Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

unbenanntThose were the days. In die Videotheken ging man nicht so sehr, um die aus den Kinos bekannten Hits, sondern vor allem verlockende Geheimtipps wie diesen hier auszuleihen: geilen Scheiß, der auf den Coverhüllen mit markigen Sprüchen als „Superhit aus den USA“ „mit dem Weltstar Wings Hauser“ beworben wurde. Man ahnte damals schon, dass da eher der Wunsch der Vater des Gedanken war, ließ sich aber gern an der Nase herumführen und musste nach durchgefeierten 90 Minuten geplättet einräumen, dass dieser L.A. BOUNTY, ja doch, schon ziemlich fett ist und die Leute in den US of Ey sich kein X für ein U vormachen lassen, wenn es um geile Ballerfilme geht.

Spaß beiseite: L.A. BOUNTY ist einer jener Filme, die mit den großen Action-Blockbustern jener Tage budget- und effekttechnisch zu keiner Sekunde mithalten konnten, aber dann doch noch so professionell aussahen, dass man nur zu gern auf die frechen Sprüche der Werbung hereinfiel. Hätte ich ihn damals schon gesehen, wäre er gewiss ein Highlight meiner Jugend gewesen, heute reicht es immerhin noch zu nostalgisch verklärtem Genuss und der milden Trauer darüber, ihn nicht vor 25 Jahren in die Finger bekommen zu haben. Und man bekommt sofort Bock auf weitere Klopper mit dem B-Film-Eastwood Wings Hauser, der hier wieder mal groß aufspielt und den Film allein schon sehenswert macht.

Er gibt den größenwahnsinnigen, leicht psychopathisch veranlagten Drogenschmuggler Cavanaugh, der den ganzen Film über in einer mit Tarnnetzen verhängten Lagerhalle herumhängt, eine nackte Frau malt und darüber hinaus seine Lakaien in der Gegend herumkommandiert oder nach sadistisch langem Vorlauf exekutiert, wenn er nicht gerade philosophische Gespräche mit dem lieben Gott führt. Sein jüngster Coup ist die Entführung des Politikers Rhodes (Mike Hanley), seines Zeichens Anwärter auf den Posten des Bürgermeisters von L.A. Blöderweise ist seinen henchmen Rhodes‘ Gattin Kelly (Lenore Kasdorf) entkommen: Gerettet wurde sie von der Kopfgeldjägerin Ruger (Sybil Danning), die noch eine Rechnung mit Cavanaugh offen hat, denn der hatte einst ihren Partner erschossen …

Die Story zu L.A. BOUNTY hat sich Sybil Danning selbst ausgedacht – was immer das bei einem so archetypischen Stoff auch bedeuten mag – und ihre „Vision“ dann auch gleich als Produzent umgesetzt. Die Sexikone mit den markanten Wangenknochen ist in diesem Film ganz entgegen ihrer sonstigen Rollenprofile bis oben zugeknöpft, sieht mit ihrer platinblonden Mähne aus, als sei sie ohne Schirm in einen heftigen Wolkenbruch geraten, wohnt wie einst Kollege Martin Riggs in einem schäbigen Wohnwagen, wo sie schon morgens Fastfood in sich reinstopft, und lässt ihre Kollegen Stallone und Schwarzenegger mit ihrer wortkargen Darbietung als geschwätzige Labertaschen erscheinen. Laut Imdb spricht sie 31 Worte, mir schienen es sogar noch deutlich weniger zu sein, aber ich habe auch nicht mitgezählt. Sie macht nicht viel mehr, als mit großen Wummen ins Bild zu latschen (gern in coolen Gegenlichtaufnahmen) und diverse Bösewichter mit gezielten Salven in die ewigen Jagdgründe zu schicken, aber das bringt sie schon recht überzeugend. Dass die Effektleute mit soßigen Squibs nicht geizen und Stuntmen von den Schüssen regelrecht aus den Schuhen gerissen werden, trägt zum wuchtigen Eindruck des Films erheblich bei. Worth Keeter, der Dutzende kleiner Exploiter auf dem Kerbholz hat, ist gewiss kein unbesungener Action-Auteur, aber er weiß, worauf es ankommt, und versteht es, wenig nach viel aussehen zu lassen.

Der Schlüssel zum Erfolg ist aber, wie erwähnt, eindeutig Wings Hauser, der seine wahrscheinlich an drei Drehtagen abgerissene Rolle mit dem Drive eines Mannes versieht, für den es keine „kleinen“ Filme gibt. Mit Kettchenohring, geflochtenem Zopf im Nacken und selbstzufriedenem Grinsen feiert er sich hier ohne Unterlass selbst und wird zum eigentlichen Sympathieträger des Films. Ganz groß, wie er im Showdown durch seine Lagerhalle tänzelt, vor sich hin summt oder mit sich selbst Zwiegespräche führt, dabei immer dieses zahnreiche Haifischgrinsen im Gesicht, das auch etwas dezidiert Spitzbübisches hat. Man kann ihm einfach nicht böse sein, wenn er seinen glücklosen Angestellten in eine Holzkiste steigen, kleinlaut „Entschuldigung“ murmeln lässt und dann mit der Maschinenpistole ein paar Luftlöcher hineinballert. L.A. BOUNTY lässt es einem mal wieder wie Schuppen von den Augen fallen: Dass Hollywood es versäumt hat, diesen Mann konsequent zum Superschurken aufzubauen, ist eine der großen Unterlassungssünden der Achtzigerjahre. Andererseits: Wer hätte einem sonst das Herz in solchen Videothekenklassikern wie eben L.A. BOUNTY aufgehen lassen?

kara_murat_kara_sovalyeye_karsi_1975_width300Vorab: Herauszufinden, welchen Originaltitel der gezeigte KARA MURAT-Film hat, erweist sich als schwierig. Laut IMDb wirkte Hofbauer an zwei Filmen der Serie mit, KARA MURAT: FATIH’IN FERMANI sowie KARA MURAT DENIZLER HAKIMI, aber bei keinem der beiden passt die Inhaltsangabe. Das Gegenteil ist der Fall bei KARA MURAT KARA SÖVALYEYE KARSI (auch Szenenfotos im Netz erhärten das), bei dem die IMDb aber weder Hofbauer noch eine deutsche Kopie  verzeichnet. Die OFDb und der DVD-Verleih wiederum weisen den Titel FATIH’IN FERMANI zu, aber wenn man den bei Youtube sucht, findet man Ausschnitte aus einem anderen Film. Dass die gezeigte Kopie außerdem heftige Qualitätssprünge und offensichtlich zusätzliche Szenen aus einem anderen, weitaus aufwändigeren KARA MURAT-Film zeigt, macht es nicht einfacher. Mit anderen Worten: Ich habe keine Ahnung, welchen Film wir da nun eigentlich gesehen haben, lediglich, dass die KARA MURAT-Forschung noch in den Kinderschuhen steckt.

Wer schon einmal einen KARA MURAT- oder einen Cüneyt-Arkin-Film gesehen hat, weiß natürlich trotz solcher Schwierigkeiten, womit er zu rechnen hat. Ein bis unter die schwarze Haarpracht übermotivierter und wie unter Krämpfen grimassierender Hauptdarsteller walzt und hüpft sich, links und rechts Schwerthiebe, Faustschläge, Backpfeifen, Ellbogenstöße und Tritte verteilend, durch karge Settings, die von schnauzbärtigen Osmanen und drall geschminkten Schönheiten in Kostümen aus dem Karnevalsverein bevölkert werden. KARA MURAT: SEINE RACHE BRINGT DEN TOD (so der  deutsche Titel) hat außerdem ein zusätzliches Pfund zum Wuchern, denn Cüneyt Arkin, die fliegende Zahnlücke mit dem Sexappeal Alain Delons, agiert hier in einer Doppelrolle! Er spielt die als Kinder gewaltsam getrennten Brüder Murat, seines Zeichens stolzer Türke, und Mehmet, der unter schurkischen Christenschweinen aufwächst, nachdem der Bösewicht ihn aus Rache für einen abgeschlagenen Arm als Kind entführt hat.

In der sich anschließenden Abfolge wüster Scharmützel wechseln die beiden die Seiten, um den jeweiligen Gegner mit gemeinen Täuschungsmanövern zu foppen, dass man bald völlig den Überblick verliert. Der Film ist ein wildes Hin-und-Her zwischen zwei Schauplätzen und am Ende erweist sich der osmanische Spirit natur- und erwartungsgemäß als weit überlegen. Die Brüder vereinen sich so eben noch, bevor es Mehmet hinwegrafft, natürlich nicht, ohne sich mit den letzten Atemzügen als treuer Muselmane zu erweisen, dann räumt Murat mit höchster Effizienz und dem Mut eines koffeinabhängigen Berserkers mit der Christenbrut auf.

KARA MURAT: SEINE RACHE BRINGT DEN TOD hat etwas von einer ausgedehnten und amateurhaften Zirkusvorstellung, bei der man beständig um das Leben der Artisten fürchtet, die ihre halsbrecherischen Stunts mit überaus prekären Mitteln und dem ungebrochenen Mut der Verzweiflung realisieren. Intellektuell liegt das Ganze noch unter den Geschichten, die sich mein zweieinhalb-jähriger Sohn ausdenkt: Die jeweiligen „Festungen“ sind löchrig wie Schweizer Käse, Murat/Mehmet gehen ein und aus und nicht einmal ein plötzlicher Bartverlust sorgt für Verwirrung. Als die Türken den vermeintlich verräterischen Zwillingsbruder gefangen nehmen (der in Wahrheit Murat ist), gelingt es diesem, jeden Zweifel zu zerstreuen, indem er ganz einfach sagt, wer er ist. „Ein Türke lügt nie in Lebensgefahr!“, weiß man schließlich. Und wundert sich darauf, ob das nun ein Zeichen großen Edelmuts oder schier überwältigender Dummheit ist (das Nichtlügen, meine ich).

Am wichtigsten ist aber natürlich Arkin, dessen Einsatzwille schier grenzenlos ist. Wenn jemand jemals in seinen Rollen aufgegangen ist, dann er. Da können De Niro, Pacino, Bale und all die anderen Method-Schnösel nach Hause gehen und Drehbücher für die nächsten Hollywood-Langweiler lesen! Wie Arkin inszeniert wird und agiert, ist einfach einmalig, treibt einem kindliche Freudentränen und ein enthemmtes Lachen ins Gesicht, in dem sich wahrhaft alle Sorgen auflösen. DAS ist Kino! Die Welt braucht Cüneyt Arkin!

heavy-thing-62Auf der ganzen Welt verschwinden Spitzensportler auf mysteriöse Art und Weise. Der coole Agent Mike Harber (Ross Hagen), ein Kollege von James Bond, wird hinzugezogen, um herauszufinden, was sich dahinter verbirgt. Die Spur führt auf die „Insel der 1.000 Frauen“, wo die verrückte Wissenschaftlerin Dr. Zu (Nancy Kwan) gemeinsam mit ihrer Armee heißer Martial-Arts-Babes am überlegenen Supermenschen herumschraubt, für den sie die passenden Ersatzteile braucht …

WONDER WOMEN, inszeniert von Robert Vincent O’Neil, der ein gutes Jahrzehnt später den famosen Rotlichtthriller ANGEL drehen sollte, ist eine der zahllosen amerikanischen Koproduktionen, die in den Siebzigerjahren auf den Philippinen entstanden. Wie bei den meisten von ihnen handelt es sich auch bei diesem Werk um einen mit heißer Nadel aus populären Versatzstücken und damals angesagten Elementen zusammengestrickten Unfug, der in seinen bescheuerten Impulsen durch eine Rainer-Brandt-Synchro auch nicht gerade gebremst wird. Die Berliner Schnodderschnauze trägt ihren Teil zum Gelingen dieses Teils bei, auch wenn sie sich dafür, das merkt man, kaum anstrengen musste: Er fliegt auf Autopilot, und wenn man die Brandt’sche Arbeit kennt, dann weiß man hier immer schon kurz vorher, was für einen Spruch man von ihm erwarten kann. Asiaten werden großzügig als „Schlitzis“ und „Gelbe“ bezeichnet, Frauen werden ebenso zur Zielscheibe. Hagens Mike spricht keinen einzigen normalen Satz, sondern kommuniziert nur noch in mal mehr, mal weniger sinnigen Sprüchen, in die gern auch mal Fantasiegestalten wie „Wenzel, der Teppichhändler“ oder Orte wie „Bad Salzufflen“ eingebaut werden. Richtig schön wird es immer, wenn Brandt in die Stille hinein improvisiert, als könne er es nicht ertragen, wenn die Figuren mal für fünf Sekunde die Klappe halten: Als Dr. Zu dem Helden ihr Labor vorführt, quittiert der das mit brummigen „hmmms“ und „ohhhs“ und als er den Blick einmal schweifen lässt, wird das sofort mit „Ach, nur eine Fliege“ quittiert.

Auffallend ist, dass Brandt mit den tielgebenden Wonder Women selbst kaum etwas anzufangen weiß. Wenn die auftreten, wird es dann auch umgehend etwas bleiern, was natürlich zum Paket dazugehört. Brandts Synchro passt sich dem typischen Auf-und-Ab zwischen überdrehten und absurden Actionszenen und eher schnarchige Passagen gewissermaßen optimal an. Immer wenn der Held auftritt, geht es rund. Das Highlight ist wohl eine Verfolgungsjagd durch Manila mit bunten Minibussen, an der auch der unverzichtbare Vic Diaz beteiligt ist. (Sid Haig ist auch dabei, hat aber als schurkischer Gregorius kaum mehr zu tun, als vielsinnig grinsend in einem Stuhl zu sitzen.) Da wird einmal ein Mann sehr unsanft über den Haufen gefahren in einem Stunt, der so nicht geplant gewesen sein kann, und einmal erwischt es auch ein paar auf einem Fahrrad hockende Hühner. Ein Hahnenkampf ist auch eher unerquicklich (ich weiß nicht, wie viele Hahnenkämpfe ich in den letzten Monaten in Filmen gesehen habe; das kann kein Zufall sein), dafür sorgt eine Keilerei zwischen Mike und einer Dame mit beeindruckendem Afro für Gelächter: Der Supertyp wird da quer durchs Mobiliar gedroschen und kommentiert das jedesmal mit einer neuen Zote – herrlich. Irgendwann endet WONDER WOMEN dann einfach. Auch das macht Sinn. Keiner der Beteiligten war hier der Illusion erlegen, eine Geschichte zu erzählen oder gar großes Kino zu machen: Es ging einfach darum, knappe 80 Minuten grelles Entertainment zusammenzukloppen. Mission accomplished. Meint auch Wenzel, der Teppichhändler.

Fuqua bleibt unvorhersehbar: Nach dem doch arg biederen SOUTHPAW folgt mit dem Remake von Sturges ewigem Westernklassiker von 1960 (der, gähn, natürlich auch schon ein Remake war, wir wissen es) wieder ein Film, der es mit den Höhepunkten seiner Filmografie – SHOOTER, BROOKLYN’S FINEST und THE EQUALIZER – aufnehmen kann. Er modernisiert die alter Heldengeschichte, interpretiert ihre Protagonisten als Kriegsversehrte, die USA als einen Ort, der sich schon viel zu lang über Gewalt definiert und liefert mit dem Showdown ein adrenalinpumpendes, physisches Actionfeuerwerk, wie man es im Kino dieser Größenordnung nicht mehr allzu oft geboten bekommt.

Das Örtchen Rose Creek, eine Siedlung, in der sich brave weiße Christen niedergelassen haben, wird von dem skrupellosen Kapitalisten Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard), der in der Nähe eine lukrative Mine betreibt, in Angst und Schrecken versetzt. Er will die Siedler vertreiben und schreckt dabei auch vor Gewalt nicht zurück. Emma Cullen (Haley Bennett), die in einem Scharmützel ihren Mann verloren hat, sucht den Gesetzeshüter Chisolm (Denzel Washington) auf, um Bogue Einhalt zu gebieten. Der Revolverheld stellt darauf ein schlagkräftiges Team zusammen. Dazu gehören der Ganove Faraday (Chris Pratt), der mexikanische Strauchdieb Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo), der Südstaaten-Scharfschütze Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke) und sein Partner Billy Rocks (Lee Byung-hun), den legendären Jack Horne (Vincent D’Onofrio) und den Indianer Red Harvest (Martin Sensmeier) …

Der Unterschied zum Original ist deutlich: Ja, die zu verteidigenden Siedler sind keine Mexikaner mehr, sondern treue Amerikaner, aber der Feind kommt nun ebenfalls aus dem Inneren des Landes. Bogue ist Vertreter eines brutal vorpreschenden Kapitalismus und bei seinem blutigen Vorgehen gegen die die widerspenstigen Siedler muss er nicht auf die Hilfe von Kriminellen zählen, sondern kann sich auf die Bereitschaft diverser offizieller „Sicherheitskräfte“ verlassen. In Chisolms spontan zusammengestellter Armee kommen hingegen Parteien zusammen, die noch vor nicht allzu langer Zeit verfeindet waren: Nord- und Südstaatler, ein Mexikaner, dessen Großvater den Amerikanern beim Angriff aufs Alamo eine empfindliche Niederlage bei- und dabei möglicherweise Faradays Großvater umgebracht hatte, der Indianerkiller Horne und ein Indianer sowie ein von allen als Exot kritisch beäugter Chinese. Anders als in Sturges‘ Film – und klassischen Heldenerzählungen generell – sind Chisolm und seine Männer damit aber eben nicht nur Außenseiter, die am Ende des Films in den Sonnenuntergang davonreiten müssen, sondern ein wesentlicher Bestandteil amerikanischer Geschichte, die immer wieder in Scharmützel mündet. Gewalt ist in Fuquas Film gleichermaßen Triebmotor für den „Prozess der Zivilisation“ wie sie immer wieder droht, alles um Jahrhunderte zurückzuwerfen – von den emotionalen Wunden, die sie schlägt, ganz zu schweigen. Fuqua ist wahrscheinlich eher einem konservativen politischen Spektrum zuzuordnen, aber er zeigt eben ziemlich deutlich, dass der Traum vom sauberen, gewaltlosen Fortschritt ein Irrglaube ist.

Ganz toll fand ich, wie er das finale Duell zwischen Chisolm und Bogue auflöst, wie er die Konventionen umdreht und Chisolm vom Machtrausch fortgetragen wird, was ihn beinahe das Leben kostet. Sein Blick spiegelt die ganze Ambivalenz des Films. Letztlich ist es Willkür, ob einen die Geschichte ins Recht setzt oder auf die Seite der Schurken.

Ist es nur die geminderte Erwartungshaltung oder doch die Sympathie für den Underdog, die mich solche schon im Vorfeld mit Häme und Spott überzogenen, vermeintlich „misslungenen“ (DC-)Filme wie SUICIDE SQUAD regelmäßig besser finden lässt, als ihre gefeierten (Marvel-)Kollegen?

Man konnte viel darüber lesen, dass Ayer und seine Schauspieler ohne Drehbuch arbeiten, ihre Geschichte quasi on the spot, von Drehtag zu Drehtag, improvisieren mussten; dass das Studio dem Regisseur bei jeder Entscheidung dazwischengrätschte, Jared Leto es mit dem method acting übertrieb. Bei Erscheinen wurde SUICIDE SQUAD heftig verrissen, was an seinem finanziellen Erfolg aber nichts änderte. Langweilig sei der Film, unlogisch, schlecht inszeniert, darüber hinaus zahnlos, vor allem gemessen an der gezeichneten Vorlage, die dem Vernehmen nach relativ blutig ist (ich hab das Comic nie gelesen). Fakt ist, dass der Film viel Potenzial verschleudert: Die Exposition ist toll, temporeich, mit viel Schwung und Stilbewusstsein inszeniert, das Figureninventar interessant, die Darsteller sind mit viel Engagement bei der Sache. Der Humor ist over the top, mit dem wenig originell, aber sehr ikonisch bestückten Soundtrack peilt der Film auf sehr gelungene Art und Weise die archetypische Überzeichnung an, die für Superhelden-Comics so charakteristisch ist. Leto setzt Ledgers Joker eine exzentrischere, selbstverliebtere, aber nicht minder verstörende Darbietung gegenüber, Will Smith erinnert endlich mal wieder daran, dass er mal ein veritabler Actionstar war, Margot Robbie herrscht als Fetischfantasie Harley Quinn und die etwas untergeordneten Jai Courtney, Jay Hernandez und Adewale Akinnuoye-Agbaje haben als Captain Boomerang, Diablo und Killer Croc ebenfalls sichtbar Spaß an ihren Rollen. Alle Zeichen stehen auf Durchmarsch, doch dann versumpft der Film auf unerklärliche Weise.

Die Vorbereitung der Handlung ist noch viel versprechend, doch leider mündet die Exposition in eine knapp 90-minütige Actionsequenz, die ohne nennenswerte Höhepunkte, dramaturgische Zuspitzung oder auch nur einen klaren Konflikt vor sich hin dümpelt. Interessant wird es immer dann, wenn der Joker auftritt, weil die bizarre Liebesbeziehung zwischen ihm und Harley einen emotionalen Anknüpfungspunkt bietet, den etwa die bloß behauptete Liebe zwischen dem Soldaten Flag (Joel Kinnaman) und der von einer uralten Zauberin besessenen Wissenschaftlerin June Moon (Cara Delevingne) überhaupt nicht trifft. Überhaupt: Hat jemand verstanden, wieso die Enchantress ausbricht, obwohl man sie doch angeblich durch den Besitz ihres Herzens unter Kontrolle hat? Und warum sie einen riesenhaften Gehilfen benötigt, obwohl sie doch selbst so mächtig ist? Ich jedenfalls nicht, auch nach mehreren Versuchen nicht. Die Konfusion und Löchrigkeit von SUICIDE SQUAD (auch in der langen Fassung) ist auch deshalb so rätselhaft, weil der Film in sich eigentlich sehr homogen wirkt. Es gibt keine sichtbaren Sprünge, der Film ist geradezu ein Paradebeispiel für lineare Handlungsentwicklung (man kann buchstäblich 120 Minuten lang neben den Figuren herlaufen).

Dass ich ca. vier Anläufe gebraucht habe, SUICIDE SQUAD zu Ende zu sehen, würde ich immer noch in erster Linie meiner Müdigkeit nach Feierabend zuschreiben, aber so ganz unschuldig daran ist der Film selbst auch nicht. Mit diesem Figureninventar nichts besseres anzufangen wissen, als sie in eine eintönige Auseinandersetzung mit einem leeren Obermufti zu schicken, ist schon ein Armutszeugnis, auch wenn man immer wieder erkennen kann, dass Ayer was drauf hat. Warum man sich nicht auf den Joker als Hauptgegner konzentrierte, ist mir ein Rätsel. Dass ich hier dennoch eher geneigt bin, Gnade walten zu lassen, liegt am Look des Films, eben an den Charakteren und der ersten Dreiviertelstunde, die richtig viel Spaß gemacht hat. Und es ist dann doch mehr hängengeblieben als vom durch und durch routinierten CIVIL WAR.

large_edjzjali1v5ps7dcmylt8cpf3dgDamals im Kino hatte Snake Plisskens gehauchtes „Nennen Sie mich Snake!“ schon für Begeisterungsstürme gereicht. Es war für mich, der altersbedingt nicht das Glück hatte, ESCAPE FROM NEW YORK im Kino sehen zu können, eines der schönsten Kinoerlebnisse überhaupt: Die damalige Kritik an ESCAPE FROM L.A. konnte ich zwar irgendwie nachvollziehen, aber gefühlt habe ich etwas anderes. Die gestrige Sichtung des Films auf Blu-ray, auf der er in den schönsten Farben erstrahlt, die famose Kameraarbeit von Gary B. Kibbe und die tolle Setdesigns zum Leuchten bringt, schloss direkt an die Kinoerfahrung von einst an und machte mir schlagartig wieder klar, wie toll dieses Sequel tatsächlich ist. John Carpenter ist damit meines Erachtens etwas ganz Besonderes gelungen: Er hat eine Fortsetzung geschaffen, die der seit dem Original vergangenen Zeit unverkennbar Rechnung trägt, ein Update, das der neuen Epoche angemessen und kein schnödes Retrogedöns ist, aber dabei dennoch vom selben Schrot und Korn. ESCAPE FROM L.A. ist bunter, witziger, bescheuerter und überdrehter als der Vorgänger, aber darunter schlägt immer noch das Herz des liberalen Zynikers, der mit Western aufgewachsen ist und das Genrekino liebt, der Autoritäten gegenüber skeptisch ist und mit dem Underdog mitfiebert.

ESCAPE FROM L.A. stellt inhaltlich eher eine Variation des Vorgängers dar als eine Fortsetzung, aber das Gefühl des „Been there, done that“, das damit einhergeht, unterstreicht noch einmal Carpenters Skeptizismus und Snakes Müdigkeit. Der Antiheld hat einfach nur die Schnauze voll von den immer gleichen Täuschungsmanövern und leeren Politikervrsprechungen. Der angry young man aus dem ersten Teil ist nun ein mit allen Abwassern gewaschener Veteran, seine Mission ein going through the motions. Was ihn am Laufen hält, ist sein Überlebenswille, insofern haben ihn seine Auftraggeber – Stacey Keach in der Lee-van-Cleef-, Cliff Robertson in der Donald-Pleasence-Rolle – genau richtig eingeschätzt, als sie ihm ein tödliche Injektion als Druckmittel verpasst haben. Plissken macht mit, aber eigentlich nur, um zu überleben, und seinen Peinigern am Ende vielleicht doch gepflegt in den Arsch treten zu können. Das Kriegsgebiet ist kein düsteres Loch mehr, sondern ein durch ein Erdbeben vom Rest der USA abgekoppeltes L.A., das nun als Exil für all jene fungiert, die gegen die Moral der neuen Spießernation verstoßen. Was man schon zwischen den Zeilen von ESCAPE FROM NEW YORK herauslesen konnte, das es Drinnen nämlich vielleicht besser ist als Draußen, wird hier zur Gewissheit und von einer Figur, der unglücksseligen Taslima (Valeria Golino), sogar expliziert – kurz bevor sie in der bittersten Szene des Films – einer Schlüsselszene – wie aus dem Nichts erschossen wird. Das L.A. aus Carpenters Film setzt dem spießigen Gottesstaat zwar eine kunterbunte Utopie voller durchgeknallter Individualisten entgegen, unter denen sich auch Hippie-Gottvater Peter Fonda als Surfer auf der Suche nach der ultimativen Welle wohl fühlt, aber die Kehrseite ist eine anarchische Gesellschaft, in der es keinerlei Rücksichtnahme mehr gibt und jedem Impuls nachgegeben wird – zum Beispiel jenem sich chrirgisch bsi zur Unkenttlichkeit zu verstümmeln. Am Ende kommt Plissken zum einzig logischen Schluss, nämlich dem, dass die Menschheit insgesamt keine Rettung verdient hat. Nach den Ereignissen der letzten Monate und Wochen muss man anerkennen, dass Carpenters Film 20 Jahre nach seinem Erscheinen erstaunlich zeitgemäß anmutet. Und dass, wo man ihn damals eigentlich schon zum Start als instantly dated diffamiert hat.

Grund waren nicht zuletzt die mäßig überzeugenden CGI und der Rückgriff Carpenters auf Mittel, die er schon zwanzig Jahre zuvor für sich genutzt hatte. ESCAPE FROM L.A. hat eine geradezu unverschämt dilettantisch animierte U-Boot-Fahrt komplett mit hektisch ins Bild schnappenden Riesenhaien zu bieten, dazu die schon im Original erprobte Ausleuchtung, die jeden Originalschauplatz in eine wunderbar künstlich aussehende Theaterkulisse verwandelt, herrlich übertriebene Matte Paintings und einen Actionshowdown, in dem die Helden an Seilen ins Bild geschwebt kommen und Rabatz machen. Schon erstaunlich dass man das in den Neunzigern, dem Jahrzehnt der Ironie und der bequemen Flucht auf sichere Metaebenen, nicht verstand, dem Film einen billigen Look unterstellte und Carpenters künstlerische Instinkte in Zweifel zog. Natürlich passt das alles wie Arsch auf Eimer und unterscheidet sich vom weithin geliebten Vorgänger nur oberflächlich. Klar, der war das logische Resultat einer Zeit gewesen, in der man sich vor dem Dritte Weltkrieg fürchtete, das unaufhaltsame Ansteigen urbanen Verbrechens beklagte und „No Future“ deklamierte, und dementsprechend düster. Bei ESCAPE FROM L.A. amüsiert man sich hingegen zu Tode: Das sieht etwas bunter aus, aber das Resultat ist dasselbe. Meiner bescheidenen Meinung nach ist dies Carpenters bester Film seit THEY LIVE und damit noch deutlich stärker als der gemeinhin überschätzte IN THE MOUTH OF MADNESS.

 

escape-from-new-york-posterIch beginne mit einer fürchterlich ketzerischen Aussage: Gemessen an dem, was ESCAPE FROM NEW YORK in den ersten Sekunden für eine Prämisse aufbaut, ist der Film eine fürchterliche Enttäuschung. Das Gefängnis Manhattan, laut Vorspann ein Kriegsgebiet, in dem sich der Abschaum der USA gegenseitig die Köpfe einschlägt, ist bis auf ein paar verdreckte Penner nahezu völlig entvölkert und Ghetto-Zaren wie der Duke laufen in den Blaxploitation-Filmen der Siebziger eigentlich in jeder amerikanischen Stadt herum. Carpenters hätte streng genommen ein deutlich größeres Budget gebraucht, um seine Vision adäqaut zum Leben zu erwecken. So konnte er es sich noch nicht einmal leisten, tatsächlich in New York zu drehen: Bis auf ganz wenige Szenen diente St. Louis als Stand-in für die Ostküstenmetropole. ESCAPE FROM NEW YORK wirkt klein und beengt, eine Low-Budget-Affäre, die deutlich mehr abbeißt, als sie kauen kann, wenn man so will.

Bevor ich jetzt aber vom aufgebrachten Internetmob zur Schlachtung freigegeben werde, sei gesagt, dass diese Mängel dem Film kein bisschen schaden.Im Gegenteil. ESCAPE FROM NEW YORK ist natürlich super, einer der besten Filme aller Zeiten, und er schafft das fast ausschließlich über die Etablierung einer schwer zu beschreibenden Atmosphäre und seines glorios abgefuckten Helden. Carpenter hat gleich in mehrerer Hinsicht einen ziemlich zynischen Kommentar zur präapokalyptischen Welt der Achtzigerjahre abgegeben: Der Staat hat vor dem amoklaufenden Verbrechen vollends kapituliert, eine seiner größten Städte aufgegeben, nun macht er das Schicksal der Menscheit auch noch von einem Mann abhängig, dem alles scheißegal ist. Lee van Cleef stattet seinen Hauk mit der adleräugigen Selbstsicherheit eines ehemaligen Revolverhelden aus, aber im Grunde genommen ist dieser Mann eine lame duck: Er kann noch so sehr den autoritären Macker raushängen lassen, er ist voll und ganz auf das commitment eines Mannes angewiesen, dem Loyalität rein gar nichts bedeutet.

Carpenter lässt nur wenig Zweifel daran, dass das Leben auf der Gefängnisinsel Manhattan dem da draußen eigentlich vorzuziehen ist. Es ist nicht zwingend besser, genau genommen sogar ziemlich jämmerlich, aber immerhin weiß man dort, was man zu erwarten hat. Wenn Hauk in einer eisigen Morgendämmerung auf der Mauer steht und nach Manhattan hinüberschaut, kann man fast Neid in seinen Blick hineinlesen. Die Welt da draußen, zumindest das, was man von ihr mitbekommt, macht in der Tat nur wenig Hoffnung: Der Präsident, der die Geschicke des Landes lenken soll, ist ein rückgratloser Wurm, es wird verraten und manipuliert, die Bevölkerung von oben herab in zwei Klassen geteilt, einer quasi das Lebensrecht abgesprochen. Snake Plissken passt eigentlich weder in die eine noch die andere: Das Leben als Knecht ist lohischerweise nichts für ihn, aber die albernen Spielchen, die da draußen gespielt werdem, noch viel weniger. Nun muss er bei einem dieser Spielchen mitmachen und der Missmut und Widerwille, mit der er seiner Mission nachgeht, trägt den Film. Über der Düsternis des Films vergisst man manchmal, dass er eigentlich saukomisch ist. Genauso wichtig ist Carpenters Geschick, eine Welt im Kopf des Betrachters entstehen zu lassen, mehr als im Bild. ESCAPE FROM NEW YORK verdankt seinen anhaltenden Kultstatus nicht nur Russells Snake, sondern vor allem der Tatsache, dass dieser Film wie nur wenige andere die Fantasie anregen. Dass das New York, das man hier sieht, vergleichsweise unspektakulär rüberkommt, gehört zwingend dazu. Bei aller Abgefucktheit: Es steckt eine Art kindlicher Naivität, Freude und Neugier in diesem Film, die in dieser Reinheit absolut einzigartig sind. ESCAPE FROM NEW YORK ist ein einziger Glücksfall, über den man entweder stundenlang sprechen muss oder aber genießerisch schweigen kann. Paradoxe Perfektion.

Ich glaube übrigens, unser damaliger Himmelhunde-Text war einer unserer besten.