Mit ‘Agostina Belli’ getaggte Beiträge

138703Senator Puppis (Lando Buzzanca) ist aussichtsreicher Kandidat für die Wahl zum italienischen Staatspräsidenten, doch kurz vor dem Ziel droht ihm eine sexuelle Neurose zum Verhängnis zu werden: Puppis verspürt nämlich den unstillbaren Drang, Frauen an den Hintern zu greifen. Als Journalisten den Skandal enthüllen, wird er zunächst das Opfer einer ordinären Erpressung, doch das ist nur der Anfang. Wenig später melden sich schließlich seine Gönner und Förderer bei ihm, die erhebliches Interesse an seinem Erfolg haben, eine Wahlniederlage nicht akzeptieren können. Allen voran Kardinal Maravidi (Lionel Stander), der wiederum enge Kontakte zur Mafia in Form von Don Gesualdo (Corrado Gaipa) unterhält. Maravidi verordnet Puppis eine schnelle Therapie bei Vater Schierer, einem deutschen Mönch, der den völlig hilflosen Politiker nach wenigen Tagen als geheilt entlässt. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellt …

Lucio Fulcis drittletzter Ausflug ins Komödienfach, das einst seine Heimat war (es folgten später noch die Vampirkomödie DRACULA IN BRIANZA und LA PRETORA), zeigt sehr schön, welch subversives Potenzial das Genre eigentlich hat. Was wie eine alberne Commedia sexy all’Italiana beginnt, an burleske Die-da-oben-Polemisierungen erinnert, steigert sich im weiteren Verlauf zu einer reichlich finsteren und desillusionierten Bestandsaufnahme der politischen Situation in Fulcis Heimatland. Puppis – kongenial interpretiert von Buzzanca, der in Italien auf die Rolle des unbeholfenen Landeis abonniert war – ist eine Marionette, ein jämmerlicher Günstling von Gnaden der Kirche und des organisierten Verbrechens, als Mensch von klein auf zu jenem Puritanismus gedrillt, der heute seine peinlichen Folgen zeitigt, der fromme Maravidi ein skrupelloser Machtmensch, der auch bereit ist, über Leichen zu gehen, wenn es die Situation erfordert. Das zeigt sich sehr drastisch am Ende, als Puppi seine Entscheidung mitteilt, der Politik den Rücken zuzukehren. So leicht lassen die Mächtigen ihre Sockenpuppen nicht ziehen.

In Puppis Fetisch äußert sich nicht nur seine weinerliche Eierlosigkeit – er ist einfach nicht in der Lage, seine Triebe angemessen auszuagieren oder sich einem gleichberechtigten Partner auf Augenhöhe anzunähern -, sondern eben auch seine Unfähigkeit, sich seinen Problemen zu stellen: Er steht seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen völlig passiv und ratlos gegenüber, ohne eine Idee, wo die Wurzel seiner Probleme liegen könnte. Diese Unfähigkeit macht ihn ironischerweise zu einem idealen Präsidentschaftskandidaten, kommt es doch eh nicht auf Hellsichtigkeit und Durchsetzungsvermögen an, sondern nur darauf, als Identifikationsfigur für ddas Volk zu agieren – die echten Entscheidungen werden eh ganz woanders getroffen, in den Hinterzimmern des Klerus, der Wirtschaft und des organisierten Verbrechens. Puppi ist umso besser, je weniger eigenen Willen und eigene Meinung er hat, je mehr er sich von seiner ihm zugedachten homöopathischen Dosis „Macht“ blenden lässt.

ALL’ONOREVOLE PIACCIONE LE DONNE (etwa: „Der Abgeordnete mag die Frauen“) ist natürlich ein typisch italienischer Film und versperrt sich dem außenstehenden Betrachter in all seinen Details (und seinem Wortwitz) einem umfassenden Verständnis. Aber im Grunde genommen ist seine Gesellschaftskritik über nationale Grenzen und zeitliche Epochen hinaus verständlich. Wenn Fulci zu Beginn zeigt, wie sich die lautstark mitgehenden Passanten vor dem Schaufenster eines Elektrohändlers drängen, wo Fernsehgeräte den spannenden ersten Präsidentschaftswahlgang übertragen, ein kurzer Schwenk aber offenbart, dass die Menschen tatsächlich ein Fußballspiel im Fenster nebenan verfolgen, weiß man, das Politikverdrossenheit auch vor über 40 Jahren schon ein Thema war. Nicht nur deshalb ist ALL’ONOREVOLE PIACCIONE LE DONNE ein sehr sehenswerter Fulci, auch wenn der Mittelteil etwas durchhängt.

Die Chemikerin Ivanna Rakowsky (Erna Schürer) möchte ihre neue Stelle auf dem Schloss von Janos Dalmar (Carlos Quiney) antreten. Schon bevor sie dort angekommen ist, deuten sich allerdings Probleme an: Das nahe gelegene Dorf wird von einer Serie von brutalen Frauenmorden erschüttert. Weil der Beginn dieser Mordserie mit dem Tod von Igor Dalmar, dem Bruder des Schlossherren koinzidiert, alle Opfer mit Janos liiert waren und zudem Verletzungen aufweisen, die von seinen gewaltigen Doggen stammen könnten, ist man auf den zurückgezogen lebenden Mann nicht sonderlich gut zu sprechen. Ivanna reist trotzdem fest entschlossen aufs Schloss und besteht auch dann noch auf Erfüllung ihres Vertrages, als Janos sie gleich wieder loswerden will: Er hatte sich offensichtlich verlesen und eigentlich einen Mann erwartet. Nach einigem Hin und Her überzeugt sie ihn aber davon, die geeignete Kraft für sein Projekt zu sein: Er möchte die Forschungen seines Bruders fortsetzen, der in Frankenstein-artige Experimente involviert war. Janos‘ Plan ist es, den im Labor vollständig verbrannten Igor wiederzubeleben …

Mit viel melodramatischer Schwülstigkeit, nackter Haut und Holzhammer-Grusel inszenierte der Spanier Merino diese Schauermär ganz wie es im spanischen Horrorkino jener Zeit so üblich war. Weil ich dummerweise glaubte, es mit einem italienischen Film zu tun zu haben, dauerte es eine ganze Weile, bis ich mich auf die doch deutlich andere Stimmung des Films eingegroovt hatte. Anders, als es in einem eher geradlinigen italienischen Gothic-Grusler der Fall gewesen wäre, konzentriert sich Merino in IL CASTELLO DALLE PORTE DI FUOCO vor allem auf die dem Stoff inhärenten sexuellen Perversionen sowie die sich anbahnende Romanze zwischen Ivanna und dem hölzernen Janos und laviert damit um den heißen Brei des Mad-Scientist-Horrors herum. Selbst wenn die schöne Blonde nachts von missgestalteten Patschehänden begrapscht und auf eine Streckbank gefesselt wird, scheint das nicht so sehr ihre Angst als vielmehr eine tiefsitzende Lust anzustacheln. Das hört sich so komprimiert wahrscheinlich wunderbar sleazy an und im letzten Akt des Films  werden dann auch tatsächlich alle Regler auf 11 gedreht, wenn das von tosender Geilheit getriebene Monster die schöne Ivanna inbrünstig als „mannstolle Schlampe“ beschimpft. Bis dahin sind die wirklich tollen Momente aber recht sparsam verteilt. Klar, IL CASTELLO DALLE PORTO DI FUOCO sieht fantatstisch aus und man muss ihn schon deshalb irgendwie mögen, weil es nicht allzu viele Filme seiner Art gibt, aber trotzdem fehlt der entscheidende Kick. Ich hatte vor allem Probleme, mich mit den beiden Hauptdarstellern zu identifizieren: Carlos Quiney etwa agiert für einen feurigen Spanier ganz schön blutarm, weiß mit seiner eigentlich doch recht schönen, ambivalenten Rolle, mit denen andere, charismatischere Akteure Reißaus genommen hätten, nur wenig anzufangen. Aber ganz untypisch ist das ja nicht für das spanische Genrekino. Auch wenn da die Emotionen turmhoch wallen, geben sich die Charaktere ihnen doch nie so zügellos hin wie ihre Nachbarn vom Stiefel, ergehen sich vielmehr im masochistisch anmutenden Hadern und Zweifeln. Insofern stellen diese Filme natürlich auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und dem Katholizismus dar: Auf der einen Seite lockt die blanke Lust, macht sich mit einem unangenehmen Ziehen und Reißen in der Lendengegend bemerkbar, auf der anderen wirft der Herrgott ein wachsam-grimmiges Auge auf das Treiben seiner Schäfchen und droht mit Ausschluss aus dem Himmelreich. Der Spanier reagiert darauf mit theatralischer Selbstzerfleischung und verfällt nicht selten dem augenrollenden Irrsinn. Da räkelt sich etwa die schöne Ivanna halb entblößt allein auf dem Bett, aber wenn der lüsterne Unhold sich in ihr Schlafgemach schleicht, begnügt er sich doch damit, ihren Arm zu liebkosen, anstatt ihr ordentlich die Brüste durchzuwalken, die sie aller Welt gut sichtbar präsentiert. Sie will es doch, verdammt noch mal! Das Ergebnis von so viel Enthaltsamkeit stapelt sich auf dem Dorffriedhof. Wenn man Merino etwas zugute halten will, dann sicherlich, dass sein Film ein feuriges Plädoyer fürs ungehemmte Ficken ist.

Wahrscheinlich muss ich IL CASTELLO DALLE PORTE DI FUOCO noch einmal schauen, wenn ich alle Sinne beisammen habe. Nach meinem Text kann ich es nämlich kaum noch glauben, dass er mich gestern über weite Strecken eher gelangweilt hat.    

 

Ein bewusstloser, verwundeter Mann (Gianni Garko) wird in eine Klinik eingeliefert. Davon abgesehen, dass er sich an nichts erinnern kann, auch nicht an seinen Namen, und er nachts am Fenster seines Zimmers steht und furchterfüllt ins Dunkel starrt, scheint mit ihm alles normal. Als ihn eine junge Frau (Agostina Belli) aufsucht, die behauptet, eine Freundin von ihm zu sein, reagiert er hysterisch. Kein Wunder: Die Frau gehört zu jener jugoslawischen Familie, bei der er nach einer Autopanne mitten im Nirgendwo Unterschlupf gesucht hatte und dabei mitten in einer Horrorgeschichte gelandet war …

Tolstois Geschichte um den Wurdalak (voller Titel „Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“) gilt als eine der berühmtesten europäischen Schauergeschichten, ist zudem überaus einflussreich für die weitere literarische Entwicklung des Vampirmythos. In seinem Klassiker I TRE VOLTI DELLA PAURA hatte sich schon Mario Bava an einer Adaption versucht, allerdings in einer sehr komprimierten Fassung. Knapp zehn Jahre später widmete sich Giorgio Ferroni dem Stoff, blieb ihm bis auf wenige Variationen – statt in Moldawien spielt die Geschichte nun etwa in Jugoslawien – weitestgehend treu und schuf ein leider nur wenig bekanntes Meisterwerk des europäischen Horrorfilms, das Freunde des Genres und des italienischen Kinos sich in Form der exzellenten DVD von Raro Video unbedingt zulegen sollten.

LA NOTTE DEI DIAVOLI zeichnet sich durch seine bedrohliche, unheimliche, suggestive Atmosphäre und den langsamen, geduldigen Spannungsaufbau sowie die dunklen, herbstlichen Bilder aus. Von Beginn an scheint Nicola, der Held des Films, nicht nur in einem fremden Land, sondern in einer ganz anderen Zeit gelandet zu sein. Sein Auto ist das einzige Zeichen dafür, dass er sich nicht im Mittelalter befindet. Die Stimmung im Haus seiner unwilligen Gastgeber ist gedrückt, unfreundlich, belastet, aber niemand will mit der Sprache herausrücken. Das, wovor sie alle Angst haben, wird beinahe wie eine persönliche Schande betrachte, für die die Isolation die gerechte Strafe ist, und so ist Nicola gleich in mehrererlei Hinsicht ein Eindringling: Zum einen, weil seine Anwesenheit alle in Gefahr bringt, zum anderen, weil man vermeiden möchte, dass die eigene „Schande“ außerhalb der engsten Kreise bekannt wird. Ferroni fängt diese Stimmung der Schuld ebenso gut ein wie den Einbruch des Unerklärlichen in das fest gefügte Weltbild seiner mit beiden Beinen im Leben stehenden Hauptfigur. Der sieht sich, aufgeklärter Stadtmensch der er ist, lange Zeit dazu berufen, den Helden für die seiner Meinung nach eingesperrte Schönheit Sdenka zu spielen, muss diese Überheblichkeit jedoch mit dem vollständigen psychischen Zusammenbruch bezahlen, als er merkt, dass das Gerede von einem Fluch keine Erfindung eines strengen Patriarchen ist.

Bildschirmfoto 2014-02-15 um 16.23.56Giorgio Ferroni war zum Zeitpunkt der Entstehung von LA NOTTE DEI DIAVOLI bereits über 60 und seit über 30 Jahren im Filmgeschäft. Die Verfilmung von Tolstois Geschichte sollte seine vorletzte Regiearbeit sein. Ausgesprochenes Geschick für düstere, schauerromantische Stoffe hatte er 1960 mit dem wunderbaren IL MULINO DELLE DONNE DI PIETRA unter Beweis gestellt, der über eine ganz ähnliche Atmosphäre verfügt: Neben jenen Szenen, in denen dem Zuschauer das Eis in den Nacken kriecht (und LA NOTTE DEI DIAVOLI hat einige davon), gelingt es ihm in beiden Filmen eine tieftraurige Stimmung zu kreieren, die für die verheerende emotionale Wirkung hauptverantwortlich ist. Die Wurdalak-Verfilmung ist dabei, seinem Entstehungszeitpunkt entsprechend, noch wesentlich düsterer und auch „härter“ als der doch vergleichsweise gemütliche IL MULINO. Anders als ein Riccardo Freda, der in den Siebzigerjahren keine Heimat mehr fand, nicht verbergen konnte, dass er aus einer anderen, vergangenen Zeit kam, wirkt LA NOTTE DEI DIAVOLI erstaunlich frisch und konzentriert. Nichts deutet darauf hin, es mit dem Spätwerk eines Veteranen zu tun zu haben. Es half gewiss, dass Carlo Rambaldi für die überzeugenden Spezialeffekte zur Verfügung stand. Seine Arbeit gibt dem Film den nötigen grafischen Kick, der ihn neben den eine härtere Gangart einschlagenden zeitgenössischen Filmen bestehen ließ. Kongenial abgerundet durch den fantastischen Score von Giorgio Gaslini, bei dem auch die engelsgleiche Stimme von Edda Dell’Orso zum Einsatz kam, bescherte mir LA NOTTE DEI DIAVOLI gestern einen wunderbar schaurigen und affektreichen Abend. Es fiel mir erst später auf, dass es eine ziemliche Scheißidee war, den Film völlig allein zu schauen.

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