Mit ‘Achtzigerjahre’ getaggte Beiträge

Es ist ja doch erstaunlich, dass es auch nach 35 Jahren Filmeschauen, in denen ich vor dem Schrägen, Obskuren, Bescheuerten und Missglückten nicht gerade zurückgescheut bin, immer noch Filme gibt, die mir die Schuhe ausziehen und mir das Gehirn an die Schädeldecke nageln. Zehetgrubers NESSIE hat mich gestern beim Mondo Bizarr verstört, genervt, in die Verzweiflung getrieben, gelangweilt, fasziniert und in dieser Melange auch irgendwie begeistert (nur wiedersehen muss ich ihn erst einmal nicht). Man kann sich als denkender Mensch nur wundern, wie so etwas entsteht. Was dachten die Verantwortlichen und Beteiligten nur, als sie diesen Kram fabrizierten und dann am Ende zum ersten Mal sahen? Waren sie wirklich der Meinung, dass dieser Film mit seiner abscheulichen Titelkreatur – ohne Zweifel ein kläglich gescheiterter Versuch, sich an den im Vorjahr mit großem Erfolg gelaufenen DIE UNENDLICHE GESCHICHTE und den Kuscheldrachen Fuchur anzuhängen – den Ansprüchen des anvisierten Familienpublikums genügte? Dass er dem entsprach, was ein deutsches Kind unter vergnüglicher Unterhaltung verstand? Dass er all das war, was er ohne Zweifel sein wollte: nämlich witzig, turbulent, spektakulär, spannend, fantasievoll, rührend? Oder erkannten sie konsterniert, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Monster geschaffen hatten, einen Film, der so kaputt, missraten und gestört war, dass man ihn zum Schutz der Menschheit eigentlich verbrennen oder besser noch verkapseln und ins Weltall schießen musste? Klar, die Filmgeschichte ist voll mit fürchterlich missglückten, potthässlichen Filmen, sowohl kleinen Billigheimern, bei denen das Versagen auf die Mischung aus zu wenig Geld, ungünstigen Produktionsbedingungen und mangelndem Talent zurückzuführen war, als auch Großproduktionen, bei denen nicht selten aufgedunsene Egos oder die Einmischung der Produzenten verantwortlich waren, wenn etwas unheilvoll schief ging. NESSIE liegt zwischen diesen Extremen: Zehetgruber war im deutschen Film wenn auch gewiss keine Größe, so doch ein Mann, der einige Erfolge vorzuweisen hatte und über langjährige Erfahrung verfügte. Die Besetzungsliste versammelte Profis wie Horst Niendorf, Christian Rode, Ulli Kinalzik oder Gerd Duwner, die, wenn sie auch nicht selbst als Hauptdarsteller in Erscheinung getreten waren, so doch als Nebendarsteller agiert und darüber hinaus als Synchronsprecher etlichen Stars ihre markanten Stimmen geliehen hatten. Ähnliches traf auch auf die „Jungstars“ Oliver Rohrbeck und Tobias Meister zu, die hier allerdings erneut ziemlich eindrucksvoll Zeugnis davon ablegen, warum allein ihre Stimmen zu ihrer Marke wurden. Und auch der Rest der Stabliste ist voller Professionals, die man zwar nicht unbedingt namentlich kennt, die gewiss auch nicht als Meister ihres Faches gelten, die ihr Handwerk aber ohne Zweifel verstanden. Trotzdem geht hier wirklich nichts zusammen.

NESSIE, DAS VERRÜCKTESTE MONSTER DER WELT bedient sich einerseits beim unsterblichen Mythos des Monsters von Loch Ness und verbindet das mit einem tranigen Krimiplot, grauenvoll unwitzigem Humor, hirnrissigen Gimmicks und einem haarsträubenden Monsterdesign zu einem Spektakel, das sich jedem Versuch, ihm mit den Mitteln der Sprache auf den Leib zu rücken, entwindet wie ein in zwei Teile geschnittener Regenwurm. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich die Story, die der Film da erzählt, nicht verstanden habe. Was gewiss nicht an ihrer überdurchschnittlichen Cleverness liegt, sondern eher daran, dass das Gehirn des Betrachters nach einiger Zeit aus reinem Selbstschutz herunterfährt und nur noch Bruchteile dieses nach archaischen alchimistischen Regeln zusammengebrauten Werkes an ihn heranlässt. Es geht um die Tochter der wohlhabenden Campbell-Familie, die durch einen Unfall bei den Mackenzies landet, die in ihrer Werkstatt neben allerlei anderem Firlefanz auch ein Roboternessie zusammengeschraubt haben und damit Unfug treiben. Am Ende kommt irgendwie ein Lösegeld ins Spiel, ein verrückter Bruder (Gerd Duwner), der etwas an Teddy Brewster aus ARSENIC AND OLD LACE erinnert, und natürlich das echte Nessie, eine wahlweise lächerliche bis abscheuliche Effektschöpfung, die vom vollkommen verblendeten Marketing tatsächlich in den Mittelpunkt der Promotion gerückt und als Konkurrenz zum weiter oben erwähnten, ungleich überzeugenderen Flugdrachen Fuchur aufgebaut wurde. Nessie sieht wirklich so beschissen aus wie auf dem Bild da oben, bewegt sich, als leide es an einem schweren Gehirnschaden und macht auch solche Geräusche. Dazu ist es vollkommen nutzlos und bekommt als gerechte Strafe eine Kugel in den Hals (!), an der es aber leider nicht qualvoll verendet. Wenn man den Film im Fieber betrachtet, löst er wahrscheinlich schwere Schäden aus. Dazu wird Rohrbeck, Identifikationsfigur für das jugendliche Publikum, das NESSIE nie zu Gesicht bekam, weil es 1985 schon zu klug war, um sich eine solche Scheiße andrehen zu lassen, dazu gezwungen, sich in einer Tour in einem Jargon zu artikulieren, den Drehbuchautor Zehetgruber offenkundig für authentische Jugendsprache hielt. Es ist einfach nicht zum Aushalten. Alle, wirklich alle humoristischen Versuche des Films scheitern kläglich, was auch deshalb so schmerzhaft auffällt, weil keiner von ihnen auch nur ansatzweise homogen in die Handlung eingebunden wird. NESSIE, DAS VERRÜCKTESTE MONSTER DER WELT hat weniger Lacher als Pasolinis SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA oder IDI I SMOTRI und besteht nahezu ausschließlich aus Schnittmüll, der bei anderen Filmen selbst aus den Outtakes und Bloopers im Bonusmaterial aussortiert worden wäre.

Hauptübeltäter des Films ist ganz ohne Zweifel Zehetgruber, der als Writer-Director wirklich keine Ausrede hat. Aber er bestätigt hier eigentlich auch nur, was man eh schon wusste, wenn man mehr als einen Film von ihm gesehen hat. Man muss seine Fähigkeit, durch einen Wink seiner geübten Hand wirklich alles leblos, träge, lauwarm und langweilig zu machen, ein graues Leichentuch über den Dingen auszubreiten, als außerordentliche Gabe begreifen. Ich kann das gar nicht wirklich beschreiben: Es passiert eine Menge dummes Zeug in NESSIE, trotzdem fühlt man sich bei der Sichtung, als würde man während eines Schneesturms mit Bleischuhen durch Teer laufen, in Richtung eines unbekannten, aber mit jedem Meter uninteressanter und sinnloser werdenden Ziels. Einmal lockert eine aus einem über den See rasenden Helikoper gefilmte Kamerafahrt das rammdösige Tempo des Films auf und diese zwei, drei Sekunden wirken wie der Zug aus der Sauerstoffflasche, nachdem man drei Minuten lang die Luft angehalten hat. Aber weil wir bei Zehetgruber sind, bleibt es bei dieser Ausnahme, geht es danach sofort weiter in diesem Trantütentempo, das an einen langweiligen Schunkelschlager erinnert, der zu langsam abgespielt wird. Ich weiß nicht, ob Zehetgruber einfach nur schlampig war: Er war deutlich zu lang im Geschäft, als dass man seine Tätigkeit auf einen Irrtum zurückführe könnte, was nahelegt, dass er eine sehr spezielle Weltsicht und Ästhetik sein eigen nannte. Dafür sprechen auch solche Absonderlichkeiten wie das von Ilja Richter angeführte Fernsehteam, das nur aus ihm besteht und seinen Bericht über das sensationelle Seeungeheuer Nessie offensichtlich ohne Kameras zu produzieren gedenkt. Was passiert da eigentlich, um Himmels willen? Gibt es diesen Film wirklich oder habe ich ihn nur geträumt? Es ist einfach nicht in Worte zu fassen. Unter den vielen, vielen rätselhaften Scheißfilmen, die die Filmgeschichte hervorgebracht hat, nimmt NESSIE tatsächlich einen Sonderplatz ein.

Ich habe meistens Mitleid mit Filmen, die scheitern, weil ich die Träume sehe, die hinter ihnen stehen, aber hier empfinde ich es als tröstlich, zu wissen, dass die Zahl der Kinder, die sich in Erwartung eines großen, spannenden, die Fantasie anregenden, herzerwärmenden Spektakels in eine Vorführung von NESSIE verirrten und so traumatisiert, geschädigt, für die Verlockungen des Kinos auf ewig verloren und schlicht um 90 Minuten Freude betrogen wurden, sehr überschaubar blieb. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn vor mir, diesen blässlichen Jungen namens Torben, der nie zu den Coolen gehörte, aber dann zum achten Geburtstag all seine Freunde in eine Vorstellung von NESSIE mitnehmen durfte. Die Vorfreude war groß, endlich würde er dazugehören. Aber er kam als Gebrochener aus dem Kino, als Außenseiter, man hatte ihm einen Tag gestohlen, der ein Triumph hätte sein sollen und stattdessen in einem Trauerspiel endete. Seine vermeintlichen Freunde redeten nie wieder über NESSIE und eingeladen hat ihn danach auch keiner mehr. Keine Ahnung, was aus Torben geworden ist. Dieser Text ist auch für ihn. Ich verstehe Torben und weiß, warum er manchmal auf die Welt schaut und nur Enttäuschung fühlt. Es ist der Zehetgroove. Nicht jeder kann ihn fühlen. Es braucht besondere Antennen dafür. Und irgendwann, wenn man alt genug ist, kommt man damit klar. Dann kann er einem nichts mehr anhaben. Und die Sichtung von NESSIE, die ist wie diese Narbe, die man sich man selbst zugefügt hat und die einen stärker macht, wenn man sie betrachtet.

geschenktipp #1

Veröffentlicht: November 30, 2019 in Film
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I done did it again. Für das Mediabook von Eric Reds COHEN & TATE habe ich das Booklet beigesteuert. Der Film ist ein vielbesungener, aber selten gesehener kleinen Actionthriller und das überaus gelungene Regiedebüt des Mannes, der zuvor die gefeierten Drehbücher zu THE HITCHER und Kathryn Bigelows NEAR DARK geliefert hatte. Basierend auf einer Kurzgeschichte von O. Henry schuf er mit COHEN & TATE einen arschtighten, spannenden Reißer, wie sie heute leider nicht mehr gemacht haben. Wer ihn noch nicht kennt, kann ihn sich in dieser Fassung getrost zulegen.

Was man hatte, weiß man erst, wenn man es nicht mehr hat. Das trifft auch auf die spezielle Spielart des actionlastigen Hochglanz-Thrillers zu, die Hollywood bis in die frühen Neunzigerjahre produzierte, bis diese dann schließlich aus der Mode kamen. THE PRESIDIO vom hier vielfach gepriesenen Peter Hyams, einem der Spezialisten der Form, ist einer der Vertreter und buhlte im Jahr 1988 um die Gunst der Kinozuschauer. Verglichen mit den heutigen Eventmovies wirkt THE PRESIDIO geradezu klein und unspektakulär, aber vor 30 Jahren wurde er tatsächlich mit einigem Nachdruck beworben. Er war nicht unbedingt eine große Sache, aber doch ein Titel, von dem sich Paramount einiges versprach: Sean Connery war einer der größten Filmstars überhaupt, von Mark Harmon erhoffte man sich immer noch, er könne vielleicht ein zweiter Tom Cruise werden und Meg Ryan stieg in jener Zeit zu einer der gefragtesten weiblichen Darstellerinnen auf. Das Drehbuch stammte von Jay Ferguson, der die Scripts zu HIGHLANDER und BEVERLY HILLS COP II auf dem Kerbholz hatte. Der Aufwand zahlte sich dann leider nicht so aus wie erhofft, auch wenn THE PRESIDIO nicht unbedingt als „Flop“ zu bezeichnen ist.

Die Geschichte ist angenehm unaufdringlich: Auf dem Armeestützpunkt Presidio in San Francisco wird eine Militärpolizistin erschossen, die einen Einbrecher auf frischer Tat ertappt hatte. Zur Ermittlung wird der Cop Jay Austin (Mark Harmon) abgestellt, der den Militärdienst vor einigen Jahren nach einem Zwischenfall quittiert hatte. Er nimmt Kontakt zu Lieutenant Colonel Alan Caldwell (Sean Connery) auf, der damals maßgeblich zu Austins Entscheidung beitrug, als er ihn nach einem Disziplinarverfahren degradierte. Dass der Cop eine Liebesbeziehung mit Donna (Meg Ryan), der Tochter Caldwells anfängt, verkompliziert die Beziehung der beiden Männer, die sich dann aber zusammenraufen, um den Mordfall zu klären.

Fergusons Script ist eine einzige Ansammlung von Klischees, denen Hyams leider kein Leben einflößen kann: Die Freundschaft zwischen den ungleichen Männern, hier der aufbrausende, undiszplinierte Cop, da der konservative, im Krieg gestählte alte Hund, die ihre Antipathie überwinden müssen und schließlich zu Freunden werden. Die zwischen beiden stehende Frau, die in der Rebellion gegen das rigide System des Vaters über die Stränge schlägt. Es gibt die Nebenrolle des väterlichen Freundes, die zu namhaft besetzt ist, weshalb man weiß, dass er Bestandteil einer großen Überraschung im dritten Akt ist. Gewürzt wird das alles mit Verfolgungsjagden und Schießereien, bis der Täter aus dem Hut gezaubert wird. Das alles kennt man, meist aus besseren Filmen, auch wenn die vielleicht nicht immer so makellos aussahen wie THE PRESIDIO. Man merkt Hyams‘ Filmen immer an, dass er von der Kamera kam – und das ist es auch, was diesen schwächeren Film von ihm noch sehenswert macht. Die nächtliche Auftaktsequenz ist ein Augenschmaus mit ihren satten Farben und der spannungsreichen Ausleuchtung, überhaupt trägt die Kulisse San Franciscos viel dazu bei, dass man sich THE PRESIDIO gut anschauen kann und sich nicht langweilt, selbst wenn man jederzeit genau weiß, was als nächstes passieren wird. Aber speziell der ganze Beziehungskram sorgt für einiges Augenrollen: Mark Harmon ist definitv kein zweiter Tom Cruise und für die Rolle des toughen Street Cops zu langweilig und irgendwie auch zu spießig – als berechnender Jurist/Serienmörder Ted Bundy in Marvin Chomskys TV-Film THE DELIBERATE STRANGER war er ungleich besser besetzt. Meg Ryans Rolle ist viel zu unterentwickelt, um über die peinliche Männerfantasie hinauszukommen: Die Sequenz, in der sie sich mit Jay eine wilde Verfolgungsjagd durch die Küstenstadt liefert, um ihn dann auf der Motorhaube ihres Sportflitzers zu verführen, wirkt 30 Jahre später nur noch peinlich. Und Caldwells abschließende, tränenreiche Rede am Grab des toten Freundes hebelt fast den ganzen Film aus.

Aber wie weiter oben gesagt: Ich vermisse diese von echten Routiniers gefertigten Unterhaltungsmaschinen, die im Wesentlichen noch durch ehrliches Handwerk bestachen. Insofern betrachte ich auch die knapp 100 Minuten, die ich mit THE PRESIDIO verbracht habe, nicht als verschwendet.

Interessant: MAN ON FIRE, das Original zu Tony Scotts ziemlich geilem Denzel-Washington-Remake, hätte eigentlich damals schon vom mittlerweile verstorbenen britischen Filmemacher gedreht werden sollen. Die Produzenten machten dann aber einen Rückzieher, weil Scott ihnen noch nicht profiliert genug war – was angesichts der Tatsache, dass der heute völlig vergessene Chouraqui auch nur vier Filme in der Hinterhand hatte, eine etwas seltsame Begründung ist. Ursprünglich waren sogar mal Sergio Leone und Robert De Niro für den Film vorgesehen, bevor dann Scott ins Spiel kam, der die Hauptrolle gern mit Marlon Brando oder Robert Duvall besetzt hätte. Am Ende wurde mit Chouraqui und Glenn eine etwas preisgünstigere Variante gewählt, aber dem fertigen Film tut das keinen Abbruch. MAN ON FIRE war lange Zeit nur schwer erhältlich, einer jener Titel aus den Achtzigerjahren, die damals – wohl auch aufgrund fehlender Superstars – unter dem Radar geflogen waren und die das Pech hatten, dabei keinen Kultstatus eingeheimst zu haben, der so vielen seiner Zeitgenossen mit dem Aufkommen der digitalen Medien einen zweiten Frühling bescherte. Ich war bei meiner jetzigen Erstsichtung ziemlich überrascht, denn ich hatte MAN ON FIRE immer für einen US-Film gehalten. Tatsächlich spielt der Film nicht nur ausschließlich in Italien – gedreht wurde an Originalschauplätzen in Rom, Mailand und am Comer See sowie in Cinecittà -, es handelt sich um eine italienisch-französische Co-Produktion, deren Hauptrollen aber mit einem ziemlich beachtlichen englischsprachigen Cast besetzt sind – der dann aber mit Ausnahme von Glenn nicht allzu viel zu tun bekommt. MAN ON FIRE bildet einen kulturellen Crossover, der ihn schon per se einmal spannend macht: Die Story könnte man als „amerikanisch“ beschreiben, aber die melancholische Stimmung, die die von Gerry Fisher eingefangene Bildwelt zusammen mit dem tollen Score von John Scott evoziert, sind sehr europäisch. Wer einen harten, schnellen Reißer erwartet, dürfte eher enttäuscht werden, zumindest sofern er nicht empfänglich für diese sehr besondere Atmosphäre des Filmes ist oder aber die Bereitschaft mitbringt, sich umzustellen.

Die Geschichte ist der von Scotts Remake – wie könnte es auch anders sein – sehr ähnlich: Der kriselnde Ex-CIA-Mann Creasy (Scott Glenn) wird von einer reichen italienischen Familie angeheuert, die zwölfjährige Tochter Samantha (Jade Malle) zu bewachen. Creasy, der nie eine Tochter hatte, und aus Angst vor einem Versagen davor zurückscheut, emotional zu sehr involviert zu werden, wird schließlich zum engsten Vertrauten und Freund des Mädchens, das von den schwer beschäftigten Eltern stark vernachlässigt wird. Als Verbrecher Creasy das Mädchen förmlich aus den Händen stehlen, zerreißt es ihn fast: Es setzt alles auf eine Karte, um Samantha aus den Händen der Kidnapper zu befreien.

Den Grundstein für diese morbid-melancholische Stimmung, die den Film am ehesten charakterisiert, legt Chouraqui schon in den ersten Sekunden: Der tote Creasy spricht aus dem Jenseits zu uns, während Journalisten und Polizisten in Zeitlupe um ihn herumreiten und Vorhänge wie Trauerschleier im Wind wehen, und er liefert uns die Geschichte seines Schicksals in einer langen Rückblende. MAN ON FIRE ist ein Film über den Tod, das zeigt sich in den Bildern verfallender Renaissance-Villen, durch die ihre Bewohner ziellos schlafwandeln, der maroden italienischen Städte und des Regens, der das bucklige Kopfsteinpflaster zum Glänzen bringt. Der Held ist kein charmanter oder wenigstens positiv exzentrischer Enthusiast, sondern ein widerwilliger Eigenbrötler, der mit jeder Faser seines Körpers zum Ausdruck bringt, dass er sich am falschen Platz fühlt, sich selbst nicht mehr vertraut und das ganze Leben als Enttäuschung und Belastung empfindet. Scott Glenn, dessen Qualitäten eher nicht in ausufernden Gefühlsausbrüchen liegen, sondern in dieser stählernen Unterkühltheit, ist die Idealbesetzung für Creasy, einen Mann, der so viel Scheiße gesehen hat, so viele dreckige Jobs erledigen musste, dass er sich selbst dafür hasst, Und Chouraqui findet einen Inszenierungsstil, die seinem Hauptdarsteller wie auf den Leib geschneidert ist. MAN ON FIRE Ist ein einziger slow burn, ein Film der diesen einen Moll-Akkord so lange und ausdauernd anschlägt, bis er zum hypnotischen Mantra wird. Es dauert lang, bis es zum Rachefeldzug kommt, den der Titel verkündet, und auch dann wird MAN ON FIRE nicht zum krawalligen, temporeichen, kathartischen Spektakel. Die Befreiungsaktion vollzieht sich eher unspektakulär und Creasy walzt nicht mit der Autorität eines Steven Seagal oder Schwarzeneggers durch den Film: Es sind nicht Unbesiegbarkeit und Unverwundbarkeit, die ihn auszeichnen, er ist kein Superheld und man muss ihm sogar unterstellen, dass er arg unvorsichtig und sorglos vorgeht: Ihm ist es einfach scheißegal, was mit ihm passiert, ob er angeschossen oder abgestochen wird. Er wird einfach so lange weitergehen, bis er Samantha gerettet hat. Er hat nichts zu verlieren außer diesem Mädchen.

Chouraqui schuf mit MAN ON FIRE ein Stück Ambient-Action, das in seinem Bereich nicht allzu viel Konkurrenz hat und sehr anmutig auf dem schmalen Grat zwischen Slickness und Dreck wandelt. Man kann die Melodramatik von MAN ON FIRE ganz sicher auch hochgradig kitschig finden, aber ich finde, das der Regisseur nicht zuletzt dank seines Casts sehr gut die Kurve kriegt. Unterschwellig ist das Teil sogar kompletter Wahnsinn: Da agieren Akteure wie Pesci, Pryce, Aiello, Adams oder Shenar in Bit Parts in einem edel aussehenden Prestigefilm, der Mitte der Achtziger aber vollkommen an jedem Publikum vorbeizielte. Geil, dass es ihn gibt.

Oh Mann, habe ich doch glatt NACH DER WÖLFE vergessen, den ich letzte Woche im Rahmen des Mondo Bizarr Double Features im Kino bewundern durfte. Aber besser spät als nie, gell? Der Film von Rüdiger Nüchtern, Mitbegründer des Filmverlags der Autoren, ist nämlich durchaus bemerkenswert – und leider zu Unrecht vergessen. Nicht nur ist er ein herrliches Zeitdokument, das den Blick in eine Zeit ermöglicht, in der Jugendliche noch „dufte“ sagten, Musikkassetten im Elektroladen erstanden oder sich in der örtlichen Eisdiele trafen, er behandelt sein Thema auch ganz ohne anstrengenden Sensationalismus.

In der Pariser Straße in München regieren die „Revengers“, eine sogenannte „Rockerbande“ oder auch einfach nur eine Gruppe von gelangweilten, zur Kleinkriminalität neigenden Jugendlichen, die an den Jacken oder Westen mit dem auffälligen Rückenaufnäher zu erkennen sind. Als eine türkische Gastarbeiterfamilie in der Pariser Straße einzieht und dort einen Lebensmittelladen eröffnet, erregt das sofort die Aufmerksamkeit der Halbstarken, die noch gesteigert wird, als sich die Türken ebenfalls in einer Bande, den „Blutadlern“, organisieren. Zunehmend angepisst von dem sinnlosen Hass sind Daniela (Daniela Obermeir), die mit dem gewalttätigen Duke (Karl-Heinz von Liebezeit) liiert ist, und der junge Türke Dogan (Ali Arkadas), der als erster die Fäuste der Revengers zu spüren bekommt. Die beiden nähern sich an.

Dass es zur großen grenzüberschreitenden Liebesgeschichte nie kommt, beschreibt Nüchterns Film schon recht gut. Große dramaturgische Bögen vermeidet er, konzentriert sich eher auf die unverstellte, authentische Beobachtung des relativ drögen Alltags, in dem es wenig Platz für echte Verpflichtungen wie Schule, Arbeit oder Familie gibt, aber dafür viel Zeit für Langeweile und schwachsinnige Ideen. Schon dieses Festhalten an der eigenen Straße, auf der kein anderer eine „Jacke“ tragen darf, ist reichlich absurd, aber es ist genau jenes Revierdenken, das die Grundlage für einen Bandenkrieg stiftet. Das Konzept ist Popkultur-Interessierten vor allem aus dem Hip-Hop geläufig, aber hier wirkt das alles noch so rührend naiv und infantil – auch wenn es am Ende in eine Tragödie führt. Eine der Ursachen dafür, dass es diesen Eindruck macht, ist zum einen die wie aus der Zeit gefallen erscheinende Jugendsprache, zum anderen die Tatsache, dass die Welt 1982 noch nicht in tausend Subkulturen aufgesplittert war. Die Halbstarken hören hier denselben Altherrenrock wie ihre Väter in den Seventies, auf dem Plattenteller drehen sich erst die deutschen Judas-Priest-Epigonen von Accept und anschließend The Police, ohne dass das einen großen Stilbruch darstellt. Getrunken wird Dosenbier, härterer Stoff ist auffallend abwesend. In der schönsten Szene des Films rempeln sich die beiden Revengers Duke und Mex (Fritz Gattungen) in der Eisdiele zu Rockmucke aus der Musikbox an, minutenlang, in einer abgemilderten, unentschlossenen, spielerischen Variante des Pogo. Irgendwann tritt die süße Anschi (Sabine Gundlach) hinzu, um mitzumachen. Aber sie stört den Kreis: Duke und Mex verharren, schauen verlegen auf Anschi, die ebenso verlegen zurückschaut. Dann ist das Lied zu Ende und die ganze Situation löst sich in Schweigen auf. Der Kinosaal lachte laut, aber es war nicht dieses ätzende SchleFaZ-Lachen, sondern ein Lachen der Vertrautheit: Nüchtern fängt die Banalität des Lebens so wunderschön ein, das kann man eigentlich gar nicht stellen. Dass die Darsteller allesamt unverbrauchte junge Gesichter sind, die auch später nur noch selten in Erscheinung tragen, trägt viel zum Charme des Filmes bei. Es wird viel rumgehangen, werden große Reden geschwungen, alle machen sich in der ein oder anderen Form zum Affen, aber alle nehmen sich dabei selbst unheimlich wichtig, wirken dabei aber stets glaubwürdig. Daniela hat diesen leicht verschlafenen, dabei aufmüpfigen Nena-Blick, mit dem sie unter ihrem hinreißenden Pony hervorschaut, ein prototypisches Achtzigermädel: Sie ist genervt von allem um sie herum, vor allem vom affigen Gehabe der Typen, kennt aber noch keine Alternative. Aber eigentlich spielen sie alle Rollen von gestern, eifern überkommenen Vorbildern nach und steuern geradewegs auf das Nichts zu. Die Männer sind in der besseren Situation, weil für sie die Position der Macher vorgesehen ist, aber das hindert sie eben auch daran, etwas zu ändern. Sie steuern sehenden Blickes in die Katastrophe, mit der der Film endet, unfähig, den Rückwärtsgang einzulegen oder auch nur das Steuer herumzureißen.

Rüdiger Nüchtern drehte noch einen anderen Jugendfilm, den in Bayern wohl relativ gut beleumundeten SCHLUCHTENFLITZER, dessen Trailer wir im Vorprogramm von NACHT DER WÖLFE bewundern durften. Auch der sah sehr interessant aus. Um nicht zu sagen: „dufte“.

 

Dieses ziemlich seltsame Burt-Reynolds-Vehikel heißt auf Deutsch HEAT – NICK, DER KILLER, ein Titel, den ich bei seiner Ankündigung in einer TV-Zeitschrift als HEAT-NICK, DER KILLER misslas. Ich finde es ja fast ein bisschen schade, dass die deutsche Titelschmiede die Chance fahren ließ, Burt Reynolds‘ Charakter den Spitznamen „Heat-Nick“ zu verpassen, es hätte zum Film auf jeden Fall gepasst.

HEAT basiert auf einem Roman des renommierten Autoren William Goldman, das er dann selbst für die Verfilmung adaptierte. Zu den Credits des Mannes zählen unter anderem solche illustren Titel wie BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID, PAPILLON, ALL THE PRESIDENT’S MEN, THE MARATHON-MAN, THE PRINCESS BRIDE oder MISERY, um nur einige zu nennen, was vielleicht erklärt, warum ursprünglich Robert Altman als Regisseur vorgesehen war. Der Altmeister absolvierte aber nur einen einzigen Drehtag, weil sein Stammkameramann Pierre Mignot kein Visum erhielt. Es war der Anfang einer ganzen Reihe von Komplikationen, die wohl dazu führten, dass HEAT so einen unfassbar holprigen Gesamteindruck macht. Insgesamt waren angeblich nicht weniger als sechs Regisseure an dem Film beteiligt. Für Dick Richards, der irgendwann übernahm und sich mit seinem Star so heftig in die Wolle bekam, dass dieser ihm den Kiefer brach, bedeutete das Engagement sogar das Karriereende. Für ihn sprang dann schließlich Jerry Jameson ein, der fast ausschließlich für das Fernsehen gearbeitet hatte, unter anderem für Serien wie CANNON, THE SIX MILLION DOLLAR MAN oder IRONSIDE, aber auch den stulligen AIRPORT ’77 zu verantworten hatte. Burt Reynolds nahm das Fiasko gelassen, gab irgendwann mal zu Protokoll, dass Filme wie MALONE oder eben HEAT wahrscheinlich nicht der heißeste Scheiß seien, ihm aber auch keinen wesentlichen Schaden zufügen würden. Wenn man ehrlich ist, befand er sich ja bereits seit den frühen Achtzigerjahren wenn schon nicht im freien Fall, so doch auf jeden Fall auf dem absteigenden Ast. Was HEAT hätte sein können, wenn ihm eine halbwegs normale Produktionsgeschichte zuteil geworden wäre, lässt sich aus dem orientierungslosen Tohuwabohu des fertigen Films kaum rekonstruieren. Irgendetwas müssen die Produzenten in dem Drehbuch Goldmans ja gesehen haben, nur was, das steht in den Sternen. Rund 30 Jahre später wurde der Roman unter dem Titel WILD CARD noch einmal verfilmt, diesmal mit Jason Statham in der Hauptrolle. Ich werde mir den bei Gelegenheit mal zu Gemüte führen, vielleicht verstehe ich HEAT dann ja retroaktiv besser.

Wie dem auch sei: Reynolds ist Nick Escalante, angeblich ein ehemaliger Söldner, zumindest behauptet das Wikipedia, der sich nun in Las Vegas als Privatdetektiv und Bodyguard verdingt und Kontakte zum organisierten Verbrechen hat. Sin City löst bei ihm Kopfschmerzen aus, weshalb er sich nach Venedig absetzen will, doch dafür benötigt er 100.000 Dollar. Hier könnte sich nun eine zielstrebig erzählte Geschichte über einen Auftrag für Nick anschließen, mit dem er das benötigt Geld verdienen will, stattdessen setzt es eine lose verbundene Abfolge von Episoden, die angerissen und fallen gelassen werden, am Ende aber doch zum Happy End in der Lagunenstadt führen. Der Ton changiert wüst von reißerisch über komisch bis hin zu depressiv-dramatisch, ohne dass es jemals Sinn ergeben würde. HEAT beginnt leichtfüßig mit einer Szene, in der Nick eine Frau in einer Kneipe auf schmierigste Art und Weise anbaggert und dann von deren schmächtigem Freund in die Schranken verwiesen wird. Das Ganze entpuppt sich in der nächsten Szene als abgekartetes Spiel: Der Freund hatte Nick engagiert, um seiner Freundin etwas vorzugaukeln und sie so an sich zu binden. Als nächstes beauftragt Nick der Milchbubi Cyrus Kinnick (Peter MacNicol), ihn beim Glücksspiel zu beschützen, was angesichts der lächerlichen Beträge, die er setzt, vollkommen sinnlos erscheint. Das bemerkt dann immerhin auch Nick. Wieder zu Hause wird er von seiner Freundin Holly (Karen Young) aufgesucht, einem Callgirl, das von seinem Freier, dem Gangster Danny DeMarco (Neill Barry), vergewaltigt und dann von dessen Leibwächtern übel verdroschen wurde. Nick gewandet sich in ein bizarres Pimpkostüm, schickt sich selbst als Strafzettel und nimmt dem Schmierlappen 20.000 Dollar ab, die Holly ihrem Beschützer überlässt. Das Geld setzt Nick im Casino ein und erhöht sein Vermögen schnell auf die 100.000, die er eigentlich braucht. Ende gut, alles gut? Nein, denn aus 100.000 könnte er ja auch 250.000 machen. Nick verliert alles und wird als nächstes wieder mit DeMarco konfrontiert. Es kommt zum Kampf, bei dem ihm Cyrus das Leben rettet und schwer verwundet wird. Am Ende reisen beide zusammen nach Venedig, denn das sich als ausgesprochen wohlhabend entpuppende Weichei hat einen Narren an Nick gefressen und überlässt ihm gern einen Teil seines Vermögens.

Ich versuche ja eigentlich, hier von ausufernden Inhaltsangaben und Zusammenfassungen abzusehen, weil das für mich genauso öde ist wie für meine Leser, aber im Falle von HEAT erscheint es mir durchaus als sinnvoll, mal eine Ausnahme zu machen. Der Film ist all over the place, mal Komödie, dann wieder Crimefilm und Zockerdrama, ein bisschen Neo-Noir über den ausgebrannten, desillusionierten Profi und am Schluss harter Actionreißer. Vor allem von letzterem serviert Richards aber leider viel zu wenig: Wenn Nick endlich zu Heat-Nick, dem Killer, wird, Bösewichte mit gezieltem Stahlstangenwurf an einem Stromkasten aufspießt, Leute anzündet, indem er sie mit Benzin übergießt und dann die Hängelampe über ihnen mit einem Sprungkick zertritt, sodass Funken hinabregnen, oder auch Kreditkarten als Schlitzinstrumente zweckentfremdet, kommt erhebliche Freude auf (die auch der fragwürdige Schnitt nicht ruinieren kann). Diese Freude ist aber nie von Dauer, weil als nächstes ein kompletter Genre- und Stimmungswechsel ansteht. Immer, wenn man denkt, dass es jetzt interessant werden könnte, gibt es einen harten Bruch und eine schlechte Idee. Dass Reynolds‘ angeborene Souveränität hier die Grenze zur Indifferenz deutlich überschreitet, trägt auch nicht gerade dazu bei, dass man dem Geschehen mit schlotternde Knien beiwohnt. Am Ende ist HEAT vor allem eine Kuriosität, wie sie sich Hollywood heute komplett abgewöhnt hat. Reynolds kam mit dem deutlich besseren MALONE zurück, danach ist sein Output eher zum Weglaufen, wobei ich RENT-A-COP auch immer mal sehen wollte. Der hat bestimmt auch so einen geilen Saxophon-Score wie HEAT.

 

Ein wiederkehrendes Thema meiner Texte in diesem Blog ist das unabsichtliche Einschlafen während meiner Filmsichtungen. Das passiert in den letzten Jahren immer häufiger, wobei ich differenzieren muss zwischen Filmen, die ich gern sehen würde, aber bei denen mich die Müdigkeit übermannt, und solchen, die ich mehr oder weniger in dem Wissen einwerfe, dass ich sie eh nicht durchhalten werde und zum Einschlafen einlege. ROADIE, der schon seit Jahren ungesehen bei mir im Schrank rumsteht, gehört eher zur letzteren Kategorie und hält wahrscheinlich den Rekord für die meisten schlafbedingten Abbrüche und Neuanfänge. Ich habe nicht mitgezählt, aber ich versuche seit einem guten Monat, diesen Film zu schauen, wieder und wieder. Ich habe den Film bestimmt fünfmal an ein und derselben Stelle wieder aufgenommen, weil ich bereits zehn Minuten später bereits eingepennt war. Zum Zeitpunkt, zu dem diese ersten Zeilen geschrieben wurden, hatte ich es immerhin bis ungefähr zur Mitte und zum Auftritt von Debbie Harry geschafft. Erstaunlich daran ist, dass mir das den Film nicht komplett verleidet hat. Heute morgen habe ich das Langzeitprojekt dann endlich erfolgreich beenden können.

Ich bin nicht gerade ein intimer Kenner von Rudolphs Werk, habe vor bestimmt 20 Jahren mal seinen Aliens-infizieren-Kühe-Wissenschaftsschocker ENDANGERED SPECIES gesehen und kann sonst nicht viel zu ihm sagen, aber beim Blick auf seine Filmografie scheint ROADIE schon ein Außenseiter zu sein: Es handelt sich um eine schrille, überdrehte, comicartige, bisweilen satirische im Musikbusiness angesiedelte Komödie mit vielen Gastauftritten, die man zur leichteren Orientierung durchaus mit John Landis‘ BLUES BROTHERS bezeichnen könnte (die Blues Brothers haben auch einen kleinen Cameo-Auftritt, der aber nicht von John Belushi und Dan Aykroyd, sondern von zwei Lookalikes absolviert wird). Der Titelcharakter ist Meat Loafs liebenswert-einfacher Redneck und Lkw-Fahrer Travis Redfish, der durch Zufall zum Roadie wird und sich in das minderjährige Groupie Lola Bouillabaisse (Kaki PORKY’S Hunter) verliebt, die es sich wiederum in den Kopf gesetzt hat, von Alice Cooper entjungfert zu werden und den dicken Träumer damit fürchterlich verprellt. Am Ende kriegen sich die beiden dann aber doch, denn wie Cheap Trick im Quasi-Titelsong singen „Everything will work out if you let it“, aber dann kommt ihnen ein UFO in die Quere, das die Hilfe des Roadies braucht, um weiterfliege zu können.

ROADIE springt von der einfach strukturierten, aber ziemlich seltsamen Hillbilly-Welt Travis‘ geradewegs in den Wirbel des L.A.-Showbiz mit seinen Cokeheads, größenwahnsinnigen Promotern, verpeilten Hängern, sensiblen Stars und coolen Profis und macht seinen unwahrscheinlichen Protagonisten, ein Kleinkind im Körper eines Bären, zu einer Art unterbelichtetem, aber überirdisch begabtem Messias der Bühnentechnik. Der Film beginnt im texanischen Hinterland, wo Travis mit seinem Schrotthändler-Papa Corpus Redfish (Art Carney) und seiner an Popeyes Olive Oil erinnernden Schwester Alice Poo (Rhonda Bates) das mit unzähligen Röhrenfernsehern und anderem Elektroschrott vollgestellte Haus der Familie Sawyer aus Tobe Hopes THE TEXAS CHAINSAW MASSCARE bewohnt (noch eine Parallele zum Klassiker: Gürteltiere). Travis ist ein gutmütiger Simpleton, der einen Cowboyhut trägt, zu Countrymusic das Bein schwingt, mit Kumpel B. B. Muldoon (Gailard Sartain) im Biertruck herumfährt und von der Welt da draußen noch nicht viel mitbekommen hat. Das ändert sich, als er Lola und sie ihn wie ein Blitzschlag trifft. Sein technisches Genie kommt dem Konzertpromoter Mohammed Johnson (Don Cornelius) gerade recht und so rettet Travis zum Beispiel mit Kuhdung den Tag, als Konservative einem Festival den Strom abdrehen. ROADIE strickt an dem beliebten Mythos, dass es die Leute im Hintergrund sind, die den Rockzirkus eigentlich am Laufen halten, Groupies wie Lola, die sich als „spark plug“ bezeichnet, die mit dem Rock’n’Roll die „greatest energy in the world“ entfesseln, oder eben Roadies wie Travis, die die technischen Mittel bereitstellen und letzten Endes die Grundlage für die Rock-Poeten schaffen, denen die Herzen so oder so zufliegen.

ROADIE ist all over the place, aber er wird eben auch von dieser Energie, die er besingt, zusammengehalten. Auf dem Soundtrack geht alles drunter und drüber, stehen New-Wave-Acts wie Blondie (die dann aber „RIng of Fire“ intoniert) oder Pat Benatar neben mal mehr, mal weniger schnarchigen Country-Acts wie Hank Williams jr., Asleep at the Wheel oder Eddie Rabbit, dem Quasi-Punk Alice Cooper – der den Karriereknick schon hinter sich hatte, aber noch kurz vor dem Totalabsturz stand -, den Classic-Rockern von Cheap Trick und einer Legende wie Roy Orbison, der auch einen kleinen Gastauftritt absolviert. Zu dem Tohuwabohu aus Verfolgungsjagden, Musiknummern, hirnrissigen Dialogen, einer Szene, in der Waschmittel mit Kokain mit den erwartbaren Folgen verwechselt wird, und anderem Quatsch passt auch das Finale mit dem UFO, das man nicht zu Gesicht bekommt, weil es zuvor bei einer Panne zerstört wurde. Die größte Entdeckung ist die Soul Train-Ikone Don Cornelius, die großes Vergnügen mit seinem an Don King angelehnten Zampano hat: „I’m gonna rape you career!“ Auch Alice Cooper, der so gar nicht dem Bild des unchristlichen, unmoralischen Punks entspricht, das Lola sich von ihm gemacht hat, nutzt seine paar Minuten Screentime für eine Darbietung, die deshalb denkwürdig ist, weil sie kaum richtig auffällt. Das passt: ROADIE nicht wirklich gut, aber er ist auf durchaus interessante und nicht unsympathische Art und Weise anders. Er lebt in seiner eigenen Welt, wie Lola und Travis.