Mit ‘Adrian Lyne’ getaggte Beiträge

Ein Film namens FOXES, der sich um das Coming of Age von vier Highschool-Mädels dreht, inszeniert von Adrian Lyne: Da schrillen gleich alle Alarmglocken. Die von Lyne in schwül-steriler Videoclip-Optik inszenierten 9 1/2 WEEKS, FLASHDANCE und LOLITA haben den Ruf, vor allem den Voyeurismus lüsterner Herren zu bedienen und Frauen als makellose Objekte der Begierde zu stilisieren. Als völlig haltlos abzuschmettern ist der Vorwurf definitiv nicht und für FOXES, Lynes Debütfilm, lässt das Schlimmes befürchten, was sich dann aber nicht bewahrheitet. Im Gegenteil ist FOXES zurückhaltend, ehrlich, sensibel und empathisch und überhaupt nicht daran interessiert, seine jugendlichen Darstellerinnen zur Schau zu stellen. Die eröffnenden Bilder, die die Mädchen im Schlaf kurz vor dem Aufwachen zeigen und Detailaufnahmen ihrer bekleideten Körper zeigen, sind der einzige Moment, in dem man Lyne des Voyeurismus beschuldigen könnte, ansonsten bleibt FOXES angenehm zurückhalten, verhandelt das alles bestimmende Thema „Sex“ eher auf er Dialogebene statt in ausgebreiteten Erotikszenen.

„Jeanies Clique“, so der deutsche Verleihtitel, besteht aus Jeanie (Jodie Foster), die mit ihrer Mutter (Sarah Kellerman) allein lebt, seit die sich von ihrem Mann, einem englischen Musikproduzenten, getrennt hat. Nun wirft sie sich verzweifelt jedem Kerl an den Hals, um die Einsamkeit zu dämpfen, und holt ihr Studium nach. Jeanie ist meistens allein und hat trotz ihres Alters von 15 eine oberflächliche Reife erreicht, die sie zum Mittelpunkt ihres kleinen Freundeskreises macht. Insgeheim träumt sie von einer großen Loftwohnung, in der die vier Mädchen dann zusammenwohnen. Zu diesem gehöre außerdem Madge (Marilyn Kagan), das Mauerblümchen der vier, dass dann aber alle mit der Offenbarung überrascht, einen Verlobten zu haben (Randy Quaid), der die 30 schon hinter sich hat. Deirdre (Kandice Stroh) ist immer auf Beutezug, setzt gern ihre Reize ein und fühlt sich als die erwachsenste ihrer Clique, was sie in dramatisch inszenierten Nervenzusammenbrüchen zum Anlass nimmt, sich tränenreich über ihrer Verantwortung zu beklagen. Und dann ist da Annie (Cherie Curry), deren private Probleme – ein gewalttätiger Polizisten-Vater, eine sich in ihre Opferrolle ergebende Mutter und eine ausgeprägte Drogensucht – die Gruppe insgeheim zusammenhalten.

FOXES dreht sich im Wesentlichen um die Gespräche der Mädchen, die ihre Probleme, Träume und natürlich Jungs diskutieren. Noch im Highschool-Aalter, möchten sie eigentlich gern schon erwachsen sein, eine eigene, schick eingerichtete Wohnung haben, Parties feiern und sich von einem erfolgreichen Mann aushalten lassen. Sie halten sich für reif, doch ihr Blick auf das Leben weist sie als Kinder aus, deren Eltern es versäumt haben, ihnen einen Kompass an die Hand zu geben. Am deutlichsten zeigt sich das natürlich an Annie, die manchmal für Tage einfach in den Straßen Hollywoods verschwindet, sich mit merkwürdigem Volk einlässt und schon mit 15 im Eiltempo auf ihre Ende zurast. Das kaum weniger deprimierende Gegenstück bildet Madge, die am Ende den über 15 Jahre älteren Mann heiratet, um wiedergutzumachen, dass sie dessen Haus bei einer aus dem Ruder gelaufenen Party total verwüstet hat. Dazwischen taucht immer wieder der nette Brad (Scott Baio) auf, der eigentlich genau in ihrem Alter ist, von ihnen aber als „Kind“ bemitleide und abgelehnt wird. In einer rührenden Szene fragt er Annie auf der Rückfahrt aus der Disco, ob sie mit ihm schlafen wolle. Als sie lachend verneint, fragt er daraufhin nacheinander die anderen drei, von diesen ebenfalls nur albernes Kichern erntend.

FOXES war bei meiner Sichtung möglicherweise der richtige Film zur falschen Zeit – vielleicht ist er aber auch einfach nicht besonders zwingend: Er ist eigentlich recht schön, zeigt schon Lynes visuelles Gespür, ist aber noch nicht so gestreamlined wie seine späteren Kassenschlager – statt der Achtziger dominieren hier noch die Seventies -, aber er mäandert so etwas schwermütig dahin. Eigentlich ist es ja schön, dass er seine Protagonistinnen nicht den Zwängen eines Plots unterwirft, aber über weite Strecken wusste ich als Betrachter einfach nicht, wo das alles hinführen soll. Vielleicht sind mir diese Mädchen auch einfach zu fremd. Mike McPadden schreit in „Teen Movie Hell“ sehr richtig: „FOXES is the SEX AND THE CITY prequel for a generation of women who each love their girl gang, but always feel alne, and still live for a horse ranch fantasy dished out by an absentee  rock star dad who strokes his daughter’s hair, tries to pay her off with clothes-shopping money and tells her mom is doing her best.“ 

Die drei Darstellerinnen neben Jodie Foster, die hier alle als „Entdeckungen“ eingeführt wurden – die umwerfende Cherie Curry spielte vorher mit Joan Jett und Lita Ford in der Girlband The Runaways – traten danach nur noch sporadisch in Erscheinung, für eine Schauspielkarriere reichte es dann doch nicht. Wie Annie, Madge und Deirdre wurden sie von Hollywood geschluckt.

Simpson, Bruckheimer, Lyne, Eszterhas. Man müsste gar nicht mehr über FLASHDANCE sagen. Er ist tatsächlich die Summe dessen, wofür diese Namen stehen: ein gelecktes, zielgruppenoptimiertes, hohles, sexistisches und quasipornografisches Nichts, das mit „Glaube an dich selbst“- und „Nutze deine Chance“-Mantra einen amerikanischen Traum reaktivieren möchte, den die Produzenten selbst längst durch Koks, Geld und käuflichen Sex ersetzt haben. Die vier Genannten haben alle ihre Leichen im Keller, aber ja auch irgendwas vorgebracht, was man bei aller hedonistischen Schmierigkeit lieben kann: Das Beste, was sich indessen über FLASHDANCE sagen lässt, ist dass es Kameramann Donald Peterman gelingt, Arbeit im Stahlwerk und den Arsch der Hauptdarstellerin gleichermaßen attraktiv aussehen zu lassen, und der Soundtrack von Giorgio Moroder ganz gut reinknallt, wenn man mit seinem pathetisch-opernhaftem Discopop klarkommt.

Die Blödheiten der Geschichte sind, glaube ich, bereits bekannt: Selbst wenn es irgendwo auf der Welt eine bildschöne 18-Jährige gibt, die ihr Geld als Schweißerin im Stahlwerk verdient und nebenbei eine talentierte Tänzerin ist, die von der Aufnahme in eine Ballettschule träumt, während sie in der Realität die grölenden, besoffenen Männer in einer drittklassigen Absteige animiert, so glaube ich nicht, dass sie sich von ihrem Gehalt diese riesige Loftwohnung leisten könnte, die sie hier bewohnt. Ich glaube auch nicht, dass sie eine erfüllende Liebesbeziehung mit ihrem großherzigen, attraktiven Chef unterhielte und statt einer Mutter eine ältere Dame mit russischem Akzent besuchte, die sie zum Studium an der Tanzakademie motiviert. Ich glaube auch nicht, dass sie die Polenwitze, die ihr Kumpel Richie (Kyle T. Heffner) bei seinen Auftritten als Comedian zu reißen pflegt, lustig fände. Oder dass sie nicht die Polizei riefe, wenn ihr Chef sie mit dem Porsche nach Hause verfolgt, nachdem er einen Korb von ihr bekommen hat. Ich glaube auch nicht, dass sich dieses Mädchen wirklich mit seinen dreckigen Arbeitsschuhen in der Akademie einschreiben wollen würde. Oder dass die allesamt brutal talentierten Tänzerinnen in ihrer Tittenbar beste Freundinnen wären. Fraglich auch, ob ihr schnauzbärtiger Geldgeber Abend für Abend die Kohle für ihe extravaganten Darbietungen und Kostüme rausschmisse und im Gegenzug nicht darauf bestünde, dass sie auch mal blank ziehen.

FLASHDANCE häuft wirklich eine unglaubliche Menge an Unfug an und fordert den Betrachter dazu auf, ihm das alles abzukaufen. Es gelingt ihm mit seiner unverschämten Verführungsstrategie: Jennifer Beals schaut mit ihren braunen Kulleraugen unter dem störrischen Pony einfach zu süß, ihre Oberschenkel glänzen zu schön im Neonlicht, der Dampf im Stahlwerk wabert zu dekorativ, die Synthies von Moroder orgeln zu enthusiastisch, als dass man davon nicht betäubt würde. Es ist schon auch irgendwie klar, warum FLASHDANCE ein solcher Erfolg war, warum seine beiden großen Tanzszenen am Anfang und Ende mittlerweile zum kollektiven Bilderschatz zählen: Der Film umgeht – besser: umtanzt – die Zuschauerhirne und zielt direkt auf das etwas einfältige, leicht zu beeindruckende und immer geile Lustzentrum ab, den Ort, wo Irene Caras „What a Feeling“ in Dauerschleife rotiert und alle berechtigten, aber auch kleinlichen Fragen nach dem Sinn übertönt. Warum soll man sich mit Sexismus und Altherrenschmierigkeit befassen, wenn man stattdessen Jennifer Beals (oder ihrem Body Double) auf den Hintern schauen kann? Wieso sollte man annehmen, dass dieses für ihren Traum kämpfende Feenwesen eine Fantasie notgeiler Männer ist, anstatt ein Vorbild für die jungen Mädchen da draußen, die von der blühenden Tanzkarriere träumen, während sie das Schweißgerät schwingen? Warum sollte man sich vor ihrem Chef ekeln, der sie bei ihren Auftritten ansabbert, dann mit seiner Kohle ködert, sich anschließend in ihr Leben einmischt, dafür aber vom Drehbuch als Heiliger mit von der Liebe verdrehtem Kopf behandelt wird? Sind Polenwitze eigentlich wirklich in Ordnung, nur weil ein Pole sie reißt? Oder ist das nicht vielmehr auch nur eine der fiesen Strategien, mit der dieser Film seine eigene Verlogenheit tarnen und legitimieren möchte? Und worin genau liegt die Faszination von neureichen Geldsäcken wie Bruckheimer und Simpson für die Arbeiterklasse oder das, was sie dafür halten? Die Antworten sind klar.

Andererseits komme ich mir immer furchtbar doof vor, wenn ich Ressentiments und Bedenken wiederkäue, die die Feuilletonisten schon vor 30 Jahren zu Recht runtergebetet haben. Ja, FLASHDANCE ist wirklich ziemlich impertinent, aber weil man das ja eigentlich schon längst weiß, möchte ich mal infrage stellen, ob er wirklich noch „gefährlich“ ist. Ich habe mich über den Auftritt der Rocksteady Crew gefreut. Über Lee Ving, einst asozialer Sänger der noch asozialeren Punkband Fear, in einer Nebenroll als asozialer Besitzer der noch asozialeren Konkurrenz-Tittenbar (eigentlich, so deutet das Drehbuch an, ist er aber ein guter Kerl, der nur etwas Liebe braucht). Und über Laura Branigans unverschämtes „Gloria“, das ich seit zig Jahren nicht mehr gehört habe. Ansonsten möchte ich meine unmaßgeblichen Betrachtungen zu FLASHDANCE mit einer bekannte Redensart schließen, die mir an dieser Stelle sehr passend erscheint: Dumm fickt gut.

9 1/2 WEEKS ist ein gutes Beispiel dafür, wie vergänglich der Ruhm sein kann: In den Achtzigerjahren war Adrian Lynes Film als marketingträchtiger Skandal in aller Munde, die sadomasochistischen oder auch nur kreativen erotischen Spiele, die John Gray (Mickey Rourke) und Elizabeth (Kim Basiner) miteinander spielen, beflügelten so manches eingeschlafene Sexleben seiner Zuschauer und natürlich die Fantasie Pubertierender, die den Film wie ich anno 1990 bei seiner Free-TV-Premiere mitschnitten, um ihre Onaniesessions damit audiovisuell aufzuwerten. Die Hauptdarsteller erwarben oder festigten ihren Ruf als Sexsymbole, Adrian Lyne lieferte nach FLASHDANCE ein weiteres beredtes Argument dafür ab, warum man ihn heute als einen der prägendsten Regisseure der Achtzigerjahre bezeichnen darf. Dabei war sein Film mitnichten ein Riesenerfolg, in den USA sogar ein desaströser Flop, der erst durch den internationalen Einsatz und die Zweitverwertung „gerettet“ wurde und zum Kultfilm reifte. Schon wenige Jahre später redete aber eigentlich kein Mensch mehr von 9 1/2 WEEKS. Heute wird er am ehesten noch als Zeitmaschine rezipiert, mit der man sich in die Achtzigerjahre beamen kann, oder als putziges Beispiel dafür, was man früher so geil fand, herangezogen. Erotik hat eine nur kurze Halbwertzeit und was heute die Gemüter erregt, sorgt morgen bestenfalls noch für ein müdes Lächeln. Dabei lohnt es sich durchaus, sich 9 1/2 WEEKS noch einmal unvoreingenommen anzuschauen: Nicht nur gelang es Lyne wirklich, eine anregende erotische Atmosphäre zu schaffen – während die meisten der Designer-Softsex-Filmchen, die in seinem Gefolge entstanden, vor allem langweilig und steril sind –, sein Film ist auch in seiner Zeichnung einer dysfunktionalen Beziehung und der sadomasochistischen Beziehungsdynamik bemerkenswert differenziert.

Sein Gelingen beruht dabei nicht zuletzt auf dem überzeugenden Spiel der Darsteller, die Lyne einer menschlich fragwürdigen Spezialbehandlung unterzog, an die sich vor allem Kim Basinger heute mit Grausen zurückerinnert. Lyne verbat Rourke und Basinger, abseits des Drehs miteinander Kontakt aufzunehmen, verweigerte ihr jegliche Anweisung, manipulierte sie hingegen mit Aussagen darüber, wie Rourke diese oder jene Szene zu spielen gedenke, um sie nach Belieben vorzuprägen. Auch vor Misshandlung schreckte er dabei nicht zurück: Als die Basinger ihm einmal zu „hübsch“ aussah, forderte er Rourke auf, ihr wehzutun. Erst als sie nach einer Ohrfeige in Tränen ausbrach, begann er zu drehen. Die Furcht, Erregung und Nervosität Elizabeths, die man im Film sieht, ist mithin echt. Und um ihren kontinuierlichen Zusammenbruch transparent zu machen, drehte er den ganzen Film in chronologischer Reihenfolge, Kim Basinger an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibend. Die verstörende Qualität des Films schreckte aber das Testpublikum massiv ab: Vor allem das Ende, bei dem John seine Geliebte einem Selbstmordspielchen unterzieht, stieß auf Empörung und musste vor dem Start komplett entfernt werden. Der Entschluss Elizabeths, John zu verlassen, kommt in der Fassung, die schließlich in die Kinos gelangte, etwas überraschend – was das Fass zum überlaufen bringt, ist die eigentlich harmlose Fummelei Johns mit einer Prostituierten vor Elizabeths Augen –, aber eben auch realistischer. Und Johns finale Erkenntnis, seine große Liebe vertrieben zu haben, sein verzweifelter Versuch, sich zum ersten Mal vor ihr zu öffnen, um sie bei sich zu halten, erwecken nun tatsächlich Empathie, weil sein Verhalten eben noch nicht gänzlich ins Pathologische abgedriftet ist.

Es hilft natürlich immens, mit der Achtzigerästhetik etwas anfangen zu können, wenn man 9 1/2 WEEKS schaut. Von den Bildern eines noch nicht gentrifizierten, aber doch schon „hippen“ Manhattans, in dem die Yuppies überall ihre kleinen Enklaven errichtet haben, und natürlich der Mode über typische, dem Noir entlehnte Stilistika, wie etwa die expressiven Licht- und Schattenspiele, bis hin zum unverwechselbaren Score von Jack Nitzsche, der immer wieder von stimmungsvollen Synthie-Pop-Nummern aufgelockert wird, funktioniert Lynes Film fast schon wie eine Enzyklopädie des Eighties-Chic. Doch ist er dabei eben nicht nur kalt, wie oft unterstellt wird, entwickelt viel eher eine fiebrige, schüttelfrostige Atmosphäre zwischen Hitzeschüben und Kälteschaudern. Die Fotografie ist einmalig, die nie im Gleichgewicht befindliche Balance zwischen den Protagonisten, gewährt immense Spannung. Mickey Rourke ist nicht nur irrsinnig gutaussehend – es tut fast weh, ihn so zu sehen und seinem gegenwärtigen Alter ego gegenüberzuhalten –, sondern auch faszinierend unheimlich mit seinem abgründigen Lächeln: Man weiß nie, woran man bei ihm ist und er erreicht, dass die Stimmung binnen Sekundenbruchteilen kippt, ohne seinen Ausdruck wesentlich zu verändern. Unvorstellbar, was aus ihm hätte werden können, hätte er in den Folgejahren ein besseres Händchen mit seiner Rollenwahl bewiesen. Kim Basinger ist seine ideale Partnerin, weil sie nicht nur lecker aussieht, sondern sich auch spürbar überwinden muss, sich ihrem Partner dergestalt zu unterwerfen. Der eigentlich Schlüssel zum Erfolg. Ja, ich muss es so deutlich sagen: 9 1/2 WEEKS ist ein großartiger Film.