Mit ‘Alberto Dalbés’ getaggte Beiträge

Francos Gothic-Trilogie findet nach dem schwachen LA FILLE DE DRACULA ihren unangefochtenen Höhepunkt in LE MALDICIÓN DE FRANKENSTEIN, der die dunkelromantische Poesie von Filmen wie UNE VIERGE CHEZ LES MORTS VIVANTS oder LES CAUCHEMARS NAISSENT LA NUIT mit der pulpigen Wildheit und der unbekümmerten Improvisation von DRACULA CONTRA FRANKENSTEIN, dem Auftakt des Dreigespanns, vermählt. Alle Stärken des Spaniers kommen hier ungefiltert zum Vorschein: die betörende Ungeschliffenheit seiner traumgleichen Bildkompositionen, seine ungezügelte Fabulierfreude, die sich auch von einem wieder einmal sichtbar kargen Budget nicht in Ketten schlagen lässt, die mitunter verblüffenden visuellen Einfälle und dann natürlich diese fremdartige Stimmung, mit der das alles beatmet wird. Eigentlich müsste LE MALDICIÓN DE FRANKENSTEIN ein fürchterlicher Rohrkrepierer sein, aber stattdessen wird man schon von den ersten Sekunden völlig in seinen Bann geschlagen. Was auch daran liegt, dass Franco mit einem richtigen Knalleffekt einsteigt. Anders als andere Filme, die einem Auftakt nach Maß nichts hinzuzusetzen wissen, wird sein durchgedrehtes Frankenstein-Epos danach aber nur noch wahnsinniger.

Dr. Frankenstein (Dennis Price) ist am Ziel seiner Träume als Wissenschaftler angelangt: Er hat ein silbernes Monster (Fernando Bilbao) erschaffen, das nach dem passenden Elektroschock zu brüllen anfängt: „Mein Kopf! Diese Schmerzen!“ Der Forscher, der sich von kleinen Unzulänglichkeiten den Spaß nicht verderben lässt, frohlockt: Die Kreatur spricht, also ist sie denkfähig! Wenig später stürmt eine halbnackte Frau (Anne Libert) in das Labor: Sie ist mit Federn bedeckt, hat Klauen statt Finger, stößt einen schrillen Vogelschrei aus und attackiert dann den Hals des hilflosen Frankenstein, während ihr Assistent seinen Gehilfen (Jess Franco) erdolcht. Die beiden Attentäter karren das Monster daraufhin in einer Kiste ins malerisch auf einer Klippe gelegene Schloss des schurkischen Cagliostro (Howard Vernon), der es benötigt, um eine Rasse von Supermenschen zu erschaffen. Dem Plan Cagliostros stellen sich Dr. Seward (Alberto Dalbés) und Vera Frankenstein (Beatriz Savón), die Tochter des Wissenschaftlers entgegen, der – ebenfalls mit dem Wunder der Elektrizität zu bemitleidenswertem Leben erweckt – hilfreiche Ermittlungstipps gibt.

Schon dieser Versuch einer Zusammenfassung sollte Liebhabern grellen Pulps die Herzen aufgehen lassen: Was Franco hier auftischt, ist natürlich hirnerweichernder Blödsinn, aber das spielt angesichts des gebotenen Ideenreichtums und der betörenden, Genredefinitionen sprengenden Eigenartigkeit seines Films keine Rolle. LA MALDICIÓN DE FRANKENSTEIN operiert jenseits gängiger erzählerischer Paradigmen: „Spannung“ oder „Dramaturgie“  im herkömmlichen Sinne verstanden spielen keine Rolle für das, was Franco tut. Der Film folgt seiner eigenen Logik: Selbst der auch recht abgedroschene Begriff der „Atmosphäre“ beschreibt nur unzulänglich, was hier passiert. Gleichzeitig ist sein Horrormärchen aber auch wieder recht straight: Man kann seiner Geschichte durchaus folgen, nur ist sie ihm lediglich Mittel zum Zweck für seine wüsten Einfälle. In einer Sequenz werden Vera Frankenstein und der verräterische Gehilfe Cagliostros aneinandergefesselt, in einen Kreis aus am Boden befestigten Eisenstacheln gestellt und dann vom silbernen Monster ausgepeitscht, während um sie herum die Schöpfungen von Cagliostros „neuer Rasse“ – Statisten in Halloweenkostümen – anfeuernd zuschauen. Ziel des perfiden Spiels ist es, zu überleben, indem man den anderen als „Fallschutz“ missbraucht. Franco dehnt die Sequenz gnadenlos aus, aber das ganze Setting ist so herrlich durchgeknallt, dass man dem ganzen gern in voller Länge beiwohnt. Hervorzuheben ist auch Howard Vernon, der seinen Cagliostro als charismatisch-selbstverliebten Zampano mit soulpatchigem Kinnbart gibt und damit weniger wie der Schurke eines Horrorfilms als vielmehr wie ein besonders exzentrischer Showmaster oder Las-Vegas-Magier rüberkommt. Auch Schauspielveteran Dennis Price verdient unsere Aufmerksamkeit: Kurz vor seinem Tod und von der Alkoholsucht gezeichnet, liefert er als wiederbelebter und auf einer Liege aufgebahrter Frankenstein eine Leistung ab, bei der man nicht weiß, ob man seine Aufoperungsgabe bewundern oder seinen Grad an Selbstverleugnung bemitleiden soll. Und Anne Libert, die bereits in UNE VIERGE CHEZ LES MORTS VIVANTS als Muse für Francos Phantasmagorien diente, ist als Vogelfrau ein echter Showstopper.

Wer diesen speziellen Franco-Vibe zu lieben gelernt hat, kommt um LE MALDICIÓN DE FRANKENSTEIN kaum herum; wer nicht weiß, was es mit Franco auf sich haben soll, findet hier einen wie ich finde recht munteren Einstieg. Wem das zu vage ist, der kann sich überlegen, wie reizvoll er die Vorstellung eines zu Beginn der Siebzigerjahre in Kollaboration von Jean Rollin, Helge Schneider und René Cardona inszenierten BARBARELLA-Horror-Remakes findet.

 

 

 

Mit diesem Mittelteil in Francos loser Gothic-Horror-Trilogie der frühen Siebzigerjahre (nach DRACULA CONTRA FRANKENSTEIN und vor LE MALDICIÓN DE FRANKENSTEIN) gelingt dem Regisseur das Kunststück, einen auf dem Papier geradlinigen, dazu vergleichsweise sauber inszenierten Film hoffnungslos zu vergeigen. Die Liste der unerklärlichen Fehlentscheidungen beginnt mit dem fragwürdigen Clou, eine Geschichte um Vampirismus ins Gewand eines bräsigen Whodunits zu kleiden, bei dem ein uninteressanter Inspektor (Alberto Dalbés) die Schar der Nebendarsteller befragt, deren Antworten den Zuschauer aber nicht tangieren, weil er ja längst weiß, woher die Bissmale kommen. Noch fahrlässiger ist aber sein Umgang mit der nominellen Hauptfigur Luisa Karlstein (Britt Nichols), der „Tochter Draculas“, die zu Beginn des Films vom Vampirgrafen (Howard vernon) gebissen wird und sich dann kontinuierlich in einen Vampir verwandelt, bis sie am Ende den Tod findet: Sie bleibt als Charakter vollkommen unscharf, taucht immer mal wieder auf, damit der Zuschauer nicht vergisst, dass sie ja auch noch da ist, und bestreitet ihre beiden größten Szenen nackt im Bett mit ihrer Cousine Karin (Anne Libert) im lesbischen (aber sehr soft gefilmten) Liebesspiel. Am Schluss, wenn sie in Sarg schlafend angezündet wird, bekommt sie noch nicht einmal einen Close-up spendiert, der sie unzweifelhaft identifizieren würde.

So verworren und in sich selbst versunken Francos Filme auch manchmal sind, normalerweise merkt man, was den Regisseur an ihnen interessierte. Und wenn man möchte, kann man die Schraddeligkeit eines Films wie DRACULA CONTRA FRANKENSTEIN auch ausgesprochen liebenswert finden. LA FILLE DE DRACULA hingegen ist anders, er macht zunächst einen planvollen und geordneten Eindruck, der dann aber dem Verdacht weicht, dass Franco schon vor der ersten Klappe den Bezug zum Stoff verloren habe und nun vergeblich versuche, ihn wiederzufinden. Er inszeniert die erste Vampirattacke tatsächlich im Stile eines Giallos mit Close-ups aufs geile Voyeuristenauge und einem mit schwarzem Trenchcoat und Hut vermummten Blutsauger, gibt sich selbst eine ziemlich große Nebenrolle als Skepsis-Skeptiker, der den Inspektor dazu mahnt, die Möglichkeit übersinnlichen Treibens nicht ins Reich des Aberglaubens zu verweisen, und lässt ein kleines, hier eher unbedeutendes Handlungsdetail aus LE MANO DE UN HOMBRE MUERTO Revue passieren. Handwerklich lässt LA FILLE DE DRACULA die auf große Eile deutende Schlamperei aus DRACULA CONTRA FRANKENSTEIN weitestgehend vermissen, aber dann gibt es eben doch wieder diese fragwürdigen Entscheidungen, die zeigen, dass doch vieles on the spot improvisiert oder verworfen werden musste. Hat er seine Hauptfigur vergessen oder hat er das Interesse an ihr verloren? Und warum wirken die Auftritt Draculas, die doch nach eine dramatischen Inszenierung verlangen, geradezu lustlos hingeworfen? Es ist nicht nachzuvollziehen.

Es fallen immerhin ein paar schöne Aufnahmen ab, die Musik ist eigentlich in fast allen Franco-Filmen zumindest dieser Zeit ausnehmend positiv hervorzuheben und Francos Part ist tatsächlich eines der besten Elemente von LA FILLE DE DRACULA, der von mir tatsächlich jenes Prädikat erhält, dass mir bei den allerwenigsten seiner Werke in den Sinn kommt: Mittelmaß.