Mit ‘Achtzigerjahre’ getaggte Beiträge

Was ich eben anlässlich von MANGIATI VIVI! geschrieben habe, nämlich dass ich viele Filme, die mich vor 20 Jahren noch tierisch geschockt haben, heute nicht mehr viehisch brutal, sondern eher  belustigend finde, zeigt sich auch in CANNIBAL FEROX. Der war zwar schon damals keine ernsthafte Konkurrenz für Deodatos unerreichten CANNIBAL HOLOCAUST, aber dass er die goods deliverte hätte ich ihm nicht in Abrede stellen wollen. Für mich lag der damals splattertechnisch auf einer Höhe mit den Zombiefilmen Fulcis, mit dem Unterschied, dass er sujetbedingt noch eine Ecke geschmackloser und damit auch irgendwie ekliger und schmuziger war. Bei der gestrigen Sichtung habe ich ihn in erster Linie als putzige Lachnummer wahrgenommen, die zwar deutlich schockierender ist als der Vorläufer MANGIATI VIVI!, aber mit dem Abstand der Jahre doch erheblich an damaligem shock value verloren hat – dass er sich inhaltlich auch noch deutlich an Deodatos Meisterwerk orientiert, macht seine Misslingen nur noch deutlicher.

Los geht es mal wieder in New York, wo kein Geringerer als Dominic Raacke als eben aus der Klinik entlassener Junkie durch die Straßenschluchten taumelt und dann von dem blonden Carlo-Tränhardt-Lookalike Perry Pirkanen, der ja auch schon bei Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST mitgewirkt hatte, erschossen wird. Irgendwie geht es um Drogen und einen verschwundenen Gauner, der dann wenig später am Amazonas auftaucht: Es handelt sich um Mike (John Morghen), bis unter die Haarspitzen zugekokst und mit dem verletzten Kumpel Joe (Walter Lucchini) unterm Arm. Die drei Protagonisten Rudy (Danilo Mattei), Gloria (Lorraine De Selle) und Pat (Zora Kerova), die an den Amazonas gereist sind, um zu beweisen, dass es keine Kannibalen gibt, freuen sich zwar, statt madenfressender Urwaldmenschen mal wieder einen Weißen zu Gesicht zu bekommen, aber da ahnen sie auch noch nicht, dass Mike im Drogenrausch den Zorn eben eines Stammes von Menschenfressern auf sich gezogen hat. Wie bei Deodato hat sich Mike den „Primitiven“ gegenüber benommen wie die Axt im Wald, aber nicht, um spektakuläres Filmmaterial mit nach Hause zu bringen, sondern lediglich für schnöden Reichtum. Irgendwann schlagen die Gebeutelten zurück, schnippeln ihm den Piepmatz ab und zeigen der geilen, aber dummen Pat, wie sich der Begriff „Hängetitten“ etymologisch erklären lässt.

CANNIBAL FEROX genießt beinahe legendären Status, ist mit Beschlagnahmungen in angeblich 31 Ländern der „gewalttätigste Film aller Zeiten“, und fungierte unter anderem auch als Einfluss für einen gewissen Herrn Zombie, der das Debütalbum seiner Kapelle White Zombie nach dem internationalen Verleihtitel MAKE THEM DIE SLOWLY taufte, und wird immer genannt, wenn es um die Geschmacksentgleisungen des Schmuddelkinos europäischer Provenienz geht. Diesen Ruf hat er nicht ganz zu Unrecht, denn was hier für ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde, nur um Zora Kerova Haken durch die Brüste zu ziehen und sie daran aufzuhängen, ist schon erstaunlich. On location in New York und am Amazonas gedreht, ist CANNIBAL FEROX ein einziger Mummenschanz und Lenzi geht out of his way, um seinem Publikum das Essen aus dem Gesicht fallen zu lassen. Da werden, wie gesagt, fette Maden gefressen, Tiere abgeschlachtet, Eingeweide und Augäpfel rausgerissen, mit Lust und blutverschmierter Schnute auf Gekröse rumgekaut. Die Message hinter dem ganzen Quatsch ist wieder einmal die, dass der Zivilisationsmensch ein viel größeres Schwein ist als der eigentlich brave Kannibale, der doch nur in Ruhe im Schlamm sitzen möchte. John Morghen ist als freidrehender Vollarsch idealbesetzt und wie immer eine Schau, ob er sich nun mit irrem Blick eine Prise kolumbianisches Nasenpuder reinzieht, seine Eroberung Pat zur Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchens überredet oder einem armen Tropf ein Auge auspiekst.

DIE RACHE DER KANNIBALEN wurde Anfang der Achtziger in Deutschland aus dem Verkehr gezogen, ein Schicksal, das auch allen späteren Videoveröffentlichungen und selbst ausländischen Releases zuteil wurde. Ein reichlich lächerlicher Zustand, denn Lenzis Film ist so durchsichtig und stulle, dass man eigentlich niemanden davor schützen muss. Schon gar nicht heute, fast 40 Jahre nachdem Lenzis Schlachtplatte die deutschen Bahnhofskinos und die dort Unterschlupf suchenden Pennbrüder beglückte. Ich finde ihn heute wie gesagt eher putzig als schockierend und als Schlussstrich unter das Kannibalengenre, das er auf jene feisten Geschmacklosigkeiten reduziert, aus denen es immer schon bestanden hat, ziemlich perfekt. Wie immer man das auch letztlich bewerten mag.

 

 

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Von den „klassischen“ Kannibalenfilmen fand ich MANGIATI VIVI! immer am enttäuschendsten. Nicht zuletzt der endlos geile deutsche Titel LEBENDIG GEFRESSEN, eigentlich ja nur eine sehr korrekte Übersetzung des Originaltitels, aber eben um einiges härter, animalischer, atavistischer und sensationalistischer klingend, hat in mir immer Erwartungen geweckt, die er dann nie so recht zu erfüllen vermochte. Das hat sich leider auch nach über 20 Jahren nicht geändert, auch wenn ich nach Lenzis Tod vor knapp vier Wochen gern zu einer anderen Ereknntnis gekommen wäre. Sein Reißer, mit dem er nach einigen fulminanten Poliziotteschi in den Siebzigern sein nicht mehr ganz so ruhmreiches Spätwerk einleitete, ist ein heute vergleichsweise zahm anmutender Kannibalen-/Abenteuerfilm, der aus seiner reizvollen Story nicht wirklich viel zu machen weiß.

Nach einigen rätselhaften Morden in New York – die Opfer werden von einem dunkelhäutigen Mann mithilfe von Giftpfeilen getötet – begibt sich die junge Amerikanerin Sheila (Janet Agren) ins Amazonas-Gebiet, um dort ihre Schwester Diana (Paola Senatore) wiederzufinden. Sie soll sich der Purifikationssekte von Jonas Melvin (Ivan Rassimov) angeschlossen haben, der auch die Mordopfer angehört haben. Mit dem Abenteurer Mark (Robert Kerman) reist sie in den Urwald, wo sie von Kannibalen attackiert, aber von Jonas‘ Leuten gerettet werden. Der führt ein hartes Regiment gegen seine Jünger: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verbannt, was bedeutet, als Mittagessen der Kannibalen zu enden …

Die Geschichte um die Sekte ist unschwer erkennbar an den damals noch recht aktuellen Fall des Guyana-Massakers angelehnt, bei dem der Sektenführer Jim Jones die Angehörigen des Peoples Temple in den Massenselbstmord trieb, und dann mit Motiven des damals massiv erfolgreichen Kannibalenfilm-Genres angereichert, das Lenzi selbst acht Jahre zuvor mit seinem IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO aus der Taufe gehoben hatte. Es hatte danach ein paar Jahre gedauert, bis sich Deodato an ein Sequel begab: Sein ULTIMO MONDO CANNIBALE war der eigentliche Startschuss für einen wenige Jahre anhaltenden Boom, an dem Lenzi dann auch wieder partizipieren wollte. Sein Film beinhaltet alles, was das Genre auszeichnet: Die Kulisse des idealtypisch für die Zivilisation und den „Grußstadtdschungel“ stehenden Manhattans als Ausgangspunkt für eine von Tiersnuff, Splattereffekten, „primitiven“ Ritualen, softem Sex und sexualisierter Gewalt gesäumten Weg in die sprichwörtliche grüne Hölle, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass der westliche Mensch nicht viel besser ist als der Wilde aus dem Wald, aber dafür wenigstens mit Messer und Gabel isst.

Es ist nicht so, dass kein Potenzial in dem Film steckte: Es ist eigentlich toll, dass sich Lenzi nicht auf seine Kannibalengeschichte verlässt, sondern die Gekrösemampfereien eher in der Peripherie stattfinden lässt, nur leider wird die Purifikationssekte nie wirklich so lebendig, dass sie das Interesse, das er ihr widmet, rechtfertigen würde. Das Problem: Neben Jonas und ein paar Schergen bleiben die Sektenhuber reine Staffage, keiner von ihnen hat auch nur einen erkennbaren Charakterzug, von einer Persönlichkeit ganz zu schweigen. Warum sie Jonas anbeten und sich dazu an diesen gottverlassenen Ort begeben haben, warum sie ihm bereitwillig in den Tod folgen, bleibt völlig unklar, und demnach verpufft auch der Massenselbstmord am Ende ziemlich wirkungslos. OK, MANGIATI VIVI! ist nicht unbedingt der Film, an dem ich mit der Erwartung feinsinniger Charakterzeichnung herantrete, aber Gematsche wird eben auch nicht viel geboten. Viele der alten Reißer, deren Effekte mich damals noch massiv beeindruckt und geschockt haben, kommen heute eher zahm und albern daher, aber MANGIATI VIVI! hat besonders viele Federn gelassen. Der Schluss, wenn die arme Diana und eine andere Frau den Menschenfressern zu Opfer fallen und ihre gut sichtbar unter Sandhaufen verborgenen Unterarme und -schenkel abgetrennte Gliedmaßen simulieren, während die Kannibalen an Gummiextremitäten nagen, schlägt auf der Schäbigkeitsskala ziemlich hoch aus. Dass MANGIATI VIVI! im Jahre des Herrn 2002 beschlagnahmt wurde, ist geradezu rührend. Jede moderne Geisterbahn ist furchteinflößender als Lenzis Film.

Deshalb spare ich es mir auch, hier über Rassismus zu sprechen, was natürlich mehr als angebracht wäre. Oder über Sexismus: Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Szene, in der die schöne blonde Sheila über eine Fressorgie stolpert und von Chauviebolzen Mark per furztrockenem Kinnhaken vor dem Anblick erlöst wird, der ihr zartes Frauenseelchen todsicher nachhaltig zerrüttet hätte, sehr lustig fand. Er geizt eh nicht mit erzieherisch eingesetzten Maulschellen für das Weibchen, wohl wissend, dass es genau das ist, was die Frauen wollen. Irgendwann kann sie dann auch nicht mehr anders, als ob des drohenden Todes vor ihm auf die Bettstatt zu sinken. Wenigstens einmal noch bumsen, bevor man von Kannibalen gefressen, einem Sektenfuzzi ermordert oder amoklaufenden Krokodilen gefressen wird, das wär’s doch! Meine Lieblingsszene im ganzen Film ist aber jene, in der sich ein Kroko todesmutig per Kopfsprung auf einen nichts Böses ahnenden Eingeborenen stürzt und ihn ins Wasser zerrt. Was für ein Aggressionspotenzial! Wäre MANGIATI VIVI! durchgehend mit solchem Kokolores angefüllt, würde er mir deutlich besser munden.

Ein Taxifahrer vergewaltigt seine weiblichen Fahrgäste und filmt sie dabei. Um seiner Lust nachzugehen, wird er immer einfallsreicher: So baut er eine Düse in sein Fahrzeug ein, aus der ein Betäubungsgas ausströmt, das seine Opfer lahmlegt, während er sich durch Tragen einer Gasmaske schützt. Eines seiner Opfer ist eine Ehefrau, die nach dem Erlebnis einen Rape-Fetisch entwickelt, der die Beziehung zu ihrem Mann gefährdet, und ihre Schwester auf dumme Gedanken bringt …

Satôs Frühwerk – laut IMDb-Filmografie sein dritter Spielfilm, wobei ich vorsichtig wäre, das für die ultimative Wahrheit zu halten – ist stakr sexlastig und handlungsarm. Wie in einem „typischen“ Porno werden hier mehrere Sex- und Vergealtigungsszenen aneinandergereiht und nur von kurzen Dialog- und Handlungspassagen unterbrochen. Dennoch erkennt man den Regisseur schnell wieder: HITOZUMA KOREKUTÂ – internationaler Verleihtitel ist WIFE COLLECTOR – ist dunkel, kalt, ungemütlich, hoffnungslos, apokalyptisch. Warum es um die Menschen so mies bestellt ist, wird dabei nie so ganz klar. Warum sind sie nicht in der Lage, liebevolle, erfüllende Beziehungen zueinander zu unterhalten. Männer sind entweder Waschlappen, reißende Bestien, heimtückische Manipulatoren oder auf dem Weg dahin, eines von beiden zu werden, Frauen frustriert, unbefriedigt und neurotisch.

Auch wenn Satô sich nicht wirklich für die Hintergründe dieser Dispositionen interessiert, dass das Leben in der Megacity Tokio von Gleichgültigkeit und Egoismus geprägt ist, kommt in seinen Bildern immer wieder zum Ausdruck: Da fallen Männer gleich in Scharen über hilflose Frauen her, wird die mit versteckter Kamera gefilmte Vergewaltigung am Rand einer stark befahrenen Schnellstraße maximal mit einem faulen Hupen quittiert. Am Schluss, wenn der vergewaltigende Taxifahrer sein totes Opfer durch die Fußgängerzone schleppt, muss man angesichts der ratlos um ihn herumtorkelnden Menschen fast an den Zombiefilm denken. Der Serienvergewaltiger kommt da im Vergleich gar nicht mehr so schlecht weg, er hat wenigstens irgendeine Leidenschaft. Am Ende fährt er in die Tiefe der nächtlichen Stadt, verschwindet in den Lichtern. Er wird weitermachen und niemand wird ihn aufhalten.

Eine junge Frau, eine Kunstschmiedin, wandert über ein marode und rostig aussehendes Hafengelände und steigt schließlich in ein kleines Boot. Ein Mann in einem schwarzen Motorradanzug, dessen Gesicht durch den schwarzen Helm verdeckt bleibt, steigt zu ihr, überwältigt sie und beginnt sie mit dem Griff seines Messers zu vergewaltigen. Erinnerungen an einen Safe steigen in ihr hoch und das Bild einer schwarz behandschuhten Hand, die in ihn hineingreift. Ist das nur ein Albtraum oder ist das alles tatsächlich passiert? Wer ist die schwarz vermummte Gestalt?

Begeisternd an diesem frühen Film von Satô (er war damals gerade 31 Jahre alt) war für mich vor allem die oben geschilderte Albtraumsequenz, die (wahrscheinlich durch Aussparung von Einzelbildern) einen überwältigenden, verstörenden und irgendwie unmittelbaren Charakter erhält. Untermalt wird sie von metallisch-perkussiven, gleichzeitig aber auch sanften Klängen, die ihre irreale Anmutung noch verstärken. Diese traumgleiche Stimmung zieht sich durch den ganzen Film, der sich danach den Versuchen seiner weiblichen Hauptfigur widmet, mit den immer wiederkehrenden Bildern und Erinnerungsfetzen klarzukommen. Sie sucht eine Klinik auf, in der man sich zur Meditation in mit Flüssigkeit gefüllte Tanks legt. Auch hier wird sie vergewaltigt. Ihre Ängste agiert sie schließlich aus, indem sie in der U-Bahn schwarze Lederjacken zerschneidet.

BOKO CLIMAX! ist wie alle Filme von Satô, die ich bislang gesehen habe, gleichermaßen konkret-materialistisch wie amorph und geisterhaft. Man versteht irgendwie instinktiv, was da vorgeht, ohne es in Worte überführen zu können – ich kann es jedenfalls nicht. Am Ende bleibt alles rätselhaft, wie das Leben. Satôs Charaktere sind im Fluss, sie verschwimmen miteinander, sind weniger psychologische Einheiten als vielmehr wandelnde Repräsentanten unterdrückter Gefühlszustände. Sie leiden unter vergangenen Erlebnissen meist sexueller Natur, die auch ihre Körper unterwerfen. Traumata nehmen physische Gestalt an: Hier liegt wohl auch die immer wieder strapazierte Gemeinsamkeit zum Body Horror Cronenbergs. Wie die Filme des Kanadiers sind auch Satos Werke kalt, unfreundlich, von einer tief in sich eingekapselten Traurigkeit durchzogen, in der sich die Orientierungslosigkeit in bizarren Perversionen Ausdruck verschafft. BOKO CLIMAX! ist aber auch immer wieder sehr schön und weich, nicht zuletzt weil Wasser eine wichtige Rolle spielt. Visuell hat er mir von den bislang gesehenen Werken am besten gefallen: Der Kontrast zwischen der geschilderten Härte und Kälte und der traumartigen Sanftheit ist einfach sehr reizvoll. Letztlich handeln seine Filme von der Möglichkeit der Liebe in der kapitalistischen Apokalypse. Und dann sind da immer wieder diese Szenen, die Satô mit der „versteckten Kamera“ inmitten der geschäftigen Massen auf den Straßen Tokios dreht: Hier ersticht seine Protagonistin im Vorbeigehen einen Mann in schwarzem Lederanzug. Er sinkt tot zu Boden, bleibt reglos auf einem Zebrastreifen liegen. Und keiner hält an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

Selten, aber immer wieder toll: Wenn man unerwartet über einen Film stolpert, den man mal sehr mochte, aber seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Unter dem Titel PANISCHE FLUCHT lief RUNNING SCARED irgendwann in den mittleren Achtzigerjahren mal im Fernsehen, wo ihn meine Eltern auf VHS aufzeichneten. In meiner Erinnerung habe ich ihn dann etliche Male gesehen (vielleicht auch ein Irrtum, denn beim unverhofften Wiedersehen gestern konnte ich mich kaum noch an Details erinnern), weil mich die reizvolle Mischung aus (jugendfreier) Action, dem kernigen Ken Wahl, dem lustigen Judge Reinhold und natürlich dem Setting der floridianischen Everglades wahnsinnig beeindruckt hat. So ist mir RUNNING SCARED zwar nicht unbedingt lebhaft in Erinnerung geblieben, aber doch immer mal wieder eingefallen. Zuletzt hatte ich häufiger die Idee, ihm mal hinterherzurecherchieren, aber das habe ich dann doch immer wieder vergessen. Man mag sich meine Freude vorstellen, als ich ihn jetzt im Wald unter Steinen wiederfand, ganz unverhofft und neugierig darauf, ihn nach über 30 Jahren wiederzusehen.

Kurz zur Handlung: Die jungen Rekruten Chas (Ken Wahl) und Leroy (Judge Reinhold) werden aus dem Wehrdienst in Panama entlassen und fliegen vorfreudig in einer militärischen Transportmaschine zurück nach Hause. Leroy hat eine Kiste mitgehen lassen, in der sich u. a. eine M-16, aber auch eine Kamera mit Nachtsichtgerät befinden. Aus Spaß macht er während des Fluges ein Foto einer geheimen Militärbasis, das ihm und seinem Kumpel schließlich zum Verhängnis wird. Denn als das Bild nach Landung des Flugzeugs gefunden wird, vermutet der CIA-Agent Jaeger (Bradford Dillman), dass russische Spione an Bord waren, und setzt Munoz (John Saxon) und seine Schergen auf die beiden jungen Männer an, die nun unerwartet zu Gejagten werden …

Für die ganz große Begeisterung hat es bei der Neusichtung nicht gereicht, aber RUNNING SCARED ist durchaus gefällig: Er ist von Glickler ohne große Längen oder unangemessene Ambitionen inszeniert, schwungvoll, temporeich und unterhaltsam, charmant besetzt und einfach schön anzusehen. Florida erweist sich immer wieder als schöne Kulisse, die Kameramann Willy Kurant, ein ehemaliger Weggefährte von niemand geringerem als Jean-Luc Godard – neben dessen MASCULIN FÉMININ lichtete er u. a. JACKSON COUNTY JAIL, THE INCREDIBLE MELTING MAN und den schönen TUFF TURF ab – in seiner ganzen tropengrün-himmelblauen Pracht einfängt. Ken Wahl, der seine Karriere nach nur etwas mehr als zehn Jahren beendete, finde ich immer wieder sehr charmant, ebenso wie Judge Reinhold, dessen typische weißbrotige Gutgelauntheit hier mit subtilen Andeutungen sehr effektiv unterschnitten wird: Seine sorglos-leichtsinnige Art nimmt beinahe suizidale Formen an und man merkt dem Charakter an, dass er einigen psychischen Ballast mit sich herumschleppt, der sich zur handfesten Gefahr für seine Mitmenschen erweist. Was dem Film hingegen nicht so gut tut, sind die Verkürzungen, die er sich bei der Zeichnung seiner Schurken erlaubt. Der Glaubwürdigkeit der Ausgangssituation wird durch deren nachlässige Charakterisierung, die zum Ende hin die Grenze zur Komödie überschreitet, jedenfalls erheblich konterkariert. Dass zwei junge Leute wegen einer Unbedachtheit ins Lebensgefahr geraten, kann man sich gut vorstellen, dass sich Geheimdienstbeamte anschließend allerdings so dämlich und unprofessionell verhalten wie Jaeger und seine Leute hingegen nicht. Da wurde eine Chance vertan. Letztlich hat das auf den Gesamteindruck keinen allzu großen Einfluss: RUNNING SCARED ist ein schöner, kleiner Filme, den man gucken kann, aber nicht sehen muss. Ich bin trotzdem froh, noch einmal die Gelegenheit gehabt zu haben.

 

Begeben wir uns wieder einmal ins italienische Kino der späten Achtzigerjahre, eine meiner liebsten Spielwiesen. Es liegt zwar jede Menge Hundescheiße und Müll herum, die Menschen, die sich dort tummeln, sind übernächtigt, ungepflegt und auch etwas grob, aber wenn man die Augen zusammenkneift, dann kann man sich vorstellen, wie es in besseren Zeiten mal ausgesehen hat. Das heißt: Die filmischen Konzepte waren in jener Zeit (meist) dürftig, die Budgets karg, die Darsteller mäßig begabt, der Versuch, die Nähe zu den großen amerikanischen Vorbildern vorzutäuschen, wenig erfolgreich, die wachsende Verzweiflung und Resignation der Filmemacher sind greifbar. Aus heutiger Sicht wird die den Filmen eh schon inhärente Tragik noch durch das Wissen um den kurz bevorstehenden, endgültigen Niedergang des italienischen Kinos verstärkt. Aber andererseits gibt es auch jede Menge wildes, fehlgeleitetes und auf seine Weise einzigartiges Zeug zu entdecken, dessen Reizen ich mich nicht ganz verschließen kann, auch wenn mir die Vernunft etwas anderes eingibt.

QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO etwa ist ein furchtbar dämlicher Film, und wenn man bedenkt, dass er den kleinwüchsigen Nelson de la Rosa (später auch in Richard Stanleys/John Frankenheimers legendärem THE ISLAND OF DR. MOREAU an der Seite von Marlon Brando zu sehen), in seinem ersten Filmauftritt als Schreckgespenst und Rattenmonster verheizt, so muss man ihn noch dazu mindestens als „geschmacksunsicher“ bezeichnen. Dass es ein echtes Drehbuch gab, möchte ich in Frage stellen, die nominellen Hauptdarsteller David Warbeck und Janet Agren bekommen rein gar nichts zu tun, nahmen das Engagement wahrscheinlich an, um sich in der Karibik zu sonnen, Spannung kommt auch keine auf. Trotzdem mag ich Carnimeos Film irgendwie: So minderbemittelt er auch ist, ich kann ihm nicht absprechen, dass er eine gewisse Atmosphäre hat, der Score von Stefano Mainetti ist wahrscheinlich das beste an dem Ding und mit einer Spielzeit von unter 80 Minuten ergeht er sich nicht in falschen Ambitionen. Ich bezweifle zwar, dass QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO im Original wirklich „gut“ ist, aber die deutsche Synchro macht alles noch viel blöder, allen voran die heimliche Protagonistin Marilyn, die von der mit „nuttig“ noch zurückhaltend beschriebenen Eva Grimaldi gespielt wird (noch blöder ist nur der Kommissar, der der armen Amerikanerin Terry gleich zweimal eine falsche Leiche als ihre Schwester präsentiert). Wie in vielen italienischen Genrefilmen jener Zeit benehmen sich die Charaktere auch hier wie Außerirdische, Gehirnamputierte oder gehirnamputierte Außerirdische – Grundvoraussetzung dafür, dass ein 70 Zentimeter kleiner Zwerg mit angeklebten Hasenzähnen zur apokalyptischen Bedrohung anwachsen kann, die das abrupte Ende herbeifantasiert, das irgendwie alle diese Filme zu verwenden scheinen.

Carnimeos Absturz ist nicht ganz so heftig wie der seiner Kollegen – er gehörte eher zur zweiten Garde der italienischen Filmemacher und erlebte seine Hochzeit in den Sechzigern, als er etliche Italowestern inszenierte – aber vergleicht man QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO mit dem nur fünf Jahre zuvor entstandenen IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA bekommt man doch einen guten Eindruck davon, wie rasant die italienische Filmindustrie zugrunde ging. Sein vorletzter Film ist nicht der allerschlimmste aus jener Zeit und, wie schon erwähnt, mag ich ihn aus mir selbst nicht ganz transparenten Gründen, aber das man eine nahezu 30-jährige Regielaufbahn mit einem Film beenden möchte, in dem Janet Agren einer Kreuzung aus Mensch und Ratte hinterherermittelt, wage ich mal zu bezweifeln.

Ich weiß nicht genau, welche Wirrung des Schicksals dazu geführt hat, dass Margheritis brillanter APOCALISSE DOMANI – was sich in ein freches „Apocalypse tomorrow“ übersetzen lässt – nicht zu den ganz großen Kultklassikern des italienischen Splatterfilms gehört. Gewiss, für Kenner spielt er in einer Liga mit den Zombie- und Kannibalenfilmen all der Fulcis, Lenzis, Girolamis, Deodatos, Matteis, Bianchis oder D’Amatos, aber anders als bei den meisten von diesen hat sich das noch nicht in einer längst überfälligen HD-Heimkinovariante niedergeschlagen. Ist Margheritis meisterlich strukturierter Crossover aus Heimkehrerdrama, Actionfilm, Zombie- und Kannibalenschocker vielleicht einfach zu intelligent, zu ungewöhnlich, zu wenig vorhersehbar, gar zu anspruchsvoll?

Norman Hopper (John Saxon) wird nach seiner Rückkehr aus Vietnam von Albträumen geplagt, in denen er immer wieder mit dem Kannibalismus seiner beiden Kameraden Charles Bukowski (John Morghen) und Tom Thompson (Tony King) konfrontiert wird, die mittlerweile in einer geschlossenen Anstalt einsitzen. Seine Befürchtung: Ist er vielleicht genauso wahnsinnig wie diese beiden? Wie lässt sich seine Lust auf menschliches Fleisch anders erklären? Kurz nachdem Bukowski als geheilt entlassen wird, zettelt er schon ein Blutbad an, zurück in der Klinik gelingt ihm mithilfe Toms und einer infizierten Krankenschwester die Flucht, der sich schließlich auch Norman anschließt. Von der Polizei gejagt, fliehen die vier in die Kanalisation …

Herausragend ist Margheritis Film nicht nur wegen seines ungewöhnlichen und originellen Genrehoppings: Der verlässliche Dardano Sacchetti veredelte das Werk zudem mit einem starken Drehbuch, das immer wieder überraschende Wendungen und Entwicklungen vollzieht und den schwierigen Spagat zwischen adrenalintreibendem Reißer und emotional involvierendem Drama schafft. Schon die Zeichnung des „Helden“ ist hoch interessant: In jedem anderen Film hätte er den Avancen seiner minderjährigen Nachbarin standgehalten, nicht so hier. Man stelle sich nur einen US-amerikanischen Film vor, der seiner Hauptfigur pädophile Neigungen zugesteht, ohne ihm die Sympathien zu entziehen. Normans Angst vor dem Wahnsinn, der immer mehr von ihm Besitz ergreift, ist greifbar, ebenso wie die Abwehrhaltung seiner Ehefrau, die seine Sorgen kleinredet, weil sie nicht mit der Realität konfrontiert werden will. Sehr transparent auch die Isolation der Heimkehrer, die sich keine Hoffnungen auf Verständnis oder gar Unterstützung zu machen brauchen. Es ist ein gängiger Kniff im Horrorfilm, „unsichtbare“ Traumata durch bizarre Mutationen, Deformationen oder Perversionen sichtbar zu machen, aber nicht immer gelingt das so ausgezeichnet wie hier. Saxon und Morghens Mimik und Körpersprache entbirgt die desorientierten, entkernten Veteranen, die sich weder in ihrer alten Heimat noch in ihrem Körper noch zu Hause fühlen können, ihre Wandlung mit einer Mischung aus Furcht, Hilflosigkeit und fiebriger Spannung betrachten und sich letztlich einfach treiben lassen, weil es zu anstrengend ist, den mächtigen Trieben länger Widerstand zu leisten.

Margheriti ist genau der richtige Mann für diesen Stoff: Der vielleicht amerikanischste unter den italienischen Exploitation-Größen weiß einfach, wie er den Film gekonnt auf der Schwelle zwischen Horror und Action hält, die Spannung durch geschickten Wechsel zwischen schnelleren, handlungsgetriebenen und nachdenklicheren, psychologischen Szenen kontinuierlich ansteigen lässt. Der Showdown in der Kanalisation ist angemessen zupackend, lässt aber auch nie einen Zweifel am tragischen Ausgang: Das Bild des traurigen Bukowski, der gnadenlos hingerichtet wird und am Ende statt eines Herzens ein riesiges Loch zeigt, ist nicht nur das Piéce de Résistance, das ein Splatterfilm unbedingt braucht, es erfasst auch die ganze Unerbittlichkeit des Heimkehrerschicksals.

Wie ich im Text zu WU FA WU TIAN FEI CHE DANG bereits gesagt habe, musste APOCALISSE DOMANI am gestrigen Mondo-Bizarr-Abend im direkten Vergleich mit dem Hosensprenger Kuei Chih-hungs etwas zurückstecken, aber das ändert natürlich nichts daran, dass es sich hier um einen herausragenden Genrevertreter seiner Zeit und den vielleicht besten Film Margheritis handelt (das sage ich allerdings, ohne alles von ihm gesehen zu haben). Wer ihn noch nicht kennt, sollte diesen Missstand unbedingt aus der Welt räumen.