Mit ‘Alan J. Pakula’ getaggte Beiträge

parallax-viewTHE PARALLAX VIEW gilt als zweiter Teil von Pakulas sogenannter „Paranoia-Trilogie“, als Bindeglied also zwischen KLUTE und ALL THE PRESIDENT’S MEN, und dass er im Gegensatz zu jenen ohne jede Oscar-Nominierungen auskam, darf man durchaus als Zeichen werten. Sind Vorgänger und Nachfolger echte, hoch ambitionierte filmische Schwergewichte, ist dieser Mittelteil doch eher fluffiger Natur, wenngleich auch er nicht gerade ein freundliches Bild der damaligen Gegenwart zeichnet und zudem ein reichlich bitteres Ende aufweist. Es ist eben einer der charakteristisch bleichen Thriller jener Zeit, ein Resultat des Vertrauensverlusts, den die Politik nach diversen Attentaten und Politskandalen bei der Bevölkerung erlitt, und von bitterer Resignation und Pessimismus geprägt. Aber, und hier kommt die Einschränkung und Erklärung, warum ich ihn für „fluffig“ halte, THE PARALLAX VIEW nutzt die Paranoia seiner Zuschauer in erster Linie für einen spannenden, actionreichen und kurzweiligen Thriller, der die genre- und zeittypische Kälte auf den Kintopp prallen lässt.

Der übermotivierte Reporter Joseph Frady (Warren Beatty) war vor drei Jahren bei einem Empfang anwesend, auf dem ein bedeutender Politiker erschossen wurde. Nun erfährt er von einer Kollegin, die ebenfalls Zeuge war, dass seit damals sechs Gäste auf mysteriöse Art und Weise ums Leben gekommen seien und auch sie nun um ihr Leben fürchtet. Er hält das zunächst für ein Hirngespinst, aber als sie wenig später tatsächlich tot ist, beginnt er nachzuforschen und stößt auf eine Organisation namens „The Parallax Corporation“, die Killer für politische Anschläge ausbildet. Er dient sich als potenzieller Mitarbeiter an, ahnt aber natürlich nicht, worauf er sich da einlässt.

THE PARALLAX VIEW ist sehr geradlinig erzählt und lässt die Komplexität anderer Verschwörungsthriller weitestgehend vermissen – was nur bedingt ein Makel ist. Frady kommt der im Hintergrund wirkenden Organisation schnell auf die Schliche und die kann sich über einen Mangel an Arbeit anscheinend auch nicht beklagen. Kaum steht der Reporter mal im Foyer ihrer Zentrale rum, rennt der Senatorenkiller auch schon verschwörerisch mit einem Koffer zum Flughafen und legt diesen auf einen Gepäckwagen – allerdings ohne auch in das entsprechende Flugzeug einzusteigen. Anstatt eins und eins zusammenzuzählen, löst nun Frady ein Flugzeugticket und muss wenig später eine Möglichkeit finden, den Flieger zur Landung zu zwingen, bevor eine Bombe explodiert. Als Spannungsvehikel funktioniert der Film sehr gut und das Finale ist von dieser eisig-dokumentarisch-geduldigen, fast mathematisch zu nennenden Inszenierung geprägt, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, aber darüber hinaus ist er beinahe völlig leer und abstrakt. Das mag durchaus Zweck der Übung gewesen sein: THE PARALLAX VIEW ist in allem so unkonkret, allgemein und universell, dass er fast als die Matrix aller Paranoia-Filme jener Zeit angesehen werden kann. Pakula wirft allen Ballast über Bord und dampft seine Geschichte auf die wesentlichen Eckpunkte ein. Am Ende bleiben nur noch der Held, die anonyme Organisation und die Welt, die von ihr nach Belieben geformt wird. Besonders erhellend erscheinen mir zwei identisch inszenierte Szenen am Anfang und am Ende, die als eine Art Rahmung fungieren und jeweils ein Gericht bei der Verkündung ihres Urteils zeigen. Im ersten Fall schreiben sie das Attentat einem irren Einzeltäter zu, im zweiten dem (nun toten) Helden des Films. Es gibt keinen Saal, das Bild ist vollständig schwarz gerahmt, der Urteilsspruch ergeht direkt an den Zuschauer. Aber wir wissen ja, dass wir getäuscht werden, dass das Gericht falsch liegt. Pakula liefert keine einfache Zustandsbeschreibung, er appelliert direkt an den Zorn des Publikums. THE PARALLAX VIEW ist agitatorisch – und darin ziemlich perfide. Ein Paranoiafilm für Paranoiker.

 

 

 

 

 

klute (alan j. pakula, usa 1971)

Veröffentlicht: Februar 24, 2010 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

Von meiner Erstsichtung von KLUTE vor rund 15 Jahren ist nichts hängengeblieben, außer der Erinnerung an einen irgendwie ungemütlichen, kalten Film. Diese Erinnerung hat sich jetzt bestätigt. KLUTE erzählt zwar von einem Kriminalfall, der Suche nach einem Vermissten, die sich bald als die Suche nach dem Mörder dieses Vermissten herausstellt, mehr aber noch von seelischer Verkrüppelung, von Isolation und Einsamkeit inmitten einer Großstadt, vom masochistischen Drang, sich zu verletzen, anstatt gut zu sich selbst zu sein, der Unfähigkeit, das eigene Leben zum Positiven zu wenden, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Tief drinnen in Pakulas Film steckt auch ein Film Noir: Da ist der Private Eye, der einen Mörder sucht, aber noch mehr sich selbst, eine attraktive, aber möglicherweise auch (für Männer) gefährliche Frau, eine Metropole, in der Menschen verschwinden und deren Glanz trügerische Tarnung für die zahlreichen Fallen ist, die sie bereithält. Schwärze und Schatten dominieren die Bilder, denen das dezidiert Expressionistische des Noir jedoch vollkommen abgeht, die paradoxerweise von geradezu erschütternder Klarheit sind. Während der Noir das Innenleben seiner Protagonisten nach Außen kehrt, da geht Pakula in KLUTE eher aufklärerisch vor: Er macht kein Geheimnis daraus, dass ihn nicht der Kriminalfall, sondern die Figuren und deren psychische Disposition interessieren.

Aber es ist kaum weniger unheimlich, was er zu Tage fördert: die emotionale Verkarstung des Callgirls Bree (Jane Fonda), die so gut darin ist, Männern etwas vorzuspielen, dass sie sich ihr falsches Glück fast selbst abkauft, aber einfach keinen Job als Schauspielerin findet; die wortkarge Verklemmtheit Klutes (Donald Sutherland), der wie ein Stalker in einem mit Fotos von Bree dekorierten Kellerloch sitzt und sich nicht dagegen wehren kann, das lachhafte Klischee zu bedienen, indem er sich in das Objekt seiner Ermittlungen verliebt: eine Frau, die noch dazu gar nicht in der Lage ist, zu lieben.

Aber Pakula hat mit KLUTE keine Thesenkino gemacht, er bietet keine Moral von der Geschichte. Auch das macht diesen Film so unheimlich: Dass er die Fakten ausbreitet, kaum Fragen übrig lässt und einen mit den Antworten allein lässt. Das ist ja auch die Erkenntnis aus dem Film: Dass wir allein sind, egal wie viele Menschen sich um uns tummeln, und wir uns noch nicht einmal selbst richtig kennen. Und dann noch diese Musik … Eisig.