Mit ‘Alexandre Aja’ getaggte Beiträge

Spring Break steht vor der Tür und Tausende vergnügungssüchtiger Teens werden am Lake Victoria in Arizona zu den jährlichen Feierlichkieten erwartet. Kurz vorher öffnet ein Erdbeben eine Höhle, in der ein Schwarm von seit Jahrtausenden für ausgestorben gehaltener Urzeit-Piranhas die Zeiten überdauert hat, und verschafft ihnen so Zugang zum Badesee. Sheriff Julie Forester (Elisabeth Shue) hat alle Hände voll zu tun, das Ausmaß der Katastrophe zu begrenzen und ihre Kinder zu retten, die auf dem gekenterten Boot des Pornoproduzenten Derrick Jones (Jerry O’Connell) festsitzen …

Viel gibt es zu Ajas Remake von Dantes JAWS-Epigone PIRANHA eigentlich nicht zu sagen, außer, dass man hier ausnahmsweise einmal nicht in den kulturpessimistischen Sermon von der Ideenlosigkeit Hollywoods und der Verflachung des Horrorkinos anstimmen muss. Aja entschlackt John Sayles Originaldrehbuch etwas, spart sich das Militärcamp und den Fluss, den die Fische erst einmal hinter sich lassen müssen, um ans Buffet zu gelangen, konzentriert sich stattdessen auf das, was gemeinhin die Kernkompetenzen der Exploitation sind: Sex & Violence. Das steht dem Film ausgesprochen gut zu Gesicht: Der aus unzähligen vergleichbaren Filmen hinreichend bekannte Plot wird dem Zuschauer nicht unter Zuhilfenahme blödsinniger und ablenkender Beigaben als Ei des Kolumbus verkauft, vielmehr seine Kenntnis der greifenden Mechanismen vorausgesetzt und somit umso entspannter mit den einzelnen Elementen umgegangen. Die Spring-Break-Kulisse bietet reichlich Gelegenheit, wogende Brüste, nasse T-Shirts und glänzende Körper mehr als üblich ins Licht zu rücken, die Splatterattacken kommen heftig und detailliert, wecken hinsichtlich ihrer Quantität und ihres Erfindungsreichtums wehmütige Erinnerungen an den unübertroffenen Splatter-Endpunkt BRAINDEAD und heben sich von den scheußlichen CGI-Orgien, an die man sich zuletzt mehr und mehr gewöhnen musste, wohltuend ab. Zwar kommen etliche Effekte aus dem Computer zum Einsatz, vor allem bei Unterwasser-Szenen mit den Piranhaschwärmen, doch erinnern diese eher an Cartoos: Ihre Künstlichkeit habe ich jedenfalls nicht als Makel empfunden, sondern eher als Selbstironie. Wobei das mit dem Humor so eine Sache ist: In die Niederungen des Pennälerhumors, der so viele Splatterkomödien so überaus unerträglich macht, sinkt PIRANHA nie, auch dann nicht, wenn Penisse abgebissen und ausgekotzt werden, weil Aja zum einen zu gut inszeniert, zum anderen nie vergisst, dass da auf der Leinwand Menschen sterben. Die Unterwasserbilder Dutzender im blutroten Wasser treibender verstümmelter Torsi erinnern schon fast an religiöse Darstellungen der Apokalypse oder an die Gemälde Hieronymus Boschs. In solchen Momenten transzendiert Aja die Trashwurzeln seines Films und erreicht eine fast poetisch zu nennende visuelle Qualität. Hinzu kommen die kleinen unaufdringlichen Gags und Kniffe in der Inszenierung, die das Geschehen auch dann noch interessant halten, wenn man doch genau weiß, was als nächstes passieren wird. So bietet Aja etwa im Subplot um die beiden kleinen Kinder gleich mehrfach überaus suggestive Kameraeinstellungen auf, nur um die Spannung dann durch einen Schnitt oder eine Verschiebung des Bildausschnitts aufzulösen. Und das gute Casting hat dem Film natürlich auch nicht geschadet.

PIRANHA ist so betrachtet ein ziemlich großer Glücksfall: Was sehr wahrscheinlich ein strunzlangweiliger, überflüssiger und seelenloser Aufguss eines Aufgusses oder maximal ein netter Timewaster ohne größeren Nährwert hätte werden können, ist tatsächlich zu einem der Horror-Highlights des vergangenen Jahres avanciert. Dass Aja ausgerechnet mit diesem Film an das Versprechen anknüpft, das er vor nunmehr sieben Jahren mit HAUTE TENSION gab, war nun wirklich nicht vorherzusehen. Hut ab!

Ca$h (Frankreich 2008 )
Regie: Eric Besnard

Der Trickbetrüger Cash (Jean Dujardin) arbeitet an seinem nächsten Coup: Kaum hat er Garance (Alice Taglioni), die schöne Tochter des reichen Kunstsammlers Maxime (Jean Reno), mit seinem Charme erobert, da macht er einen Rückzieher. Dies ärgert die Polizistin Julia (Valeria Golino), die Cash seit geraumer Zeit auf den Fersen ist. Als die beiden sich begegnen, macht der Ganove ihr einen Vorschlag, den sie nicht ablehnen kann: Er will sie an seinem nächsten Projekt beteiligen. Oder führt er sie nur an der Nase herum?

CA$H, ein beschwingter Caper-Movie in der Tradition der OCEAN’S ELEVEN-Filme, erfindet das Rad nicht neu, bietet aber Entertainment auf hohem Niveau. Die Akteure, allen voran Dujardin, haben sichtlich Spaß an dem Possenspiel, das bis zum Ende spannend bleibt. Neben den für diese Filme typischen Minidiskursen über Wahrheit und Täuschung, Vertrauen und Lüge gibt es auch die formalen Kniffe, die man in diesem Genre erwarten darf. Filigraner Splitscreen-Einsatz lässt noch einmal THE THOMAS CROWN AFFAIR Revue passieren, die erlesenen Schauplätze wecken Erinnerungen an Filme wie Hitchcocks TO CATCH A THIEF, die PINK PANTHER-Reihe und ähnliche. CA$H enthält somit all das, was man sich im Vorfeld von ihm erhofft hat. Das nenne ich Dienst am Zuschauer.


Mad Detective (Hongkong 2007)
Regie: Johnny To/Wai Ka Fai

Der Polizist Bun (Lau Ching Wan) ist bekannt für seine schrägen, aber erfolgreichen Methoden. Um einen Mörder zu finden, lässt er sich schon einmal in einem Koffer die Treppe hinunterschmeißen. Als er sich zur Verabschiedung seines Vorgesetzten ein Ohr abschneidet, ist der Bogen aber überspannt und Bun wird entlassen. Doch als Inspektor On (Andy On) Hilfe in einem rätselhaften Mordfall braucht, ist Bun wieder zur Stelle. Mit seinen übersinnlichen Fähigkeiten – er kann die inneren Persönlichkeiten von Menschen sehen und sich in sie hineinversetzen – soll er den Fall lösen …

MAD DETECTIVE hat ein paar nette Einfälle und sieht, wie man das von einem Johnny-To-Film gewohnt ist, absolut fantastisch aus. Leider hat man es hier aber nicht mit einem zweiten PTU oder EXILED zu tun, sondern mit einem Werk, das der Workaholic To anscheinend mal so zwischendurch gedreht hat, um sein Pensum zu erfüllen. MAD DETECTIVE ist ein nur wenig ernst zu nehmender Spaßfilm, dessen zentrale Idee leider nicht genug ausgearbeitet wurde und somit letzten Endes verpufft. Die lustigen Einfälle neutralisieren sich in der labyrinthischen Narration und am Schluss fragt man sich, wofür der Aufwand denn nun eigentlich betrieben wurde. MAD DETECTIVE ist keineswegs schlecht, bietet zudem ein längst überfälliges Wiedersehen mit Lau Ching Wan und To-Stammkraft Lam Suet. Letztlich fehlt ihm aber das, was alle anderen To-Filme im Überfluss aufweisen: Substanz. Dass derzeit keiner besser Schießereien inszenieren kann als er, wird aber auch hier wieder evident.

The Warlords (Hongkong/China 2007)
Regie: Peter Chan/Wai Man Yip

China im 19. Jahrhundert: Der Soldat Ma (Jet Li) muss miterleben, wie seine gesamte Armee vom Feind niedergemetzelt wird. Als er auf die Banditen um Er-Hu (Andy Lau) und Zhang (Takeshi Kaneshiro) trifft und sich ihren Respekt erkämpft, macht er ihnen einen Vorschlag: Gemeinsam sollen sie sich der Armee anschließen, um so Reichtum und andere Länder zu erobern. Zusammen ziehen sie fortan von Kampf zu Kampf, doch auf dem Schlachtfeld wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt …

Die historisch verbriefte Ermordung des General Ma wurde bereits von Chang Cheh unter dem Titel BLOOD BROTHERS verfilmt. THE WARLORDS unterscheidet sich aber deutlich von den naiv-bunten Werken der Shaw Brothers und ist stattdessen als großer Prestigefilm gedreht, der in jeder Einstellung „Epos!“ schreit. In den großen Kampfszenen fühlt man sich an das Monumentalkino längst vergangener Zeiten erinnert, denn statt Computerkriegern gibt es hier ein wahrhaft beeindruckendes Aufgebot an Komparsen, die dem Gemetzel zur Authentizität verhelfen. Visuell orientiert man sich dennoch an Hollywood: Statt in einen Historienfilm fühlt man sich in einen Kriegsfilm a la BLACK HAWK DOWN versetzt. Grau- und Brauntöne bestimmen das Bild, der Highspeed-Shutter qualmt förmlich, die Charaktere werden im wahrsten Sinne des Wortes durch den Schmutz gezogen. So wenig originell das auch ist: Es hilft, THE WARLORDS im Kontext des Kriegsfilms zu sehen, anstatt ihn mit asiatischen Heldenepen zu vergleichen. Wenn sich die Akteure während der Belagerung von Souzhou jahrelang in schlammigen Schützengräben verschanzen müssen, kann unser Bildgedächtnis das nur mit Kubricks PATHS OF GLORY in Verbindung bringen. Dennoch muss THE WARLORDS als Antikriegsfilm versagen: Das streckenweise im Übermaß ausgegossene Pathos passt einfach nicht zum Rest des Films, wirkt befremdlich ob der geschilderten Vorgänge. Damit und mit seiner utilitaristischen Philosophie sorgt THE WARLORDS für einiges Stirnrunzeln: Wo Zhang Yimou sich der Kritik an HERO noch entziehen konnte, bietet Peter Chan die breite Brust an. Es ist nicht ganz klar, was er mit seiner Geschichte eigentlich aussagen möchte, sein Film wirkt für europäische Augen unreflektiert und fragwürdig. Und vor diesem Hintergrund muss einem auch der betriebene Aufwand letztlich sehr verdächtig vorkommen.

Mirrors (USA/Rumänien 2008 )
Regie: Alexandre Aja

Ben Carson (Kiefer Sutherland) tut alles, um wieder ein normales Mitglied der Gesellschaft zu werden: Nachdem der Ex-Cop einen Unschuldigen erschossen hatte, wurde er suspendiert, verfiel dem Alkohol und verlor auch seine Familie, die er nun zurückzuerobern versucht. Dazu hat er einen neuen Job angenommen: Als Nachtwächter soll er ein altes, ausgebranntes Kaufhaus bewachen. Doch in den Spiegeln, die dort überall hängen, scheint sich ein böser Geist zu verstecken, der bald nicht nur Bens Leben, sondern auch das seiner Familie bedroht …

Nach dem südkoreanischen INTO THE MIRROR drehte Horrorhoffnung Aja diesen Film, der leider als Prototyp des generischen Horrorfilms ohne jeden Mehrwert angesehen werden muss. Es ist die Schlampigkeit des Drehbuchs, die MIRRORS den Gnadenstoß verpasst: Neben den vollkommen ausgereizten Standard-Plotelementen Alkoholsucht und Familienprobleme ist es vor allem die unzureichende und inkohärente Definierung der titelgebenden Bedrohung, die MIRRORS des möglichen Erfolgs beraubt. So sieht man sich einer filmischen Wundertüte ausgesetzt, die ihre Regeln aufstellt, wie es ihr beliebt, ohne dabei irgendeiner nachvollziehbaren Logik zu folgen. Und weil auch wirklich gruselige Momente Mangelware bleiben, man stattdessen eine langweilige Ermittlungsgeschichte aufgetischt bekommt, in deren Verlauf sich Sutherland geriert wie sein alter ego Jack Bauer, darf man MIRRORS am Schluss Versagen auf ganzer Linie attestieren. Zum Vergessen.

Ein Podcast zum Film findet sich hier.