Mit ‘Action’ getaggte Beiträge

Roger Cormans New World Pictures verzückten zu Beginn der Siebzigerjahre nach Sensationen gierende Herren im Trenchcoat genauso wie Kritiker, die in Filmen wie THE STUDENT NURSES oder CAGED HEAT hinter all dem Sex und der Gewalt auch eine intelligente, mit Humor hervorgebrachte Gesellschaftskritik sahen. Dass sich das Exploitationkino immer wieder beim Tagesgeschehen bediente, um Respektabilität vorzugaukeln, war nichts Neues: Das Genre nahm seinen Ursprung schließlich in den Sexualhygiene- oder Drogenaufklärungsfilmen eines Kroeger Babb, dessen Publikum sich in den Vorführungen das abholen konnte, was ihm anderswo vorenthalten wurde, ohne sich dabei schlecht fühlen zu müssen. Aber man muss doch einräumen, dass man bei diesem Bestreben intelligenter (siehe oben genannte Filme) oder weniger intelligent vorgehen konnte. Was uns zu Bob Kelljans RAPE SQUAD bringt, der auch unter dem etwas weniger reißerischen Titel ACT OF VENGEANCE firmiert. (Die Produktionsfirma AIP, Cormans ehemaliger Arbeitgeber, hatte den Titel kurz vor dem Kinostart noch geändert, weil sie aufgrund des Wörtchens „Rape“ im Titel kalte Füße bekommen hatte.)

Der Film beginnt mit der Vergewaltigung der hübschen Studentin Linda (Jo Ann Harris): Ein mit Eishockeymaske verhüllter Serientäter überfällt und missbraucht sie und zwingt sie noch dazu, dabei „Jingle Bells“ zu singen. Ihr späterer Besuch auf dem Polizeirevier, wo sie den Überfall zur Anzeige bringen will, verlängert ihre Demütigung noch: Die anwesenden Männer starren die lädierte, aber attraktive Frau unverhohlen an, der zuständige Beamte suggeriert mit seinen Fragen, dass sie zumindest eine Teilschuld trägt, die abschließende Untersuchung durch einen schmierigen Frauenarzt gibt es noch obendrauf. Das Ergebnis der Tortur: Nicht nur kann man nichts machen, man bezweifelt auch die Tat, weil es keine Spuren von Sperma gibt. Linda ist verständlicherweise aufgebracht. Auch eine Gegenüberstellung, der sie mit anderen Opfern des Schurken beiwohnt, bringt nichts: Mit der Maske sehen alle Männer gleich aus. Die Polizei macht den Frauen nur wenig Hoffnung. Aber Linda will sich nicht abspeisen lassen: Sie überzeugt ihre Leidensgenossinnen, ein „Rape Squad“ zu gründen, eine Selbsthilfegruppe oder Art weiblicher Bürgerwehr, die Aufklärungsarbeit leistet und anderen Frauen Hilfe anbietet. Gemeinsam räumen sie in der Folge auf nächtlichen Straßen mit dem männlichen Geschmeiß auf …

RAPE SQUAD ist, wie oben schon angedeutet, eine erwartungsgemäß zwiespältige Angelegenheit: Auf der einen Seite ist die Anfangssequenz, die die Tortur Lindas zeigt, ziemlich eindrucksvoll und hellsichtig für die institutionelle Gewalt, die den Opfern noch zusätzlich zu ihrem eigentlichen Leid widerfährt, wird den (männlichen) Zuschauern auch das Auge für den Mitte der Siebziger wahrscheinlich noch weitaus selbstverständlicheren Alltagssexismus geöffnet, dem Frauen sich ausgesetzt sahen, und dem vermutlich eher übersichtlichen weiblichem Publikum klar gemacht, dass sie diesen nicht hinzunehmen haben; auf der anderen Seite kann es sich Kelljan dann aber trotzdem nicht verkneifen, die Mitglieder des Rape Squads beim gemeinsamen Bad im Whirlpool zu zeigen oder eine von ihnen sagen zu lassen, wie „geil“ sie nach all der unfreiwilligen Enthaltsamkeit sei. Das unterläuft den kritischen, feministischen Impetus dann doch erheblich. Aber solche Tendenzen machen die lobenswerten Ansätze nict völlig zunichte: Die Sympathie, soviel muss man RAPE SQAD aber zugutehalten, liegt eindeutig auf der Seite der Opfer. Die Männer, die in einer losen Verknüpfung einzelner Episoden ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, sind ekelhafte Machoärsche, die von ihrer eigenen Unwiderstehlichkeit ebenso überzeugt sind wie von der grundsätzlichen Verfügbarkeit aller Frauen. Und selbst der Freund Lindas, definitiv kein Gewalttäter, ist der Meinung, Linda solle sich doch endlich mal wieder abregen, anstatt ihr Unterstützung und Verständnis entgegenzubringen. Wenn dann also Date-Rapisten der kümmerliche Pimmel mit Farbstoff übergossen wird oder auf einem nächtlichen Parkplatz ein gewalttätiger Pimp eine ordentlich Portion Dresche bekommt, spürt man als humanistischer tiefe tiefe Befriedigung. Das ist ja auch ganz interessant, geht es im Rape & Revenge- wie auch beim Selbstjustizfilm doch meist eher darum, Rache als geeignetes Mittel zur Widerherstellung des Status quo in Zweifel zu ziehen. Das ist hier anders: RAPE SQUAD bietet erst einmal ein Ventil und Katharsis, was auch dadurch funktioniert, weil die Gewalt der Frauen gegenüber der der Männer vergleichsweise harmlos dargestellt wird. Und wisst ihr was: Ich finde das gar nicht mal so verkehrt.

Vielleicht ist es nur ein oberflächlicher Eindruck, der einer genaueren Betrachtung nicht standhielte: Im aktuellen Hollywood-Film spielen Menschen, die außerhalb der großen Metropolen leben, eigentlich keine Rolle mehr, außer in diversen Subgenres, in die sie gewissermaßen ausgegrenzt wurden. Der Trend geht natürlich mit einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einher: Dass die Bewohner der maroden Industriestädte im Mittelwesten so begeistert für Trump stimmten, hatte gewiss nichts damit zu tun, dass sie sich auf der Kinoleinwand unterrepräsentiert sehen, aber ihre Situation hat dieselben Ursachen. Jack Starretts THE GRAVY TRAIN (auch bekannt als THE DION BROTHERS) ist heute nahezu völlig vergessen, ich hatte nie zuvor von ihm gehört, aber er ist ein schönes Beispiel für die tragikomischen Loserdramen um Landeier, die den tristen Verhältnisse zu entkommen versuchen, die sich noch in den Siebzigerjahren regelmäßig der Bevölkerung zwischen New York, Los Angeles und Chicago annahmen. Es ist ein toller Film und mir ist es völlig schleierhaft, warum er nicht häufiger Erwähnung findet. Das trüffelsuchende Cineastenschwein frohlockt natürlich: Immer wieder schön, wenn man etwas entdecken kann, was sonst unter dem Radar durchfliegt.

THE GRAVY TRAIN handelt von den beiden Brüdern Calvin (Stacy Keach) und Rut Dion (Frederic Forrest). Sie fristen ihr Dasein mit dreckigen Jobs in einem Kaff in West Virginia, das keinerlei Perspektive bietet. Bis Calvin eines Tages mit dem Plan um die Ecke kommt, das „beste Seafood-Restaurant in DC“ zu eröffnen. Das Geld dafür, das muss er gar nicht erst lang erklären, soll ihr Anteil an einem Überfall auf einen Geldtransporter bringen. Der Überfall verläuft trotz haarsträubend amateurhafter Ausführung erfolgreich, doch dann warten die Brüder vergeblich auf ihr Geld: Ihr Auftraggeber Tony (Barry Primus) hat sie nicht nur hintergangen, sondern ihnen auch noch die Polizei auf den Hals gehetzt. Es beginnt die Suche nach dem Verräter und dem Geld …

THE GRAVY TRAIN vereint auf sehr gekonnte Art und Weise Elemente des damals reüssierenden harten Crime- und Copfilms (Clint Eastwood wird einmal explizit erwähnt), des tragischen Sozialdramas wie es vom New Hollywood häufiger aufgegriffen worden war und der munteren Fish-out-of-Water Komödie. Keach und Forrest sind toll als naive hicks, die völlig verblendet ins große Abenteuer stürzen. Keach übernimmt den Part des selbstbewussten, „weltgewandten“ Anführers, Forrest ist der leicht zu begeisternde, etwas einfältige Trottel, der seinem Bruder überall hin folgen würde. Schon die Idee Calvins, ein feines Restaurant eröffnen zu wollen, ist absurd und fehlgeleitet, was sich bestätigt, als er dann das entwirft, was er für eine geeignete Speisekarte eines solchen Etablissements hält: sein Highlight ist mit Käse überbackener Aal. Später im Film gibt es eine Szene, in der die beiden Brüder ein Nobelrestaurant entern, Fritten zu ihren Gourmetgerichten und natürlich den teuerstes Wein bestellen, den es gibt. Als Zuschauer weiß man schnell, dass das alles nicht gut ausgehen kann, aber man fiebert mit den beiden mit, die grundsätzlich keine schlechten Kerle sind und eine Chance verdient haben. Der Film verliert seinen munteren Ton auch dann noch nicht, als der erste ihrer Partner sein Leben lässt, genauso wenig wie den Dions klar wird, dass sie sich auf etwas eingelassen haben, das eine Nummer zu groß für sie ist. Zu erfüllt sind sie von ihrem Wunsch, den amerikanischen Traum zu leben und eine Fahrt auf dem „gravy train“ zu buchen, der sie an lästiger Arbeit vorbei geradewegs zum Reichtum führen soll.

Der Film mündet dann in ein wirklich wahnsinniges Finale, das die selbstmörderischen Tendenzen der Brüder gnadenlos offenlegt. Die Jagd auf ihren Anteil führt sie in ein Gebäude, das gerade abgerissen wird. Während sie also Tony und seinem Killer hinterherhetzen, bricht um sie herum förmlich die Welt zusammen. Wände werden von einer Abrissbirne weggerissen, mehr als einmal bricht den Charakteren sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weg und gähnende Abgründe tun sich plötzlich unter ihnen auf. Das ganze natürlich ohne die visuellen Effekte realisiert, die das, was einem da ein ums andere Mal die Luft wegbleiben lässt, heute vollkommen gefahrlos ermöglichen würden. Anstatt ihr Heil in der Flucht zu suchen und zu erkennen, dass sie ihr Leben riskieren, denken die Dions nur an die Kohle – mit den erwartbaren Konsequenzen für einen von ihnen. Auch der gravy train kann von den Schienen abkommen, wenn man die Kontrolle über ihn verliert.

Jack Starrett ist kein besungener Name, auch wenn der Mann ein paar schöne Sachen gemacht hat: die Blaxploitation-Klassiker SLAUGHTER oder CLEOPATRA JONES wären zu nennen oder das putzige Okkultismus-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL. Einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte hat er auf jeden Fall als das einzige Todesopfer in Ted Kotcheffs Klassiker FIRST BLOOD. Er ist auch hier in einer kleinen Rolle zu sehen, ganz am Anfang in einer Fernsehsendung, die sich Rut ansieht, spricht er als „gentleman rancher“ vom „gravy train“ und davon, dass das Geld in den USA buchstäblich auf der Straße liege. Ich könnte mir vorstellen, dass THE GRAVY TRAIN sein bester Film ist. Haltet Ausschau danach!

 

Als ich meine kurze, aber heftige Marvelphase hatte – es muss so Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein – da war Doctor Strange ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, an das sich nur die Veteranen noch erinnertern. Dass er nun mit einem eigenen Film geadelt und den Avengers künftig im Kampf gegen zerfahrene Drehbücher und unterentwickelte Schurkenfiguren zur Seite stehen wird, zeigt mir einmal mehr, dass die Comicwelt, die die Filme abbilden, nicht mehr die ist, die ich damals kennengelernt habe. Aber die Inklusion des über fernöstliche Esoterik zu magischen Kräften gelangten Neurochirurgen Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ins Marvel Cinematic Universe ist in jedem Fall eine willkommene, weil  die Figur das seit etlichen Filmen bestehende Einerlei doch ein wenig aufzumischen vermag. Was nicht heißt, dass DOCTOR STRANGE erzählerisch oder gar formal besonders aus der Reihe fiele: Derricksons Werk zeigt genau dieselben Schwächen, die mich auch bei den vorangegangene drölfzig Marvel-Filmen schon gelangweilt haben, nur mutet dieses Werk insgesamt etwas kurzweiliger, witziger und aufgrund seiner Figur minimal origineller an. Nach ANT-MAN darf DOCTOR STRANGE also für sich in Anspruch nehmen, einer der besseren Filme der dritten Marvel-Welle zu sein.

Leider muss man sich als Zuschauer, wie immer in diesen Filmen, wieder einmal durch eine ellenlange Exposition kämpfen, die umso sinnloser erscheint, als man jeden ihrer Schritte punktgenau vohersagen kann. Strange ist der brillante, witzige und auch irgendwie charmante Held, dem jedoch aufgrund einer mustergültigen Laufbahn jegliche Demut völlig fremd ist. Naturellement macht ein schwerer Autounfall seiner güldenen Karriere ein jähes Ende: Plötzlich steht das Wunderkind vor dem Nichts und er reagiert darauf wie ein Arschloch, das dringend eine Lektion braucht. Die gibt es in Nepal, wo er eigentlich die Heilung für seine verkrüppelten Hände sucht, aber weitaus mehr findet: Nicht nur mystische Zauberkräfte, sondern auch die Einsicht, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die ein reicher Schnösel nicht begreift. Weil das für einen Film aber noch nicht reicht, wird er noch in einen uralten Konflikt zwischen seiner Lehrerin „The Ancient One“ (Tilda Swinton) und einem abtrünnigen Schüler (Mads Mikkelsen) hineingezogen, der wieder einmal notdürftig übergestülpt wirkt und mit dem Rest des Films keine rechte Bindung eingehen mag.

Wie gesagt, im Grunde ist alles wie zuvor; dass ich DOCTOR STRANGE diese Mängel aber eher verzeihe als meinetwegen dem letzten CAPTAIN AMERICA-Film, liegt daran, dass Benedict Cumberbatch durch seine bloße Anwesenheit einen kultivierten Witz und Stil mitbringt, den andere Marvel-Filme weitestgehend vermissen lassen, und die Zaubershow, die er und seine Gegner abbrennen, darüber hinaus viel Stoff für visuell aufregende Effekte bietet. Über die von Nolans INCEPTION inspirierte Sequenz, in der sich eine ganze Stadt in einen Zauberwürfel zu verwandeln scheint, wurde schon viel geschrieben, fast noch schöner fand ich Stranges Flug durch bunte Space-Dimensionen, der an eine Achterbahnversion des berühmten Sternenfluges aus 2001: A SPACE ODYSSEY erinnert. Derrickson und seine Effektleute zaubern einfach jede Menge Eye Candy aus dem Zylinder und es ist eine willkommene Abwechslung, endlich einmal nicht mit diesem ganzen nach x Filmen doch etwas müden Politthriller-Gedöns der Avengers-Filme konfrontiert zu werden. DOCTOR STRANGE ist Quatsch im positivsten Sinne und als solcher recht erfrischend.

Dieser Film mit dem verheißungsvollen internationalen Verleihtitel CANNIBAL MERCENARY ist schierer Exzess in allen Belangen. Er beginnt mit einer Schrifteinblendung, die verkündet, das Folgende seien die Erinnerungen eines Mannes, der den Krieg nicht vergessen könne. Man sieht diesen Mann dann auch gleich auf seiner Pritsche liegen, mit leerem Blick gegen die Decke starren, an der ein Ventilator kreist. Schon nach wenigen Sekunden ist klar: An großen Vorbildern mangelt es nicht, hier wird nicht einfach nur für knackig-kurzweilige Action-Unterhaltung gesorgt, nein, hier wird ein Statement gemacht und gnadenlos nach Hause gehämmert. Zwischen dem Bedürfnis einerseits mit beiden Fäusten ordentlich auf die Kacke zu hauen, andererseits aber auch ein niederschmetterndes Drama über die Conditio humana zu drehen, hat der Regisseur zwar mehr als einmal den Überblick verloren, aber wer will es ihm verdenken? 104 Minuten dauert dieser Hobel, die Orientierung hatte ich aber schon nach fünf verloren: Ein Voice-over vertont die Erinnerungsfetzen des Protagonisten (Alan English), der wohl eine an Polio erkrankte Tochter hat, die man dann auch in einer Rückblende zu Gesicht bekommt. Für den weiteren Verlauf von EMPLOY FOR DIE spielt das keine weitere Rolle: Nur die erste zahlreicher verwirrender Finten oder aber übrig gebliebener Reste eines ursprünglich mal geplanten Filmes. Der Held nimmt dann eine Mission an, die schließlich die eigentliche Handlung ausmacht, aber was nun eigentlich Gegenwart und Vergangenheit bzw. Erinnerung ist, muss man eher durch Ausschlussverfahren erörtern, als dass die Inszenierung dies wirklich klar macht. Dass meine Version nicht nur eine grauenhafte englische Synchro aufweist, sondern auch krasse Farb- und Qualitätswechsel, macht es nicht eben leichter herauszufinden, was Hong Lu Wong sich bei all dem wohl gedacht hat.

Fakt ist aber, dass er ein Vertreter des „Mehr ist mehr“ ist: Nach der kurzen Exposition wird da gute 90 Minuten durch den Busch gekraucht und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet. Ständig gibt es irgendwelche kleinen Konflikte, die dann sehr unvermittelt enden, nur um dem nächsten Platz zu machen, Figuren, die aufwändig eingeführt werden, nur um dann auf eine Art und Weise abserviert werden, die in keinem Verhältnis zum zuvor um sie veranstalteten Brimborium steht. Das Drehbuch ist bis zur Unterkante Oberlippe so vollgestopft, dass sich schnell Abstumpfung breit macht und auch inszenatorisch kennt Wong kein Halten: Da hagelt es Leoneske Close-up-Schnittgewitter, die einfach nicht enden wollen, und wenn EMPLOY FOR DIE dann endlich zum Ende kommt, wird auch das noch einmal gnadenlos ausgewalzt. Passend dazu taumelt der Film auch in seinen Gewaltdarstellungen von einer Geschmacksverirrung zur nächsten. Seinen Höhepunkt findet er in einer Szene, in der einer der Söldner vom Schurken, einem vietnamesischen Drogenbaron, und seinen Schergen bis zum Hals vergraben wird: Der Bösewicht hämmert ihm ein Messer in die Schädeldecke und lässt seine kannibalistischen Horden dann das herausquellende Hirn fressen. Dazu dröhnt der planlos zusammengeklaute Soundtrack, auf dem unter anderem Goblins Totentanz aus DAWN OF THE DEAD einen Gastauftritt feiert, ohne jede Modulation beständig auf oberstem Erregungsniveau und raubt einem den letzten Nerv, der aufgrund der ständigen Hektik eh schon arg strapaziert ist.

Als bizarre Kuriosität ist EMPLOY FOR DIE durchaus sehenswert: einer jener ultrabilligen Namsploitationer aus Asien, bei denen man nicht genau weiß, ob das jetzt nun totaler Ramsch oder nicht doch Avantgarde ist. Der Name Thomas Tang huscht durch die Credits und lässt Kenner schon erahnen, was ihnen da bevorsteht. Erratischer und konfuser als hier geht es eigentlich nicht mehr. Ein Fazit fällt schwer: Wirklich anschauen im Sinne von aktiv rezipieren kann man sich das Teil eigentlich nicht, zumindest nicht in der mir vorliegenden Fassung, aber das Chaos hinterlässt schon einen bleibenden Eindruck. Vielleicht ist es sogar genial, einen Film über den Wahnsinn des Krieges so zu realisieren: Es gibt keinerlei Form, EMPLOY FOR DIE durchläuft in jeder Sekunde seiner 104 Minuten einen eigenen Zerfallsprozess.

Gattin und Sohn eines afrikanischen Königs werden von dem schurkischen Rebellenführer Tabrak (James Ryan) entführt. Das CIA, dem an der Stabilisierung der politischen Verhältnisse in dem Staat sehr gelegen ist, reaktiviert den ehemaligen Agenten Monroe Bieler (Robert Ginty), um die Entführten zu befreien und Tabrak zur Strecke zu bringen …

CODE NAME VENGEANCE ist einer der zahlreichen preisgünstigen Actionklopper, die Ginty in den Achtzigern machte: Vorbilder waren meist populärere, größere Actionfilme, im Schlepptau des B-Movie-Stars befanden sich dann abgewirtschaftete Veteranen wie hier Cameron Mitchell, blondes Eye Candy wie Shannon Tweed oder aber Darsteller, die man aufgrund ihrer Nebendarstellertätigkeit in populären Filmen als „Stars“ verkaufen konnte (siehe Sandahl Bergman in PROGRAMMED TO KILL). Regisseur Winters, ein gebürtiger Brite mit bis in die Sechzigerjahre zurückreichender Fernseh- und Showbizerfahrung (u. a. Episoden für THE MONKEES sowie der Alice-Cooper-Film WELCOME TO MY NIGHTMARE), hatte in den frühen Achtzigern das MANIAC-Quasisequel LOVE TO KILL inszeniert und für MISSION … KILL auch schon mit Ginty und Mitchell zusammengearbeitet. Wies letzterer aber ein als ambitioniert zu bezeichnendes Script und eine sehr ungewöhnliche, spannenden Story auf, ist dieser Nachklapp insgesamt deutlich bescheidener: Die Geschichte ist im Grunde nach fünf Minuten zu Ende erzählt und weicht dann einer Aneinanderreihung von Actionszenen sowie typischer Actionfilmklischees, wie dem alten, gut gelaunten Veteranen, dem sich als Verräter entpuppenden Sidekick sowie dem mit verdeckter Agenda handelnden CIA-Agenten, der am Schluss seine gerechte Strafe bekommt. Das Ende, mit dem per Helikopter ins Morgen flatternden Helden, das in MISSION … KILL eine deutlich pessimistische Note trug, verwendet Winters hier auch, setzt den Helden aber neben die geile blonde Tweed, die ihm verführerisch zuzwinkert, was den Unterschied zwischen beiden Filmen auf den Punkt bringt.

CODE NAME VENGEANCE ist ziemlich ruppig und in seinen Ballereien durchaus gefällig, aber dann auch wieder viel zu routiniert. War MISSION … KILL noch vollgestopft mit interessanten Figuren, Subplots und Motiven lässt dieser Film jedes spezifische Detail vermissen und wirkt so irgendwie lustlos und austauschbar. Das endlose Geballer ist letztlich vor allem ermüdend und wenn am Ende die Credits rollen ist kaum etwas hängengeblieben. Winters hingegen blieb hängen und zwar in Südafrika, wo er mit Reb Brown den ersten südafrikanischen Science-Fiction-Film drehte, den herrlich hirnrissigen SPACE MUTINY. Ginty, Tweed und Mitchell indessen zogen weiter und sorgten mit ihrem kommenden Output weiterhin dafür, dass der Nachschub für die Videotheken nicht abriss.

Ein schurkischer Herr macht zwei seiner Untergebenen zu Krüppeln, um sie für ihre Fehler zu bestrafen: dem einen hackt er beide Arme ab, dem anderen verätzt er die Beine. Ein alter Meister nimmt sich der beiden verfeindeten Männer an, überzeugt sie davon, durch Teambuilding ihre Schwächen zu überwinden, und beginnt schließlich, sie in Kung-Fu auszubilden, damit sie Rache nehmen und den Übeltäter in seine Schranken verweisen können …

Ein Jahr zuvor hatte der große Chang Che mit CAN QUE einen neuen Höhepunkt des „Freak-Fus“ geschaffen, ein Martial-Arts-Subgenre, zu dem auch solche Klassiker wie Ches DU BEI DAO oder Yuen Woo-Pings ZUI QUAN gezählt werden müssen: Es handelt sich um ein Subgenre des Eastern, dessen Protagonisten ihre körperlichen Handicaps in die Stärken einer eigens entwickelten Kampfkunst verwandeln. TIA CAN DI QUE zeigt die Verwandschaft zum Vorbild schon im Titel, setzt dem Werk aus der großen Shaw-Produktionsschmiede aber noch einen drauf: Seine beiden „verkrüppelten Meister“ sind nämlich echt und verdanken ihre Behinderungen nicht irgendwelchen Spezial- und Make-up-Effekten.

Dieses Gimmick ist natürlich das Pfund, mit dem der Film reichlich wuchert: Man muss aber dazu sagen, dass die Kampfszenen sich durchaus sehen lassen können, auch wenn die Überlegenheit der beiden Meister erwartungsgemäß nicht wirklich überzeugend ist. Aber es gibt jede Menge toller und ziemlich unglaublicher Kunststückchen und Einfälle, deren tollste der ist, bei dem sich der Beinlose mittels zweier an seinen Schulterblättern befestigter Haken in einen lebendigen Rucksack des Armlosen verwandelt, und die beiden als Vorläufer des „Master Blasters“ aus MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME die Schurken aufmischen. Die beiden Hauptdarsteller zeigen eine beeindruckende Körperbeherrschung, was auch für ihren Lehrer gilt: Der alte, etwas an einen chinesischen Meister Proper erinnernde Yoga-Meister kann sich wie ein Taschenmesser zusammenfalten und lässt sich dann bequem im Reisegepäck mitnehmen. Dem Vorbild von Liu Chia-Liangs SHAO LIN SAN SHI LIU FANG folgend, beginnt TIA CAN DI QUE mit einer ausgedehnten Studioperformance der drei „Freaks“ , während derer sie ihre besonderen Fähigkeiten schon einmal vorführen dürfen.

Zum Staunen über diese Fähigkeiten gesellt sich während des Films immer wieder handfester Ekel, aber auch Mitleid, das von den haarsträubenden Eskapaden auf der Leinwand hartnäckige Konkurrenz bekommt. Die Behinderungen der Hauptdarsteller sind ziemlich schmerzhaft anzuschauen und erinnern daran, wie sehr sich die Medizin in den vergangenen drei Jahrzehnten weiterenwickelt hat. Der Armlose zeigt auf einer Seite einen grotesk unterentwickelten Überrest eine Hand mit nur noch einem Finger, der während der Fights gruselig herumschlackert, der Beinlose zwei unterentwickelte Unterschenkel und verhornte Knie. Den Vorwurf, die Handicaps seiner Hauptdarsteller als Schauwert auszuschlachten, kann der Film erwartungsgemäß niemals entkräften, selbst wenn er ein Herz für diese Figuren entwickelt und zeigt, dass sie sich trotz ihrer körperlichen Schwächen in der Welt behaupten können. Aber die Naivität, mit der das vonstatten geht, ist schon herzzerreißend: Der Film beginnt mit der „Entarmung“, die der Betroffene hinnimmt wie eine Eins und danach erst einmal in einem Gasthof einkehrt, um sich von dem Schock bei einem Becher Reiswein zu erholen. Warum nach den beiden sauber geführten Hieben auf einer Seite dieser beschriebene Armrest übrigbleibt, darüber schweigt sich der Film beharrlich aus, versucht noch nicht einmal, eine Erklärung dafür herbeizukonstruieren.

Es gibt noch mehr zu lachen: Die Handlung – deren Details ich irgendwann nicht mehr wirklich folgen konnte – dreht sich auch um den Diebstahl kleiner Jadepferde, was dazu führt, dass die Figuren in der deutschen Synchro immer wieder nach „Jadepferdchen“ klagen wie kleine Mädchen, die mit „My little pony“ spielen wollen. Und dass der Bösewicht ca. aber der Mitte des Films einen stattlichen Buckel offenbart, den er am Ende in einer selbsterfunden Kampftechnik (Buckel-Fu?) zum Einsatz bringt, ist auch sehr toll. Die deutsche Fassung lässt im ausgedehnten Showdown eine Szene vermissen, die erklärt, was denn aus dem Yogameister geworden ist, aber der Film kann diesen Verlust ganz gut verkraften, wenn er nicht sogar davon profitiert, fünf bis zehn Minuten kürzer zu sein. Ich finde diese Billigeastern ja immer auch ein bisschen langweilig, weil sie erzählerisch das geistige Niveau von Fünfjährigen anpeilen, aber TI CAN DI QUE entschädigt für manche Redundanz mit seinem absurden Finalkampf, bei dem die beiden Meister des Krüppel-Fus dem Buckelmann ordentlich Monte einpacken.

unbenanntThose were the days. In die Videotheken ging man nicht so sehr, um die aus den Kinos bekannten Hits, sondern vor allem verlockende Geheimtipps wie diesen hier auszuleihen: geilen Scheiß, der auf den Coverhüllen mit markigen Sprüchen als „Superhit aus den USA“ „mit dem Weltstar Wings Hauser“ beworben wurde. Man ahnte damals schon, dass da eher der Wunsch der Vater des Gedanken war, ließ sich aber gern an der Nase herumführen und musste nach durchgefeierten 90 Minuten geplättet einräumen, dass dieser L.A. BOUNTY, ja doch, schon ziemlich fett ist und die Leute in den US of Ey sich kein X für ein U vormachen lassen, wenn es um geile Ballerfilme geht.

Spaß beiseite: L.A. BOUNTY ist einer jener Filme, die mit den großen Action-Blockbustern jener Tage budget- und effekttechnisch zu keiner Sekunde mithalten konnten, aber dann doch noch so professionell aussahen, dass man nur zu gern auf die frechen Sprüche der Werbung hereinfiel. Hätte ich ihn damals schon gesehen, wäre er gewiss ein Highlight meiner Jugend gewesen, heute reicht es immerhin noch zu nostalgisch verklärtem Genuss und der milden Trauer darüber, ihn nicht vor 25 Jahren in die Finger bekommen zu haben. Und man bekommt sofort Bock auf weitere Klopper mit dem B-Film-Eastwood Wings Hauser, der hier wieder mal groß aufspielt und den Film allein schon sehenswert macht.

Er gibt den größenwahnsinnigen, leicht psychopathisch veranlagten Drogenschmuggler Cavanaugh, der den ganzen Film über in einer mit Tarnnetzen verhängten Lagerhalle herumhängt, eine nackte Frau malt und darüber hinaus seine Lakaien in der Gegend herumkommandiert oder nach sadistisch langem Vorlauf exekutiert, wenn er nicht gerade philosophische Gespräche mit dem lieben Gott führt. Sein jüngster Coup ist die Entführung des Politikers Rhodes (Mike Hanley), seines Zeichens Anwärter auf den Posten des Bürgermeisters von L.A. Blöderweise ist seinen henchmen Rhodes‘ Gattin Kelly (Lenore Kasdorf) entkommen: Gerettet wurde sie von der Kopfgeldjägerin Ruger (Sybil Danning), die noch eine Rechnung mit Cavanaugh offen hat, denn der hatte einst ihren Partner erschossen …

Die Story zu L.A. BOUNTY hat sich Sybil Danning selbst ausgedacht – was immer das bei einem so archetypischen Stoff auch bedeuten mag – und ihre „Vision“ dann auch gleich als Produzent umgesetzt. Die Sexikone mit den markanten Wangenknochen ist in diesem Film ganz entgegen ihrer sonstigen Rollenprofile bis oben zugeknöpft, sieht mit ihrer platinblonden Mähne aus, als sei sie ohne Schirm in einen heftigen Wolkenbruch geraten, wohnt wie einst Kollege Martin Riggs in einem schäbigen Wohnwagen, wo sie schon morgens Fastfood in sich reinstopft, und lässt ihre Kollegen Stallone und Schwarzenegger mit ihrer wortkargen Darbietung als geschwätzige Labertaschen erscheinen. Laut Imdb spricht sie 31 Worte, mir schienen es sogar noch deutlich weniger zu sein, aber ich habe auch nicht mitgezählt. Sie macht nicht viel mehr, als mit großen Wummen ins Bild zu latschen (gern in coolen Gegenlichtaufnahmen) und diverse Bösewichter mit gezielten Salven in die ewigen Jagdgründe zu schicken, aber das bringt sie schon recht überzeugend. Dass die Effektleute mit soßigen Squibs nicht geizen und Stuntmen von den Schüssen regelrecht aus den Schuhen gerissen werden, trägt zum wuchtigen Eindruck des Films erheblich bei. Worth Keeter, der Dutzende kleiner Exploiter auf dem Kerbholz hat, ist gewiss kein unbesungener Action-Auteur, aber er weiß, worauf es ankommt, und versteht es, wenig nach viel aussehen zu lassen.

Der Schlüssel zum Erfolg ist aber, wie erwähnt, eindeutig Wings Hauser, der seine wahrscheinlich an drei Drehtagen abgerissene Rolle mit dem Drive eines Mannes versieht, für den es keine „kleinen“ Filme gibt. Mit Kettchenohring, geflochtenem Zopf im Nacken und selbstzufriedenem Grinsen feiert er sich hier ohne Unterlass selbst und wird zum eigentlichen Sympathieträger des Films. Ganz groß, wie er im Showdown durch seine Lagerhalle tänzelt, vor sich hin summt oder mit sich selbst Zwiegespräche führt, dabei immer dieses zahnreiche Haifischgrinsen im Gesicht, das auch etwas dezidiert Spitzbübisches hat. Man kann ihm einfach nicht böse sein, wenn er seinen glücklosen Angestellten in eine Holzkiste steigen, kleinlaut „Entschuldigung“ murmeln lässt und dann mit der Maschinenpistole ein paar Luftlöcher hineinballert. L.A. BOUNTY lässt es einem mal wieder wie Schuppen von den Augen fallen: Dass Hollywood es versäumt hat, diesen Mann konsequent zum Superschurken aufzubauen, ist eine der großen Unterlassungssünden der Achtzigerjahre. Andererseits: Wer hätte einem sonst das Herz in solchen Videothekenklassikern wie eben L.A. BOUNTY aufgehen lassen?