Mit ‘Akira Takarada’ getaggte Beiträge

Godzilla mag der König des Kaijû Eiga sein, aber mein Herz schlägt für Kingu Kongu! Der Riesenaffe sieht in seiner japanischen Inkarnation so herzerwärmend derangiert aus – dümmlich-verschlafener Blick aus trüben Glubschaugen, Überbiss, unreine, krustige Affenhaut, Altherrenbusen und ein motten- und wanzenzerfressenes Fell, das bestimmt nach nassen Hund riecht -, das man ihn einfach liebhaben muss. Die Fortsetzung zu KINGU KONGU TAI GOJIRA ist für mich einer der schönsten Toho-Kaijû der Sechzigerjahre, ein einziges Wunderwerk, vollgestopft mit allem, was man an diesen Filmen immer schon toll fand: putzige Modellbauten, erwachsene Menschen in Gummianzüge, tolldreisten Ideen, einem schier wahnwitzigen Plot und dusseligen Dialogen in rasanter Folge.

Der böse Dr. Who (Hideyo Amamoto) will mithilfe eines dem Riesenaffen King Kong nachempfundenen Roboters ein wertvolles Mineral aus dem Erdreich unterhalb des Nordpols bergen, doch er hat die Rechnung ohne die magnetischen Ströme gemacht, die seine Erfindung kurzerhand lahmlegen. Schnell auf die Insel, die der echte Affe bewohnt, ein bisschen Ether auf den Dez geknallt und ab dafür. Am Nordpol prallen King Kong und sein Blechdouble aufeinander – und verlagern ihre Keilerei nach eine kurzen Plantscherei ins japanische Tokio. Die UN-Soldaten Carl Nelson (Rhodes Reason), Jiro Nomura (Akira Takarada) und Susan Watson (Linda Miller), in die sich King Kong ein bisschen verliebt hat, beobachten den Kampf …

Ganz ehrlich: Der Verlauf der Handlung hält nicht ganz, was der Aufbau verspricht. Aber das kennt man als Kaijû-Zuschauer ja schon. Am Ende läuft eben alles auf eine große Balgerei hinaus, bei der Pappkulissen zertrampelt werden, Plastikpanzer lustig in der Gegend herumkullern, zerrissene Stromleitungen Funken sprühen und erwachsene Darsteller an die kostümbedingten Grenzen der Mobilität stoßen. Das ist immer schön und herzig anzuschauen, aber nicht unbedingt spannend. Aufregendes ist der Weg, der bis dahin zurückgelegt wird. Der Stützpunkt des bösen Dr. Who ist ähnlich größenwahnsinnig wie die Behausungen der zur selben Zeit aktiven Bond-Schurken, seine faulige Kauleiste der Stoff aus dem die Albträume sind. Der Robokong hingegen macht einiges her und ist natürlich der Gipfel der Absurdität, den der Kaijû in den Sechzigerjahre erklomm. Auf Kongs Heimatinsel werden die Protagonisten unterdessen von dem obligatorischen alten Zausel willkommen geheißen, bevor sie einem Kampf zwischen King Kong und dem Gorosaurus, einem missgebildeten T-Rex mit Schunkelbirnensyndrom, beiwohnen dürfen. Richtig toll ist das Talent Hondas, Schauplätze die Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind, in der Handlung wie Nachbarorte zu verbinden. Dr. Who fliegt mit einem Hubschrauber zu Kongs Insel (ohne einmal zu tanken) und entführt das Biest nur wenige Minuten, bevor Nelson und Co. dort aus New York eintreffen. Nelson, der Fuchs, weiß angesichts der zurückgebliebenen Kampfspuren sofort, was los ist: Das kann nur Dr. Who gewesen sein, „the international Judas“. Und wo könnte der wohl besser sein Unwesen treiben als am Nordol?

Das ist die Logik, nach der KINGU KONGU NO GYAKUSHÛ vorgeht – und wer wollte es ihm verübeln? Ein Film, der einen potthässlichen, zurückgebliebenen und unter Maul- und Klauenseuche leidenden Riesenaffen zu seinem erklärten Helden macht, muss sich nicht mit eitlen Details aufhalten, denn er hat alles, was es braucht. Ich finde es ein bisschen schade, dass dem Robokong nicht noch weitere Filmauftritte spendiert wurden, denn da wäre noch so Einiges möglich gewesen. So sollten wir aber alle dankbar sein für das, was wir haben und das Positive sehen: Immerhin konnte dem Blechaffen kein missratenes Sequel den Zauber stehlen. KINGU KONGU NO GYAKUSHÛ ist reine Kinomagie, die in der Szene zu sich kommt, in der King Kong mit dem Arsch voran ins Wasser des Nordpols hüpft.

Im siebten Godzilla-Film geht es ausnahmsweise einmal nicht um das bevorstehende, von Monstern herbeigeführte Ende der Welt. Stattdessen wird eine kleine Gruppe von vom Schicksal zusammengeführten Protagonisten mit den Giganten konfrontiert – und einer seltsamen Miliz names Red Bamboo, die eine Insel in ihre Gewalt gebracht hat und dort die Bewohner von Mothras Heimat „Infant Island“ versklavt.

Als ein Fischer nicht nach Hause zurückkommt, begibt sich sein Bruder Ryota (Toru Watanabe) auf die Suche nach einem geeigneten Schiff, mit dem er ihm hinterherfahren und ihn aufspüren kannn. Er landet bei einem Marathon-Tanzwettbewerb, dessen erster Preis ein Schiff ist: Doch der Wettbewerb ist bereits in vollem Gange und die einzige Hoffnung auf ein Wassergefährt sind die beiden Verlierer Mita (Hideo Sunazuka) und Yata (Tôru Ibuki). Die Yacht, die sie Ryota vorführen, hat sich der zwielichtige Yoshimura (Akira Takarada) unter den Nagel gerissen, der die Eindringlinge überwältigt, aber auch nicht verhindern kann, dass Ryota am nächsten Morgen in See sticht. Ein Angriff der Monsterkrabbe Ebira lässt das Schiff kentern und die  vier Männer finden sich auf einer seltsamen Insel wieder, auf der die Soldaten des Red Bamboo das arme Völkchen von Mothras Heimatinsel zu Zwangsarbeit verdonnern. Um sich Ebira vom Hals zu halten, müssen die Soldaten nämlich einen gelben Saft ins Wasser spritzen, den ihre Sklaven produzieren. Ryota und Konsorten freunden sich mit Daiyo (Kumi Mizuno) an, einem verschleppten Mädchen und wecken Godzilla auf. Auch Mothra soll ins Geschehen miteingreifen, um Ebira und die Schurken zu besiegen.

Verzeiht die ausufernde Inhaltsangabe, aber das ganze Storykonstrukt ist einfach zu schön, um es hier nicht in voller Länge auszubreiten. Die Wandlung vom Science-Fiction- und Katastrophenfilm hin zum klassischen Abenteuer- und Fantasystoff tut sehr gut und Fukuda bietet reichlich Schauwerte auf, der Subplot um die Red-Bamboo-Soldaten hält das Gebalge ebenso interessant (und erinnerte mich ein bisschen an LOST) wie die Ausflüge zur Infant Island, der Heimat von Mothra, die hier nun wieder in voller geflügelter Pracht auftreten darf, nachdem sie zuvor als Raupe umherkroch. Ebira ist auch ein wirklich tolles Monster, dem es gut zu Gesicht steht, dass man es immer nur zur Hälfte zu sehen bekommt: Sein Tennismatch mit Godzilla stellt jenes zwischen Godzilla und Rodan weit in den Schatten. Aber neben den ausgedehnten Monsterfights sind es hier dann doch wieder die kleinen Momente, die das Herz zum Glühen bringen: Godzilla, der sich inmitten einer grauen Felsenkulisse für ein Nickerchen niederlässt. Die Erweckunsgrituale um die friedlich schlummernde Mothra. Die geblackfaceten Eingeborenen, die in ihrer tristen Höhle hocken und tonnenweise gelbes Quittengelee zur Ebira-Abschreckung produzieren. Und einmal wird es gar richtig garstig, als nämlich ein armer Tropf von Ebiras Scheren aufgespießt wird. Es gibt also wieder einmal viel zu sehen und zu staunen, so wie das sein soll.

Zumindest als Laie, der ich in Bezug auf den japanischen Kaiju Eiga nun einmal bin, ist es schon nach wenigen gesehenen Filmen alles andere einfach, noch etwas Neues oder gar Gehaltvolles über sie zu sagen, was man nicht vorher schon gesagt hätte. MOSURA TAI GOJIRA, zu dem ich nach KAIJÛ DAISENSÔ wie versprochen zurückspringe, ist genau das, was die zuletzt gesehenen Teile auch schon waren: niedlich, naiv, ebenso liebenswert wie liebevoll, bunt und infantil. Godzilla ist auch hier wieder eher der Gaststar, was ja auch schon der Titel belegt, der ihn ins zweite Glied rückt.

In MOSURA TAI GOJIRA wird das alles aber noch potenziert: Hondas Film ist wärmer, märchenhafter, traumgleicher, verspielter, zärtlicher – und das Auftauchen der Riesenechse markiert einen harten Bruch. Man könnte sagen, sie zertrampelt nicht nur Städte, Strommasten und Panzer, sondern auch den Film selbst, ohne ihm aber wirklich Schaden zufügen zu können.

Nach einem Sturm wird vor der Küste ein Riesenei gefunden, das sich zwei zwielichtige Geschäftsleute unter den Nagel reißen, um damit den großen Reibach zu machen. Zwei däumlingsgroße Mädchen bitten sie, das Ei zurückzugeben: Es gehört der Riesenmotte Mothra, die auf einer entlegenen Insel wohnt und darauf wartet, dass sie endlich sterben kann, um durch das Ei zu neuem Leben zu erwachen. Die beiden Zwergenmädels nehmen Kontakt zum Reporter Ichirô Sakai (Akira Takarada) und dem Wissenschaftler Nakanishi (Yuriko Hoshi) auf und bitten um Hilfe. Indessen wacht Godzilla auf und droht wieder einmal die japanische Zivilisation plattzumachen …

Mothra und die beiden kleinen Mädchen sind eine wahre Schau, die surrealen Bildkompositionen, in denen die beiden letzteren eingefangen werden, so hoffnungslos kitschig, dass einem das Herz schmilzt. Und wenn sich die Riesenmotte erhebt und durch die Lüfte segelt, wird man wieder ein kleines Kind, das mit weit geöffnetem Mund vor der Glotze sitzt und noch näher heranrutscht, bis die Nasenspitze fast das Glas berührt. Toll ist auch der Ausflug zu Mothras Heimatinsel, wo riesige, völlig blank geputzte Skelette eine Mahnung vor Atombombe und Radioaktivität abgeben sollen. Das funktioniert nicht so ganz, denn so lange die bunte Riesenmotte unterwegs ist, kann es unmöglich so richtig schlimm sein. Das ist übrigens auch der Film, in dem Godzilla am Ende von zwei knuffigen Riesenraupen besiegt wird. Was soll ich dazu noch sagen?

Ich nehme an, dass ich die Godzilla-Filme als Kind „naiver“ gesehen habe, aber auch mit acht wusste ich schon, dass sich da keine echten Monster balgen, erkannte, dass ihre Riesenfüße Modelleisenbahn-Landschaften zertrampelten. Im Unterschied zu anderen Filmen, die die Immersion benötigen, glaube ich, dass die Godzilla-Filme von diesem Wissen nicht entzaubert werden, sondern noch davon profitieren. Der Budenzauber, den sie entfachen, wird ja eigentlich noch viel geiler und wunderbarer dadurch, dass man weiß, dass da erwachsene Menschen in Gummikostüme stiegen, um sich dann in liebevoll gestaltenen Miniatur-Landschaften auf die Mappe zu hauen. Ich sehe in den Godzilla-Filmen eine große Utopie: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Menschen ihren Frust dadurch abbauten, dass sie in die Rollen von kulleräugigen Monstern schlüpften und Plastikhäuser zertrampelten, anstatt sich an ihren Mitmenschen zu vergreifen. Infantilität kann auch befreiend wirken.

Wahrscheinlich sind die späteren, bunten Filme der GODZILLA-Reihe bekannter als das Original – zumindest hierzulande. Die Kaiju Eiga, die in den Sechziger- und Seibzigerjahren in den Toho-Studios und bei der Konkurrenz erschienen, erfreuten sich sowohl in Deutschland als auch in den USA großer Beliebhtheit und versüßten die Kindheit so manches Heranwachsenden. Am Rande bekam man dann vielleicht auch irgendwann mit, dass Ishirô Hondas erster GOJIRA und seine Titelkreatur eine Atombomben-Allegorie waren – was in den immer kindischer und absurder werdenden Sequels kaum noch eine Rolle spielte.

GOJIRA ist deutlich näher dran am klassischen Monsterfilm der Fünfzigerjahre, der ja auch in seiner US-amerikanischen Ausprägung als Reaktion auf die Entwicklung der Atombombe gelesen werden konnte/musste, aber atmosphärisch noch einmal etwas ganz anderes. Über weite Strecken widmet er sich dem Protagonistenpärchen Hideto (Akira Takarada) und der schönen Emiko (Momoko Kochi), der Tochter des Wissenschaftlers Professor Yamane (Takashi Shimura), der das Auftauchen des Monsters sofort mit den Atombombenversuchen im Pazifik in Verbindung bringt und mahnt, man möge damit aufhören. Emiko ist dem Erfinder Dr. Serizawa (Akihiko Hirata) versprochen, einem seit einem Unfall zurückgezogen lebenden Forscher, der ein Mittel erfunden hat, mit dem auch das Monstrum besiegt werden soll. Der einfach gestrickte Plot tritt gegenüber einer Atmosphäre der Trauer und eines niederdrückenden, greifbaren Schuldgefühls in den Hintergrund. Was später zu einer Art running gag wird, die Machtlosigkeit des Militärs gegenüber den verschiedenen Riesenmonstren, ist hier noch Anlass für echte Todesangst. Und die sandbox destruction, die nie länger als für einen Film Bestand hat, erinnert hier tatsächlich an den Kriegsfilm oder gar alte Wochenschau-Berichte.

Dass GOJIRA Ausdruck einer zutiefst gekränkten, gedemütigten und verunsicherten Nation ist, muss gar nicht ausformuliert werden. Ishirô Honda, der in den späteren Kaiju Eiga um keinen Jux verlegen war, zieht die Zügel an und zeigt seine angsterfüllten Protagonisten in lange gehaltenen, kontrastreichen Einstellungen, die ihre ganze Angst zum Ausdruck bringen. Godzilla walzt in einer ausgedehnten Sequenz durch Tokio, das er dem Erdboden gleichmacht, dabei auch keine Rücksicht auf die zwischen seinen Pranken herumlaufenden Menschen nehmend. Menschliche Opfer fordern die Monsterkämpfe in den Kaiju Eiga eigentlich nie, das ist hier anders. Und keine Szene bleibt so nachhaltig im Gedächtnis wie der Besuch in einem überfüllten Krankenhauses, in dem die zahllosen Opfer der Attacke – Kinder und Erwachsene gleichermaßen – behandelt werden. Wenn man weiß, worum es in GOJIRA tatsächlich geht, ist es unmöglich, diesen Film danach noch als gewöhnlichen Monsterfilm zu rezipieren, oder die weinenden Opfer als Schauspieler. GOJIRA ist mehr als das.

Am Ende aber triumphieren die Menschen über das Monster aus der Tiefe: Japan wird das Trauma der Atombombe überwinden, das ist die klare Botschaft. Und Ishirô Hondas Film hat dabei geholfen, mit den Mitteln der Kunst und des Science-Fiction-Films. Vielleicht lässt sich so erklären, wie aus dem Monster später ein Held werden konnte, der den vor neuerlichen Bedrohungen zitternden Menschen immer wieder zur Hilfe eilte – und zum Dank gar mit einer Statue in Tokio belohnt wurde: GOJIRA war die Konfrontationstherapie, die das Land damals brauchte, das Urviech verkörperte nicht nur die Atombombe, sondern auch ihre Überwindung. Und Godzilla wurde so vom Schreckgespenst zum Zeichen der Wiedererstarkung (interessant, dass der neue Film international den Untertitel „Resurgence“ trägt, was genau das bedeutet), dem man in immer wieder neuen Filmen seine Dankbarkeit erwies. Ich finde GOJIRA heute ja ein kleines bisschen ermüdend, aber man kann seine Bedeutung gar nicht hoch genug einschätzen. Und das nicht nur filmhistorisch.