Mit ‘Ali Larter’ getaggte Beiträge

Der erste RESIDENT EVIL wurde damals nicht sonderlich wohlwollend aufgenommen, von der Kritik sowieso nicht, das war eh nicht zu erwarten gewesen, aber auch nicht von den Fans des Videospiels, für die der Film wohl in erster Linie gemacht worden war. Die Folgeteile hatten danach noch mit dem Stigma der trashigen Serienware zu kämpfen, sodass vielen Menschen entging, dass das Franchise mit RESIDENT EVIL: EXTINCTION, RESIDENT EVIL: AFTERLIFE, mit Abstrichen auch RESIDENT EVIL: RETRIBUTION Zauberwerke des Genrekinos hervorbrachte, Filme, die mindestens einfalls- und erfindungsreich, visuell bisweilen brillant waren, in ihren besten Momenten die Frage aufwarfen, ob das das jetzt wirklich noch klassisches Erzählkino ist oder nicht doch schon Avantgarde. Paul W. S. Anderson, von vielen verlacht, erwies sich als großer Stilist und Bilderstürmer der Exploitation, der unbesungene Klassiker schuf, während Wichtigtuer wie Nolan für ihre aufgeblasenen Langweiler vom Feuilleton emphatisch beklatscht wurden. Meine Vorfreude vor dem zumindest dem Titel nach letzten Teil der Serie war demnach groß, die Ernüchterung kaum zu beschreiben. Wahrscheinlich musste es so kommen.

Die erwähnte überbordende Kreativität, mit der Anderson das Franchise zu einer wahren Wundertüte an grandiosen Bilder, irrwitzig komponierten Set-Pieces und dekonstruktivistischen Erzählideen verwandelt hatte, ist nun leider dahin. Wo vorher jedes Bild eine Offenbarung war, herrscht nun monochrome Langeweile und leerer Bombast, der meist auch noch ziemlich hässlich aussieht. Und anstatt komplett freizudrehen, wie das zuvor der Fall gewesen war, lässt sich Anderson von einem Drehbuch einschnüren, das einzig dem Zweck verpflichtet scheint, eine überkomplizierte Geschichte zu Ende zu erzählen, die doch eigentlich eh nie wirklich von Interesse war. Die Story hatte nie mehr geliefert, als das Setting, das man in alle Richtungen erkunden konnte, hier wird so getan, als habe man tatsächlich sechs Teile durchgehalten, um zu erleben, wie die Welt vom T-Virus befreit wird. Die letzten 30 Minuten sind eine mit expositionellem Dialog und unangemessenem Pathos überfrachtete Tortur, die noch dadurch ad absurdum geführt wird, dass dann mit der letzten Dialogzeile doch wieder das Hintertürchen für eine Fortsetzung aufgestoßen wird.

Auch visuell ist THE FINAL CHAPTER eine einzige Enttäuschung: Der ganze Film ist grau und hässlich, die Actionsequenzen sind einfallslos und vom Schnitt grotesk zerhackt. Selbst Milla Jovovich, Andersons Muse, der er mit den vorangegangenen Filmen ein Denkmal gesetzt und die es ihm mit endlos coolen Performances gedankt hatte, wirkt hier müde und gelangweilt, turnt unelegant durch die wie auf Autopilot inszenierten Fights. Hatte Anderson sich zuvor mit jedem Film etwas neues einfallen lassen, immer höhere Metaebenen erklommen, entwickelt er sich hier meilenweit zurück und legt einen Film vor, der unangenehm an billige DTV-Rip-offs aus den späten Neunzigern erinnert. Ich hoffe, dass er die Freude und Ernergie wiederfindet, die man seinen besten Filmen stets angemerkt hat, anstatt sich widerwillig Projekten zu widmen, mit denen er offensichtlich „fertig“ ist, denen er nichts mehr zu geben hat. Mit RESIDENT EVIL. THE FINAL CHAPTER hat er niemandem einen Gefallen getan, am wenigsten sich selbst.

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Nach den Ereignissen von RESIDENT EVIL: EXTINCTION begibt sich Alice (Milla Jovovich) nach Alaska: Dort sollte eine vom T-Virus verschont gebliebene Siedlung namens Arcadia den Überlebenden um Claire Redfield (Ali Larter) ein Refugium bieten. Doch Alice findet keine Stadt, nur die verwirrte Claire, die offensichtlich unter dem Einfluss eines merkwürdigen, an ihrer Brust befestigten Apparates steht. Gemeinsam begeben sie sich nach Los Angeles, wo sich eine Gruppe von Menschen vor den Zombiehorden in einem riesigen Gefängniskomplex verschanzt hat. Von ihnen erfahren Alice und Claire dann auch, was es wirklich mit Arcadia auf sich hat: Es ist keine Stadt in Alaska, sondern ein riesiges Frachtschiff, das vor der Westküstenmetropole vor Anker liegt. Doch seit Tagen bleiben die Funksprüche der Arcadia aus …

Wow. Schon unter der Regie von Russell Mulcahy wurde ja ein Quantensprung zu den beiden ersten Teilen der Reihe vollzogen, doch was Paul W. S. Anderson mit dem mittlerweile vierten Eintrag auf die Leinwand zaubert, kann man nur noch als Oper bezeichnen. Die Story um die bösartigen Experimente der Umbrella Corporation und den Kampf der vielseitig begabten Alice tritt noch weiter in den Hintergrund, dient Anderson eigentlich nur noch als Anlass und Ideenlieferant für unglaubliche, visuell aufregende Action-Set-Pieces, die zum einen von seiner meisterlichen Inszenierung des Raumes, zum anderen von seinem fast musikalischen Spiel mit der Zeit, aber auch seinem fetischistischen Blick leben. Es wird viel zerstört, gemordet, geblutet und gestorben in RESIDENT EVIL: AFTERLLIFE, trotzdem wirkt der Film magnetisch, sinnlich, verführerisch, erotisch. Das liegt längst nicht nur an den beiden Amazonen in den Hauptrollen, sondern an dem Erfindungs- und Detailreichtum, den Anderson bei der Ausstattung an den Tag legt – und natürlich der mal hypnotischen, mal treibenden Musik von Tomandandy.

Gleich die Eröffnungsszene illustriert dies: Von oben schwebt die Kamera auf eine belebte Straßenkreuzung mitten in Tokio herab. Es regnet in Strömen, doch zwischen den zahlreichen bunten Regenschirmen, die da über einen Zebrastreifen huschen, steht ein junges Mädchen, vollkommen regungslos. Die Regentropfen perlen von ihrem Gesicht, während die Menschen sich unbemerkt an ihr vorbeidrängeln. Die Musik pulsiert, dehnt die Szene gemeinsam mit Andersons messerscharfer Zeitlupe ins Unendliche. Man wünscht sich fast, dass sie ewig so weitergehe, 90 Minuten lang nur der Regen, die Schirme, das Gesicht unter den schwarzen Haaren, da scheint der Blick des Mädchens von etwas erfasst zu werden. Ein Mann gerät in den Fokus, erwidert ihren Blick. Dann löst sich die Zeitlupe auf, das Mädchen stürzt sich auf den Mann, beißt ihm die Kehle durch. Der T-Virus ist auch in Japan angekommen.

Szenen wie diese gibt es zuhauf in RESIDENT EVIL: AFTERLIFE: den Angriff einer Armee von Alice-Klonen auf den Stützpunkt der Umbrella Corporation, den Absturz eines Flugzeuges, dessen Aufprall in einem märchenhaften dreidimensionalen Freeze Frame festgehalten wird, der Blick auf die qualmende Ruine, die einmal Los Angeles war, schließlich der erbarmungslose Fight gegen einen riesigen Unhold mit Henkersaxt in einem unter Wasser stehenden Duschraum und Alice‘ energische, schießwütige Flucht durch die Zombiehorden. Das Bild hat sich in Paul W. S. Andersons Inszenierung total vom Plot emanzipiert: Zwar gibt es immer noch Dialoge und Exposition, eine „Handlung“, doch ganz zu sich findet RESIDENT EVIL: AFTERLIFE in diesen bildgewaltigen Set Pieces, die mehr über die Welt am Abgrund der Zombieapokalypse, den Kampf der Überlebenden und den nicht verglimmenden Funken Hoffnung erzählen als alles andere. Der Film entwickelt eine Kraft, die ihn von bloß derivativen, letztlich beliebigen Popkulturartefakten unterscheidet: Man hat den Eindruck, etwas Archaischem beizuwohnen, etwas, das so klar und luzide ist, dass es sich vollkommen intuitiv erschließt. Der ganze Film ist wie Sex: flüchtig, leicht und nur wenig greifbar, vor allem, weil am Ende nichts bleibt, was man mitnehmen könnte, gleichzeitig aber größer, bedeutungsvoller, stärker und wichtiger als jede philosophische Abhandlung, weil er uns das Leben in seiner Gänze fühlen lässt. RESIDENT EVIL: AFTERLIFE ist reine, in Bilder gegossene Emotion. Und Anderson hat den direkten Weg vom Auge zum Herzen gefunden.

Der agggressiv wütende T-Virus hat sich rasend schnell ausgebreitet und die Erde in eine postapokalytische Wüste verwandelt. Die wenigen Überlebenden, die wie Nomaden in gepanzerten Konvois durchs Land ziehen, reiben sich in Scharmützeln mit den umherstreunenden Zombies auf, während die Wissenschaftler der Umbrella Corporation fieberhaft nach einem Antivirus suchen. Der Schlüssel zum Erfolg scheint das Blut von Alice (Milla Jovovich): Doch weil die sich dem Zugriff des Konzerns entziehen konnte und seitdem als Loner unterwegs ist, muss mit Klonen Vorlieb genommen werden, die sich jedoch immer wieder als fehlerhaft erweisen. Als Alice indessen auf Claire Redfield (Ali Larter) und Carlos (Oded Fehr) trifft, ihre ehemaligen Weggefährten, bahnt sich eine Auseinandersetzung zwischen ihr und der Umbrella Corpration an …

Wie ich in meinem Text zu RESIDENT EVIL: APOCALYPSE richtig spekuliert hatte, gelingt es Mulcahy mit dem dritten Teil die Reihe vom Einfluss der Videospiele zu befreien. Wurde noch der Vorgänger von diesem Einfluss sprichwörtlich am Boden gehalten, war er in Look und Inhalt stark an die Vorlage gebunden und damit nie in der Lage, den Ruch der Infantilität abzulegen, findet Mulcahy für den dritten Teil nun endlich einen eigenen Stil. In ausgewaschenen Gelb- und Erdtönen schließt Mulcahy den Zombie- und Science-Fiction-Stoff mit dem Endzeitfilm und dem Western kurz, verleiht dem zuvor – sowohl inhaltlich wie strukturell –  klaustrophobisch-engen Treiben plötzlich epische Breite und eine konzeptionelle Offenheit, die plötzlich alles möglich macht. Milla Jovovich steht noch mehr im Zentrum als zuvor und ihre Alice – ein mit telepathischen Kräften und außergewöhnlich artistischen Martial-Arts-Fähigkeiten ausgestattetes Kunstwesen – nimmt so etwas wie eine paradigmatische Funktion an. Nicht nur ist sie das Fetischobjekt, an dem sich der lüsterne Blick sowohl des Kameraobjektivs als auch des Zuschauers immer wieder orientiert; als unergründliches Enigma, das immer neue Seiten offenbart, verankert sie auch den visuellen Erfindungsreichtum Mulcahys innerhalb der Handlung, führt den Zuschauer wie ein umsichtiger, verlässlicher Tour Guide durch die rasante Abfolge aufregender Set Pieces, die liebgewonnene Genrestandards durch die Brille der Popkultur brechen. RESIDENT EVIL: EXTINCTION ist ein expressiver Bilderreigen und Milla Jovovich ist das größte dieser starken Bilder.

Zu Beginn stirbt sie. In einem roten Kleid sinkt sie mit einem Bauchschuss zu Boden und ihr Leichnam wird mitleidlos von den Umbrella-Angestellten entsorgt. Eine Kamerafahrt zeigt dann, dass nur ein weiterer Alice-Klon gestorben ist: Dutzende rotgewandeter Milla Jovovichs türmen sich in einem Massengrab. Die Kamera zieht weiter auf, bis man den Umbrella-Stützpunkt aus der Luft sieht: Er liegt mitten in der Wüste und an seinen Zäunen sammeln sich die Zombies, die wie Geister von überall her kommen. Was Romero in DAWN und DAY OF THE DEAD noch diskursiv verhandelte – die Sehnsucht der Untoten nach ihrem früheren Leben –, dafür braucht Mulcahy nur eine Einstellung, die jedes weitere Wort überflüssig macht. Später wird Alice als Endzeit-Biker zu den Überlebenden um Claire und Carlos stoßen, als die sich gerade gegen einen Schwarm von zombifizierten Krähen zur Wehr setzen: Eine Einstellung, die die sich langsam um ihre künftigen Opfer in Stellung bringenden Vögel zeigt, beschwört natürlich die Nähe zu Hitchcocks THE BIRDS, die gegen diese Biester aber harmlose Piepmätze waren. Mit ihren telekinetischen Kräften leitet Alice schließlich einen Flammenstrahl um und setzt den Himmel förmlich in Brand. Staunend betrachtet sie ihr Werk, völlig berauscht von ihren sie selbst immer wieder überraschenden Kräften. Sie ist die Apokalyspe in der Apokalypse. Die Reise führt Alice und die Überlebenden dann nach Las Vegas, das von gewaltigen Dünen halb verschüttet ist und dessen kitschigen Prunkbauten nun Relikte einer vergangenen Zivilisation sind: Die Freiheitsstaue blickt wie einst in Schaffners PLANET OF THE APES traurig ins Nichts, der Eiffelturm dient als Aussichtspunkt für einen Scharfschützen, der seinen Leuten im Kampf gegen die Zombiehorden Rückendeckung gibt. Alice‘ Weg endet, wo er begonnen hat: im Bunker der Umbrella Corporation, wo sie sich mit ihren Klonen verbündet. Spätestens hier merkt man, dass die RESIDENT EVIL-Filme eine einzige Huldigung für Milla Jovovich sind, Kunstwerke für ein Kunstwesen. Wobei nie so ganz klar ist, wo das eine endet und das andere beginnt.