Mit ‘Alberto De Martino’ getaggte Beiträge

Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig: So könnte man das Dilemma von OK CONNERY beschreiben, der von Alberto De Martino routiniert inszeniert wurde, die rührenden Naivitäten anderer europäischer Bond-Klone weitestgehend  vermissen lässt – aber eben auch stinklangweilig ist. Interessant ist er zunächst einmal, weil er seinen Rip-off-Status so offensiv angeht wie nur wenige Eurospy-Vehikel, die in den Sechzigerjahren aus den Studios in die Kinosäle katapulltiert wurden: In der Hauptrolle als „Connery“ ist mit Neil Connery niemand Geringeres als der Bruder Seans zu sehen, dem dann auch ständig die große Ähnlichkeit zum Star bescheinigt wird. Als seine Auftraggeber fungieren mit Bernhard Lee und Lois Maxwell der „M“ und Miss Moneypenny aus den Vorbildern: Sie agieren hier zwar unter anderem, nicht Copyright-geschützten Namen, sollen aber unverkennbar dieselben Rollen spielen und belegen das durch ständige Anspielungen. Mit Adolfo Celi als schurkischem Mr. Thai, eines Angehörigen der Verbrecherorganisation „Thanatos“, und Daniela Bianchi sind zwei weitere einstige Bond-Mitwirkende von der Partie und das Titelthema dudelt ebensfalls auf den Spuren der Doppelnull. Will man das Positive hervorkehren, so könnte man sagen, dass OK CONNERY dem Professionalismus der Bond-Filme recht nahe kommt.

„Nahe“ ist in diesem Fall aber auch das Problem, denn so sehr sich De Martino auch müht, großes Kino abzuliefern, es hapert letztlich doch an allen Ecken und Enden. Das beginnt beim Hauptdarsteller, der seinem Bruder zwar ähnlich sieht, aber jegliches Charisma, das es dazu braucht, einen Film zu tragen, vermissen lässt. Das scheinen auch die Verantwortlichen gemerkt zu haben, denn Neil Connery wirkt wie ein Passant in einem Film, in dem er eigentlich die treibende Kraft sein sollte. Die Geschichte um einen Magnetstrahl, mit dessen Hilfe „Thanatos“ alle Maschinen auf der Erde lahmlegen kann, ist umständlich und konfus: Das gilt zwar auch für die Bondfilme, doch diese liefern wenigstens Attraktionen in schneller Folge, die das vergessen lassen. Hier hingegen passiert nix. Wenn zum Showdown dann endlich mal die Schwarte kracht, ist das durchaus hübsch anzusehen, aber zu diesem Zeitpunkt ist alle Geduld schon längst aufgebraucht.

Und genau deshalb geht der Schuss mit der erwähnten „Seriosität“ auch nach hinten los: Wenn OK CONNERY wenigstens schön beknackt wäre, die Distanz zu den Vorbildern mit schlechten Effekte und Pappmaché-Bauten wettmachte und so etwas zum Schmunzeln böte, man bekäme vielleicht kein großes Agentenkino, aber hätte immerhin seinen Spaß. So ermüdet das nicht vorhandene Spektakel schon nach kurzer Zeit: Ich war nach etwa der Hälfte des Films nur noch physisch anwesend, was genau danach noch passiert ist, könnte ich nicht mehr sinnvoll nacherzählen, zu egal war mir das alles. So bleibt am Ende ein Gimmick, das OK CONNERY einen gewissen Kuriositätenbonus verleiht. Es reicht aber, von der Existenz des Films zu wissen, um in munteren Biergesprächen unter Filmfreunden damit aufwarten zu können. Sehen muss man ihn beim besten Willen nicht.

unbenanntHerrjemine, was für ein Kuddelmuddel! Fernsehreporter Craig Milford (David Warbeck) interviewt einen Wissenschaftler, dem es gelungen ist, durch Experimente an einem Meteorsplitter die Quelle irdischen Lebens zu entdecken. Die isolierte DNA blubbert nun in einem Schälchen und weckt die Begehrlichkeiten des schurkischen Anderson (John Ireland), der darin die Wurzel zur Weltherrschaft sieht. Aus gutem Grund: Wie die telepathisch begabte Joanna Fitzgerald (Laura Trotter) dem zunächst skeptischen Reporter vermitteln kann, handelt es sich bei dem von Anderson binnen weniger Tage aus der Ursuppe gezüchteten Glubschaugen-Embryo um einen Abkömmling einer tyrannischen Rasse Außerirdischer, die alles unterjochen will: Das haben Joanna die guten Aliens „aus einer anderen Dimension“ zugeflüstert. Am Ende bringen Milford und sie das plattgemachte Alien-Baby zum Raumschiff der guten Aliens, die es mit in weit, weit entfernte Galaxien nehmen, wo noch nie zuvor ein Mann gewesen ist. Und die Erde hat nochmal verdammtes Glück gehabt.

Dass MIAMI GOLEM inhaltlich ziemlich derber Schwachfug ist, muss ich nach meiner Inhaltsangabe wahrscheinlich nicht mehr extra erwähnen. Das allein diskreditiert ihn auch noch nicht, wohl aber, dass er grausam umständlich ist und einfach nicht aus den Pötten kommt. Mit genug Lärm und Krawumm – so wie auf dem abgebildeten deutschen Videocover – hätte ich als Zuschauer wahrscheinlich gar nicht gemerkt, wie abgrundtief idiotisch das alles ist, auf jeden Fall wäre es mir völlig egal gewesen. Aber Alberto De Martino, der keine zehn Jahre zuvor noch mit seinem THE OMEN-Rip-off HOLOCAUST 2000 bewiesen hatte, wie man okkulten Endzeitquark sehr geschickt mit Science-Fiction-Elementen verbindet, ist an Krawall um des Krawalls willen leider nicht sonderlich interessiert. Und so versteigt er sich in zum Scheitern verurteilten Versuchen, mittels Grenzüberschreitungen hin zum Polit- und Paranoiathriller eine Seriosität zu wahren, die sein Film einfach nicht hergibt. Ich würde noch nicht einmal so weit gehen wie viele der üblen Netznachredner, die sich über den Film lustig machen und sich über seine zugegeben nur mäßig gelungenen Effekte zu beeumeln: Klar, MIAMI GOLEM kann zu keiner Sekunde mit den großen amerikanischen Vorbildern – meinetwegen E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL oder CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND – mithalten (wer das gedacht hatte, ist ja eh mit dem Klammerbeutel gepudert), nicht einmal mit dessen amerikanischen Klonen, aber De Martino versteht sein Handwerk schon und Warbeck agiert hier wieder einmal so unfassbar cool und souverän, dass es eine wahre Freude ist. Eine so große, dass man bereit ist, mit ihm ein gutes Stück des Weges mitzugehen. Aber iIrgendwann ist auch der letzte Goodwill aufgebraucht: Spätestens beim ernüchternden „Showdown“, in dem Milford mit dem Mute der unglaubwürdigen Verzweiflung gegen das glotzende Wechselbalg im Gurkenglas vorgeht und die Inszenierung eine Götterdämmerung vorgaukelt, obwohl es eher ein Zäpfchenstreich ist, ist der Ofen aus.

Bleibt zum Schluss nur noch eine Frage, die ich zu gern beantwortet hätte: Was hatten die Italiener eigentlich mit Miami? Schon in den Siebzigern verschlug es Bud Spencer und Terence Hill dort hin, doch in den Achtzigerjahren scheint sich dann halb Cinecittà in die floridianische Metropole abgesetzt zu haben. Dutzende von Filmen spielen dort, ganz so, als habe es keine anderen attraktiven Drehorten in den US of Ey gegeben. In MIAMI GOLEM gibt es dann auch die unvermeidliche Bootsjagd durch die Everglades (darf man heute bestimmt auch nicht mehr machen), aber leider keine Krokodile. Die haben sich wahrscheinlich verweigert.

 

28162Was für eine Wiederentdeckung!

Ich mochte Alberto de Martinos zu Unrecht als THE EXORCIST-Rip-off marginalisierten Besessenheitsfilm schon damals, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, fand ihn sogar deutlich befriedigender als Friedkins Megahit, dem zum vollen Erfolg m. E. immer das Drehbuch des erzkatholischen William Peter Blatty im Wege stand, aber dass er mich bei der Wiederbegegnung so dermaßen begeistern würde, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Ich habe ihn innerhalb der letzten sieben Tage gleich zweimal gesehen (einmal in Englisch auf der Anchor-Bay-DVD, einmal in deutscher Synchronisation im Kino), und es spricht nur für den Film, dass ihm das nicht nur kein bisschen geschadet hat, sondern ich ihn beim zweiten Mal sogar noch besser fand.

Hier stimmt wirklich alles: Schon die fulminante Eröffnungssequenz, in der de Martino im semidokumentarischen Stil einfängt, wie sich verkrüppelte, zitternde, zuckende und geifernde Menschen in religiösem Wahn um eine Marienstatue tummeln, von der sie sich Heilung versprechen, zieht einen sofort in ihren Bann, macht unmissverständlich klar, wie der Hase hier in den nächsten 110 Minuten laufen wird. Der größte Wurf des Films ist gewiss, dass er seine Besessenheitsgeschichte in einer tief in der klerikalen Struktur Roms verwurzelten, großbürgerlichen Familie ansiedelt: Natürlich glaubt die aufgrund einer psychischen Blockade gelähmte Tochter (Carla Gravina), dass sie von einer als Hexe verbrannten Vorfahrin besessen ist, natürlich glauben ihre nächsten Verwandten, dass der Teufel im Spiel ist, natürlich „funktioniert“ der Exorzismus am Ende. Aber de Martino lässt nie einen Zweifel daran, was die höchst weltliche Ursache und dass das alles nur Projektion ist. Man merkt ihm die Abneigung gegen die Institution der katholischen Kirche jederzeit an, aber, und das ist entscheidend, man spürt auch die Empathie mit den Menschen, die in ihrem irrationalen Glauben konditioniert und damit gefangen sind.

L’ANTICRISTO kann effekttechnisch logischerweise nicht annähernd mit Friedkins bahnbrechendem Horrorfilm mithalten, ist stilistisch eher klassisch und gediegen, aber was ihm an Übergriffigkeit fehlt, macht er durch sein intelligentes Drehbuch mehr als wett. Und wenn die arme Ippolita sich in einer Satansorgie komplett mit Ziegenbock-Anus hineinhalluziniert, sie anfängt, obszöne Flüche auszustoßen, die selbst Klaus Kinski erröten ließen, im finalen Exorzismus Fensterläden auf- und Möbelstücke herumfliegen, sich der Schnittrhythmus frenetisch steigert, dann fühlt man sich auch von L’ANTICRISTO erheblich drangsaliert. Besondere Erwähnung verdient die Hauptdarstellerin Carla Gravina, die sich hier den Arsch abspielt, die ganze Palette von der auf die neue Geliebte des Vaters eifersüchtige,hilflose Tochter über die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation sexuell frustierten junge Frau bis hin zur lüsternen Femme fatale und schließlich zur Erbsensuppe spuckenden Besessenen überzeugend abdeckt, dabei eine wahre körperliche Tour de force hinlegt. Die anderen Akteure müssen fast zwangsläufig neben ihrer Leistung verblassen, was Gelegenheit gibt, die famose Kameraarbeit von niemand Geringerem als Aristide Massaccesi aka Joe D’Amato und die fantastischen, opulenten Settings zu bestaunen oder dem fiesen Score von Ennio Morricone und Bruno Nicolai zu lauschen.

L’ANTICRISTO ist gewiss kein Geheimtipp mehr, aber neben all den anderen Italo-Horrorfilmen, die bereits an jedem Baum zum zweiten Mal angepriesen wurden, dürfte seine Klasse ruhig etwas lauter besungen werden. Wer ihn bislang noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Und wenn er schon dabei ist, kann er auch noch HOLOCAUST 2000 nachlegen, de Martinos Variation des anderen großen Okkultschockers der Siebziegerjahre, THE OMEN.

missione_speciale_lady_chaplin_ken_clark_alberto_de_martino_006_jpg_gykbAlberto De Martinos Eurospy-Film um den Geheimagenten Dick Malloy (Ken Clark) beginnt ein bisschen behäbig, verwandelt sich dann aber ungefähr zur Hälfte hin in eine Kleine-Jungs-Fantasie voller absurder, bescheuerter und herrlicher Einfälle, getragen von einer deutschen Synchro, die den Geist des Films hervorragend unterstützt und hier und da eigene Glanzlichter setzt. Wie eigentlich alle Eurospy-Filme ist auch dieser ein freches James-Bond-Rip-off: Der Plot erinnert ein wenig an den ungefähr zur selben Zeit gestarteten THUNDERBALL und in der Rolle der verführerisch-mysteriösen Lady Chaplin ist Daniela Bianchi zu sehen, die Sean Connery in FROM RUSSIA WITH LOVE sweet nothings in Schottenöhrchen flüsterte. Als Superdiebin arbeitet sie mit dem schurkischen Zoltan (Jacques Bergerac) zusammen und hat ihm geholfen einige Atomsprengkörper und eine hochexplosive Chemikalie zu entwenden. Dick Malloy ist ihr dicht auf den Fersen, kann die Welt am Ende natürlich vor der Bedrohung retten, Lady Chaplin stellen und sie auf die Seite der Guten und in seine Arme ziehen.

Im Grunde kann man über die in den Sechzigerjahren reüssierenden Eurospy-Filme immer denselben Text schreiben: Sie zeichnen sich wie ihre großen Vorbilder durch typische Sechzigerjahre-Bilderwelten, loungige Möbel und kräftige Farben aus, besuchen mal mehr mal weniger attraktive Schauplätze, je nachdem, was das Budget hergibt, fahren ein ganz Arsenal technischer Gadgets auf, die meist umso absurder werden, je niedriger die Preisklasse des jeweiligen Films ist, verfügen natürlich über einen kernigen Helden, schöne Frauen und finstere Schurken, geizen nicht mit fadenscheinigen Spezialeffekten und werden von swingenden Easy-Listening-Scores treffend untermalt. Alberto De Martins Film gehört wahrscheinlich zu den höherstehenden Vertretern, verfügt über ansehnliche Production Values, muss hier und da aber natürlich improvisieren, um Limitierungen zu kaschieren. So steht auf dem Schreibtisch der Juwelenverkäuferin, deren Geschäft als Tarnung für ein Geheimdienstbüro fungiert, ein waschechtes Blaulicht, das – aus welchem Grund auch immer – anfängt zu leuchten, wenn sie die Zentrale kontaktiert. Eine Tauchsonde gibt bei Betrieb ein merkwürdig irritierendes Tüten von sich, wahrscheinlich weil man der Meinung war, sie müsse unbedingt ein Geräusch machen. Und beim großen Schlussfight in einem vollgepackten Atomraketensilo ballern Malloy und Zoltan wild in der Gegend herum, entzünden gar ein Feuer, ohne auch nur einmal innezuhalten angesichts der überwältigenden Gefahr. Ach ja: Zoltan hat kein Haufischbecken, dafür aber zwei Skorpione, die er mit sadistischem Geifergrinsen gegeneinander kämpfen lässt.

Es sind aber vor allem die kleinen Naivitäten und Unzulänglichkeiten, die den Film zu einem Vergnügen machen: Daniela Bianchi wurde offensichtlich von einer Hessin (oder Pfälzerin) synchronisiert, die ihren angeborenen Akzent nur höchst unzureichend kaschieren kann. In einer Szene täuscht Lady Chaplin einer Gruppe von Bahnangestellten vor, betrunken zu sein, um einen Zug in ihre Gewalt zu bringen, und die von der Synchronsprecherin offensichtlich mühsam hochgehaltene Maske entgleitet ihr bei dem Versuch, eine Betrunkene angemessen zu synchronisieren, vollends. Ich habe wirklich für eine Sekunde geglaubt, Lady Chaplin gebe sich als Frankfurterin aus. Ganz, ganz toll ist auch eine Modenschau, bei der jedes Kleid von einer Ansagerin angekündigt wird. Dabei kommen dann solch tolle Sachen raus wie: „Nr. 128. Ein Traum in Geld und Rosa“. Und das geht mehrere Minuten so weiter! In einem Dialog kündigt Malloys Vorgesetzter an, eine Zimmerdurchsuchung durchführen zu wollen. Als Malloy scherzhaft anmerkt, dass das eigentlich nicht seinem Dienstgrad entspreche, bemerkt der Chef mit einem neckischen Armschwung und sichtbarer Ferkelsfreud, dass er sich dabei so wunderbar jung fühle. Wahrscheinlich war da noch Einiges mehr, das ich mittlerweile leider vergessen habe. Selbstverständlich nicht vergessen habe ich die wahrscheinlich schönste Ohrfeige der Filmgeschichte: Malloy hat Lady Chaplin gerade vor einer ganzen Dutzendschaft gedungener Mörder gerettet und will sich aufmachen, nun auch den Oberschurken lahmzulegen. Lady Chaplin interveniert: „Ich komme mit!“ Da platzt dem sonst so gutmütigen Malloy der Kragen: „Hier wird gemacht, was ich sage!“, sagt er, und – Zack! – bekommt die schöne Lady Chaplin seinen Handrücken zu schmecken, dass es nur so eine Art ist und ihr sofort das Bewusstsein raubt. In diesem trotz diverser Toter wirklich rührend harmlosen und gutmütigen Filmchen wirkte diese vollkommen unvorhersehbare frauenfeindliche Entgleisung wie der berühmte Eimer Eiswasser, den die anwesenden Zuschauer dann auch entsprechend lautstark quittierten. Fein!

mann_mit_den_tausend_masken_der_querPaul Finney (Paul Hubschmid), Codename „Supersieben“ (in der internationalen Fassung und im wunderbaren Titelsong „Upperseven“), ist der Topagent des britischen Geheimdienstes. Besonders berüchtigt sind seine Verwandlungskünste: Er stellt nicht nur seine eigenen, den Originalen aus Fleisch und Blut täuschend echt nachempfundenen Masken her, sondern ist auch ein Meister der Stimmenimitation. Diese Wandlungsfähigkeit hat zur Folge, dass nicht einmal sein ärgster Feind, der Superschurke Kobras (Nando Gazzolo), weiß wie Supersieben wirklich aussieht. Das kommt dem Agenten bei den Ermittlungen in seinem neuesten Fall besonders zugute: Es geht um Goldschmuggel, die Befreiung eines berühmten Juwelendiebes aus dem Arbeitslager und das Abzweigen von Millionen, die eigentlich als Gegenleistung für eine Diamantenlieferung als Entwicklungshilfe nach Südafrika gehen sollten. Supersieben zur Seite steht die amerikanische Agentin Helen Farheit (Karin Dor) …

Ich gestehe, dass ich der Handlung, die die Protagonisten im Eiltempo von Kopenhagen über London nach Rom, Basel und schließlich nach Johannesburg und Kapstadt führt, nicht wirklich folgen konnte. Als megalomanischer Superverbrecher wäre ich ein totaler Reinfall, denn was genau Kobras mit seinem übermäßig komplizierten Plan eigentlich bezwecken wollte, ist mir im Tohuwabohu durch die Lappen gegangen. Aber irgendwie ist das bei diesem Film auch reichlich egal. Wer es bis hierhin noch nicht mitbekommen hat: DER MANN MIT DEN TAUSEND MASKEN ist ein typischer Vertreter der Eurospy-Welle, die in den Sechzigerjahren durch die europäischen Kinos schwappte, ausgelöst durch das Seebeben der immens erfolgreichen Bond-Serie. Die Besetzung von Paul Hubschmid als Connery-Surrogat ist gewissermaßen ein no brainer: Der Schweizer genoss seinerzeit großen Ruhm im europäischen Filmgeschäft, galt als Frauenschwarm und präsentierte sich nach außen als distinguierter Gentleman, dessen Image auch die vielen Weibergeschichten nichts anhaben konnten, im Gegenteil (so wie Will Tremper es in seinen Filmmemoiren „Große Klappe“ erzählt, trieb Hubschmid mit seiner Vielweiberei nicht nur seine ihm treu ergebene Ehefrau in den Selbstmord, sondern anschließend auch die Schauspielerein Renate Ewert, die Frau, mit der er seine Gattin betrogen hatte). Er war zumindest auf dem Papier so etwas wie die Idealbesetzung für den cleveren, weltgewandten „Supersieben“, dem die Kollegin Farheit schon nach dem ersten Blickkontakt nicht mehr widerstehen kann. Was Hubschmid in der Praxis dann jedoch fehlt, ist jenes Maß an Selbstironie, das Connery trotz ausgestelltem Chauvinismus zum Sympathieträger machte, von seiner körperlichen Präsenz mal ganz abgesehen. Ähnliches lässt sich auch über De Martinos Regie sagen: Die wenigen Filme, die ich von ihm kenne (L’ANTICRISTO und HOLOCAUST 2000), unterscheiden sich von den Werken seiner italienischen Kollegen durch eine gewisse Ruhe und Sachlichkeit, die er dem Griff in den Schweinetrog vorzieht. Was im Falle seines THE EXORCIST-Rip-offs zu einem Werk unerwarteter Klasse führt, macht seinen DER MANN MIT DEN TAUSEND MASKEN aber zu einer zwar professionell gefertigten, aber dabei irgendwie freudlosen Angelegenheit, für die lediglich ein paar stullige Drehbucheinfälle und eine auffallende Ruppigkeit sprechen.

Gleich zu Beginn bringt Supersieben einen kleinen Kasten an einem Wagen an, der sich jedoch mitnichten als Peilsender erweist: Stattdessen tropft daraus eine fluoreszierende Flüssigkeit, die eine Spur hinterlässt, der der Agent dann auch in der tiefsten Nacht zu folgen in der Lage ist. Seine Verwandlungsfähigkeit demonstriert er wenig später einem Multimillionär (Paul Hubschmid), den er vor dessen eigenen Angestellten imitiert und sie sogar dazu bewegen kann, ihm die geheimen Geschäftsbücher zu zeigen. Er präsentiert dem staunenden Mann diese Stippvisite als Super-8-Film, der die Frage nach dem Kameramann aufwirft, der das alles unbemerkt mitfilmen konnte. Als hinterhältiges Supersieben-Girl findet Rosalba Neri ein mitleidloses Ende. Zwar becirct sie den Agenten mit einem hübschen Liedchen, doch lässt der sich von ihr nicht täuschen. Er prügelt sie ohne jede Vorwarnung mit dem Handrücken durchs Schlafgemach und stößt sie dann kurzerhand und voller Abischt in die Schusslinie des eigentlich für ihn bereitstehenden Killers. He’s got 99 problems but a bitch ain’t one. Die eigentliche USP dieses Agenten, seine schon im Titel gepriesene Verwandlungsfähigkeit, ist auch eher ein müder Vorwand. Erst ganz am Ende kommen zwei Gummimasken (= Doubles) im besten MISSION: IMPOSSIBLE-Stil zu Einsatz, vorher begnügt sich Supersieben mit Klebeschnurrbärten aus dem Karnevalsbedarf, die seine markanten Gesichtszüge nur vor vollkommen Merkbefreiten verbergen können.

Bleibt unter’m Strich also ein Eurospy-Film, der handwerklich vielleicht ein Stück besser ist als der Durchschnitt, gerade dadurch aber einen Gutteil des Charmes, der dem Genre eigentlich innewohnt, einbüßt. Für einen „richtigen“ Agentenfilm ist DER MANN MIT DEN TAUSEND MASKEN einfach nicht spannend genug, für bonbonbunte Psychotronik zu seriös. Eher langweilig also.

Der Industrialist Robert Caine (Kirk Douglas) will auf dem afrikanischen Kontinent ein hochmodernes Kernkraftwerk bauen, das die Dritte Welt mit einem Schlag von allen Sorgen befreien würde. Doch ihm schlägt reichlich Protest von Umweltschützern und Skeptikern entgegen, die die Risiken, die mit der neuen Technologie verbunden sind, für zu groß halten. Doch Caine, der von seinem Sohn Angel (Simon Ward) tatkräftig unterstützt wird, gibt nicht auf und nähert sich tatsächlich seinem Ziel, weil alle Kritiker auf mysteriöse Art und Weise das Zeitliche segnen. Erst als Caine auf zahlreiche Parallelen zwischen seinem Vorhaben und der Offenbarung des Johannes stößt, beginnt er an der Richtigkeit seiner Pläne zu zweifeln. Ist er gar der Vorbote der Apokalypse? 

Mit L’ANTICRISTO inszenierte De Martino 1974 die italienische Antwort auf Friedkins bahnbrechenden Erfolgsschocker THE EXORCIST. Konnte er dessen technischer Finesse auch nicht das Wasser reichen, so hatte er Blattys erzkatholischem Originaldrehbuch zumindest eine gewichtige antiklerikale Stimme entgegenzusetzen, die L’ANTICRISTO für mich wenn schon nicht zum besseren, so doch zumindest zum sympathischeren Besessenheitsfilm macht. Wie dem auch sei: L’ANTICRISTO war meines Wissens ein beachtlicher Erfolg und so war De Martino für findige Produzenten wahrscheinlich die erste Adresse, als es zwei Jahre später mit THE OMEN den nächsten amerikanischen Okkulthorrorhit zu vereuropäisieren galt. Eine ungleich leichtere Aufgabe, stellte Donners Film doch im Gegensatz zu Friedkins radikaler Attacke auf die Nerven seiner Zuschauer lediglich aufwändig produzierten, aber inhaltlich doch eher harmlosen Schabernack dar. So verwundert es kaum, dass HOLOCAUST 2000 dem amerikanischen Vorbild unter der routinierten Regie De Martinos ziemlich nahekommt: Statt Hollywood-Veteran Gregory Peck agiert hier Hollywood-Legende Kirk Douglas, der stilprägende sinfonische Score kommt nicht von Jerry Goldsmith, sondern von Ennio Morricone, das Teufelsbalg ist zwar kein Kind mehr, aber doch ein kaum weniger engelsgleich aussehender junger Mann und als Splatterhighlight wird nicht David Warner von einer Glasplatte, sondern Spiros Focas von einem Rotorblatt enthauptet. Lediglich mit dem Pacing hat De Martino einige kleinere Probleme:  HOLOCAUST 2000 tritt zwischendurch etwas auf der Stelle, zögert die schreckliche Offenbarung auch dann noch heraus, als der Zuschauer (der das Original kennt) längst schon weiß, wer da im Hintergrund die Strippen zieht. Der Moment, in dem es auch Caine dann endlich wie Schuppen von den Augen fällt, hat in seiner bombastischen Aufdringlichkeit daher durchaus etwas unfreiwillig Komisches, aber dank Morricones Score und der eindringlichen Montage obsiegt letztlich doch der Schauder. „Schauder“ trifft es eh ganz gut: Es gibt eine sehr unheimliche  Szene, in der Caine sich bei einem Standspaziergang in einer malerischen Bucht an der englischen Küste mit einem Wissenschaftler unterhält, der ihn eigentlich unterstützen sollte. Auch dieser vermeintliche Verbündete ist jedoch zu dem Ergebnis gelangt, dass das Atomkraftwerk eine erhebliche Gefahr darstellen würde und keinesfalls gebaut werden darf. Caine, dem die Zahl der Meinungsumschwünge in seinem Umfeld zunehmend unheimlich wird, dreht sich kurzerhand um und rennt weg, bald bemerkend, dass das Wasser um ihn herum stetig ansteigt. Als er das rettende Ufer endlich erreicht hat und sich umdreht, muss er erkennen, dass die Bucht mittlerweile komplett geflutet und der Wissenschaftler spurlos verschwunden ist. Die Szene ist so effektiv, weil sie den machtvollen Zugriff der bösen Macht spürbar macht, ohne dabei allzu eindeutig zu sein. Das Meer liegt ebenso unschuldig wie unmissverständlich drohend vor dem an seinem Verstand zweifelnden Empiriker Caine. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das Ende, dem man vielleicht vorwerfen könnte, antiklimaktisch zu sein. Ich würde das hingegen als seine eindeutige Stärke ansehen. Weil De Martino die Zerstörung der Umwelt durch profitgierige Industrialisten als Teufelswerk identifiziert und die biblische Apokalypse sozusagen in die Realität zurückholt, ist die resignative Note, auf der sein Film endet, von wesentlich größerer Durchschlagskraft als das offene Ende von Donners Film. Vor diesem weltlichen Bösen gibt es kein Entrinnen, also bleibt dem Menschen nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen. Es ist wohl diese Nüchternheit, die HOLOCAUST 2000 am deutlichsten von THE OMEN unterscheidet.

Wahrscheinlich war es nicht zu überlesen: HOLOCAUST 2000 hat mir – wie schon L’ANTICRISTO – sehr gut gefallen und wie bei jenem griffe es meines Erachtens viel zu kurz, ihn nur als Plagiat eines ungleich größeren und aufwändigeren Films zu begreifen. Anstatt die Vorlage plump zu kopieren, hat De Martino sich dessen Schablone vielmehr angeeignet, um daraus etwas eigenes zu machen. Machte er aus dem Gottesbeweis von THE EXORCIST einen Film über die verheerenden psychologischen Auswirkungen eines gerade in seinm Heimatland wütenden religiösen Fanatismus, so wendet er den pathetischen Hokuspokus von THE OMEN zum mahnenden Endzeitstoff. Dass er sich dabei nie von seinem südländischen Enthusiasmus überrumpeln lässt, vielmehr mit geradezu unterkühlter Sachlichkeit inszeniert, ist vielleicht – neben der Weigerung, in die Abgründe des Kannibalen- und Zombiesplatters hinabzusteigen – der Hauptgrund dafür, dass dieser tolle Regisseur bei Italofilmfans nie den Status eines Argento, Fulci, Lenzi oder Castellari oder selbst solcher eher durchschnittlich begabter Filmemacher wie Sergio Martino oder Aristide Massaccesi erreichte. Wer jetzt Lust auf HOLOCAUST 2000 bekommen hat: Unter dem Titel RAIN OF FIRE ist eine ausgezeichnete amerikanische DVD erhältlich.