Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

Olympus-Has-FallenIm Rennen um die Aufmerksamkeit musste Antoine Fuquas Presidentsploitationer zwangsläufig gegen Roland Emmerichs nahezu zeitgleich gestarteten WHITE HOUSE DOWN verlieren. Die Frage, ob das gerechtfertigt war, beantworte ich vielleicht, wenn ich letzteren irgendwann mal sehen sollte, für den Augenblick beschränke ich mich auf die Feststellung, dass mir OLYMPUS HAS FALLEN als überraschend heftiger, Neunzigerjahre-Retro-Actioner viel Spaß gemacht hat, man aber merkt, dass Fuqua sich in weniger aufgeblasenen, ultrapatriotischen Fahnenschwenkern deutlich mehr zu Hause fühlt. Sowohl BROOKLYN’S FINEST, THE EQUALIZER als auch SHOOTER muten persönlicher und eigenständiger an, weniger auf einen nationalhygienischen Zweck hin modelliert, der in OLYMPUS HAS FALLEN in schöner Regelmäßigkeit für Augenrollen sorgt. Aber ich ahne, dass das in Emmerichs WHITE HOUSE DOWN wahrscheinlich alles noch viel schlimmer ist, zumal der sich nicht so auf die Inszenierung krachender Shootouts versteht wie Fuqua es ohne Frage tut. Aber die Eroberung des Weißen Hauses, bei der zahlreiche nationale Symbole effektreich zerstört werden und die in dem mit aller zur Verfügung stehenden Computerpower manipulierten Bild des vom Dach flatternden, zerfetzten Star Spangled Banner kulminiert, die hätte auch Hollywoods Lieblingsschwabe kaum masochistischer und dramatischer in Szene setzen können.

OLYMPUS HAS FALLEN ist, auch das macht ihn meiner Meinung nach interessant, zwischen Traditionsbewusstsein und Aktualitätsbestreben hin- und hergerissen. Der Präsident ist hier, anders als bei Emmerich, der Jamie Foxx als an Obama angelehntes Staatsoberhaupt besetzte, ein Weißer (Aaron Eckhart als liberaler Benjamin Asher), der mit seiner kumpeligen Attitüde an Bill Clinton denken lässt. Das Plotkonstrukt mit dem allein auf weiter Flur kämpfenden Spezialisten erinnert frappierend an die ersten beiden DIE HARD-Filme, die Schurken hingegen sind die Nazis bzw. Russen der Gegenwart, nämlich Nordkoreaner, und die Action wechselt von mit CGI aufgepimpten, ausufernd-bombastischen Schlachtgemälden hin zum brachialen, reduzierten Mann gegen Mann, das schon den Western auszeichnete. Richtig geil ist OLYMPUS HAS FALLEN immer dann, wenn er sich seinem Protagonisten, dem ehemaligen Leibwächter des Präsidenten Michael Banning (Gerard Butler), an die Fersen heftet, ihn bei seiner Infiltration des von Feinden besetzten Weißen Hauses begleitet und ihn dabei beobachtet, wie er die Schurken mit äußerster Rücksichtslosigkeit plattmacht. Durchaus untypisch für ein Eventmovie dieser Größenordnung geizt OLYMPUS HAS FALLEN nicht mit heftigen Brutalitäten: Die Kopfschüsse sind nicht zu zählen, auch Messerattacken richten sich mit Vorliebe gegen den Hals oder den Schädel der Opfer, und wenn mal keine Waffe zur Hand ist, wird eben kurzerhand das Genick gebrochen. In Hinblick auf das Sujet des Films darf man das durchaus als Warnung potenzieller Terroristen verstehen: Wer sich am Nationalheiligtum vergreift, hat keine Barmherzigkeit zu erwarten. Gerard Butler ist mit seinem Bulldoggengesicht und dem aufgepumpten Body eine ideale Besetzung für den treuen Staatsdiener, der etwas gut zu machen hat – in der Eröffnungsszene misslingt es ihm, die First Lady (Ashley Judd) nach einem Autounfall vor dem Tod zu bewahren, was ihm seinen Job kostet und ihn vom Präsidenten und dessen Sohn entfremdet –, geht seiner Aufgabe mit vollem Körpereinsatz nach und blutet dabei fast so schön wie einst Bruce Willis.

Neben der patriotischen Onanie des Films und der Ernsthaftigkeit, mit der dieser würzige Käse ausgebreitet wird, als handele es sich dabei um die neue Declaration of Independence (die finale Ansprache des Präsidenten, der potenzielle Aggressoren mithilfe wohlklingender Buzzwords wie “unity”, “strength”, “heroes”, “dignity” und natürlich “God” darüber aufklärt, dass die Bevölkerung der USA im Ernstfall eine vereinte, unnachgiebige Front bilde, ist gewiss der Tiefpunkt des Films) ist es vor allem der reichlich selbstzweckhaft komplizierte Plan der Schurken, der Kritik verdient: Sie dringen ins Weiße Haus ein und entführen die drei Ranghöchsten Staatsdiener, um von ihnen die Codes zur Aktivierung des “Cerberus-Programms” zu erpressen, mit dessen Hilfe sämtliche Atomraketen und mithin die Selbstverteidigung des Landes gegen einen nuklearen Erstschlag lahmgelegt werden sollen. Man sollte meinen, dass die Terroristen das auch etwas einfacher hätten haben können, wenn sie doch schon so weit ins politische Herz der Nation vorgedrungen waren. Aber natürlich ist das Spielchen so etwas spannender, gibt es dem Helden überhaupt erst die Zeit, etwas gegen die Feinde auszurichten. Und wie gesagt: Wie er da aufräumt, das macht Spaß und dürfte aus meiner Sicht durchaus als Vorbild für weitere großbudgetierte, gewalttätige Retroactioner herhalten. Besser als die letzten beiden EXPENDABLES-Filme, die sich diese Aufgabe eigentlich auf die Fahnen geschrieben haben, ist OLYMPUS HAS FALLEN sowieso.

Zu VHS-Zeiten war es unumgänglich, dass man sich manchen Film in fremder Sprache und ohne die heute nicht mehr wegzudenkenden Untertitel ansah. Ich vermisse diese Begleiterscheinung nicht unbedingt, bemerke aber, dass man vom heutigen DVD- und Blu-ray-Angebot, das manch einstige Obskurität in edelster Bild- und Tonqualität, versehen mit zig Tonspuren und mal mehr mal weniger sorgfältig verfassten Untertiteln bereithält, ziemlich verwöhnt ist. Nahm man damals auch mal ein beschnittenes Bild in Kauf, um einen begehrten Film endlich sehen zu können, gibt man sich mit so was heute in der Regel gar nicht mehr ab. Wieso ich darauf komme? Beim Kauf meiner schwedischen BLASTFIGHTER-DVD habe ich mich vom Cover, das englischen Ton verspricht, täuschen lassen. Tatsächlich ist er in der italienischen Fassung enthalten und die zuschaltbaren schwedischen, dänischen, norwegischen und finnischen Untertitel schaffen leider keine Abhilfe. Weil ich heute, Jahre nachdem ich den Fehlkauf verärgert ins Regal geschoben hatte, aber plötzlich große Lust auf den Film verspürte, habe ich mir BLASTFIGHTER trotzdem angeschaut. Und siehe da: Es ging auch so.

Es hilft sicherlich, dass er nicht die komplexeste Geschichte erzählt: BLASTFIGHTER ist eines von wahrscheinlich Dutzenden von Rip-offs, die der Sensationserfolg von FIRST BLOOD in den frühen Achtzigerjahren nach sich zog. Michael Sopkiw ist Jake “Tiger” Shark, ein Ex-Cop, der nach einem Selbstjustizmord eine achtjährige Gefängnisstrafe abgesessen hat. Um einen Neuanfang zu wagen, begibt er sich in seine alte Heimat im ländlichen Georgia, wo er aber schon nach kurzer Zeit mit einer Bande von Wilddieben aneinander gerät, die unter der Leitung seines alten Freundes Tom (George Eastman) agieren. Wie er herausfindet verkaufen die Wilderer ihre Beute an einen chinesischen Geschäftsmann, der Medizin daraus herstellt. Die Situation eskaliert, als Tigers Tochter Connie (Valentina Forte), ihr Freund Pete (Michele Soavi) und ein alter Kumpel auftauchen und den Schurken zum Opfer fallen. Tiger startet einen gnadenlosen Rachefeldzug …

Details der Handlung musste ich nachträglich nachlesen, aber im Grunde ist es für den Genuss des Films ziemlich schnurz, aus welcher Motivation heraus die Wilddiebe handeln und wer genau die Freunde sind, die sich um TIger scharen. Das Wichtigste erschließt sich durch bloßes Hinsehen und die Tatsache, dass BLASTFIGHTER reines Genrekino ist, das einer längst etablierten Blaupause folgt. Genau das ist es ja auch, was Spaß macht an Bavas Film: Manchmal möchte man einfach, dass die eigenen Erwartungen erfüllt werden. Schon beim ersten Aufeinandertreffen von Tiger und den Wilderern weiß man, dass sie keine Freunde, sondern erbitterte Rivalen werden, dass man sich auf eine langsam Fahrt aufnehmende, dann schließlich überschlagende Eskalation einstellen kann, an deren Ende die Superwumme mit der Spezialmunition zum Einsatz kommen wird, die Tigers Freund ihm zu Beginn in die Hand drückt. (Man kann sich kein besseres Geschenk für einen aus der Haft entlassenen Mörder vorstellen.) Und so kommt es dann auch: Die Geduld, die der Zuschauer bis zum Finale aufgebracht hat, wird mit einem beachtlichen Body Count, vielen, vielen Explosionen und hitzigen Feuerstunts entlohnt, und wenn dann schließlich die Finalcredits laufen, weiß man wieder, dass es niemals besseres Actionkino gab als in den seligen Achtzigerjahren. BLASTFIGHTER weiß mit schönen Bildern der tiefen Wälder Georgias zu punkten, hat einen tollen Synthiescore von Fabio Frizzi (sowid einen von den Gibbs geschriebenen Countrysong) und mit Michael Sopkiw einen echten Antischauspieler in der Hauptrolle, dessen ans Komatöse grenzende Lethargie genau richtig ist für den verhinderten Amokläufer.

Der Mailänder Kommissar Domenico Malacarne (Luc Merenda) ist auf den ersten Blick ein geradezu vorbildhafter Vertreter der Polizei: attraktiv, immer gut gekleidet, gewissenhaft, sachlich und erfolgreich. Aber er hat ein Geheimnis: Er steckt mit dem organisierten Verbrechen unter einer Decke, genauer mit dem Boss Mazzanti (Richard Conte), für dessen Organisation er gegen Bezahlung schmutzige Geschäfte erledigt oder aber beide Augen zudrückt. Als der Gangster ihn dazu auffordert, ein inkriminierendes Zeugenprotokoll aus dem Polizeiarchiv zu entwenden, beginnen die Probleme für Domenico: Das Protokoll wurde von keinem anderen als seinem eigenen Vater (Salvo Randone) aufgesetzt, der ebenfalls Polizist ist. Als der von dem Geheimnis seines Sohnes erfährt, ist er am Boden zerstört. Und wenig später tot …

Einen richtig schlechten Film habe ich von Di Leo zwar noch nicht gesehen, aber zwischen unantastbaren Klassikern wie AVERE VENT’ANNIMILANO CALIBRO 9 oder LA MALA ORDINA, sehr guten Werken wie IL BOSS, LA CITTÀ SCONVOLTA: CACCIA SPIETATA AI RAPITORI oder VACANZE PER UN MASSACRO finden sich durchaus auch einige eher mittelmäßige Sachen wie I PADRONI DELLA CITTÀ oder eben dieser hier: Filme, die zwar handwerklich über jeden Zweifel erhaben sind, durchaus angenehme Kurzweil bieten, aber auch ein wenig, nun ja, uninspiriert wirken. IL POLIZIOTTO È MARCIO hat eine interessante, für einen Poliziottescho durchaus ungewöhnliche Prämisse – üblicherweise sind dessen Protagonisten ja aufrechter als aufrecht –, aber er weiß nicht wirklich etwas anzufangen. Es fehlt einfach die Fallhöhe: Die kriminellen Machenschaften, derer sich Malacarne schuldig gemacht hat, beeinträchtigen ihn nicht als “Helden”, Di Leo geht auffallend gnädig über seine Verbrechen hinweg, behandelt sie wie Malacarne selbst als eine Art Kavaliersdelikt: Er ist jung und braucht eben das Geld. Es bedarf der Vaterfigur, um die dramatische Wendung des Films wie auch ein Umdenken seines Protagonisten zu bewirken: Salvo Randone stiehlt Luc Merenda dann auch die Schau, wenn sein der Rente entgegengehender Polizeibeamter nach der Offenbarung des Sohnes alle seine Überzeugungen und Werte zu Staub zerfallen sieht. Es ist der einzige Moment, in dem das Geschehen irgendeinen emotionalen Nachhall auslöst. Ab da nimmt IL POLIZIOTTO È MARCIO dann auch beträchtlich an Fahrt auf – etwas zu spät, aber immerhin. Das gewohnt niederziehende Ende stimmt versöhnlich, aber insgesamt bleibt einfach zu wenig hängen. Freunde des Genres oder des Italofilms der Siebzigerjahre generell werden sich über einige rasante Verfolgungsjagden freuen oder über den wieder einmal herausragenden Score von Luis Bacalov, aber echte Begeisterung dürfte IL POLIZIOTTO È MARCIO wohl nur bei den unkritischsten Allesgutfindern auslösen. Ich bin jetzt mal gespannt auf Di Leos I RAGAZZI DEL MASSACRO.

Steven Soderbergh hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerade als Actionspezialist einen Namen gemacht, umso erstaunlicher ist dieser Agententhriller, der sich mit einer sehr individuellen Inszenierung von Körperlichkeit, gewohnt edlen Bildkompositionen und einer bis auf die Knochen reduzierten Handlung hervortut. Und natürlich mit seiner Hauptdarstellerin Gina Carano: Die ausgesprochen attraktive Muay-Thai- und MMA-Kämpferin, die laut ihrer leicht obsessiven IMDb-Biografie “was born under a tornado warning”, nimmt ihre männlichen Gegner mit beeindruckender Effizienz und mitleidloser Härte auseinander, bewegt sich außerdem mit eleganten, fließenden Bewegungen, die wunderbar mit Soderberghs eigener, fast erotisch zu nennender Kameraführung harmonieren. Mal wird sie von ihr liebevoll umschmeichelt, befindet sich mit ihr im eng umschlungenen Tanz, dann distanziert sie sich wieder von ihr, setzt ihrem sanften Tasten und Streicheln kontrapunktische Brutalität entgegen. 

Soderbergh findet damit die ideale visuelle Form – und die perfekte Darstellerin – für den per se erotischen Agentenfilm. Ich habe hier schon häufiger gesagt, dass das Spiel mit falschen Identitäten, vorgeschobenen und verschleierten Motivationen, mit Verrat, Täuschung und Verführung, das den Agentenfilm kennzeichnet, viel mit dem Spiel gemeinsam hat, das Liebende miteinander spielen. Man beachte nur das Miteinander von Mallory (Gina Carano) und ihrem Partner, dem MI-6-Agenten Paul (Michael Fassbender), als die beiden vortäuschen, ein Ehepaar zu sein, wie sie sich gegenseitig durch ebenso vielsagende wie vieles verbergende Blicke herausfordern, beständig auf der Suche nach dem Loch in der Deckung des anderen sind. Oder man bemerke, dass die Agentin mit gleich vier Männern eine emotionale Beziehung unterhält: Mit ihrem Ex Kenneth (Ewan McGregor), der auch ihr Auftraggeber ist, mit ihrem Kollegen Aaron (Channing Tatum), der vorgeschickt wird, um sie “zurückzuholen”, mit dem erwähnten Paul und mit Scott (Michael Angarano), der das Pech hat, in Mallorys Flucht involviert zu werden. Da treffen Profis der Verführung aufeinander, die oft genug auf das “Handwerk” des anderen hereinfallen, quasi in die Naivität des Zivilisten zurückfallen (erstaunlicherweise versteht nur der Zivilist es, Distanz zu halten). Man mag es ihnen nicht verdenken: Dieses Leben in ständiger Skepsis, unter dem ständigen Verdacht, der Freund könnte sich als Feind entpuppen, und dem daraus folgenden Zwang, ihm im Ernstfall zuvorkommen zu müssen, muss auf Dauer ziemlich anstrengend sein. So ist es ziemlich konsequent, dass HAYWIRE die Form einer 90-minütigen Verfolgungsjagd annimmt, bei der Mallory in jeder Szene das eigentliche Opfer ist, ohne es zu wissen. Sowieso ist der Film ein einziges Erstaunen und Überraschtwerden. Der Tod kommt nie dann, wenn man ihn erwartet.

Leider hat HAYWIRE bislang keine Nachahmer nach sich gezogen: Dieser sinnliche Ansatz, den Soderbergh da gefunden hat, wäre sicherlich noch weiter ausbaufähig, eine spannende Alternative zu sonst eher konfrontativ inszenierten Actionern, eine, die das Bild erweitern und dem Genre auch eine gewisse Respektabilität einbringen könnte. Überhaupt: Warum versuchen sich nicht mehr “genrefremde” Filmemacher an diesem Genre, das doch allein aus kinetischer Sicht genug Herausforderungen für sie bereithalten sollte? HAYWIRE gibt nur einen Vorgeschmack auf das, was dabei herauskommen könnte. Toller Film.

merantau (gareth evans, indonesien 2009)

Veröffentlicht: Februar 28, 2015 in Film
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Bevor Gareth Evans internationalen Erfolg mit THE RAID und seiner Fortsetzung THE RAID 2: BERANDAL erlangte, zwei superbrutalen Actionfilmen, die von der Fangemeinde wie der sprichwörtliche Tropfen Wasser in der Wüste empfangen wurden, inszenierte er diesen Martial-Arts-Film. MERANTAU ist mit dem Star der beiden Hits, Iko Uwais, besetzt, wie diese voll mit brillant choreografierten, harten, aber dabei knochentrockenen Fights, und dennoch ganz anders als die beiden.

Der enigmatische Titel geht zurück auf einen indonesischen Brauch, nach dem Heranwachsende ihr Heim verlassen und sich auf “Wanderung” begeben, um erwachsen zu werden. Auch Yuda (Iko Uwais) geht auf diese Wanderung, in der Hoffnung, in der Großstadt Jakarta als Kampfkunst-Lehrer sein Geld zu verdienen. An seinem Ziel angekommen, erhält er einen ersten Dämpfer: Der Ort, an dem er eine vorübergehende Heimat finden sollte, ist einer Baustelle gewichen, unter der Telefonnumer, die er bekommen hat, meldet sich niemand mehr. So irrt er durch die Straßen der Metropole und trifft auf Astri (Sistra Jessica), ein junges Mädchen, das für den kleinen Zuhälter Johni (Alex Abbad) als Tänzerin arbeitet. Er eilt ihr zu Hilfe, als der sie verprügeln will, doch schafft er damit nur noch größere Probleme: Astri war dazu auserkoren, als neues Animiermädchen für den miesen Menschenhändler Ratger (Mads Koudal) zu arbeiten, und der mag auf das ihm versprochene Mädchen nicht verzichten. Yuda muss es mit einer ganzen Armee von bad guys aufnehmen, um das Mädchen aus seinen Händen zu befreien …

Wenn es der Kurzabriss der Storyline noch nicht klar gemacht hat, dann lässt spätestens die strahlende Farbgebung keinen Zweifel daran aufkommen, es hier mit einem lupenreinen Märchen zu tun zu haben. Dem monochromen Schmuddellook der beiden RAID-Filme setzt Evans hier leuchtende Blau-, Grün- und Rottöne entgegen, die Jakarta in Yudas Augen in einen Ort der wahrlich unbegrenzten Möglichkeiten verwandeln. Vom Märchen hat MERANTAU aber nicht nur die bunten Farben, sondern auch den klar vorgezeichneten Weg, die Aufgabe, die zu rettende Prinzessin und den finsteren Schurken. Es gibt keine Grautöne in MERANTAU, die Grenze zwischen Gut und Böse ist klar erkennbar und jede Relativität ist abwesend. Evans’ Film steht in einer ganz klaren Traditionslinie, die von den Hongkong-chinesischen Kung-Fu-Epen der Shaw Brothers über deren Neuinterpretation durch Jackie Chan, Sammo Hung und Corey Yuen in den Achtzigerjahren bis hin zu aktuelleren Genrevertretern wie ONG-BAK oder TOM YUM GOONG reicht. Allenfalls das überraschende Ende fällt aus der Reihe, aber das mag auch am Blickwinkel des Westeuropäers liegen. Es verleiht dem Film, der sonst vielleicht etwas zu glatt vorüberzöge, emotionales Gewicht. Der Erfolg eines solchen Films steht und fällt aber natürlich mit den Fights, und hier deuten Evans und Uwais bereits an, zu was sie fähig sind. Die Kämpfe sind spektakulär, ohne allzu angeberisch zu sein, brachial, ohne auf vordergründigen Splatter zu setzen (erst sehr spät fangen Yudas Gegner auch an, Blut zu vergießen), artistisch, ohne ins Tänzerische abzugleiten. Die beiden finden das ideale Gleichgewicht zwischen Realismus und Effektreichtum, was sie von der Konkurrenz abhebt, die meist letzteres präferiert. Wer die Action in THE RAID und THE RAID 2: BERANDAL mochte, sie aber in etwas “mundgerechteren” Happen bevorzugt, der wird mit MERANTAU garantiert glücklich.

liberi_armati_pericolosi_tomas_milian_romolo_guerrieri_001_jpg_fbsyJugendliche Straftäter bevölkern das Kino spätestens seit den Fünfzigerjahren, als Rock’n’Roll und Rebellion vielleicht zum ersten Mal eine scharfe Trennlinie zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zogen, sich ein “Wir-und-die-anderen”-Gefühl ausbreitete. Der Juvenile-Delinquents-Film schlug im Grunde zwei Fliegen mit einer Klappe: Unter dem Deckmäntelchen der Gesellschaftskritik, durch die sich Erwachsene in all ihren Vorurteilen und Ängsten gegenüber bzw. vor der “Jugend von heute” bestätigt finden durften, wurde die Wildheit und Ungezügeltheit derselben gefeiert, die sich endlich einmal in Überlebensgröße auf der Leinwand repräsentiert sah. Mit dem Voranschreiten der Jahrzehnte änderte sich aber auch die Darstellung von Jugendkriminalität: Was früher Ausdruck von Rebellion gegen den Status quo (und nicht zuletzt ein Stück Lifestyle) war, entpuppte sich immer mehr als verzweifelter Versuch der Jugendlichen, mit diesem mitzuhalten. Vor allem im italienischen Crime-Kino der Siebzigerjahre wird das deutlich: Die Motivation ist ganz klar das Geld, das den Ausbruch aus der Armut sichern soll. Die drei männlichen Protagonisten von Guerrieris LIBERI ARMATI PERICOLOSI haben nichts von der Coolness, die einst James Dean oder Marlon Brando auszeichnete, vergangene Ikonen rebellischer Jugendkultur. Es sind armselige Loser, hoffnungslos Fehlgeleitete, für die es schon zu Beginn keinen Ausweg mehr gibt.

Lea (Eleonora Giorgi) unterrichtet den Polizeikommissar (Tomas Milian) davon, dass ihr Freund Luigi (Max Delys) zusammen mit seinen Kumpels Mario (Stefano Patrizi) und Giovanni (Benjamin Lev) einen Überfall auf eine Tankstelle plane. Die drei seien im Grunde genommen harmlos und nur mit Spielzeugpistolen ausgestattet, aber ein Überfall sei schließlich dennoch ein Überfall. Die Polizei nimmt sich der Sache an und bewacht die Tankstelle, muss aber beobachten, wie sich die Situation ganz anders entwickelt als erwartet: Als der Tankwart sich weigert, das Geld herauszugeben, erschießt Mario ihn mit seiner keineswegs falschen Waffe, im folgenden Feuergefecht müssen drei weitere Polizisten ihr Leben lassen, bevor den Jungs die Flucht gelingt. Die Polizei auf den Fersen, setzen sie ihren Raubzug fort, nach ihren ersten Morden nun völlig enthemmt. Nur Luigi nimmt an dem sich anbahnenden Massaker nicht teil, bringt aber auch nicht den Mut auf, seine Freunde zu stoppen …

Das Postermotiv und der Name von Tomas Milian lassen einen typischen Polizeifilm erwarten, doch Guerrieri (der nach einem Drehbuch von Fernando Di Leo inszenierte) hat anderes im Sinn (sehr zu Verwirrung eines österreichischen IMDb-Rezensenten, der den Film verreißt, weil er nicht das ist, was er erwartet hat). Der kubanische Star des Italokinos jener Tage hat nur eine vergleichsweise kleine Nebenrolle, der Fokus liegt ganz auf den Jugendlichen, die sich in blinder Raserei immer tiefer in die Scheiße reiten, ohne auch nur einmal innezuhalten. Das Spannende an LIBERI ARMATI PERICOLOSI ist die Abwesenheit jeglichen erklärenden Kontextes. Die Eltern der drei Straftäter sieht man nur kurz, und eine kurze Szene, in der der Kommissar dem desinteressierten Vater (Venantino Venantini) von Luigi erklärt, dass man Kindern zuhören, ihnen Liebe und Zuneigung schenken müsse, weil sie sonst zu “Monstern” würden, ist eher hinsichtlich der Hilflosigkeit der Polizei aussagekräftig, als dass sie die Ursachen hinter den Verbrechen zufriedenstellend benennen würde. Auch das Geld, das die drei Jungen als ihre Hauptmotivation angeben, ist nur ein leeres Symbol. Die Antwort auf die Frage, warum es bei anscheinend völlig normalen, netten Jungs plötzlich “Klick” macht, warum sie von einem Tag auf den nächsten zu rücksichtslosen Killern werden, die lustvoll alle Gesetze, Normen und Werte in den Staub treten, kann nicht eindeutig gegeben werden. So gibt es auch hier gleich mehrere Indizien, von denen die Gruppendynamik, die die drei unterschiedlichen Charaktere entwickeln, vielleicht das entscheidende ist. Das hysterische Großmaul Giovanni spielt sich gern als Anführer auf und hat mit Luigi und Mario zwei Kumpels zur Seite, die ihm dabei nicht in die Quere kommen. Luigi, der ruhigste der drei, ist der ideale enabler, weil er grundsätzlich konfliktscheu und entscheidungsschwach ist. Zwischen beiden hin- und hergerissen ist der sowieso schon instabile, aber tatkräftige Mario, der offensichtlich Probleme mit seiner Sexualität hat: Giovanni hilft ihm dabei, sich als Kerl zu fühlen, und dem sanften Luigi – der aber mit der schönen Lea verbandelt ist – gilt sein eigentliches Interesse. Entlädt sich da auch die in einer Machogesellschaft angestaute sexuelle Frustration? In einem kongenialen dramaturgischen Schachzug lässt LIBERI ARMATI PERICOLOSI den Großstadtmoloch Mailand nach ca. einer Stunde hinter sich und begibt sich in die Natur, als sich die Flüchtigen mit ihrer Geisel Lea im Schlepptau auf den Weg zur Grenze machen. Vielleicht ist es doch nicht die gesellschaftliche Prägung, die den Menschen zum potenziellen Mörder macht, vielleicht steckt das alles einfach in uns drin.

a good man (keoni waxman, usa 2014)

Veröffentlicht: Februar 27, 2015 in Film
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Ich schätze, für einen Seagal-Film wie A GOOD MAN muss man anno 2014 einfach dankbar sein. Große Begeisterung vermag er zwar nicht auszulösen, aber er ist auch kein Zugunglück, hat ein paar nette Einfälle, ein paar hübsche Schwertfights, die Erinnerungen wach werden lassen an die guten alten Zeiten in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als Seagal on top of his game war, und er auch wird nicht übermäßig durch diese Unzulänglichkeiten getrübt, die so viele Seagals der letzten 15 Jahre aufwiesen. Der mittlerweile auf Schrankwandgröße angeschwollene Star stand offensichtlich während eines substanziellen Teils der Dreharbeiten zur Verfügung, nur ein paarmal wird an seiner Stelle ein Stand-in ins Bild geschoben, und nachsynchronisiert wurde er auch nicht. Keoni Waxman, der zu Seagals Stammregisseur herangereift zu sein scheint – er drehte mit ihm bereits THE KEEPER, A DANGEROUS MAN, MAXIMUM CONVICTION, FORCE OF EXECUTION und 8 Episoden der Fernsehserie TRUE JUSTICE –, liefert ordentliche Arbeit ab und fängt auch die Actionszenen gut ein, hat sonst aber allem damit zu kämpfen, dass kaum etwas an A GOOD MAN wirklich hängenbleibt. Wieder einmal in Bukarest gedreht und mit den typischen Ostblock-Russenmafia-Darstellern besetzt, versinkt der Film in der immer unüberschaubarer werdenden Flut vergleichbarer DTV-Actioner: Wo MERCENARY FOR JUSTICE, SHADOW MAN, BORN TO RAISE HELL, SIX BULLETS, ASSASSINATION GAMES, LAST BULLET oder DIRECT CONTACT enden und A GOOD MAN anfängt, kann man längst nicht mehr genau sagen.

Was bleibt also von A GOOD MAN? Seagals Bart und seine neue Vorliebe für Schals zum Beispiel. In der Rückblende, mit der der Film eröffnet und die die Motivation seines Alexander erklärt, eines ehemaligen Spec-Ops-Mannes, gibt er wieder einmal seiner Vorliebe für schwer verständlichen Tech Talk nach, strickt er weiter an der Legende seiner “dunklen Vergangenheit”. Eine echte Überraschung ist die spätere Enthüllung, wer hinter den üblen Morden an Mobstern steckt, deren verstümmelten und mit Räucherstäbchen garnierten Leichen überall in der Stadt an mit japanischen Schriftzeichen dekorierten Orten auftauchen: Kein Psychopath, sondern der Held Alexander selbst ist es, der als “White Ghost” auf der Jagd nach dem Waffenhändler Chen (Tzi Ma) ist und dabei kräftig aufräumt. Irgendwann ist Seagal definitiv reif, den Killer in einem Slasher- oder zumindest Serienmörderfilm zu spielen, die richtigen Körpermaße für Jason Voorhees hat er ja schon. Als human interest wird die liebe Lena (Iulia Verdes) eingeführt, die für die Schurken als Kellnerin in einer Strip-Bar arbeiten muss, für ihre süße minderjährige Schwester Mya sorgt und außerdem einen halbseidenen Halbbruder namens Sasha (Victor Webster) hat, der Alexander am Ende hilft. A GOOD MAN endet dann auch mal wieder mit einer jener unangenehmen Liebesszenen zwischen Seagal und seiner gut 30 Jahre jüngeren Partnerin, von denen der Star nicht lassen kann, obwohl diese ihm weder liegen noch zu seinen Charakteren passen. Klar, am Ende soll sein Alexander geläutert sein, doch sind die turmhohen Leichenberge, die er überall hinterlassen hat, deswegen wirklich vergessen? Das Hundchen, das er sich als treuen Gefährten hält, kann die Zweifel, die an seiner psychischen Verfassung aufkommen, jedenfalls nicht gänzlich zerstreuen, auch wenn das wohl so gedacht war.

Fazit: Ein durchschnittlicher DTV-Actioner, der die Krise des Genres nicht aufzulösen vermag, dem Seagal-Komplettisten aber durchaus das ein oder andere Aha-Erlebnis schenkt. Wie gesagt: Dafür muss man schon dankbar sein.

MAN MAN