Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

Meine Liebe zum generischen DTV-Actionkino muss ich hier nicht mehr groß ausbreiten. Auch MISSION OF JUSTICE ist wieder so ein „Werk“, das mein Herz gar nicht wirklich erobern muss, weil es sich meiner grundsätzlichen Sympathie schon sicher sein kann und nur noch die schwungvolle Abfolge von gut abgehangenen Plotklischees, Kampfszenen, steingesichtigen Schurken, liebenswerter Drehbuchidiotie und budgetbedingter Limitierung zu liefern braucht. Wer den Exploitationfilm hingegen vor allem deshalb schätzt, weil er immer auch ein großes Experimentierfeld und Filmemachern fernab der großen Studios Möglichkeiten der Selbstverwirklichung bot, der kann MISSION OF JUSTICE  links liegen lassen. Inszenatorisch zieht Barnett nicht die Butter vom Brot, visuell betrachtet war Meister Schmalhans Küchenmeister und C-Lister Jeff Wincott ist auch nicht gerade der Martial-Arts-Gott, von dem man jeden Roundhouse-Kick gesehen haben muss. Aber der Film hat mich mit der unaufgeregten Art, mit der er seine hanebüchene Story darbietet, trotzdem mühelos eingefangen.

Im fiktiven Örtchen Eastgate (gedreht wurde in eher anonym aussehenden Teilen von L.A.) verrichtet der tapfere Cop Kurt Harris (Jeff Wincott) seinen Dienst: Sein auf Konflikt gebügelter Vorgesetzter Duncan (Christopher Kriesa) legt ihm aber immer wieder Steine in den Weg. Die grassierende Gewalt auf den Straßen macht sich auch Dr. Rachel Larkin (Brigitte Nielsen) zunutze: Mit dem Erfolg ihrer „Mission of Justice“, einer Mischung aus Bürgerwehr und Sekte, deren Philosophie auf ihren eigenen Lebenshilfe-Ratgebern fußt (Yin-Yang inklusive), will Larkin sich zur Bürgermeisterin wählen lassen. Eines ihrer Werkzeuge ist der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Cedric Williams (Tony Burton), auch ein Kumpel von Kurt: Seine Popularität will sie für sich ausschlachten, doch der alternde Boxer hat keine Lust mehr auf ihre miesen Geschäfte. Es kommt, wie es kommen muss: Als der vom Dienst suspendierte Harris von der Ermordung des Freundes erfährt, schleust er sich in die „Mission of Justice“ ein …

Die Inhaltsangabe liest sich schon wie die zu tausend anderen Filmen und so setzen sich die Déjà Vus auch auf der Mikroebene der Handlung fort: Supercop Kurt (Muskelshirt, Lederblouson und Wildleder-Cowoboystiefel zur Jeans) hat die Faxen dicke von den ständigen Gängeleien, von doofen Regeln und nachsichtigen Richtern. Nachdem er seinen Job geschmissen hat, besucht er das Gym seines alten Freundes Cedric, um erst einmal ordentlich zu pumpen. Kaum hat er das schäbige Etablissement verlassen, tauchen Larkin und ihre Schergen auf (darunter der hünenhafte Matthias Hues) und machen kurzen Prozess mit Apollo Creeds Ex-Trainer. Natürlich wird die Tat von einem der sogenannten „Peacemaker“ der „Mission of Justice“ beobachtet, doch der traut sich nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil die teuflische Larkin ein perfides Netz aus Überwachung und Strafe gesponnen hat. Wenn Kurt vom Tod von Cedric erfährt, begießt er die Trauer mit Whiskey und herzt das Foto, das ihn mit dem Freund zeigt. Das Vertrauen von Larkin erschleicht er sich, weil just im Moment seiner Bewerbung drei Rockertypen auftauchen, um Ärger zu machen, von Kurt aber mit Fausthieben und Tritten ruhigestellt werden. Bis zur Enttarnung der Schurkin, die auch vor dem Mord an einem alten Mütterchen nicht Halt macht (der Oma des Zeugen), gibt es die üblichen Versatzstücke: Kurt hat eine brutale Aufnahmeprüfung zu bestehen, er schleicht auf der Suche nach Beweisstücken in der Firmenzentrale herum, manipuliert eine Überwachungskamera und findet ein belastendes Video (das der Einfachheit halber unmissverständlich beschriftet ist). Außerdem geht er mit den anderen Peacemakern auf Tour durchs Viertel und räumt bei der Gelegenheit ein bisschen auf: Der Actionhöhepunkt des Films ist eine ausgedehnte Keilerei in einer illegalen Autowerkstatt, bei der unter anderem auch Kettensäge, Bohrer und Hebebühne zum Einsatz kommen und die kein Ende zu nehmen scheint.

Was MISSION OF JUSTICE an Finesse und Feinschliff vermissen lässt, macht er mit Einsatz wieder wett: Die choreografisch eher mittelprächtigen Fights steigern sich zu wahren Prügelorgien, bei denen die „Helden“ jede Hemmung verlieren und die erschrockenen Gesichter ihrer Gegner wie Irre mit Schlägen bearbeiten. Des Eindrucks, dass da so Einiges kompensiert wird, kann man sich nur schwer erwehren. Schön auch, dass Gleichberechtigung hier nicht nur ein Lippenbekenntnis ist: Die beiden kämpfenden Damen des Films – Kurts Partnerin Lynn (Karen Sheperd) und Larkins „Analystin“ Erin (Cyndi Pass) – gehen mit derselben Blutgier aufeinander los wie ihre männlichen Kollegen. Der Augenblick, in dem Lynn einen Schreibtisch zu Hilfe nimmt, um für einen eingedrehten Sprungkick in die Fresse ihrer Kontrahentin den richtigen, die Wirkung maximierenden Einfallwinkel zu bekommen, war vielleicht mein persönliches Highlight des Films. Aber die armselig kopierten Schwarzweiß-Wahlposter, die Larkin und den abgehalfterten Ex-Boxer zeigen und der große Coup ihres Wahlkampfes sein sollen, sind auch ziemlich toll. Und das alles präsentiert Barnett ohne Augenzwinkern, anscheinend ohne jedes Bewusstsein für die inhärente Absurdität seiner Geschichte und ihrer Klischees. Das ist einfach wunderbar.

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Der internationale Verleihtitel FINAL JUSTICE klingt nach generischer Neunzigerjahre-DTV-Actiongülle (die Übersetzung des Originaltitels THUNDERBOLT VANGUARD hingegen wie ein Schwulenporno um Sprengstoffexperten), dabei ist Parkman Wongs Film mit Danny Lee und dem gerade 26-jährige Stephen Chow hochkarätig besetzt. Beide spielen, ganz nach der damals populären Buddyfilm-Formel, zwei ungleiche Partner im Kampf gegen eine Verbrecherbande: Lee ist Sergeant Cheung, tough bis zur Karikatur, auf Regeln pfeifend und immer mit seinem Motorrad unterwegs, Chow der Kleinkriminelle Ah Wai, der sich mit den bösen Buben eigelassen hat und von Cheung nun zur Mithilfe verdonnert wird.

Komödiantische Elemente überwiegen, die Action wird eher sparsam eingesetzt (dann aber mit ein paar schönen Einschüssen), vor allem, wenn man sie mit den Filmen der großen Actionspezialisten Hongkogs vergleicht,etwa mit denen von John Woo, in dessen Meisterwerk DIE XUE SHUANG XIONG Lee nur wenige Jahre später in einer deutlich ernteren, gewichtigeren Rolle zu sehen war, oder bedenkt, dass mit Chow ein Darsteller zur Verfügung stand, der für seine große Martial-Arts-Artistik bekannt ist: Er darf von diesem beachtlichen Talent überhaupt nichts zeigen, muss stattdessen den gutmütigen Taugenichts spielen, der vom adrenalinsüchtigen Cheung von einer brenzligen Situation in die nächste getrieben wird.

Das ist leider eher langweilig, weil PIK LIK SIN FUNG strikt nach Formel abläuft und das einzige, was aufmerken lässt, Danny Lees bescheuerter Cop und diverse bizarre Modererscheinungen sind. Manchmal habe ich den Eindruck, die Achtziger waren in Hongkong am achtzigerigsten: Danny Lee trägt eine unfassbar Deppenfrisur zur Schaue, die ihn aussehen lässt wie Moe von den Drei Stooges, er wohnt in einer Garage, trägt ständig Lederjacke und Sonnenbrille, hat einen frivolen Zigarettenspender und liegt, wie könnte das anders sein, im Clinch mit dem geleckten Vorgesetzten. Chows Ah Wai hingegen ist eher so der verspielte modebewusste, was man an seinem Jeansblouson sieht, auf dessen Rücken bunte Knöpfe eine „Fuck“ formen. Später trägt er dann eine Jacke, an deren Revers zwei anthropomorphe Plüschherzen gepinnt sind – einer der idiotischeren „Trends“ eines an solchen nicht armen Jahrzehnts. Viel mehr ist leider nicht hängen geblieben.

wu ming huo (bryan leung, hongkong 1984)

Veröffentlicht: März 18, 2018 in Film
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Dreckig, asozial, brutal: Leungs Regiedebüt ist ein finsterer, Rachereißer, der sich nicht lang mit langweiligem Scheiß wie „Charakterisierung“, „Differenzierung“ oder gar „Ambivalenz“ aufhält. Exploitation in Reinkultur – und wer sich im Hongkongkino nur ein bisschen auskennt, der weiß, dass die sich von ihren US-amerikanischen Artgenossen darin unterscheidet, dass sie noch greller, noch ignoranter, noch wahnsinniger, mithin noch ehrlicher daherkommt. WU MING HUO (internationaler Titel: PROFILE IN ANGER) erzählt ein gut abgehangene, gewissermaßen trockengereifte Story, deren Verlauf man bereits nach eineinhalb Takten punktgenau voraussagen kann: Chun-yue (Bryan Leung) ist ein prominenter, überall beliebter Superdude, der seine wunderhübsche Verlobte Hydi (Pat Ha) zu Beginn am Flughafen abholt. Dort trifft er in einer der ersten unverschämt naiven Abkürzungen, die sich das Drehbuch gleich reihenweise gönnt, seinen alten Schulfreund Kin-Hang (Damian Lau), einen schweigsamen Hänfling mit Riesenbrille, und nimmt ihn sogleich mit zu sich nach Hause. Was er nicht weiß: Der Spargeltarzan, dem er früher immer gegen die Bullies half, ist auf dem Rachetrip. Er will den schwerreichen Juwelenhändler Wai Kit (Yi Chang) umbringen, der seine Eltern auf dem Gewissen hat. Natürlich geht das schief, der Schurke stellt de Verbindung zwischen Kin-Hang und Chun-yue her und hetzt dem Helden seine Killer auf den Hals, die seine frisch angetraute umbringen. Chun-yue tut, was Mann in einer solchen Situation tun muss: Er lässt sich einen Verzweiflungsvollbart wachsen, geht zum Pumpen ins Fitnessstudio und dann auf Mordtour.

Das Blöde und das Geile geben sich in WU MING HUO die Klinke in die Hand: Die Charaktere sind mit „eindimensional“ noch wohlwollend umschrieben und mehr als einmal hat man das Gefühl, das Script wurde von einem Achtjährigen geschrieben. Einer der beiden Schurken trägt eine Ted-Herold-Gedächtnisfrisur, entpuppt sich dann aber als Glatzkopf mit furchtbaren Verbrennungen: Seine Kopfhaut sieht aus wie ein Brathering und er tritt dem Helden zum Showdown auf einem Schrottplatz in Unterhose entgegen. In einer anderen, völlig abseitigen Szene geht es um eine Rockerbande: Die sieht aus, wie aus DEATH WISH 3 oder MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR entsprungen und begibt sich mit dem exzessiven Konsum von Haschgiftzigaretten ins totale Delirium. Die Mitglieder sitzen apathisch im Dreck, tragen kabukiartiges Make-up, treiben es unabhängig vom Geschlecht des anderen miteinander und beißen lebenden Ratten die Köpfe ab. REEFER MADNESS wirkt dagegen wie ein wissenschaftliche Studie. Und das geht in einer Tour so weiter.

WU MING HUO ist zuerst ein bisschen trist, aber wenn er nach 30, 40 Minuten Fahrt aufgenommen hat, gibt es kein Halten mehr. Die Stunts sind sparsamer als in anderen Hongkong-Spektakeln, aber kaum weniger lebensmüde, die pure Lust an der Gewalt, die hier zum Vorschein kommt, verleiht dem Film etwas Psychotisches, und alles, was man zu Beginn vielleicht vermisst, packt Leung dann in die letzten 20 Minuten. Da verprügelt einer der Bösewichter erst ein Kind und überfährt dann dessen schwangere Mutter, bevor ihm der Held mit einem panzermäßig aufgemotzten Truck den Gar aus macht. Wai Kit wird mit einer Schrotflintenladung aus dem Fenster seines Luxusrestaurants gepustet und die Frage, wie Chun-yue mit Springerstiefeln, Armeehose und Unterhemd da überhaupt reingekommen ist, stelllt sich angesichts solcher Chuzpe nicht mehr. Super.

 

In den Achtzigerjahren erfreute sich der Buddyfilm großer Beliebtheit. In Dutzenden von Filmen wurden ungleiche Paare – meist waren es männliche Polizisten – zusammengestellt und vom Drehbuch dazu gezwungen, sich gegen eine verbrecherische Übermacht zusammenzuraufen. Großes Vorbild war zunächst Walter Hills 48 HRS., MIAMI VICE setzte mit Buddy-Konzept Maßstäbe in der Evolution der Fernsehserien, Ende des Jahrzehnts gelang Richard Donner mit LETHAL WEAPON eine weitere Auffrischung, die auch wesentliche Inspirationsquelle für NUMBER ONE WITH A BULLET gewesen sein dürfte, den die Cannon im selben Jahr in die Kinos brachte. Wie die genannten Vorbilder vereint Smights Film eine weißen und einen schwarzen Cop, wie bei Donner wandelt der Weiße auf dem schmalen Grat zum Wahnsinn, wie bei MIAMI VICE interpretiert Williams seinen Bullen als öligen Charmeur im feinen Zwirn.

Der Fokus liegt allerdings klar bei Robert Carradine, dessen Detective Berzak, Spitzname „Berserk“, alle Klischees des heißgelaufene Bullen in sich vereint: Er wird eingeführt, wie er seinem Partner Hazeltine (Billy Dee Williams) bei einer schönen Blonden die Tour vermasselt, indem er ihr erzählt, er habe kürzlich in Ausübung seiner Pflicht ein Kind erschossen . Weil er selbst die Trennung von seiner Ehefrau Teresa (Valerie Bertinelli) nicht verkraftet hat, gönnt er auch dem Partner keinen Erfolg in Liebesdingen: Später kommt er Hazeltine noch einmal in die Quere, indem er sich gegenüber einer seiner neuen Eroberungen als dessen schwuler Liebhaber ausgibt. Die stalkerhafte Penetranz, mit der er der Ex-Gattin nachstellt, legt Smight als liebenswerte Marotte aus, findet es augenscheinlich saukomisch, wenn Berzak potenzielle neue Lebensgefährten seiner Frau mit Andeutungen über eine bei ihr vorliegenden Geschlechtskrankheit in die Flucht schlägt. 30 Jahre später fragt man sich nur, was für ein psychopathisches Arschloch dieser „lustige“ Kerl ist. Aber solche Geschmacksentgleisungen tragen natürlich auch zum Amüsement bei, von dem der streng genommen höhepunktarme Film nur profitieren kann. Der eigentliche Krimiplot um einen in verbrecherische Machenschaften verwickelten reichen Unternehmer, den Berzak schon seit geraumer Zeit auf dem Kieker hat, dem er aber nie etwas nachweisen konnte, ist ein in die Jahre gekommener Genrestandard, dem Smight nicht viel Neues abgewinnt. Und für eine Cannon-Produktion kommt NUMBER ONE WITH A BULLET auch ziemlich trocken daher. Ihm fehlt dieses kirmeshafte, marktschreierische Element, das die Cannon-Filme sonst so unverwechselbar macht.

Aber diese Stromlinieförmigkeit fällt nicht weiter negativ ins Gewicht, im Gegenteil: Genrekost wie diese lebt ja auch vom Wiedererkennungswert, dem Spiel mit den nur verhaltenen Variationen. In NUMBER ONE WITH A BULLET findet man sich sofort gut zurecht, kann sich daran versuchen, die nächsten dramaturgischen Schritte vorherzusagen und, weil man dabei meist erfolgreich ist, die kleinen Details in der Charakterzeichnung ins Visier zu nehmen. Wobei „Charakter“ hier schon übertrieben ist, denn Carradine und Williams spielen sattsam bekannte Archetypen. Der Unterschied zu weniger gelungenden Vertretern des Subgenres liegt allerdings darin, dass die beiden Profis das sehr überzeugend hinbekommen und einem ihre Figuren mit laufender Spieldauer tatsächlich fast ein wenig ans Herz wachsen. Berzak dichtet das Drehbuch einen putzigen Mutterkomplex an, lässt ihn immer wieder zur Gitarre greifen, eine Bierflasche mit einem abgelösten Cola-Etikett tarnen und rohes Fleisch aus der Supermarktverpackung essen. Williams‘ Hazeltine bekommt demgegenüber nicht viel zu tun, aber der Akteur verfügt über das Glück, mit Charme im Übermaß gesegnet worden zu sein: Er muss nur selbstbewusst in die Kamera lächeln und erreicht damit mehr als andere Darsteller in zehnminütigen Monologen. Das lässt sich auf Smights ganzen Film ausweiten: Er leistet nichts Außergewöhnliches, aber das, was er macht, macht er richtig. Demzufolge habe ich auch nicht viel Substanzielles zu sagen über NUMBER ONE WITH A BULLET. Außer, dass er mir auf seine unprätentiöse Art 90 sehr kurzweilige Minuten beschert hat.

Roger Zelazny gehört zu den großen und vor allem produktiven Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts. Er wurde vielfach ausgezeichnet und inspirierte etliche Autoren dazu, in seine Fußstapfen zu treten. Was er wohl zur Verfilmung seines gleichnamigen Romans sagte? Oder wenigstens darüber dachte?
DAMNATION ALLEY stammt aus dem Jahr 1977 und fügt sich thematisch auch gut in die in diesem Jahrzehnt neu aufkeimende Angst vor dem nuklearen Holocaust, aber während der knapp 90 Minuten fühlt man sich eher in die Fünfzigerjahre zurückversetzt oder aber in ein Autokino verfrachtet, in dem ein billig runtergekurbeltes Schlockfilmchen aus der Schmiede von Al Adamson, Ted V. Mikels oder Bert I. Gordon die Zungenküsse des Auditoriums untermalt. Zugegeben, Regisseur Jack Smight dürfte ein deutlich höheres Budget zuer Verfügung gehabt haben, was am Ende dabei herauskam, ist aber ähnlich käsig – und amüsant.

Nachdem mehrere Raketen mit Atomsprengköpfen in den Großstädten der USA eingeschlagen sind, macht sich eine vierköpfige Delegation von Überlebenden aus einer Raketenbasis im Südwesten auf zur Ostküste, von wo man ein regelmäßges Notisgnal auffängt. Auf dem beschwerlichen – in einem geilen Panzerwagen zurückgelegten – Weg haben Denton (George Peppard), Tanner (Jan-Michael Vincent) und Keegan (Paul Winfield) nicht nur mit dem aus den Fugen geratenen Wetter zu kämpfen, sondern auch mit riesigen Skorpionen, Killerkakerlaken und natürlich marodierenden Halsabschneidern …

Bemerkenswert an DAMNATION ALLEY ist neben seinem Einsatz farblich verfremdeter Hintergründe, die den Film zum Konsum unter LSD-Einfluss prädestinieren, vor allem der Anfang: Smight läst sich relativ viel Zeit, die atomare Katastrophe zu schildern, mit Leichtigkeit die spannendsten 20 Minuten des Films. Denton und Tanner treten ohne jede böse Vorahnung ihren Dienst an, scherzen mit den Kollegen, nehmen ihre Befehle entgegen und werden dann mit der Nachricht konfrontiert, dass Raketen im Anflug sind. Sie lösen den Gegenschlag nach Lehrbuch und ohne eine Miene zu vrziehen aus, dann beobachten sie auf dem Kontrollbildschirm gemeinsam mit den anderen wie um sie herum die Welt untergeht. Es ist die Beiläufigkeit, mit der das alles passiert, die erschüttert. Der Gedanke, die Welt würde genau so untergehen, schwebte damals (und auch noch im Folgejahrzehnt) durch die Köpfe und äußerte sich dann eben in absolut nüchternen Darstellungen wie dieser. Damit es aber nicht zu deprimierend wird, begibt sich DAMNATION ALLEY schon im unmittelbaren Anschluss in die Gefilde des Camp: Mäßig überzeugend ins Bild kopierte Skorpione lassen an den seligen TARANTULA denken, Dialoge gaukeln Tiefe vor, wo doch nur Plotholes sind, die ästhetische Gestaltung ist hoffnungslos unsubtil. Der episodische Handlungsverlauf gehört zum Roadmovie dazu, aber nur selten ist die Montage der einzelnen Tableaus so dermaßen arhythmisch wie hier. Dass das Ende des Films wie vom Himmel fällt, der Film einfach aufhört und dabei auch noch zwei seiner Protagonisten völlig außen vor lässt, ist da nur folgerichtig.

Wenn man Käsequark dieser Art zu goutieren weiß, verläuft auch die Sichtung von DAMNATION ALLEY nicht ohne Schmunzeln und Vergnügen. Die Dialogzeile „This city is infested with killer cockroaches“ aus dem Munde George Peppards jedenfalls darf durchaus als Poesie gelten. Die wenig überzeugenden Effekte und die Netzhaut-ablösende visuelle Gestaltung hatte ich ja schon gewürdigt. Der nach awesomeness dürstende Genrefan freut sich außerdem über den geilen Panzer (auf den auch auf diegetischer Ebene alle total versessen sind): Die Einstellungen kurz vor Schluss, in denen ein deutlich als solches zu erkennendes Modell in der Badewanne, äh, in der Sintflut treibt, machen zudem berechtigte Hoffnung, dass irgendwann bei eBay mal ein überteuertes Spielzeug auftauchen könnte. Und wem das alles noch nicht reicht, dem sei gesagt, dass George Peppard einen Schnurrbart trägt. Eben.

 

 

Auch wenn der Titel auf ein Kokain-Drama schließen lässt, handelt es sich bei diesem Film doch um einen Beitrag zum wunderbaren und leider völlig aus der Mode gekommenen Subgenre des Truckerfilms, das seine Hochzeit in den Siebzigerjahren erlebte, bevor es im Folgejahrzehnt in Deutschland die Serie AUF ACHSE und natürlich DIDI AUF VOLLEN TOUREN inspirierte. „White Line Fever“ bezieht sich also nicht auf Entzugserscheinungen nach dem weißen Nasenpuder, sondern auf das Phänomen des Sekundenschlafs, das Trucker ereilt, wenn sie stundenland Meilen gefressen haben.

Nach der Heirat mit der hübschen Jerri (Kay Lenz) investiert Carol Jo (Jan-Michael Vincent) alles Ersparte in einen eigenen Truck, doch der Traum vom eigenen Business platzt schnell wie eine Seifenblase: Das ganze Speditionsgeschäft ist durch und durch korrupt und wer beim schmutzigen Spiel der Auftraggeber nicht mitspielt ist schnell ganz draußen. Zunächst wird Carrol Jo vom fiesen Buck (L. Q. Jones) und seinen Handlangern nur drangsaliert, dann zusammengeschlagen, doch schließlich will man ihm den Mord an seinem väterlichen Freund Haller (Slim Pickens) anhängen …

WHITE LINE FEVER macht noch einmal schmerzhaft klar, was aus Jan-Michael Vincent hätte werden können, hätten ihn nicht Alkohol und Drogen erwischt: Der spätere AIRWOLF-Star sieht hier nicht nur spitze aus, er ist als Jungspund, der sich nicht unterkriegen lässt, auch sehr sympathisch und charismatisch. Und, nicht ganz unwichtig, auch als Actionstar funktioniert er perfekt: Die Schrotflinte steht ihm ausgezeichnet, Klettereien auf dem fahrenden Truck übernimmt er kurzerhand selbst, anstatt sie irgendwlchen Stuntmen zu überlassen. Selbst ist der Mann! WHITE LINE FEVER macht zunächst schön Tempo, hat viel Power, angemessen hassenswerte Bad Guys – Martin Kove als henchman Bucks – und natürlich auch eine Prise Trucker-Romantik inklusive atemberaubender Ansichten eines wnterlichen Monument Valley. Der endgeile Stunt am Ende – Carrol Jo crasht mit seinem Truck durch das gigantische Firmenlogo des mafiösen Speditionskonzerns – setzt auch visuell einen schönen Endpunkt, der mit dem etwas schematischen Handlungsverlauf versöhnt. Man kennt das alles irgendwoher: die zunächst etwas naive Weigerung des Helden, beim bösen Spiel mitzumachen, die folgenden Lektionen, die sich immer weiter hochschaukelnde Gewalt, der anscheinend aussichtslose Kampf gegen eine übermächtigen Gegner, der immer noch ein As im Ärmel hat, die Anschläge auf das eigene Leben und das der Frau, das in die Schuhe geschobene Gewaltverbrechen, die gekauften Honorationen. WHITE LINE FEVER ist in erster Linie Exploitation, Genrekino, das sich nicht um einen Originalitätspreis bewirbt, sondern Altbekanntes in leicht abgewandelter Verpackung kredenzen, auf dass der Zuschauer gleich weiß, woran er ist.

Als Schüler Roger Cormans ist Jonathan Kaplan dafür genau der richtige Mann: Er debütierte für dessen New World Pictures 1972 mit NIGHT CALL NURSES, einem Film, der die Trenchcoat-Fraktion im Stile mit etwas linker Gesellschaftskritik infiltrierte, eine Strategie, die sich auch Jonathan Demme mit seinem WIP-Film CAGED HEAT zu eigen machte. Kaplan nahm sie nach seinem Abschied von New World mit zu American International – Cormans voriger Heimat – für die er dann nach bewährtem Muster THE STUDENT TEACHERS drehte. Auch WHITE LINE FEVER ergreift Partei für die Schwachen, die von den Mächtigen als Bauern in ihrem Schachspiel zur Mehrung ihrer Reichtümer missbraucht und zu diesem Zweck gegeneinander aufgehetzt werden und ruft zum Widerstand auf. Große lllusionen Hoffnung allerdings macht er nicht: Es bedarf zwar mehr als einer Handvoll mutiger, schlagkräftiger Männer und Schrotflinten, um das bestehende System zu zerschlagen, aber diese sind immerhin schon ein Anfang.

Tatsächlich eine Erstsichtung: Damals im Kino habe ich ihn versäumt, später habe ich von einer Betrachtung Abstand genommen mit der Befürchtung, mit diesem Spätwerk nichts anfangen zu können. Was für ein Fehler: So toll, wie ich den heute fand, mag ich mir gar nicht ausmalen, wie er mich mit Nostalgiebonus gekickt hätte. Wobei: RENEGADE spricht natürlich trotzdem alle Impulse an, weil er Terence Hill in altbewährter Rolle und altbewährtem Setting zeigt.

Er ist Luke, ein gutmütiger, schlitzohriger, unverdrossener drifter, der die Highways des amerikanischen Südens mit seinem Jeep rauf und runter fährt. Wann immer er klamm ist, verkauft er sein treues Pferd, nur um dann ein paar Meilen weiter darauf zu warten, dass es ihm nachläuft. Eines Tages vertraut ihm sein alter Vietnam-Kumpel Moose (Norman Bowler), der zu Unrecht im Bau sitzt, seinen Sohn Matt (Ross Hill) als Vormund an. Gemeinsam sollen sie in ein Tal namens „Green Haven“ fahren, wo Moose ein Grundstück erworben hat. Matt erweist sich als selbstbewusster Rowdy, dessen Vertrauen sich Luke hart erarbeiten muss. Ihre Freundschaft wird noch sehr wichtig sein, denn die Männer um den schurkischen Lawson (Robert Vaughn) wollen das Stückchen Land haben und schrecken dabei vor nichts zurück …

Die Handlung, die ich hier recht ausführlich skizziert habe, ist eigentlich völlig unerheblich, weil sie doch eigentlich nur den Rahmen für ein munteres Road- und Buddy Movie bietet, der auf die bewährte Art und Weise mit Inhalt gefüllt wird: Streiche, Sprüche, Keilereien, Konfrontationen, Romanzen und Heldentaten geben sich quasi die Linke in die Hand und sorgen dafür, dass RENEGADE nie langweilig wird, man sich über so manches Déjà vu – die Mormonen als Nachbarn etwa – freut, anstatt den Film für seine vermeintliche Einfallslosigkeit ans Kreuz zu nageln. Was ich an dem Film – und vielen der in den USA angesiedelten Spencer-Hill-Produktionen – wirklich liebe, ist diese hemmungslose Amerika-Glorifizierung: Das Land besteht nur aus Highways und unendlicher Weite, aus Truckerkneipen, in denen Hamburger, Bohnen, Bier und Cola serviert werden, aus blonden Kellnerinnen und bärtigen, rüpeligen Truckern. Hier kann ein Mann noch ein Mann sein, auch wenn er sich dann und wann gegen dämliche Sheriffs und natürliche skrupellose Kapitalisten zur Wehr setzen muss, die in gläsernen Türme in den nur aus Luftaufnahmen bestehenden Metropolen residieren. Das Rückgrat des Landes sind indes Typen wie Luke, die Tag für Tag Meilen fressen, von der Hand in den Mund leben und ihre Gerissenheit dann und wann zu Geld machen – natürlich ohne jemals wirklich jemandem zu schaden. Und diese coolen Typen kennen sich alle, ihr Ruf eilt ihnen förmlich voraus: So kennt man Matt etwa als „Matt, die Klinge“, weil er selbstredend mal einen Rocker aus irgendeiner Bedrängnis herausgehauen hat – was ihm und Luke im Film sehr zu Gute kommt. Ich bekomme immer Lust, Country Music zu hören, wenn ich diese Filme sehe. Die gibt es hier eher nicht, dafür aber Lynyrd Skynyrd. Auch OK. Und der Score von Mauro Paoluzzi ist auch vom Allerfeinsten, bietet viel schwelgerischen Synthiepathos.

Das führt mich zu der einen kritischen Anmerkung, die ich mir hier nicht verkneifen möchte: Ein bisschen seltsam ist es schon, wenn da im tollen Finale eine Hundertschaft von Rockern auf ihren Öfen heranbraust und nicht wenige die Südstaatenflagge gehisst haben. Ja, die gehört zur Rockerfolklore, ich weiß, aber dass dieser Film, der sich doch einer humanistischen „Leben und leben lassen“-Philosophie verschrieben hat, der damit verbundenen Ideologie eine Werbefläche bietet, ist schon etwas enttäuschend oder zumindest: verwunderlich. Und dann fällt einem auf, dass es keinen einzigen Schwarzen im ganzen Film zu sehen gibt (der eine Hispanic hört dann auch noch auf den Spitznamen „Rico, der braune Schlitzer“). Ich will RENEGADE und Hill nichts unterstellen, aber das ist ein Film für Weiße. Ohne wenn und aber. Wahrschelich hat sich keiner der Verantworlichen etwas Böses dabei gedacht, aber es lässt einen noch einmal darüber nachdenken, was struktureller Rassismus eigentlich ist.

Nachdenken ließ mich auch, dass Ross Hill, Terence‘ Adoptivsohn, nur drei Jahre nach diesem Film im Alter von gerade einmal 16 Jahren bei einem Autounfall sein Leben verlor. Er wäre heute 45.