Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

Es dauerte nur ein Jahr, um aus der dunklen, geradezu verzweifelt traurigen Atombomben-Allegorie namens GOJIRA den unschuldigen Monsterquatsch zu machen, den man mit dem Namen „Godzilla“ in erster Linie verbindet. Das einzige, was in Odas Sequel noch an Ishirô Hondas Vorgänger erinnert, sind das Schwarzweiß und eine längere Film-im-Film-Sequenz, in der Material aus dem ersten Teil gezeigt wird. Atombomben und die Gefahr, die von ihnen über die unmittelbare Zerstörung hinaus ausgehen, werden zwar ebenfalls thematisiert, aber das geschieht eher aus alter Verbundenheit denn aus echter Überzeugung. Auffällig ist auch die Kluft zwischen der Monsterkeilerei und dem human factor: GOJIRA NO GYAKUSHÛ kommt mit großem Krachen zum Stillstand, wenn er sich seinen menschlichen Protagonisten zuwendet, die vollkommen willkürlich ausgewählt scheinen.

Kobayashi (Minoru Chiaki) und Tsukioka (Hiroshi Koizumi) sind Piloten für eine Großfischerei. Als Kobayashi auf einer Insel notlanden muss, entdeckt er dort ein neues Godzilla-Exemplar sowie ein weiteres Riesenmonster, das von Wissenschaftlern wenig später als Anguirosaurus bzw. Anguirus identifiziert wird – weitere Folgen der Atombombenversuche. Godzilla walzt auf Osaka zu, wo er sich mit Anguirus prügelt, dass die Häuser umstürzen. Auf Hokkaido verrennt sich die Riesenechse schließlich in einer Schlucht, wo es gelingt, ihn mithilfe von Lawinen festzusetzen. Leider verliert Kobayashi, der doch gerade eine Frau gefunden hatte, sein Leben. The End.

Eine wirklich kohärente, konsequent entwickelte Handlung hat GOJIRA NO GYAKUSHÛ nicht, dafür eben ein zweites Monster, sodass es hier erstmals zu den ausgedehnten Balgereien kommt, die später charakteristisch werden sollten. Eine schöne, aber kurze Actionsequenz behandelt einen Gefangenenausbruch, in dessen Folge ein Großbrand ausbricht, der Godzilla anlockt, nachdem es zuvor gelungen war, ihn mit Leuchtbomben aufs offene Meer hinauszuscheuchen. Wer die Serie für ihre unverstellte, geradezu mit offenen Armen empfangene Naivität liebt, wird auch jene Szene in sein Herz schließen, in der ein Wissenschaftler anhand eines Was-ist-Was-Buches erklärt, dass der einzige natürliche Feind des Anguirosaurus im Jura-Zeitalter „der Godzilla“ war. Keine Ahnung, ob das im japanischen Original ähnlich Banane klang, in der deutschen Synchro biegen sich jedesmal die Balken, wenn die Protagonisten da todernst über „den Godzilla“ sprechen. Ja, auch dieser Film ist natürlich herzallerliebst, aber er hängt noch etwas zwischen den Stühlen: In Schwarzweiß funktioniert dieser Unfug einfach nicht so gut wie das dann in Farbe ohne Zweifel der Fall sein sollte. Bis es soweit war gingen aber sieben lange Jahre ins Land …

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Diese Fortsetzung zu FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON war mein allererster Kaijû. Es muss so 1984 gewesen sein, der Film lief zur besten Sendezeit im Sommerprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (was anderes gab es ja eigentlich auch noch nicht), nicht irgendwo im Spät- oder Frühstücksprogramm eines Privaten versteckt oder gar als lustiger Schrott im Rahmen einer Schiene wie SchleFaZ verheizt, sondern als selbstbewusst angekündigte Abend-Attraktion für ein erwachsenes Publikum. Die Szenen, wie der „Grüne“ mit einer Riesenkrake ringt, von oben durch die Wasseroberfläche beim Auftauchen gezeigt wird oder am Horizont mit den Tauen und Netzen verzweifelter Fischer kämpft, haben damals mächtig Eindruck auf mich gemacht – so sehr, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe.

Auch beim Wiedersehen hat mir das erste Drittel von Hondas Film am besten gefallen. Die Eröffnungsszene mit der Krake ist spitzenmäßig, genau jene Mischung aus grellem Groschenroman-Pulp und wohligem Grusel, die es heute eigentlich gar nicht mehr gibt, die Effekte um den „Grünen“ und seine Attacken auf Städte und Flughäfen sind einfach wunderschön anzuschauen. Addiert man dazu die hoffnungslos naiven bis hirnrissigen „Wissenschafts“-Dialoge zwischen Russ Tamblyns Dr. Paul Stewart (auf Deutsch seltsamerweise Dr. Kitei) und seinen Gehilfen, ergibt das einen herrlich unschuldigen Spaß, der wie gemacht ist für einen Sonntagvormittag. Ich bedauere es wirklich, nicht mehr die Zeit erlebt zu haben, als die japanischen Monsterfilme in den Matineen der Lichtspielhäuser von begeisterten Kindern abgefeiert wurden, aber immerhin hatte ich das Glück, sie noch im Fernsehen sehen zu können. Wie bemitleidenswert sind da doch heutige Generationen, die darauf bauen müssen, einen Verwandten mit Geschmack in ihrer Familie zu haben, der sie in diese farbenfrohe Welt der Riesenmonster und der schnarchnasigen „Frankenstein-Experten“ in ihren weißen Wisschenschaftler-Kitteln einführt. Gibt es besseres Entertainment für Kinder als die japanischen Kaijûs? Ich glaube nicht.

Diese Überzeugung wird auch dadurch nicht abgeschwächt, dass ich die ellenlangen Balgereien, auf die die meisten Kaijûs hinauslaufen, immer etwas ermüdend finde. Viel lieber würde ich die Seiten tauschen, in einen der klobigen Gummianzüge schlüpfen und selbst durch die liebevoll aufgebauten Miniaturstädte und -wälder pflügen. Ich weiß allerdings nicht, ob ich zum Monster getaugt hätte: Wahrscheinlich hätte ich zu viel Respekt vor der Arbeit der Modellbauer gehabt, als dass ich sie guten Gewissens hätte zertrampeln mögen. Ich frage mich, was es mit einem Menschen macht, wenn er – so wie Haruo Nakajima, der hier den „Grünen“ spielte, aber auch etliche Male den Godzilla verkörpern durfte – immer wieder die göttliche Perspektive eines Giganten einnimmt, auf Wolkenkratzer herabschaut, Straßen, Brücken und Autos zertrampeln darf. Wie seltsam muss das gewesen sein, nach einem Arbeitstag in seine normalen Klamotten zu schlüpfen und in den Alltag hinauszutreten, in dem man plötzlich genauso groß war wie alle anderen? In meinem Kopf sehe ich eine Tragikomödie vor mir, die sich genau um einen solchen Menschen dreht, einen Mann der mit der Differenz klar kommen muss, im echten Leben auf Normalgröße zu schrumpfen und der dann in seinem Monsterkostüm durch die Straßen läuft. Das wäre ein toller Film, den ich gern sehen würde! Bis es dazu kommt, gibt es aber glücklicherweise noch ein paar Kaijûs, die dafür sorgen, dass ich mir ein Stück kindliches Gemüt bewahre.

gojira tai megaro (jun fukuda, japan 1973)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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Der 13. und drittletzte Godzilla-Film der klassischen Reihe gilt Fans und Kennern als einer der schwächeren. Man merkt ihm an, dass man dem Konzept, das die Reihe über 20 Jahre lang getragen hatte, nämlich den freundlichen Saurier in immer absurderen Plots gegen immer neue Gegner antreten und die Erde retten zu lassen, nicht mehr so recht vertraute. In GOJIRA TAI MEGARO – zu deutsch: KING KONG – DÄMONEN AUS DEM WELTALL – taucht der Titelheld erst sehr spät auf, während das eigentliche Interesse dem farbenfrohen Roboter Jet Jaguar gilt, in der deutschen Synchro hinrissigerweise „King Kong“ genannt. Außerdem wirkt der ganze Film seltsam entvölkert, keine Spur mehr von den apokalyptischen Monsterschlachten in denen Tokio erst evakuiert und dann verwüstet wurde und eine große Protagonistenschar bangen Blickes gen Horizont schaute, wo sich das Schicksal der Menschheit im Zwei- oder Mehrkampf der Giganten entschied. Hier sind es der Wissenschaftler Goro (Katsuhiko Sasaki) und sein Bruder Hiroshi (Yutaka Hayashi) sowie Goros Sohn Rokuri (Hiroyuki Kawase), die es in ihrer tristen Neubausiedlung irgendwo im Nirgendwo mit unterirdischen Kräften zu tun bekommen.

Atomversuche verursachen ein Erdbeben, nach dem die Bevölkerung des einst versunkenen Kontinents Seetopia die Schnauze voll hat: Sie schicken sowohl die Monsterschabe Megaro (deutsche Fassung: Megalon) als auch ein paar Häscher, die den Superroboter Jet Jaguar, eine Erfindung Goros, entführen sollen. Jet Jaguar widersetzt sich den Übernahmeversuchen der Seetopier, die von dem stark behaarten König Antonio (Robert Dunham) angeführt werden, wächst auf Riesengröße und stellt sich Megaro. Weil die Schabe den Kampf zu verlieren droht, wird auch noch Geigan aktiviert, während es Jet Jaguar gelingt, Godzilla zu Hilfe zu rufen. Es kommt wie es kommen muss: zum großen Vierkampf der Monster.

Dass die Kaiju Eigas um Godzilla und Konsorten in erster Linie ein riesengroßer Schwachsinn sind, der das Kind im Manne oder in der Frau weckt, ist ja kein Geheimnis: Wer nicht vor Freude jauchzt, wenn sich erwachsene Männer in fantasievollen Gummianzügen durch detailreiche Miniaturlandschaften kloppen, alldieweil die menschlichen Protagonisten haarsträubenden, pseudowissenschaftlichem Unfug labern, der verbergen soll, dass das alles ein riesengroßer Stuss ist, mit dem muss irgendwas schief gelaufen sein. GOJIRA TAI MEGARO gelingt das eindrucksvolle Kunststück, sogar noch greller und noch beknackter zu sein als die vorangegangenen Teile. Gleich zu Beginn paddelt der kleine Rokuri auf einem quietschbunten Tretboot in Fischform herum, im höchst eigenwillig geschnittenen, farbenfroh bemalten Haus der Männer-WG hängen völlig sinnfreie Dekowürfel an Ketten von der Decke, die Robotererfindung Goros wird immer dann, wenn es dem Plot passt, um neue Eigenschaften erweitert: Einmal verweigert Jet Jaguar seinem Herrn den Dienst, weil der einen Mechanismus eingebaut hat, der es dem Roboter erlaubt, auf eigene Verantwortung zu handeln, wenn es ihm denn so passt. Very clever. Dann sind da noch die Geschichte um den versunkenen Kontinent mit seinem haarigen König, der mit weißen Stretchhosen, Toga und Metallstirnband aussieht wie ein Pornovideothekar, der sich für eine Ballettvorführung aufgebrezelt hat, und natürlich die beiden Monster Megaro und Geigan, die auch eher zu den unglücklichen Schöpfungen der Toho zählen. Die Motte spielt mit ihren komischen Metallhänden Backe-backe-Kuchen, Geigan trägt eine höchst beachtliche Plauze vor sich her. Das alles macht einfach Spaß, ganz besonders an einem Samstag-Vormittag im Kino unter enthusiasmierten Menschen, die sich das kindliche Gemüt und die Fähigkeit, sich über solchen Quatsch zu freuen, bewahrt haben.

Nach Sichtung der siebten oder sechsten Beitrags des derzeit wahrscheinlich erfolgreichsten Action-Franchises überhaupt, hatte ich mich – auch in Verteidigung der Filme, die von Kostverächtern leider immer noch gemieden werden, obwohl seit Teil 5 konstant Großes geleistet wird – zu der Aussage hinreißen lassen, dass es in ihnen „um Menschen“ gehe. Ich gebe zu, dass das eine großzügige Interpretation ist: Die coolen Bros und Sistaz um Dom Toretto (Vin Diesel) sind nun alles andere als facettenreiche Charaktere mit augefeilter Psychologie, zumindest wenn man die Maßstäbe eines Dramas an sie anlegt. Trotzdem bezog die Reihe ihren Charme ganz wesentlich aus dem Miteinander der Figuren, der Beziehung, die sie zueinander pflegten. Wie da immer wieder „Familie“ thematisiert wurde, mit der obligatorischen Versammlung zum Grillen am Schluss, bei dem „Papa“ Dom es sich nie nehmen ließ, das Tischgebet zu sprechen, war natürlich reichlich konservativ, die Männerkumpeleien und Broisms mitunter eher peinlich für Menschen, die sich auch mit Grausen an die „lustigen“ Späße in Gemeinschaftsumkleiden erinnern, aber innerhalb des F&F-Kosmos wirkte das Ganze eben echt, hatte die Betonung von Loyalität und Freundschaft etwas zutiefst Liebenswertes. Dieser Aspekt der Serie kulminierte mit dem Tod von Darsteller Paul Walker, der während der Dreharbeiten zum siebten Teil verunglückt war und in einer tränentreibenden Schlussmontage verabschiedet wurde. Das war nicht gerade zurückhaltend inszeniert, aber das überbordende Pathos fühlte sich dennoch ehrlich an. Das Franchise hatte einen plumpen Charme entwickelt, dem zumindest ich mich längst nicht mehr entziehen konnte.

Diese Entwicklung war nach einem holprigen Einstand nicht unbedingt zu erwarten gewesen (der lange Zeit beste Teil der Reihe, Lins TOKYO DRIFT, verzichtet gänzlich auf das heute nicht mehr wegzudenkende Figureninventar) – und der mittlerweile achte Teil wirft die Frage auf, wie lange der mit FAST 5 begonnene Lauf noch fortgesetzt werden kann. Für THE FATE OF THE FURIOUS nimmt F. Gary Gray auf dem Regiestuhl Platz, der bisher mit solider, aber auch etwas altmodischer Thrillerware auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Action ist nicht mehr ganz so elegant wie zuvor, dafür tatsächlich noch absurder: Der kreative Höhepunkt ist der Amoklauf hunderter von Cipher (Charlize Theron) per Computerhack übernommener Pkw, die nun wie eine blecherne Flutwelle fahrerlos durch die Straßen Manhattans jagen und schließlich sogar vom Himmel fallen; deutlich beknackter dagegen der Showdown, bei dem sich die Schnellen und Furiosen mit ihren Boliden auf dem russischen Packeis gegen ein Atom-U-Boot behaupten müssen, das sich unter ihnen befindet. Doms Special Move scheint es in diesem Film, bei rasendem Tempo mid-air aus seinen Fahrzeugen zu springen, ohne sich dabei auch nur eine Schramme zuzuziehen, am Ende überlebt er sogar die Explosion des besagten U-Boots, weil seine Wahlfamilie rechtzeitig eine Wagenburg um ihn herum aufbaut, die ihn vor der Feuersbrunst abschirmt. Is klar. Inhaltlich setzt Gray die Strategie fort, den Kreis der „Familie“ um einstige Kontrahenten zu erweitern: Nach dem FBI-Agenten Hobbs (Dwayne Johnson) gehört nun auch Deckard (Jason Statham) dazu, der zuletzt noch erbittert bekämpft worden war. Dahinter mögen in erster Linie kommerzielle Erwägungen stehen, aber während in den letzten Jahren selbst Kinderfilme immer wieder verlässlich auf Krieg und Konflikt hinauslaufen, finde ich es sehr schön, wie der kameradschaftliche Spirit von Doms Familie immer größere Kreise zieht.(Und Stathams Schwanzvergleich mit Johnson sind einer der Höhepunkte des Films.)

Leider ist THE FATE AND THE FURIOUS ein bisschen zu geschäftig, um von der beschriebenen Liebenswürdigkeit wirklich profitieren zu können. Alles wirkt etwas pro forma, hingeworfen. Gray hetzt von Set-Piece zu Set-Piece und der Film büßt dabei an Seele ein. Ich habe auch das Gefühl, dass der Verlust von Walker dem Franchise weitaus schwerer wiegt, als man das vielleicht angenommen hat. Neben dem immer etwas tumb wirkenden Diesel und den Karikaturen von Ludacris, Tyrese und Dwayne Johnson fungierte er nicht nur als Identifikationsfigur, sondern auch als Herz und Anker: Er war ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass das Franchise bei aller PS-getriebenen Absurdität die Bodenhaftung nie ganz verlor. Ohne ihn fehlt etwas: THE FATE AND THE FURIOUS fühlt sich nicht mehr ganz so unverwechselbar an wie die Vorgänger, ohne den bisherigen Kontext ist die Action nur leerer Krawall, der zwar viel Spaß macht, aber auch relativ flüchtig an einem vorbeischießt. Mag sein, dass man der Meinung war, den Fans der Reihe ginge es in erster Linie um Autostunts, aber das wäre ein verhängnisvoller Fehlschluss. Ich hoffe, dass man für den kommenden Teil eine Lösung findet, wie man die durch Walkers Tod gerissene Lücke füllen kann.

Der erste RESIDENT EVIL wurde damals nicht sonderlich wohlwollend aufgenommen, von der Kritik sowieso nicht, das war eh nicht zu erwarten gewesen, aber auch nicht von den Fans des Videospiels, für die der Film wohl in erster Linie gemacht worden war. Die Folgeteile hatten danach noch mit dem Stigma der trashigen Serienware zu kämpfen, sodass vielen Menschen entging, dass das Franchise mit RESIDENT EVIL: EXTINCTION, RESIDENT EVIL: AFTERLIFE, mit Abstrichen auch RESIDENT EVIL: RETRIBUTION Zauberwerke des Genrekinos hervorbrachte, Filme, die mindestens einfalls- und erfindungsreich, visuell bisweilen brillant waren, in ihren besten Momenten die Frage aufwarfen, ob das das jetzt wirklich noch klassisches Erzählkino ist oder nicht doch schon Avantgarde. Paul W. S. Anderson, von vielen verlacht, erwies sich als großer Stilist und Bilderstürmer der Exploitation, der unbesungene Klassiker schuf, während Wichtigtuer wie Nolan für ihre aufgeblasenen Langweiler vom Feuilleton emphatisch beklatscht wurden. Meine Vorfreude vor dem zumindest dem Titel nach letzten Teil der Serie war demnach groß, die Ernüchterung kaum zu beschreiben. Wahrscheinlich musste es so kommen.

Die erwähnte überbordende Kreativität, mit der Anderson das Franchise zu einer wahren Wundertüte an grandiosen Bilder, irrwitzig komponierten Set-Pieces und dekonstruktivistischen Erzählideen verwandelt hatte, ist nun leider dahin. Wo vorher jedes Bild eine Offenbarung war, herrscht nun monochrome Langeweile und leerer Bombast, der meist auch noch ziemlich hässlich aussieht. Und anstatt komplett freizudrehen, wie das zuvor der Fall gewesen war, lässt sich Anderson von einem Drehbuch einschnüren, das einzig dem Zweck verpflichtet scheint, eine überkomplizierte Geschichte zu Ende zu erzählen, die doch eigentlich eh nie wirklich von Interesse war. Die Story hatte nie mehr geliefert, als das Setting, das man in alle Richtungen erkunden konnte, hier wird so getan, als habe man tatsächlich sechs Teile durchgehalten, um zu erleben, wie die Welt vom T-Virus befreit wird. Die letzten 30 Minuten sind eine mit expositionellem Dialog und unangemessenem Pathos überfrachtete Tortur, die noch dadurch ad absurdum geführt wird, dass dann mit der letzten Dialogzeile doch wieder das Hintertürchen für eine Fortsetzung aufgestoßen wird.

Auch visuell ist THE FINAL CHAPTER eine einzige Enttäuschung: Der ganze Film ist grau und hässlich, die Actionsequenzen sind einfallslos und vom Schnitt grotesk zerhackt. Selbst Milla Jovovich, Andersons Muse, der er mit den vorangegangenen Filmen ein Denkmal gesetzt und die es ihm mit endlos coolen Performances gedankt hatte, wirkt hier müde und gelangweilt, turnt unelegant durch die wie auf Autopilot inszenierten Fights. Hatte Anderson sich zuvor mit jedem Film etwas neues einfallen lassen, immer höhere Metaebenen erklommen, entwickelt er sich hier meilenweit zurück und legt einen Film vor, der unangenehm an billige DTV-Rip-offs aus den späten Neunzigern erinnert. Ich hoffe, dass er die Freude und Ernergie wiederfindet, die man seinen besten Filmen stets angemerkt hat, anstatt sich widerwillig Projekten zu widmen, mit denen er offensichtlich „fertig“ ist, denen er nichts mehr zu geben hat. Mit RESIDENT EVIL. THE FINAL CHAPTER hat er niemandem einen Gefallen getan, am wenigsten sich selbst.

Endlich bekommt Wolverine den Film, auf den ich schon seit Singers erstem X-MEN warte. Für mich, der den grimmigen Logan erst sehr spät wahrnahm, war er immer mit den Comics der späten Achtziger und fühen Neunziger verbunden, als er in sprechblasenarmen, monochromen Bildern als wettergegerbter Loner mit sozio- und psychopathischen Tendenzen gezeichnet wurde. In den bisherigen Comicverfilmungen um die Supermutanten wurde das bestenfalls angedeutet, vielleicht auch, um Jackmans Potenzial als Leading Man für oscarnominierte Crowdpleaser, Mainstreamvehikel und RomComs nicht zu unterminieren. Mit dem unsäglichen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE (noch immer die mieseste der neuen Comicverfilmungen) und dem enttäuschenden THE WOLVERINE bewegte man sich zwar grundsätzlich in die richtige Richtung, schaffte es aber dennoch nicht, brauchbare Filme zu produzieren. Und nun LOGAN, vom selben Regisseur, der den Vorgänger noch zu einem solchen Schnarchfest hatte werden lassen. Ein Film, der nicht nur im Rahmen seines Genres eine Sternstunde darstellt (was ehrlich gesagt nicht allzu schwierig ist angesichts des vorherrschenden Mittelmaßes), sondern als erwachsener, harter Spätwestern und grimmiger Actioner in einer Art und Weise überzeugt und begeistert wie zuletzt etwa George Millers MAD MAX: FURY ROAD.

LOGAN referenziert zwar die Ereignisse aus den vorangegangenen Filmen und setzt einen kompromisslosen Schlusspunkt unter die Geschichte vom Konflikt der „normalen“ Menschen mit den begabten Mutanten, aber tonal bricht er völlig aus dem bisherigen Einerlei aus. Optisch nähert er sich dem Western an (einmal schaut Xavier George Stevens‘ SHANE im Fernsehen, bevor der Film sich während einer Episode tatsächlich in eine kleine Hommage an den Klassiker verwandelt), wirft allzu überkandidelten Effekt-Bimbam komplett über Bord und funktioniert so eher wie eine in einem Paralleluniversum angesiedelte Was-wäre-wenn-Variation. Was wäre, wenn die Welt dieses Wolverine eben nicht von Freaks in coolen Anzügen besiedelt würde, die sich mit außerirdischen Superschurken herumplagen, wenn er stattdessen in unserer Welt lebte, einer Welt, in der Menschen bluten, wenn er mit seinen Adamantium-Klauen auf sie losgeht, in der Schusswunden Schmerzen verursachen und das Leben als „Superheld“ kein großes buntes Abenteuer ist, sondern eine erschöpfende Aneinanderreihung von Verlusten und Niederlagen? Wenn Superhelden nicht ewig jung blieben, sich von Comiczyklus zu Comiczyklus, Reboot zu Reboot erneuerten, sondern alterten wie ganz normale Menschen, an Kraft einbüßten, ermüdeten und den Tod herbeisehnten? Logan blutet, schwitzt und leidet, für die smarte Coolness, die ihn in den Singerfilmen zum Rockstar der X-Men machte, fehlen ihm die Energie und die Freude an der eigenen Kraft. Er hat einfach zu viele Freunde verloren, zu viele Menschen kommen und gehen sehen, zu viele Rückschläge erlitten, um dem Leben noch etwas abgewinnen zu können. Sein Ziehvater Professor Xavier (Patrick Stewart) ist mittlerweile an Alzheimer erkrankt, ein jämmerlicher Greis, der aufgrund seiner Begabung nicht in einem friedlichen Seniorenstift dahindämmert, sondern von Logans in einem bunkerartigen Verschlag irgendwo in der Wüste unter Verschluss gehalten wird. LOGAN ist ein Film über das Altern und die Müdigkeit, die einen befällt, wenn man das ganze Leben über gekämpft hat. Sein „Held“ will nicht mehr, er hat genug, aber sein Ruf eilt ihm voraus und zwingt ihn ein letztes Mal, sich für die Belange der Seinen einzusetzen. Er tut dies ohne falschen Idealismus, mit dem Mut der Verzweiflung und letzter Kraft, weil er ahnt, dass er sich damit das Recht auf den langen Schlaf verdient, den er so lang herbeisehnt.

Hugh Jackman war immer der charismatische Kern der etwas leblosen X-Men-Filme, aber auch massiv unterfordert mit einer Figur, deren Untiefen zwar immer wieder erwähnt wurden, aber letztlich bloße Behauptung blieben. Man fragte sich immer, wann dieser Wolverine denn endlich von der Kette gelassen würde, aber natürlich geschah das nie, weil die Macher der um ihn herum gebauten Filme gar kein Interesse daran hatten, dahin zu gehen, wo es wirklich wehtat, echte Emotionen zuzulassen und den Zuschauer mit unangenehmen Erkenntnissen über seinen zentralen Charakter zu konfrontieren. LOGAN ist mitunter geradezu absurd brutal und leichtes Entertainment oder gar „Spaß“ bereitet er nicht. Von Anfang an, wenn sein Titelheld von einigen Strauchdieben angegriffen wird und sie gnadenlos hinrichtet, weiß man, dass man hier kein Happy End zu erwarten hat, doch der Weg, den Mangold einschlägt, wird dann sogar noch steiniger, als man das erhofft hatte. Auch LOGAN kommt nicht ohne Pathos aus, aber er verdient sich das Recht dazu, weil sein Protagonist nicht nur die Umstände und den Gegner, sondern vor allem sich selbst überwindet. Die Schlusseinstellung ist nahezu perfekt und rundet eine zweistündige Reise ans Ende der Nacht ab. Es wird einen neuen Sonnenaufgang geben, auch dank Logan, aber er wird ihn nicht mehr erleben. Er geht dahin, wo es keine Schmerzen mehr gibt, nur noch Schlaf. Ich fürchte zwar, dass ihm die Ruhe nach diesem fulminanten Kracher nicht vergönnt sein wird, aber der Zuschauer darf frohlocken. Mit LOGAN geht das Filmdasein Wolverines erst richtig los.

Demnächst steht hier die Sichtung von LOGAN an, über den man ja viel Gutes hört, und zur Vorbereitung habe ich mir jetzt noch einmal den Vorgänger vorgeknöpft, bei dem ich damals nach kurzer Zeit und auch jetzt wieder ein paarmal eingepennt bin. Mangold trifft zwar einige richtige Entscheidungen, aber THE WOLVERINE ist trotzdem ein ziemlicher Langweiler, der allen Goodwill, den man aufgrund guter Ansätze und einiger wirklich schöner Bilder für ihn aufbringt, mit seiner schnarchigen Erzählhaltung und einem  Rückfall ins Superhelden-Einerlei zerstreut.

THE WOLVERINE beginnt hübsch mit einer Rückblende ins Nagasaki des Jahres 1945, wo der Kriegsgefangene Logan (Hugh Jackman) den japanischen Soldaten Yashida (Hal Yamanouchi) vor der Atombombe rettet. In der Gegenwart stromert er nach dem Tod seiner Geliebten Jean Grey (Famke Janssen), die ihm in seinen Träumen immer wieder erscheint, durch die Wälder Kanadas und freundet sich mit einem Grizzly an. Bis die seherisch begabte Schwertkämpferin Yukio (Rila Fukushima) auftaucht und ihn nach Japan bringt, wo der im Sterben liegende Yashida, mittlerweile ein schwerreicher Erfinder und Unternehmer, Logan das Geschenk der Sterblichkeit in Aussicht stellt.

Nach dem ultrabeschissenen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE wendet sich James Mangold tonal den Wolverine-Soloabenteuern zu, die sich eher an Erwachsene richteten und seinen Helden konsequent als brüterischen Killer und Gewalttäter zeichneten. Ganz so weit kann Mangold mit seinem Film natürlich (noch) nicht gehen, aber in der ersten Stunde ist THE WOLVERINE deutlich geerdeter als die anderen Superheldenverfilmungen um die X-Men. Das Japan-Setting weckt zudem wohlwollende Erinnerungen an Filme wie Pollacks THE YAKUZA oder Frankenheimers THE CHALLENGE, die sich ebenfalls dem Kulturclash und der komplexen Beziehung von Amerikanern und Japanern widmeten. Keine schlechte Referenz, allein Mangold versteht es nicht, die verschiedenen Einflüsse zu einem funktionierenden und vor allem involvierenden Ganzen zusammenzuführen.

Viel Zeit geht für die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen dem Einzelgänger und Yashidas schöner Enkelin Mariko (Tao Okamoto) drauf, aber anstatt die Vorgänge wie wohl gewünscht mit zusätzlicher Dramatik aufzuladen, zerfasert es einen sowieso schon langsamen Film noch weiter. Auch Logans Verlust seiner Selbstheilungskräfte wirkt lediglich wie eine irgendwie notwendige Episode auf dem Weg zum Ziel, es erwächst keine Spannung aus diesem Problem, und die ständige Betonung seines Liebesschmerzes und seiner Schuldgefühle gegenüber der Angebeteten Jean Grey verstärken nur das inszenatorische Versagen, diese inneren Konflikte wirklich fühlbar zu machen. Die Unentschlossenheit der ganzen Unternehmung wird dann während des Showdowns endgültig offenbar, in dem ein besonders persönlichkeitsarmer Supergegner aus dem Hut gezaubert werden muss, der sich dem Helden im generischen Schlussfight stellt, bevor der – hui-buh! – „schicksalsträchtige“ Plottwist folgt, der einem aufgrund gnadenloser Überkonstruiertheit vollends am Arsch vorbeigeht. Und dann kommt die mittlerweile unvermeidliche Post-Credit-Sequenz. Schnarch.

Es ist schade um den betriebenen Aufwand und die oben erwähnten Ansätze: Mangold scheitert krachend bei dem Versuch, einen „erwachsenen“ Superheldenfilm zu drehen. Für ein finsteres Action-Drama im Stile der Siebziger ist THE WOLVERINE vor allem zu leblos, zu stromlinienförmig und baukastenartig, dann auch wieder zu albern und kindisch mit seinen Riesenroboterfantasien, für ein buntes Popcornspektakel zu lahm, unspektakulär, uncharmant und humorlos. Vielleicht wäre das zu verkraften gewesen, wenn Mangold sich im Zaum gehalten und auf einen knackigen Anderthalbstünder beschränkt hätte. Aufgeblasen auf endlose 120 Minuten ist THE WOLVERINE aber lediglich als hochpotentes Schlafmittel effektiv.