Mit ‘Adolfo Celi’ getaggte Beiträge

Mitte der Sechzigerjahre entbrannte zwischen den Studios MGM und Warner Bros. ein Kampf darum, wer den ersten großen Rennfahrer-Film in die Kinos bringen würde. Einer der eifrigsten Antreiber des Projekts aufseiten von Warner war Steve McQueen, damals auf dem Gipfel seines Ruhms und selbst begeisterter Rennfahrer. John Sturges, mit dem McQueen bereits mehrfach zusammengearbeitet hatte – unter anderem für THE MAGNIFICENT SEVEN und THE GREAT ESCAPE -, sollte Regie führen. Doch die Dreharbeiten von THE SAND PEBBLES zogen sich aufgrund diverser Schwierigkeiten endlos hin, der Drehtermin für McQueens anstehenden Rennfilm names „Day of the Champion“ konnte nicht gehalten werden und dann brachten MGM ihren GRAND PRIX heraus. Die Niederlage wog für den notorisch schlechten Verlierer McQueen umso schwerer, als mit James Garner ausgerechnet einer seiner besten Freunde die Hauptrolle in dem Konkurrenzprodukt übernommen hatte. Es sollte weitere fünf Jahre dauern, bis der ursprünglich von McQueen geplante Rennfahrerfilm unter dem Titel LE MANS in stark kompromittierter Form erschien. Der schwierige Star hatte erst John Sturges vergrault, schaffte es dann nicht, ein drehreifes Script auf die Beine zu stellen. Als LE MANS in die Kinos kam, stieß er auf Desinteresse und Unverständnis.

Dies hätte man allerdings antizipieren können, denn auch GRAND PRIX konnte die Kritik nicht gänzlich überzeugen. Zwar war man sich einig, dass die Autorennen, die einen erheblichen Teil der Gesamtspieldauer einnehmen, technisch brillant eingefangen wurden (man wünschte sich eine solche Kameraführung tatsächlich noch bei heutigen Fernsehübertragungen), der Film erzählerisch aber wenig mehr als heiße Luft biete. Das stimmt, wenngleich ich einschränkend sagen würde, dass diese heiße Luft wenigstens in einem schön bunten, glänzenden und prall gefüllten Luftballon dargereicht wird. Es macht Spaß, den Film anzuschauen, der noch vom Pomp des „alten Hollywood“ beflügelt ist, (moderne) technische Errungenschaften mit einer Erzählhaltung verbindet, die angenehm gestrig ist. Im Gegensatz zu LE MANS, der eine ganz ähnliche Geschichte mit ganz ähnlichen Charakteren in deutlich kürzerer Zeit und unter Zuhilfenahme beinahe impressionistischer Verkürzungen erzählt, wird in GRAND PRIX alles ausformuliert. Langeweile kommt dabei nicht auf, weil die Zahl der handelnden Charaktere und der Rennen groß ist, aber vorhersehbar sind die einzelnen Epsioden dennoch.

Da ist der amerikanische Ex-Champion Peter Aron (James Garner), der nach einem von ihm mitverursachten Unfall als Sicherheitsrisiko gilt und sich in Pat (Jessica Walter), die Noch-Ehefrau seines Rivalen verliebt (den er pikanterweise bei besagtem Crash ins Krankenhaus gebracht hat). Da ist der französische Ferrari-Fahrer Sarti (Yves Montand), ein Veteran, der gegenüber der faszinierten Journalistin (Eva Marie Saint) über das Geschäft und das Sein an sich philosophiert und immer mehr zum Schluss kommt, dass es Zeit für ihn ist, aufzuhören. Neben dem gehörnten Ehemann und Rivalen gibt es außerdem noch den arroganten Jungspund, der sich benimmt wie ein Popstar und nur Partys und Frauen im Sinn hat. Das Feld der Rennfahrer (die allesamt realen Vorbildern nachempfunden sind) wird komplettiert durch Rennstallbesitzer, die die Bandbreite von väterlichem Freund (Jack Watson) über japanisches Konstruktionsgenie mit Samurai-Ethos (Toshiro Mifune) bis hin zum italienischen Unternehmerfürsten (Adolfo Celi) abdecken. Und dazu noch eine weitere Ex-Frau (Geneviéve Page), damit sich die problematischen Dreiecksbeziehungen die Waage halten. Die kleinen Geschichtchen, die um diese Charaktere gestrickt sind, sind so klischiert, dass jedem Leser schon anhand obiger Beschreibung klar ist, was da passiert.

Aber so richtig ins Gewicht fällt das eben nicht. Ich habe den Film als sehr fluffig empfunden, angenehm einfach und handwerklich so gut gemacht, dass alles immer wenigstens fantastisch aussieht. Alle Vorbehalte sind dann sowieso vergessen, wenn es um das Kernstück von GRAND PRIX geht, die Autorennen. Und hier brennt Frankenheimer dann auch ein echtes Feuerwerk ab. Der Splitscreen rotiert und baut visuell anregende Collagen aus Detailaufnahmen, die Kamera erfasst die Geschwindigkeit aus der Fahrersubjektiven oder rast zwischen den Wagen mit über den kochenden Asphalt. Dazu immer wieder Hubschrauberaufnahmen, die einen größeren Überblick gewähren und den genauen Streckenverlauf zeigen. Es wurde während der laufenden Formel-1-Saison gedreht (das Footage vom Rennen auf dem Nürburgring musste an McQueen abgegeben werden), mit teilweise echten Formel-1-Piloten und ein immenser Aufwand betrieben, der sich sichtbar gelohnt hat. Ich kann mit Autorennen eigentlich überhaupt nichts anfangen, aber in dieser Formel erschließt sich die Faszination sofort. GRAND PRIX ist eigentlich immer dann am stärksten, wenn er die Bilder sprechen lässt, wie am Schluss, wenn Pete Aron in „Zivil“ auf der leergefegten Piste steht, eine Zigarette raucht und um sich plötzlich das Motorheulen der startenden Wagen hört. Diese Szene könnte so auch in LE MANS stehen. Steve McQueen hat dem verhassten GRAND PRIX möglicherweise mehr zu verdanken, als sein Star das ja zugegeben hätte. LE MANS sieht so aus, als hätte er die richtigen Schlüsse aus Frankenheimers Film gezogen: den erzählerischen Zierrat radikal kürzen, Dialoge rausstreichen und noch mehr zum Bild, zur Bewegung, zur reinen Empfindung kommen. Vielleicht schoss McQueen zu weit übers Ziel hinaus, denn einen emotionalen Anknüpfungspunkt bietet LE MANS überhaupt nicht und verschreckte damit das Publikum. Das ist hier noch anders. GRAND PRIX stammt aus einer anderen Zeit. Da durften Rennfahrer einfach noch echte Supermänner sein, mit echten Gefühlen und der Rennsport war ein großes Abenteuer. Hoffnungslos romantisch, aber im richtigen Moment sehr schön.

Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig: So könnte man das Dilemma von OK CONNERY beschreiben, der von Alberto De Martino routiniert inszeniert wurde, die rührenden Naivitäten anderer europäischer Bond-Klone weitestgehend  vermissen lässt – aber eben auch stinklangweilig ist. Interessant ist er zunächst einmal, weil er seinen Rip-off-Status so offensiv angeht wie nur wenige Eurospy-Vehikel, die in den Sechzigerjahren aus den Studios in die Kinosäle katapulltiert wurden: In der Hauptrolle als „Connery“ ist mit Neil Connery niemand Geringeres als der Bruder Seans zu sehen, dem dann auch ständig die große Ähnlichkeit zum Star bescheinigt wird. Als seine Auftraggeber fungieren mit Bernhard Lee und Lois Maxwell der „M“ und Miss Moneypenny aus den Vorbildern: Sie agieren hier zwar unter anderem, nicht Copyright-geschützten Namen, sollen aber unverkennbar dieselben Rollen spielen und belegen das durch ständige Anspielungen. Mit Adolfo Celi als schurkischem Mr. Thai, eines Angehörigen der Verbrecherorganisation „Thanatos“, und Daniela Bianchi sind zwei weitere einstige Bond-Mitwirkende von der Partie und das Titelthema dudelt ebensfalls auf den Spuren der Doppelnull. Will man das Positive hervorkehren, so könnte man sagen, dass OK CONNERY dem Professionalismus der Bond-Filme recht nahe kommt.

„Nahe“ ist in diesem Fall aber auch das Problem, denn so sehr sich De Martino auch müht, großes Kino abzuliefern, es hapert letztlich doch an allen Ecken und Enden. Das beginnt beim Hauptdarsteller, der seinem Bruder zwar ähnlich sieht, aber jegliches Charisma, das es dazu braucht, einen Film zu tragen, vermissen lässt. Das scheinen auch die Verantwortlichen gemerkt zu haben, denn Neil Connery wirkt wie ein Passant in einem Film, in dem er eigentlich die treibende Kraft sein sollte. Die Geschichte um einen Magnetstrahl, mit dessen Hilfe „Thanatos“ alle Maschinen auf der Erde lahmlegen kann, ist umständlich und konfus: Das gilt zwar auch für die Bondfilme, doch diese liefern wenigstens Attraktionen in schneller Folge, die das vergessen lassen. Hier hingegen passiert nix. Wenn zum Showdown dann endlich mal die Schwarte kracht, ist das durchaus hübsch anzusehen, aber zu diesem Zeitpunkt ist alle Geduld schon längst aufgebraucht.

Und genau deshalb geht der Schuss mit der erwähnten „Seriosität“ auch nach hinten los: Wenn OK CONNERY wenigstens schön beknackt wäre, die Distanz zu den Vorbildern mit schlechten Effekte und Pappmaché-Bauten wettmachte und so etwas zum Schmunzeln böte, man bekäme vielleicht kein großes Agentenkino, aber hätte immerhin seinen Spaß. So ermüdet das nicht vorhandene Spektakel schon nach kurzer Zeit: Ich war nach etwa der Hälfte des Films nur noch physisch anwesend, was genau danach noch passiert ist, könnte ich nicht mehr sinnvoll nacherzählen, zu egal war mir das alles. So bleibt am Ende ein Gimmick, das OK CONNERY einen gewissen Kuriositätenbonus verleiht. Es reicht aber, von der Existenz des Films zu wissen, um in munteren Biergesprächen unter Filmfreunden damit aufwarten zu können. Sehen muss man ihn beim besten Willen nicht.

tenlittleindiansAgatha Christies Roman „And then there were none“ von 1939 wurde etliche Male verfilmt: Die früheste Adaption datiert laut Wikipedia auf 1945 und wurde von René Clair inszeniert, selbst mehrere indische und tamilische Produktionen sind bekannt. Peter Collinsons Film von 1974 liegt ganz auf der Linie der im selben Jahr mit Sidney Lumets MURDER ON THE ORIENT EXPRESS gestarteten Poirot-Reihe: Beeindruckende Star-Ensembles wurden für gediegen-altmodische, leicht schwarzhumorige internationale Prestigeproduktionen vor der Kamera versammelt und für die nötigen Schauwerte an exotische Schausplätze verfrachtet. Im vorliegenden Fall sind es Oliver Reed, Richard Attenborough, Herbert Lom, Elke Sommer, Stephane Audran, Adolfo Celi, Gert Fröbe, Charles Aznavour, Maria Rohm und die Stimme von Orson Welles, die um die Gunst des Zuschauers buhlen. Leider bekommen sie vom Drehbuch nicht viel geliefert: Sie sagen brav ihre Dialogzeilen auf, geistern sonst aber ebenso verloren durch die pompöse Kulisse des Shah Abbas Hotels in Isfahan wie ihre Charaktere, die sich einem unbekannten, aus dem Dunkel zuschlagenden Mörder gegenübersehen. Ich meine, den Film als Kind gesehen und sehr beeindruckend gefunden zu haben, heute regierte eher die Langeweile, die nur von der Sympathie für solche in ihren Marketing-Mechanismen krass durchsichtigen und Mitte der Siebziger von der Zeit eigentlich längst überholten Vehikel etwas gemildert wird.

Man sieht das Potenzial an allen Ecken und Enden: Die Fotografie ist fantastisch, ein Italiener hätte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln vermutlich einen wunderbar psychedelischen Giallo gezaubert. So saß aber der Brite Collinson auf dem Regiestuhl: TEN LITTLE INDIANS ist weitgehend spaßfrei, knochentrocken und von seiner eigenen Bedeutung als großes Entertainment allzu sehr überzeugt. Die strukturelle Herausforderung, einen Film ohne Mörder zu drehen, bekommen weder er noch das Drehbuch in den Griff, manchmal nimmt der Film geradezu unverzeihliche Abkürzungen: Die „Durchsuchung“ des in den Totalen als monumentaler Komplex erkennbaren Hotels dauert gerade mal fünf Minuten, nach denen die Figuren wahrhaftig der festen Überzeugung sind, jeden Winkel durchkämmt zu haben. Die meiste Zeit gucken sie demnach trüb in die Gegen und überlegen, wer der Bösewicht sein könnte, bevor einer in rätselhafter Geistesabwesenheit die Gruppe verlässt und ebenso offscreen wie  unspektakulär sein Leben aushaucht. Spannung kommt auch nicht auf, als die Verbliebenen beginnen sich gegenseitig zu verdächtigen, wohl auch, weil keiner von ihnen echtes Profil über sein berühmtes Antlitz hinaus entwickeln darf. Erst der Schlussgag sorgt dann für ein wenig Stimmung und jenes wohlige Frösteln, das TEN LITTLE INDIANS eigentlich während seiner kompletten Laufzeit hätte hervorrufen sollen. Kein richtiger Reinfall, aber doch eher ernüchternd.

10616-James-Bond-In-Thunderball-(www.WallpaperMotion.com)Wenn die ersten drei Bondfilme – DR. NO, FROM RUSSIA WITH LOVE und GOLDFINGER – als Suche nach der richtigen Formel beschrieben werden können, dann stellt THUNDERBALL so etwas wie eine frühe Konsolidierung dar. Es gibt narrative und dramaturgische Unterschiede zum unmittelbaren Vorgänger – z. B. eine recht lange Exposition, Bond wird nicht auf den Superschurken Largo (Adolfo Celi) direkt angesetzt, sondern mit der Suche nach verschwundenen Atomsprengköpfen beauftragt, Largos Coup ist gewissermaßen dreigeteilt: Raub der Atomraketen, Erpressung der britischen Regierung, Zerstörung Miamis bei Nichterfüllung seiner Forderungen –, aber diese stellen keinen nachhaltigen Eingriff in die etablierte Erfolgsformel dar. Man muss THUNDERBALL vor allem als Machtdemonstration, als wirtschaftliche Unternehmung begreifen: Was Youngs Film hinsichtlich erzählerischer Kreativität gegenüber GOLDFINGER vermissen lässt, macht er mit finanziellem Aufwand und technischen Effekten wett. Der Film ist gespickt mit einer Vielzahl von Unterwasseraufnahmen, bei denen nicht nur eine ganze Armee von Tauchern, sondern auch diverse kleine U-Boote und anderes Equipment eingesetzt werden, und die einen erheblichen Teil des mit 9 Millionen Dollar bezifferten Budgets verschlangen. Der Aufwand lohnte sich anscheinend, denn THUNDERBALL gilt bis heute als der nach Inflationsbereinigung erfolgreichste Film der Reihe. Er festigte den Ruf der Serie als Lieferant von eskapistischem State-of-the-Art-Entertainment und war ein wichtiger Wegweiser für die Zukunft, in der ein neuer Bondfilm immer auch als Showcase für das, was technisch möglich ist, fungieren sollte. Er legte endgültig das Fundament für eine Entwicklung, die den britischen Geheimagenten 12 Jahre später mit MOONRAKER ins All und an die Grenzen des Franchises führen sollte.

Es klingt zwischen den Zeilen möglicherweise durch: Ich hielt THUNDERBALL immer für einen der schwächeren Bondfilme und daran hat sich auch bei diesem Wiedersehen nichts geändert. Er erreicht seine Spieldauer von knapp 125 Minuten vor allem durch die lang ausgewalzten Unterwasserszenen, deren Schauwert aber schnell verfliegt. Die lange Unterwasserschlacht im Finale ist aus logistischer Sicht wahrscheinlich ein Meisterstück, aber auch schrecklich langweilig und undynamisch (ich bin gestern dabei eingeschlafen). Sie ist gewissermaßen symptomatisch für den ganzen Film, dem irgendwie der Pfiff und der Witz fehlen, der die Serie sonst auszeichnet. Trotz seines sonnigen Handlungsortes – THUNDERBALL entstand auf den Bahamas – wirkt er schwerfällig, trist und leer, als sei jegliche Inspiration unter den Anforderungen des Drehs erdrückt worden. Wo andere Bondfilme mit Ideen, kleinen Gags, Nebenepisödchen und skurrilen Charakteren überquillen, sprich: Lebensfreude ausstrahlen, hat Young hier sichtlich Schwierigkeiten, das, was da ist, mit Leben zu füllen. Das beste Beispiel ist der Oberschurke Largo: Der wunderbare Adolfo Celi bekommt kaum etwas zu tun und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, er trüge die Augenklappe nur, damit sein Charakter wenigstens irgendein spezifisches Detail aufweist. Die Show wird ihm von Luciana Paluzzi als Femme Fatale Fiona Volpe gestohlen, die weibliche Diabolik perfekt mit der Zickigkeit einer sich übergangen fühlenden Prom-Queen-Kandidatin verbindet, aber vom Drehbuch aus dem Film genommen wird, bevor sie dem Agenten wirklich gefährlich werden kann. Claudine Auger ist als Bondgirl Domino absolut hinreißend, eine echte Augenweide, als Charakter aber ebenfalls ziemlich langweilig. Ihre Szene kurz vor Schluss, als sie mit Bond an einem wie aus dem TUI-Katalog entsprungenen Traumstrand liegt, ist die schönste, entspannteste des ganzen Films, weil es der einzige Moment ist, dem man gestattet zu atmen, einfach nur zu sein. Für wenige Minuten scheint der Film frei vom Erfolgsdruck, von seinem unbedingten Willen in jeder Sekunde das größtmögliche, technisch innovativste Entertainment zu bieten. Und das ist ja dann auch das, was man mit den Bondfilmen assoziiert: nicht nervenzerfetzende Spannung, sondern eher spielerische Leichtigkeit. So gesehen fällt dieser „Formelfilm“ dann doch ziemlich raus aus der Reihe.

Sean Connery bezeichnete seine Darstellung Bonds in THUNDERBALL angeblich als seine gelungenste. Darüber kann man streiten – ich finde ihn, wie den ganzen Film, etwas eindimensional –, aber sicher darf man seinen Wandel hin zum grimmigen, fest entschlossenen Vollstrecker nach GOLDFINGER, wo er sich ziemlich ungeschickt anstellte, als deutliche Reaktion werten. Sein Schürzenjägertum kippt hier mehr als einmal ins Stalker- und Triebtäter- und Raubtierhafte, das einem Helden eigentlich nicht sonderlich gut zu Gesicht steht. Aber wie mir Sylvia beim Kongress zuflüsterte, empfinden manche Frauen gerade diese Art der Unverfrorenheit ja als besonders reizvoll. Möglicherweise hat die wichtige Präsenz von Haien in THUNDERBALL doch eine größere symbolische Bedeutung, als ich gestern annahm.

poster_zoomL’HOMME DE RIO, Philppe de Brocas zweite Zusammenarbeit mit Jean-Paul Belmondo nach dem Mantel-und-Degen-Film CARTOUCHE, ist eine jener für die Sechzigerjahre so typischen Abenteuerkomödien – und natürlich die Fingerübung, die nötig war, um mit LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE ein handfestes Meisterwerk des Genres abzuliefern. Mit diesem verbindet L’HOMME DE RIO ein glänzend aufgelegter Belmondo, der seiner Vorliebe für waghalsige Stunts nachgeht, ein romantischer Subplot um die nicht ganz so kurvenreiche, dafür Beschützerinstinkte weckende Françoise Dorléac, sonnig-exotische Schauplätze im Minutentakt, die atemlose Aneinanderreihung von spektakulären Set Pieces und die locker-flockige Leichtigkeit, mit der das Ganze bei größter inszenatorischer Sicherheit vorgetragen wird. Was hier zum ganz großen Glück fehlt, ist die Vielzahl zündender Gags und vor allem eine Story, die nicht bloß Prämisse ist. Auch wenn LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE ganz bestimmt keine philosophische Abhandlung zum Thema „Glück“ ist, so bringt die Disposition seines Protagonisten doch eine gewisse Fallhöhe mit sich, verleiht der Abfolge von Slapstick-Einlagen und Actionszenen einen über diese hinausweisenden Sinn. De Broca begnügt sich bei L’HOMME DE RIO gewissermaßen damit, irgendeine Schnur zu haben, an der er die einzelnen Szenen und Sequenzen auffädeln kann. Wenn man mag, und das tue ich, kann man diesen Minimalismus natürlich auch als Stärke begreifen: Dann ist dieser Film noch näher dran am „Kino der Attraktionen“, mit dem die Filmgeschichte ihren Anfang nahm, und eine beachtliche Willensleistung überdies. Mit einer Laufzeit von knapp zwei Stunden ist L’HOMME DE RIO ein funkelndes Perpetuum Mobile, das nur um sich selbst kreist.

Man kann de Brocas Film – der von der Jagd nach einer seltenen Statue handelt, die mit zwei anderen zusammen eine Art Schatzkarte ergibt – auf eine ganz basale Idee zurückführen: Belmondos Protagonist Adrien Dufourquet ist ein französischer Soldat, den es in seinem Kurzurlaub unerwartet und spontan nach Brasilien verschlägt, wohin seine Freundin entführt wurde. Die Zeit drängt, denn wenn er nicht binnen acht Tagen zurück in Paris ist, droht ihm eine Verurteilung als Deserteur. Der Film endet nach haarsträubenden Turbulenzen tatsächlich rechtzeitig am Bahnsteig des Pariser Bahnhofs, wo Dufourquets in letzter Sekunde eintreffender Kamerad von dem Verkehrschaos auf dem Weg berichtet, einem Abenteuer, von dem sich Adrien keinerlei Vorstellungen machen könne. Und Adrien, den es innerhalb weniger Tage von Rio nach Brasilia und in den Amazonas verschlagen hat, antwortet mit Kenntnis des Pariser Verkehrs, dass das in der Tat kein Zuckerschlecken gewesen sein könne. Oft sind solche Filme, die im Prinzip auf einem einzigen kleinen Witz basieren, die allerbesten.

Doch mehr als alles andere ist es hier diese unendlich entspannte Stimmung, die den Film auszeichnet, die Haltung, dass es manchmal lohnt, das für unmöglich Gehaltene möglich zu machen, nicht zu viel über Fürs und Widers nachzudenken, sondern die Dinge einfach zu tun, unreflektiert, spontan, impulsiv. L’HOMME DE RIO ist ja auch eine wunderschöne Utopie, eine, in der sämtliche denkbaren Barrieren, seien es politische, wirtschaftliche, ethische oder physische, durchlässig geworden sind. Hauptantrieb ist die Liebe und die kennt eben, es ist keinesfalls so banal wie es die Wiederholung in 100.000 Schlagern und Schnulzen suggeriert, keine Grenzen, lässt sie im Gegenteil dahinbröckeln. Die Überzeugungskraft und Selbstverständlichkeit, mit der de Broca diese „Message“ transportiert, scheint heute indes kaum noch möglich: Die Freundschaft zwischen Adrien und einem kleinen brasilianischen Straßenjungen müsste etwa wahrscheinlich dutzendfach abgesichert und somit ihrer so befreienden Reinheit entledigt werden, um Vorwürfen von Rassismus und Kulturimperialismus vorzubeugen. (Aber man muss gar nicht in gesellschaftspolitische Details vordringen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen: Schon wie sich Adrien ins Flugzeug nach Brasilien schummelt, wäre so heute nicht mehr denkbar.) Die lichtdurchfluteten Bilder, die de Broca mithilfe von Kameramann Edmond Séchan malt, sind natürlich das ideale Medium für diese Geschichte, in der Zeit und Raum auf die Größe eines Stecknadelkopfes zusammenschrumpfen, die Welt ein Dorf ist oder aber Kulisse für die Liebesspielchen von Adrien und Agnés. Besonders hervorzuheben ist hier die Sequenz in der damals gerade in der Entstehung begriffenen neuen brasilianischen Hauptstadt Brasilia, einer Ansammlung halbfertiger hochmoderner Wolkenkratzer inmitten einer rotsandigen Baustelle: So seltsam es klingen mag, aber hier nimmt L’HOMME DE RIO die Verträumtheit der Thailand-Sequenz von LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE vorweg. Zum ganz, ganz großen Glück fehlten für meinen Geschmack nur ein paar mehr echter Gags. Aber auch das fällt nicht allzu schwer ins Gewicht, wenn man diese eine Szene hat, in der Aolfo Celi – synchronisiert vom unvergesslichen Arnold Marquis – seiner geschmackvoller Klassik lauschenden Gattin barsch entgegenkläfft: „Ich kann diese barbarische Musik nicht ertragen!“. Ein Filmmoment für die Ewigkeit.

Malaysia in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Der adlige Sandokan (Kabir Bedi) verdingt sich nach der Ermordung seiner Familie durch den britischen Kolonialherren James Brooke (Adolfo Celi) als Pirat und Freiheitskämpfer. Der portugiesische Seefahrer Yanes de Gomera (Philippe Leroy) steht dem Volkshelden mit Rat und Tat zur Seite, der immer größeren Zorn der Besatzer auf sich zieht. Nachdem er auf hoher See in einen Hinterhalt gelockt wird und über Bord geht, landet er schließlich in der Obhut des Briten Lord Guillonk (Hans Caninenberg), dem Onkel der entzückenden Marianna (Carole André), der keine Ahnung hat, wer ihm da in die Hände geraten ist. Marianna verliebt sich in den Piraten und flieht mit ihm auf dessen Insel Mompracem. Mit der Hilfe des verzweifelten Guillonk plant Brooke den entscheidenden Schlag gegen den Rebellen …

Unter dem Titel SANDOKAN – DER TIGER VON MALAYSIA lief Sergio Sollimas Miniserie – sechs Episoden à 60 Minuten – mit großem Erfolg im deutschen Fernsehen und bescherte dem indischen Hauptdarsteller Kabir Bedi unter anderem den goldenen Bravo-Otto als beliebtester Fernsehschauspieler. Wie sehr sich die Welt doch in den vergangenen 40 Jahren verändert hat: Das Format der Miniserie ist heute genauso gestorben wie das Genre des bunten Abenteuerfilms, und dass ein feuriger Südostasiate mit wallender Mähne und leidenschaftlich geschwungenen Lippen die Zuneigung der deutschen Teenager gewinnt, scheint kaum noch denkbar. SANDOKAN ist insofern reichlich „dated“: Die dialoglastige Dramaturgie wirkt teilweise ebenso steif wie die abgebildete feine britische Gesellschaft, jeglicher Humor, der den überbordenden Exotismus und Romantizismus, den der Titelheld bedient, abfedern würde, ist abwesend, die schwülstige Love Story kommt ohne jeden Sex aus, und die Action hebt sich Sollima für die letzte Episode auf. Den Gigantismus, den man aus späteren, US-amerikanischen Miniserien wie NORTH AND SOUTH kennt, sucht man außerdem vergebens. Zwar dürfte SANDOKAN ein ordentliches Budget gehabt haben, doch nicht zuletzt durch die überschaubare Zahl der handelnden Figuren entsteht eher der Eindruck eines entgrenzten Kammerspiels denn der eines ausufernden Epos. Auch die psychologische Ausgefeiltheit und Kompexität, die man etwa an heutigen Fernsehserien zu schätzen weiß, strebt SANDOKAN nicht an, füllt seine Spielzeit stattdessen mit einer Vielzahl bunter Geschichten, deren Ablauf jedoch meist vorhersehbar ist.

Das ist es dann aber auch, was ich an SANDOKAN auch heute noch so überaus sympathisch finde: Die Serie trägt keine überkandidelten Ansprüche vor sich her, zielt weder auf historische Genauigkeit ab noch auf das mittlerweile selbst zum Klischee gewordene „Spiel mit den Erwartungen“. Sollima geht stattdessen mit verblüffender Ehrlichkeit zu Werke und liefert 6 Stunden pulpig-bunten Eskapismus, dessen ernsteren Untertöne – Toleranz und Respekt gegenüber „fremden“ Kulturen, Kritik am Kolonialismus und die Propagierung eines „einfachen“ Lebens – die nackte Freude an der weitestgehend unschuldigen Räuberpistole niemals überdecken. Im Grunde genommen war SANDOKAN schon in den Siebzigerjahren – dem Jahrzehnt des Vietnamkriegs, an den man sich damals vielleicht noch stärker erinnert fühlen musste – ein Anachronismus, eine Erinnerung an Zeiten, in denen Gut und Böse noch klar voneinander geschieden waren, Jungs von einem Leben an Bord eines Piratenschiffes und Mädchen von einem Tiger in Menschengestalt träumten.

 

Dem New Yorker Ableger der Mafia-Familie ist eine Ladung Heroin in Mailand geraubt worden: Zwei Killer (Henry Silva & Woody Strode) werden nach Italien geschickt, um den kleinen Zuhälter Luca Canali (Mario Adorf) umzubringen. Nicht, weil man wirklich glaubt, dass er hinter dem Raub steht, sondern um an ihm ein Exempel zu statuieren und den tatsächlich Schuldigen – den Mailänder Mafiaboss Don Vito Tressoldi (Adolfo Celi) – einzuschüchtern. Die Jagd auf Luca wird eröffnet, doch der weiß sich zu wehren …

Nach MILANO CALIBRO 9 ist LA MALA ORDINA der zweite Teil in Di Leos Mailand-Trilogie. Thematisch bleibt er dem Vorgänger treu: Auch hier geht es um den verzweifelten Kampf eines Kleinkriminellen gegen die Machtstrukturen der Mafia: Der Zuhälter Luca wird zum sprichwörtlichen Bauernopfer, zur hilflosen, entbehrlichen Spielfigur in einem Spiel ungleich mächtigerer Männer, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Doch es zeigt sich, dass das große Herz des kleinen Mannes eine Waffe ist, die den Bossen gewaltigen Ärger machen kann. Es ist der Mut der Verzweiflung, ein heiliger, ungebremster Zorn, der Luca am Ende obsiegen lässt. Doch er muss dazu erst alles verlieren, was er hat.

LA MALA ORDINA ist nicht ganz so kompakt und fokussiert wie MILANO CALIBRO 9, der von der ersten Sekunde an ohne Umwege auf sein unausweichliches Ende zuläuft. Während letzterer eine Welt zeigt, in der der kleine Gauner keine Chance hat, sein Leben ein einziger sinnloser Kampf gegen das Ertrinken ist, der am Ende dann doch verloren wird, gestattet Di Leo seinem Helden im ersteren zumindest einen Etappensieg. Es bleibt zwar kein Zweifel daran, dass Luca zerstört ist, für immer gezeichnet von den Ereignissen und ohne Hoffnung, seinem Schattendasein jemals zu entrinnen, aber für den Moment hat er sich freigekämpft, den Mächtigen eine Niederlage zugefügt. LA MALA ORDINA ist also nicht von dieser bleiernen Traurigkeit und sein ganzer Rhythmus ist lebhafter. Untermalt wird er nicht von den herzzerreißenden Kompositionen Bacalovs, sondern von den treibenden, pumpenden Bässen Armando Trovaiolis. Mehr als MILANO CALIBRO 9 ist LA MALA ORDINA ein Film einzelner Szenen, Momente und herrausstechender Spitzen als eines stetigen Flows.

Zu Beginn erhalten die Killer ihren Mordauftrag von einem großväterlichen, liebenswerten Herren (Cyril Cusack) mit der Sachlichkeit eines Museumsdirektors, während Luca parallel seine Nutten vor zwei Schlägern bewahrt: Schon dieser Anfang etabliert den ganzen Konflikt des Films zwischen den distanzierten, mitleidlosen Bossen in ihren Glashäusern und den kleinen Straßengaunern, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Dann ist da natürlich das dramatische Center Piece des Films, eine Verfolgungsjagd, die für mich zu den größten Errungenschaften des italienischen Crimefilms zählt: Luca jagt den Mörder seiner Frau und Tochter mit dem Auto und dann schließlich zu Fuß. Er steigert sich dabei in einen wahrhaft berserkerhaften Rausch, getrieben von einem fast animalischen Instinkt. Als er den Killer gestellt und umgebracht hat, bricht schließlich alles zusammen: Seine Rache ändert nichts, jetzt ist er mit der schrecklichen Gewissheit des Todes seiner Lieben und seiner Trauer ganz allein. Diese Sequenz allein rechtfertigt die Sichtung von LA MALA ORDINA und ist gehaltvoller, spannender und bewegender als mancher ganze Film. Mario Adorf explodiert förmlich, schreit, schwitzt, rennt, stolpert, heult – und zerschlägt Windschutzscheiben mit seiner Stirn.

Wie MILANO CALIBRO 9 Gastone Moschins Film ist so beherrscht Adorf LA MALA ORDINA. Der Film ist ohne ihn gar nicht denkbar: Adorf ist Luca Canali, der kleine, herzensgute Zuhälter, immer am Limit, ein Bauchmensch, wie er im Buche steht. Und was ein beliebiger Gangsterfilm hätte sein können, wird durch seine Darbietung zum ganz großen Drama, zu einem Film großer emotionaler Kraft. Aber er ist nicht allein und LA MALA ORDINA ist tatsächlich noch spektakulärer besetzt als sein Vorgänger: Bond-Girl Luciana Paluzzo, Femi Benussi und Sylvia Koscina sorgen für weibliche Schauwerte, Nebenrollen sind unter anderem mit Peter Berling und Ulli Lommel besetzt. Henry Silva ist eine Schau als geckenhafter, vergnügungssüchtiger Killer, der seinem wortkarge Kollegen Woody Strode mächtig auf die Nerven geht. Adolfo Celi spielt den Mafiaboss, der an die Grenzen seiner Autorität stößt, Cyril Cusack brilliert als sein „seriöses“ Gegenstück: Wer seine Macht besitzt, der braucht keinen aggressiven Machismo. Genug der langen Rede: LA MALA ORDINA ist ein Film, der endlos glücklich macht. Wer ihn noch nicht kennt, hat keine Ausrede.