Mit ‘Akramzadeh’ getaggte Beiträge

die schwedin stirbt!

Veröffentlicht: Januar 27, 2016 in Film
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Nur noch bis zum 31. Januar läuft die Crowdfunding-Kampagne, die die Rettung des obskuren Sechzigerjahre-Films DER PERSER UND DIE SCHWEDIN zum Ziel hat. Der Film, von dem noch exakt eine bereits im unaufhaltsamen Verfall befindliche Kopie existiert, wird für die Nachwelt verloren sein, wenn nicht das Geld für die dringend erforderliche Digitalisierung zusammenkommt. Der Film des völlig unbekannten Iraners Akramzadeh hat bei diversen Vorführungen im Rahmen von kleineren Festivals in den letzten Jahren ein frenetisches Following um sich geschart, doch die bislang Bekehrten reichen nicht aus, um das Überleben des Films zu sichern.

Ich bitte euch, meine Leser, inständig, über eine Förderung nachzudenken, so ihr das noch nicht getan habt. Viele Freunde des unterschlagenen Films beklagen sich über die verfehlte Politik der Verleihe, alte Kopien zu vernichten, die zur Folge hat, das unser Filmerbe erodiert. Dies ist nun eure Möglichkeit, selbst einen aktiven Beitrag für eine vielfältige Filmkultur zu leisten. Unter www.rettet-die-schwedin.de findet ihr zahlreiche Links, Texte, Testimonials und einen Trailer, um euch einen Eindruck zu verschaffen.

Danke!

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rettet „der perser und die schwedin“!

Veröffentlicht: Dezember 19, 2015 in Film
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jeunesse-perdue-1_articleDER PERSER UND DIE SCHWEDIN (JEUNESSE PERDUE) des mysteriösen iranischen Einmal-Regisseurs/Drehbuchautors/Schauspielers Akramzadeh verzauberte bei seinem Einsatz während des Hofbauer-Kongresses alle Anwesenden mit seiner Unschuld und Naivität, seinem unverstelllten Blick auf das Londoner Nachtleben der frühen Sechzigerjahre durch die Brille eines iranischen Studenten und seiner reizvollen Mischung aus Sitten-, Liebes-, Nacht- und Problemfilm. Seit er in jener magischen Nacht die Herzen zum Tanzen brachte, ist er durch die Nation getourt – stets mit vergleichbar euphorischen Reaktionen.

Er wurde so zu einer Art paradigmatischem Hofbauer-Kongress-Film: Er ist eine jener Ausgrabungen, auf die alle Besucher stets hoffen, die aber natürlich alles andere als alltäglich sind. Von Film und Macher fehlte bis zu seiner Bergung durch das Hofbauer-Kommando jede Spur, es gab noch nicht einmal einen IMDb-Eintrag. Die Kopie, die man ausfindig gemacht hatte, stinkt bereits nach Essig und ist damit dem unvermeidlichen Tod anheimgegeben: Jede Vorführung kann die letzte sein, was dann auch das Ende dieses Films darstellen wird. Die Idee, ihn durch eine – leider kostspielige – Digitalisierung zu retten, war geboren.

An dieser Stelle kommt ihr ins Boot, die ihr euch für außergewöhnliche, seltsame, komische und neben der Spur liegende Filme interessiert und die Wahrung eines Filmerbes jenseits des Kanons für wünschens- und erstrebenswert haltet: Eine Crowdfunding-Kampagne wurde ins Leben gerufen, um den Film auf DVD oder ggf. sogar auf Blu-ray herauszugeben und damit für die Nachwelt zu erhalten. Etwa 350 bis 450 „Funder“ sind nötig.

Ich möchte alle meine Leser bitten, sich die Seite anzuschauen und zu überlegen, ob das nicht die Gelegenheit ist, einen Beitrag zur Erhaltung des marginalisierten Films zu leisten – mal davon abgesehen, dass es einfach nur grandios wäre, DER PERSER UND DIE SCHWEDIN im Regal stehen zu haben, zum Immer-wieder-Sehen, MIt-ins-Bett-Nehmen, Anfassen und Weitergeben. Meinen Text zum Film findet ihr hier, Silvia Szymanski schrieb hier über den Text, Michael Kienzl verfasste eine Rezension auf critic.de. Ich habe mit der Kampagne nichts zu tun, habe lediglich einen kleinen Text dafür verfasst. Ich werde als ganz normaler Funder meinen Beitrag leisten und hoffe darauf, dass ihr das auch tut.

Danke für eure Aufmerksamkeit!

 

 

Unter seinem deutschen Verleihtitel DER PERSER UND DIE SCHWEDIN ist JEUNESSE PERDUE bereits eine Kongress-Legende. Im Sommer 2012 einem ahnungslosen, dann aber völlig euphorisierten Publikum vorgeführt, wurde er, beflügelt von der sich anschließenden Mundpropaganda, mittlerweile bundesweit herumgereicht und in einigen kleineren Programmkinos gezeigt – durchaus vor dem Hintergrund, eine Möglichkeit zu finden, diese von der Filmgeschichte völlig vergessene Rarität zu retten. Es gibt nur noch wenige Kopien des Films, der selbst seinen IMDb-Eintrag einzig der Kongress-Aufführung verdankt, und ihr voranschreitender Verfall lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Theoretisch kann jede Vorführung der vom Essig-Syndrom befallenen Kopien die letzte sein: Dann gibt es keinerlei Möglichkeit, den Film noch zu sehen und nur eine Handvoll von Texten, die überhaupt von seiner Existenz künden. Eine Digitalisierung könnte JEUNESSE PERDUE vor dem Vergessen bewahren, doch die ist kostspielig und durch wahrscheinlich arg überschaubare DVD-Verkäufe kaum zu refinanzieren.

Es ist zum Verzweifeln, denn JEUNESSE PERDUE ist ein Produkt des liebevollen Überschwangs. Akramzadeh, Regisseur, Autor und Hauptdarsteller in Personalunion, trat danach nie wieder in Erscheinung, was egal ist, weil er gleich mit seinem Debüt sein Magnum Opus vorlegte. Er erzählt die Geschichte des iranischen Medizinstudenten Moustafa (Akramzadeh), der sich jedoch lieber ins Londoner Nacht- und das anschließende Liebesleben stürzt, anstatt in die Lehrbücher zu schauen. Bei einem seiner nächtlichen Streifzüge durch Soho lernt er die schöne Monika aus Schweden kennen und lieben. Unter der entflammten Liebe leidet das Studium noch weiter, er fällt durch das Examen, die Mutter verweigert eine weitere Geldspritze und zu allem Überfluss wird Monika auch noch schwanger. Moustafa steht vor der Entscheidung, so weiterzumachen wie bisher oder endlich Verantwortung für sein Leben zu übernehmen …

JEUNESSE PERDUE und das Schicksal seiner beiden Protagonisten entfaltet sich als lockere, lose Folge von Tanz-, Nachtklub- und Liebesszenen sowie Impressionen der englischen Hauptstadt. Auf unverstellte Art zeichnet Akramzadeh das Porträt seines hedonistischen Lebemannes in lässig hingeworfenen, aber durchaus markanten Pinselstrichen. Sein Moustafa ist unmittelbar glaubwürdig, weniger durch eine akribische psychologische Ausarbeitung, als eine ungekünstelte Direktheit, die auch den speziellen Charme dieser Nischenproduktion ausmacht. Als ich die Texte jener Kongressbesucher las, die den Film schon im vergangenen Sommer genossen hatten, da ging aus ihnen für mich nicht wirklich hervor, was ihre Begeisterung eigentlich ausmachte, worin der „Wert“ von JEUNESSE PERDUE ihrer Meinung nach bestand. Heute weiß ich, wie schwierig es ist, ihn mit Worten quasi „festzunageln“. Seine Geschichte ist kaum mehr als eine Bierfilznotiz, es gibt keine aufregenden, sich in den Vordergrund drängenden und im Gedächtnis festbrennenden Momente, keine Szene, die ihn paradigmatisch zusammenfasste. Mehr als alles andere lebt der Film von seiner Stimmung und seiner ansteckenden Mischung aus Naivität, Spontaneität und Souveränität. Die Ultra-Billigproduktion kann zwar nicht mit technischen Finessen punkten, muss sich aber auch keine allzu frappierenden Unzulänglichkeiten nachsagen lassen. OK, die moralisierende Geschichte ist reichlich unterkomplex, aber das fällt nicht ins Gewicht, weil Akramzadeh sie selbst für vollkommen bare Münze zu nehmen scheint.

Das ist dann auch die wichtigste und schönste Erkenntnis, die man aus JEUNESSE PERDUE mitnehmen kann: Film ist keine Kunst für Millionäre, sie ist nicht den großen Studios mit ihren Eventproduktionen vorbehalten, sondern durch und durch demokratisch. Akramzadeh hat sich wahrscheinlich eine Kamera gegriffen und die Geschichte erzählt, die ihn interessierte, ohne Rücksicht für die Limitierungen und Beschränkungen des Budgets und Talents. Ich glaube, was mich an JEUNESSE PERDUE am meisten beeindruckt hat, ist diese absolute Reinheit, zu der er kommt. Ich habe ihm von vorn bis hinten geglaubt.