Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

„There are two kinds of pain in this world. The pain that hurts, the pain that alters. Today, you get to choose.“ Mit diesen Worten konfrontiert der ehemalige CIA-Spezialist Robert McCall einen türkischen Gangster, der seiner amerikanischen Ehefrau das Kind entrissen und es in die Türkei verschleppt hat. Wenige Sekunden zuvor hat McCall die Lakaien des Ganoven mit der ihm eigenen eiskalten Präzision unschädlich gemacht, das überlegene, arrogante Grinsen des Schurken in eine eingefrorene Maske der Angst verwandelt. Kaum ist das letzte Wort verklungen, umfängt die Dunkelheit eines Tunnels den Zug, in dem sich die Konfrontation abspielt, und der markerschütternde Schrei, den auch dessen Rattern nicht übertönen kann, legt den Schluss nahe, dass da jemand die falsche Wahl getroffen hat. Es ist der Anfang von THE EQUALIZER 2.

Vor rund fünf Jahren erzielte Antoine Fuqua mit seinem auf einer alten Fernsehserie basierenden Actionthriller einen doch eher unerwarteten Erfolg. Sein furztrockener Film erinnerte in seiner brachialen Kompromisslosigkeit nicht wenig an die No-Nonsense-Actioner, mit denen Kampfwurst Steven Seagal Ende der Achtzigerjahre seinen Ruhm begründete. THE EQUALIZER war – allem visuellen Style zum Trotz – grimmig und brutal und demnach nicht unbedingt der Stoff, der die Massen in Zeiten bunten Comic-Entertainments und unschuldiger Zerstreuung ins Kino lockt – schon gar kein zweites Mal. Und so cool und abgezockt sein Star Denzel Washington in der Rolle des Profis auch agierte, so gern man diese Figur noch einmal auf ihren Rachefeldzügen begleiten wollte, so fraglich schien es doch, ob man ihr bei einem Wiedersehen wirklich noch etwas Neues abgewinnen können würde. Weil sich die Hollywood-Player ihr Geschäft aber bekanntermaßen noch nie von Erwägungen der Sinnhaftigkeit kaputtmachen ließen, dauerte es nicht allzu lang, bis die Fortsetzung angekündigt wurde. Und so gut diese auch gelungen ist, sie bekräftigt eigentlich alle Vorbehalte, die man gegen sie ins Feld führen konnte.

THE EQUALIZER 2 bietet dem wortkargen, schmucklosen Titel gemäß more of the same, was bei einem Sequel zwangsläufig auch bedeutet, dass der initiale Kick verflogen ist. Denzel studiert als vermeintlicher Durchschnittsbürger McCall wieder ganz genau seine Umwelt, nimmt kleinste Störungen zur Kenntnis und schreitet dann zur Handlung. Vor seinen humorlosen Aufräumaktionen betätigt er die Stoppuhr, gibt den von ihm bestraften Übeltätern die Mahnung auf den Weg, sich künftig nichts mehr zu Schulden kommen zu lassen und hilft den Bedürftigen aus der Patsche – meist ohne ihnen gegenüber als Helfer in Erscheinung zu treten. Zu Hause führt er ein bescheidenes Dasein, er liest Bücher, die er danach bündig zur Tischkante ablegt, faltet seine Taschentücher ordentlich und gedenkt in stiller Trauer seiner verstorbenen Ehefrau. Er ist wertkonservativ und von der Überzeugung erfüllt, dass man sich aktiv für eine bessere Welt einsetzen und seine Chance ergreifen muss, auch wenn sie noch so klein ist, weil man sonst auch das Recht verwirkt, sich zu beklagen. Diese charakterliche Disposition – mit allen Wassern gewaschener Ex-Profikiller auf der einen,  oberlehrerhafter Disziplin-Fanatiker auf der anderen – spaltet das Sequel erzählerisch in zwei Hälften, die das Drehbuch nicht recht befriedigend zusammenzubringen weiß. Der Killer McCall muss den gewaltsamen Tod seiner einstigen Mentorin Susan (Melissa Leo) aufklären und schließlich ihre Mörder zur Strecke bringen, der brave Bürger McCall den sein Talent, seine Zukunft und sein Leben mit Drogendealerei aufs Spiel setzenden afroamerikanischen Nachbarsjungen Miles (Ashton Sanders) zur Vernunft bekehren. Das führt dazu, dass der interessantere der beiden Handlungsstränge Spielzeit zugunsten einer strengen Moritat über die Diszipinlosigkeit der Jugend von heute einbüßt, die „Eigenverantwortung“ predigenden Neoliberalisten wohlige Wärme ins kalte Herz zaubern dürfte. Dass THE EQUALIZER 2 in diesen Momenten nicht völlig versumpft, liegt an Washington, der die rigide Lebensphilosophie seines McCall tatsächlich attraktiv erscheinen lässt.

Trotzdem: Lieber als bei der Gardinenpredigt sehe ich ihm beim Töten zu und dafür bekommt er zu wenig Gelegenheit. Dabei lässt sich der Handlungsstrang um den Mord an der guten Freundin mehr als interessant an, bevor er dann plötzlich mit größter Eile abgewickelt wird. Die Aufdeckung der Identität des Mörders stellt keinerlei Überraschung dar, noch nicht einmal für McCall, der den Mordfall mehr oder weniger im Vorbeigehen aufklärt. Der Showdown in einem von einem Sturm heimgesuchten ausgestorbenen Küstenkaff ist dann aber wieder ganz großes Kino, bei dem man dem Protagonisten lediglich eine etwas größere Gegnerschar zum Hinrichten gewünscht hätte. Es geht alles zu schnell vorbei und wenn der Schurke im Endfight unterliegt, lässt sich das nur mit einem vorzeitigen Samenerguss vergleichen: Man kann schon Freude mit dem Film haben, aber echte Befriedigung stellt sich nicht ein, Am Ende überwiegt auch das Gefühl, dass die Macher selbst am wenigsten überzeugt davon waren, dass sie dem Vorgänger noch etwas Entscheidendes hinzuzufügen haben und sich deshalb verzettelten. Ich wäre mit einem tighten 80-Minüter, in dem McCall kurzen Prozess mit einer Bande mieser Punks macht, mehr als zufrieden gewesen. Aber irgendwie ehrt es Fuqua und Co. ja auch, dass sie es sich nicht so einfach machen wollten. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Was ist besser als ein Actionstar in einem Film? Logisch, fünf Actionstars. TRIPLE THREAT macht seinen quantitativen Überbietungscharakter schon im Titel transparent, ist aber so bescheiden, dabei zwei bis drei martialische threats zu unterschlagen. Zu den drei asiatischen Helden Tony Jaa (ONG-BAK, TOM YUM GOONG), Iko Uwais (THE RAID, THE RAID 2) und Tiger Chen (KUNG FU TRAVELER, MAN OF TAI CHI) gesellen sich außerdem als Schurken der derzeit omnipräsente Brite Scott Adkins sowie der stets verlässliche Michael Jai White. Und CHOCOLATE-Star Jeeja Yanin mischt in einer kleinen Nebenrolle ebenfalls mit. Diese Ballung an Martial-Arts-Kompetenz sichert Jesse V. Johnson schon einmal die Aufmerksamkeit der Fans, aber der Regisseur, der dieser Tage daran interessiert scheint, den darbenden DTV-Actioner ganz allein am Leben zu halten, hat auch darüber hinaus noch Einiges zu bieten.

Wie so oft bei diesen Filmen mit Best-of-Compilation-Charakter bildet die sparsam skizzierte Story nicht viel mehr als das Fundament für eine explosive Abfolge von Fights, Shoot-outs und Verfolgungsjagden, die hier mit einigem Aufwand choreografiert und inszeniert wurden: Die beiden Söldner Payu (Tony Jaa) und Long Fei (Tiger Chen) werden von einer Gruppe Amerikaner für eine angeblich humanitäre Aktion im Urwald Indonesiens angeheuert. Tatsächlich geht aber es darum, den in einem Camp inhaftierten Schurken Collins (Scott Adkins) rauszuhauen. Nach getaner Arbeit werden die beiden Ausgenutzten zum Sterben zurückgelassen, kommen jedoch mit dem Leben davon. Jaka (Iko Uwais), der bei dem Überfall seine Frau verloren hat, sucht die beiden auf, um Rache zu üben, beschließt jedoch, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, als er von ihrer Geschichte erfährt. Die Bösewicht planen derweil, die Millionenerbin Xian (Celina Jade) zu kidnappen, und wie es das Drehbuch will, kommen ihnen die drei Helden nun dabei in die Quere. Nach einem krachenden Feuergefecht im Polizeipräsidium gibt es eine rasante Verfolgungsjagd durch die engen Gassen eines wuseligen Marktes bevor der Showdown in einem heruntergekommenen, palastartigen Haus steigt. Hongkong-Legende Michael Wong schaut kurz einmal für einen Gastauftritt vorbei und erinnert an die goldenen Zeiten des asiatischen Actionfilms in den Achtziger- und Neunzigerjahren.

Johnson, der mit THE DEBT COLLECTOR und ACCIDENT MAN durchaus erzählerische Ambitionen hatte durchblicken lassen, begnügt sich mit TRIPLE THREAT wieder darauf, den Action-Logistiker zu geben und sich als professioneller und versierter Choreograf aufwändiger Action-Tableaus zu erweisen. Der geneigte Zuschauer bekommt 90 Minuten lang ordentlich auf die Glocke, ohne dabei lange Durststrecken erleiden zu müssen. Dem Titel gemäß könnte man zwar durchaus mäkeln, dass TRIPLE THREAT eher Masse statt Klasse bietet – wirklich Außergewöhnliches bietet der Film nicht und in Sachen Martial Arts scheinen vor allem Uwais und Jaa (der aber auch schon jenseits der Vierzig ist) mit angezogener Handbremse zu agieren -, aber es muss ja bekanntlich nicht immer Kaviar sein. TRIPLE THREAT ist kein Sattmacher, aber ein angenehmer Snack für Zwischendurch. In Zeiten, in denen man nun nicht gerade eine Flut geiler Actionfilme bejubeln darf, ist das ja auch schon etwas wert.

Ein Psychopath mit einer Axt. Eine Ausreißerin, die von einem Ronin in Japan lernte, das Katana zu schwingen. Zwei Special-Force-Soldaten, die sich darüber streiten, ob nun die USA oder das United Kingdom die meisten Diktatoren zur Strecke gebracht haben. Ein sabbernder Giftmörder mit Rattengesicht. Ein dicklicher Durchschnittsbrite mit Aktentasche. Nur einige der schillernden Charaktere, die Jesse V. Johnsons ACCIDENT MAN und einen Pub bevölkern, der ihnen als Zentrale einer exklusiven Gruppe von Auftragsmördern dient. War schon Johnsons THE DEBT COLLECTOR ein deutlicher Nineties-Throwback, erinnert auch dieser Film an die Zeit, in der skurrile Charaktere im Minutentakt mit Standbild eingeführt wurden. In Verbindung mit Einflüssen aus dem politisch inkorrekten Comicfilm à la DEADPOOL oder KICK-ASS ist ein überraschend schmackhafter Genrehybrid entstanden, der 90 Minuten gewalttätigen Fun mit viel Style und tollen Performances bietet.

Ich weiß, dass die obige Beschreibung nicht unbedingt Großes, sondern eigentlich sogar Abscheuliches verheißt. Hätte man mir die Reize von ACCIDENT MAN so nahegelegt, hätte ich wahrscheinlich das Gesicht verzogen und dankend abgewunken, schließlich gehört DEADPOOL für mich zu den unerträglichsten Gurken, die ich in den vergangenen Jahren ertragen musste. Auch ACCIDENT MAN ist grell und comichaft überzeichnet, gefällt sich im Tabubruch und der Grenzüberschreitung und ist im Grunde genommen nicht viel mehr als eine reichlich infantile Gewaltfantasie. Aber – oh Wunder – irgendwie funktioniert das Ganze und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich verständlich erklären kann, woran das liegt. Ganz sicher hat es etwas damit zu tun, dass ACCIDENT MAN schon aufgrund seines Stellenwertes als DTV-Film weniger marktschreierisch rüberkommt, weniger Aufmerksamkeit für sich reklamiert, als die genannten Großproduktionen, die ihre Unkorrektheit so unangenehm ostentativ vor sich hertrugen. Johnson inszeniert seinen Film aller stilistischen Extravaganzen zum Trotz auch vergleichsweise bodenständig: Es gibt hier keinen Helden, der sich augenzwinkernd dem Betrachter zuwendet und ihm seine Witzchen erklärt. Und das führt auch dazu, dass sich ACCIDENT MAN nicht in Spielereien und Gimmicks verliert, sondern letztlich sehr straightes Acionkino bleibt, das lediglich mit diesen skurrilen Figuren angereichert ist. Wobei sich Johnson seine bizarreren Kreationen für Kurzauftritte aufhebt: Im Wesentlichen konzentriert er sich auf das Vater-Sohn-Duell zwischen Scott Adkins‘ Mike Fallon, der feststellen muss, dass  ausgerechnet seine Ex-Freundin auf der Todesliste seiner Kollegen landete, und seinem Lehrmeister Big Ray (Ray Stevenson), von dem er als Teenie das Handwerk des Auftragsmords erlernte. Letzterer liefert mit seiner Darbietung dann auch schon genug Gründe, sich den Film anzuschauen. Weiterhin hervorzuheben sind die exzellenten Dialoge: Sonst sind sie gewiss nicht unbedingt die Stärke des DTV-Actioners, aber hier merkt man, wie viel Liebe und Kreativität in das Drehbuch flossen und dass man sich allergrößte Mühe gab, jedem Charakter eine unverwechselbare Stimme zu geben. Es hilft sicherlich, dass Johnson die britische Herkunft des Films nicht verschleiert, sondern mit Lust in den Vordergrund drängt: Man bekommt hier einfach etwas zu sehen, was man in dieser Form nicht an jeder Ecke geboten bekommt. Als hätten sich Michael Winner, Guy Ritchie, Isaac Florentine und Taika Waititi zusammengetan, die Verfilmung eines britischen Comics abzuliefern, den zu zeichnen sich noch niemand dann doch tatsächlich jemand getraut hat.

Selbst die wenigen Kritikpunkte spielen ACCIDENT MAN in die Karten: Dass der Protagonist unangenehm homophob rüberkommt, wenn er sich mit Charlie (Ashley Greene) anlegt, der lesbischen Lebenspartnerin seiner Ex, baut immer wieder kleine Hürden bei der Identifikation auf: Nicht nur, dass diese Idee der Freundin, die lesbisch wird, bzw. der Lesbe, die dem Mann die Freundin ausspannt, in sich schon ein frauenfeindliches Klischee ist: Die beleidigten bitchfights, die Fallon mit Charlie anzettelt, lassen ihn nicht gerade heldenhaft erscheinen. Johnson bekommt aber rechtzeitig die Kurve und so macht dieser Aspekt den Film tatsächlich noch eine Nummer interessanter: Man hätte diesen zusätzlichen Konflikt auch einfach ganz weglassen können, ohne dass ACCIDENT MAN Schaden genommen hätte, stattdessen baute man einen Störfaktor ein, der ja auch daran erinnert, dass wir uns in einem durch und durch streitbaren Milieu befinden, in dem Fortschrittlichkeit und Toleranz nicht die ausgeprägtesten Stärken sind. Auch hier erscheint mir der Film ehrlicher als DEADPOOL mit seinen Arschfick- und Pimmelwitzen.

 

 

Der Brite French (Scott Adkins) betreibt ein erfolgloses Dojo in Los Angeles und wird von argen Geldsorgen geplagt. Sein Freund Alex (Michael Paré) stellt für ihn den Kontakt zu Tommy (Vladimir Kulich) her, einem Kredithai, der immer auf der Suche nach zuverlässigen Schuldeneintreibern ist. French wird dem Säufer Sue (Costas Mandylor) zugewiesen, der den Job schon seit vielen Jahren ausübt. Gemeinsam gehen die beiden auf Tour. Einer der Männer, den sie auf Geheiß des Gangsters Barbosa (Tony Todd) verprügeln sollen, entpuppt sich als unschuldiger Pechvogel und Vater eines kleinen Mädchens …

THE DEBT COLLECTOR ist eine echte Überraschung: Jesse V. Johnson, sonst eher Spezialist für kleine DTV-Actioner, die für den kleinen Appetit auf Gewalt und ohne Anspruch auf Nachhaltigkeit gefertigt werden, legt mit diesem Crimedrama ein kleines Masterpiece im Stile des Indiekinos der Neunzigerjahre vor. Tatsächlich erinnert der Film inhaltlich und stilistisch etwas an die Legionen von Profiteuren des Tarantino-Booms, die ab Mitte der Neunzigerjahre aus dem Boden schossen und die geneigten Zuschauer mit coolen Killern und Crimelords konfrontierten, die sich wahlweise mit Kugeln oder zitatreichen Dialogen duellierten. Wer jetzt das Gesicht verzieht, dem sei gesagt, dass Johnson die extremen Auswüchse des damaligen Trends glücklicherweise vermeidet und seine Geschichte auch nicht in einer Welt ansiedelt, die ausschließlich aus popkulturellen Verweisen konstruiert wurde. THE DEBT COLLECTOR handelt – sofern man das von einem Genrefilm sagen kann, in dem krachende Fights eines der wichtigsten erzählerischen Mittel sind – durchaus von Menschen und ihren Sorgen und Nöten und er ist nicht bloß stilistische Fingerübung.

THE DEBT COLLETOR weicht seinen beiden Hauptfiguren kaum von der Seite und begleitet sie über weite Strecken als stummer Mitfahrer im Auto bei ihren Touren von Klient zu Klient. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn man die Schauspieler an Bord hat, die das Unternehmen tragen. Hier ist es vor allem Costas Mandylor, der eine Leistung für die Ewigkeit bietet: Den in die Jahre gekommenen, abgerissenen Profi, der längst nicht mehr fragt, wem er da die Fresse polieren soll, gibt er mit großer Überzeugungskraft und einer Spielfreude, die sich in kleinen Details entbirgt, die einen Charakter erst authentisch machen. Es macht einfach Spaß, ihn zu beobachten, ihm zuzuhören und seine Manierismen zu studieren. Selbst die klischierte Geschichte von der an Krebs verstorbenen Tochter und der daraufhin gescheiterten Ehe bekommt dank seines Spiels Gewicht. THE DEBT COLLECTOR lebt dann auch zuerst von der Chemie zwischen seinen beiden Hauptakteuren: Adkins kann Mandylor zwar nicht das Wasser reichen, aber er muss das auch nicht, weil er eher die Rolle des „straight man“ übernimmt und in dieser Funktion genau weiß, wann er sich zurücknehmen und dem Partner den Raum überlassen muss. Den Verlauf der Partnerschaft der beiden kennt man aus unzähligen Buddy Movies, aber wenn sich die beiden ungleichen Charaktere hier im Verlauf der nur zwei Tage, an denen der Film spielt, annähern, wirkt das glaubwürdig, weil die beiden ihre Drehbuchskizzen mit Leben erfüllen. Mindestens genauso wichtig ist der Schauplatz: THE DEBT COLLECTOR ist auch ein L.A.-Film und der Erfolg eines solchen steht und fällt natürlich mit den Schauplätzen. Auch hier liefert Johnson, kann auf ein brillantes Location Scouting und tolle Originalschauplätze zurückgreifen. Kameramann Jonathan Hall taucht alles in das ein magisches Licht, das die sommerliche Hitze Kaliforniens ebenso evoziert wie es als Vorbote jener gravierenden Entscheidung wirkt, die die Protagonisten am Ende zu treffen haben.

Wie gesagt: THE DEBT COLLECTOR ist eine tolle Überraschung, ein Actionfilm mit Herz, Geist und Witz, der das oft berechtigte Vorurteil, dass DTV-Actioner ästhetisch eher uninteressant sind, eindrucksvoll widerlegt. Aber die Schublade des Actionfilms ist für Johnsons Werk eigentlich eh zu klein, auch wenn hier überdurchschnittlich oft Maulschellen verteilt werden und die Bloodsquibs platzen. Sein Film hat es verdient, breitere Anerkennung zu erhalten.

SAVAGE DOG bildet den Auftakt zu einer kleinen Scott-Adkins-Reihe, die gleichzeitig auch eine Jesse-V.-Johnson-Reihe ist. Der britische Regisseur, Stuntman und Stunt Coordinator (u. a. TOTAL RECALL, MARS ATTACKS! und  THE AMAZING SPIDER-MAN) drehte seine ersten Filme bereits in den Neunzigern und legte danach in regelmäßigen Abständen nach, aber seit 2017 darf man einen beachtlichen Produktivitätsanstieg verzeichnen: In den fünf Filmen, die er seitdem inszenierte, wirkte Adkins vier Mal mit (der etwas stullig betitelte AVENGEMENT steht bereits in den Startlöchern und ist ebenfalls mit dem englischen Actionstar besetzt). Der erste Titel der Reihe ist SAVAGE DOG und es handelt sich um einen jener DTV-Actioner, die gleichermaßen aufwändig produziert wie konzeptionell unterentwickelt wirken. Er lässt das Potenzial Johnsons zweifelsfrei erkennen, zeichnet sich durch sauber choreografierte und inszenierte Fights und Shootouts aus, verblüfft darüber hinaus mit wenig zurückhaltender Gewaltdarstellung, fliegt aber auch ein bisschen wirkungslos am Betrachter vorbei.

Der Film erzählt von dem nordirischen Soldaten Martin Tillman (Scott Adkins), den es in die Wirren des Indochina-Konflikts verschlagen hat, wo er sich zur Belustigung des Ex-Nazis Steiner (Vladimir Kulich) in brutalen Faustkämpfen behauptet. Als er sich seine Freilassung erkämpft, findet er Unterschlupf in der Dschungelkneipe des Amerikaners Valentine (Keith David), der auch als Voice-over-Erzähler fungiert. Tillman verliebt sich in die schöne Bardame Isabelle (Juju Chan). Doch die alte Bekanntschaft zu Steiner und seinem Killer Rastignac (Marko Zaror) holt ihn ein und am Ende zieht Tillman in die Schlacht, um den Tod seines Freundes und seiner Geliebten zu rächen …

Die Story ist direkt dem „Kleinen Handbuch des Actionfilms“ entnommen und wurde von Johnson ohne großes Schnickschnack oder erzählerische Ambition umgesetzt. Das gewährleistet in Verbindung mit der erwähnten handwerklichen Präzision, dass SAVAGE DOG gut reinläuft und actiongeladene Kurzweil ohne Längen bietet, verhindert aber auch, dass hier irgendetwas echte Spuren hinterlassen würde. Dass die letzten Worte des Films das zuvor Gezeigte zu einer Art Origin Story und somit zum Auftakt für eine ganze Reihe von Abenteuern um Tillman aufblasen, ist angesichts der Beliebigkeit dieser Geschichte schon fast wieder rührend: Es ist schwer, dem Helden des Films irgendwelche unverwechselbaren Eigenschaften abseits seines Namens zuzuordnen, die dafür sorgten, dass man ihn in einem Sequel überhaupt wiedererkennen würde. Aber ich will nicht meckern: Die finale Aufräumaktion Tillmans macht ordentlich Feuer unter dem Arsch, die Effekte sind überwiegend handgemacht, das schmutzigbraune Blut sprudelt literweise und die Abrechnung, die sich Tillman für den fiesen Rastignac ausgedacht hat, lässt auch den abgezocktesten Betrachter schlucken. Die Tötungsszene ist so over the top, dass man meinen könnte, Johnson habe sich damit ein Bisschen für die Beliebigkeit des Vorangegangenen entschuldigen wollen. SAVAGE DOG ist außerdem ein Vertreter jenes kleinen, exklusiven Kreises von Filmen , in denen der Erzähler den Film auch nach seinem Ableben noch weiter begleiten darf (siehe etwa MENACE II SOCIETY). Bei aller Kritik: SAVAGE DOG macht durchaus Laune, aber am besten schaut man ihn, wenn man was richtig Gutes zum Nachlegen hat.

Wie auch immer man nun über Serien denkt, ob man sie für die Neuerfindung oder Revolutionierung des narrativen Rades hält oder auch nur für netten Zeitvertreib: die populärsten Vertreter des Genres regen längst ebenso hitzige Debatten und thinkpieces an wie die großen Blockbuster. Für mich erstaunlich dabei, dass es eigentlich immer dieselben Titel sind, die da Erwähnung finden, zumindest in meiner Social-Media-Filterblase. Über JUSTIFIED, eine Serie, die es zwischen 2010 und 2015 auf sechs Staffeln brachte und dabei in den USA ebenso gute Kritiken wie Einschaltquoten erzielte, hat sich in meinem Dunstkreis bislang allerdings noch niemand geäußert, was ich angesichts der Qualität des Gebotenen (und der Tatsache, dass sie thematisch eigentlich genau auf der Linie meiner filmaffinen Facebook-Freundschaften liegt) erstaunlich finde. Vielleicht liegt es daran, dass Erfinder Graham Yost einen angenehm bodenständigen Ansatz wählt: Er nimmt nicht für sich in Anspruch, mit JUSTIFIED das Genre neu zu erfinden oder, wie man es heute formuliert, zu „dekonstruieren“, vielmehr liefert er auf der Basis des von Elmore Leonard erfundenen US Marshals Raylan Givens und der Kurzgeschichte „Fire in the Hole“ einen hardboiled Crime-Stoff, der durch sein interessantes rurales Setting, einprägsame, vielseitige und sympathische Charaktere, geschliffene, aber niemals selbstverliebte Dialoge, einen exzellenten Cast sowie eine ausgewogene Mischung aus Thrill, Action, Drama und Witz überzeugt. Wer sich also TV-Serien zuwendet, weil er das serielle Erzählen für „innovativer“ hält, für den ist JUSTIFIED vielleicht zu konservativ. Ich hingegen schaue die Serie gerade zum zweiten Mal und finde sie bei diesem Durchlauf sogar noch besser als zuvor: Grund genug, sie hier vorzustellen.

JUSTIFIED beginnt mit einer Szene, die den Titel erklärt und bereits den Protagonisten einführt: Der in Miami tätige, stets mit einem Stetson bekleidete US-Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) trifft auf der luxuriösen Dachterrasse eines Nobelhotels den schmierigen Drogengangster Tommy Bucks (Peter Greene), der dort gerade sein Essen einnimmt. Er habe ihm 24 Stunden Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen, erklärt Givens, und diese Frist laufe nun ab. Bucks könne der Aufforderung nun Folge tragen oder er müsse mit den tödlichen Konsequenzen leben. Bucks weigert sich natürlich, denn was kann Givens schon tun: Ihn hier vor allen Leuten erschießen? Givens lässt sich aber nicht beirren, zählt weiter die verbleibenden Sekunden herunter, bis es Bucks schließlich zu dumm wird: Er zieht die Waffe – und wird vom Gesetzeshüter eiskalt erschossen. Natürlich kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben: Givens wird von seinem Vorgesetzten strafversetzt, und zwar in seine einstige Heimat Kentucky, der er vor Jahren mit der Hoffnung den Rücken zukehrte, nie wieder zurückkehren zu müssen. Auch wenn Givens beharrlich darauf hinweist, dass Bucks zuerst gezogen habe und seine Reaktion damit „justified“ gewesen sei, muss er mit dem Ruf leben, den Schusswechsel in kühler Berechnung provoziert zu haben und ein unberechenbarer Cowboy zu sein, dessen alttestamentarische Rechtsvorstellung in der heutigen Welt keinen Platz mehr hat. Doch in Kentucky, wo der Southern Drawl breit ist, der Selbstgebrannte aus Einmachgläsern getrunken wird und Hillbillys Methlabore im Wald betreiben, ist Givens‘ Masche gar nicht so sehr aus der Welt gefallen: In seiner alten Heimat bekommt er es mit seinem ehemals besten Freund Boyd Crowder (Walton Goggins) zu tun, der sich mittlerweile als White Supremacist ausgibt, um so willige Nazis für Banküberfälle zu rekrutieren, mit seiner Ex-Frau Winona (Natalie Zea), seinem kriminellen und ungeliebten Vater Arlo (Raymond J. Barry) sowie seiner Highschool-Flamme Ava (Joelle Carter), die just ihren Gatten Bowman Crowder, den gewalttätigen Bruder Boyds, in die ewigen Jagdgründe befördert hat. Dazu wird der inhaftierte Anführer des Crowder-Clans Bo (M.C. Gainey) aus der Haft entlassen, um sein Backwood-Imperium zu alter Stärke zu führen und zu allem Überfluss hat auch das Drogenkartell aus Miami noch ein Hühnchen mit dem Gesetzeshüter zu rupfen …

In den 13 knapp einstündigen Episoden der ersten Staffel verbindet Schöpfer Yost bekannte Motive des Cop- bzw. Western- und Actionfilms auf sehr leichtfüßige, liebevolle und clevere Art und Weise. Das beginnt mit der Zeichnung von Protagonist Raylan Givens, der rein optisch mit seinem Stetson zwar als Cowboy und somit als Relikt aus einer vergangenen Zeit erscheint, dabei aber niemals zur grimmigen Law-and-Order-Karikatur verkommt. Er ist nicht der schießwütige Soziopath mit chronisch vibrierendem Abzugsfinger und brennendem Hass auf alle Gesetzesbrecher, sondern ein eigentlich ein ziemlich reflektierter und intelligenter Vertreter seiner Gattung. Was ihn von anderen unterscheidet, ist lediglich, dass er bereit ist, in Extremsituationen bis zum Äußersten zu gehen, wenn es gilt, Unschuldige, Kollegen oder sich selbst zu schützen, und alle anderen Wege verbaut sind. Der biografische Ballast, den er mit sich herumschleppt, allem voran die mit „dysfunktional“ noch freundlich umschriebene Beziehung zu seinem Vater, tut das Übrige: Man bekommt einen Einblick in das Seelenleben des Helden, erhält eine Ahnung davon, warum er so handelt, wie er es tut, aber die Drehbücher vermeiden das Fettnäpfchen, alle Entscheidungen Givens‘ mithilfe küchenpsychologischer Weisheiten totzuerklären. So klischiert die Figur des „am Rande der Legalität auf eigene Faust“ kämpfenden Cops auch ist, in JUSTIFIED wird sie in der Darstellung Olyphants zum differenzierten Charakter aus Fleisch und Blut – was man auf nahezu alle handelnden Personen ausweiten kann. Die genretypischen Konflikte mit dem Vorgesetzten Art Mullen (Nick Searcy) etwa wirken vor dem kleinstädtisch-provinziellen Hintergrund der Serie familiärer und persönlicher: Er schätzt seinen Angestellten als Mensch, verzweifelt zwar manchmal an dessen Grenzüberschreitungen, nicht zuletzt weil sie ihn gegenüber Vorgesetzten in Erklärungsnotstände bringen, kann aber aus seiner Sympathie keinen Hehl machen. Alle Figuren sind durch enge, oft Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückreichende Verbindungen miteinander verwoben, die sich nicht so einfach kappen lassen – auch dann nicht, wenn das Gesetz im Weg steht. Auch wenn JUSTIFIED also zuerst dem Genre der Crime Fiction zuzuordnen ist, könnte man die Serie ebenso gut als „Familiendrama“ bezeichnen: Das verschlafene Hillbilly-Nest Harlan nimmt im Laufe der sechs Staffeln ähnlich komplexe Strukturen an wie das Baltimore von THE WIRE. Niemand steht seinem Gegenüber dort unvorbelastet entgegen, jeder hat eine Geschichte mit dem anderen, die eine saubere Lösung nahezu unmöglich macht. Was JUSTIFIED meines Erachtens nach ebenfalls besser hinbekommt als andere Serien ist das Switchen zwischen Makro- und Mikroerzählung: In der ersten Staffel werden im Wesentlichen die Freundschaft/Feindschaft von Raylan Givens und Boyd Crowder sowie die Hassliebe zwischen dem Protagonisten und seinem Vater eingeführt, die wesentlich für die zukünftige Handlungsentwicklung sind. In zweiter Instanz geht es um die Rachepläne des Kartells und Bos Ansinnen, seine Geschäfte wieder aufzunehmen. Aber einzelne Episoden widmen sich auch kleineren Fällen, die dann innerhalb der Stundenfrist gelöst werden und für den Rest der Erzählung keine weitere Bedeutung haben. Dennoch wirken diese Nebenarme nie wie zwischengeschoben (wie das m. E. bei HANNIBAL der Fall ist) oder wie pflichtschuldiges Abwickeln von Aufbauarbeit: Alles fügt sich schlüssig zusammen und strickt mit am großen Gesamtbild.

Der 2013 verstorbene Elmore Leonard gilt zusammen mit Hardboiled-Ikonen wie Mickey Spillane, Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder dem immer noch fleißigen James Ellroy als einer der großen Autoren des Genres und der amerikanischen Gegenwartsliteratur überhaupt, und seine Bücher und Short Stories werden bereits seit den Sechzigerjahren regelmäßig verfilmt (u. a. HOMBRE, THE BIG BOUNCE, THE MOONSHINE WAR, MR. MAJESTYK, THE AMBASSADOR, STICK, 52 PICK-UP, GET SHORTY, JACKIE BROWN oder OUT OF SIGHT). Kritiker heben besonders seine authentische Sprache, allen voran die von der Straße aufgeschnappten Dialoge hervor: Leonards Helden sind keine einsilbigen, wortkargen Typen, die markige One-Liner absondern, sondern meist mit einem eloquenten mouth piece und einem feinen Sinn für Humor ausgestattet. Es sind harte Typen und Einzelgänger, oft mit kriminellem oder militärischem Background, aber keine Soziopathen, die ihre Depressionen in Whisky ersäufen und sich in Zynismus und Menschenhass ergehen. Der Ton der Bücher ist daher auch – durchaus ungewöhnlich für das Genre – beschwingt und locker, Gewalt wird nicht geschönt, aber sie gehört eben zum Leben seiner Figuren und zu dem Milieu, in dem sie sich bewegen, dazu. JUSTIFIED fängt diesen Ton sehr gut ein und vermeidet das Fettnäpfchen, die Geschehnisse „tarantinoesk“ zu überzeichnen oder zu glorifizieren. Ja, Raylan Givens ist eine coole Socke, aber er wirkt nie wie die der Posterboy eines propagierten Lifestyles unangepasster, ungebeugter Männlichkeit. Er ist einfach wie er ist: Manchmal erscheint er als strahlender Ritter, dann wieder stehen ihm die eigenen Prinzipien meterhoch im Weg. Wenn ich einen Kritikpunkt habe, dann ist es Walton Goggins. Sein Boyd ist eine der schillerndsten und komplexesten Schurkenfigur der letzten Jahre und gibt anhaltende Rätsel auf, aber ich nehme sie Goggins nicht ganz ab. Wahrscheinlich liegt das aber auch nur daran, dass Goggins als Detective Shane Vendrell in THE SHIELD so unfassbar brillant war, dass ich ihn in einer anderen Rolle kaum noch akzeptieren kann.

 

Ein seltsamer Film, der Fragen aufwirft, das ahnt man schon bei den mit dissonantem Pfeifen unterlegten Aufnahmen psychedelischer Farbspiele, die die Credits illustrieren. Allen voran: Wer ist dieser Remi Kramer und warum konnte bzw. durfte er diesen Film drehen? Es blieb seine einzige Regiearbeit (auch das Drehbuch stammte von ihm), als einziges weiteres Engagement listet die IMDb die Tätigkeit als „Miscellaneous Crew“ bei der 1968 -1969 ausgestrahlten DORIS DAY SHOW. Warum schickte man ihn auf die Philippinen, um dort einen wenn auch nicht gerade höchste künstlerische Weihen erfordernden, aber dennoch gewiss nicht ganz unkomplizierten Söldnerfilm zu drehen? Eine Frage, die leider bis auf Weiteres unbeantwortet bleiben muss, denn es gibt keinerlei Informationen zu seiner Person oder diesem Projekt. Auch der Blick auf die Riege der Produzenten hilft nicht wirklich weiter: Takafumi Obayashi zog sich nach dieser ersten Erfahrung gleich wieder aus dem Filmgeschäft zurück, Co-Autor Michael Parsons beendete ebenfalls danach seine Karriere. Lediglich Joseph Wolf blieb dem Business erhalten und finanzierte später deutlich erfolgreichere Projekte wie etwa Mark L. Lesters ROLLER BOOGIE (OK, der ist auch nicht so prall), FADE TO BLACK, HALLOWEEN 2,  HALLOWEEN 3 und A NIGHTMARE ON ELM STREET. Die Philippinen waren kurz zuvor von Roger Corman als preisgünstiger Drehort mit funktionierender Infrastruktur und kompetenten Filmcrews erschlossen worden und wurden von da an regelmäßig für zünftige Söldner- oder WiP-Filme aufgesucht, aber HIGH VELOCITY passt in das Schema von unter markigen Titeln eifrig rausgehauenen Hobeln fürs örtliche Bahnhofskino nicht recht rein. Der Film erinnert in seiner dem Titel krass widersprechenden Langsamkeit und dem bitteren Ende eher an solche Slow Burner wie John Flynns ROLLING THUNDER (ohne dessen Klasse freilich auch nur annähernd zu erreichen), aber er bemüht über weite Strecken einen völlig konträr laufenden Tonfall, bei dem ich bezweifle, dass er allein auf dem Mist der deutschen Synchro gewachsen ist.

Es geht um die Entführung des wohlhabenden britischen Geschäftsmanns Andersen durch eine Gruppe von Widerstandskämpfern: Der schmierige Anwalt (Alejandro Rey) des Entführten engagiert den zunächst unwilligen Söldner Clifford Baumgartner (Ben Gazzara), der wiederum seinen Kumpel Watson (Paul Winfield) an Bord holt. Eigentlich sind ihnen die Auftraggeber – miese Imperialisten und Kapitalisten – zuwider, aber wer wird denn angesichts von 100.000 Dollars schon Nein sagen? Und so geht es auf zum Lager der ärmlich ausgestatteten Freiheitskämpfer …

Zwei Herzen schlagen, ach, in der Brust von HIGH VELOCITY: Auf der einen Seite ist er ein düsterer, sich auf die Seite der Geknechteten schlagender Thriller mit zwei Helden, die sich wissentlich den bösen Mächten andienen und am Ende wie so oft die Gelackmeierten sind, auf der anderen Seite zeichnet er die beiden ganz im Stile unbedarfter Männerfilme als kumpelige Himmelhunde, die immer einen Spruch auf den Lippen sowie eine von Zigarrenrauch und Whiskey aus der Pulle geschwängerte Rebeisenlache haben, die sie zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit erschallen lassen. Das Kriegsspiel im Urwald, das sorglose Wegballern unbekannter Gegner und in die Luft sprengen trauriger Wellblech- und Holzhütten ist solch eine Riesengaudi für die beiden, dass man sich fast fragen muss, warum sie überhaupt Geld dafür nehmen. Die Freude, die Watson an den Tag legt, als er die eingetroffene Waffenlieferung begutachtet, erinnert an ein Kleinkind beim Auspacken der Weihnachtsgeschenke, und dass er diese Ausrüstung dazu nutzen wird, Menschenleben auszulöschen, scheint ihm zu keiner Sekunde in den Sinn zu kommen. Wenn sich HIGH VELOCITY auch über weite Strecken also abspielt wie ein Abenteuerfilm aus einer heute weit zurückliegenden Zeit, als Männer noch echte Kerle sein durften und Amerikanern traditionell die ehrenwerte Aufgabe zukam, rund um den Globus die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen und halbzivilisierten Nationen eine helfende Hand beim Aufbau ihrer niedlichen Staaten zu reichen, so muss man doch dankend anerkennen, dass er der Versuchung widersteht, seine weibliche Hauptdarstellerin entsprechend auszubeuten. Die schmollmündige Schwedin Britt Ekland war wahrscheinlich maximal zwei Tage am Set und bekommt als Gattin des Entführten nur wenig mehr zu tun, als adrett auszusehen. Ihr wichtigster Part ist der des Lockvogels für Baumgartner, der den Auftrag erst nicht will, dann aber einlenkt und sein schmierigstes Lüstlingsgrinsen aufsetzt, als er sie kennenlernt: Dass es – zum Glück! – nicht zur in diesem Moment eigentlich unwiderrufbar angebahnten Liebesgeschichte inklusive Sexszene kommt, ist aber wohl weniger Kramers gutem Geschmack zuzuschreiben als Symptom mangelnder Entscheidungsfreude, die sich als einziger roter Faden durch den Film zieht.

Während HIGH VELOCITY technisch durchaus als überdurchschnittlich bezeichnet werden muss – hinter der Kamera stand mit Robert Paynter der langjährige Kameramann von Michael Winner, der wenig später u. a. an SUPERMAN II und SUPERMAN III mitarbeitete und die Landis-Filme AMERICAN WEREWOLF, INTO THE NIGHT und SPIES LIKE US fotografierte, der Soundtrack stammt von Jerry Goldsmith und für den Schnitt zeichnete mit David Bretherton (u. a. CABARET, WESTWORLD oder COMA) ebenfalls ein Vollprofi verantwortlich -, geht in der Inszenierung einiges daneben. Das beginnt bei der schon erwähnten Zeichnung der Charaktere, setzt sich im Schneckentempo des „Showdowns“ fort, bei dem die größten Banalitäten, wie etwa das Anbringen von Sprengstoff mithilfe von Gaffatape, mit aufreizender Geduld in die Länge gezogen werden und nahezu jede Einstellung ein bis zwei Sekunden zu lang gehalten wird, und endet dann bei rätselhaften Entscheidungen wie jener, den Entführten in einem Verschlag einsperren zu lassen, der nicht nur keine Rückwand hat, sondern auch keine verschließbare Tür. Zwar hielt ich es für durchaus nachvollziehbar, dass der gut situierte ältere Herr Andersen gar keine Lust hat, auf eigene Faust durch den nächtlichen Regenwald zu fliehen, aber dass mit keiner Silbe darauf Bezug genommen wird, dass sein „Gefängnis“ eigentlich gar keines ist, ist dann doch eher rätselhaft. Die sich an seine Nacht im Hühnerstall anschließende Demütigung – er soll sich von seiner nach Hühnerscheiße stinkenden Bekleidung befreien und wird zum Ausziehen gezwungen – spielt Kramer als Gag aus, was dank des wunderbaren Keenan Wynn zwar gelingt, den Film aber noch weiter Richtung Komödie rückt. Ob Kramer den Zuschauer mit solchen Strategien in Sicherheit wiegen wollte, um ihn dann am Ende umso härter zu treffen? Ich glaube nicht, denn dazu bleibt zu vieles zu unausgereift und auch der Nackenschlag zum Finale wirkt eher gewollt. Die existenzialistische Trostlosigkeit, die er anschlägt, ist für Kramer kaum mehr als ein Zitat, letztlich eher seinem verqueren Sinn für Romantik als einer desillusionierten Weltsicht geschuldet, und durch die Handlung kaum ausreichend motiviert.

Schade, denn zu gern hätte ich hier vermeldet, dass HIGH VELOCITY bzw. BLUTHUNDE VOM TEUFEL ZERRISSEN, wie er hierzulande hieß, ein vergessener Klassiker des Söldnerfilms ist. Das ist er nicht, wohl aber – gerade auch wegen seiner Mängel – interessant genug für eine Sichtung. Wer weiß, mit modifizierter Erwartungshaltung – ich hatte deutliche reißerischeren Stoff erwartet – fällt das Urteil am Ende vielleicht auch besser aus. So bleibt also ein ungewöhnlich sorgfältig produzierter Reißer mit Spitzenbesetzung, aber erheblichen erzählerischen Defiziten – und viel zu wenig Tempo.