Mit ‘Adam Shankman’ getaggte Beiträge

Der legendäre Bourbon Club auf dem Sunset Strip steht vor dem Aus: Die Betreiber Dennis Dupree (Alec Baldwin) und Loy (Russell Brand) haben zwar den Spirit, aber nicht unbedingt das wirtschatliche Geschick. Dazu kommt die Kampagne der Politikergattin Patricia Whitmore (Catherine Zeta-Jones), der der Tempel der Ausschweifung ein Dorn im Auge ist und die sich einen sauberen Sunset Strip wünscht, während ihr Gatte (Bryan Cranston) sich mit seiner Sekretärin in SM-Spielchen auslebt. Wie sich später herausstellt, ist Whitmores eigentlicher Beweggrund Rache: Der Rockstar Stacee Jaxx (Tom Cruise) ließ das ehemalige Groupie einst fallen wie eine heiße Kartoffel.

Es war eigentlich zu erwarten, dass ROCK OF AGES hinsichtlich seiner Pro-Fun-Anti-Gentrifzierungs-Message ein Wolf im Schafspelz ist. Denn das Bild von Rock’n’Roll-Exzess, das er zeichnet, ist ebenso glattgebügelt wie der von AOR-Schmalz durchsetzte, musicalesk aufbereitete Hardrock-Soundtrack: Julianne Hough und Diego Boneta, die nominellen Hauptdarsteller, sehen aus, als seien sie geradewegs dem Disney-Club entsprungen, die Partys im Bourbon-Club sind zwar wild, aber immer harmlos, ziehen noch nicht einmal einen Kater nach sich, der Sex ist PG-13 und Tom Cruise, der als ausgewaschener Rockstar eine Läuterung erfahren darf, natürlich viel zu sehr auf Wahrung seines Images bedacht, als dass er seine Karikatur jemals wirklich dahin gehen ließe, wo es weh tut. Seine Darbietung macht Spaß, aber es handelt sich um eine jener Gimmick-Rollen, die seine Filmografie jenseits der großen Starvehikel seit MAGNOLIA durchsetzen und die man mittlerweile wunderbar einsortieren kann. Wer sehen will, wie jämmerlich Rocker im Suff sind, muss weiterhin zu Penelope Spheeris THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION PART 2: THE METAL YEARS greifen. Diese Tendenz zieht sich durch den ganzen Film: Wenn Sherries (Julianne Hough) Träume von der großen Sangeskarriere sie auch ins Rotlichtmilieu führen, so landet sie doch wenigstens im Luxus-Etablissement der divenhaften Justice (Mary J. Blige), wo sie zwar an der Stange tanzen, aber sich nicht ausziehen muss. Dass ihr Love Interest, der aufstrebende Musiker Drew (Diego Boneta) vom dubiosen Agenten (Paul Giamatti) in eine Boyband und lachhafte Klamotten gesteckt wird, spielt der Film jedenfalls als die deutlich größere Demütigung aus.

So sehr man dem Film diese Tendenzen vorwerfen kann und muss, sie kommen alles andere als überraschend – und ändern auch nichts daran, dass die ganze Angelegenheit durchaus amüsant (wenn auch gut 20 Minuten zulang) ist, wenn man mit der Musik etwas anfangen kann. Und dass ich einer der wenigen lebenden Apologeten des als solchem verunglimpften „Hair Metals“ bin, muss ich wahrscheinlich nicht sagen. Es geht hier ja nicht darum, eine Szene authentisch abzubilden, ROCK OF AGES ist kein Period Piece und schon gar kein Dokumentarfilm – die Songs decken das ganze Jahrzehnt ab, reichen von ca. 1981 (Foreigners „Juke Box Hero“ und Journeys „Don’t stop believing“) bis 1989 (Warrants „Heaven“). Auch wenn er von sich behauptet, in den Achtzigerjahren, dem „goldenen Zeitalter der Rockmusik“ (waren das nicht die Siebziger?) zu spielen und einige Aspekte des Films dies unterstreichen, sind sein Look und Feel ohne Zweifel gegenwärtig. Kein Wunder: ROCK OF AGES ist ganz und gar der Nostalgie verpflichtet, also nicht so sehr der Zeit, in der er angeblich spielt, sondern der idealisierten Erinnerung an diese Zeit. Der Märchenplot tut sein Übriges. Die Zuschauer, die in ihrer Jugend Alben von Def Leppard kauften und zu Poisons „Nothin‘ but a good time“ feierten, sind heute in den Vierzigern und Fünfzigern und führen vermutlich ein ruhiges Familienleben. L.A. und den Strip haben die wenigsten von ihnen in dieser Zeit erlebt, und selbst wenn, liegt diese Zeit mittlerweile 30 Jahre in der Vergangenheit. Hardrock und Glam Metal sind tot, führen in den USA vielleicht auf Classic-Rock-Radiostationen noch ein zombiehaftes Dasein, wo sie mit AOR und Seventies-Rock vermischt werden.

ROCK OF AGES gelingt es, diese Nostalgie noch einmal zu befeuern, was im Wesentlichen an den lebhaften Leistungen der Darsteller und der Ballung von bekannten Hits liegt: Höhepunkt ist ganz sicher die Sexszene zwischen Cruise und Malin Akermans Rolling-Stone-Reporterin zu Foreigners „I wanna know what love is“. Was er enttäuschenderweise versäumt – ja, was er gar nicht anstrebt -, ist es, den Wert dieser Musik hervorzuheben, zu zeigen, was vielleicht verlorenging, als sie in den frühen Neunzigern vom Alternative Rock hinweggespült wurde. Diesen nackten, harmlosen Fun, den Verzicht auf jede Prätention darf man durchaus vermissen, das damals als Posertum verlachte Aufbrezeln seiner Protagonisten kann man heute gar als progressiv und wegweisend bezeichnen. Progressiv ist ROCK OF AGES ganz und gar nicht. Wenn der eine homosexuelle Beziehung seiner beiden Rock-Machos Dennis und Lonny andeutet, ist das zwar – Baldwin und Brand sei Dank – ganz putzig, aber die dahinterstehende Gesinnung ist erstaunlich spießig: Haha, die beiden sind ja schwul! Da war das Cover von Poisons Debütalbum „Look what the cat dragged in“ mutiger.

Die Widersprüchlichkeiten des Films liegen, das muss man fairerweise einräumen, auch in der Musik und der Szene, der sie entsprang, begründet: Viele Lyrics aus der Zeit muten heute sexistisch und dumpf an, und der rebellisch-hedonistische Gestus war in Verbindung mit den schrillen Outfits irgendwann auch nur noch eine Masche, ein Marketing-Vehikel, das die großen Major Labels geschickt bedienten, so lange die Nachfrage danach herrschte. Dass der Lebensstil der größten Stars dieser Zeit nach dem AIDS-Schock ein Anachronismus war, sich altersbedingt irgendwann eh nicht länger hätte aufrechterhalten lassen, steht ebenfalls außer Frage. Aber ROCK OF AGES blendet das alles aus. Das ist wohl auch seiner Bühnenherkunft geschuldet: Das zugrundeliegende Musical sollte in erster Linie eine Party sein, den Zuschauern eine Art Throwback in die eigene Jugend samt passendem Greatest-Hits-Soundtrack liefern. Wahrscheinlich haben sich die wenigsten von ihnen darüber hinaus mit der Musik beschäftigt. Sie bekommen auch mit dem Film eine ganz gute Packung. Nothin‘ but a goood time. Ich fühle mich mit meiner Liebe zu diesem Sound nur bedingt repräsentiert.

Mary Fiore (Jennifer Lopez), ist der beste Wedding Planner San Franciscos und darüber hinaus Psychologe, Sanitäter, Problemlöser und ein rundheraus großartiger Mensch. Zu Beginn befreit sie eine Braut unmittelbar vor der Trauung mit einer tief empfundenen Ansprache von ihren „kalten Füßen“, gibt ihr den verlorenen Mut und das Selbstwertgefühl zurück (später erfahren wir, dass diese Rede einstudierter Teil ihres routinemäßig abgerufenen Programms ist), verbietet dem Priester gouvernantenhaft den Toilettengang, weil der Zeitplan strikt eingehalten werden muss, platziert für die Kamera ungünstig positionierte Personen so um, dass diese sich nicht gegängelt, sondern im Gegenteil bevorzugt fühlen, kommuniziert mit kalter Professionalität über ihr Headset wie ein Navy SEAL („The FOB is MIA“, was bedeutet, dass der Vater der Braut vermisst wird) und versorgt den vor lauter Aufregung leicht angetrunkenen Papa mit dem im Bauchgürtel mitgeführten Vorrat an schnell wirkenden Medikamenten. Mary ist so toll, dass die bei der Traumhochzeit anwesenden Damen nicht etwa die Braut anhimmeln, sondern eben sie, die mit Adlerauge den reibungslosen Ablauf überwachende Schönheit, deren Liebesleben sie sich nur als himmlisch vorstellen können. Die Realität sieht natürlich anders aus: Abend für Abend kommt Mary in ihre Katalogwohnung, bereitet sich eine bescheidene Mahlzeit, die sie von einem akkurat abgestellten Tabletttisch einnimmt, putzt die sowieso schon sterile Behausung (natürlich mit einem um die Haare gewickelten Tuch), legt ihre Kleidung fein säuberlich zusammen und begibt sich dann allein in ihr ausladendes, aber keinesfalls protziges Bett. Statt einer Beziehung hat sie erst einmal die Karriere im Sinn, will Teilhaberin des Unternehmens werden, in dem sie schon so lange die besten Erträge bringt, und erhofft sich von der Organisation der Hochzeit der aus wohlhabendem Hause stammenden Fran Donolly (Bridgette Wilson-Sampras) den entscheidenden Boost. Sie ist auf einem guten Weg, wie man an dem überirdischen Leuchten in den Augen der Braut in spe und ihrer Eltern sieht, als Mary mit ernster Stimme und in die Ferne gerichtetem Blick erzählt, wie sie sich die Hochzeit vorstellt. Es ist, als empfange sie ihre Inspirationen vom lieben Gott persönlich.

Es ist vor allem der Papa (Alex Rocco), der sie immer wieder daran erinnert, dass sie selbst noch Single ist – ein Unding für eine Frau mit Marys Gardemaßen. Weil das für einen katholischen Italiener nicht sein kann, will er ihr den treudoofen Massimo (Justin Chambers) andienen, dessen Name Mary allein einen Blick abringt, der sagt: „Das kann nicht dein Ernst sein.“ Massimo fällt durch, weil er Mary als Kind genervt hat und sie mit dem Verspeisen von Schlamm beeindrucken wollte. Als Papa ihn trotzdem hinter eine Wand hervorzaubert, sieht man gleich: Massimo ist ganz nett und süß, aber eben doch maximal Brüderlicher-Freund-Material und überhaupt nicht Marys Kragenweite. (Erwähnte ich, dass Marys Papa einen schrulligen Schwarzen und eine alte Vettel als Kumpels hat, und sich die drei regelmäßig mit Mary zum Scrabble-Spielen treffen?) All die Kuppeleien scheinen hinfällig, als Mary den schönen Steve Edison (Matthew McConaughey) kennen lernt. Sie bleibt beim Überqueren einer Straße mit dem Absatz ihres brandneuen Gucci-Schuhs in einem Gulli stecken und wird in allerletzter Sekunde von Steve vor einem heranrollenden Müllcontainer gerettet, den ein fetter Taxifahrer durch eine Kollision versehntlich in Bewegung versetzt hatte. (Der Taxifahrer taucht später noch einmal auf because hilarious.) In den starken Armen des supersmarten Schönlings mit dem Gewinnerlächeln sinkt die offensichtlich hoch empfindliche Mary in Ohnmacht und wacht später von Kindern umringt in einem Krankenhausbett wieder auf. Steve ist nämlich Kinderarzt (!) und lässt der Schönen das gesamte Untersuchungsprogramm angedeihen, um sicherzustellen, dass sie bei dem Sturz keine inneren Verletzungen davongetragen hat. Sogleich macht sie – unter dem Druck ihrer hinzugeeilten besten Freundin und Kollegin, der hyperaktiven und latent soziopathischen Penny (Judy Greer), ein Date mit ihm aus, und er findet das peinliche Ringen um die richtigen Worte und das verkrampfte Verhalten der beiden nicht etwa furchteinflößend und psychotisch, sondern höchst amüsant. Sie treffen sich im Freilichtkino des Golden Gate Parks zu einem alten Musical, wo der schwarze Kumpel ihres Papas als Parkwächter arbeitet und ihnen das romantischste Plätzchen reserviert hat, die beiden fangen an zu tanzen, doch bevor sich ihre Lippen berühren, fängt es an zu regnen und sie lassen voneinander ab. Leidenschaft!

Um es kurz zu machen: Wenig später stellt sie fest, dass er der künftige Ehemann von Fran ist, woraufhin sie sich ihm gegenüber zur passiv-aggressiven Zicke verwandelt, in seiner Abwesenheit aber doch beginnt, über eine Verbindung mit Massimo nachzudenken, weil sie ja offensichtlich nicht für das große Glück gemacht ist. Der Papa offenbart ihr dann auch noch, dass er ihre Mutter erst am Tage der Hochzeit zum ersten Mal gesehen habe, weil ihre Ehe von den Eltern abgesprochen war, und dass sich die Liebe manchmal über die Jahre entwickele. Als Fran während der Hochzeitsvorbereitungen überraschend auf Geschäftsreise geht, kommen sich Mary und Steve erneut näher. Nachdem sie ihren ehemaligen Verlobten wiedertrifft – nun verheiratet und werdender Vater – und sich bei dem Treffen komplett zum Affen macht (sie versucht, sich vor ihm unter einem Tisch zu verstecken), tröstet Steve sie und macht ihr Avancen, die sie jedoch ablehnt. Zwischen Fran und Steve ist nämlich auch nicht alles perfekt und so werden am Schluss gleich zwei Ehen in letzter Sekunde gecancelt: Steve und Fran beschließen in freudigem Einvernehmen, sich zu trennen, der Papa interveniert auf dem Standesamt bei der ehehschließung von Mary und Massimo, weil er es doch sieht, dass das Töchterlein nicht mit dem herzen bei der Sache ist. Damit nicht alles umsonst war, kommt Steve angerauscht (mit dem Taxifahrer vom Anfang, because hilarious, siehe oben), offenbart, dass er wieder frei ist, und sofort wird alles in trockene Tücher gebracht. Ende.

Ein Film zur Bestätigung von Vorurteilen. Filmemachen als inspirationsfreies Going through the motions, bei dem echte Gefühle durch Lippenbekenntnisse und Klischees ersetzt werden. Auch Matthew McConaugheys natürliches Charisma kann hier nichts mehr ausrichten, und Jennifer Lopez, damals auf dem Gipfel ihrer seither verklungenen Berühmtheit, die richtig eingesetzt durchaus charmant sein kann, ist hier, wie der ganze Film um sie herum, hoffnungslos bland – das Filmposter vermittelt einen guten Eindruck von der „Lebendigkeit“ und Lebensnähe dieses Werks, gegen das ein deutscher Heimatfilm aus den Fünfzigern geradezu rebellisch, gewagt und sexuell anrüchig wirkt. Nun ist es wahrscheinlich etwas viel verlangt, dass ein Film wie THE WEDDING PLANNER mit ausgearbeiteten Charakteren, progressivem Rollenverständnis sowie zeitgemäßem Beziehungs- und Liebeskonzept um die Ecke kommt. Aber wenn ausnahmslos alle Fguren mit der emotionalen Intelligenz von verzogenen Sechsjährigen daherkommen müssen, damit das, was die Macher für eine „Geschichte“ halten, funktioniert, ist das eher nicht so gut. Hier wollen anscheinend vor allem solche Leute heiraten, die eigentlich gar nicht heiraten, ja noch nicht einmal überhaupt noch zusammen sein wollen. Überhaupt dieses Heiraten. Ja, ich trage auch einen Ehering, und er bedeutet mir auch etwas, aber ganz ehrlich: Es wäre auch ohne gegangen. Hier wird ein Riesenaufriss um dieses Event gemacht, und zwar von Leuten, die so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass schon eine kleine Liebelei zum die eigene Existenz gefährdenden commitment wird. Das alles gehört, so viel habe ich schon mitbekommen, irgendwie zum Genre dazu, von dem niemand ernsthaft Realismus erwartet. Aber im Idealfall wird der hoffnungslose Romantizismus von Akteuren aufgefangen, die eine Chemie miteinander entwickeln, die den Zuschauer an ihrem Märchen teilhaben lässt. Hier werden zwei attraktive Schauspieler vom Drehbuch zum Traumpaar hochgejazzt, ohne dass man ihre Begeisterung füreinander wirklich mitfühlt. Mary ist eher verzweifelt als alles andere und Steve scheint grundsätzlich jede schöne Frau heiraten zu wollen, weil er das Glück hat, auszusehen wie Matthew McConaughey in seinen frühen Dreißigern. Wenn er Mary offenbart, dass der Abend im Park der schönste Moment seines Lebens gewesen sei, weiß man nicht, ob man die Chuzpe, mit der er diese Behauptung lächelnd vorträgt, bewundern oder ihn für sein anscheinend äußerst höhepunktarmes Liebesleben bemitleiden soll. Sein vorgegebener witzig-origineller Individualismus gipfelt in der Marotte, dass er nur braune M&Ms zu essen pflegt (wegen der Farbstoffe), was Mary so sehr beeindruckt, dass sie sich das gleich abschaut. (Man sieht die beiden vor dem geistigen Auge eine Spur bunter M&Ms hinter sich herziehen.) Matthew McConaughey ist als romantischer Liebhaber, zumindest als solcher der WEDDING PLANNER’schen Art, eher ungeeignet, und das ist nur einer der vielen eklatanten Fehler von Shankmans Film (fehlender Witz, das Einfühlungsvermögen einer Planierraupe und die Kreativität eines Finanzbeamten vor der Pension sind weitere). Mit Brille und pastellfarbenen Kaschmirpullovern sieht er wie schlecht als Langweiler verkleidet aus und sein suggestiv-herausforderndes Grinsen deutet den Sexprotz an, der an der monogamen Beziehung nur insofern interessiert ist, als ihre Vortäuschung ein gutes Mittel ist, Frauen wie Mary ins Bett zu zerren. Aber da ist bei ihr natürlich nix zu holen. Überhaupt: Dass man für den Anfang auch einfach mal miteinander bumsen könnte, bevor man sich fürs ganze Leben aneinander bindet, ist eine Idee, die keinem kommt. Völlig unterleibsverkrampft begegnen sie sich und machen sich schon beim Versuch, normale Konversation zu betreiben, zum Vollhorst. Die schmerzhafteste Szene des Films ist mit Sicherheit die, in der Mary Massimos vollkommen selbstzerstörerischen Heiratsantrag (er schenkt ihr ihr altes Puppenhäuschen, vollständig mit Minibild ihrer toten Mama, in dem ein Ehering liegt) durch Verschieben der Buchstaben „O“ und „K“ positiv beantwortet. Ein KO-Schlag, den der totgeborene Film eigentlich nicht mehr gebraucht hätte.

Auch hier nur der Vollständigkeit halber, weil ich den Erkenntnissen meiner Erstsichtung nichts Wesentliches hinzuzufügen habe: BEDTIME STORIES hat einige inspirierte Passagen und eine grundsätzlich liebenswerte Prämisse, aber auch einen unübersehbaren Haken: Seine Grundaussage, sein Loblied auf die Fantasie und die Kreativität, vor allem auf die Kraft der Fiktion und des Geschichten-Erfindens, werden sowohl von der Disney-Fließbandproduktion als auch von der stromlinienförmigen Regie und dem standardisierten Plotverlauf massiv ausgehebelt. Sicherlich muss man bei einem solchen Kinderfilm das Rad nicht neu erfinden, zumal auch die Geschichten, die der liebenswerte Onkel Skeeter (Adam Sandler) seiner Nichte und seinem Neffen erzählt, nur aus Versatzstücken bekannter Filme oder Märchen bestehen; aber über weite  Strecken spult Shankman lediglich ein sattsam bekanntes Schema ab, ohne ihm dabei wirklich Leben einzuhauchen. Vor allem Sandlers sympathische Präsenz und sein natürlicher Enthusiasmus bewahren den Film davor, zum unsympathischen Studio-Bullshit zu verkommen, der sich etwa darin zeigt, dass ein glubschäugiges CGI-Meerschweinchen zum Comic Relief gemacht wird. Schöne visuelle Ideen, wie etwa der Kaugummikugel-Regen, hätten einen sorgfältigeren Film verdient: Vieles hier wirkt seltsam unterentwickelt, muss Platz machen für tausendfach in anderen Filmen durchgekaute Standards, die die an anderer Stelle unverkennbar investierte Liebe neutralisieren. Am Ende bleibt ein Film, den ich zwar irgendwie mag, der in Sandlers Werk aber sicherlich zu den eher uninteressanteren zählt. Schade, denn aus der Ausgangsidee hätte man viel, viel mehr machen können.

poster-bedtime-storiesPosterNews[1]Skeeter Bronson (Adam Sandler) ist das „Mädchen für alles“ in einem Nobelhotel in Los Angeles. Einst hatte sein Vater (Jonathan Pryce) es als bescheidenes Motel gegründet, bevor seine finanzielle Lage ihn zwang, es an den Geschäftsmann Nottingham (Richard Griffiths) zu verkaufen; nicht jedoch, ohne ihm einen Gefallen abzuringen: Sein Sohn sollte irgendwann eine führende Position einnehmen. Davon ist Skeeter denkbar weit entfernt. Doch als er eine Woche auf die Kinder seiner Schwester aufpassen soll, verändert sich sein Leben. Die Gutenachtgeschichten, die er erzählt und von den Kindern weiterspinnen lässt, werden wahr. Und so sieht er eine Chance, die ihm eigentlich zustehende Position doch noch einnehmen zu können …

Was man gegen BEDTIME STORIES vorbringen kann gleich vorweg, damit ich mich angenehmeren Dingen zuwenden kann: Es mutet schon ein bisschen fragwürdig an, wenn sich ausgerechnet ein Konzern wie Disney in seinen Filmen als von einer humanistischen Idee beseelt darstellt, gegen das böse Kapital und Großunternehmertun polemisiert und den kleinen Mann von der Straße zum amerikanischen Helden verklärt. Ich kann mir jedenfalls lebhaft vorstellen, was passieren würde, wenn ein Typ wie Skeeter den Disney-Verantwortlichen eine Idee vortragen würde – wenn es denn überhaupt dazu käme: Man darf vermuten, dass er in hohem Bogen zur Tür hinausflöge. Wenn man sich mit dieser Art der Scheinheiligkeit abfinden kann, dann ist BEDTIME STORIES trotzdem ein liebenswerter und schöner Film geworden, der Sandlers Bestrebungen, Capra als großen Moralisten des amerikanischen Kinos zu beerben (oder auch Jerry Lewis, zu dessen Filmen Sandlers Filmpersona wie auch sein Werk zahlreiche verblüffende Parallelen aufweisen), zementiert. BEDTIME STORIES behandelt einen bedeutenden Schritt in der Sozialisation des Menschen, aber noch mehr in der Entwicklung von Kultur: die mündliche Überlieferung von Geschichten, das Weitertragen und Weiter-Spinnen dieser Geschichten von einer Generation zur nächsten. Skeeter setzt seinem Neffen und seiner Nichte nicht einfach nur Geschichten vor, er involviert sie in den Prozess des Erfindens, gibt ihnen somit den Schlüssel nicht nur zur eigenen Kreativität , sondern auch zum Verständnis der Welt in die Hand. Und er profitiert davon: Es ist hier die sprühende Fantasie der Kinder, die die Möglichkeit zur Veränderung überhaupt erst liefert und Skeeter letztlich die Chance bietet, die er verdient hat.

Es ist schade, dass BEDTIME STORIES nicht mit einer etwas kreativeren Regie gesegnet wurde. Entgegen seiner Botschaft wirken manche Teile des Films leblos: Ich denke da an das Finale, dem man deutlich ansieht, dass es dabei lediglich darum ging, den Film zu einer Konklusion zu bringen. Die ganze Sequenz wirkt statisch und leblos. Könnte man die Filmcrew sehen, es würde kaum weiter negativ ins Gewicht fallen. Das ist nicht nur ein Problem dieses Films: Die amerikanische Komödie wird von bestimmten Plots dominiert, denen gegenüber die „Charaktere“ immer wieder in den Hintergrund treten müssen. Hier ist es Courteney Cox als Skeeters Schwester, die zunächst ganz buchstäblich vom Drehbuch verdrängt wird – sie muss verreisen udn übergibt desgalb Skeeter die Aufgabe, auf ihre KInder aufzupassen – und dann am Schluss zur reinen Staffage verkommt, die nur noch die vorgeschriebenen Reaktionen zeigen muss. Gerade in diesem Fall, einem Film, der die Fantasie und das Geschichtenerfinden zum Thema hat, hätte ein bisschen mehr Sorgfalt und Erfindungsreichtum nicht geschadet. Die treffende Kritik, die Shankman und Sandler an stromlinienförmiger und alles dem erzieherischen Zweck unterordnender Kinderunterhaltung formulieren, wenn sie grauenvoll fantasielose Kinderbücher wie „Squirrel kauft einen Fahrradhelm“ ins Bild rücken, verliert so leider einiges von ihrer Kraft. BEDTIME STORIES ist dann am stärksten, wenn er sich in seinen Details und Charakteren verliert, wenn er vom bloßen Zwang, den Plot fortzuschreiben Abstand nimmt. Von diesen Momenten gibt es aller Kritik zum Trotz immer noch genug.