Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

Auch wenn der Titel auf ein Kokain-Drama schließen lässt, handelt es sich bei diesem Film doch um einen Beitrag zum wunderbaren und leider völlig aus der Mode gekommenen Subgenre des Truckerfilms, das seine Hochzeit in den Siebzigerjahren erlebte, bevor es im Folgejahrzehnt in Deutschland die Serie AUF ACHSE und natürlich DIDI AUF VOLLEN TOUREN inspirierte. „White Line Fever“ bezieht sich also nicht auf Entzugserscheinungen nach dem weißen Nasenpuder, sondern auf das Phänomen des Sekundenschlafs, das Trucker ereilt, wenn sie stundenland Meilen gefressen haben.

Nach der Heirat mit der hübschen Jerri (Kay Lenz) investiert Carol Jo (Jan-Michael Vincent) alles Ersparte in einen eigenen Truck, doch der Traum vom eigenen Business platzt schnell wie eine Seifenblase: Das ganze Speditionsgeschäft ist durch und durch korrupt und wer beim schmutzigen Spiel der Auftraggeber nicht mitspielt ist schnell ganz draußen. Zunächst wird Carrol Jo vom fiesen Buck (L. Q. Jones) und seinen Handlangern nur drangsaliert, dann zusammengeschlagen, doch schließlich will man ihm den Mord an seinem väterlichen Freund Haller (Slim Pickens) anhängen …

WHITE LINE FEVER macht noch einmal schmerzhaft klar, was aus Jan-Michael Vincent hätte werden können, hätten ihn nicht Alkohol und Drogen erwischt: Der spätere AIRWOLF-Star sieht hier nicht nur spitze aus, er ist als Jungspund, der sich nicht unterkriegen lässt, auch sehr sympathisch und charismatisch. Und, nicht ganz unwichtig, auch als Actionstar funktioniert er perfekt: Die Schrotflinte steht ihm ausgezeichnet, Klettereien auf dem fahrenden Truck übernimmt er kurzerhand selbst, anstatt sie irgendwlchen Stuntmen zu überlassen. Selbst ist der Mann! WHITE LINE FEVER macht zunächst schön Tempo, hat viel Power, angemessen hassenswerte Bad Guys – Martin Kove als henchman Bucks – und natürlich auch eine Prise Trucker-Romantik inklusive atemberaubender Ansichten eines wnterlichen Monument Valley. Der endgeile Stunt am Ende – Carrol Jo crasht mit seinem Truck durch das gigantische Firmenlogo des mafiösen Speditionskonzerns – setzt auch visuell einen schönen Endpunkt, der mit dem etwas schematischen Handlungsverlauf versöhnt. Man kennt das alles irgendwoher: die zunächst etwas naive Weigerung des Helden, beim bösen Spiel mitzumachen, die folgenden Lektionen, die sich immer weiter hochschaukelnde Gewalt, der anscheinend aussichtslose Kampf gegen eine übermächtigen Gegner, der immer noch ein As im Ärmel hat, die Anschläge auf das eigene Leben und das der Frau, das in die Schuhe geschobene Gewaltverbrechen, die gekauften Honorationen. WHITE LINE FEVER ist in erster Linie Exploitation, Genrekino, das sich nicht um einen Originalitätspreis bewirbt, sondern Altbekanntes in leicht abgewandelter Verpackung kredenzen, auf dass der Zuschauer gleich weiß, woran er ist.

Als Schüler Roger Cormans ist Jonathan Kaplan dafür genau der richtige Mann: Er debütierte für dessen New World Pictures 1972 mit NIGHT CALL NURSES, einem Film, der die Trenchcoat-Fraktion im Stile mit etwas linker Gesellschaftskritik infiltrierte, eine Strategie, die sich auch Jonathan Demme mit seinem WIP-Film CAGED HEAT zu eigen machte. Kaplan nahm sie nach seinem Abschied von New World mit zu American International – Cormans voriger Heimat – für die er dann nach bewährtem Muster THE STUDENT TEACHERS drehte. Auch WHITE LINE FEVER ergreift Partei für die Schwachen, die von den Mächtigen als Bauern in ihrem Schachspiel zur Mehrung ihrer Reichtümer missbraucht und zu diesem Zweck gegeneinander aufgehetzt werden und ruft zum Widerstand auf. Große lllusionen Hoffnung allerdings macht er nicht: Es bedarf zwar mehr als einer Handvoll mutiger, schlagkräftiger Männer und Schrotflinten, um das bestehende System zu zerschlagen, aber diese sind immerhin schon ein Anfang.

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Tatsächlich eine Erstsichtung: Damals im Kino habe ich ihn versäumt, später habe ich von einer Betrachtung Abstand genommen mit der Befürchtung, mit diesem Spätwerk nichts anfangen zu können. Was für ein Fehler: So toll, wie ich den heute fand, mag ich mir gar nicht ausmalen, wie er mich mit Nostalgiebonus gekickt hätte. Wobei: RENEGADE spricht natürlich trotzdem alle Impulse an, weil er Terence Hill in altbewährter Rolle und altbewährtem Setting zeigt.

Er ist Luke, ein gutmütiger, schlitzohriger, unverdrossener drifter, der die Highways des amerikanischen Südens mit seinem Jeep rauf und runter fährt. Wann immer er klamm ist, verkauft er sein treues Pferd, nur um dann ein paar Meilen weiter darauf zu warten, dass es ihm nachläuft. Eines Tages vertraut ihm sein alter Vietnam-Kumpel Moose (Norman Bowler), der zu Unrecht im Bau sitzt, seinen Sohn Matt (Ross Hill) als Vormund an. Gemeinsam sollen sie in ein Tal namens „Green Haven“ fahren, wo Moose ein Grundstück erworben hat. Matt erweist sich als selbstbewusster Rowdy, dessen Vertrauen sich Luke hart erarbeiten muss. Ihre Freundschaft wird noch sehr wichtig sein, denn die Männer um den schurkischen Lawson (Robert Vaughn) wollen das Stückchen Land haben und schrecken dabei vor nichts zurück …

Die Handlung, die ich hier recht ausführlich skizziert habe, ist eigentlich völlig unerheblich, weil sie doch eigentlich nur den Rahmen für ein munteres Road- und Buddy Movie bietet, der auf die bewährte Art und Weise mit Inhalt gefüllt wird: Streiche, Sprüche, Keilereien, Konfrontationen, Romanzen und Heldentaten geben sich quasi die Linke in die Hand und sorgen dafür, dass RENEGADE nie langweilig wird, man sich über so manches Déjà vu – die Mormonen als Nachbarn etwa – freut, anstatt den Film für seine vermeintliche Einfallslosigkeit ans Kreuz zu nageln. Was ich an dem Film – und vielen der in den USA angesiedelten Spencer-Hill-Produktionen – wirklich liebe, ist diese hemmungslose Amerika-Glorifizierung: Das Land besteht nur aus Highways und unendlicher Weite, aus Truckerkneipen, in denen Hamburger, Bohnen, Bier und Cola serviert werden, aus blonden Kellnerinnen und bärtigen, rüpeligen Truckern. Hier kann ein Mann noch ein Mann sein, auch wenn er sich dann und wann gegen dämliche Sheriffs und natürliche skrupellose Kapitalisten zur Wehr setzen muss, die in gläsernen Türme in den nur aus Luftaufnahmen bestehenden Metropolen residieren. Das Rückgrat des Landes sind indes Typen wie Luke, die Tag für Tag Meilen fressen, von der Hand in den Mund leben und ihre Gerissenheit dann und wann zu Geld machen – natürlich ohne jemals wirklich jemandem zu schaden. Und diese coolen Typen kennen sich alle, ihr Ruf eilt ihnen förmlich voraus: So kennt man Matt etwa als „Matt, die Klinge“, weil er selbstredend mal einen Rocker aus irgendeiner Bedrängnis herausgehauen hat – was ihm und Luke im Film sehr zu Gute kommt. Ich bekomme immer Lust, Country Music zu hören, wenn ich diese Filme sehe. Die gibt es hier eher nicht, dafür aber Lynyrd Skynyrd. Auch OK. Und der Score von Mauro Paoluzzi ist auch vom Allerfeinsten, bietet viel schwelgerischen Synthiepathos.

Das führt mich zu der einen kritischen Anmerkung, die ich mir hier nicht verkneifen möchte: Ein bisschen seltsam ist es schon, wenn da im tollen Finale eine Hundertschaft von Rockern auf ihren Öfen heranbraust und nicht wenige die Südstaatenflagge gehisst haben. Ja, die gehört zur Rockerfolklore, ich weiß, aber dass dieser Film, der sich doch einer humanistischen „Leben und leben lassen“-Philosophie verschrieben hat, der damit verbundenen Ideologie eine Werbefläche bietet, ist schon etwas enttäuschend oder zumindest: verwunderlich. Und dann fällt einem auf, dass es keinen einzigen Schwarzen im ganzen Film zu sehen gibt (der eine Hispanic hört dann auch noch auf den Spitznamen „Rico, der braune Schlitzer“). Ich will RENEGADE und Hill nichts unterstellen, aber das ist ein Film für Weiße. Ohne wenn und aber. Wahrschelich hat sich keiner der Verantworlichen etwas Böses dabei gedacht, aber es lässt einen noch einmal darüber nachdenken, was struktureller Rassismus eigentlich ist.

Nachdenken ließ mich auch, dass Ross Hill, Terence‘ Adoptivsohn, nur drei Jahre nach diesem Film im Alter von gerade einmal 16 Jahren bei einem Autounfall sein Leben verlor. Er wäre heute 45.

 

New York im Jahr 2012: Nachdem eine Epidemie weite Teile der Menschheit ausgelöscht hat, versuchen ein paar Überlebende um den charismatischen Baron (Max von Sydow) eine neue Zivilisation aufzubauen. Einem der ihren ist es gelungen, Gemüse zu züchten, Barons Tochter ist schwanger. Doch die Vorräte gehen zur Neige, außerhalb des abgeriegelten Wohnblocks warten Kannibalen und die Gang um den fiesen Carrot (William Smith). Als Baron den Einzelgänger Carson (Yul Brynner) für sich gewinnen kann, fasst er neue Hoffnung. Er träumt davon, auf einer Insel vor North Carolina einen neuen Anfang zu wagen …

Da ist er endlich, ein weiterer wirklich guter Film von Robert Clouse. Die Parallelen zu dem ein Jahr zuvor entstandenen THE OMEGA MAN sind zwar kaum zu übersehen (wie Charlton Heston residiert Max von Sydow hier in einem Zimmer umgeben von geretteten Antiquitäten, Luxusgütern und Büchern), aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch, zumal jener bereits deutlich von Fleischers SOYLENT GREEN inspiriert gewesen sein dürfte. Ein paar Jahre später kam noch Richard Comptons THE RAVAGERS, der wiederum die Parallelen zu Clouses Film kaum verhehlen kann. Egal, die genannten Titel bilden ein schönes Quartett des angestaubten Siebzigerjahre-Endzeitfilms (mit stetig sinkenden Budgets), der zwar noch nicht mit selbstgebauten Panzerwagen oder wilden Verfolgungsjagden aufwartete, aber dafür mit viel echter baulicher Tristesse und der bleiernen Schwere der Watergate-Jahre.

THE ULTIMATE WARRIOR ist vor allem bitter: Die schöne Utopie Barons bröckelt immer mehr, bis sie mit ihm zusammenbricht, von den eigenen, aufgewiegelten Leuten zu einem blutigen Haufen zusammengedroschen. Aber schon vorher zeigt sich, dass man das Projekt „Menschheit“ vielleicht besser sterben lassen sollte: Ein des Lebensmitteldiebstahls Verdächtigter wird auf Geheiß von Baron aus der Gemeinschaft ausgestoßen, was gleichbedeutend mit dem Tod ist. Der Unglücksselige – wir wissen zudem, dass er unschuldig ist – wird nach wenigen Sekunden außerhalb der schützenden Mauern sofort umgebracht und seiner Habseligkeiten beraubt. Baron dreht nur enttäuscht ab, angewidert von der Lynchmob-Mentalität der eigenen Leute, die auch er nicht im Zaum halten kann. Er wird am Ende derselben Urgewalt zum Opfer fallen, in einer Szene, die man durchaus als Spiegelung begreifen kann. Clouse‘ Zeichnung einer Menschheit, die dem Untergang geweiht ist, weil ihre schlechten Eigenschaften in der äußersten Not noch potenziert zu Tage treten, erinnert durchaus auch etwas an Romeros DAWN OF THE DEAD. Keine schlechte Referenz.

Der „ultimative Krieger“ Carson ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Schwangeren auf dem Weg durch die U-Bahn-Tunnel New Yorks, um einen Weg aus der Stadt zu finden, die Schergen von Carrot auf den Fersen. Der Showdown ist wirklich geil, auch weil er gar nicht schnell oder rasant inszeniert ist, sondern eher langsam und trocken daherkommt. Nichts ist triumphal an Carsons Sieg. Yul Brynner ist der Ultra-Badass in diesem Film, aber seine weibliche Partnerin steht ihm in nichts nach, im Gegenteil: Sie bringt ein Kind zur Welt, ohne einen Laut von sich zu geben, weil sie die Verfolger nicht auf sich aufmerksam machen will. Yul Brynner muss sich da schon eine Hand abhacken, um halbwegs mithalten zu können.

In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern war Wings Hauser ein treuer Weggefährte der jungen Produktionsschmiede namens PM Entertainment. Für Richard Pepin und Joseph Merhi durfte er auch seine ersten Regiearbeiten absolvieren. COLDFIRE war sein Debüt, ihm folgten wenig später LIVING TO DIE und THE ART OF DYING. Wings Hauser agierte als Schauspieler immer an der Klippe zum Overacting, aber er beherrschte die Gratwanderung perfekt, verlieh auch generischen Produktionen stets einen Hauch von Unvorhersehbarkeit, Extravaganz und Klasse. In COLDFIRE spielt er nur eine Nebenrolle: Er fungiert als eine Art Mentor für die beiden Protagonisten, zwei heißspornige Jungcops, die für ihre unbekümmerte Art einen Einlauf nach dem anderen bekommen, und er agiert, wie es die Rolle erfordert, sehr zurückgenommen. Es scheint so, als habe er seine sonstige Manie ganz in die Regie gelegt: Mit COLDFIRE peilt er brodelnde Intensität an, aber aufgrund des mickrigen Budgets und des beknackten Drehbuchs wirkt das alles lediglich hoffnungslos überdreht und albern. Was ja auch nicht so schlecht ist.

Der Drogenmarkt von L.A. soll mit einer neuen Designerdroge namens „Coldfire“ geflutet werden: Sie verspricht ihren Nutzern ein unbeschreibliches High, nachdem sie dann wieder völlig klar sind. Die Wahrheit sieht anders aus: Wer die Droge genommen hat, kann bei Nervosität, Aufregung oder Angst noch Wochen später zum Amokläufer werden. Die beiden Freunde und Jungcops Jake (Michael Easton) und Nick (Kamar de los Reyes) werden auf den Fall angesetzt und finden heraus, dass hinter Coldfire ein Exilrusse steckt, der die USA mithilfe der Droge von innen heraus zersetzen will …

Wie so viele der frühen PM-Filme will auch COLDFIRE alles auf einmal sein. Die Handlung macht so viele Twists und Turns, dass man Schwierigkeiten hat, zu bestimmen, wer denn nun eigentlich die Hauptfigur ist, geschweige denn sagen zu können, was das eigentlich für ein Film sein soll. Zunächst scheinen Jake und Nick lediglich zwei Nebenfiguren, bevor Jake dann zum Zentrum avanciert, nur um zum Schluss wieder ins zweite Glied zurückzutreten und Nick den Vortritt zu überlassen. Auf dem Weg dahin werden bisweilen melodramatische Töne angeschlagen, Charaktere und Beziehungen eingeführt, die dann überhaupt keine Rolle mehr spielen. Allein das Hin und Her zwischen den beiden Bösewichten, dem Russen Groska (Albert Cutt) und dem amerikanischen Drogenzar Sheldon (Addison Randall), ist ein Faszinosum, das zu durchschauen nahezu unmöglich ist. Nur um mal einen Überblick zu geben, womit sich COLDFIRE neben seiner eigentlichen Geschichte befasst: Zu Beginn diskutieren zwei Cops ausführlich über eine Quotenregelung im Polizeidienst, dann hat Jake eine traurige Auseinandersetzung mit seinem inhaftierten Vater. Nick indessen streitet sich mit seiner schwangeren Frau, weil er fürchtet, dass die Freundschaft zu Jake ihm die Karriere kostet. Lars (Wings Hauser) flirtet mit der Wissenschaftlerin Dr. Tate, Jake hingegen mit der hübschen Ellen (J. Cynthia Brooks), die in der Umkleide Stepptanz übt und unter Ohnmachtsanfällen leidet, seitdem ihr Partner in einem Hinterhalt erschossen wurde. Ein wichtiger Teil des Plots befasst sich mit der draufgängerischen Art Jakes, der sich in einer Ermittlungsszene auch noch als chamäleonartiger Akzentimitator und Schauspieler erweist. Ein kleiner, eigentlich völlig unwichtiger Drogenverkäufer taucht am Ende noch einmal auf und soll dann für tragische Untertöne sorgen.

Ein einziges Kuddelmuddel zwar, aber immerhin kann man COLDFIRE nicht vorwerfen, er sei langweilig. Es passiert immer irgendwas und dass die ganze Porduktion gnadenlos unterfinanziert ist, trägt zu ihrem unbeholfenen Charme bei. Herrlich etwa das Luxusdinner, dass sich die bösen Big Shots da gönnen, zu viert an einen Tisch für maximal zwei gequetscht. Später gibt es noch eine geile Szene, bei der sie sich mit ihren versammelten henchmen treffen und einige aufgrund akuten Platzmangels auf dem Kaminsims platznehmen müssen wie Schulkinder. Eine echte Schau ist auch Getz (Robert Viharo), der Vorgesetzte der Cops, der einmal einen absolut Oscar-verdächtigen Tobsuchtsanfall bekommt, dabei fast an seinem Zigarrillo erstickt und den verhassten Jake einfach so aus dem Auto schmeißt. Kamar de los Reyes hingegen hat eine Megaszene, als er im nächtlichen Garten mit gut eingeöltem Oberkörper Martial-Art-Posen einnimmt. Fighten darf er aber den ganzen Film nicht, was nur ein weiteres Beispiel für die erfrischende Impulsivität des Vehikels ist, das im Showdown nochmal vom Leder zieht und mit zwei obdachlosen Frauen, die „Amazing Grace“ singen, sogar eine richtig schöne Idee hat. Für Fans.

Die New Yorker Polizistin und Martial-Arts-Lehrerin China O’Brien (Cynthia Rothrock) lässt sich von einem Zweifler zu einem Straßenkampf überreden: Doch die vermeintlich eingeweihten Gegner erweisen sich als echte Gewalttäter und am Ende muss China einen von ihnen erschießen. Reuevoll legt sie ihr Amt nieder und besucht ihre Heimat irgendwo im Mittelwesten, wo ihr Papa (David Blackwell) Sheriff ist. In dem Örtchen ist nichts mehr wie früher: Der fiese Geschäftsmann Sommers (Steven Kerby) hat ein System der Korruption errichtet, gegen das es kein Mittel zu geben scheint. Als Papa und Bruder einem Mordanschlag zum Opfer fallen, stellt sich China zur Wahl als neuer Sheriff. Gemeinsam mit ihrem Freund Matt (Richard Norton) und dem Loner Dakota (Keith Cooke) will sie mit dem Gesindel aufräumen …

Regisseur Robert Clouse wird für seinen ENTER THE DRAGON immer einen Platz in der Filmgeschichte haben, auch wenn sein Beitrag zu diesem Film weniger entscheidend gewesen sein mag als der seines Stars Bruce Lee. Danach kamen noch ein paar okaye, meist ganz nett besetzte Exploiter – BLACK BELT JONES, GOLDEN NEEDLES,  THE ULTIMATE WARRIOR, THE AMSTERDAM KILL und der hübsche Hundehorror-Film THE PACK -, die aber schon nur noch wenig von dem psychedelischen Charme des Bruce-Lee-Klassikers hatten und meist etwas trist und angestaubt daherkamen. Mit dem grotesk in die Binsen gegangenen Lee-Vehikel GAME OF DEATH, einem aus Resten zusammengestückelten Etwas, ging die große Talfahrt los. Ich danke dem Universum für die Existenz eines Films wie GYMKATA, aber ein Filmemacher, der noch alle Sinne beisammen hatte, hätte den gewiss niemals gedreht. Danach war, wenig verwunderlich, fünf Jahre Pause und dann kam CHINA O’BRIEN, der gleich back to back mit dem Sequel gedreht wurde.

Das Logo der Golden Harvest Group sollte die Hoffnungen nicht allzu hoch schnellen lassen: CHINA O’BRIEN ist ein billig runtergekurbelter Klopfer für die Videothekenkundschaft, mit einem Plot, dessen weiteren Verlauf man bereits nach wenigen Minuten punktgenau vorhersagen kann. Die Fights sind kompetent, wenngleich bieder und uninspiriert heruntergefilmt und das gilt für das ganze Vehikel, das ästhetisch nur ganz knapp oberhalb eines waschechten Amateurfilms rangiert. Alles ist fruchtbar schrabbelig und unansehnlich, ohne aber auf ansprechende Art und Weise dreckig zu sein. Gut, die Klamotten und die Frisuren waren anno 89/90 nunmal so, aber hier sind ja auch die Menschen, die darin stecken bzw. darunter hervorschauen, von bemerkenswerter Unattraktivität. Noch nie ist mir aufgefallen, dass Richard Norton eine ausgesprochen putzige Knubbelnase hat und im Originalton zudem einen sehr dusselig klingenden Aussie-Akzent. Cynthia ist ja eigentlich ganz süß, kommt mit ihrem wippenden Bubikopf und den weiten Pluderhosen und Blousons in den Kampfszenen aber rüber wie ein überdrehtes Kind und nicht wie die gnadenlose Fighterin. Keith Cooke verströmt als einziger so etws wie Coolness, aber er hat ja auch lange schwarze Haare, eine Lederjacke, ein Stirnband und ein Motorrad. Easy.

Dann dieser „politische“ Subplot um Chinas Wahlkampf: Wie sie da amatuerhaft kopierte Wahlzettel an Strommasten tackert, Kinder und Menschen für sich einspannt, die auf den Plakaten noch nicht einmal ihren Namen richtig schreiben können („China O’Brian“), oder ihren Matt vorschickt, um Summers‘ Leute unter dem Jubel der Massen zu verdreschen, ist von rührender Naivität. Nachdem sie dann die Wahl gewonnen hat, stattet sie jeden jugendlichen Proleten mit einem Deputy-Stern aus: Na, herzlichen Glückwunsch! Den Vogel schießen die völlig überzogenen Sound-FX ab: Jeder harmlose Schwinger wird da mit einem „swoosh“ untermalt, die Schläge krachen wie Pistolenschüsse, dabei werden da doch nur ein paar bierbäuchige Bierkutscher verdroschen. Das ist wahrscheinlich das Schönste an dem Film: Seine Zeichnung organisierten Verbrechens ist hoffnungslos albern, provinziell und unglaubwürdig. Man fragt sich die ganze Zeit: Was gibt es in diesem Kaff eigentlich zu holen für diesen Summers, das er nicht auch mit legalen Mitteln erreichen kann? Eine befriedigende Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht ja im zweiten Teil.

Heute erscheint mir das bescheuert, aber damals verband ich riesige Hoffnungen mit XXX. Zuvor hatte mich Vin Diesel im tollen PITCH BLACK begeistert und nach dem Überraschungserfolg von THE FAST AND THE FURIOUS schien er das nächste große Ding des Actionfilms zu sein. Das riesige Plakat, das XXX an der A46 vor Düsseldorf allen ankündigte, die in die Stadt fuhren, war ein ziemlich deutliches Statement – und sah ziemlich geil aus. Ich weiß nicht genau, was ich von dem Film wusste oder mir genau versprach, aber als ich ihn dann sah, war ich einfach nur enttäuscht. Statt eines feisten Actioners gab es „coole“ Sprüche und doofe Gags ohne einen Funken Gewalt, das reichlich verspäte Anknüpfen an die Extremsportwelle, die damals schon Schnee von gestern war, enttarnte XXX als Marketingvehikel, das von ein paar desinteressierten Fuzzis in einer Frappuccino-geschwängerten Nacht erdacht worden war.

15 Jahre später also XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE, ein Film, auf den wahrscheinlich niemand wirklich gewartet hat, der aber mit dem Selbstbewusstsein auftritt, als sei er ein Jahrhundertevent. Die Produzenten haben sich die FAST & FURIOUS-Erfolgsreihe ganz genau angeschaut und Notizen gemacht. Auch da hätte nach TOKYO DRIFT keiner Geld darauf setzen wollen, dass die Menschen unbedingt eine Reunion der Charaktere aus dem nun nicht gerade revolutionären ersten Teil brauchten, der zu diesem Zeitpunkt gute fünf Jahre alt war. Tja, und heute zählt das Franchise zu einem der erfolgreichsten und wir erwarten gespannt den neunten Eintrag der Reihe. XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE macht es ganz ähnlich: Er suggeriert uns von Anfang an, dass wir diesen Xander Cage, Extremsportler, Tattooprolet und Geheimagent, schmerzlich vermisst haben, präsentiert sich selbst als großes Geschenk an die darbenden Fans, schart eine Posse cooler Dudes und Dudettes um die zentrale Schunkelbirne, fährt am Ende sogar Ice Cube auf, den in Lee Tamahoris Sequel XXX: STATE OF THE UNION eigentlich niemand sehen wollte, und tut so als sei das auf eine Stufe mit der Wiedervereinigung von Han Solo und Chewbacca zu stellen.

Es gibt unzählige Gründe, XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE zu hassen: Er ist das filmische Äquivalent zu einer zuckrigen, koffeinhaltigen Chemiebrause in Neonfarben, deren Werbespot einen immer mit seinem furchtbar nervtötenden Song quält. Manchmal erinnert er auch an die peinlichen Versuche von Politikern, sich als „hip“ und „up to date“ zu gerieren, um sich an Jugendliche ranzuschmeißen. Dazu pflegt er ein Weltbild, in dem sich Freiheit darin äußert, dass alle sich überall tätowieren, supersexy rumlaufen, jede Gelegenheit nutzen, eine coole Party mit heißen Chicas zu schmeißen, Autoritätspersonen mit dummen Sprüchen zu bedenken – und natürlich bloß nicht arbeiten. Klar, es wäre supertoll, wenn jeder nach seiner Vorstellung leben könnte, aber in XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE geht das ja auch nur, weil seine Protagonisten a) privilegiert sind und b) die Welt, in der sie leben, gnadenlos eindimensional ist. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass die ganze Chose wenig mehr ist als ein Vehikel, um irgendwelche Lifestyle-Produkte zu verhökern (es ist bestimmt kein Zufall, dass mit Donnie Yen, Kris Wu und Deepika Padukone Top-Stars aus den Riesen-Kinomärkten China und Indien anwesend sind und Neymar jr. einen idiotischen Gastauftritt abliefert), weiß man, woher der Wind weht.

Andererseits tue ich mich schwer damit, dem Film das wirklich um die Ohren zu hauen. In seiner Neonchemiekoffeinzuckerbrausen- und Schunkelbirnenhaftigkeit ist er nämlich irgendwie auch sehr charmant. Er macht keinen Hehl daraus, dass seine Prämisse absurd ist und er findet – im Gegensatz zum eher biederen ersten Teil – die angemessene Sprache, um sie ins Bild zu setzen. Das ist zum Teil grauenhaft (diese Angewohnheit, Namen und irgendwelche heißen „Facts“ zu Figuren ins Bild knallen zu lassen, zum Beispiel), immer einfältig, seltenst so cool wie der Film glaubt zu sein, oft herzzereißend dumm und darüber hinaus höchst fadenscheinig: Warum zum Teufel benötigt Xander in seinem schlagkräftigen Team heißer Draufgänger etwa einen DJ und dann auch noch so einen milchbubihaften Hänfling wie Kris Wu? Egal! Viel wichtiger sind überkandidelte Actionsequenzen wie jene, bei der sich Xander und Xiang (Donnie Yen) eine Motorradverfolgungsjagd über das offene Meer (!) liefern und dabei durch Wellentunnel rasen wie motorisierte Surfer. Oder der Showdown, mit seinem ausufernden Shootout in einem im Sturzflug befindlichen Flugzeug. D. J. Caruso weiß zum Glück auch, wie man solche Schoten inszenatorisch umsetzt: Wer mit neumodischer Actioninszenierung partout nix anfangen kann, wird auch hier eher abgetörnt werden, aber immerhin weiß man, was da gerade vor sich geht: Längst keine Selbstverständlichkeit.

Um zum Schluss zu kommen: Über die volle Länge ist XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE schon ziemlich ermüdend. Das Bombardement an dumpfen One-Linern und minderbemittelter Lebensphilosophie sowie die konsequente Weigerung, irgendeine Idee mal konsequent zu Ende zu denken oder den Film auch nur für eine Sekunde atmen zu lassen, wird für jeden, der die 30 überschritten hat, zwangsläufig irgendwann körperlich anstrengend. Die Zielgruppe ist hier eindeutig eine andere, wobei ich mich frage, ob die den dicken Vin als coolen Bro akzeptieren und überhaupt wissen, wer Ice Cube ist. Wahrscheinlich finde ich den Film genau wegen solcher Ungereimtheiten so liebenswert: Am Reißbrett auf eine  bestimmte Zielgruppe hin gestreamlinet und doch an allen echten, lebenden Wesen meilenweit vorbei. So kommt mir das jedenfalls vor. Ich hoffe, ich irre mich nicht.

1986 war die Welt des Actionkinos noch in Ordnung, in den USA und in Hongkong. Wenn man sich heute David Chungs international als IN THE LINE OF DUTY bekannten No-holds-barred-Brecher im Kino ansieht, wird man auf eine Art und Weise überrollt, wie man das gar nicht mehr gewohnt ist. Ja, heutige Actionfilme mögen größer, teurer aufwändiger und vielleicht auch bildgewaltiger sein: Der schieren Power eines solchen Werks, bei dem alle Beteiligten anscheinend nichts anderes im Sinn hatten, als sich und ihre Kollegen umzubringen und auf dem Weg dahin noch möglichst viel Sachschaden anzurichten, haben sie wenig bis nichts entgegenzusetzen.

Der alberne Humor – hier die reichlich stelzbockhaften, in heutigen #metoo-Zeiten mehr denn je fragwürdigen Avancen, die der niedliche Jungcop Michael (Michael Wong) der unwilligen Michelle (Michelle Yeoh) entgegenbringt -, meist Anlass für kontroverse Diskussionen und für viele westliche Zuschauer die bittere Pille des Hongkong-Kinos, die geschluckt werden will, scheint mir tatsächlich zwingend notwendig, um die rohe Physis, die Chung in den irrwitzigen Actionszenen zelebriert, überhaupt verkraften zu können. Bekäme man nicht zwischendurch die Gelegenheit, mit den Augen zu rollen, kurz abzuschalten oder sich vielleicht gar über ein paar Infantilismen zu ärgern, es wäre kaum auszuhalten. Es fällt bei dem entfesselten Tempo, das diese Filme fahren, der Leichtfüßigkeit seiner Darsteller, ihrer tänzerischen Eleganz und der Sportlichkeit der Inszenierung kaum auf, aber wenn dann die Credits rollen, fühlt man sich tatsächlich wie ein Punching Ball – oder einer der Protagonisten nach dem nicht enden wollenden Finalfight, bei dem in einer Tour ausgeteilt und eingesteckt wird. So flüchtig IN THE LINE OF DUTY inhaltlich sein mag: Er hinterlässt tiefe Spuren.

„Selbstüberbeitungslogik“ ist ja eigentlich ein Begriff, den man am ehesten mit den neuen Strategien des Eventkinos in Verbindung bringt. Nur dass die Überbietung heute, wo ganze „Universen“ aufgebaut werden sollen, mehr und mehr auf den nächsten und übernächsten Film verschoben wird. WONG GA JIN SI fängt indessen bildlich gesprochen im Sportwagen auf der Überholspur an und endet mit zwei auf Schallgeschwindigkeit fliegenden Düsenjets, die als Geisterfahrer durch den Feierabendverkehr heizen, in ihrem Innerem ein Haifischbecken, in dem sich tollwütige Berserker mit Kettensägen duellieren, an den Tragflächen gen Null tickende Zeitbomben. Eigentlich ist man schon zur Halbzeit völlig bedient von der wahnsinnigen Geschwindigkeit, aber dann gibt es immer noch einen obendrauf, wird der Adrenalinspiegel immer weiter nach oben gepusht, bis der Hippothalamus Muskelkater bekommt.

Wie das alles möglich war, begreift man heute gar nicht mehr: Bei einer Verfolgungsjagd werden immer mehr Autos durch die Gegend geschmissen, nur weil es geht, bei einem Wahnsinnsstunt fliegt ein Stuntman von einem rund 30 Meter hohen Haus und knallt dann in ein Glasdach. Beim Showdown werden x Sprengsätze hochgejagt, denn ein Finale mit Explosionen ist geiler als ohne, logisch. Und dann sind da noch die Keilereien, die wirklich nicht so aussehen, als hätten die Darsteller Rücksicht aufeinander genommen. Und weil alles so schön ist, sieht man es aus fünf verschiedenen Perspektiven, orwärts, rückwärts und in Zeitlupe. Und trotzdem rafft man es nicht. Nur geil.

Es ist eine Binsenweisheit, aber was Film auf der großen Leinwand anrichten kann, sieht man hier, an einem Jahrhundertfilm wie IN THE LINE OF DUTY: Zu Hause auf dem Fernseher, damals von VHS oder meinetwegen auch heute von digitalen Medien, da war Chungs Film schon ein korrekter Spaß, gut für das ein oder andere anerkennende „Hoho“ oder einen offenen Mund. Im Kino, umgeben von begeisterungsfähigen Menschen, die Lust haben, sich mal so richtig in den Arsch treten zu lassen, wird das Ganze zum transzendentalen Erlebnis. Und zumindest für ein paar Tage meint man, den besten Film der Welt gesehen zu haben. Hat man ja auch.