Mit ‘Alexander Mackendrick’ getaggte Beiträge

ssosSidney Falco (Tony Curtis), ein junger, ehrgeiziger Presseagent, versucht alles, um so berühmt und mächtig zu werden wie der Journalist J. J. Hunsecker (Burt Lancaster), dessen Zeitungsrubrik Karrieren ebenso schnell starten wie zerstören kann. Doch Hunsecker lässt Sidney immer wieder abblitzen, bis er eine Chance sieht, wie ihm der Emporkömmling nützlich sein könnte: Falco soll seine Kontakte nutzen, um den jungen Musiker Steve Dallas (Martin Milner) öffentlich zu denunzieren, der mit Hunseckers Schwester Susan (Susan Harrison) liiert ist. Hunsecker will seine Schwester nämlich auf gar keinen Fall verlieren und verspricht Falco die große Karriere, wenn dieser die blühende Liebesbeziehung zerstört …

Nach den Komödien, die der Brite Mackendrick in seiner Heimat für die Ealing Studios gedreht hatte (THE LADYKILERS, THE MAN IN THE WHITE SUIT, THE MAGGIE), sollte die mit Curtis und Lancaster ungemein prominent besetzte US-Produktion SWEET SMELL OF SUCCESS den nächsten logischen Schritt auf der Karriereleiter bedeuten. Stattdessen sah sich Mackendrick danach am Boden der Tatsachen angelangt: Der Film floppte gewaltig und nach ein paar unbedeutenden weiteren Regiearbeiten zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück und schlug eine akademische Laufbahn ein. Betrachtet man SWEET SMELL OF SUCCESS heute, kommt man kaum umhin, dessen Misserfolg zu bedauern; andererseits verwundert es auch kaum, dass er nicht gerade die Massen mobilisierte. Nach den aller ernsteren Untertöne zum Trotz doch eher leichten und beschwingten britischen Komödien, stellt Mackendricks US-Debüt  einen herben Stimmungswandel dar, der  verheißungsvolle Titel entpuppt sich schnell als ausgesprochen bittere Ironie (die der deutsche Titel zugunsten heißer Luft verschenkt: DEIN LEBEN IN MEINER HAND). Falco und Hunsecker sind zwei der unsympathischsten und hassenswertesten Charaktere der Filmgeschichte, deren Gewissen- und Skrupellosigkeit Mackendrick mit der kühlen Objektivität eines Chronisten enttarnt. In den Fünfzigerjahren, einem Jahrzehnt in dem sich die US-Bevölkerung neuen Reichtums und neuer Sicherheit erfreute und bemüht war, das Bild der heilen Welt um jeden Preis – auch vor sich selbst – aufrechtzuerhalten, musste Mackendrick mit seinem Film, der die Schattenseiten des amerikanischen Traums schonungslos offenlegte, wie ein neidischer Nestzbeschmutzer wirken.

Was dem Publikum entging, war ein Film, der in der Ernüchterung über das Wesen des Menschen doch Platz für die Hoffnung ließ. Zwar sind es Falco und Hunsecker, denen wir folgen müssen, doch es sind Susan und Steve, denen unsere Sympathien gelten und die letztlich zwar verwundet, aber doch gestärkt aus dem Konflikt mit den egomanischen Karrieristen hervorgehen. Ganz am Schluss, in den letzten Einstellungen, wenn es Susan gelungen ist, sich ihrem besitzergreifenden Bruder für immer zu entziehen und sie ihren eigenen Weg einschlägt, bricht zum ersten Mal im Film die Morgendämmerung über Manhattan herein, weicht die Nacht dem Tag. Auch für Falco, der zusammengedroschen im Rinnstein liegt, wird das Leben weitergehen, wahrscheinlich hat er seine Lektion gelernt. Aber für den Tyrannen Hunsecker bleiben nicht viel mehr als der seelenlose Luxus, mit dem er sich umgibt, und die Speichellecker, die ihm nach dem Mund reden, weil sie etwas von ihm wollen, obwohl sie ihn verachten. Love doesn’t live here no more …

Der Chemiker Sidney Stratton (Sir Alec Guinness) nutzt seine Anstellung in einer großen Weberei dazu, mit neuen synthetischen Fasern zu experimentieren. Seine meist erfolglosen, aber dafür kostenintensiven Versuche haben ihm bisher aber nicht mehr als eine Entlassung nach der anderen beschert. Das ändert sich als herauskommt, woran Stratton arbeitet: eine Faser, die unzerstörbar und schmutzabweisend ist. Doch die große Euphorie über die neue Erfindung weicht bald der Angst: Die Faser auf den Markt zu bringen, käme einem wirtschaftlichen Selbstmord gleich …

Science-Fiction, Komödie, Sozialdrama: Welchem Genre gehört THE MAN IN THE WHITE SUIT an? Die Antwort kann nur lauten: allen dreien. Es ist vor allem diese meisterliche Verwebung vollkommen unterschiedlicher Ebenen, die Mackendricks wunderschönen kleinen Film auszeichnet. Das Science-Fiction-Element – die Erschaffung einer neuen Faser – mutete wahrscheinlich damals noch halbwegs utopisch an, der industrielle Wandel, den sie verkörpert – weg vom „einfachen“ Handwerk hin zu den Möglichkeiten, die sich durch den Rückgriff auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Technik, Chemie, Biologie und Genetik ergeben –  war jedoch bereits in vollem Gange. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist auch ein Nachkriegs- und als solcher ein Umbruchsfilm: Das Schwarzweiß fängt den ganzen Dreck ein, den die Fabriken in die Luft blasen, die Settings werden von hässlichen, funktionalen Backsteinbauten bestimmt, denen als Kontrast die mondänen Raucher- und Arbeitszimmer der Oberklasse gegenübergestellt werden. In den Figurenkonstellationen zeichnet sich eine fest gefügte Zweiklassengesellschaft aus Arbeitern und Industriellen ab, die Stratton jedoch gehörig durcheinanderwirbelt. Aber Mackendrick ist letztlich viel zu realistisch, um seine Geschichte zur idealistischen Utopie zu verzeichnen: Am Ende von THE MAN IN THE WHITE SUIT steht doch die traurig-nüchterne Erkenntnis, dass es in dieser Welt schwer ist für den Einzelnen, die Dinge zu verändern. Wenn man den Menschen an den Geldbeutel geht, solidarisieren sie sich sofort mit den Unterdrückern. So muss Stratton, der mit seiner Erfindung doch nur Gutes tun wollte, erkennen, dass er genau jene Leute gegen sich aufgebracht hat, denen er sich doch zugehörig fühlte: die Arbeiter. Am Ende steht er (buchstäblich) mit leeren Händen dar, während seine Niederlage sowohl von den Vertretern des Großkapitals als auch vom „kleinen Mann“ belacht wird. Dieses Dilemma führt aus Mackendricks Film direkt in die Orientierungslosigkeit der Postmoderne. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist trotz seines hohen Alters fast immer noch so aktuell wie zu seiner Entstehungszeit, man bedenke nur die gegenwärtigen Diskussionen um den Ölpreis und alternative Energien. „Altmodisch“ ist Mackendricks Film aber auch, jedoch in ausschließlich positivem Sinne: Sein Film ist wunderbar rund und ebenmäßig, der Fluss der Ereignisse wird nie durch einzelne herausstechende Nummern zerrissen. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist kein Film, der einen dazu veranlasst, einzelne Szenen nachzuerzählen, weil er eben vor allem als Gesamtwerk in Erinnerung bleibt. Kein Film, der sich aufdrängt, aber einer, dessen Weisheit und Schönheit sich dafür mit mehreren Sichtungen immer weiter entfalten, da bin ich mir sehr sicher. Mackendricks Werk ist recht überschaubar: 13 Filme drehte er zwischen 1949 und 1967. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist erst sein zweiter, was angesichts seiner Qualität und Reife kaum fassbar ist. Vier Jahre später ließ Mackendrick den Klassiker THE LADYKILLERS folgen, der ihm den Weg nach Hollywood ebnete, wo er 1957 SWEET SMELL OF SUCCESS mit Tony Curtis und Burt Lancaster realisierte, den ich schon einige Zeit im Regal stehen habe und jetzt bestimmt bald nachlegen werde.