Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

Vorab: Dem des Superhelden-Films weitestgehend überdrüssigen Marvel-Skeptiker, den das breite Oeuvre in seiner ganzen Fantasielosigkeit zuletzt vor allem ernüchtert und enttäuscht hat, hat BLACK PANTHER tatsächlich ganz gut gefallen, nicht zuletzt, weil man ihn als alleinstehendes Werk betrachten und seine Verbindung zum Rest über weite Strecken ausblenden kann. Wenn ich meine Seherfahrung aber mit den vor Superlativen triefenden Lobeshymnen abgleiche, die zum Start des Films zu lesen waren und ihn in den Rang eines politischen Manifests erhoben, kann ich trotzdem nur den Kopf schütteln. (Ich gebe zu: Bei WONDER WOMAN habe ich die Stimmen, die in dem Film einen feministischen Befreiungsschlag sahen, noch verteidigt, wohl auch, weil mich die überwiegend männlichen Gegenredner und ihre Argumente annervten.) Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass BLACK PANTHER darin, eine explizit afrozentrische Haltung innerhalb eines großbudgetierten Eventmovies zu implementieren, durchaus außergewöhnlich, vielleicht gar bemerkens- und lobenswert ist.

BLACK PANTHER spielt im afrikanischen Wakanda, einem Staat, der dank des Rohstoffs Vibranium zu überlegener Technologie gelangt ist. Anstatt seine Vormachtstellung allerdings nach außen zu tragen oder mit Vibranium zu handeln, halten die Wakander ihre Errungenschaften geheim und verstecken sich hinter der Fassade eines Dritte-Welt-Staates. Sie wollen mit den Konflikten in der Welt nichts zu tun haben. Mit dieser selbstauferlegten Sonderrolle ist es aber vorbei, als Eric Kilmonger (Michael B. Jordan) den neuen König T’Challa (Chadwick Boseman) vom Thron stößt. Kilmongers Vater wurde einst als Verräter von T’Challas Vater, dem damals amtierenden König, ermordet, und Eric als ausgestoßener Waise zurückgelassen, was ihn dann zu einer Laufbahn als hochqualifizierter und effizienter Mörder brachte. Er will Wakanda zur militärischen Macht aufbauen.

Fast alle handelnden Charaktere von BLACK PANTHER sind Schwarze und der Film spielt bis auf einige wenige Szenen in Wakanda, einem Staat der afrikanische Kultur und utopistische Hightech-Elemente harmonisch vereint. Mehr noch: Es wird suggeriert, dass die technischen Errungenschaften des fiktiven Staates in der Lage sind, viele Probleme, mit denen wir uns heute weltweit herumplagen, zu lösen. Afrikas einzigartige Bedeutung als „Wiege des Lebens“ findet ihre konsequente Fortsetzung: Wenn die Erde weiterexistieren soll, muss Afrika in Vertretung der Wakandaner mit leuchtendem Vorbild voranschreiten. Der Spiritualismus und die Naturverbundenheit der Wakandaner werden nicht lediglich als liebenswerte Marotte zum Ethnokitsch für Hippies verbrämt, sondern als philosophische Konzepte Ernst genommen und zur Grundlage einer modernen Zivilisation gemacht, die sich vor der westlichen Welt nicht nur nicht verstecken muss, sondern dieser klar überlegen ist. Das ist auch innerhalb des von weißen Heilsbringern dominierten Marvel Universums keine Selbstverständlichkeit und noch weniger, wenn man sich den restlichen Auswurf Hollywoods anschaut. Auch politisch ist BLACK PANTHER überraschend differenziert und hebt sich wohltuend vom mitunter unangenehmen Militarismus der anderen Marvelfilme ab: Die Bedrohung, die Kilmonger darstellt, ist gewissermaßen hausgemacht, der Staatsfeind ein Opfer einer Politik, die rein utilitaristisch denkt, ohne jede Rücksicht auf den Einzelnen. Er ist einer der sympathischsten und tragischsten Schurken der letzten Jahre und sein unausweichlicher Tod am Ende fühlt sich keineswegs wie ein Triumph an. Die Parallelen zu Bin Laden sind ebenso unverkennbar wie die expliziten Seitenhiebe gegen Trump und seine Politik der Spaltung und des Mauerbaus.

So wohltuend diese Ansichten im Rahmen eines solchen Filmes aber auch sind: Als Ganzes ist BLACK PANTHER, so wie alle Filme des MCU, maximal nett. Weil er ja doch wieder nur ein Baustein in einem deutlich größeren Ganzen sein darf, die genannten Aspekte nicht mehr als Details, die in der Gesamtkomposition den Status von Gimmicks einnehmen, beraubt er sich auch der Durchschlagskraft, die er als konzentriertes Einzelwerk hätte entfalten können. Und als großer Eventfilm hat BLACK PANTHER darüber hinaus wie alle Marvelfilme das Problem, viel zu viel Exposition abwickeln zu müssen: Die zwei, drei Action-Set-Pieces sind großzügig über den ganzen Film verteilt, dazwischen wirkt auch BLACK PANTHER viel zu oft wie eine Soap-Opera-Episode mit seinen endlosen Dialogen vor detailfreudigen, aber immer auch etwas leblosen Green-Screen-Backgrounds und seiner aufgeblasenen Quatschgeschichte. Cooglers Film profitiert immens von seinem ausgefallenen Setting, mit dem er sich von den recht gleichförmigen Partnerfilmen deutlich abhebt, sowie einigen klugen Drehbuchkniffen, aber er weist eben auch alle Schwächen und Mängel auf, mit denen alle MCU-Beiträge bisher zu kämpfen hatten.

Another blast from the past: WISDOM lief irgendwann, es muss Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger gewesen sein, auf RTL, wo er von mir mitgeschnitten und in der Folge mehrfach verköstigt wurde, bevor ihn andere Titel in meiner Gunst abgelösten und er in Vergessenheit geriet. Mithin ist es also rund 30 Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal geschaut habe – und es war ein schönes Wiedersehen! Es handelt sich bei WISDOM nicht nur um einen Film aus Estevez‘ aktivster Phase als Schauspieler von ca. THE OUTSIDERS bis JUDGEMENT NIGHT und exakt zwischen MAXIMUM OVERDRIVE und STAKEOUT, sondern auch um den Auftakt seiner zwar weniger produktiven, aber doch bis heute andauernden Laufbahn als Regisseur.

WISDOM ist ein, nun ja, „naiver“ Film (Estevez selbst beschrieb ihn rund 14 Jahre später als „vanity project“ und hatte wohl nur wenig Gutes über ihn zu sagen), was angesichts des Alters seines Regisseurs vielleicht nicht weiter verwunderlich ist. Estevez war damals Mitte 20 und damit der damals jüngste Writer-Director-Star in der Geschichte Hollywoods. Er spielt den 23-jährigen John Wisdom – der Name ist durchaus ironisch -, der aufgrund einer Dummheit vorbestraft ist und bei der Jobsuche zu spüren bekommt, was das bedeutet: Entweder er wird direkt wieder weggeschickt oder aber mit niederen Tätigkeiten betraut, für die er offenkundig überqualifiziert ist. Also beschließt er jenen Karriereweg einzuschlagen, den die USA offensichtlich für ihn vorgesehen haben: Er wird „Krimineller“. John Wisdom gerät nicht aus finanzieller Not auf die schiefe Bahn – er lebt noch bei seinen Eltern (Tom Skerritt und Veronica Cartwright) -, nein, er beschließt rationell und aus mehr oder weniger freien Stücken, ein Verbrecher zu werden. Aber welches Verbrechen kommt denn für ihn in Frage? Die Antwort liefert ein Fernsehbericht über Hausbesitzer, die von der Bank enteignet wurden, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten. Wisdom beschließt, in die Rolle eines modernen Robin Hoods zu schlüpfen, Banken zu überfallen und dort die entsprechenden Kreditunterlagen zu vernichten. Seine Freundin Karen (Demi Moore) zieht er mit in die Sache hinein und nach einem anfänglichen Streit findet sie bald Gefallen daran, die Bonnie zu seinem Clyde zu sein. Doch das FBI ist dem Pärchen auf den Fersen und nachdem es zu dem unweigerlichen Unglücksfall kommt, zeichnet sich immer deutlicher ab, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen kann.

Es ist eigentlich unzulässig, Vermutungen über die Privatperson Emilio Estevez anzustellen, schließlich kenne ich den Mann ja gar nicht, aber ich hatte immer den Eindruck, dass er den sensiblen Jock in John Hughes THE BREAKFAST CLUB auch deshalb so überzeugend verkörperte, weil er ihm nicht ganz fremd war. Estevez spielte in seiner Karriere oft den schlagkräftigen Proleten aus prekären Verhältnissen oder den einfachen Mittelständler. Für mich suggerierte sein lausbübisches, leicht zurückhaltendes Grinsen immer auch einen kindlichen Träumer, der weniger mit großer Intelligenz und außergewöhnlichen Talent ausgestattet ist, als mit Beharrlichkeit, Ausdauer und einem großen Herzen. Estevez‘ Attraktivität hatte immer etwas entschieden Durchschnittliches, was wohl auch dazu führte, dass er als „Star“ nie so recht ernstgenommen wurde – im Unterschied etwa zu seinem jüngeren Halbbruder Charlie Sheen, der ja mal als das next big thing in Hollywood galt: Estevez war gut in seinen Rollen, vor allem wenn er diese unauffälligen Durchschnittstypen spielte, aber er hätte nie jemanden dazu motiviert, ein Ticket nur für ihn zu lösen. In WISDOM ist er dennoch ideal besetzt: die großen, hoffnungs- und erwartungsvoll dreinblicken Augen, das alterslose Gesicht, das verschmitzte Mausezahn-Grinsen, die unauffällige, gedrungene Figur, mit der er in einem feinen Anzug aussieht, als habe er in Papas Schrank gewühlt und sich verkleidet. Den Jungen, der sich mit einem Moment der Unbedachtheit das ganze Leben versaut hat, nimmt man ihm ohne Zögern ab. Und eben auch den Typen, der beschließt, ein moderner Robin Hood zu werden. Das Interessante an seiner Entscheidung ist ja, dass es dabei niemals, wie man eigentlich erwarten könnte, um wirtschaftliche Aspekte geht: Geld für sein eigenes Auskommen zu verdienen bzw. zu erbeuten, ist nie sein Ziel. Sein „Karriereplan“ ist keine Lösung für seine Probleme: Es ist eine totale Schnapsidee, eine Idee, auf die nur jemand kommen kann, der nur bis zu einem bestimmten Punkt denkt, der sich ein Stück kindliches Denken bewahrt hat, aber eben nicht den bewahrenswerten Teil, sondern eben jenen, der einem als Erwachsenem ausschließlich und berechtigterweise große Schwierigkeiten bereitet. Sich einer solchen Figur zu widmen ist natürlich völlig legitim und eigentlich auch eine gute Basis für einen faszinierenden Film. Ich erwartete bei der Lektüre der Trivia-Bits auf der IMDb-Seite des Films, einen Hinweis auf einen realen Hintergrund der Geschichte zu finden: Die Story von John Wisdom ist genau in dem Maße bescheuert, dass sie sich in kleinerem Rahmen wirklich genau so zugetragen haben könnte. Und Emilio Estevez verkörpert den Typen, der ernsthaft glaubt, er könne „dem System“ ein Schnippchen schlagen, indem er Akten in Bankfilialen verbrennt, nahezu perfekt. Genauer gesagt geht Estevez in der Rolle des John Wisdom so sehr auf, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Regisseur selbst glaubt daran, dass dieser Plan valide ist. Es gibt keinerlei Distanz zum Protagonisten, nie wird auch nur angedeutet, dass dieser John Wisdom ein Trottel ist, ein sympathischer zwar, aber eben doch ein Trottel. Vielleicht ist das sogar die „bessere“ Haltung, um diesen Film zu inszenieren, denn weil Estevez mit seinem Protagonisten mitgeht, sich voll und ganz mit ihm und seiner Denke identifiziert und eben nicht aus aufgeklärter Warte auf ihn hinabblickt, wirkt es überhaupt glaubwürdig, dass jemand auf diese Schnapsidee kommt und auch noch meint, sie umsetzen zu müssen. WISDOM hätte das Zeug zu einem überzeichneten Actioner um einen neumodischen Outlaw gehabt, zu einer grellen Satire mit tragikomischer Note vielleicht, einer bitteren Kritik am Kapitalismus, am Banken- und Strafsystem und an amerikanischer Heldenverehrung (natürlich wird Wisdom für seine Taten von den einfachen Leuten gefeiert und steigt zu einer Art Volksheld auf). Stattdessen inszeniert Estevez WISDOM voller Ernst als Tragödie um einen jungen Mann, dem keine andere Chance blieb und der sich dazu entschloss, den Gebeutelten zu helfen.

Der Film weicht erst sehr spät von dieser Strategie ab: Schon bevor die Konfrontation mit einem Polizisten für diesen tödlich endet, plagen Wisdom Zweifel an seinem Tun. Hat er wirklich etwas verändert? Nimmt er nicht billigend in Kauf, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt? Schließlich: Hat das alles wirklich irgendetwas für ihn besser gemacht? Natürlich kommen diese Zweifel zu spät und so mündet WISDOM in ein Actionfinale mit fetten Autostunts, bevor das Unvermeidliche passiert. Das Abenteuer endet, wie es enden musste, denn das Gesetz hat keinen Sinn für Außenseiter-Romantik. Wisdom und Karen haben es ganz sicher gut gemeint, aber sie haben mehrere Verbrechen begangen und sich am Ende die eigenen Hände mit Blut besudelt. Ihre Idee war doch nicht so clever, die Zuneigung ihrer Fans ist schnell verflogen, die Banken werden weiter ihr Geschäft machen: Übrig bleiben ein Toter, unglückliche Eltern und zwei verschenkte Leben.

Vielleicht merkt man es diesem Text an, dass er in zwei Etappen entstanden ist, so wie ich auch den Film gesehen habe. Ich bin zunächst auf ihn hereingefallen und war schon bereit Estevez hier als liebenswerten Deppen hinzustellen, der eher durch Zufall einen guten Film gedreht hat. Aber die letzte halbe Stunde des Films hat meine Sicht noch einmal deutlich verändert: Dieser Film, den ich zunächst „nur“ sympathisch fand auf seine irgendwie einfache Art und Weise, hat mich am Ende wirklich ganz und gar erwischt. Das Schicksal dieser beiden Figuren hat mich tief bewegt und einen Kloß in meinem Hals hinterlassen – und es ist eben einzig und allein Estevez‘ Haltung als Regisseur zu verdanken, dass sein vermeintlich „naiver“ Film diese Gefühle hervorruft. Die vielleicht wichtigste Szene des Films – das „Duell“ zwischen Karen und dem Polizisten – ist zudem brillant inszeniert mit seiner Zeitlupe, den endlosen Close-ups und der extremen Zerdehnung der Zeit, die es dauert, bis der tödliche Schuss fällt. Und wie er den Spagat zwischen der totalen Empathie für seine Hauptfigur und der Verweigerung, ihr ein Heldendenkmal zu bauen, schafft, ist ebenfalls bemerkenswert. WISDOM ist ein wirklich schöner Film, der eigentlich größere Zuneigung verdient hätte. Ich bin geneigt, ihm jene Weisheit zuzusprechen, die er im Titel trägt – und die zu erlangen sein Held erst ins Gras beißen musste.

Ich muss das vorab ganz deutlich sagen: THE EXTERMINATOR ist ein faszinierender, wunderbarer Film.

Ich weiß nicht, wie oft ich ihn mittlerweile gesehen habe. In meinem Kopf erscheint er mir als „abgeschlossen“: Ich weiß, worum es geht, ich glaube zu wissen, was Glickenhaus sagen wollte, kenne seinen Plotverlauf und kann mich an seine wesentlichen Set Pieces erinnern. Aber dann ist er doch immer wieder anders, als ich ihn in Erinnerung hatte.

Wenn wir über Rache- und Selbstjustizfilme sprechen, sind die Rahmenbedingungen klar. Die meisten verfahren nach einer etablierten Strategie: Als Betrachter wird man dazu gebracht, sich emotional mit dem Protagonisten zu identifizieren, der in der Regel nahestehende Angehörige durch ein meist feiges, sinnloses Verbrechen verliert. Manchmal trägt er schwere Verletzungen davon, in anderen Fällen bleibt er selbst verschont, was dann auch noch zu belastenden Schuldgefühlen führt. Selbstjustizfilme beobachten nun zunächst den inneren Kampf, den der „Held“ auszutragen hat: Als zivilisierter Mensch erkennt er die Notwendigkeit von Gesetzen an, es bedarf also einer gewissen Überwindung, bevor er zur Waffe und zum Mittel der Selbstjustiz greift. Wir leiden mit ihm während dieses Kampfes, denn das emotionale Bedürfnis, Rache zu üben, ist nachvollziehbar. Der Selbstjustizfilm schlägt dann irgendwann um: Er macht mehr oder weniger klar, dass Rache kein adäquates Mittel zur Trauer- und Traumabewältigung und schon gar nicht zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit ist. In DEATH WISH, dem vielleicht nominell berühmtesten dieser Filme, ermordet der Architekt Paul Kersey nach einem Überfall auf seine Frau und seine Tochter ganze Dutzendschaften New Yorker „Punks“ bei seinen nächtlichen Rundgängen, findet daran nach anfänglichen Schwierigkeiten – nach dem ersten Mord übergibt er sich zu Hause – eine fast diabolische Freude: Nur die wirklichen Täter, die erwischt er nicht. Sie kommen gar nicht mehr vor im Film.

Man kann nicht sagen, dass John Eastland (Robert Ginty), der titelgebende Exterminator, die „Falschen“ umbringt: Auf seine Rechnung gehen neben diversen Gangmitgliedern ein führender Kopf des organisierten Verbrechens, ein sadistisch veranlagter Politiker, der in einem schmierigen Etablissement Strichjungen und Prostituierte quält, sowie der Betreiber dieses Ladens. Auslöser für seine Mordtour ist der Überfall der „Ghetto Ghouls“ auf seinen besten Freund Michael (Steve James), mit dem er zusammen in Vietnam war, aber eine große Krise löst dieser Überfall nicht aus. Es gibt auch keine Fallhöhe wie beim anzutragenden Architekten Kersey, denn Eastland hat bereits Erfahrungen mit brutaler Gewalt, Folter und Mord. Der Auftakt des Films, eine Vietnam-Rückblende, ist die mit Abstand brutalste Szene des ganzen Films, was der eine als Etikettenschwindel, der andere als ziemlich cleveren Schachzug betrachten mag. Abgesehen davon erfährt der Zuschauer wenig über Eastland, die Figur bleibt eine Chiffre. Nach außen hin wirkt er kontrolliert, aber nicht unsympathisch, wie er sich um die Hinterbliebene Familie von Michael kümmert (interessanterweise weiß er über dessen Gesundheitszustand immer vor der Gattin Bescheid). Er ist kein brutaler Rohling wie Travis Bickle aus Scorseses TAXI DRIVER – er liest zu Hause Jean-Paul Sartres „Der Gefangene von Altona“ – und sein Rachefeldzug bereitet ihm auch keine Freude. Man sucht vergeblich nach irgendeinem Anflug von Emotion in seinem Gesicht.

Wahrscheinlich ist diese Leere im Zentrum von THE EXTERMINATOR auch der Grund dafür, dass Glickenhaus den Kriminalbeamten James Dalton (Christopher George) neben Eastland zur eigentlichen Identifikationsfigur macht. Die Figur ist eine Parallele zu Vincent Gardenias Lieutenant Frank Ochoa aus Winners DEATH WISH, aber während der Cop dort zum enabler des Vigilanten mutiert, begegnen sich Dalton und Eastland in THE EXTERMINATOR erst ganz zum Schluss. Am Ende gibt Dalton, selbst durch eine Kugel von gedungenen Killern getroffen, die eigentlich auf Eastland angesetzt waren, dem Selbstjustizler Rückendeckung. Ob er aber wirklich mit dessen Ideen von Gerechtigkeit konform geht? Viel eher steht Dalton in der Interpretation von George, ein Schauspieler, der sein sonniges Gemüt und seinen grundsätzlichen Optimismus auch inmitten des totalen existenzialistischen Chaos wie Fulcis PAURA NELLA CITTÁ DEI MORTI VIVENTI nicht verliert, für eine Philosophie der Versöhnung und Empathie. Während andere Cops durch die ständige Konfrontation mit Verbrechen, Hass und Niedertracht abstumpfen und den Glauben an die Menschheit verlieren, hält er umso entschlossener an ihm fest. Man beachte, wie er eine einfache Freude wie die Zubereitung eines Hot Dog mithilfe eines selbstgebauten Wursterhitzers am Schreibtisch zelebriert! Wie zärtlich und liebevoll die Romanze mit der Ärztin Megan Stewart (Samantha Eggar) verläuft. Sie hat inhaltlich keinerlei Funktion für den Film, dient lediglich als emotionaler Fels in der Brandung, weil Glickenhaus seinem Exterminator nicht das Ruder überlassen will.

Und so reißt er auch den Zuschauer immer wieder aus dem Flow, den andere Regisseure von Selbstjustizfilmen aufbauen, um sie in ihre Falle zu locken. THE EXTERMINATOR ist enorm sperrig, arhythmisch und unvorhersehbar – und lässt nie einen Zweifel daran lässt, dass Eastland auf dem Holzweg ist. Man versteht sehr schnell, dass das Schicksal seines Freundes nur der Katalysator für ein tieferliegendes Problem ist, dass es ihm nicht um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung geht. Hinter seinem Rachefeldzug steckt zum einen einen seine soziale Lage – er weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll, ist nach dem Krieg nicht mehr in der Lage, einem erfüllenden Job nachzugehen (er arbeitet in einer Fleischfabrik) – und das daraus resultierende Gefühl, verraten worden zu sein, zum anderen natürlich seine derangierte Psyche. Er hat den Krieg mit nach Hause genommen. Das macht Glickenhaus gleich zu Beginn deutlich, wenn von Vietnam auf die Hochhäuser Manhattans geschnitten wird, der Armeehubschrauber seinen Flug über der Metropole fortzusetzen scheint. Man hat Mitleid mit ihm und den anderen armen Seelen, die ziellos durch die 42nd Street wandern, aber man möchte nicht unbedingt etwas mit ihm zu tun haben. Ich habe immer aufgeatmet, wenn sich THE EXTERMINATOR wieder Dalton und seiner Eroberung zuwendete und zeigte, dass es möglich ist, in diesem Moloch zu leben. Verschließt Dalton die Augen vor der Realität? Nein, das würde ich nicht sagen. Aber er hat akzeptiert, dass er nicht alle Missstände allein beheben kann. Schon gar nicht würde er sich anmaßen, über Leben und Tod anderer Menschen zu richten. Es steckt nichts Resignatives darin, keine Bitterkeit. Jedenfalls nicht für mich.

Wer noch einmal den mittlerweile zwölf Jahre alten Text lesen möchte, den der Außenseiter und ich damals im Rahmen unseres Himmelnde-Blogs geschrieben haben: Hier ist er.

Jim van Bebber, Jahrgang 1964, drehte sein Debüt DEADBEAT AT DAWN über einen Zeitraum von vier Jahren in seiner Heimatstadt Dayton, Ohio. Man muss sich das vergegenwärtigen: In einem Alter, in dem andere noch überlegen, was sie mit ihrem Leben denn überhaupt anfangen sollen, legte van Bebber einen Spielfilm vor, der zwar roh, ungeschliffen, manchmal auch noch ein wenig pubertär ist, aber dennoch zu jeder Sekunde eine ganz klare Vision und erhebliches inszenatorisches Geschick erkennen lässt – und in seiner nihilistischen Räudigkeit nahezu perfekt ist. Der Regisseur, ist nicht der einzige, der seine Karriere mit einem solchen DIY-Erfolg begann – Peter Jacksons BAD TASTE fällt unweigerlich ein -, aber DEADBEAT AT DAWN ist schon noch einmal ein besonderes Kaliber, weil van Bebber so mutig war, sein Ding ohne jeden distanzierenden oder sich selbst vor Kritik abschirmenden Humor durchzuziehen. Das ist für einen Quasi-Amateurfilm geradezu unerhört – und es funktioniert. Die Befürchtung, der Film könne ganz schlecht gealtert sein, die ich hatte, war demnach nicht nur unbegründet, tatsächlich das Gegenteil ist der Fall: DEADBEAT AT DAWN ist in den letzten 20 Jahren eigentlich nur besser geworden und war demnach ganz gewiss die Wiederentdeckung unseres kleinen Festivals. Es ist ein Film, den man ohne Probleme als verspäteten Nachfahren der abgeranzten New-York-Schocker der frühen Achtzigerjahre rezipieren darf, ein Genre, von dem zumindest ich nie genug bekomme.

van Bebber selbst spielt Goose, den jugendlichen Anführer der „Ravens“, einer Straßengang, die sich mit kleinen Raubüberfällen über Wasser hält und sich regelmäßig mit den vom psychopathischen Danny (Paul Harper) angeführten „Spyders“ herumschlägt. Goose‘ Freundin Christy (Megan Murphy) fleht ihn an, das Gangleben hinter sich zu lassen, um mit ihr ein „bürgerliches“ Dasein zu führen und kann ihn schließlich zum Ausstieg überreden. Doch während er seinen letzten Deal abschließt, wird sie von Danny und seinem Kettenhund „Bonecrusher“ (Marc Pitman) ermordet. Goose wird rückfällig und erlebt mit, wie die Ravens unter der neuen Führung von Keith (Ric Walker) mit den Spyders fusionieren. Nach einem großen gemeinsamen Raubüberfall lässt Danny alle Mitglieder der einstigen Feinde umbringen, nur Goose kann mit der Beute fliehen. Das letzte Duell steht kurz bevor …

Um die kleinen Anflüge von Kritik gleich zu Beginn aus dem Weg zu räumen: Wenn ich DEADBEAT AT DAWN oben als „pubertär“ beschrieb, bezieht sich das vor allem auf das erste Drittel des Films und die Art, wie sich van Bebber dort selbst inszeniert. Goose zieht sich gleich nach dem Aufwachen eine Line, demonstriert beim Training im Park seine Nunchaku-Skills und ballert einem Feind gnadenlos die Flosse ab, hat aber eigentlich ein gutes Herz. Das weiß auch das biedere Mäuschen Christy, das trotz der absolut trostlosen Perspektive große Hoffnung in die Beziehung mit dem Asozialen setzt. Diese Konstellation wirkt auch wegen der alles überschattenden Schäbigkeit des Films etwas naiv, aber es fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht, weil van Bebber seinen etwas einfältigen Plot lediglich als Anlass für den Abstieg in die urbane Apokalypse versteht. Der auf 16mm gedrehte DEADBEAT AT DAWN verfügt nicht nur über die entsprechend ungeschminkte Optik und potthässliche Settings – heruntergekommene Wohnungen, Fabrikhallen, Kellergänge, Abrisshäuser, Hinterhöfe, miese Pinten und die typischen Straßenzüge voller Pornokinos -, er zeichnet auch ein sehr desillusionierendes Bild von urbanem Leben: Christy wird zu Beginn auf offener Straße beinahe vergewaltigt, ihre Leiche später von Goose in einer Müllpresse entsorgt. Auf die Trauer seines Sohnes über den Tod der Freundin reagiert der Vater nur mit der Frage, ob der denn wenigstens Geld für Bier habe, bevor er sich schließlich einen Schuss zwischen die Altherrenzehen setzt. Danny ist ein skrupelloser Mörder und Bonecrusher ein augenrollender Sadist, dass sich am Ende ein blutiges Gemetzel mitten in der Stadt abspielt, scheint kaum jemanden zu interessieren. Und dann ist da die Gewalt.

van Bebber nimmt keine Gefangenen und fährt ein beachtliches Arsenal knüppelharter Mark-up-Effekte auf. Das blutrote Feuerwerk aus Kopfschüssen, Stichwunden, und abgetrennten Köpfen kulminiert am Ende mit abgebissenen Fingern und einem mit bloßen Händen herausgerissenen Kehlkopf. Das alles wird ohne jeglichen „Fun“ dargeboten, fügt sich in seiner Unmittelbarkeit stattdessen ein in das Bild einer Welt, in der Menschlichkeit lange auf der Strecke geblieben ist und jeder wie ein Tier ums nackte Überleben kämpft. Auch wenn der Eindruck eines Runterziehers überwiegt: DEADBEAT AT DAWN ist mit viel Power inszeniert, einer wunderbar dynamischen Kamera und einem fast an Lebensmüdigkeit grenzenden Enthusiasmus: Einmal seilt sich van Bebber mit einem Seil an einem Parkhaus ab und ich bezweifle, dass er dafür eine Genehmigung hatte. Überhaupt schätze ich, dass mancher Passant einen Herzinfarkt erlitten haben dürfte, als er diesen irren Filmtypen bei den Dreharbeiten nichts Böses ahnend über den Weg lief. Aber auch für den gut vorbereiteten passivenr Betrachter, der es sich im Kinosessel oder auf der heimischen Couch bequem gemacht hat, ist DEADBEAT AT DAWN eine mächtige Kelle, nach der man sich exakt so fühlt, wie Goose am Ende des Filmes aussieht: Wie über heißen, rissigen Asphalt gezerrt und mit einer Eisenstange verprügelt. Was für ein Arschtritt.

 

 

Mit Staffel 2 kommt JUSTIFIED richtig ins Rollen: Das Fundament ist gelegt, die Hauptcharaktere sowie der Handlungsort sind etabliert und der Spaß kann beginnen. Infolgedessen wird die Zahl der innerhalb einzelner Folgen abgeschlossenen Fälle, die es zuvor noch häufiger gab, merklich reduziert, stattdessen spannt Schöpfer Graham Yost mit seinen Co-Autoren einen über die volle Distanz der 13 Episoden reichenden Spannungsbogen und integriert seine kleineren Storys in eine große. Boyd Crowder (Walton Goggins), in Staffel eins als Rivale des Protagonisten Raylan Givens (Timothy Olyphant) etabliert, tritt hier ein wenig in den Hintergrund. Stattdessen konzentrieren sich Yost und seine Regisseure auf den Hillbilly-Clan um die Matriarchin Mags Bennett (Margo Martindale), die mit ihren Söhnen Dickie (Jeremy Davies), Coover (Brad William Henke) und Doyle (Joseph Lyle Taylor) – letzterer pikanterweise ein Diener des Gesetzes – den Marihuana-Handel in Harlan County kontrolliert. Es entspinnt sich im Folgenden nicht nur ein Streit um die Drogenvorherrschaft zwischen den Crowders und den Bennetts, die rigorose Clanleaderin stellt sich als Sprecherin ihrer Gemeinde auch noch den Bemühungen einer Bergbaufirma entgegen, den Bewohnern das Land abzukaufen. Gleichzeitig steuert sich der Streit zwischen Givens und seinem kriminellen Vater Arlo (Raymond J. Barry) auf einen neuen Eskalationspunkt zu, als dieser in die Organisation von Crowder einsteigt. Und auch Wynn Duffy (Jere Burns), ein Vertreter der „Dixie Mafia“, hat weiterhin seine Hände im schmutzigen Geschäft und versucht, für seine Vorgesetzten etwas vom Drogengeld abzugreifen, wo er nur kann.

Auch wenn JUSTIFIED über die volle Distanz der sechs Staffeln hinweg exzellentes TV-Entertainment mit engagierten Schauspielerleistungen, einem arschcoolen Helden und pointierten Dialogen darstellt: In Staffel zwei erreicht die Serie dank Margo Martindale ihren vorzeitigen Höhepunkt, schwingt sich gewissermaßen zur Backwood-Variante von Coppola THE GODFATHER-Trilogie auf. Wie bei Vito und Michael Corleone steht hinter Mags eisenhartem Geschäftsgebaren das Bewusstsein für die Pflicht als Oberhaupt ihrer Familie. Der Drogenhandel ist auch nur ein Geschäft, das geeignete Mittel zum Zweck und in den Bergen und Wäldern Kentuckys beinahe ebenso fest verwurzelt wie der Kohlebergbau und die Schnapsbrennerei. Der Bennett-Clan hat eine lange Geschichte, das Wort von Mags Gewicht unter den Einheimischen und dass sie die Ihren mit dem Mut und der Gewalt eines Bären zu verteidigen bereit ist, hat ihr viel Respekt eingebracht. Staffel zwei von JUSTIFIED gelingt es noch mehr als der vorangegangenen oder den folgenden Staffel, die sozioökonomische Grundstruktur von Harlan County bloßzulegen und die Region als lebendiges Soziotop mit einer reichen Vergangenheit darzustellen. Givens‘ Arbeit wird zusehends nicht nur dadurch erschwert, dass er sich durch das Minenfeld über Jahrzehnte gewachsener Beziehungen und Rivalitäten bewegen muss, sondern auch dadurch, dass er selbst hoffnungslos in dieses Geflecht verstrickt ist.

Die kunstvolle dramaturgische Struktur der Staffel, die über die 13 Episoden unaufhaltsam auf den finalen, blutigen Kampf zusteuert, kann man gar nicht genug loben. Diese trotz der zahlreichen handelnden Personen und ihrer kleinen Subplots bestehende Klarheit werden die beiden nächsten Staffeln, so viel vorweg, leider vermissen lassen: Im entbrennenden Krieg zwischen dem Gesetz auf der einen, den Crowders, den verbliebenen Bennetts, den verschiedenen Unterhändlern der Dixie Mafia und einem afroamerikanischen BBQ-Experten sowie den vielen interpersonellen Zwistigkeiten verliert der Zuschauer manchmal den Überblick. Spaß macht das immer noch, die emotionale Unmittelbarkeit von Staffel zwei wird aber nicht mehr erreicht.

 

 

 

Unterwassermenschen, die zwischen dekorativ umherschwimmenden Haien, Walen und Rochen mit wallenden Haaren Dialoge über den legitimen König des untergegangenen Reichs Atlantis schwadronieren. Armeen, die wahlweise auf Riesenseepferdchen oder gepanzerten Haien in die Schlacht reiten. Eine Meerjungfrau mit tomatenroten Haaren, die mit ihren Händen das Wasser aus lebenden Körpern saugen kann. Eine bis auf den letzten Platz mit begeistert grölenden Zuschauern besetzte Unterwasserarena über einem gewaltigen, mit Lava gefülltem Krater. Ein Oktopus, der dazu Schlagzeu spielt. Bilder der vergangenen Riesenzivilisation Atlantis, deren Hybris zum Untergang führte, nachdem ihre Bewohner glücklicherweise die Möglichkeit eines neuen Lebens fanden. Ein mit atlantischer Supertechnologie ausgestatter Rächer namens Black Manta. Temuera Morrison als neuenglischer Leuchtturmwächter, Nicole Kidman als Meereskönigin, die sich in ihn verliebt, Dolph Lundgren als aquatisches Gegenstück zu Odin, Willem Dafoe mit Dutt. Und dazwischen ein ganzkörpertätowierter Held mit Rockermähne, Bikerbart und wissendem Grinsen. Viel Vergnügen mit AQUAMAN, der Superheldencomicverfilmung, die all das richtig macht, was bei Marvel mit schöner Regelmäßigkeit vergeigt wird.

Als Vincent Chase, der Protagonist der Serie ENTOURAGE, in deren zweiter Staffel den Titelhelden in der von James Cameron inszenierten Adaption des DC-Comics übernehmen durfte, war das ein Witz: Aquaman, ein blonder Biedermann, dessen Fähigkeit, mit Fischen kommunizieren und besonders gut schwimmen zu können, jetzt nicht unbedingt die beeindruckendste Waffe im Kampf gegen außerirdische Weltbeherrscher und Superverbrecher darstellte, wurde selbst von den größten Comicnerds nie so richtig ernst genommen – und er schien sich daher auch gegen ein cooles Re-Imagining zu sperren. Seine ganze Origin-Story und die Idee eines Unterwasserreiches waren so unabänderlich cheesy und kitschig, was sollte man daraus machen, das auch nur halbwegs ernstzunehmen war? Die Entscheidung der angeschlagenen DC Entertainment, ausgerechnet diesem Helden den nächsten großbudgetierten Eventfilm zu widmen, muss man demnach nicht verstehen. Doch nach Betrachtung möchte ich den Produzenten zu ihrer Entscheidung und ihrem Mut ausdrücklich gratulieren: Sie haben gar nicht erst versucht, gegen Kitsch, cheesiness und die dem Stoff inhärente Deppertheit anzukämpfen, sondern diese Elemente mit offenen Armen empfangen und damit einen Film vorgelegt, der endlich einmal nichts als reine Freude am nackten Unfug zum Ausdruck und damit auch den Spirit der bunt bebilderten „literarischen“ Vorlagen in ebensolchen Bildern auf die Leinwand bringt. Das infantil-beseelte Grinsen war mir während der gesamten Laufzeit ins Gesicht gemeißelt, das Vergnügen, dieses Spektakel mit meinen beiden Kindern sehen zu dürfen, dürfte dieses Jahr nur schwerlich getoppt werden.

Die vollkommen egale Handlung zusammenzufassen, erspare ich mir an der Stelle – der Film macht nie ein Hehl daraus, dass er sich lediglich als Aneinanderreihung geiler Bilder, Set Pieces, Materialschlachten, Sight Gags und gefälliger One-Liner versteht. Aber er kommt im Unterschied zu ähnlichen Werken mit diesem Ansatz davon, weil er eben liefert – und mit Jason Momoa einen Hauptdarsteller an Bord hat, der die Überdosis Charme mitbringt, die es braucht, eine eindimensionale Pappfigur wie seinen Aquaman zum Sympathieträger zu machen. (Er erinnert mich mit seinem Dauergrinsen, das den Eindruck erweckt, er hätte die Zeit seines Lebens und sei vollkommen desinteressiert, diese Freude zu verbergen, etwas an Dwayne „The Rock“ Johnson.) Über James Wan wird gern (auch von mir) gelästert: Die SAW-Reihe ist überaus streitbar, seine Horror-Filme THE CONJURING und INSIDIOUS inklusive der inflationären Pre- und Sequels long on style und short on substance, dafür hat er mit seinem Einsatz für FURIOUS 7 (und einige Jahre zuvor m unterschätzten DEATH SENTENCE) etwas bewiesen, was er auch in AQUAMAN wieder zeigt: dass er ein Händchen für temporeiche Action und ikonische Bilder hat. Die im Rahmen des CGI-Overkills durchaus als physisch zu bezeichnende Hatz durch ein sizilianisches Hafenstädtchen markiert einen Höhepunkt des mit rund 140 Minuten natürlich viel zu lang geratenen Spektakels, das aber trotzdem an einem vorbeirauscht wie ein Intercity.

Wem das alles zu doof, zu unecht, zu substanzlos, zu computerspielartig ist, dem kann ich kaum widersprechen. Ich habe mich bei vergleichbaren Filmen selbst auch schon anders geäußert, die schiere Menge an computergenerierten Bildern moniert, das Fehlen echter Emotionen oder auch nur traditionellen Filmhandwerks betrauert. Auch AQUAMAN ist eigentlich ein reiner Animationsfilm und inhaltlich hat er rein gar nichts zu sagen. Aber, fuck, hat der Spaß gemacht. Wans Film hat all das, was ich an den Filmen des MCU so vermisse: Er lebt von seinen bunten, geilen Bildern, ist geradezu beseelt von den schier grenzenlosen Möglichkeiten, die ihm sein Sujet bietet, berauscht von der Lust an der Schöpfung bonbonbunter Bilder, und kein Stück bereit, sich dabei in Ketten schlagen zu lassen. Er verkneift es sich kluger- und sympathischerweise, seinen Helden als Sprechpuppe für halbgare Aussagen zur Weltpolitik zu missbrauchen und so Relevanz vorzugaukeln. Kein Wunder, dass die Filmkritik, sonst immer schnell zur Stelle, wenn es darum geht, noch den letzten Studioheuler zum antikapitalistischen Manifest hochzujazzen, hier in größter Einigkeit die Keule herausholte. Was natürlich nichts daran änderte, dass AQUAMAN zum überraschenden Superhit mutierte. Mich freut das ungemein. Wenn alle Superheldenfilme so aussähen, ich wäre zufrieden. Ich will mehr Filme, die unter Wasser spielen, mit schwerelos schwebenden Figuren, deren Haare in Zeitlupe in der Strömung wallen und die dabei ganz normal miteinander reden. Ich komme da einfach nicht drüber weg, so geil finde ich das.

Urlaub und Badespaß: Am Strand hat Mitch Rapp (Dylan O’Brien) seiner Freundin soeben einen Heiratsantrag gemacht, da wird das junge Glück durch einen Schicksalsschlag zerrissen: Islamische Terroristen richten unter den Touristen ein Gemetzel an, Mitch muss mitansehen, wie seine Verlobte vor seinen Augen hingerichtet wird. 18 Monate später ist er eine Kampfmaschine, spricht fließend Arabisch, hat sich Eingang zum inner circle der Terrorzelle um den Mörder seiner Liebsten verschafft – und damit auch die Aufmerksamkeit des CIA auf sich gezogen, die in ihm einen perfekten Killer sieht. Der Ex-Navy Seal Hurley (Michael Keaton) verpasst Rapp den letzten Feinschliff, dann geht es gegen „Ghost“ (Taylor Kitsch), einen Abtrünnigen, der eine Atombombe bauen will …

AMERICAN ASSASSIN basiert auf einer Reihe von Polit-Thrillern des amerikanischen Autors Vince Flynn, der in der Tradition solcher Autoren wie Robert Ludlum, Alistair MacLean oder Tom Clancy steht: Harte Action mit ebenso harten Typen, schwer verständlicher Tech Talk, internationale politische Verwicklungen und Intrigen sowie die Vorstellung eines stark Staates – der natürlich nichts ist ohne seine treuen Diener, die sich ohne mit der Wimper zu zucken für die Werte der Demokratie und der Freiheit opfern – zeichnen das literarische Genre aus, das vor allem ab den Siebzigerjahren immer wieder fürs Kino adaptiert wurde. In den letzten Jahren hatte sich diese Spielart des Actionfilms – von den immens erfolgreichen Filmen um Jason Bourne einmal abgesehen – etwas rar auf den Leinwänden gemacht: Politik wird kritisch beäugt und vom modernen Actionhelden erwartet man eher einen gewissen Nonkonformismus und das Einstehen für die Unterdrückten als die Unterwerfung unter die Staatsräson zum Wohle des Erhalts des Status quo. AMERICAN ASSASSIN versucht die Kluft zu überbrücken, indem er einen Helden in den Mittelpunkt rückt, der zunächst von einem inneren Trieb motiviert wird und dessen Wille auch von seinen Vorgesetzten nicht gebändigt werden kann. Man könnte sagen, dass Cuesta dem immer auch etwas aseptischen Polit- und Agententhriller eine Dosis Sex und Badassery injiziert. Was nicht unproblematisch ist.

Das beginnt schon mit dem Auftakt, der ungute Assoziationen zu den Schreckensbildern aus den Nachrichten der letzten Jahre weckt und damit nicht gerade die geschmackssicherste Wahl für einen Film darstellt, der letztlich reines Actionspektakel liefert. Die folgende Sequenz, die den nun zur Ein-Mann-Armee gereiften Rapp zeigt, ist die beste des Films: Kurz vor der Konfrontation mit den Mördern seiner Freundin förmlich brennend, sehen wir ihn, wie er wegen Disziplinlosigkeit erst aus seinem Kampfsportstudio geschmissen wird, anschließend eine Massenpanik auf einem Schießstand auslöst, auf dem er wie ein Irrer mit seinem Maschinengewehr herumballert und dann mit den Terroristen auf Arabisch chattet, bevor er sie in Tripolis höchstpersönlich trifft. Dylan O’Brien, auf Bildern ein Jüngelchen, das jede Schwiegermutter in Verzückung geraten ließe, ist super als zu allem entschlossener Killer mit Isis-Bart und mangelndem Respekt vor staatlichen Institutionen. Das denkt auch die CIA-Agentin Irene Kennedy (Sanaa Lathan): Rapp hat etwas, das man einem Mann nicht antrainieren kann. Hurley ist etwas anderer Meinung, aber am Ende ist es natürlich so, dass die flammende Leidenschaft und die Disziplinlosigkeit des Quereinsteigers genau jene Eigenschaften sind, die den Unterschied machen. Im Kampf gegen Wahnsinnige ist es hilfreich, wenn man es mit den Regeln selbst nicht so genau nimmt. Behauptet der Film zumindest.

Outlaw Vern bemängelte in seiner Kritik, dass AMERICAN ASSASSIN sich seine inhärente Absurdität nicht verdiene. Seiner Meinung nach sei der Film zu glatt und generisch inszeniert und letztlich zu kommerziell, um mit seinen Over-the-Top-Momenten wirklich Freude zu bereiten. Ganz Unrecht hat er damit nicht, aber ich finde, dass allein die Mischung aus heftiger Ruppigkeit und Hochglanzoptik mit schönen Menschen, mit der Cuesta seine Law-and-Order-Fantasie kredenzt, Aufmerksamkeit verdient hat. Das Finale mit der Atombombe im Rucksack, die Rapp aus einem Boot ins Wasser schmeißt und damit eine Katastrophe verhindert, ist zugegebenermaßen Tinnef und macht unmissverständlich klar, wessen Geistes Kind AMERICAN ASSASSIN ist (falls man es bis dahin vergessen haben sollte), aber um sich 90 Minuten lang durchpusten zu lassen reicht dieses hübsch reaktionäre Stück Film wunderbar aus. Scott Adkins hat eine kleinere Nebenrolle als Kollege/Rivale von Rapp und muss beim ersten gemeinsamen Einsatz natürlich ins Gras beißen. Aber immerhin hat er ein paar Sekunden zusammen mit Michael Keaton, der in einer fiesen Folterszene seine Fingernägel einbüßt.