichte um zwei Mäuschen, die an Weihnachten von drei Ausbrechern überfallen und gekidnappt werden und dann schließlich im Schacht einer verlassenen Mine landen, in der ein kannibalistischer Rauschebart umgeht (der ein bisschen aussieht wie ein ungewaschener Weihnachtsmann in zivil), erinnert ein bisschen an Gary Shermans ungleich besseren RAW MEAT und wird ohne echte Einfälle abgespult. Ein Nebenstrang der Handlung dreht sich um eine einsam in einer nahegelegenen Hütte wohnende Femme fatale, die sogleich beginnt, den nach den Ausbrechern fahndenden Polizisten zu becircen. Der scheint zunächst die heldenhafte Identifikationsfigur zu sein, macht aber eine plötzliche Metamorphose zum Arschloch durch, als er den Schurken in der Mine begegnet. Für den großen Schlusskampf, der gar keiner ist, ebenso plötzlich und unspektakulär endet, wie er angefangen hatte, kriegt er sich aber wieder ein und erkennt an, dass der letzte Überlebende der Bösewichte eigentlich ganz nett ist (er hatte ihm zuvor den wahrscheinlich nutzlosesten Fußverband ever aus einem goldenen Kunstledergürtel geknotet). Die Heldin entkleidet sich bis auf ihre Dessous, um in ein Wasserloch zu springen, die Femme fatale taucht mit der sensationellen Schlussenthüllung auf, dann fliegt alles in die Luft. Und Cameron Mitchell, der in kurzen Intermezzi immer wieder sorgenvoll in sein Whiskeyglas stiert und sich fragt, wo die geliebte Tochter denn nur bleibt, wird am Ende noch nicht einmal darüber aufgeklärt, dass es ihr gut geht. Der arme Mann!

 

 

the prey (edwin brown, usa 1983)

Veröffentlicht: August 18, 2019 in Film
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THE PREY ist prototypisches Slashermaterial: Sechs junge Leute, fein säuberlich aufgeteilt in drei Heteropaare, machen einen Hikingtrip in die Berge von Kalifornien, wo ihnen der grimme Schnitter in Gestalt einer wasserköpfigen Missgeburt auflauert. Für das Final Girl hält die noch eine ganz besondere Überraschung bereit.

THE PREY ist so schmucklos, dass es schon wieder schön ist. Sechs junge Leute im Wald, ein Killer mit Vollmeise, ein tapferer Park Ranger, ein Eimer mit Kunstblut: Das ist der Stoff, aus dem in den Achtzigerjahren der Videothekenklassiker gemacht wurde. Unter dem Titel … UND DER TOD WARTET SCHON erschien THE PREY auch bei uns und ward wahrscheinlich schnell wieder vergessen, denn seien wir ehrlich: Mitte der Achtziger gab es jede Menge Horrorfilme, die deutlich aufregender waren als dieser, aber so mit 35 Jahren Abstand nötigt mir die Wham-bang-thank-you-ma’am-Strategie, derer sich Edwin Brown bediente, doch einigen Respekt ab (es wundert mich nicht, dass er danach einen Film namens NAUGHTY GIRLS NEED LOVE TOO drehte). Es ist schon einigermaßen erstaunlich, dass ein Film, der so wenig zu erzählen hat, so kurzweilig daherkommt. Das imposante Bergsetting trägt zum Gefallen gewiss bei und wird entsprechend erschöpfend ins Bild gerückt: Die Aufnahmen von Tieren, vom Specht bis zum Tausendfüßler, sind kaum zu zählen. Das ist zum einen natürlich eine erprobte Methode, um einen Kurzfilm zum abendfüllenden Spektakel aufzublähen, aber ähnlich wie bei einem (natürlich viel besseren) Film wie Jeff Liebermans JUST BEFORE DAWN trägt die Errichtung dieser Bildwelt ja auch dazu bei, den Kampf um Leben und Tod, dem die Protagonisten ausgesetzt sind, in einen größeren Kontext zu stellen.

Lobenswert ist auch das gemeine Ende, das THE PREY noch einmal gehörig aufwertet, dabei aber wie der ganze Film angenehm zurückhaltend bleibt. Der Slasherfilm wird gewiss nicht als das subtilste aller Horrorfilm-Subgenres in die Geschichtsbücher eingehen, umso schöner, wenn ein Film wie dieser, seines Zeichens ein Epigone der bereits zweiten oder dritten Verwertungswelle und ganz am Ende der Nahrungskette stehend, sich seiner Wurzeln in der Campfire-Erzählung und der hinter den Mordgeschichten stehenden existenzialistischen Ängste erinnert. THE PREY ist klein, aber fein.

Filmforschung ist mitunter schmerzhaft, vor allem, wenn man es sich zum Ziel gesetzt hat, den Slasherfilm in seiner betäubenden Gänze zu erfassen – und die Perlen schon vor langer, langer Zeit geborgen hat. APPOINTMENT WITH FEAR, ohne Übertreibung einer der ödesten, tristesten Filme, derer ich je ansichtig wurde, stürzte mich gestern fast in eine Sinnkrise. Noch so viele Slasher und so wenig Hoffnung auf echte Ganzlichter. TRAMPA INFERNAL, der Genrebeitrag des mexikanischen Schmuddelexperten Pedro Galindo III, war genau der richtige Stoff, um dem gesunkenen Mut eine Adrenalininjektion zu verpassen – und zwar voll in den Arsch!

Wie es mexikanische Exploiter so an sich haben, schert sich auch TRAMPA INFERNAL nicht lang um eine fein- oder gar hintersinnige Story: Die beiden Superdudes Nacho (Pedro Fernández) und Mauricio (Toño Mauri) befinden sich in einem nicht enden wollenden Schwanzvergleich, bei dem sie von ihren Kumpel und Freundinnen unterstützt und bejubelt werden. Gerade erst hat Nacho, der einen Nackenspoiler mit sich herumträgt, der Michael Bolton vor Neid erblassen ließe, Mauricio in einer Partie Gotcha besiegt, da sinnt Mauricio auch schon auf Revanche. Er schlägt vor, dass die beiden raus in die Wälder fahren, wo ein Bär fünf Touristen massakriert haben soll: Wer den Bär zur Strecke bringt, ist der neue Obermacker, jedenfalls bis zur nächsten Mutprobe. Nacho lässt sich natürlich nicht lumpen und so geht es auf Bärenjagd. Doch die Toten gehen gar nicht auf das Konto von Meister Petz, vielmehr versteckt sich in den Wäldern ein durchgeknallter Vietnam-Veteran, der nicht gemerkt hat, dass der Krieg schon zu Ende ist (und außerdem gar nicht in Mexiko stattfand).

TRAMPA INFERNAL läuft genau so ab, wie man sich das nach dieser Beschreibung vorstellen darf: Die beiden „Helden“ stapfen mit ihrem jeweiligen Anhang durch den Wald und werden bald schon dezimiert, während die Freundinnen in Badeklamotten an einem See rumhängen und sich beim Beachtennis so dusselig anstellen, dass der Ball auch schon mal 30 Meter weit im Wasser landet. Der Vietnamveteran sieht aus wie Sammy Hagar mit einer Michael-Myers-Maske, trägt einen Freddy-Krueger-Gedächtnishandschuh und hat im Wald ein paar Booby Traps installiert (die leider nicht so häufig zum Einsatz kommen, wie ich mir das gewünscht hätte, aber gut). Am Waldrand wohnt ein anderer Veteran in einem Wohnmobil und stattet die Protagonisten mit guten Ratschlägen und Waffen aus. Pedro Galindo III inszeniert die Chose ohne große Prätentionen frisch von der Leber weg. Bahnbrechende Ideen muss man hier nicht erwarten, dafür wird man aber eben auch von fehlgeleiteten Ambitionen verschont. Nach knapp 80 Minuten macht es „Bumm“, der Killer ist platt und was von den Protagonisten noch übrig ist, geht nach Hause. TRAMPA INFERNAL ist ein reiner Gebrauchsfilm, der mit seiner Naivität einnimmt. Nur in einem mexikanischen Slasher wird einem ein Kern-Asi wie Nacho als Identifikationsfigur angeboten, das allein hat mir schon gereicht, um diesen Film zu mögen. Dieser Nackenspoiler ist aber auch einfach zu geil.

Der Anfang ist noch ganz interessant: Ein Mann (Garrick Dowhen) verfolgt eine Frau mi einem Baby, wird dabei wiederum von einem anderen Mann (Douglas Rowe) verfolgt. Die Frau versteckt das Baby in einem Busch, wird dann von Mann Nummer eins ermordet. Ein Mädchen nimmt das Baby von der sterbenden Frau in Empfang, Mann Nummer zwei – ein heruntergekommener Polizist – kommt zu spät. Der Auftakt funktioniert auch deshalb, weil man keinerlei Information hat, außer dem, was gezeigt wird. Doch danach geht APPOINTMENT WITH FEAR gnadenlos den Bach runter.

Es stellt sich raus, dass der Mörder der Vater des Babys ist – und außerdem im Bunde mit einer altägyptischen Macht, die es ihm erlaubt, seinen Körper, der eigentlich in einer Heilanstalt auf einem Tisch festgeschnallt ist, zu verlassen und auf Jagd zu gehen. Der Polizist heißt Kowalski und hatte den Mann damals schon gestellt, als der versuchte, seine Frau umzubringen. Nun muss Kowalski das Mädchen finden, das im Besitz des Babys ist: Die junge Frau plant eine Party mit ihren Freundinnen.

Diese Geschichte wird ohne jeglichen Drive erzählt, bietet dafür aber unfassbar geduldige Einblicke unter anderem in das Liebesleben der Mädels, zu denen sich dann auch noch ein cooler Individualist (Michael Wyle) mit Motorrad und Schaufensterpuppe im Beiwagen sowie ein Penner gesellen, der auf der Ladefläche eines Pick-ups einzieht. Die Suche nach dem Baby und das damit einhergehende Rennen mit der Zeit wird aber nicht nur durch die Engelsgeduld des Drehbuchs ausgebremst, sondern auch durch die Dusseligkeit Kowalskis: In einer Art Running Gag zündet der ständig seinen Autositz mit herunterfallenden Kippenstummeln an, was dann zum Finale hin schließlich sogar in der Explosion seines Autos kulminiert. Erst zum Schluss kommt ein Hauch von Stimmung auf, als erst eine Gruppe von Tänzern eine lustige Performance zu zweitklassigem Eighties-Synthiepop vor dem Haus abliefert, in dem die Mädchen sich einquartiert haben, und dann in der finalen Auseinandersetzung mit dem Killer etwas Hokuspokus aufgefahren wird. Aber das hilft alles nicht: Ich habe schon viele langweilige Filme gesehen, aber wie die Geduld des Zuschauers in APPOINTMENT WIT FEAR strapaziert wird, ist schon Extraklasse.

Angeblich war Produzent Moustapha HALLOWEEN Akkad so dermaßen abgetörnt, vom fertigen Film, dass er Regisseur Ramsey Thomas sofort entließ und APPOINTMENT WITH FEAR noch einmal umschnitt – ganz offenkundig aber ohne Erfolg. Thomas zog daraufhin zwar seinen Namen zurück, weil er mit dem Ergebnis nichts zu tun haben wollte, ich gehe aber trotzdem mal schwer davon aus, dass ihm die volle Verantwortung für dieses Fiasko anzulasten ist. Finger weg, es sei denn ihr leidet unter Schlafstörungen, dann kommt dieser Heuler möglicherweise einem Segen gleich..

Ein Mann in Tarnanzug stapft durch eine herbstlich-winterlichen Wald und erlegt ein Reh. Mit seinem Pick-up-Truck kommt er dann an seinem Haus an, einem großen, schon etwas angegammelten Holzhaus, das mitten in der Pampa steht. Die Rasenfläche vor dem Haus zeigt ein totes Braun. Eine Frau in einem bunten Poncho kommt aus dem Haus und begrüßt ihn, er freut sich über das geschossene Reh, sie findet den Anblick eher unheimlich. Sie sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Shelley Duvall und Edward James Olmos – hager, schwarzhaarig, stechender Blick – und sie ist mit ihm liiert, aber nicht verheiratet. Es ist Weihnachten und die beiden erwarten Besuch von den Kindern der Frau aus einer vorigen Ehe. Sie – eine Tochter und ein Sohn, er hat seine neue, glubschäugige Freundin dabei – kommen an, als er gerade das geschossene Reh ausweidet. Es hängt draußen an einem Baum, die Eingeweide platschen in einen Eimer darunter, seine Hände sind blutrot. Seine Kinder stört das alles nicht, nur die Freundin ist sichtlich angeekelt. Als die drei an der Haustür die Mutter treffen, beäugt sie die Freundin mit durchdringendem Blick, als wolle sie sie sofort umbringen. Die Freundin hat Angst.

Das ist der Anfang von BLOODBEAT, eines hochgradig bizarren, hochgradig faszinierenden – ja, was? – Horrorfilm? aus den frühen Achtzigerjahren, der mit Minibudget und Amateurdarstellern auf 35 Millimetern, aber in 4:3 und mit Liveton in Wisconsin, unter anderem im Haus des Regisseurs, gedreht wurde. Für fast alle Beteiligten blieb BLOODBEAT der einzige Credit und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so. Aber es griffe zu kurz, BLOODBEAT als Billigschund abzustempeln, obwohl er das auch ist: Die Darsteller sind annähernd perfekt in ihren Rollen, die unpolierten Settings und die schmucklose Winteratmosphäre verleihen dem Film (zusammen mit dem Score, der wahrlich alle Register zieht) eine einzigartige, eisige, beunruhigende Stimmung, die den rätselhaften Vorgängen in die Karten spielt. Es ist dieser seltene Fall, in dem alle objektiven Mängel zu subjektiven Stärken werden.

Worum es geht, was da passiert, ist schwierig zu beschreiben: Zwischen den beiden Frauen besteht eine Art telepathische Verbindung. Die Mutter wird von Visionen geplagt, die sie in expressiven Gemälden exorziert. Die Bilder wiederum beunruhigen die Freundin, die eines Nachts eine Samuraiausrüstung in einer Kiste findet. Die Mutter ist der festen Überzeugung, die Freundin irgendwoher zu kennen, doch das kann eigentlich nicht sein. Irgendwann beginnt eine unheimliche Präsenz durch die Wälder zu stapfen, Menschen zu beobachten und dann umzubringen. Es handelt sich um einen Samurai, der sich im Finale, das ein bisschen an Cronenbergs SCANNERS erinnert, komplett mit leuchtenden Augen und aus Händen geschossenen Lichtbällen, als die Freundin entpuppt. BLOODBEAT ist langsam und hypnotisch, zeigt immer wieder die verstörten Blicke der beiden Frauen, die ahnungsvoll ins Nichts starren. Der Killer wird mittels Subjektiven ins Bild gerückt, die von seinem Keuchen unterlegt sind. Die Musik pendelt zwischen Synthiegeorgel und Klassik, die auch einen im viktorianischen England angesiedelten Historienfilm untermalen könnte. Am Ende tönt gar Carl Orffs „Carina Burana“. Einmal geht die Freundin mit der ganzen Familie gemeinsam auf die Jagd, und als ihr klar wird, dass die fest entschlossen sind, ein Reh zu erschießen, verscheucht sie das Tier mit einem markerschütternden Schrei und rent panisch davon. Schon die „Normalität“ des Films ist verstörend und unbequem.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, dass BLOODBEAT einfach wäre: Ich habe mehrere Anläufe für ihn gebraucht, man muss für den Film in der Stimmung sein. Es ist der klare Fall eines „Mood-Films“, der einen je nach Stimmung entweder total anödet oder vollends in seinen Bann zieht. Wenn jemand sagte, BLOODBEAT sei amateurhafter Schrott, hätte er damit nicht total Unrecht, auch wenn er den Kern des Films damit nicht trifft. Den Film zeichnet ein total singulärer Blick auf die Welt aus, vergleichbar mit den Filmen von Ed Wood oder Jürgen Enz. Ich habe den Audiokommentar, der auf der BluRay-Veröffentlichung von Vinegar Syndrome enthalten ist, nicht gehört, aber ich habe gelesen, dass man ihm entnehmen kann, dass Regisseur Zaphiratos schon ziemlich genau wusste, was er tat, auch wenn der Film nicht immer diesen Eindruck macht. Vielleicht macht diese wüste Geschichte, die ich nicht wirklich verstanden habe, für ihn total Sinn. Das ist das eigentlich Gruselige, Verstörende daran. BLOODBEAT ist nicht das Ergebnis eines lustigen Wochenendes von Freunden mit einer Kamera (die Dreharbeiten dauerten acht Wochen), es ist eine Überzeugungstat. Freunde des Bizarren müssen BLOODBEAT sehen.

Der Bürgerkrieg von El Salvador, einem mittelamerikanischen Kleinstaat mit einer Einwohnerzahl von rund 7,5 Millionen Menschen, dauerte von 1979 bis 1992 und kostete schätzungsweise 75.000 Menschen das Leben. Der Konflikt zwischen der Militärjunta und der linken Farabundo Martin National Liberation Front bedeutete die Eskalation eines krassen sozioökonomischen Missverhältnisses innerhalb der Bevölkerung, das bereits in den Dreißigerjahren zu einem Blutbad geführt hatte: Als sich die Bauern und Arbeiter 1932 erhoben, um gegen die Ungleichheit zu demonstrieren, die zwei Prozent der Bevölkerung mit 95 Prozent der finanziellen Mittel ausstattete, wurden sie in einer Schlacht, die als „La matanza“ – „das Massaker“ – in die Geschichtsbücher einging, umgebracht. Zwischen 10.000 und 40.000 Menschen, die Berichte variieren, verloren ihr Leben. Das Ereignis vergrößerte die eh schon bestehende Kluft zwischen den Herrschenden und dem einfachen Volk und führte zu Spannungen, die sich schließlich, knapp 50 Jahre später, im Bürgerkrieg entluden. Zusätzliches Feuer erhielt der Konflikt durch die Tatsache, dass die Regierungsmächte El Salvadors aufgrund ihrer antikommunistischen Haltung Unterstützung durch die USA erhielten, die in dem Kleinstaat einen Verbündeten im Kampf gegen den sowjetfreundlichen Fidel Castro sahen. Sie ließen der Regierung nicht nur finanzielle Mittel und Waffen zukommen, sie trainierten auch das Militär. Die Verbindung ging so weit, dass US-amerikanische Offiziere hohe Posten in der salvadorianischen Armee bekleideten. Mittendrin im Konflikt war der Journalist Richard Boyle, ein Kriegsreporter, mehr noch aber ein Draufgänger und Abenteurer, den die finanzielle Not, aber auch das Bedürfnis, dran zu sein am Puls der Geschichte, in das Land geführt hatten.

In einem Nachruf auf den 2016 verstorbenen Boyle, den Stone über den Vietnamveteran Ron Kovic (über den Stone später BORN ON THE 4TH OF JULY drehen sollte) kennengelernt und mit dem zusammen er das Drehbuch zu SALVADOR auf Basis von dessen Aufzeichnungen geschrieben hatte, beschreibt Stone Boyle als Getriebenen, Rastlosen, dessen Hang zum Chaos und zum Exzess James Woods, der ihn verkörpern sollte, geradezu abstieß:

„Jimmy Woods, who adores order and cleanliness in his otherwise chaotic mind, abhorred Richard and didn’t want him anywhere next to him, as Richard would miss a shower or two and his one set of clothes would generally stink. But when Richard, who was by my side throughout the shoot, would comment on his performance, Jimmy’d freak out.“

Und Kovic sagte über den Mann:

„He was one of a kind, larger than life, a true original, so complex, a consummate hustler, brave war correspondent, gifted author, rebel, lover, deviant, so many memories. […] He was fascinating, amazing, impatient, terribly driven. He made me feel anything was possible. Even your wildest dreams were possible. He bet his life on it constantly in a thousand crazy adventures and dangerous assignments abroad. We all thought he would outlive us all. We were sure of it. Even in his often reckless and deadbeat later years he reeked of royalty. He had dignity. He loved life and taught me and so many others that we could always do more, accomplish more, be more than we thought possible.“

Diese Beschreibungen lassen erahnen, was Stone an Boyle faszinierte und warum er mit ihm zusammen an einer Verfilmung seiner Erlebnisse arbeitete. Tatsächlich liefern die Figur und seine Geschichte – ob sie im Film wirklich wahrheitsgetreu wiedergegeben wird, sei mal dahingestellt – Stoff für einen faszinierenden Film, der rückblickend als einer der Höhepunkte von Stones Filmografie gelten darf. Aber die Figur selbst und die Faszination, die in den Zitaten oben und in SALVADOR zum Ausdruck kommen, sind auch ziemlich problematisch. Gerade vor dem Hintergrund von Stones politisch fragwürdigen Äußerungen und Aktionen in den letzten Jahren wirkt SALVADOR in gewisser Hinsicht prophetisch. Das wertet die heutige Sichtungserfahrung noch zusätzlich auf, führte bei mir aber auch dazu, dass ich emotional auf Distanz zum Gezeigten ging. Der Film ist in gewisser Weise „nachbelastet“ durch die Autorschaft Stones, der heute mit Putin sympathisiert, Castro hofierte und mit seiner generellen Begeisterung für einen bestimmten Typus Mann heute schrecklich gestrig rüberkommt.

SALVADOR beginnt mit dem in seiner abgeranzten Wohnung von einem Streit aufgeweckten Boyle (James Woods): Der Vermieter liegt im Clinch mit Boyles Partnerin, streitet mit ihr lautstark um die ausstehende Miete, das gemeinsame Baby schreit. Boyle versucht im Anschluss verzweifelt Kohle aufzutreiben, indem er alte Pressekontakte abtelefoniert: Sein Thema ist der Konflikt in Salvador, er könne dort hinfahren und eine spektakuläre Story liefern, denn der Staat droht zu implodieren und Boyle hat aus der Vergangenheit gute Beziehungen. Aber keiner ist interessiert und man entnimmt Boyles Reaktionen, dass das zu einem guten Teil daran liegt, dass sie mit ihm nicht zusammenarbeiten wollen, weil er notorisch undiszipliniert ist. Der Beweis dafür folgt auf dem Fuße, als er von einem Streifenpolizisten aufgrund seines kaputten Wagens und einer Vielzahl nicht beglichener Strafzettel inhaftiert wird. Sein Kumpel, der Radio-DJ „Dr. Rock“ (James Belushi) zahlt seine Kaution und lässt sich von Boyle dazu überreden, mit ihm zusammen nach El Salvador zu fahren, nachdem der in seiner leeren Wohnung ein schriftliches „Fuck you!“ von seiner Freundin vorgefunden hat. In El Salvador könne man für 300 Dollar im Jahr leben, das Gras sei großartig und für sieben Mäuse setzen sich einem die schönsten Frauen der Welt aufs Gesicht, für fünf mehr geselle sich sogar deren beste Freundin noch dazu. Die Schwierigkeiten fangen aber schon kurz hinter der Grenze an, als die beiden vom Militär gefangen genommen und erst nach Stunden des bangen Wartens freigelassen werden. Im Folgenden taumelt Boyle durch das in Aufruhr befindliche Land, immer in dem Bemühen, möglichst nah ran zu kommen ans Geschehen, ohne sich dabei jedoch die Finger zu verbrennen. Seine Liebschaft zur armen Maria (Elpidia Carrillo), die mit ihrer Familie den regierungsfeindlichen Rebellen nahesteht, bringt ihn immer wieder in Gefahr, und irgendwann, nach der (auf realen Ereignissen fußenden) Erschießung des Erzbischofs Romero und der brutalen Ermordung und Vergewaltigung von drei amerikanischen Nonnen und einer Entwicklungshelferin bleibt Boyle nichts anderes übrig, als das Land mit Maria fluchtartig zu verlassen.

SALVADOR ist ein eindringlicher Film von fiebriger Intensität, der das Gefühl, in der Fremde nur einen Schritt vom bodenlosen Abgrund entfernt zu sein, sehr greifbar macht. Und James Woods, der für einen Academy Award nominiert wurde, ist brillant als „Zocker“ Boyle, ein Mann, der dahin geht, wo es wehtut, weil er die Langeweile nicht aushält und weiß, dass sich humanitäre Katastrophen gut verkaufen – der aber auch nicht ohne Idealismus ist. Stone zeichnet Boyle als unbequemen, unbestechlichen Widerständler, der auch vor den Mächtigen kein Blatt vor den Mund nimmt – und damit seine Reputation, aber auch sein Leben riskiert. Er ist ein Wahnsinniger, davon besessen, die Wahrheit in die Welt zu tragen, und mehr als einmal schockiert davon, wie weit ihn diese Obsession treibt. Lange scheint es so, als könne ihm nichts etwas anhaben, als habe er einen zuverlässigen Schutzengel oder auch nur jenes Quäntchen Glück, dass ihn unbeschadet aus jeder Gefahrensituation hervorgehen lässt: Wohl nicht zuletzt deshalb, weil er selber an dieses Glück glaubt. Erst sehr spät schleicht sich da die Angst in seinen Blick, das Wissen, dass er es nicht überstrapazieren sollte und die Situation in seiner Wahlheimat zu weit eskaliert ist, als dass sie noch berechenbar wäre.

Stones Porträt Boyles zeigt ohne Zweifel eine spannende Figur vor dem Hintergrund eines grausamen Konfliktes, dessen politischen Mechanismen leider immer noch nicht passé sind, aber Stones Faszination für und Zeichnung dieser Figur wirft auch einige Fragen auf: Ist dieser männliche Omnipotenzwahn, der jemanden wie Boyle mit der Pulle Fusel am Hals, den Gedanken an preisgünstige, willige Nutten im Kopf und dem Ziel, ein paar Bucks zu machen, in ein Entwicklungsland treibt, nicht auch nur eine Ausprägung derselben Haltung, die US-Militärs ihre Stützpunkte bei „Verbündeten“ errichten lässt? Ist Boyle mit seinem Goldgräberethos nicht eigentlich ein ziemlich ätzendes Arschloch, dem man für die unter normal denkenden Menschen reichlich selbstverständliche Haltung, das Abschlachten von wehrlosen Bauern verachtenswert zu finden, nicht unbedingt ein Denkmal bauen sollte? Sind diese Leute, die mit der Kamera um den Hals und einem Vorrat an Billiguhren als Bestechungsmittel im Handschuhfach in Bananenrepubliken reisen, um dann Massengräber und Gemetzel zu fotografieren, wirklich Aufklärer oder gar Märtyrer oder nicht doch nur Söldner, die sich mit dem Leid anderer, von dem sie profitieren, gemein machen, aber dann, wenn es ihnen zu heiß wird, einfach wieder abreisen können? Ich weiß es nicht genau, aber mich hat Stones Heldenverehrung für diesen hypernervös-dauerrauchenden Kokser schon auch ein wenig abgestoßen. Vielleicht liegt das aber auch, wie gesagt, daran, dass Stone es anscheinend nicht für einen Widerspruch hält, hier für die salvadoranischen Bauern einzuspringen und heute Putin die Hand zu schütteln. Andererseits gibt es an SALVADOR rein handwerklich mal gar nichts auszusetzen, vielmehr fesselt der Film über die volle Laufzeit. Trotz oder wegen dieser Fragestellungen.

 

 

 

 

 

Ein Film namens FOXES, der sich um das Coming of Age von vier Highschool-Mädels dreht, inszeniert von Adrian Lyne: Da schrillen gleich alle Alarmglocken. Die von Lyne in schwül-steriler Videoclip-Optik inszenierten 9 1/2 WEEKS, FLASHDANCE und LOLITA haben den Ruf, vor allem den Voyeurismus lüsterner Herren zu bedienen und Frauen als makellose Objekte der Begierde zu stilisieren. Als völlig haltlos abzuschmettern ist der Vorwurf definitiv nicht und für FOXES, Lynes Debütfilm, lässt das Schlimmes befürchten, was sich dann aber nicht bewahrheitet. Im Gegenteil ist FOXES zurückhaltend, ehrlich, sensibel und empathisch und überhaupt nicht daran interessiert, seine jugendlichen Darstellerinnen zur Schau zu stellen. Die eröffnenden Bilder, die die Mädchen im Schlaf kurz vor dem Aufwachen zeigen und Detailaufnahmen ihrer bekleideten Körper zeigen, sind der einzige Moment, in dem man Lyne des Voyeurismus beschuldigen könnte, ansonsten bleibt FOXES angenehm zurückhalten, verhandelt das alles bestimmende Thema „Sex“ eher auf er Dialogebene statt in ausgebreiteten Erotikszenen.

„Jeanies Clique“, so der deutsche Verleihtitel, besteht aus Jeanie (Jodie Foster), die mit ihrer Mutter (Sarah Kellerman) allein lebt, seit die sich von ihrem Mann, einem englischen Musikproduzenten, getrennt hat. Nun wirft sie sich verzweifelt jedem Kerl an den Hals, um die Einsamkeit zu dämpfen, und holt ihr Studium nach. Jeanie ist meistens allein und hat trotz ihres Alters von 15 eine oberflächliche Reife erreicht, die sie zum Mittelpunkt ihres kleinen Freundeskreises macht. Insgeheim träumt sie von einer großen Loftwohnung, in der die vier Mädchen dann zusammenwohnen. Zu diesem gehöre außerdem Madge (Marilyn Kagan), das Mauerblümchen der vier, dass dann aber alle mit der Offenbarung überrascht, einen Verlobten zu haben (Randy Quaid), der die 30 schon hinter sich hat. Deirdre (Kandice Stroh) ist immer auf Beutezug, setzt gern ihre Reize ein und fühlt sich als die erwachsenste ihrer Clique, was sie in dramatisch inszenierten Nervenzusammenbrüchen zum Anlass nimmt, sich tränenreich über ihrer Verantwortung zu beklagen. Und dann ist da Annie (Cherie Curry), deren private Probleme – ein gewalttätiger Polizisten-Vater, eine sich in ihre Opferrolle ergebende Mutter und eine ausgeprägte Drogensucht – die Gruppe insgeheim zusammenhalten.

FOXES dreht sich im Wesentlichen um die Gespräche der Mädchen, die ihre Probleme, Träume und natürlich Jungs diskutieren. Noch im Highschool-Aalter, möchten sie eigentlich gern schon erwachsen sein, eine eigene, schick eingerichtete Wohnung haben, Parties feiern und sich von einem erfolgreichen Mann aushalten lassen. Sie halten sich für reif, doch ihr Blick auf das Leben weist sie als Kinder aus, deren Eltern es versäumt haben, ihnen einen Kompass an die Hand zu geben. Am deutlichsten zeigt sich das natürlich an Annie, die manchmal für Tage einfach in den Straßen Hollywoods verschwindet, sich mit merkwürdigem Volk einlässt und schon mit 15 im Eiltempo auf ihre Ende zurast. Das kaum weniger deprimierende Gegenstück bildet Madge, die am Ende den über 15 Jahre älteren Mann heiratet, um wiedergutzumachen, dass sie dessen Haus bei einer aus dem Ruder gelaufenen Party total verwüstet hat. Dazwischen taucht immer wieder der nette Brad (Scott Baio) auf, der eigentlich genau in ihrem Alter ist, von ihnen aber als „Kind“ bemitleide und abgelehnt wird. In einer rührenden Szene fragt er Annie auf der Rückfahrt aus der Disco, ob sie mit ihm schlafen wolle. Als sie lachend verneint, fragt er daraufhin nacheinander die anderen drei, von diesen ebenfalls nur albernes Kichern erntend.

FOXES war bei meiner Sichtung möglicherweise der richtige Film zur falschen Zeit – vielleicht ist er aber auch einfach nicht besonders zwingend: Er ist eigentlich recht schön, zeigt schon Lynes visuelles Gespür, ist aber noch nicht so gestreamlined wie seine späteren Kassenschlager – statt der Achtziger dominieren hier noch die Seventies -, aber er mäandert so etwas schwermütig dahin. Eigentlich ist es ja schön, dass er seine Protagonistinnen nicht den Zwängen eines Plots unterwirft, aber über weite Strecken wusste ich als Betrachter einfach nicht, wo das alles hinführen soll. Vielleicht sind mir diese Mädchen auch einfach zu fremd. Mike McPadden schreit in „Teen Movie Hell“ sehr richtig: „FOXES is the SEX AND THE CITY prequel for a generation of women who each love their girl gang, but always feel alne, and still live for a horse ranch fantasy dished out by an absentee  rock star dad who strokes his daughter’s hair, tries to pay her off with clothes-shopping money and tells her mom is doing her best.“ 

Die drei Darstellerinnen neben Jodie Foster, die hier alle als „Entdeckungen“ eingeführt wurden – die umwerfende Cherie Curry spielte vorher mit Joan Jett und Lita Ford in der Girlband The Runaways – traten danach nur noch sporadisch in Erscheinung, für eine Schauspielkarriere reichte es dann doch nicht. Wie Annie, Madge und Deirdre wurden sie von Hollywood geschluckt.