Mit ‘Adrien Brody’ getaggte Beiträge

Der Immigrant Zero Moustafa (Tony Revolori) hat sich in die stille Konditoreigehilfin Agatha (Saoirse Ronan) verliebt. Er führt sie ins Kino aus, wo sich beide hemmungslos abknutschen, und gesteht ihr seine Gefühle wenig später auf einem nostalgischen Kinderkarussell. Er ist aufgeregt, und noch bevor sie sein Geschenk auspacken kann, hat er ihr schon verraten, was darin ist, was der enthaltene Gedichtband ihm bedeutet. Seine Widmung fließt über vor Leidenschaft, er will ihr am liebsten alles auf einmal sagen, ohne noch eine Sekunde Zeit zu verlieren. Wes Anderson wechselt von einer halbnahen Einstellung der beiden – Zero links vor dem Holzpferdchen stehend, auf dem Agatha rechts im Bild Platz genommen hat – zu einer (typisch symmetrisch) komponierten frontalen Nahaufnahme ihres Gesichts, hinter ihr die bunten, verschwommenen Lichter des Karussells. Sie weiß nichts zu sagen, aber wie ein Zauber über ihre klaren Augen huschende Lichtreflexe verraten alles. Hier wurde eine Liebe geboren.

Eine andere Szene: Gustave H. (Ralph Fiennes), der Concierge des altehrwürdigen Grand Budapest Hotel, reist mit Zero, dem Lobbydiener, im Zug. Draußen sehen sie Soldaten vorbeiziehen, werden dann schließlich angehalten und kontrolliert. Gustave spielt mit seinem angeborenen kultivierten Charme über die ohne Zweifel bedrohliche Situation hinweg, behandelt sie wie einen Routineeingriff, aber er kann schließlich nicht verhindern, dass man seinen Diener abführen will. Er wirft sich den Soldaten entgegen, ein heldenmütiger Einsatz, den er nur verlieren kann, kaum mehr als eine hilflose Geste der Menschlichkeit, die erfolglos bleiben muss, die er sich und seinen Werten aber dennoch schuldig ist. Sowohl er als auch Zero erhalten Faustschläge, werden schließlich grob an die Wand ihres Abteils gedrückt. Ihre Blicke finden sich: Da ist Gustave, enttäuscht darüber, dass er nicht helfen konnte, beschämt, dass er seinem Freund dieses Erlebnis nicht ersparen konnte, am Boden zerstört darüber, dass die Ideale, an die er glaubt, ihre Gültigkeit verloren zu haben scheinen. Und da ist Zero, der noch nicht genau weiß, was ihm blühen wird, nur, dass er diesem Mann blind vertrauen kann und dass er in ihm jemanden gefunden hat, der seinen Platz in der Welt mit allen Mitteln verteidigen wird.

Wes Anderson war vor ca. zehn Jahren ein Filmemacher, der heiß diskutiert wurde. Nach THE ROYAL TENENBAUMS und THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU war er zu so etwas wie einer neuen Hoffnung der Cinephilen avanciert, als dann der Kurzfilm HOTEL CHEVALIER als Teaser für THE DARJEELING LIMITED erschien, wurden Stimmen laut, die den Stil Andersons als bloße Masche kritisierten. Vor allem die prominente Platzierung eines iPods erregte die Gemüter: Das große Augenmerk auf teure und mondäne Designobekte, aus denen sich die Ausstattung seiner Filme akribisch zusammensetzte, machte ihn irgendwie verdächtig. Auch für mich, der sich dann jedoch durch THE DARJEELING LIMITED mehr als versöhnt sah. Seitdem ist Anderson gewissermaßen akzeptiert: FANTASTIC MR. FOX, der Puppenfilm, den er danach machte, war wahrscheinlich zu speziell, zu liebenswürdig-ephemer, um über ihn die Kritikerkeule zu schwingen, und MOONRISE KINGDOM stieß danach auf ein Publikum, das beschlossen hatte, Anderson entweder zu lieben oder ihn zu ignorieren. Der Kitzel, den er kurze Zeit lang provozierte, ist ein bisschen der Routine gewichen: Man weiß mittlerweile, was man von ihm zu erwarten hat: Mit größtem Stilbewusstsein und Detailreichtum ausgestattet Filmgemälde, gleichermaßen von milder Melancholie wie versöhnlicher Ironie geprägt, immer wieder Einflüsse aus Animations-, Puppen- oder auch Stummfilm aufgreifend, besetzt mit einem sich stetig ausdehnenden Kreis von Familienangehörigen. Bei der Bedeutung, die die Ausstattung für Andersons Filme einnimmt, könnte man meinen, die Menschen gingen darin unter. Tatsächlich sind seine Charaktere in die sie umgebende Welt völlig eingespannt. Anderson arrangiert seine Filme wie der Sammler einen Setzkasten, ordnet seine Figuren wie Einrichtungsgegenstände und gibt jeder einen festen Platz. Das Leben erweist sich als Abfolge von absurden Routinen oder kleineren, hoffnungslosen Amokläufen gegen festgefahrene Strukturen. Der Zuschauer beobachtet die Charaden der Protagonisten wie der Wissenschaftler die Ameisenfarm, wissend, dass sein Leben aus der Vogelperspektive genauso putzig erschiene. Aber die Kunst von Andersons Filmen ist, dass sie sich eben nicht in diesem Von-oben-herab erschöpfen. Die äußere Struktur – hier etwa das Hotel – ist bei Anderson eben nicht bloß materielles Designgefängnis, es steht in diesem Fall für einen Lebensstil, für das Hochhalten von Menschlichkeit und Höflichkeit, für die Aufmerksamkeit und den Respekt im Umgang miteinander; Werte, die in GRAND BUDAPEST HOTEL von den auf dem Vormarsch befindlichen Kräften zerstört werden. Wes Anderson ist eine alte Seele, der Concierge Gustave H. sein Verwandter. Wie der Voice-over-Erzähler Zero am Ende sagt: Die Welt von Gustave war schon tot, noch bevor dieser sie betrat.

Ich weiß, dass sich etwa Marco Siedelmann und Silvia Szymanski von Hard Sensations mit den Filmen Andersons schwer tun und ich verstehe – mit zumindest rudimentärem Wissen über die Art der Filme, die sie bevorzugen –, was sie an ihnen kaltlässt oder sogar abstößt: Es gibt nur wenig Spontaneität oder Freiheit in seinen Filmen, wenig Luft zum Atmen: Alles ist genauestens komponiert, jede Requisite steht an ihrem Platz und hat ihre Bedeutung, noch das kleinste unscheinbare Detail, das man kaum bewusst wahrnimmt, wurde mit Bedacht ausgewählt, nichts ist falsch oder fehl am Platze, und wenn doch, dann hat auch das einen Grund. Jede Dialogzeile funktioniert wie ein Schalter, der eine minutiös vorausgeplante Kettenreaktion auslöst, und die Charaktere sind gewissermaßen Karikaturen, schrullige Gestalten mit komischen Namen und einem festen Platz in ihrer Welt. Alles ist putzig und süß, auf so eine kalkuliert wirkende Art schrullig – wie ein Anthropologie-Professor, der zur Entspannung Porzellan-Nilpferde sammelt. Die Filme wirken nicht wirklich gelebt, sondern eben arrangiert. Das ist Andersons Blick auf die Welt. Aber in den beiden oben beschriebenen Szenen zeigt sich meines Erachtens auch, das Anderson mitnichten ein unmenschlicher Material- und Designfetischist ist, jemand, der Menschen als belebte Dinge betrachtet. Jeder, ausnahmslos jeder, auch die Schurken, die seine Filme bevölkern, können sich seiner Zuneigung gewiss sein, weil er nach der Eigenschaft sucht, die sie besonders macht, ihre Taten erklärt, ihre Moral erkennen lässt. Und am Ende beweist sich bei ihm jeder Mensch nicht durch das, was er hat oder vorgibt zu sein, sondern über das, was er tut. Dann zerreißt gewissermaßen der von Anderson aufgespannte verführerisch schillernde Vorhang, der über dem Geschehen liegt, und gibt den Blick frei den Menschen, der zwar ein Gefangener seiner Welt ist, aber immer die Chance hat, einmal über sich hinauszuwachsen und einen Unterschied zu machen. Diese beiden Szenen haben auf mich auch deshalb so stark gewirkt, dass ich sie hier vorangestellt habe: Sie machen sehr plötzlich vergessen, es nur mit Filmgestalten zu tun zu haben und erinnern uns daran, das hinter jedem Gesicht ein Mensch mit einer Biografie, mit Träumen und Ambitionen steht.

Sprichwörtlich aus heiterem Himmel fallen sieben Soldaten und Mörder und landen in einem unwirtlichen Urwald, der sich bald schon als außerirdisches Sportjagdgebiet der gemeinen Predators erweist. Die lassen regelmäßig die Härtesten der Harten aus dem ganzen Universum bei sich einfliegen, um ihre eigenen Fähigkeiten zu schärfen. Royce (Adrien Brody) und seine Leidensgenossen müssen nicht nur um ihr Leben kämpfen, sondern auch noch einen Fluchtweg zur Erde finden …

Hmmm, so ganz verstehe ich nicht, warum PREDATORS so durchwachsene Reaktionen eingefahren hat. Klar, die schiere Power des 1987er Originals mit einem Arnold Schwarzenegger kurz vorm totalen Superstardom erreicht dieses Sequel nicht, aber mit dem zweiten Teil von Stephen Hopkins kann es Antals Film durchaus aufnehmen. Zwar lässt PREDATORS einen erkennbaren eigenen visuellen Stil vermissen, reiht sich vielmehr in die Grau-in-Grau-Tristesse des modernen Genrefilms ein, doch hat er dafür einige schöne Ideen und vor allem einige Härten aufzubieten, die den Fan bei Laune halten: Die Ausgangsidee (die etwas an CUBE oder auch dessen erfolgreicheren Epigonen SAW erinnert) passt gut in die auch von den ALIENS VS. PREDATOR-Filmen (von denen zumindest der erste sträflich unterbewertet ist, wie ich finde) ausgebaute Predator-Mythologie, Laurence Fishburne bringt mit seinem wahnsinnig gewordenen Survivor etwas Gravitas in den ansonsten vor allem auf Rasanz und Thrill ausgelegten Film und gegen Ende stellt das Drehbuch dann auch die richtigen Fragen: Inwiefern unterscheiden sich all die bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, Söldner und Killer eigentlich von den außerirdischen Mordmaschinen? Und sind die Gekidnappten auf dem Planet der Predatoren nicht viel eher zu Hause als auf der Erde?

Was dem Film aber eindeutig fehlt, ist Ambition: Alle Beteiligten waren wohl damit zufrieden, einfach nur einen Genrefilm zu machen. Das ist ihnen, wie gesagt, durchaus gelungen, aber wenn man sich anschaut, wie die recht beachtliche Darstellerriege für eindimensionale Klischeefiguren mit maximal anderthalb Charakatereigenschaften und unsäglich hohle Dialogzeilen verheizt wird, trauert man schon etwas den verschenkten Möglichkeiten hinterher. Ein Walton Goggins etwa, der in THE SHIELD einen der fassettenreichsten Charaktere der Fernsehgeschichte verkörperte, hätte für seine erste große Filmrolle etwas Besseres verdient als seinen selten eindimensionalen White-Trash-Idioten. Adrien Brody hingegen, von Fanboys in vorauseilendem Gehorsam als Fehlbesetzung verspottet, macht sich als muskelbepackter, Oneliner ausspuckender Held wider Willen hingegen sehr ordentlich und braucht sich um sein zukünftiges Einkommen keine Sorgen zu machen. Wenn die chronisch unloyale Arthaus-Klientel ihn vergessen hat, kann er in knalligen DTV-Produktionen den Wesley Snipes machen. Ich freue mich darauf ebenso wie auf den nächsten Predatoren-Film.

Schon elf Jahre ist es her, seit mich CUBE damals beim Fantasy Filmfest ziemlich gebügelt hat. Regisseur Natali konnte die durch das Niveau des Debüts geweckten Erwartungen danach leider nicht annähernd erfüllen, was auch die kleinen Mängel von CUBE im Rückblick umso deutlicher hervortreten lassen hat. Sein neuester Film SPLICE wurde produziert von Guillermo Del Toro, ist – wenn auch immer noch nicht ganz frei von Schönheitsfehlern – der bislang beste Film Natalis und soeben bei uns auf DVD erschienen. Auf F.LM – Texte zum Film gibt’s eine Rezension von mir: Hier.