Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

outland_poster_ukOUTLAND wird gemeinhin als Hyams Ode an den Western und vor allem an Fred Zinnemanns Megaklassiker HIGH NOON beschrieben. Die Parallelen sind deutlich, aber zu sagen, OUTLAND sei lediglich ein modernisiertes Remake, ginge zu weit. Hyams Film ist nicht in Echtzeit erzählt, der berühmte „Countdown“, der bis zur Ankunft der Schurken vergeht, mit denen sich der Held herumschlagen muss, nimmt nur ca. das letzte Drittel des Films in Anspruch und wird eher sporadisch eingesetzt. Klar, die Story um den Gesetzeshüter, der in einer auf einem fernen Jupitermond installierten Mine seine Arbeit tut, einem Verbrechen auf die Spur kommt und plötzlich ganz allein auf weiter Flur, (fast) ohne Hilfe gegen ein paar Killer antreten muss, ist unschwer als Westernparaphrase zu erkennen: Aber überlagert wird das meiner Meinung nach durch die überdeutlichen Anleihen bei einem anderen Klassiker, der 1981 gerade drei Jahre alt war, aber bereits immensen Einfluss ausübte. Die Rede ist natürlich von Ridley Scotts ALIEN.

Die alt und rostig aussehende Industriearchitektur der Station, die dunklen, dann wieder mit grellem Neonlicht beleuchteten Gänge, die Müdigkeit und Depression der Arbeiter, die mit grauen, eingefallenen Gesichtern und ungepflegten Bärten trüb in die Gegend gucken, die ungemütlich aussehenden Kabinen, in denen man sich mit Huren vergnügen kann, die Abwesenheit jeden Sonnenlichts oder überhaupt eines Draußens, das nicht tödlich ist: Das alles ist offenkundig von Scotts Film beeinflusst. Auch hinsichtlich des Plots: Die Ausbeutung der Arbeiter durch die Wirtschaft, die in ALIEN noch eher im Hintergrund läuft, wird in OUTLAND deutlich in den Vordergrund geschoben. Überhaupt spricht einiges dafür, Hyams Film als eine Art Spin-off zu beschreiben. Die Welt, in der das alles spielt, könnte dieselbe zu sein, und was bei Scott eher zwischen den Zeilen zum Vorschein kam, wird hier nun an der Oberfläche verhandelt. Die Geschichte wird dann auch nicht so sehr durch die illegal eingeschmuggelten Drogen angestoßen, die die Arbeiter erst in eine Psychose und dann in den Selbstmord stürzen, sondern durch deren Depression, die der Zustand der Isolation und das Dasein in einer vollkommen lebensfeindlichen Umgebung hervorruft und das Bedürfnis nach Flucht weckt. Connerys Marshall McNiel muss trotz des Verlusts seiner Familie triumphieren, weil er die Abberufung in den Weltraum als Aufgabe begreift, die er bewältigen muss, bevor er zurück auf die Erde kann. Er hat keine Flucht im Sinn, sondern die volle Konfrontation mit dem Grauen. Aber er hat eben auch eine Wahl, anders als die armen Teufel, die ihren Lebensunterhalt in der Mine erschuften müssen.

OUTLAND ist ein schöner Film, auch wenn sein Krimiplot fast pflichtschuldig abgewickelt wird. Aber Hyams gelingt es wieder einmal, eine ausgesprochen dichte Atmosphäre zu schaffen, die sich hinter jener von ALIEN nicht verstecken muss. Dann und wann erreicht sein Film eine hypnotische, tranceartige Qualität, auch weil es – anders als im Western etwa – meist aufreizend langsam zugeht, die Soundeffekte die alles erstickende Stille nie ganz zu übertönen in der Lage sind. Die tollsten Szenen sind dann auch nicht die Showstopper mit den zerplatzenden Köpfen, sondern die Unterredungen zwischen McNiel und seiner einzigen verbündeten, der einem guten Schluck nie abgeneigten Ärztin Lazarus (Frances Sternhagen): zwei Außenseiter, die sich am ungemütlichsten aller Orte ihres gegenseitigen Respekts versichern. Da fiel mir dann auf, dass Lazarus nach der Astronautengattin aus CAPRICORN ONE schon die zweite starke Frauenfigur bei Hyams ist, die nicht gleichzeitig Love Interest ist. Mal drauf achten, ob sich dieser Trend fortsetzt.

MPW-57891That’s more like it: Nach dem buchstäblich verschnarchten THE BIG SLEEP widmete sich Winner anderem, trivialerem, vergnüglicherem Stoff, der aber – wie man es von Winner gewohnt ist – den ein oder anderen Nackenschlag für den geneigten Zuschauer parat hält. Außerdem ist FIREPOWER ein interessanter Bastard aus Ende der Siebzigerjahre eigentlich längst überkommenen Einflüssen, was auch seine beiden Hauptdarsteller, beide schon jenseits ihrer Glanzzeit, verkörpern. Klar, die Bond-Filme, an die FIREPOWER mit seinen attraktiven Schauplätzen, der internationalen Starbesetzung, der Mischung aus Action, Humor und Romantik (bzw. Sex), dem schwofig-pompösen, Saxophon-lastigen Score und natürlich dem Posterdesign mehr als nur erinnert, waren damals immer noch populär, aber Winner knüpft weniger an die damals aktuellen Moore-Bonds an, als vielmehr an den Eurospy- und den maskulinen Abenteuerfilm der Sechzigerjahre.

In New York wird der Adele Tasca (Sophia Loren) Ehemann von einer Briefbombe ermordet. Sie vermutet den Unternehmer und Multimillionär Stegner hinter dem Attentat, für den ihr Mann einst als Chemiker arbeitete, bis er herausfand, dass sein Chef ein krebserregendes Medikament produzieren ließ. Dass sie nun ihrerseits Rache will, macht sie für das FBI interessant, die Stegner wegen verschiedener Machenschaften schon seit geraumer Zeit ans Leder wollen. Sie engagieren den ehemaligen Mafiakiller Jerry Fanon (James Coburn), der sich gemeinsam mit seinem Partner Catlett (O. J. Simpson) auf die Karibikinsel Antigua begibt, wo Stegner – von dem niemand weiß, wie er aussieht, seinen Wohnsitz haben soll …

Die sich entwickelnde Schurkenhatz spielt sich ganz nach dem von den Vorbildern etablierten Muster ab, beinhaltet scharfzüngige Dialoge, minutiös ausgetüftelte Pläne, tückische Fallen, hinterlistige Morde und staubaufwirbelnde Verfolgungsjagden. Winner muss die attraktiv wie ein tropischer Fruchtcocktail dargebotene Mischung schon mit der ein oder anderen Geschmacklosigkeit würzen, um den sich wahrscheinlich nicht zu Unrecht einstellenden Eindruck eines gemütlichen Karibikurlaubs zu zerschlagen. Im Gedächtnis bleibt vor allem der arme Tropf, der von Fanon und Catlett ins Meer gehängt und mit Blut übergossen wird, um die Haie anzulocken. FIREPOWER läuft gut rein und runter, ist sehr süffig, um mal im Bild zu bleiben, aber nicht ohne die Winner’schen Merkwürdigkeiten: Da wird für eine eher unwichtige Szene extra ein Doppelgänger Fanons namens Eddie (James Coburn) eingeführt, dessen mangelhafte Einbindung ins Bild geradezu schmerzhaft ist. Der große Showdown, in dem Fanon die herrschaftliche Villa des Schurken mit einem zufälligerweise bereitstehenden Bagger plattwalzt und sich das pompöse Gebäude als notdürftig aus Spanplatten zusammengeleimt erweist, ist anscheinend nicht als Scherz gemeint, obwohl das nur schwer vorstellbar ist. Der krasseste Witz, den der Regisseur sich erlaubt, ist aber gewiss das Ende: Da darf der 66-jährige, schon reichlich überliftet und verbraucht aussehende Victor Mature in einem Gastauftritt als reicher Gentleman der schönen Adele den Hof machen und der armen Witwe ein seltsames Happy End bescheren, das so ganz gewiss niemand gebraucht hat.

FIREPOWER ist alles andere als ein „großer“ Film, eher ein Spaß, den sich der Regisseur erlaubt hat. Ein Spaß für alle Beteiligten sicherlich, aber auch für den geneigten Zuschauer, der sich solche professionell gefertigte Trivialkunst gern verabreichen lässt.

 

 

gator_baitEine rotmähnige, leicht bekleidete, wildkatzenartige Frau schleicht barfüßig durch die Sümpfe oder rast todesmutig mit dem Motorboot durch die Mangrovenwälder Louisianas, das Gewehr im Anschlag, das Bowiemesser im Gürtel. Die Bande grobschlächtiger Rednecks, darunter der korrupte Sheriff mit seinem anhänglichen Deputy-Sohn, ist ihr dicht auf den Fersen, hat aber dennoch keine Chance. Am Ende sind sie alle tot, bis auf einen, der die undankbare und wahrscheinlich unlösbare Aufgabe hat, aus den Tiefen der Sümpfe zurückzufinden, in die ihn die Bayou-Sirene gelockt hat.

GATOR BAIT ist einer jener unzähligen amerikanischen Drive-in-Hits aus den Siebzigerjahren, zu denen es heute gar keine Entsprechung mehr gibt. Eine lokale Produktion, die mit heißer Nadel rund um das ehemalige Playmate of the Year Claudia Jennings gestrickt worden war. Sie wirkte nach ihrer Modelkarriere in den Siebzigerjahren in einigen Exploitationfilmen mit – etwa in THE GREAT TEXAS DYNAMITE CHASE, DEATHSPORT oder Cronenbergs FAST COMPANY – bevor sie 1979 mit nur 29 Jahren in einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Sie ist logischerweise das Zentrum von GATOR BAIT, der am ehesten als Ambiente-Film funktioniert, vor allem mit seinen stimmungsvollen, lichtdurchfluteten Bildern des atemberaubenden Sumpfsettings, Louisiana-Lokalkolorit und den typischen Redneckfiguren einnimmt – und eben mit der höchst ansehnlichen (und darüber hinaus sympathischen) Hauptdarstellerin. Die notdürftige Handlung – eine Rache- und Menschenjagdgeschichte – trägt hingegen nicht wirklich über 90 Minuten, die mitunter etwas zäh werden. Die Möglichkeiten, Männer interessant durchs Unterholz latschen zu lassen, sind knapp beziffert und die Sebastians haben sie bereits zur Halbzeit allesamt ausgeschöpft. Es fehlt ein auflockerndes Element, ein Twist meinetwegen, irgendwas, was der schon nach 20 Minuten auserzählten Geschichte noch einen zusätzlichen Aspekt hinzufügen würde. Aber ich will gar nicht meckern: Als ich gestern nicht wusste, was ich gucken soll und zum Antesten kurz in GATOR BAIT reinschaute, war es dank der tollen Bilder – das unergründlich schwarze Wasser der Sümpfe, die uralten Bäume, das in dicken Bündeln durch die dichten Äste fallende Sonnenlicht, der schlammig-modrige Waldboden, die wettergegerbten Hackfressen der belatzhosten Rednecks und natürlich die Jennings in ihren selbstgeschneiderten Waldläuferklamotten – sofort um mich geschehen. Wer für den Backwood-Film genauso ein Faible hat wie ich, der kommt auch um diesen kleinen Kultfilm nicht herum, der in dieser HInsicht die Vollbedienung darstellt.

403457Nach dem enttäuschenden PUBLIC ENEMIES, Michael Manns letztem Kinofilm, hatte ich eigentlich gedacht, dass es jetzt also auch ihn erwischt, dass auch er sich nun in die Riege der in Ehren ergrauten Veteranen eingegliedert habe, von denen man vielleicht noch routiniert-langweiliges Qualitätskino erwarten dürfe, aber keinesfalls mehr eine echte Offenbarung auf dem Level ihrer künstlerischen Hochphase. Die positiven Reaktionen meiner Filmschreiber-Freunde auf BLACKHAT vernahm ich durchaus mit Freude, aber auch mit einer gewissen Skepsis (PUBLIC ENEMIES fand ja auch mancher gut) und so habe ich den Film bis gestern vor mir hergeschoben, zu groß war die Angst, dass ich Michael Mann – der mit THIEF, MANHUNTER und MIAMI VICE drei absolute Meisterwerke und Lieblingsfilme, mit THE KEEP eine wunderschöne Extravaganz, die sich ihrer HD-Entjungferung weiterhin hartnäckig widersetzt, und darüber hinaus etliche weitere Wunderwerke gedreht hat – danach  endgültig würde abschreiben müssen. Was soll ich sagen: Die Furcht war unberechtigt, BLACKHAT ist wieder ein richtiger Hammer geworden, der den öden Dillinger-Film vergessen macht und darüber hinaus etliche jener todtraurigen Gänsehautmomente liefert, für die ich Manns Kino so liebe. Das ist weit, weit mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Die Story um den im Knast einsitzenden Hacker Hathaway (Chris Hemsworth), der freigelassen wird, um ein chinesisch-amerikanisches Ermittlerpaar auf der Jagd nach einem Computerterroristen zu unterstützen, ist spannend und temporeich, bietet reichlich Gelegenheit für ökonomisch über den Film verteilte Actionschübe, einen feisten Showdown und den dichten Tech-Talk, den Mann so schätzt. Aber eigentlich liefert sie nur den Rahmen für diese ebenso verheißungs- wie sehnsuchtsvollen Bilder nächtlicher Straßen, des verführerischen Glitzerns metallischer oder gläserner Oberflächen oder des melancholischen Funkelns dunkler Augen. Kein anderer Regisseur ist dazu in der Lage, den fragenden Blick ins Nichts, den Sekundenbruchteil der schicksalhaften Entscheidung, die Abwesenheit der Sprache, das blinde Verständnis zwischen Seelenverwandten so einzufangen wie Mann, und egal, welches Spektakel er auch aufbietet, diese Momente fungieren wie ein Gravitationsfeld, das alle Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich zieht.

Manns Protagonisten – auch Hathaway – sind ewig Suchende, Getriebene, Gejagte, Gescheiterte, immer wieder zieht es sie in Flugzeuge, Sportwagen, Motorboote, mit denen sie der Vergangenheit und sich selbst zu entkommen versuchen, immer wieder hinaus in das Glitzern der Nacht, wo die Chance auf sie wartet, immer wieder finden sie den einen Vertrauten, dem sie sich offenbaren können – oft in der Anonymität eines Nachtlokals oder Diners -, immer wieder scheint es so, als müssten sie ihn verlassen, als könne es aufgrund ihrer einzelnen Vergangenheit keine Möglichkeit auf eine gemeinsame Zukunft geben. Und als Zuschauer wird man gnadenlos in dieses Weltempfinden mit hineingezogen, möchte die sich bietende Gelegenheit mit aller Macht beim Schopfe packen und sich dann ins Ungewisse beamen, in eine Zukunft voller schillernder Möglichkeiten und ungeahnter Potenziale, oder aber an der unüberwindbaren Kluft stehen, die sich zwischen einem selbst und der Welt auftut, und an der Schönheit des Unerreichbaren vergehen.

BLACKHAT ist an den Kinokassen gnadenlos untergegangen. Wir sind allein.

300__rise_of_an_empire___fan_art_poster_by_addictomovie-d6woufyRund acht Jahre nach dem damals viel diskutierten 300 erschienen, ist 300: RISE OF AN EMPIRE eines dieser rätselhaften Sequels, die an jedem echten Publikumsbedürfnis vorbei veröffentlicht werden und bei denen die sonst jedes noch so minimale Risiko ausschaltende Marktforschung und Zielgruppenanalyse komplett versagt zu haben scheinen. Vielleicht hätte man satte acht Jahre – eine popkulturelle Ewigkeit nach heutigen Standards – nach Snyders Aufreger noch mit einem DTV-Sequel gerechnet, aber mit einem sogar für IMAX-Kinos aufbereiteten Spielfilm? Get outta here! 

Umso größer die Überraschung, dass 300: RISE OF THE EMPIRE dem ambivalent-provokanten Charme des Vorgängers nicht nur gerecht wird, sondern ihn bisweilen gar übertrifft. Murro inszeniert mit etwas mehr Schwung, die ähnlich stilisierten Bildwelten sind abwechslungsreicher gestaltet, und nicht zuletzt strebt hier ein Gedanke an die Oberfläche, der in Snyders Film meist vom martialischen Getöse überlagert wurde: dass nämlich die Unbeugsamkeit der Griechen nicht so sehr eine Tugend ist, als dass gerade sie es ist, die erst zur totalen Eskalation führt. 300: RISE OF AN EMPIRE beginnt zunächst mit einer Rückblende, die erklärt, warum die Perser in Snyders Film in Griechenland einmarschierten: Der griechische Feldherr Themistokles (Sullivan Stapleton) tötet in der Schlacht von Marathon den persischen König Darius (Igal Naor) und entfacht so in dessen Sohn Xerxes (Rodrigo Santoro) den unstillbaren Wunsch nach Rache an allen Griechen. Als seine Vollstreckerin schickt er Artemisia (Eva Green) über den Seeweg, während er mit seinem Heer selbst gen Sparta zieht. Artemisia wiederum ist Halbgriechin, die in Persien aufwuchs, nachdem sie die Ermordung ihrer Eltern durch griechische Hopliten mitansehen musste, die sie später vergewaltigten, versklavten, halbtot zurückließen und auch sie mit grenzenlosem Hass erfüllten. Was folgt, ist ein ausuferndes Seeschlachtenpanorama, das dank der Mitwirkung Eva Greens eine noch deutlich sexuellere Konnotation hat als in Snyders Film, der auch schon nicht mit Aufnahmen gemeißelter Bodies geizte.

Krieg ist in 300: RISE OF AN EMPIRE eine perverse Angelegenheit, die alle Neurosen und Psychosen der an ihm Beteiligten zum Vorschein bringt und diese gleich noch um ein paar neue Traumata anreichert. Alle Figuren sind kaputt, in einem endlosen Kreislauf der Gewalt gefangen, aus dem es keinen Ausbruch zu geben scheint, weil jeder Mord nur wieder ein neues Rachebedürfnis weckt. Konnte (oder musste?) man Snyders 300 – wohl vor allem Millers Hardliner- und Machotum geschuldet – noch als elitaristische Lobpreisung von soldatischem Ehrgefühl und Glorifizierung eines faschistoiden Reinheitsgedankens verstehen, ist das hier nur noch mit extrem selektiver Wahrnehmung möglich. Der Geilheit von Gerard Butlers Leonidas auf den „beautiful death“ und seiner geradezu lüsternen Raserei setzt Sullivan Stapletons Themistokles den traurigen Blick der Selbsterkenntnis entgegen: Dass er dem Gemetzel, das er als sinnlos erkannt hat, nicht einfach den Rücken kehrt, sondern sich immer wieder in die Schlacht schmeißt, macht es eigentlich nur noch tragischer. Wahrscheinlich kann er sich einfach nicht von Eva Green losreißen, was ich wiederum nur zu gut verstehen kann. In einem mit spektakulären Set Pieces und geilen Bildern nur so vollgestopften Film ist sie gewissermaßen die rot leuchtende Maraschino-Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Toll!

 

300-movie-posterZehn Jahre ist es jetzt schon wieder her, da war Snyders 300 der Film, den man sehen musste, wenn man mitreden wollte. Ich weiß noch, wie mich der Trailer damals angefixt, die Vorfreude ins Unermessliche gesteigert hatte. Im Netz diskutierte man sich bereits die Köpfe heiß, ob dieser Film nicht Kriegstreiberei und Interventionspolitik glorifiziere, gar eine faschistoide Gesinnung erkennen lasse. Als ich damals aus dem Kino kam, fühlte ich mich aber nicht provoziert, sondern lediglich massiv enttäuscht, und zwar nicht, weil ich einsehen musste, dass die Kritiker Recht gehabt hatten, sondern weil ich 300 wider Erwarten vor allem sehr, sehr langweilig fand. Ich kann das heute durchaus noch nachvollziehen: Snyders Filme haben generell immer etwas Niederdrückendes, und das Staunen über die atemberaubenden Bildwelten, die er entwirft, trägt selten über die volle Laufzeit, irgendwann fühlt man sich erschöpft, ermüdet von diesem Gestaltungswillen, der jede Spontaneität im Keim erstickt.So bin ich auch heute noch der Meinung, dass seine Adaption der Graphic Novel von Frank Miller mit 120 Minuten Laufzeit ein gutes Stück zu lang geraten ist.

Aber 300 ist trotzdem ein ziemlich faszinierender Film, visuell sowieso, aber gerade auch, wenn man die Diskussion, die er damals entfachte, bei der heutigen Sichtung mitberücksichtigt. Klar, Miller wird eher nicht als großer Liberaler in die Geschichte eingehen, er fetischisiert den Krieg und die gestählten Körper der Spartaner, das Gerede von Ehre, Opferbereitschaft, Unbeugsamkeit und vom „beautiful death“, den zu sterben sich lohne, und weckt damit reichlich ungute Assoziationen; aber genauso wie man dem Film oben genannte „faschistoide Gesinnung“ unterstellen könnte, eignet er sich dazu, genau das Gegenteil in ihm zu erkennen. Die kriegslüsternen Spartaner um König Leonidas (Gerard Butler) sind nicht gerade Sympathiebolzen in ihrer Todessehnsucht und ihrem lebensfeindlichen Reinerhaltungsgedanken (die bunt gemischten Perserhorden sind ein richtiger Karneval dagegen), und mehr als einmal stellt man sich als Zuschauer, angeregt durch Snyders Inszenierung, die Frage, ob eine Kapitulation vor den Persern denn wirklich so schlimm wäre und ob eine „Freiheit, für die man Hunderte von Menschenleben opfern muss, und eine Zivilisation, die auf Drill, Folter und Abhärtung basiert, überhaupt erhaltenswert sind.

In Erinnerung bleiben wird 300 fraglos für den Aufwand, der betrieben wurde, die Panels von Millers Vorlage nahezu originalgetreu in Filmbilder zu übersetzen. Ästhetisch ist Snyders Film auch zehn Jahre später noch immens eindrucksvoll, auch wenn nicht zuletzt der Regisseur selbst diesen Stil im Anschluss weiter verfeinert hat. Die sepia-goldene Farbgebung, aus der allein die roten Umhänge der Spartaner hervorstechen, sowie das göttliche Licht, das alles zu illuminieren scheint, betonen den mythologischen Charakter der Geschichte um die todesmutige Schlacht Weniger gegen eine Übermacht, legen gewissermaßen den Nebel der Jahrhunderte über die Bilder, zur gleichen Zeit aber auch ihre krasse Körperlichkeit bloß. 300 ist gleichermaßen anziehend und verführerisch wie abstoßend in seiner Ästhetisierung von Gewalt und Tod, er fühlt sich in seinen besten Momenten tatsächlich an wie vom Geist des antiken Spartas beatmet (zumindest des Spartas, das er da selbst zeichnet): monolithisch, schroff und grausam, aber von der luziden Klarheit schneidender Schmerzen. Die Szenen um die daheimgebliebene Königin Gorgo (Lena Headey) und den schmierigen Verräter Theron (Dominic West) tragen zwar in ihrer Klischiertheit dazu bei, dass man sich als Zuschauer nicht ganz fremd fühlt in dieser fremden Welt, aber mindern damit auch den Impact, den 300 gerade in seiner frontalen Attitüde entfalten könnte. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn der archaische Blut- und Schlachtenrausch, in den man da gestürzt wird, ist für zivilisierte Gemüter sowieso schon schwer genug zu verarbeiten.

 

 

fliegenden-feuerstuehleMit BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER und Godfrey Hos NINJA THUNDERBOLT haben sich bislang zwei Vertreter des chaotischen und eher preiswerten, um nicht zu sagen „billigen“, Hongkong-Kinos auf die vorderen Plätze meiner bisherigen Jahresliste gekämpft. Die Hoffnung, dass DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE an deren Verstrahltheit würde anknüpfen können, zerschlug sich leider jedoch recht schnell: Stanley Wing Sius Film ist zwar ähnlich entfesselt und wahnsinnig in seiner Aneinanderreihung konfuser Actionszenen, ähnlich mutig und unverdrossen dabei, trotz widrigster budgetärer Bedingungen auf dicke Hose zu machen, aber leider nicht ganz so finessenreich wie die genannten Filme. Seine endlosen Fights zeichnen sich neben der wuseligen Geschäftigkeit eines Ameisenhaufens vor allem durch eine Brachialität aus, die sich mangels entsprechender Resultate aber selbst ad absurdum führt: Ob sich die Kontrahenten mit bloßen Fäusten oder Eisenstangen die Fressen polieren, es macht nicht wirklich einen Unterschied. Ich fand DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE über die volle Distanz dann auch eher ermüdend als wirklich anregend.

Was nicht heißen soll, dass es hier nicht einiges zu entdecken, zu bestaunen und lachen gibt: Die Geschichte um ein ungleiches Brüderpaar und ihre Verwicklung ins desorganisierte Verbrechen und eine Drogengeschichte ist herrlich bescheuert und naiv, als sei das Drehbuch von Achtjährigen im Zuckerrausch geschrieben worden, die Inneneinrichtungen machten auch einem Film von Jürgen Enz alle Ehre, die Musik wurde wieder einmal aus allen Himmelrichtungen zusammengeklaut und die typischen Kapriolen solcher Hongkong-Billigaction lassen die graue Wolkendecke immer wieder aufreißen und für Sekunden die Sonne herabstrahlen. Zeit und Raum verlieren jegliche Bedeutung, wenn ein Schnitt ausreicht, um die Akteure von einer Kiesgrube in einen alten Hafen zu führen, und die Ensthaftigkeit des Ganzen wird immer wieder infrage gestellt, wenn Keilereien kurz unterbrochen werden, damit die Kämpfenden sich einen anderen attraktiven Hintergrund aussuchen können. Der absurde Höhepunkt ist gewiss der Raum, der mithilfe großzügig applizierter Tesafilmstreifen mit grünen Papierbahnen „tapeziert“ wurde, aber die gerahmte Schwarzwaldimpression in Öl und der traurige Plüschpanda, die die mit Requisiten vom Flohmarkt ausgestattete Harz-IV-Empfänger-Bude des Love Interests schmücken, sind auch nicht zu verachten. Gut möglich, dass ich DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE unter anderen Umständen richtig toll gefunden hätte; so kann ich nur sagen, dass der sehr putzig aber eben auch eher tendenzstählern ist. „Geil langweilig“, pflege ich so etwas zu bezeichnen.