Mit ‘Al Pacino’ getaggte Beiträge

Es war eine Frage der Zeit, bis Tarantino einen Film dreht, der in Hollywood und im Filmbusiness angesiedelt ist – aber dass es bis dahin über 20 Jahre gedauert hat, ist dann schon ein bisschen überraschend. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nun dieser Film, ein Film über Filmgeschichte, die besondere Situation, in der sich die Industrie an der Schwelle der Siebzigerjahre befand, über alternde, eitle Stars, beknackte Fernsehserien und den Ruf Cinecittàs, über Sharon Tate und Roman Polanski, die Manson Family und – wie immer bei Tarantino – über vieles mehr, das sich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bei wiederholten Sichtungen offenbaren wird. Es ist ein enorm vielseitiger, reicher, witziger, brutaler und kluger Film, der von der Liebe zum Kino und zu seiner Historie getragen wird, auch das ist keine Überraschung, aber er ist dann doch in vielerlei Hinsicht auch ein bisschen anders als seine Vorgänger. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist wieder deutlich episodischer und weniger stringent als es der kammerspielartige THE HATEFUL 8 war, aber auch noch deutlich loser strukturiert als meinetwegen PULP FICTION oder JACKIE BROWN, aus denen man, wenn man wollte, noch so etwas wie eine Plotline herauskristallisieren konnte. Das einende Element von ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nicht Handlung, sondern Zeit.

Die nominelle Hauptfigur ist der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), beliebter Star einer alten Westernserie namens „Bounty Law“ sowie zahlreicher Western- und Kriegsfilme, aber nun an einem Punkt in seiner Karriere angelangt, wo er ins zweite Glied verfrachtet wird. Statt der Hauptrollen bekommt er die Schurkenparts ab, deren Sinn und Zweck es letztlich ist, den Helden gut aussehen zu lassen, wie ihm der Produzent Schwarz (Al Pacino) mitleidlos auseinandersetzt. Der Ausweg führt nach Italien, aber Dalton ist zu stolz und eitel, um sich für die „Spaghettis“ in billigen Italowestern verheizen zu lassen. Er ertränkt seinen verletzten Stolz im Suff und hofft auf ein Wunder. Sein bester Freund ist sein Stunt Double Cliff Booth (Brad Pitt), der vermutlich einst seine Frau ermordete, damit aber davonkam und von Rick als eine Art Hausmeister und Hausmädchen gehalten wird: Er fährt den Star herum, säuft mit ihm, macht Besorgungen und nimmt Reparaturarbeiten vor. Und er begegnet auf seinen Fahrten immer wieder einem hübschen Hippiemädchen (Margaret Qualley), das ihn schließlich zu einem Besuch auf die Spahn Movie Ranch mitnimmt, die sie mit ihrer Kommune und dem in höchsten Tönen gelobten „Charlie“ bewohnt. Auf der anderen Seite stehen die Hollywood-Neuankömmlinge Roman Polanski (Rafal Zawirucha) und seine leuchtend schöne Ehefrau Sharon Tate (Margot Robbie), die sehr zur Freude Daltons das Haus neben seinem bezogen haben. Sharon wird als sorgloser Sonnenschein gezeichnet, der sich seiner eigenen Verführungskraft kaum bewusst zu sein scheint, und mit strahlenden Augen ihren eigenen Auftritt im Dean-Martin-Vehikel THE WRECKING CREW im Kino bewundert. Der Zuschauer, der ihr Schicksal kennt, ahnt mit Schrecken, worauf der Film hinausläuft, aber dann besuchen die Mörder von Charlies Family nicht Polanskis Haus, sondern das von Rick Dalton, dessen Kumpel Cliff einem der Hippies zuvor heftig die Fresse poliert hatte.

Es ist ein weites, fließendes, im Wind wehendes Kleid, das Tarantino seinem Film anstelle eines engen Korsetts angelegt hat: ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD hat keine Eile, er lässt sich treiben und harrt mal hier, mal dort aus. Er bietet Gelegenheit, Bruce Lee (Mike Moh) kennenzulernen (dessen Zeichnung als großmäuliger, Reden schwingender und allzu sehr von seiner Legende überzeugtes Großmaul, das dann auch noch von Cliff einen mitbekommt, so manchen Die-hard-Lee-Fan in meiner Facebook-Timeline sehr verärgert hat – ich fand’s hingegen sehr lustig und werde auch noch erläutern, warum), Rick und Dalton beim Fernsehgucken zuzuschauen, den Dreharbeiten einer Westernepisode der Serie LANCER beizuwohnen, für die Rick einen seiner Schurken gibt, gibt Einblicke in die bei seinem halbjährigen Exkurs nach Rom entstandene Filmografie des Protagonisten (die danach um Filme von Corbucci und Margheriti reicher ist) oder in eine Szene von THE GREAT ESCAPE mit Dalton in der McQueen-Rolle. McQueen tritt auch an anderer Stelle auf, nämlich als Gast einer Party in der Playboy Mansion, bei der Sharon Tate die Tanzflächer verzaubert, während der Star (Damian Lewis) uns über das Beziehungsdreieck von Polanski, Tate und ihrem Ex-Mann Jay Sebring (Emile Hirsch) aufklärt. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein entspannter, gut gelaunter und sonniger Film, aber es ziehen Wolken herauf, die einen Sturm ankündigen. Von seinen Protagonisten werden diese Wolken gar nicht wahrgenommen oder aber unterschätzt: Was Dalton für eine persönliche Krise hält, sind in Wirklichkeit Zeichen einer grundlegenden bevorstehenden Kurskorrektur Hollywoods, das für Stars wie ihn bald schon keinen Platz mehr hatte. Sharon Tates und Polanskis goldene Zukunft sollte unter den mörderischen Händen der Manson Family bald ein jähes, grausames Ende finden, das ebenfalls symptomatisch für die Zeitenwende war: Der viel zitierte Sommer der Liebe würde enden, der Kater danach jahrelang andauern. Die lange Sequenz auf der Spahn Ranch wird allein durch das Vorwissen des Betrachters und den Vorsprung gegenüber dem sich überlegen fühlenden Cliff zur nervenzerfetzenden Angelegenheit, eine kurze Stippvisite von Charles Manson (Damon Herriman) am Haus Polanskis zur drohenden Prophezeiung, deren Konsequenz dann aber außerhalb des Filmes liegt.

Der spannendste Aspekt des Films, sein Thema, wenn man so will, ist sein Verhältnis zur Realität: Tarantino zeichnet die (medien-)historischen Details der Epoche mit großer Akribie nach, verwendet neben zahlreichen authentischen Serien- und Filmausschnitten auch andere bildliche Hinweisen auf die Filme der Zeit in Form von Postern und Marquees sowie nicht zuletzt unzählige Radioschnipsel und natürlich Songs, die als allgegenwärtiger Klangteppich unter den Bildern liegen. Aber dann macht er auch immer wieder deutlich, dass wir uns nicht in der historischen Realität des Jahres 1969 bewegen, sondern in einem Bild jener Zeit, das vor allem im Rückblick, auf der Basis eben dieser ns bekannten popkulturellen Zeugnisse konstruiert wird (aber interessanterweise sind es nicht die „großen“ Namen und Titel jener Zeit, die er für die Konturierung dieses Bildes heranzieht, sondern die TV-Serien und längst vergessenen Genrevehikel – ich denke, das liegt nicht nur in seinen persönlichen Vorlieben begründet). Das zeigt sich am deutlichsten an der Zeichnung on Sharon Tate als blondes Phantom, als verlockendes Symbol einer unschuldigen Zeit. Im Vorfeld gab es ja einige Artikel, die Tarantinos angebliche Misogynie daran festmachen wollten, wie wenig Dialogzeilen Margot Robbie als Sharon Tate abbekommen hat, aber diese Interpretation kann man nur als böswillige Unterstellung bezeichnen oder zumindest eine halbblinde Betrachtung des Films konstatieren: Zwar stimmt es, dass ihr Charakter in erster Linie durch den (männlichen) Blick auf sie geformt wird, dennoch ist sie ganz eindeutig die Sympathiefigur des Films. Rick Dalton ist ein reaktionärer, weinerlicher, selbstverliebter und letztlich geradezu lachhafter Geck, Cliff ein schlagkräftiger Simpleton ohne Ambition, ein Versager, der sich für seinen reichen Freund schon beinahe prostituiert (und wahrscheinlich seine Gattin ermordet hat, weil sie ihm auf die Nerven ging), die Hippies schlicht wahnsinnige Spinner, mit deren Friedfertigkeit es recht schnell vorbei ist. Sharon Tate ist auf der einen Seite zwar ein Fetischobjekt für den Zuschauer, auf der anderen Seite aber auch Verbündete, weil sie der sich in Hollywood eröffnenden Welt selbst mit den staunenden Augen des Filmfans gegenübersteht, der mit amerikanischen Filmen aufgewachsen ist und es nun kaum glauben kann, selbst Bestandteil dieser Welt zu sein. Die Sequenz mit ihr im Kino ist einfach herzallerliebst und spricht den oben zitierten Vorwürfen geradezu Hohn. Tarantino macht nie einen Hehl daraus, dass er eine Welt männlicher Toxizität zeichnet, ob die sich nun in Daltons alkoholgeschwängerten rassistischen Rants äußern oder eben im Einfluss eines Charles Manson auf seine Jünger.

ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein Theme-Park-Ride durch die Traumfabrik, in dem Authentizität ständig von der Fantasie unterlaufen wird. Das zeigt sich auch in der bereits angesprochenen Bruce-Lee-Szene: Die Zeichnung des Kung-Fu-Asses als selbsternannter Philosoph kommt ja nicht von ungefähr, sondern wird durch etliche Interviews belegt. In den Augen von Leuten wie Dalton oder Booth musste dieser chinesische Zwerg einfach so rüberkommen wie im Film gezeigt. (Und dass Cliff tatsächlich eine Chance gegen ihn hat, ist natürlich durch die Handlung mitbegründet: Der Kampf gegen Lee bildet die Grundlage, vor der wir seine Überwältigung eines baumlangen Hippies auf der Spahn Ranch und seine finalen Amoklauf akzeptieren können.) Aber Tarantino erhebt nie den Anspruch, den „echten“ Bruce Lee abzubilden: Er arbeitet sich an einem Bild ab und liefert eine Karikatur, die wesentlich darauf fußt, dass Lee damals ein Paradiesvogel in Hollywood war, eine Figur, von der man nicht wusste, wohin mit ihr. Nach THE GREEN HORNET, der Serie, die er in ONCE dreht, ging er ja dann auch erst einmal wieder zurück nach Hongkong, wo er dann erst zu dem Star reifte, den wir heute kennen und den Hollywood gern wieder in Empfang nahm. Das deutlichste Indiz für seine Ausrichtung ist natürlich die Wendung, die Tarantino am Ende nimmt: Ob er eine parallele Geschichtsschreibung vornimmt, in der der Einsatz von Dalton und Booth den Tod Tates verhindert, oder die Bluttat einfach nur nach dessen Credits verlegt, ist Anlass für Diskussion. Ich fand es wunderbar, dass er die schöne, unschuldige Sharon Tate überleben lässt, ihrem Gatten den Verlust der schwangeren Ehefrau erspart, statt in einer unfassbaren Tragödie in einer kintopphaft überzogenen, ultraspaltterigen Keilerei kulminiert. Im Film ist eben alles möglich – es wäre schön wenn sich die Welt manchmal mehr an ihm orientieren würde.

Es ließe sich hier noch weiter ausholen, weil ONCE mehr als einen langen geschlossenen Text eine Stellenlektüre inspiriert, aber das hebe ich mir dann für eine weitere Sichtung auf. Mit seinem neuesten Film hat Tarantino jedenfalls erneut unter Beweis gestellt, dass er einer der originellsten und wichtigsten Filmemacher unserer Zeit ist und einer der wenigen, dem die Rezeption immer noch meist hinterherhinkt, egal, wie sehr sie sich an ihm abarbeitet. Als Filmfan, der es ernst meint, kommt man an ihm nicht vorbei – und das gilt für seinen Neuesten noch einmal in ganz besonderem Maße.

 

 

4bbd008a9126dc84085ea2c645d7bb89-519x755x1GLENGARRY GLEN ROSS verkörpert eine Art von Kino, mit der ich nicht selten Schwierigkeiten habe: Es handelt sich um die von Mamet selbst gescriptete Adaption eines seiner Theaterstücke, stellt die Fortführung einer heute etwas überkommen wirkenden Filmtradition dar, die solche namhaften Werke wie A STREETCAR NAMED DESIRE, THE CAT ON A HOT TIN ROOF, SWEET BIRD OF YOUTH, BABY DOLL oder WHO’S AFRAID OF VIRGINA WOOLF? hervorgebracht hat, und ist als solche erwartungsgemäß dialoglastig und eher statisch aufgebaut. Oft finde ich diese Filme in ihrer niveau- und geschmackvollen bildungsbürgerhaften Betulichkeit etwas langweilig, nicht selten gar unfilmisch. Aber dank der Regie von James Foley, der alles tut, um die ehrfuchtgebietenden Darbietungen seiner eindrucksvollen Darstellerriege wirken zu lassen, den elegant-kühlen Bildern von Juan Ruiz Anchia, der viel herauszuholen weiß aus regennassem Asphalt und rotem Neonlicht, und dem nur vordergründig entspannten Jazz aus der Feder James Newton Howards habe ich über die volle Laufzeit regungslos dagesessen, mich mehr und mehr in den Bezug der Sitzfläche gekrallt. GLENGARRY GLEN ROSS ist ein pointiertes Drama über die Härten der sogenannten freien Wirtschaft, speziell das provisionsbasierte Geschäft des Vertreterdaseins, eigentlich aber ein lupenreiner Horrorfilm. Man sieht hier Menschen bei der Selbstauflösung zu.

Im Zentrum steht der auf den Ruhestand zugehende Shelley Levene (Jack Lemmon), ein geborener Verkäufer alter Schule, aber seit einiger Zeit von einer echten Pechsträhne geplagt und nicht mehr ganz so frisch, wie er es mal war. Seine Kollegen Moss (Ed Harris) und Aaronow (Alan Arkin) haben ähnliche Probleme und sehen ihrem Rauswurf ins Auge, so sie nicht schleunigst Immobilienverkäufe abschließen. Das Problem: Die Adressen, die ihnen ihr Vorgesetzter Williamson (Kevin Spacey) anbietet, taugen nichts, bessere rückt er nicht heraus. Aber in seinem Büro liegt ein verheißungsvoller Kartin mit den „Glengarry-Adressen“, mit denen der Erfolg quasi garantiert ist. Und genau der wird bei einem nächtlichen Einbruch gestohlen …

„Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs“, fasste mein Gastgeber Frank den Film final zusammen und traf den Nagel damit auf den Kopf. Foley und Mamet etablieren eine sich langsam dem Siedepunkt entgegensteigernde, fiebrige Atmosphäre der Panik und Verzweiflung, von der alle der involvierten Charaktere – selbst der erfolgreiche, vor öligem Selbstbewusstsein nur so überschäumende Roma (Al Pacino) – ergriffen werden. Das Szenario ist das nackte Grauen, ein klaustrophobischer Albtraum des Neoliberalismus, in dem Menschen auf  kalte Zahlen reduziert und u Sklaven des Kapitals degradiert werden. Shelley, den wirtschaftlichen GAU vor Augen, dem eine Entlassung in seinem Alter entspräche, wird zum bibbernden, flehenden Schwächling, Moss schwingt große Reden, zieht aber den Schwanz ein, wenn es hart auf hart kommt, Aaronow dreht sich im Wind wie ein flatterndes Fähnchen und Roma spuckt Invektive, die seinen Selbsthass kaum verbergen können. Sie alle sind kleine Lichter in einem auf lange Sicht vollkommen aussichtslosen Spiel, in dem sie sich mit Almosen abspeisen und dafür auch noch von ihren Vorgesetzten verhöhnen lassen. Alec Baldwin setzte sich mit seinem Kurzauftritt als gnadenloser „Coach“, der vor den Lohnsklaven mit seiner Uhr und seinem Auto prahlt, ein Denkmal, zeigte, was man mit vielleicht dreieinhalb Minuten Screentime anstellen kann. Al Pacino und Jack Lemmon bewiesen noch einmal, wozu sie in der Lage waren (Lemmon vergoldete sich die Rente danach überwiegend mit Auftritten in sicherem Entertainment der Marke GRUMPY OLD MEN, Pacino agierte in zunehmend bedeutungsloserem Müll), Ed Harris belegte einmal mehr, warum er als eines von Hollywoods bestgehüteten Geheimnissen galt, Kevin Spacey legte den Grundstein für seinen in den Folgejahren vollzogenen Aufstieg zu einem der gefragtesten männlichen Hauptdarsteller, Jonathan Pryce (als gelinkter Käufer) und Alan Arkin brillieren als geprügelte Hunde mit Trauermiene.

Wie man meinem Text schon entnehmen kann, ist GLENGARRY GLEN ROSS in erster Linie ein Schauspielfilm, der sich aber im Gegensatz zu anderen Vertretern dieser Gattung stets völlig organisch und unangeberisch anfühlt. Und als einer von wenigen Filmen seines Jahrzehnts hat man hier auch nicht das Gefühl, dass er in seiner Zeit verhaftet ist, im Gegenteil: Was Mamet über die Misanthropie unseres Wirtschaftssystems zu sagen hat, weiß man eigentlich erst heute wirklich zu schätzen. Mit einem Wort: messerscharf.

Jack Sadelstein (Adam Sandler), Familienvater und Manager einer großen Werbeagentur in Los Angeles, ist angespannt: Zum Thanksgiving Day hat sich seine Zwillingsschwester Jill (Adam Sandler) zu Besuch aus der Bronx angemeldet. Jill ist eine liebevolle Person, aber sie ist auch etwas dümmlich, laut, ordinär, in vielen ihrer Angewohnheiten schlicht furchtbar peinlich … und Single. Weil sie ihren vermeintlichen Kurzbesuch deshalb kurzerhand ausdehnt und Jack den letzten Nerv zu rauben droht, beschließt der, ihr einen Mann zu suchen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. An unerwarteter Stelle eröffnet sich jedoch eine Chance: Ausgerechnet Superstar Al Pacino (Al Pacino) findet Gefallen an der Frau, die wie er aus der Bronx stammt. Und weil Jack genau den für einen wichtigen Werbespot gewinnen will, lässt er nichts unversucht, die beiden zu verkuppeln …

Jeder hat ihn, diesen einen Verwandten, der einem bei aller Liebe doch auch ein bisschen peinlich ist. Dessen Besuch man mit Angstschweiß auf der Stirn und in Befürchtung eines gesellschaftlichen Super-GAUs erwartet und nach dessen Abreise einem ein Stein vom Herzen fällt, weil man wieder einmal mit dem Schrecken davongekommen ist. Der „Peinliche Verwandte“ ist ein Standard der Komödie, den nun auch Adam Sandler bearbeitet – und dadurch exponenziell steigert, dass es sich bei der unmöglichen Person um einen Zwilling handelt. Während des von der eigentlichen Handlung des Films abgekoppelten Prologs treten verschiedene echte Zwillingspaare vor die Kamera (die Strategie erinnert ein wenig an Rob Reiners WHEN HARRY MET SALLY mit seinen verschiedenen Ehepaaren). Sie schildern, was sie an ihrem Zwilling schätzen, was sie mit ihm verbindet und fungieren als anschauliche Beispiele für die besondere Beziehung, die zwischen Zwillingspärchen besteht. Sie sehen sich nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sie haben auch eine besonders enge Verbindung zueinander. Der verbreitete Glaube an die Fähigkeit von Zwillingen, außer- und übersinnlich miteinander kommunizieren zu können, die Schmerzen des anderen über riesige Distanzen fühlen zu können, hat in dieser besonderen Beziehung ihren Ursprung. Sie ist es aber auch, die Jills Ausfälle für Jack so besonders schmerzhaft macht: Die Frau ist ein Spiegelbild seiner selbst, und so befremdet er sich von ihr immer wieder fühlt, so liegt der Quell seines Unwohlseins doch vor allem in dem tief eingegrabenen Wissen, dass sie ihm ähnlicher ist, als er das zugeben mag. Diese Hin- und Hergerissenheit Jacks zeigt sich vor allem in einer wiederkehrenden Formulierung. Gegen den Spott, den sein Angestellter immer wieder über Jill auskippt, verteidigt Jack seine Schwester mit derselben Phrase, mit der er seine Attacken auf sie verteidigt: „I can say that, she’s my twin.“ Doch diese Berufung auf ihre besondere Beziehung ist für ihn lange Zeit nur Vorwand, ihr gegenüber kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen, Mittel, den Anschein geschwisterlicher Liebe gegenüber Dritten zu wahren. Erst spät erkennt er, was er an seiner Schwester hat, was sie ihm und er ihr bedeutet: Nämlich als er in ihre Kleider schlüpft, um den liebestollen Pacino klarzumachen, und dabei erfährt, was ein anderer in seiner Schwester sieht.

Vor allem, wenn man seine Rezeption durch die US-Filmkritik verfolgt, kann man zu dem Schluss kommen, dass Adam Sandler ein Nachfahre von Jerry Lewis ist. Auch dessen große Karriere wird heute in den USA gern marginalisiert und revidiert. Dass Lewis‘ Filme von der intellektuellen Kritik vor allem in Frankreich als cineastische Offenbarungen gefeiert wurden und werden, ist nicht etwa Anlass, eigene Positionen zu überdenken, sondern nur Beleg dafür, dass die Europäer keinen Geschmack haben. Adam Sandler geht es so ähnlich: Keinem anderen aktiven Filmkomiker schlägt dermaßen unverhohlene Verachtung entgegen wie ihm, bei keinem anderen sind sich die sonst so disparate Ansichten vertretenden Kritiker plötzlich so einig, kein anderer wird so dermaßen offensiv missverstanden und fehlinterpretiert, bei keinem anderen wird die Kritik so oft so unsachlich und persönlich wie bei ihm. Dass er mit Armond White genau einen unverdrossenen Fürsprecher hat, der dem allgemeinen Tenor – Sandler sei zynisch, publikumsverachtend und dumm – vehement widerspricht, führt nicht etwa zu einer „ergebnisoffenen“ Neudiskussion über den möglichen Wert des Sandler’schen Werks, sondern erhärtet den Status quo noch. Schließlich gilt White als „contrarian“, jemand, der der Masse grundsätzlich widerspricht, um sich interessant zu machen. Was er gut findet, muss zwangsläufig Müll sein. In Europa (bzw. in Deutschland) war Sandler nie eine große Nummer, was den Vorteil hat, dass es hier keinerlei politischen Ressentiments gegen ihn gibt (anders als in den USA, wo sein Erfolg beim „gemeinen“ Publikum ihn vielen seriösen Kritikern suspekt macht). So konnte sich dann auch ein kleiner, aber gewichtiger Kreis von Fürsprechern bilden, die Sandlers Werk, ähnlich wie White, für seine philantropischen Qualitäten schätzen, die ihn etwa mit dem Großmeister Frank Capra verbinden. Was ihn von diesem unterscheidet, ist sein Hang zur Zote, zum Körper(funktions- und -öffnungs)humor. Was Gegnern Beleg für mangelndes Niveau und das Anbiedern an untere Bildungsschichten ist, ist in Wahrheit Ausdruck von Sandlers tiefer Liebe für den normalen Durchschnittsbürger. Seine Furzwitze sind zutiefst demokratisch: Menschen haben unterschiedliche Bildung, Berufe, Vorlieben, Interessen, Ziele – aber alle müssen sie scheißen. Der Wert von Sandlers Humor zeigt sich vor allem in Abgrenzung zu einem anderen jüdischen Komödianten: Während sich Woody Allen in den letzten Jahren immer mehr in einem intellektuellen Elfenbeinturm verschanzt, von wo aus er uns alljährlich das neueste Ergebnis seiner Nabelschau zusendet, sind Sandlers Filme absolut universell, grenzüberschreitend, sozial.

Das zeigt sich auch in JACK AND JILL, der die typischen shenanigans der Travestie-Komödie unterwandert, um zu einem tieferen Selbstverständnis zu gelangen. Hier geht es nicht in erster Linie darum, zu zeigen, wie blöd ein Mann in Frauenkleidern aussieht. Der Film handelt vielmehr von Peinlichkeit allgemein, von unserer Angst, uns zu blamieren oder blamiert zu werden. Aber natürlich ist er vor allem ein Aufruf dazu, Konzepte von Peinlichkeit zu hinterfragen, gewissermaßen hinter die Peinlichkeit zu schauen, den Menschen zu erkennen und ihn trotz oder gerade wegen seiner Mängel zu lieben. Für Adam Sandler, dessen Filme immer auch Selbst-Konfrontationen sind, mag dieser Film auch ein Aufruf an seine Kritiker gewesen sein. Sie haben ihn – mal wieder – nicht verstanden und ihre Häme über ihn gegossen. Ein kleiner Kritikpunkt trifft diesen schönen Film aber dann doch: Seine Inszenierung wirkt oft leblos, künstlich und soap-operesk und unterwandert so den Tumult des Plots. Die Schauplätze – vor allem Jacks Haus mit seiner sterilen Einrichtung wie aus dem Schöner-Wohnen-Heft – sehen unbelebt und unecht aus, und der einzige Mensch, der darin nicht wie ein Fremdkörper wirkt, ist Katie Holmes als Jacks Ehefrau. Das ist aber nicht als Lob gemeint: Wie vor ihr Courteney Cox in Sandlers BEDTIME STORIES hat sie eine dieser fürchterlich unterentwickelten Frauenrollen abbekommen, mit denen man einfach nur wie Staffage aussehen kann. Hier kranken Sandlers Filme dann auch manchmal: Sie hinken dem Witz ihres Protagonisten hinsichtlich Dramaturgie und Inszenierung oft ungut hinterher. Ich bin geneigt, dass Regisseur Dennis Dugan zuzuschieben, aber der hat ja auch den famosen GROWN UPS gemacht, der wunderbar lebendig, locker und leicht anmutet. Dazu später mehr.

Ein Serienmörder geht in der homosexuellen Lederszene New Yorks um. Der heterosexuelle Polizist Steve Burns (Al Pacino), der äußerlich ins Beuteschema des Killers passt, wird als Undercover Cop in die Szene eingeschleust, um als Köder für den Mörder zu fungieren. Doch statt mit diesem wird er mit seinen eigenen Abgründen konfrontiert …

Es ist nahezu unmöglich, über CRUISING zu sprechen, ohne auf seine problematische Entstehungsgeschichte zu verweisen. Friedkins Film zog schon während der Dreharbeiten den Zorn der Gay-Rights-Bewegung auf sich, die ihm Schwulenfeindlichkeit unterstellten, und in der Village Voice wurde offen zur Sabotage der Dreharbeiten aufgerufen; ein Aufruf, dem viele Homosexuelle bereitwillig folgten und die Drehorte im Meatpacking District im Westen Manhattans unter anderem mit lauter Musik beschallten, um Friedkin bei der Arbeit zu stören. (Dieser Artikel – ironischerweise aus derselben Zeitung – beschäftigt sich anlässlich der DVD-Veröffentlichung von CRUISING vor rund drei Jahren mit der damaligen Protestbewegung und ihren Auswirkungen.) Damit endeten die Probleme für Friedkin aber noch lange nicht: Der Film erhielt das gefürchtete X-Rating, das ihn als Pornografie stempelte, mehrere Schnitte und Kürzungen von rund 40 Minuten waren nötig, um das R-Rating zu erhalten, das letztlich aber nicht verhindern konnte, dass CRUISING sowohl an den Kinokassen als auch bei den Kritikern durchfiel. Seine Rehabilitation erfuhr der Film erst in den Neunzigerjahren, in denen es durch das veränderte öffentliche Klima möglich wurde, den Film auf der einen Seite als Zeitzeugnis und als Fenster in eine Welt vor Aids zu betrachten und ihn gleichzeitig auch von der porträtierten Szene losgelöst zu betrachten. Die Kenntnis von Friedkins Werk und seinen Methoden hilft ungemein, CRUISING zu verstehen; oder besser: sich einem Verständnis anzunähern. Denn eines ist klar: CRUISING ist ein schwieriger Film.

Schon mit seinem großen Durchbruch THE FRENCH CONNECTION 1971 etablierte sich Friedkin als provokanter und innovativer Filmemacher. Für den genannten Film griff er auf einen semidokumentarischen Stil zurück und lieferte die Blaupause für die heute endgültig im Mainstream angekommenen filmischen Authentifizierungsstrategien. Gleichzeitig zwang er sein Publikum, sich mit einem rassistischen Zyniker zu identifizieren und die Welt durch dessen Augen zu betrachten, ohne dessen Weltsicht zu relativieren. In seinem Welterfolg THE EXORCIST schließlich manipulierte Friedkin die Zuschauer mittels Einsatz subliminaler Bilder und löste so ihre für gewöhnlich passive Beobachterrolle auf, öffnete sie unbemerkt für den Dämon, der auch von seiner Protagonistin Regan Besitz ergriffen hatte. Das ist programmatisch: Man kann sich als Zuschauer in einem Friedkin-Film niemals bequem zurücklehnen, weil sie volle Teilnahme fordern. Zuschauer- und Filmraum sind nicht länger von einander getrennt, vielmehr entfaltet sich der Film dialektisch im Limbo zwischen diesen beiden.

So auch CRUISING, der – auch wenn Friedkin im Audiokommentar versichert, die Szenen in den Lederbars der homosexuellen S&M-Szene nicht gestellt, sondern deren feiernde Stammkundschaft einfach nur „abgefilmt“ zu haben – mitnichten einen neutralen, quasidokumentarischen Blick auf die Lederszene wirft, sondern diese in einer für den Zuschauer höchst konfrontativen Weise in Szene setzt, die die beherrschenden Themen des Films, Verführung und Gewalt, widerspiegelt. Die Bilder vom orgiastischen Treiben in den verschwitzten Bars, von Menschenaufläufen in nächtlichen Parks und an Straßenecken, von Blicken voller Lust und Begierde und einem offenen Umgang mit Sex werden kontrastiert von den drastischen Mordszenen, dem aggressiv ausgestellten männlichen Körperkult und den autoritären Insignien des Sadomasochismus, die seine Anhänger zur Schau stellen, aber auch vom Hass, der ihnen etwa von Seiten der Polizei entgegenschlägt. CRUISING bewegt sich im pulsierenden Rhythmus von Anziehung und Abstoßung, den man als Zuschauer mitgeht, und man kommt kaum umhin, diesen Kontrast schon als prophetischen Boten der nur wenig später aufkeimenden Krankheit zu betrachten. Doch mehr als ein Film über die schwule Lederszene der ausgehenden Siebzigerjahre scheint mir CRUISING ein Film über das ambivalente Selbstbild des postmodernen Mannes zu sein, der zwischen dem Ideal des virilen Kämpfers, dem er nicht mehr entsprechen kann, und seiner femininen Seite, die er nicht zeigen darf, hin und hergerissen ist und darüber in eine tiefe Identitätskrise fällt. Ihren deutlichsten Ausdruck findet diese Erkenntnis wohl im Bild eines mit einer verspiegelten Sonnenbrille verdeckten Gesichts: Der Blick ist nicht mehr vom Erblicktwerden zu trennen, Subjekt und Objekt verschmelzen zu einem, man sucht das Andere und findet immer nur sich selbst.

Schon Burns‘ Reaktion auf die überaus direkte (und eine ziemlich deutliche Sprache bezüglich der Haltung gegenüber Homosexuellen sprechenden) Frage, ob er schonmal einen „Schwanz gelutscht“ habe, die ihm sein Vorgesetzter (Paul Sorvino) zu Beginn des Films stellt, lässt seine Selbstzweifel erkennen: Statt eines eindeutigen „Ja“ oder „Nein“ gibt es ein verschämt-überspielendes Lachen, ein unruhiges Auf-dem-Stuhl-Rutschen und eine ausweichende Antwort. Später geht Burns an seinem allerersten Tag als Undercover-Polizist geradezu enthusiastisch mit seinem homosexuellen Nachbarn Ted (Don Scardino) in ein Café, während die seltener werdenden Besuche bei seiner Freundin Nancy (Karen Allen) seltsam belastet scheinen. In einer späteren Sexszene mit ihr nimmt Burns sie rabiat und ohne sie anzusehen, seine schüchternen ersten Tanzbewegungen in einem Schwulenclub weichen nach kürzester Zeit einem aggressiv-dominanten Habitus und wie selbstverständlich hüllt sich Burns in Lederjacke und -armbänder: Man hat nicht den Eindruck, er verkleide sich bloß. Und nachdem er sich in einem Fetischladen über die Bedeutung verschiedenfarbiger Einstecktücher erkundigt hat, sieht man ihn später mit einem gelben Tuch als Natursektliebhaber ausgezeichnet: Hier legt jemand mehr als nur leichte Neugier an den Tag.

In der ungewöhnlichen Auflösung des Krimiplots geht Friedkin noch einen Schritt weiter: Der Mörder, den er während der ersten Hälfte seines Films noch mehrfach bei der Ausübung seiner Taten zeigt, verschwindet in der zweiten völlig aus dem Film. Der verdächtige Student Stuart (Richard Cox), den Burns stattdessen zu beobachten und zu verfolgen beginnt, ist nicht der Mörder aus diesen Szenen, der Zuschauer weiß, dass Stuart unschuldig ist und lediglich deshalb aggressiv auf Burns reagiert, weil er sich selbst von diesem bedroht sieht. Und Burns macht es sichtbar Spaß, seine Machtposition gegenüber dem verängstigten Studenten auszuspielen. Hatte er vorher, nachdem seine Kollegen einen anderen Verdächtigen auf Grundlage kaum stichhaltiger Indizien gedemütigt und misshandelt hatten, seinem Chef gegenüber noch sein Entsetzen über die offen zur Schau getragene Schwulenfeindlichkeit ausgedrückt, fällt er nun selbst in die Rolle des sadistischen Bestrafers. Und wer ist der Mörder an Burns‘ Nachbar Ted, der am Ende tot in seiner Wohnung aufgefunden wird? In der ursprünglichen Schnittfassung waren angeblich Hinweise darauf enthalten, dass Burns während seiner Armyzeit gewalttätig gegenüber Homosexuellen geworden war, die die Lesart, dass Burns ein zwischen den Polen Homosexualität und Homophobie Hin- und Hergerissener ist, stützen. Das Ende, das einen ermatteten Burns zeigt, der voller Selbstzweifel in den Spiegel blickt, während seine Freundin sich in seine abgelegte Lederuniform hüllt, lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu.

CRUISING ist – so viel ist aus meinem Text hoffentlich hervorgegangen – ein rätselhafter, unheimlicher und beunruhigender, in seiner überbordenden Körperlichkeit gleichzeitig aber auch ein erschreckend schöner Film. Gegen die Vorwürfe, die vor rund 30 Jahren gegen ihn erhoben wurden, lässt sich zwar argumentieren, aber gänzlich verwerfen lassen sie sich nicht, weil Friedkin die vorherrschenden Ressentiments gegen Homosexuelle wenn auch nicht bedient, so doch für seinen Film nutzt. Das rauschhafte Treiben, das er zeigt, hat eine durchaus zersetzerische Note: Diese Welt scheint den Werten, auf denen die westlichen Zivilisationen aufgebaut sind, diametral gegenüberzustehen, maßvolle Beschränkung und keusche Enthaltsamkeit weichen dem selbstzerstörerischen Exzess. CRUISING fordert mündige, mutige Zuschauer, die sich Friedkins Provokationen stellen, anstatt sich ihnen zu verschließen. Dafür sind wohl auch anno 2010 nur die wenigsten bereit. Die Welt von CRUISING ist mit Aids untergegangen, aber der Film hat seine Relevanz noch lange nicht verloren.