Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

die-zielfahnder-flucht-in-die-karpatenNormalerweise kann ich mich nur selten dazu aufraffen, mein eigenes Heimkino-Angebot links liegen zu lassen, um mich dem Fernsehprogramm zu widmen. Für Dominik Grafs ZIELFAHNDER: FLUCHT IN DIE KARPATEN habe ich gestern eine Ausnahme gemacht, die sich gelohnt hat. Der Film lässt seinen Autoren unschwer erkennen in den kleinen Details der Inszenierung, vor allem in der Art, wie die Figuren miteinander sprechen, wie Räume und Orte erkundet werden und die kleinen Exkurse, die sich die Handlung erlaubt, nie bloße Ablenkungsmanöver sind.

Graf kehrt für seinen neuesten Film zunächst in meine Heimat des Herzens Düsseldorf zurück, wo auch schon DIE KATZE und DIE SIEGER gespielt hatten: Aus dem Gefängnis in Solingen ist der rumänische Schwerverbrecher Caramitru (Dragos Bucur) ausgebrochen, dem die Fahndungsbeamtin Hanna Landauer (Ulrike C. Tscharre) ein handfestes Trauma zu erdanken hat. Sein Fluchtziel ist Rumänien, Landauer und ihr Kollege Sven Schröder (Ronald Zehrfeld) heften sich an seine Fersen, müssen ihn aber an der Grenze ziehen lassen. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen in Bukarest erweist sich anschließend als etwas schwierig, doch dann gibt es einen Hinweis, dass Caramitru die Hochzeit seiner Schwester in einem Dorf am Fuß der Karpaten aufsuchen wolle …

ZIELFAHNDER: FLUCHT IN DIE KARPATEN ist ein geradliniger Actionfilm, was bedeutet, dass der Zuschauer nicht allzu viele Überraschungen hinsichtlich des Handlungsverlaufs erwarten darf, wohl aber einen ereignisreichen Weg dahin. Highlights waren für mich die Szenen im Besprechungsraum des LKA, weil Graf es wie kein zweiter in Deutschland versteht, diese in anderen Filmen lustlos hingeworfenen Momente so zu inszenieren, dass sie nicht bloß lästige Exposition sind, sondern ein Gefühl für die Welt schaffen, der seine Protagonisten entstammen. Wunderbar ist das Zusammentreffen der deutschen und rumänischen Kriminalbeamten: Letztere betrachten die „Eindringlinge“  natürlich mit kaum verhohlenem Spott und Ablehnung, aber die Annäherung funktioniert dann doch – ein Standard des Polizeifilms natürlich, aber es fühlt sich hier trotzdem echter an als üblich. Bukarest, das man aus zahlreichen DTV-Actionern der letzten 15 Jahre kennt, erstrahlt hier in einem ganz anderen Licht und in den bunten Farben eines rauschhaften Nachtlebens, in das sich auch die beiden Helden stürzen. Richtig toll wird es dann aber im Karpatendorf, wo Landauer und Schröder erst eine peinliche Niederlage einstecken, dann in die Feierlichkeiten mithineingezogen werden, mit dem Fund einer gestohlenen Kirchenglocke zu Lokalhelden avancieren und dann schließlich in einem Showdown auf Caramitru treffen, der mich im positivsten Sinne an die alten Karl-May-Filme erinnert hat. Auch wenn ZIELFAHNDER: FLUCHT IN DIE KARPATEN das Rad keineswegs neu erfindet: Es gibt hier einfach Sachen zu sehen, die man so im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat und die deutlich machen, dass Graf eigentlich auf die große Leinwand gehört. Allein wie am Ende die Schatten der Wolken über die grünen Gebirgswiesen ziehen, hat das Einschalten gelohnt …

captain_america_civil_war_ver18_xlgDie beiden Filme um den „first avenger“ namens Captain America sind wahrscheinlich das beste, was unter dem Marvel-Logo bislang über die Leinwand geflimmert ist. Gerade der vorangegangene Teil wurde geradezu euphorisch aufgenommen und etablierte das inszenierende Bruderpaar der Russos sofort als neue Hoffnung am Franchise-Himmel. Wenn man sich den Drive anschaut, mit dem sie die Actionsequenz realisiert haben, mit der CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR beginnt, ist man geneigt, in die Jubelarien miteinzustimmen. Das Tempo ist hoch, der Schnitt frenetisch, ohne dabei die Übersichtlichkeit zu zerstören, und darüber hinaus ziemlich zupackend und brachial – durchaus überraschend für eine doch eher kindgerechte Comicverfilmung, deren Vielzahl an CGI einer echten, spürbaren Physis oft eher im Weg steht. Aber tonal hatte sich ja schon der Vorgänger vom bunten Firlefanz der anderen Filme des MCU abgehoben und die Brücke geschlagen zum Politthriller der Siebzigerjahre. Man mag es den Russos nicht verdenken, wenn sie die Erfolgswelle so lange reiten wie es geht und sich mit weiteren Comicverfilmungen gesund stoßen, aber insgeheim frage ich mich schon, zu was die beiden wirklich im Stande wären. „Wirklich“, das meint in diesem Fall: nicht in ein enges Konzept gepfercht, das wenig Freiheiten erlaubt, dafür aber vorsieht, dass innerhalb von knapp zwei Stunden ca. ein Dutzend handelnder Hauptfiguren eingeführt, ca. 28 offen herumliegende Handlungsfäden aufgenommen und nebenbei die nächsten zehn Filme angeteasert werden müssen.

Ich gebe, wie schon bei X-MEN: APOCALYPSE, gern zu, dass ich CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR deutlich besser fand als die letzten Marvel-Filme: Die Geschichte um den Riss, der durch die Superhelden-Mannschaft geht und sie plötzlich zu Feinden macht, ist um Längen interessanter als der Kampf um irgendwelche Steine mit unklaren Eigenschaften. Die Actionszenen sind, wie erwähnt, griffig inszeniert, die große Schlacht der Protagonisten gegeneinander stellt eine gelungene Übersetzung der Comic-Panels in Filmbilder dar, ebenso wie Spider-Mans unentwegte Sprücheklopferei hier sehr schön adaptiert wird. Und langweilig, wie so mancher Kollege, fand ich den Film auch nicht. Trotzdem muss ich nach 24 Stunden des Sackenlassens irgendwie konstatieren, dass CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR so gut wie gar keine Spuren bei mir hinterlassen hat. Er ist einfach so vorbeigerauscht. Ich weiß, oft genug lobe ich Filme für solche „Flüchtigkeit“ und Trivialität. Aber der hier will ja nicht flüchtig und trivial sein, sondern ist in jeder Sekunde mit dem Wissen um die Schlüsselfunktion produziert worden, die er im Übergang des MCU in die nächste Phase innehat. Satte 250 Millionen hat das Ding gekostet, das muss man sich mal vorstellen. Und dann hat man am Ende das Gefühl, eine überproduzierte Episode einer Fernsehserie gesehen zu haben. In irgendeinem Text, den ich unmittelbar nach dem Kinostart gelesen habe, fiel der Schreiber fast auf die Knie vor dem angeblichen erzählerischen Finessenreichtum, der Kunstfertigkeit, mit der alle zuvor angestoßenen Plotfäden hier zusammenlaufen. Ich glaube, für diese Form verblendeter Begeisterung bin ich zu alt: Das ist keineswegs genial, sondern genau wie in den zugrundeliegenden Heftchen (oder eben in einer Fernsehserie), nur dass man die in einer Viertelstunde durchgelesen hatte, nur einen Monat bis zur nächsten Ausgabe warten und dann nur ein paar Mark fuffzich dafür berappen musste, anstatt wie jetzt mit lauten Dröhnen der Marketingmaschine ein „Jahrhundertereignis“ vorgesetzt zu bekommen, dem dann ein ganzer Industriezweig seinen Merchandisingmüll hinterher kippt.

Ich finde es schade, dass ich nach mittlerweile zwei?, drei? Filmen immer noch nicht mehr über Hawkeye, Falcon oder Black Widow weiß, als dass sie Pfeile schießen, Flügel haben oder kämpfen können. Dass bei all der Zeit, die sie sich nehmen, entscheidende Handlungsmomente trotzdem noch lieblos hingeschludert oder schlicht hanebüchen wirken, Neuankömmlinge wie Black Panther oder Scarlet Witch (jaja, die war schon bei AVENGERS: AGE OF ULTRON dabei, aber wer will sich das alles merken), außer einem optischen Eindruck keinerlei Wirkung hinterlassen und das alles seltsam leer und leblos wirkt. Die Comics ließen auf wenigen Seiten und in statischen Panelen ganze lebendige Universen vor dem Auge entstehen, CIVIL WAR hingegen könnte auch in einem Gewerbegebiet gedreht worden sein, so aseptisch fühlt er sich an. Ich glaube, der Drang danach, die stilisierten, mal im- dann wieder expressionistischen Bilder der Comics in „realistische“ Filmbilder zu übersetzen, raubt den Figuren genau das, was ursprünglich mal ihre Kraft ausmachte und Menschen überhaupt dazu brachte, sie in ihre Herzen zu schließen: In den bunten Kästen gefangen wirkten Captain America, Iron Man und Konsorten wirlich überlebensgroß. In Fleisch und Blut sind sie Clowns mit überkandidelten Problemen.

 

462-film-page-largeEin Wunder: X-MEN: APOCALYPSE hat mir wider Erwarten ganz gut gefallen. Die bisherigen X-Men-Filme ließen mich bislang ziemlich kalt, an die letzten beiden überambitionierten Schnarchfeste, X-MEN: FIRST CLASS und  X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST, habe ich kaum noch Erinnerungen. Irgendwie hängt Singer mit seinem Franchise seit 15 Jahren in einer Zeitschleife – wie seine Protagonisten in den letzten drei Filmen. Wer sich über die ständigen Reboots von Spider-Man aufregt, übersieht, dass man auch ohne solche Volten hübsch auf der Stelle treten kann. Auch hier gibt es inhaltlich kaum Neues: Wieder einmal geht es es da um den Konflikt zwischen den idealistischen Mutanten um den intellektuellen Professer Xavier (James McAvoy), die an eine friedliche Koexistenz von Mensch und Mutant glauben, und den Abtrünnigen, die genug haben von der Diskriminierung durch die Menschen und zum Vergeltungsschlag ausholen. Anstatt von Magneto (Michael Fassbender) werden sie im aktuellen Sequel aber vom uralten Apocalypse (Oscar Isaac) angeführt, sowas wie dem Urmutant, der die letzten Jahrtausende unter einer eingestürzten Pramide geschlummert hat und nun durch rätselhafte Umstände zu neuem Leben aufersteht. Magneto mischt natürlich auch wieder mit, darf nun aber ins zweite Glied zurücktreten und sich sein Selbstbewusstsein von Apocalypse aufpolieren lassen. Es kommt zur breit ausgewalzten Schlacht, mit großem Effektaufwand inszeniert, wie von Singer gewohnt aber auch immer etwas lahm, ohne echten Drive oder Gespür für Kinetik. Dass er das Geschehen um den superschnellen Quicksilver einfrieren muss, um seine Geschwindigkeit darzustellen, ist ein cleverer Schachzug (den Vaughn zuvor schon in FIRST CLASS erprobt hatte), aber auch ein bisschen bezeichnend für sein Bremspedal-Faible.

Als ich in meinem letzten Eintrag über GODS OF EGYPT von Blockbustern schwadronierte, die sich viel zu ernst nehmen und eine Tiefe vorgaukeln, die gar nicht da ist, da war das natürlich nicht ohne Hintergedanken formuliert. X-MEN: APOCALYPSE gefällt sich wie seine Vorgänger darin, Nerds das Gefühl zu geben, sie seien Philosophiestudenten. Da wird Zeitgeschichte im Vorbeigehen referenziert, brüten die Helden ständig angestrengt vor sich hin, die Stirn von tiefen Falten zerfurcht ob des schweren Loses, das sie mit ihren Superfähigkeiten gezogen haben, dürfen die Mutanten als Repräsentanten jeder geschundenen Minderheit durchgehen. Mag sein, dass das dem großen, durchgehenden Bogen der Comics entspricht, aber immer wenn ich die gelesen habe, blieb bei mir in erster Linie hängen, dass es doch auch ziemlich geil ist, in der Gegend rumzufliegen, Laserstrahlen abzuschießen, Gedanken zu lesen oder die Naturgesetze auf andere Art und Weise zu beugen. In den Filmen ist Spaß weitestgehend verboten, da geht es stattdessen um tiefes Leid und Verantwortung. It’s hard out here for a mutant. What a drag.

Warum mir X-MEN: APOCALYPSE trotzdem gefallen hat? Weil er im Gegensatz zu den beiden drögen Vorgängern endlich wieder Schauwerte bietet und Singer sich auch von der langweilig-monochromen Optik verabschiedet, die das Franchise sonst ausgezeichnet hat. X-MEN: APOCALYPSE ist, aller inhaltlichen Schwermut zum Trotz, schön bunt und hat endlich auch mal einen angemessenen Obermufti, dessen Auftreten seinem Namen entsprechend für endzeitliche Stimmung sorgt. Der grobe Klotz mit dem traurigen Blick macht einiges her, vor allem, wenn er Menschen mit einer wegwerfenden Handbewegung im Erdboden versinken lässt, mit einem tödlichen Staubwirbel über den Jordan schickt oder auch einfach nur One-Liner mit donnernder Stimme intoniert. Wolverine (Hugh Jackman) absolviert einen netten Gastauftritt, der sich tatsächlich wie die vergleichbaren Kniffe der Comics anfühlt, auch Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), zum ersten Mal seit X-MEN 2 wieder mit von der Partie, ist eine willkommene Ergänzung; genauso übrigens wie Angel (Ben Hardy), eine Figur, die ich zwar hochgradig bescheuert, aber gerade deshalb so wertvoll finde: Sie unterläuft diesen Überernst, den der Film unter Singers bleischwerer Regie ostentativ vor sich herträgt, in einer Art und Weise, die fast an Sabotage grenzt. Im größenwahnsinnigen Finale löst X-MEN: APOCALYPSE zudem das Versprechen ein, das seit Jahren immer nur angeteasert wird, gibt es endlich einmal diese weltumspannenden Katastrophenszenarios, die in den Comics ganze Seiten in grellen Farben leuchten ließen, nachdem man zuletzt den Eindruck hatte, Singer wollte unbedingt einen europäischen Politthriller aus der Vorlage machen. Vielleicht lernen die Mutanten beim nächsten Mal dann sogar, Freude an ihren Fähigkeiten zu entwickeln. Es wäre ihnen zu wünschen.

Steve LONE WOLF MCQUADE Carvers letzter Film datiert auf das Jahr 1996 und wurde von Atze Brauners Bruder Wolf für dessen Produktionsfirma CCC gedreht. Schurkendarsteller Raimund Harmstorf, der hier Giftfässer in Alaska verbuddelt und Geologen umbringt, nahm sich zwei Jahre später das Leben: Zwar nicht aus Scham über diesen Film, aber THE WOLVES ist trotzdem nicht so richtig gut. Warum, das kann man in meinem Text auf critic.de lesen. Und die DVD danach via Pidax erwerben, wenn man denn unbedingt möchte.

hard-target-2-poster123 Jahre hat es gedauert, bis jemand auf die Idee gekommen ist, ein Sequel zu John Woos US-Debüt HARD TARGET zu drehen. Seltsam eigentlich, bietet dessen Menschenjagd-Thematik doch eigentlich optimalen und immer wieder beliebten Stoff für ein Update. Nun waren DTV-Sequels in den Neunzigern noch nicht ganz so gebräuchlich wie sie das heute sind – und einen Mann wie Roel Reiné, der sowas wie ein Spezialist auf diesem Gebiet ist, gab es damals auch nicht. Nach Sichtung dieses Films kann man die lange Wartezeit jedenfalls nur begrüßen. HARD TARGET 2 ist eine runde, zudem sehr ansehnliche Sache geworden. Reiné kann mit den elaborierten Choreografien von Woo auf dem Gipfel seines Schaffens erwartungsgemäß zwar nicht mithalten,  aber es gelingt ihm trotzdem, den Zuschauer am Schlafittchen zu packen und ihn bis zum Ende in seinem Griff zu halten.

Der Auftakt ist der Schlüssel zum Erfolg: Nach kurzem Menschenjagdprolog widmet sich Reiné seinem Protagonisten, dem Martial Artist Wes Baylor (Scott Adkins), der in einem Kampf eine Chance auf den Titel bekommt. Der Haken: Sein Gegner ist sein bester Freund. Es kommt, wie es kommen muss: Baylor kämpft sich in einen Rausch und schickt den Kumpel mit einer solch vernichtenden Reihe von Tritten zu Boden, dass der nicht mehr aufsteht. Baylor ist danach ein gebrochener Mann, hängt an der Pulle, verdient sich sein Geld mit schäbigen Hinterhofkämpfen in Bangkok. Diese Zeichnung Baylors ist nun nicht sonderlich originell, aber seine Geschichte bietet im weiteren Verlauf eine effektive Spiegelung des Menschenjagd-Plots: Die Typen, die da später ihre „Männlichkeit“ unter Beweis stellen wollen, indem sie einen Menschen jagen und töten, die den Rausch der Jagd und des Mordes suchen, sind ihm viel weniger fremd, als sie das sein sollten.  Ein kleiner Kniff nur, aber einer, der den Film über seine kinetischen Schauwerte hinaus interessant macht.

Ansonsten gibt es keine außergewöhnlichen Überraschungen in HARD TARGET 2, lediglich sauberes action filmmaking: Reiné spult sein Programm mit viel Drive und handwerklichem Können ab, hält das Tempo konsequent hoch und weiß sein attraktives Dschungel-Backdrop und die schmierige Schurkenschar (u. a. Robert Knepper in der Lance-Henriksen-Rolle, Temuera Williamson in der Arnold-Vosloo-Rolle und Rhona Mitra in der Sadistische-Schlampe-Rolle) effektiv einzusetzen. Und Adkins ist eben Adkins, ein authentischer Typ, mit dem man mitfiebert, ohne das dafür große Psychologisierungen nötig wären. Die Gewalt ist dem Stoff angemessen ruppig, dass es überwiegend CGI-Blut ist, dass da spritzt, fließt und suppt, fällt nicht weiter negativ ins Gewicht, weil HARD TARGET 2 sonst angenehm down to earth ist und ganz ohne überkandidelten Kintopp auskommt. Ein bisschen Eso-Kitsch und in Zeitlupe fliegende weiße Tauben sind eine sympathische Verbeugung vor dem Meister, dem wir die in mid air abgefeuerten Schüsse zu verdanken haben, die auch Baylor hier ein paar mal den Arsch retten. Das Ende hätte man vielleicht ein bisschen straffen können, die Vielzahl von Showdowns, die dann doch keine Showdowns sind, ermüdet ein wenig. Aber den positiven Gesamteindruck kann diese Tatsache auch nicht schmälern. HARD TARGET 2 ist ein DTV-Sequel, wie man es sich wünscht. Schön, dass es sowas gibt.

 

 

close-range-poster-01Während die Welt gespannt auf BOYKA: UNDISPUTED IV wartet, haut Isaac Florentine mal kurz dieses Teil raus: Ein 80 Minuten kurzer Neo-Western für drei Millionen Dollar, der wirkt wie ein kurzes, aber intensives Stretching vor dem nächsten harten Fight – ein bisschen wie John Hyams‘ DRAGON EYES, der auch eher eine Fingerübung vor dem bahnbrechenden UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING war.

Eine Story gibt es nicht, lediglich die Skizzierung eines Konflikts: Colton McReady (Scott Adkins) befreit seine Nichte Hailey (Madison Lawlor) aus den Fängen des mexikanischen Kartellbosses Garcia (Tony Perez). Dass sie dort gelandet ist, ist die Schuld ihres Stiefvaters, eines jämmerlichen Kleinkriminellen (Jake La Botz). Zurück auf der heimischen Ranch ist klar, dass Garcia und seine Männer auf den Vergeltungsschlag nicht lange warten werden: Colton verschanzt sich mit Hailey und seiner Schwägerin Angela (Caitlin Keats) und wartet auf die Ankunft der Killer …

Die Gestaltung der Titelsequenz, der Score und das Setting evozieren Western-Assoziationen, die Florentine aber kaum weiter ausbaut, die Einblendung der Namen von Garcias Killern ist eine Spielerei, die wie das Überbleibsel eines früheren Drehbuchentwurfs anmutet. CLOSE RANGE ist eine auffallend schmucklose Angelegenheit, der ungesüßte Trockenkeks aus der Notration im Rucksack des Soldaten, ein präzise gesetzter Blattschuss. In den kurzen, knapp gehaltenen Fights, um die Florentine seinen Film gebaut hat, sieht man aber, warum er von vielen als einer der derzeit besten Action-Regisseure angesehen wird, warum er und Adkins zusammengehen wie Erdnussbutter und Marmelade: Keiner inszeniert Martial-Arts-Kämpfe so physisch und rasant wie Florentine, keiner bewegt sich so ökonomisch und geradlinig wie Adkins. In den besten Momenten von CLOSE RANGE schaut man einer gut geölten Maschinerie beim reibungslosen Funtionieren zu.

Und dann ist der Spuk auch schoon wieder vorbei. CLOSE RANGE ist schon ziemlich geil, auch wenn  wenig Fett an den durchtrainierten Muskeln hängt. Das ist nichts, was man mit dem Zungeschnalzen des Genießers zu sich nimmt, eher was den kurzen Energieschub zwischendurch. Wird Zeit, dass Florentine nachlegt. Dann darf es auch gern wieder etwas mehr sein.

bornamerican_onesheet_styleb_usa-1-500x755BORN AMERICAN ist Renny Harlins Spielfilmdebüt (er hatte zuvor vor allem Werbespots gedreht) und stellte für den damals 27-Jährigen einen Auftakt nach Maß dar: Es gelang ihm, einen US-amerikanischen Geldgeber von seinem Projekt zu überzeugen, sodass BORN AMERICAN nicht nur eine immens erfolgreiche Regiekarriere einleitete, sondern auch als teuerster finnischer Film in die Geschichte einging. Es ist beileibe kein perfekter Einstand, aber Harlin zeigt in seinem Debüt schon viele jener Charakteristika, die seine Filme durchaus über den reinen Entertainment Value hinaus interessant machen (dass ich Harlin-Fan bin, habe ich hier ja schon mehrfach betont).

BORN AMERICAN handelt von den drei amerikanischen Freunden Savoy (Mike Norris), Mitch (Steve Durham) und K.C. (David Coburn), die einen Finnland-Urlaub machen. Besonders reizvoll empfinden sie die Grenze zum bösen Russland, und als sie bei einem Ausflug durch Zufall plötzlich tatsächlich am Grenzstreifen stehen, überkommt sie der Kitzel. Was soll schon passieren? Man wird sie gewiss nicht umbringen. Doch der Grenzübertritt wird bemerkt: Auf der Flucht vor den Soldaten landen die drei Freunde in einem kleinen Dorf, wo sie des Mordes an einer Einwohnerin bezichtigt werden. Es kommt zu einem Feuergefecht und weiteren Toten. Als sie wenig später dem Militär in die Hände fallen und gefoltert werden, unterzeichnen sie das Geständnis, dass sie Terroristen seien. In einem unmenschlichen Kerkerloch eingesperrt, droht ihnen ein trauriges Schicksal …

Der Reiz von BORN AMERICAN besteht darin, ein Thema, das zur Entstehungszeit des Films meist in fetten Hollywood-Produktionen auf großer Bühne behandelt wurde, durch einen kleinen Kniff in die Alltäglichkeit zu holen. Es geht eben nicht um Elitesoldaten, Meisterspione, hohe Diplomaten oder ähnliche von der Zuschauerperspektive enthobene Charaktere, sondern um drei Kumpels, die sich vom anvisierten Publikum nur marginal unterscheiden. Das Kribbeln, das sie angesichts der kyrillischen Schriftzeichen auf einem unscheinbaren Zaun mitten im verschneiten Nirgendwo empfinden, ist wahrscheinlich für jeden, der damals im Westen aufwuchs, nachvollziehbar. So alltäglich die angenommene Bedrohung durch den Feind jenseits des Eisernen Vorhangs war, so wenig greifbar war er doch für die meisten, gerade in den USA. Die UdSSR war weit weg und die Vorstellung, dass das „Evil Empire“ tatsächlich auf einen geografisch konkreten Ort festzunageln war, muss vielen angesichts der geradezu mythischen Überhöhung, die das Land medial erfuhr, geradezu absurd erschienen sein. Diese ersten Minuten von BORN AMERICAN sind die stärksten, weil Renny Harlin diesen Einbruch des Unfassbaren in die Realität toll herausarbeitet. Wie banal dieses finstere Russland auf einmal erscheint und so gar nicht böse: Da steht eine jämmerliche Wachhütte im Schnee, bewacht von einem bedauernswerten, frierenden Kommißbrötchen. Jugendliche Amerikaner, die sie sind, bleibt den Protagonisten fast gar keine andere Wahl, als sich im Omnipotenzwahn zu ergehen und den Ernst der Lage krass zu unterschätzen. Die geilste Mutprobe der Welt, wer könnte da schon widerstehen?

Dass sich BORN AMERICAN danach in eine Art naive Version von MIDNIGHT EXPRESS verwandelt, der eine klare Richtung (und vielleicht ein etwas großzügigeres Budget) fehlt, ist ein bisschen enttäuschend. Schon die Ballerei, mit der die Jungs sich noch tiefer in die Scheiße reiten, unterwandert die zuvor etablierte Glaubwürdigkeit, und als sie dann im Gefängnis landen, häufen sich die Klischees zu Ungunsten einer klarer herausgearbeiteten Dramaturgie. Es gibt natürlich diverse Foltereien sowie die obligatorische Dresche durch einen sadistischen Häftling, der schwächste der Freunde vegetiert bald schwerverletzt dem Tod entgegen, der amerikanische Diplomat, der zur Hilfe abgestellt ist, hat außer wohlklingenden Absichtsbekundungen nichts anzubieten, macht im Gegenteil gemeinsame Sache mit dem Feind, und ein ehemaliger amerikanischer Top-Agent (Thalmus Rasulala) sucht sich unter dem Decknamen „The Admiral“, den sich die Gefangenen respektvoll zuraunen, den Feind von innen heraus zu zersetzen. Alles scheint auf einen großen Arenafight zuzulaufen: Die Gefangenen treten in einem lebenden Schachspiel zu Kämpfen auf Leben und Tod gegeneinander an, doch das wird letztlich nur eingeführt, um kurz vor Schluss eine kleine Reminiszenz an Ciminos THE DEER HUNTER einzubauen. Der Film mäandert bis zum finalen Ausbruch ohne echte Höhepunkt vor sich hin.

Letztlich ist BORN AMERICAN trotz gefälligem Gesamtergebnis doch auch ein Film der vertanen Chancen. Schlecht ist er nicht und das sich später bestätigende Potenzial Harlins unübersehbar, aber trotzdem bleibt ein etwas zwiespältiger Eindruck: Für einen feisten Actionkracher ist zu wenig los, für ein runterziehendes Knast-Drama gibt es dann doch etwas zu viel Kintopp. Wie das Teil wohl ausgesehen hätte, wenn der ursprünglich vorgesehene Chuck Norris mitgewirkt hätte? Sein Sohn ist sicherlich der bessere Schauspieler, aber vielleicht hätte der Veteran dem Werk die schmerzlich fehlende Grimmigkeit verpasst.