Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

TRUCK TURNER habe ich zum letzten Mal vor wahrscheinlich gut zehn Jahren gesehen und nur noch sehr vage und – wie ich beim Wiedersehen mit der deutschen Synchronfassung auf großer Leinwand feststellen durfte – unzutreffend in Erinnerung. Der saubere Blaxploiter, den ich da im Kopf hatte, entpuppte sich als das krasse Gegenteil, nämlich als räudiger Gewaltfilm, der sich in Bildern urbaner Verkommenheit und Ausweglosigkeit suhlt und von der deutschen Synchro, die einen wahren Sprücheholocaust abfeiert, beherzt über die Kante gestoßen wird.

Isaac Hayes ist Mac “Truck” Turner, ehemaliger Footballprofi und jetziger Kopfgeldjäger, der sich nur mühsam über Wasser hält. Seine Freundin Annie (Annazette Chase) sitzt mal wieder wegen Diebstahls im Bau und Turner muss sich mit der die winzige Wohnung vollpissenden Katze herumschlagen, wenn er nicht sein Leben für ein paar Dollarscheine auf der Jagd nach Kautionsflüchtlingen riskiert. Als er die Aufgabe erhält, den miesen Zuhälter Gator (Paul Harris) einzufangen, landet Turner selbst auf der Abschussliste und mitten in einem Kampf um die kriminelle Vorherrschaft über die Stadt, die Harvard Blue (Yaphet Kotto) Gators Perle Dorinda (Nichelle Nichols) ent- und an sich reißen will.

Während andere Blaxploiter bemüht sind, ihre Helden als gewiefte Stilikonen darzustellen, wartet TRUCK TURNER mit einem Protagonisten auf, der nur einen Schritt vor dem Absturz in die Gosse steht. Wenn er aufwacht, türmen sich die Bierdosen neben ihm auf dem Nachttisch und das von der Katze als Klo missbrauchte Hemd muss er mangels Alternativen trotzdem tragen. Wolfgang Hess, einer der Stamm-Synchronsprecher von Bud Spencer, verleiht Turner sein unverwechselbares Organ, macht ihn zum stöhnenden, ächzenden Brummbären, der nie um einen vulgären Spruch verlegen ist. Aber er kann auch einstecken: Rassistische Verunglimpfungen wie “Baumwollblüten-Pflücker” muss er sich in schöner Regelmäßigkeit anhören, “normale” Konversation ist in Turners Welt der halbseidenen Gestalten, der verkrachten Existenzen, Säufer, Gammler, Wiederholungsstraftäter gar nicht mehr möglich. TRUCK TURNER ist ein sehr geradliniger, action- und gewaltlastiger Blaxploiter, ohne irgendwelche erzählerischen Finessen, aber dafür mit genau jener Unverdrossenheit, die auch seine Hauptfigur auszeichnet. Kaplan hat einen Film gedreht, unter dessen gallig-reißerischer Oberfläche sich ein höchst desolates Weltbild offenbart. Schaut man sich die heruntergekommenen Stadtviertel an, in denen der Film spielt, die erbärmlichen Zukunftsaussichten, die Turner und Annie teilen, die Unbarmherzigkeit, mit der die Gewalt immer wieder hereinbricht (etwa um unglaublichen Finale, bei dem Blue mit seinen Killern ein Krankenhaus stürmt), die Dekadenz derer, die sich mit krummen Dingern ein Vermögen erwirtschaftet haben, dann bietet sich als Vergleichgröße für TRUCK TURNER eigentlich nur noch ein Endzeitfilm an. Und dort, am Ende der Zeit, wartet Turner, das Pistolenholster über nacktem Oberkörper, der Lauf seiner Riesenknarre durch eine Weitwinkelaufnahme grotesk verzerrt, hinter ihm wie riesige Grabsteine zwei kalte Wolkenkratzer. “Wenn du krepierst, lebe ich”, denkt er vielleicht und drückt ab.

51MXH66B91LDas Wichtigste vorab: In der Originalfassung mit doofem Allerweltstitel und grausam öden Designs gestraft, wurde der Film erst in der deutschen Fassung mit dem erhabenen Titel DER KAMPFGIGANT 2 und dem nebenstehenden Spitzen-Videocover-Artwork angemessen abgerundet und zum Must-See veredelt. Das “Sequel” kann Bruno Matteis Original zwar nicht die Butter vom Brot nehmen – welcher Film kann das schon –, etabliert aber seinen ganz eigenen unwiderstehlichen Wahnsinn. Für mich war die Erstbegegnung seinerzeit ein cineastisches Erweckungserlebnis: Nachdem ein guter Freund und ich den Trailer auf irgendeinem Videotape gesichtet hatten, war klar, dass wir DER KAMPFGIGANT 2 unbedingt sehen mussten. Und jener güldene Tag, an dem wir des Kleinods endlich habhaft wurden, ihn voller Vorfreude in den Player schoben und das erste Dosenbier aufrissen, wird mir bis an mein Lebensende als einer der schönsten und nachhaltigsten meines Lebens in Erinnerung bleiben. DER KAMPFGIGANT 2 ist einer jener Filme, die zum richtigen Zeitpunkt gesehen ein ganzes Leben verändern, ja auf den Kopf stellen können. Ohne DER KAMPFGIGANT 2 gäbe es wahrscheinlich dieses Blog nicht – zumindest sähe es ganz anders aus –, weil er mich doch ganz entscheidend mit der Idee des “baddies” vertraut machte und für solche begeisterte. Ich wäre, das ist nicht übertrieben, ein anderer Mensch. Und er machte mich zum Die-Hard-Reb-Brown-Fan: Nach DER KAMPFGIGANT 2 setzten wir die Tour durch die Videotheken auf der Suche nach weiteren Filmen des muskulösen Knuddelbären fort und stießen dabei auf solche All-Time-Classics wie ROBOMAN, COBRA FORCE, SPACE MUTINY und FREEDOM FIGHTERS. Wir lernten so auch, dass DER KAMPFGIGANT 2 gewissermaßen ein Schlüsselfilm im Werk des amerikanischen Darstellers war: Es ist nämlich der einzige Film, in dem er einen Schnauzbart trägt. Filmhistorisch betrachtet, steigert das seinen Wert noch einmal erheblich.

Die Story ist dankenswerterweise sattsam bekannt und kann gut in drei Sätzen abgerissen werden: Reb Brown ist Mark Hardin (Hard-on?), ein Soldat, der als Söldner für die Regierungstruppen eines vermutlich südamerikanischen Staats im Kampf gegen die obligatorischen Rebellen arbeitet. Als er erfährt, dass der gefangen genommene Anführer der Rebellen keinen “fairen Prozess” bekommen hat, sondern mitleidlos hingerichtet wurde, überwirft er sich mit seinen Arbeitgebern, landet als möglicher Spion im Bau und kann schließlich fliehen. Er schließt sich zusammen mit der Reporterin Sandra Spencer (Shannon Tweed) den Rebellen an, die er mit seiner Erfahrung zum Sieg führt. So weit, so uninteressant. Was DER KAMPFGIGANT 2 erst zu einem kolossalen Actionmonument macht, sind die unzähligen Stilblüten, die einem der notdürftig zusammengeschusterte Film in rasanter Abfolge kredenzt. Gleich zu Beginn, der sich einem Angriff der Truppen auf die Rebellen widmet, wird man etwa mit Hardins schlecht manikürtem Daumennagel vertraut gemacht, der in einer x-mal verwendeten Einstellung den “Fire”-Knopf eines Hubschraubers drückt und so die armen Rebellen am Boden befeuert. Die Elaboriertheit der Kampfchoreografie bzw. ihr unverkennbar kafkaesker Einschlag fällt als zweites auf: Eine längere Szene folgt der Regel, dass derjenige, der jemanden erschießt, gleich als nächster getroffen wird. Die ganze Absurdität des Krieges wird hier besser eingefangen als in drei Stunden APOCALYPSE NOW REDUX. Unverzichtbar natürlich auch, dass sich sämtliche Statisten bei Explosionen als verhinderte Prima Ballerinas entpuppen. So wie die da mit ausgebreiteten Armen Luftsprünge vollführen, bekommt der eigentlich für John Woo (oder Peckinpah?) aus der Taufe gehobene Begriff des “Kugelballetts” eine ganz neue Bedeutung. Es ist schwer, aus diesen eindrucksvollen ersten 10 Minuten ein Highlight herauszupicken, aber wenn ich eines benennen müsste, dann wäre es ganz sicher die unsterbliche Mahnung zur Eile, die Rodriguez (Mike Monty) seinen Guerillas entgegenschreit: “Rapido Karacho!” Da rennt es sich gleich ganz von allein.

Hauptattraktion des Films ist, neben der erwähnten Sprungkraft und -begeisterung der Statistenschar, aber ganz  eindeutig Reb Brown. Ich glaube Christian Kessler beschrieb ihn mal als Knuddelbär, dem man am liebsten die ganze Zeit den Kopf tätscheln möchte, und das trifft es tatsächlich sehr gut. Ich glaube, Reb Brown ist gar kein sooo schlechter Schauspieler, sein Problem ist vor allem, dass er für die Rollen, die er spielte, einfach zu lieb aussah und darüber hinaus immer etwas dümmlich wirkt. Der hünenhaft gebaute Mann hat einfach keine echte Körperspannung, er mutet stets an wie ein 12-Jähriger, der in einem viel zu großen Fleischanzug steckt. Als er in einer Szene mit fiesen Pieptönen gefoltert wird, stößt er einen langgezogenen Schrei aus, verdreht die Augen und sackt zusammen. Wahrscheinlich ist seine Darbietung sogar recht nahe an der Realität, aber mit seinem putzigen Koala-Gesicht regt sie vor allem zu schallendem Gelächter an. Dem Film hilft die Naivität, die Brown in jeder Sekunde ausstrahlt, aber ungemein, entbindet sie ihn doch von der Pflicht, komplizierte Motivationen herleiten zu müssen: Hardin befallen keinerlei Selbstzweifel, wenn er die angreifenden Regierungstruppen nach seinem Anschluss an die Rebellenarmee wüst beschimpft und verflucht, obwohl er nur einen Tag zuvor dasselbe getan hat. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? DER KAMPFGIGANT 2 gehört zu jenem Subgenre des Dschungel-Actioners, in dem Rebellen und ihre Taten grundsätzlich gut und moralisch legitimiert sind. Natürlich gibt es Ausnahmen: Montiero etwa, den die Rebellen mit Hardins Hilfe aus dem Knast befreien – sie latschen rein, treten drei Wachen vors Knie, öffnen Montieros Zelle und spazieren wieder raus –, ist ein eifersüchtiger, von Missgunst geplagter Opportunist, der natürlich zur anderen Seite überläuft, weil er es nicht verkraften kann, dass ein Ami nicht nur die Führung seiner Leute an sich reißt, sondern ihm auch seine heimliche Perle, die tapfere Laura (Kahlena Marie), ausspannt. In einem fantastisch pointierten Dialog kritisiert er Hardins Entscheidung, eine Rast einzulegen (weil dessen Love Interest Sandra die Füße wehtun). “Passt ihnen was nicht, sie Arschloch?” ist die geharnischte Antwort die ihm entgegenschlägt. Aber das lang ausgedehnte Blickduell zwischen Hardin, Laura, Sandra und Montiero unmittelbar nach seiner Befreiung ist auch nicht schlecht. Sergio Leone nichts dagegen!

Es ist angesichts solcher inszenatorischer Sternstunden nicht verwunderlich, dass Regisseur Gallardo das immens hohe Tempo nicht bis zum Ende halten kann. DER KAMPFGIGANT 2 versumpft in der letzten halben Stunde in einem nicht enden wollenden Showdown, der mit “statisch”  noch überaus freundlich umschrieben ist. Dass der monotone Synthiescore nur aus zwei Passagen besteht, die je nach Bedarf endlos verlängert oder willkürlich arhythmisch abgekürzt werden, ist nicht gerade eine Hilfe. Aber wen interessiert das schon, wenn es so viele andere Wunder zu bestaunen gibt? Bei einer romantischen Liebesszene zwischen Hardin und Sandra werden die beiden so hinter einem Steinhaufen platziert, dass nur Kopf und Schultern hervorlugen. Offensichtlich war Gallardo der Meinung, DER KAMPFGIGANT 2 enthalte schon genug Sex, womit er zweifelsohne Recht hatte. Das Handlungskonstrukt wirft auch die ein oder andere Frage auf: Warum wird Hardin wie ein Spion gefoltert, warum die Reporterin festgenommen, wenn sich der Söldner doch ganz offensichtlich allein dadurch disqualifizierte, dass er seinem direkten Vorgesetzten die Fresse poliert hatte? Ich warne vorab: Wer hier nach Logik sucht, der wird nicht fündig werden. Anders sieht es da schon mit der Poesie aus: Wunderschön etwa die Szene, in der der an einen Baum gefesselte Hardin die mit einer Machete in der Hand vor ihm verharrende Sandra auffordert, nun endlich seine Fesseln durchzuschneiden, und diese mit einem unidentifizierbaren Stöhnen und einem Blick gen Himmel antwortet, der suggeriert, dass sie kurz vergessen hat, wer und wo sie ist und was sie da eigentlich wollte. Wer wollte es ihr verdenken? Wenn ich mit einer Machete Reb Brown gegenüberstünde, würde ich mir vor Aufregung wahrscheinlich schwerste Verletzungen zufügen. Meine Aufzählung könnte jetzt noch ewig so weitergehen: Ein Blick durch ein Fernglas wird mithilfe einer Papierschablone realisiert, die wahrscheinlich der behinderte Neffe von Gallardo mit einem Holzlöffel zurechtschnitt, und ein Funker fällt dadurch unangenehm auf, dass er sein Ohr beim Funken nicht auf Anhieb findet. Natürlich gibt es auch einen Sackvoll jener für die dichte Dschungelatmosphäre unverzichtbarer Szenen, die Statisten einfach beim endlosen Latschen durch den Blätterwald sowie vom Material her nicht passendes Stock Footage zeigen, aber das ist bei einem Film dieser Couleur ja gewissermaßen Ehrensache. Mehr gibt es nicht mehr zu sagen. Die DVD ist als X-Rated-Hartbox im genau richtigen Format erschienen und ihre Platzierung im Regal ist für Leser dieses Blogs natürlich ebenfalls: Ehrensache.

Glaubt man der Business Time, so kommt CUTTHROAT ISLAND die zweifelhafte Ehre zu, der größte Box-Office-Flop nach Inflationsbereinigung zu sein (der Film hatte sogar die Ehre, im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet zu werden). Aber selbst wenn man mit solchen Rekord-Zuweisungen vorsichtig ist, ist das finanzielle Versagen dieses Films immens: Bei einem Budget von rund 100 Millionen Dollar spielte CUTTHROAT ISLAND weltweit gerade einmal 18 Millionen ein (andere Quellen sprechen von 11) und bedeutete somit einen weiteren Sargnagel für die eh schon verschuldete Produktionsgesellschaft Carolco, die danach Konkurs anmeldete (sie hatte neben Harlins Piratenfilm auch noch SHOWGIRLS zu verkraften). Die Produktionsgeschichte verlief von Anfang an problematisch: Der eigentlich als männlicher Hauptdarsteller vorgesehene Michael Douglas sprang noch vor Produktionsbeginn wieder ab, was auch Geena Davis, die damalige Ehefrau von Renny Harlin, verunsicherte. Als Hauptdarstellerin war sie eh eine problematische Wahl, da sie zuvor in erster Linie in Komödien auf sich aufmerksam gemacht hatte: Ihr letzter Erfolg lag mit A LEAGUE OF THEIR OWN zudem bereits mehrere Jahre zurück. Die Bemühungen Harlins, einen Ersatz für Douglas zu finden, gestalteten sich nicht nur als überaus schwierig – anscheinend wollte keiner von Hollywoods leading men an dem Film beteiligt sein, was den Produzenten eine Warnung hätte sein sollen. Mit Matthew Modine fand Harlin zwar doch noch einen willigen Schauspieler für die männliche Hauptrolle, doch einen, der über keinerlei Zug an der Kasse verfügte. Die verlängerte Suche führte indessen zu einem weiteren Problem: Der Kulissenbau musste in Harlins Abwesenheit fertig gestellt werden, und weil der Regisseur mit dem Ergebnis unzufireden war, wurden aufwändige Umbauarbeiten nötig, die das eh schon üppige Budget noch weiter in die Höhe trieben. Ähnliches gilt für das Drehbuch: Noch während der laufenden Dreharbeiten wurde es regelmäßig umgeschrieben.

Nun haben auch andere Filme solche Probleme, ohne dabei so unterzugehen wie CUTTHROAT ISLAND, und selbst vergleichbare Flops haben oft lediglich das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Vielleicht war die Zeit für eine Renaissance des Swashbucklers Mitte der Neunziger tatsächlich noch nicht bereit (wie immer wieder kolportiert wird), acht Jahre später sah das bei PIRATES OF THE CARIBBEAN schon ganz anders aus (auch wenn ich auf das Piratenfilm-Revival, das Verbinskis Film angeblich eingeleitet haben soll, von dessen eigenen Fortsetzungen einmal abgesehen, bislang noch vergeblich warte). Vielleicht war es wirklich nur die unglückliche, für die großen Zuschauermassen uninteressante Besetzung, die das Schiff zum Kentern brachte: Geena Davis war selbst in ihren erfolgreichen Filmen nicht die Hauptattraktion gewesen und Matthew Modine war als Typ zu intellektuell, um als Love Interest in einem Abenteuerfilm jene Zugkraft bei den Zuschauermassen zu entfalten, die CUTTHROAT ISLAND gebraucht hätte, um ihn zum Erfolg zu machen. Aber selbst wenn man von solchen eher schwammigen Mutmaßungen absieht, wird bei Ansicht des Films schnell klar, wo das große Problem liegt: Es gelingt Harlin einfach nicht, seinem Mammutunternehmen Leben und Liebe einzuhauchen. CUTTHROAT ISLAND sieht fantastisch aus, er hat große, spektakuläre Action-Set-Pieces, opulente Bauten, Schiffe, Requisiten und Kostüme, eine herausragende Kameraarbeit, atemberaubende Stunts und einen wunderbar epischen Score von John Debney (vielleicht das Beste am ganzen Film), und dennoch fragt man sich die ganze Zeit, warum der Funke einfach nicht überspringen will.

Es scheint, als habe Harlin – und alle anderen Beteiligten – ungemeine Akribie darauf verwendet, die technische Seite des Films hinzubekommen und dabei völlig vergessen, sich um seine Charaktere zu kümmern. Die Piratenbraut Morgan (Geena Davis) und ihr Sidekick William (Matthew Modine) bleiben holzschnittartige Schablonen und auch ihre Beziehung kann der Film nicht glaubwürdig anbahnen. CUTTHROAT ISLAND hetzt von einem bombastischen Set-Piece zum nächsten, ohne jemals innezuhalten, Bilder und Trümmer fliegen an einem vorbei und kaum hat man einen Blick auf eine atemberaubende Hafenkulisse geworfen, wird sie auch schon wieder dem Erdboden gleichgemacht. Man vermisst bei dieser atemlosen Hatz die spezifischen Details, die nötig sind, um die Gemachtheit des Ganzen zu vergessen und in dieser Welt versinken zu können, um Figuren von Skizzen zu Menschen aus Fleisch und Blut werden zu lassen. Das zeigt sich auch an den Dialogen oder generell den kläglichen Humorversuchen. Alles wirkt wie ein zweit- oder drittklassiger Abklatsch, viele Dialogzeilen klingen wie ungeschliffene Platzhalter, wie Blindtext, den man versäumt hat, rechtzeitig durch echte Gags zu ersetzen. Über allem schwebt die Idee großen Entertainments voller Action, Komik und Romantik, aber während alte Swashbuckler pure Hollywood-Magie verströmen, produzieren die Zahnräder und Kolben, die hier nur unzureichend vor dem Zuschauer verborgen wurden, unter lautem Quietschen, Ächzen und Dampfen lediglich ein klobiges Etwas ohne Seele.

Ich will nicht zu hart mit CUTTHROAT ISLAND umgehen, denn erstens ist seine Messe längst gelesen worden und zweitens ist er kein hassens-, sondern eher ein bemitleidenswerter Film. Man ahnt bei Betrachtung, was den Beteiligten vorschwebte und was sie für dieses Projekt begeisterte. Man sieht die Mühe und Arbeit, die sie investierten, riecht den Schweiß, den sie dabei vergossen. Aber am Ende steht eben ein Produkt, dem die Eleganz und Transzendenz, die solche überlebensgroßen Entertainment-Wunderwerke im Idealfall ausstrahlen, vollkommen abgeht. Die Technik, das Handwerk stimmen, aber die Inspiration wird schmerzlich vermisst. Ich vermute, dass Renny Harlin für diesen Stoff schlicht und ergreifend der falsche Mann war. Jedem der es hören will (und allen anderen auch), sage ich, dass ich ihn für unterschätzt halte, darüberhinaus für einen der besten Actionregisseure der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre, verteidige ihn gegen die in den letzten Jahren immer häufiger zu vernehmenden Schmähungen; aber sein Talent für bis auf das nackte Gerüst reduzierte Genrefilme, für Formula Movies, die immer ganz kurz davor stehen, den Schritt zur selbstrefenreziellen Dekonstruktion zu machen, ist bei einem Projekt wie CUTTHROAT ISLAND, das in allererster Linie eine gewisse Naivität benötigt, völlig fehl am Platze. Es hätte mithin genau das Gegenteil eines Renny Harlin bedurft: einen Regisseur, der Plotlinien und Erzählmechanismen nicht bloßlegt, sondern sie durch Anhäufen von ornamentalen Details kunstvoll verdeckt.

Die Nachwirkungen von CUTTHROAT ISLAND waren so verheerend, dass die nachfolgende Paarung von Harlin und Davis in Shane Blacks großartigem THE LONG KISS GOODNIGHT ebenfalls zum Scheitern verurteilt war (die beiden hatten den Vertrag noch vor der Fertigstellung von CUTTHROAT ISLAND unterzeichnet, vermutlich zum späteren Schrecken von Black). Harlin drehte drei Jahre später noch den von mir sehr geliebten DEEP BLUE SEA, den man je nach Präferenz als letztes Hurra oder als ersten Schritt auf der Leiter nach unten betrachten kann, bevor eine anhaltende Folge von (oft sehr liebenswerten) Flops ihn endgültig in DTV-Gefilde führte. Noch schlimmer erwischte es aber Geena Davis, deren Karriere als Leading Lady nach THE LONG KISS GOODNIGHT noch schneller vorbei war als ihre Ehe mit Harlin. Der größte Erfolg, den die IMDb für sie danach verzeichnet, ist der Kinderfilm STUART LITTLE. Schlimmer geht’s nimmer.

In MIDNIGHT RUN war ich damals, 1988, im Kino, ich war gerade 12. Es war der erste Film, den ich mit meinen Eltern nach unserem Umzug von Düsseldorf nach Krefeld im Kino gesehen habe, und ich weiß noch, dass ich ihn damals mochte, aber in Erinnerung behalten habe ich außer ein paar Bildfetzen gar nichts. Eine Neusichtung hat es seit damals nicht gegeben. Ich hatte ihn immer im Hinterkopf, als Film, den ich vielleicht noch einmal schauen müsste, aber es gab stets dringendere Sachen, die ihn verdrängten. Es war eine schöne Artikelreihe auf The Dissolve, die mich dazu veranlasst hat, mir endlich die DVD zu bestellen (der Film ist auf Blu-ray noch nirgendwo verfügbar): Ein Gespräch mit dem Schauspieler Adam Scott, der erklärt, warum MIDNIGHT RUN einer seiner Lieblingsfilme ist, ein weiterer Dialog zweier Dissolve-Schreiber über den Film und ein Text, der sich mit Grodins Spiel befasst.

Wie so oft, wenn man einen Film schaut, nachdem man überschwängliche Texte über ihn gelesen hat, ist man danach leicht underwhelmed. Trotzdem kann ich den genannten Texten kaum widersprechen. MIDNIGHT RUN ist oberflächlich betrachtet lupenreines Formelkino, eine Buddy-Komödie, wie es sie in den Achtzigern zu Dutzenden gab, aber eben eine, die durch das an den Tag gelegte Können der Beteiligten mit echtem Leben gefüllt wird. Martin Brests Film gehört zu einer mittlerweile längst ausgestobenen Sorte des US-amerikanischen Unterhaltungsfilms: Er kommt ohne fade Gimmicks aus, Humor und Thrill halten eine perfekte Balance, Top-Schauspieler verkörpern echte Charaktere anstatt bloßer Klischees, und diese Charaktere sind es dann auch in erster Linie, mehr als irgendwelche supercleveren Drehbuchtwists, die den Film vorantreiben. Heute ist ein Film wie MIDNIGHT RUN – ohne superspektakuläre Prämisse, ohne zugehöriges Franchise, ohne megalomanische Effekte, ohne angesagten Stand-up-Comedian oder Rapper-turned-actor in der Besetzungsliste – als Kinofilm eigentlich gar nicht mehr denkbar. Früher war er nur ein besonders hervorstechender einer ganzen Phalanx von Buddy Movies und er erschien genau zu jenem Zeitpunkt, als die Achtziger- langsam in die Neunzigerjahre übergingen und sich damit auch die Struktur des Blockbusters veränderte.

Die Geschichte ist so simpel wie griffig: Der Kopfgeldjäger Jack Walsh (Robert De Niro) hat fünf Tage Zeit, um Jonathan “The Duke” Mardukas (Charles Grodin), den ehemaligen Buchhalter des Mafiabosses Serrano (Dennis Farina), von New York nach Las Vegas zu seinem Auftraggeber Eddie Moscone (Joe Pantoliano) bringen. Mit dem Geld, das Walsh dafür einstreichen wird, will er sich endlich aus dem dreckigen Geschäft zurückziehen. Der Job entpuppt sich jedoch als schwerer als erwartet: Nicht nur heften sich der FBI-Agent Moseley (Yaphet Kotto), die gedungenen Mörder Serranos und Walshs Konkurrent Dorfler (John Ashton) an dessen Fersen, Mardukas erweist sich darüber hinaus ebenfalls als eher komplizierter Begleiter. Die Zeit verrinnt, aber Walsh will sich sein Ticket für den Ausstieg nicht wegnehmen lassen – bis er Sympathie für seinen “Klienten” entwickelt …

Neben der turbulenten Geschichte, die die beiden ungleichen Helden in planes, trains and automobiles quer durch die USA führt und die von kleineren Scharmützeln und Auseinandersetzungen gesäumt ist, sind es in erster Linie das Mit- und Gegeneinander der beiden Hauptfiguren, aber auch die Nebenfiguren, die MIDNIGHT RUN zu einem nahezu perfekten Unterhaltungsfilm machen. Robert De Niro hat als Jack Walsh den spektakuläreren Part der beiden Hauptdarsteller übernommen, aber es ist gerade aus heutiger Sicht interessant, mit wie viel understatement er diese Rolle interpretiert. Heute ist De Niro längst zu seiner eigenen Karikatur verkommen, chargiert sich durch Filme, die eigentlich unter seiner Würde sein sollten. Hier sind es überraschenderweise eher kleine Gesten und Blicke, die von ihm hängenbleiben (und die er heute ganz aus seinem Repertoire gestrichen zu haben scheint): etwa seine Reaktion, als Moscone ihn im Gespräch mit seiner verdrängten Vergangenheit als Chicagoer Cop konfrontiert. Oder – der schauspielerische Höhepunkt des Films – wenn er seine Ex-Frau aufsucht, um sich Geld zu leihen, er dabei zum ersten Mal seit neun Jahren seiner Tochter wiederbegegnet und es ihm vor Scham kaum gelingt, sie anzusehen, obwohl man merkt, wie es ihn förmlich zerreißt vor Liebe. Charles Grodin hat, wie es in dem oben verlinkten Text treffend beschrieben wird, demgegenüber den leichteren Part: Sein Mardukas ist ein eher langweiliger, beamtenhafter Typ, und er liefert De Niro lediglich die Wand, an der der seine Volleys abprallen lassen kann, aber gerade in dieser Passivität liegt seine Stärke. Allein durch seine Blicke unterstreicht er alles, was De Niro tut und potenziert den emotionalen impact seiner Szenen.

MIDNIGHT RUN ist der seltene Glücksfall eines “trivialen” Spaßfilms, der diesen Begriff allein durch herausragendes Handwerk transzendiert. Manche Filme, die wie ein Uhrwerk laufen, büßen über dieser Perfektion Seele und Leben ein, bei MIDNIGHT RUN ist das anders. Drehbuch, Inszenierung und Schauspiel greifen hier so nahtlos ineinander, dass alles sehr spontan wirkt, der Film vor Freude und Begeisterung geradezu vibriert. Er ist randvoll mit kleinen, cleveren Ideen, tollen Charakteren, von denen man gern mehr sehen würde, und deckt mit komischen, spannenden und rührenden Szenen das ganze emotionale Spektrum ab, ohne dabei jemals kalkuliert zu wirken. Man kann von MIDNIGHT RUN viel lernen, darüber, was Filme überhaupt “funktionieren” lässt. Definitiv ein Kandidat für eine Wiederentdeckung: Man wird aktuelle Blockbuster danach aber mit noch mehr Wehmut sehen als ohnehin schon.

italiaamanoarmataITALIA A MANO ARMATA, nach ROMA VIOLENTA und NAPOLI VIOLENTA der dritte Teil der Polizotteschi-Reihe um den von Maurizio Merli verkörperten Kommisar Betti, auf den ich mich sehr gefreut hatte, fiel am Ende des Tages leider meiner arg verminderten Aufnahmefähigkeit zum Opfer. Ich hatte am bevorstehenden Festivaltag ja noch eine kleine Einführung zu halten und die ging ich in Gedanken immer wieder durch, schaffte es nicht so recht, mich auf den Film zu konzentrieren. Dass die Kopie – durchaus stilecht – abgenudelt, durchgeorgelt und von Verschmutzungen, Kratzern sowie zahlreichen notdürftig geflickten Rissen gezeichnet war, trug ebenso zu meiner Abwesenheit bei wie die Trägheit des Films selbst. Marino Girolami, von Sano Cestnik, der die wunderbare Einführung besorgte, aufgrund seiner Vielseitigkeit als “Mädchen für alles” bezeichnet, inszenierte seinen Polizeifilm etwas behäbiger als es etwa seine Kollegen Massi, Lenzi und Castellari (Girolamis Sohn) zu tun pflegten, und ohne diesen unwiderstehlichen Zug zum Tor, jenem Wahnsinn, der die besten Polizotteschi meist schon recht früh packt, kräftig durchschüttelt und dann nicht mehr loslässt. Es dauert ungewöhnlich lange, bis Polizeifilm-Star Merli endlich den inneren Wutbürger von der Kette lassen darf und seine blonde Gesichts- und Hauptbehaarung in bekannter Art und Weise zu vibrieren beginnen. Wahrscheinlich würde ITALIA A MANO ARMATA bei einer Zweitsichtung wesentlich besser bei mir abschneiden, und schlecht ist er eh auf gar keinen Fall, halt nur ein bisschen sperrig erzählt, weniger actionlastig als andere Vertreter des Genres. Ich weiß noch, dass ich das temporeiche letzte Drittel als sehr versöhnlich empfunden habe, aber ehrlich gesagt, kann ich mich an rein gar nichts mehr davon erinnern. Weshalb ich an dieser Stelle auch den Schlussstrich ziehe, und hoffe, dass meine Kollegen mehr über den Film zu sagen haben als ich.

 

Als die Festivalleiter vor einigen Wochen ankündigten, dass Bruno Matteis Actionhobel DER KAMPFGIGANT als deutsche 35-mm-Kopie auf dem Terza Visione laufen werde, da stand mein persönlicher Klimax des Programms schon fest. Die italienischen Actionfilme aus den Achtzigern liebe ich alle mit besessener Inbrunst, und ein echter Mattei ist ohnehin immer ein ganz besonderes Erlebnis. Miles O’Keeffes legendäre Hölzernheit musste auf der großen Leinwand einfach eine Bewusstseinsgrenzen erweiternde Wirkung auf einen solch leicht zu beeindruckenden Mann wie mich haben. Meine eh kaum noch zu bändigende Vorfreude wuchs während der einführenden Worte, die der wunderbare Pelle Felsch dem Film widmete, buchstäblich ins Unermessliche. Würde es Mattei gelingen, meinen turmhohen Erwartungen – wahrscheinlich war ich zuletzt 1998 bei Terence Malicks Comeback THE THIN RED LINE so auf einen Film gespannt gewesen – gerecht zu werden? Waren diese Erwartungen überhaupt noch erfüllbar? Man unterschätzt sowohl Matteis schier übermenschliches Talent in der Schöpfung berauschender filmischer Psychopharmaka als auch meine Begeisterung für Filme, in denen muskulöse Supersoldaten mit dicken Wummen Vietnam aufräumen, wenn man die Möglichkeit einer negativen Antwort auf diese Frage auch nur in Erwägung zieht. DER KAMPFGIGANT entwickelte sich – nicht nur für mich – zu einem Festivalhöhepunkt und einem jener lautstark zelebrierten Gottesdienste, die derzeit wahrscheinlich nur in Nürnberg stattfinden.

1987 direkt im Anschluss an den kaum minder unfassbaren STRIKE COMMANDO – bzw. COBRA FORCE – gedreht, widmete sich Mattei bereits zum zweiten Mal einem Re-Imagining von Cosmatos’ RAMBO: FIRST BLOOD PART II und interpretierte den Stoff zu einem bewegenden Vater-Sohn-Drama um. O’Keeffe – dem der unvergleichliche Sano Cestnik nach der ohne Zwischenfälle gelungenen Projektion eine “unglaubliche Präsenz” auf der Leinwand bescheinigte – ist Robert “Bob” Ross (nicht zu verwechseln mit dem buddhistischen Fernsehmaler gleichen Namens), seines Zeichens bester Soldat von Amerika und Überlebender von sage und schreibe sechs Himmelfahrtskommandos. Weil er die eindrucksvolle Kulisse Südostasiens nicht mehr missen möchte, nachdem er die wohl schönste und produktivste Zeit seines Lebens dort verlebt hat, vermuten die Russen, angeführt von Colonel Calckin (Bo Svenson), dass es sich bei ihm um einen CIA-Agenten handelt, dabei sucht Ross in Wahrheit nur nach einer Gelegenheit, seinen mit einer mittlerweile nicht mehr unter den Lebenden weilenden Vietnamesin gezeugten Sohn “nach Hause” zu bringen. Die Amerikaner – vertreten durch den asthmatischen Senator Blaster (Donald Pleasence) – bieten sie ihm, wollen aber im Gegenzug, dass Ross für sie einige nordvietnamesische Terroristen kaltstellt; in Wahrheit spekulieren sie natürlich darauf, dass er im Dschungel krepiert, diese Schweine.

Wahrscheinlich noch nie wurde in einem Film so viel so richtig gemacht wie hier: Matteis Perfektionismus macht noch nicht einmal bei der Titeleinblendung Kompromisse: Ross – mit verschwitztem, freiem Oberkörper, glänzend zurückgeschleimter Matte und einem Blick, der gar nichts sagt, das aber eindrucksvoll – reißt sich gerade die nächste Dose Budweiser auf, da knallt der monumentale Schriftzug “Der Kampfgigant” ins Bild wie ein Fleischpeitschenhieb. Es stimmt einfach alles: O’Keeffe macht beim Schleichen durch den Busch eine herausragende Figur und beweist pantherhafte Agilität. Mattei erreichte dies durch einen wahrhaft kurbickesken Schachzug: Die Hosen, die er O’Keeffe für die Auftaktsequenz anfertigen ließ, waren drei Nummern zu eng und verlangten den Mimen alles ab. Als er für den Hauptteil des Films enlich in großzügiger geschnittene Armeehosen schlüpfen durfte, dankte er es dem Regisseur mit einer grazilen Jahrhundertleistung. Die Wunder werden nicht alle in diesem Epos: Nachdem Ross mit dem U-Boot im Zielgebiet abgesetzt wurde, wird er sofort entdeckt, bekommt aber von einem Hai Hilfe, bevor er diesen in zwei Hälften sprengt. Sein “Kontakter” ist der lebhafte Toro (Ottaviano Dell’Acqua), der die einzigartige Gabe hat, Terroristen durch bloßes Ansehen zu erkennen. Die beiden verstehen sich sofort super und haben eine Mordsgaudi bei der Infiltration eines russischen Camps und der anschließenden Flucht auf einem Motorrad mit Beiwagen, die Mattei inszeniert wie in einem alten Slapstickfilm. Man sollte Krieg einfach nicht so ernst nehmen. Später taucht auch noch Luciano Pigozzi in der Rolle auf, auf die er in jenen Jahren abonniert war: rauschebärtiger Zausel mit goldenem Herz im Urwald. Hier wird ihm auch noch eine blonde Tochter angehängt, die Ross mit dem stählernem Blick des Beziehungsexperten als passende Mama für seinen Sohn ausmacht. Sie ist dafür nicht zuletzt deshalb prädestiniert, weil sie das Problem, das der Junge mit seinem zurückgekehrten Papa hat, messerscharf analysiert: “Der Junge mag dich nicht.” Das wird sich natürlich zum Finale hin ändern, wenn der undankbare Bastard merkt, dass seine Antipathie nicht ausreicht, um den Vater auf Geheiß der Russen zu exekutieren, und er sich deshalb für bedingungslose Liebe zu ihm entscheidet. Es ist aber auch wirklich schwer, diesen Ross nicht zu mögen: Wie er da von einem Hubschrauber gejagt jede Pfütze mitnimmt, die sich ihm darbietet, in zehn Zentimeter tiefen Mulden Deckung sucht und sich am Ende kurzerhand einen Berg hinunterrollen lässt, offenbart er das Potenzial zum Superpapa, der dem Sohnemann auf dem Bolzplatz mit eisernem Schienbeinschoner zur Seite steht und alles abräumt, was sich ihm in den Weg stellt. Ein Mann zum Pferdeäpfel stehlen.

DER KAMPFGIGANT, untermalt von einem treibenden Synthiescore von Stefano Mainetti, der einem nicht übel Lust macht, selbst loszuziehen und eine Bananenrepublik zu erobern, ist voller Details, die ihn unvergesslich machen: In der “Schaltzentrale” der US-Einsatzkräfte sitzen nicht nur gelangweilte Hartz-IV-Empfänger rammdösig über bedeutungsschwer blinkenden Lämpchen, an der Wand hängt auch eine Porträtzeichnung von Ronald Reagan, die der Staatschef wahrscheinlich beim Besuch der Rüdesheimer Drosselgasse von einem Straßenkünstler anfertigen ließ. Donald Pleasence versucht bei all seinen Auftritten verzweifelt, sich hinter einem Inhalator zu verstecken, auf dass man ihn nicht bemerkt. Massimo Vanni hat eine unfassbare Szene, als er mit einem Jeep ins Bild kommt, aussteigt, um seinem Chef Bericht zu erstatten, aber dabei offensichtlich vergisst, die Handbremse zu ziehen. “Achtung Jeep!” brüllt Svenson, als sich das Gefährt wie von Geisterhand in Bewegung setzt. Vanni handelt geistesgegenwärtig: Er dreht sich um, springt in das Auto und fährt einfach ab. So inszeniert man temporeiche Filme! Ganz toll auch der Abwurf einer Bombe aus einem Hubschrauber, der nicht etwa automatisch erfolgt, sondern dadurch, dass der Pilot die Tür öffnet und das gute Stück, das anscheinend im Cockpit rumlag, einfach von Hand rausschmeißt. Die allergrößte Leistung Matteis ist es aber gewiss, Mike Monty, der seine Karriere als Darsteller von Befehle gebenden Soldaten mit genau einem perfekt ausgefeilten Gesichtsausdruck bewältigte (“angespannt-besorgt”), hier einen waren Gefühlsausbruch zu bescheren. Den enthemmten Luftsprung, den der Veteran macht, als er erfährt, dass Ross noch am Leben ist, vollführte auch mein Herz während der traumhaften 100 Minuten DER KAMPFGIGANT, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde.

Wer jetzt Lust auf dieses Masterpiece bekommen hat, kann ihn sich hier in der englischen Fassung anschauen.

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hwanghae (na hong-jin, südkorea 2010)

Veröffentlicht: März 15, 2015 in Film
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Die Tollwut ist wieder da, weiß Gu-nam (Ha Jung-woo) zu berichten, ein koreanischer Taxifahrer, der als “Joseonjok”, als wertloser, unerwünschter Migrant, sein Leben in der chinesischen Stadt Yanji, im Dreiländereck von Russland, China und Nordkorea, fristet. Er erinnert sich noch daran, wie sein Hund von der Krankheit befallen worden war und daraufhin alles totbiss, was sich in seine Nähe wagte. Es ist kein besonders subtiles Bild für die Situation, in die auch Gu-nam immer weiter hineingedrängt wird, aber das macht nichts. Weil es in HWANGHAE – internationaler Verleihtitel: THE YELLOW SEA – nicht um eine Analyse der sicherlich komplexen ökonomischen sowie sozio- und geopolitischen Umstände geht, denen Gu-nam seine widrige Situation verdankt, sondern um die Darstellung der Härten, denen er ausgesetzt ist, der wachsenden Verzweiflung, die damit einhergeht, und der Taten, die er zur Verbesserung seiner Situation zu verüben bereit ist.

Seine Frau ließ sich von Schleppern nach Südkorea bringen und versprach, Geld an den mit der kleinen Tochter in Yanji zurückgebliebenen Ehemann zu schicken, doch der hat seit Monaten nichts mehr von ihr gehört, wartet vergeblich auf das versprochene Geld. Beim Gangster Myun-ga (Kim Yun-seok) hat er einen Berg Schulden angehäuft, ohne Hoffnung, sie jemals begleichen zu können, und so willigt er ein, als der ihm ein Angebot macht: Er soll sich ebenfalls nach Südkorea verschiffen lassen und dort einen Geschäftsmann umbringen, ohne weitere Begründung. Gu-nam begibt sich auf die beschwerliche Reise, bezieht ein heruntergekommenes Drecksloch und beginnt das Büro zu observieren, in dem sich seine Zielperson aufhalten soll. Gleichzeitig sucht er vergeblich seine verschwundene Gattin. Als er sich schließlich ein Herz gefasst hat, den Auftragsmord zu verüben, kommt ihm jemand zuvor. Mit Mühe und Not gelingt Gu-nam die Flucht vor der Polizei, und er wird im Folgenden nicht nur von ihr, sondern auch von den Gangsterfreunden des Toten und den Männern Myun-gas gesucht.

HWANGHAE ist einer der trostlosesten, traurigsten und herunterziehendsten Actionfilme, die ich jemals gesehen habe: Die Lage, in der sich Gu-nam befindet, ist aussichtslos, entwürdigend und tragisch, Yanji eine Kloake, in die sich die Ärmsten der Armen zum Sterben verkrochen haben. Mit gesenktem Haupt läuft Gu-nam später durch die südkoreanische Stadt, in der als als Joseonjok ein Mensch dritter Klasse ist, wie ein trauriger Hund, der sich daran gewöhnt hat, getreten zu werden. In seinen schäbigen Klamotten friert er sich draußen fast zu Tode, und bevor er sich auf dem Boden seiner siffigen Behausung zum Schlafen einrollt, schlingt er im Supermarkt noch eine Mikrowellensuppe herunter. Von seiner Frau fehlt jede Spur, aber der Bericht über einen weiblichen Joseonjok, deren zerstückelter Leichnam gefunden wurde, eröffnet eine erschütternde Perspektive. In einem der stilleren, aber kaum weniger furchtbaren Momente des Films ruft Gu-nam bei der Polizei an, um herauszufinden, ob es sich bei der Toten um seine Gattin handelt, aber man verweigert ihm die Auskunft. Der Mord, den er verüben soll, ist vollkommen sinnlos, ohne Bedeutung für die Auftraggeber wie für die Mittelsmänner, aber trotzdem setzt seine Ausführung eine Kettenreaktion in Gang, die man nur als Massaker beschreiben kann. Mittendrin der arme Tropf Gu-nam, der sich mit allem, was er hat, an das nackte Leben klammert, obwohl es doch kaum noch etwas wert ist. Immer wieder stemmt er sich im Verlauf des Films gegen Türen, entweder um sie vor ihn verfolgenden Gangstern zu versperren oder um zu verhindern, eingeschlossen zu werden. Hände greifen durch den sich darbietenden Spalt, versuchen Arme, Schultern, Gesichter auf der anderen Seite zu fassen zu bekommen oder sie mit blind geführten Messer- und Axthieben zu verletzen. Es ist ein Bild, das frappierend an den Zombiefilm und natürlich vor allem an NIGHT OF THE LIVING DEAD und seine Fortsetzungen erinnert, nur dass die Vorzeichen hier gewissermaßen umgekehrt sind. In HWANGHAE  kämpfen keine Mittelklasse-Protagonisten verzweifelt darum, die Unterprivilegierten draußen zu halten, vielmehr muss sich ein vollkommen Mittel- und Rechtsloser mit allem, was er hat, seines Lebens wehren.

Es wird viel gekämpft, gerannt, gefahren und gemordet, aber nichts davon ist in irgendeiner Form auch nur annähernd befreiend und schon gar nicht elegant, wie es die Kugelballette eines John Woo vor mehr als 20 Jahren einmal waren. Gemordet wird mit roher Gewalt und dem Mut der Verzweiflung, meist mit fürchterlich aussehenden Küchenmessern, die dem Gegenüber stakkatoartig in den Leib gerammt werden, oder mit Äxten, mit denen die Täter auf den feindlichen Leibern herumhacken wie auf einem Stück Holz. Das Blut, das sich aus klaffenden Wunden ergießt, fließt schmutzig-braun in den Rinnstein, und niemand, wirklich niemand, darf sich am Ende als Gewinner fühlen. Selbst wenn am Ende noch jemand stünde, er hätte in diesem Gemetzel seine Menschlichkeit für immer verloren. Das ist das eigentlich Furchtbare an der Welt, die HWANGHAE zeichnet: Nicht, dass das scheußliche Gräueltaten verübt werden, sondern dass alle Menschen sich in einer Lage befinden, in der sie sich schlicht nicht mehr anders entscheiden können. Tollwut eben.