Mit ‘Achtzigerjare’ getaggte Beiträge

Jeanne (Sandrine Bonnaire) kommt auf ihrer ersten Reise aus ihrer Heimat im Norden Frankreichs in die Mittelmeerstadt Toulon: Anlass ist die Hochzeit ihrer Schwester Maité (Christine Paolini), aber eigentlich möchte sie ihren jüngeren Bruder nach Hause holen, den taubstummen Alain (Stéphane Onfroy), den sie seit dem Tod der Eltern versorgt und der den Sommer über bei der Schwester war. Doch kaum, dass sie ihm von ihren Plänen berichtet hat, ergreift er die Flucht. Auf der Suche nach ihm begegnet sie Stéphane (Simon de la Brosse), der nach einem Unfall daran arbeitet, wieder der alte zu werden. Nach einem Anschlag auf sein Leben hatte er im Koma gelegen. Über die genaueren Umstände schweigt er sich zunächst aus. Doch nach und nach kommt Jeanne hinter sein Geheimnis: Stéphane hatte sich als Mitglied einer nationalistischen Vereinigung mit dem jungen Nordafrikaner Said (Abdellatif Kechiche) angelegt. Said unterhielt nicht nur eine Affäre mit dem Dirigenten Klotz (Jean-Claude Brialy), sondern auch eine enge Freundschaft mit Alain. Und auch Jeanne ist von ihm fasziniert …

Sein politisches Thema wird in LES INNOCENTS nie explizit verhandelt. Stéphanes ausländerfeindliche Gesinnung bleibt ungenannt und Begriffe wie „rechts“, „nationalistisch“, „rassistisch“ etc. kommen nie vor. Wahrscheinlich, weil solche Zuschreibungen nach Téchinés Überzeugung eh unzureichend sind. Hinter politischen Überzeugungen stecken persönliche, psychologische Gründe, die man verstehen muss, wenn man vom Weg des Humanismus Abgekommene wieder zurückholen will. Ob man das für richtig oder praktikabel hält, möchte ich hier nicht diskutieren. Im Fall Stéphanes jedenfalls scheint es einleuchtend, sein „Engagement“ als Akt der Provokation oder auch als Ausdruck einer richtungslosen Wut zu begreifen. Er scheint selbst am wenigsten zu verstehen, was er da eigentlich getan hat. Es ist erst diese schwer zu beschreibende Mischung aus Weichheit und Bestimmtheit Jeannes, die ihn sich öffnen lässt. Aber da sind die Zahnräder schon in Bewegung geraten und es ist zu spät, noch etwas zu ändern.

LES INNOCENTS erzählt sehr viel mehr über seine Atmosphäre, Stimmungen, Blicke und die Art, wie sich seine Charaktere bewegen, als über Plot oder Aktion im klassischen Sinne. Wie schon in den zuvor gesehenen Filmen Téchinés – vor allem LES ROSEAUX SAUVAGES und HÔTEL DES AMERIQUES – spielt auch der Schauplatz wieder eine wichtige Rolle: Toulon sieht mit seinen sandfarbenen Häusern und den staubigen Straßen aus wie ein über das Mittelmeer gerückter Vorposten Nordafrikas. Jeanne behauptet erst, die Stadt zu hassen, dann will sie dort bleiben: Heimatverbundenheit ist nicht immer kostenlos zu haben. Man fühlt die von allen beklagte Hitze, die über der Stadt liegt, auch wenn es sich nicht um einen typischen „Schweißfilm“ handelt. Aber alle wirken ein wenig müde, mürbe gemacht von den Temperaturen und empfindlich für kleine Reizungen. Niemand scheint sich unbedingt länger als nötig in der Gesellschaft anderer aufhalten zu wolle. Eine Ausnahme ist die Hochzeitsfeier, mit der der Film eröffnet: In einem schattigen, baumbewachsenen Innenhof feiert die überwiegend nordafrikanische Gesellschaft ausgelassen und unermüdlich, tanzt und singt freudetrunken zur rythmischen, ekstatischen Musik. Dass es eine Kluft gibt zwischen „Einheimischen“ und den sogenannten Migranten wird eher implizit deutlich: Es gibt kaum eine Mischung zwischen den beiden Gruppen. Selbst Maité hat ihren Mann Noureddine nur geheiratet, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, lebt sonst neben ihm her, unterhält Sex-Beziehungen mit Franzosen. Said will unbedingt weg in die Heimat, die er – auch das lässt tief blicken – noch nie gesehen hat, weil er in Frankreich geboren wurde. Aber wie kann er sich in einem Land zu Hause fühlen, in dem er aufgrund seiner Hautfarbe befürchten muss, umgebracht zu werden?

Jeanne verliebt sich innerhalb zweier Tage gleich zweimal – und das in zwei Männer, die sich gegenseitig umbringen wollen. Téchiné ist einerseits der Idealist und Träumer, der in Jeannes positiver Blindheit für das Vordergründige die Liebe als Mittel der Völkerverständigung plausibel macht, andererseits der Realist, bei dem dieser Traum am Ende zwei Kugeln zum Opfer fällt, die leider sehr viel folgerichtiger wirken als Jeannes Liebe.

Es ist mir nicht möglich, unserem alten Himmelhunde-Text, der nunmehr auch schön fünf Jahre alt ist, noch Wesentliches hinzuzufügen. Ich beschränke mich deshalb auf ein paar persönliche Eindrücke.

Zunächst mal: Beeindruckend, wie Camerons Film einer ähnlich gut geölten, unaufhaltsamen Maschine gleicht, wie sie auch der titelgebende Terminator in der Darstellung Schwarzeneggers ist. Das ganze erste Drittel, in dem die drei Protagonisten strategisch in Stellung gebracht werden, ist ein Musterbeispiel ökonomischer Inszenierung. Keine Szene, kein Bild ist hier überflüssig. Wie es Cameron unter fast vollständigem Verzicht auf erklärende Dialoge gelingt, die Mission des Terminators sowie die drohende Gefahr für Sarah Connor für den Zuschauer greif- und nachvollziehbar zu machen, ist schlicht meisterlich. Weil er zwischen den beiden Konfliktparteien hin- und herschneidet, ist der Zuschauer dem Geschehen immer einen Schritt voraus. Bis zum ersten Aufeinandertreffen von Sarah, Kyle und dem Terminator steigert sich die Spannung stetig und mit eisiger Präzision. Das passt zu einem Film, der sich der dramaturgisch eigentlich undankbaren Aufgabe stellt, seine eigene inhaltliche Ausgangslage zu ermöglichen, indem er genau das erfüllt, was von Anfang an Status quo ist. „Du redest über Dinge, die ich noch nicht getan habe, in der Vergangenheit!“, sagt Sarah einmal zu Reese und bringt das Dilemma der Heldin damit auf den Punkt. Zeichnet sich der Held im klassischen Verständnis dadurch aus, dass er sich den Gegebenheiten widersetzt, sie umkehrt, selbst Geschichte, Schicksal schreibt, muss Sarah Connor lernen, das zu werden, was schon vorgezeichnet ist. Es gibt keine Freiheit für sie. Und doch vollzieht sich das Unabdingbare in THE TERMINATOR stets spontan.

Camerons Film ist supereinflussreich gewesen, seine Nachbeben spürt man noch heute im apokalyptischen Film, er prägte Schwarzeneggers Karriere wahrscheinlich wie kein anderer und erfand mit „Tech Noir“ gleich noch den Begriff, mit dem man die Verbindung von düsterer Noir-Metaphorik und High-Tech-Science-Fiction bezeichnet. Was für mich aber mehr als seine Maschinenästhetik den Geist des Films ausmacht, ist die Liebesszene zwischen Sarah und Kyle. Sie ist der Knotenpunkt, in dem die Zeitachsen zusammenlaufen, in dem der Film vom reinen Actioner zur tragisch-existenziellen Bestandsaufnahme wird. Und wenn sich der Zirkel am Schluss mit der Entstehung jenes Fotos, aufgrund dessen Kyle Reese sich in Sarah verliebt, schließt, ist das pure Magie. Ja, eigentlich ist THE TERMINATOR der Film über eine die Gesetze von Zeit und Raum aufhebende und überschreitende Liebe; eine Liebe, die ihre eigene Verwirklichung gegen jede naturwissenschaftliche Wahrscheinlichkeit erzwingt und im Vollzug die Grundlage für ihre eigene Existenz erneut schafft. In dem Moment, in dem Sarah und Kyle sich in der Gegenwart vereinigen und ihren Sohn zeugen, gewährleisten sie, dass sie sich „wiedertreffen“ (weil John Kyle ja aus der Zukunft in die Vergangenheit – Sarahs Gegenwart – schickt). In einer Zeitschleife erleben sie jene kurzen friedlichen Stunden der Intimität, in denen sie allein sind und der Terminator noch weit weg, in denen sie ihr Schicksal annehmen und die ihnen zugedachte Aufgabe erfüllen, bis in alle Ewigkeit.