Mit ‘Alice Cooper’ getaggte Beiträge

Ein wiederkehrendes Thema meiner Texte in diesem Blog ist das unabsichtliche Einschlafen während meiner Filmsichtungen. Das passiert in den letzten Jahren immer häufiger, wobei ich differenzieren muss zwischen Filmen, die ich gern sehen würde, aber bei denen mich die Müdigkeit übermannt, und solchen, die ich mehr oder weniger in dem Wissen einwerfe, dass ich sie eh nicht durchhalten werde und zum Einschlafen einlege. ROADIE, der schon seit Jahren ungesehen bei mir im Schrank rumsteht, gehört eher zur letzteren Kategorie und hält wahrscheinlich den Rekord für die meisten schlafbedingten Abbrüche und Neuanfänge. Ich habe nicht mitgezählt, aber ich versuche seit einem guten Monat, diesen Film zu schauen, wieder und wieder. Ich habe den Film bestimmt fünfmal an ein und derselben Stelle wieder aufgenommen, weil ich bereits zehn Minuten später bereits eingepennt war. Zum Zeitpunkt, zu dem diese ersten Zeilen geschrieben wurden, hatte ich es immerhin bis ungefähr zur Mitte und zum Auftritt von Debbie Harry geschafft. Erstaunlich daran ist, dass mir das den Film nicht komplett verleidet hat. Heute morgen habe ich das Langzeitprojekt dann endlich erfolgreich beenden können.

Ich bin nicht gerade ein intimer Kenner von Rudolphs Werk, habe vor bestimmt 20 Jahren mal seinen Aliens-infizieren-Kühe-Wissenschaftsschocker ENDANGERED SPECIES gesehen und kann sonst nicht viel zu ihm sagen, aber beim Blick auf seine Filmografie scheint ROADIE schon ein Außenseiter zu sein: Es handelt sich um eine schrille, überdrehte, comicartige, bisweilen satirische im Musikbusiness angesiedelte Komödie mit vielen Gastauftritten, die man zur leichteren Orientierung durchaus mit John Landis‘ BLUES BROTHERS bezeichnen könnte (die Blues Brothers haben auch einen kleinen Cameo-Auftritt, der aber nicht von John Belushi und Dan Aykroyd, sondern von zwei Lookalikes absolviert wird). Der Titelcharakter ist Meat Loafs liebenswert-einfacher Redneck und Lkw-Fahrer Travis Redfish, der durch Zufall zum Roadie wird und sich in das minderjährige Groupie Lola Bouillabaisse (Kaki PORKY’S Hunter) verliebt, die es sich wiederum in den Kopf gesetzt hat, von Alice Cooper entjungfert zu werden und den dicken Träumer damit fürchterlich verprellt. Am Ende kriegen sich die beiden dann aber doch, denn wie Cheap Trick im Quasi-Titelsong singen „Everything will work out if you let it“, aber dann kommt ihnen ein UFO in die Quere, das die Hilfe des Roadies braucht, um weiterfliege zu können.

ROADIE springt von der einfach strukturierten, aber ziemlich seltsamen Hillbilly-Welt Travis‘ geradewegs in den Wirbel des L.A.-Showbiz mit seinen Cokeheads, größenwahnsinnigen Promotern, verpeilten Hängern, sensiblen Stars und coolen Profis und macht seinen unwahrscheinlichen Protagonisten, ein Kleinkind im Körper eines Bären, zu einer Art unterbelichtetem, aber überirdisch begabtem Messias der Bühnentechnik. Der Film beginnt im texanischen Hinterland, wo Travis mit seinem Schrotthändler-Papa Corpus Redfish (Art Carney) und seiner an Popeyes Olive Oil erinnernden Schwester Alice Poo (Rhonda Bates) das mit unzähligen Röhrenfernsehern und anderem Elektroschrott vollgestellte Haus der Familie Sawyer aus Tobe Hopes THE TEXAS CHAINSAW MASSCARE bewohnt (noch eine Parallele zum Klassiker: Gürteltiere). Travis ist ein gutmütiger Simpleton, der einen Cowboyhut trägt, zu Countrymusic das Bein schwingt, mit Kumpel B. B. Muldoon (Gailard Sartain) im Biertruck herumfährt und von der Welt da draußen noch nicht viel mitbekommen hat. Das ändert sich, als er Lola und sie ihn wie ein Blitzschlag trifft. Sein technisches Genie kommt dem Konzertpromoter Mohammed Johnson (Don Cornelius) gerade recht und so rettet Travis zum Beispiel mit Kuhdung den Tag, als Konservative einem Festival den Strom abdrehen. ROADIE strickt an dem beliebten Mythos, dass es die Leute im Hintergrund sind, die den Rockzirkus eigentlich am Laufen halten, Groupies wie Lola, die sich als „spark plug“ bezeichnet, die mit dem Rock’n’Roll die „greatest energy in the world“ entfesseln, oder eben Roadies wie Travis, die die technischen Mittel bereitstellen und letzten Endes die Grundlage für die Rock-Poeten schaffen, denen die Herzen so oder so zufliegen.

ROADIE ist all over the place, aber er wird eben auch von dieser Energie, die er besingt, zusammengehalten. Auf dem Soundtrack geht alles drunter und drüber, stehen New-Wave-Acts wie Blondie (die dann aber „RIng of Fire“ intoniert) oder Pat Benatar neben mal mehr, mal weniger schnarchigen Country-Acts wie Hank Williams jr., Asleep at the Wheel oder Eddie Rabbit, dem Quasi-Punk Alice Cooper – der den Karriereknick schon hinter sich hatte, aber noch kurz vor dem Totalabsturz stand -, den Classic-Rockern von Cheap Trick und einer Legende wie Roy Orbison, der auch einen kleinen Gastauftritt absolviert. Zu dem Tohuwabohu aus Verfolgungsjagden, Musiknummern, hirnrissigen Dialogen, einer Szene, in der Waschmittel mit Kokain mit den erwartbaren Folgen verwechselt wird, und anderem Quatsch passt auch das Finale mit dem UFO, das man nicht zu Gesicht bekommt, weil es zuvor bei einer Panne zerstört wurde. Die größte Entdeckung ist die Soul Train-Ikone Don Cornelius, die großes Vergnügen mit seinem an Don King angelehnten Zampano hat: „I’m gonna rape you career!“ Auch Alice Cooper, der so gar nicht dem Bild des unchristlichen, unmoralischen Punks entspricht, das Lola sich von ihm gemacht hat, nutzt seine paar Minuten Screentime für eine Darbietung, die deshalb denkwürdig ist, weil sie kaum richtig auffällt. Das passt: ROADIE nicht wirklich gut, aber er ist auf durchaus interessante und nicht unsympathische Art und Weise anders. Er lebt in seiner eigenen Welt, wie Lola und Travis.

monster-dogSeltsam, dass niemand vorher auf die Idee gekommen war, Alice Cooper in einem Horrorfilm zu besetzen. Cooper hatte sich in den frühen Siebzigerjahren einen Namen als Kopf der gleichnamigen Band gemacht, die mit makabren Texten („I love the Dead“ handelte etwa von Nekrophilie) und Grand-Guignol-Bühnenshows das Establishment verschreckte, bevor er dann als Solokünstler ganze Horrormusicals vertonte. Sein Solodebüt „Welcome to my Nightmare“ erfuhr eine Fernsehadaption (und eine aufwändieg Live-Inszenierung), aber davon abgesehen beschränkten sich seine Filmauftritte auf kleine Nebenrollen, etwa in ROADIE oder SEXTETTE. Als Fragasso ihn für LEVIATÁN castete, befand sich Cooper gerade in einer mehrjährigen kommerziellen Durststrecke – seine New-Wave-inspirierten Alben „Special Forces“, „Zipper catches Skin“  und „DaDa“ waren allesamt hart gefloppt – und einem Kampf gegen die Alkoholsucht, die ihn fast umgebracht hätte. Er hätte gewiss einen besseren Film verdient gehabt, als diesen rumpeligen Werwolfschocker, aber immerhin konnte auch Fragasso nicht verhindern, dass es mit dem Musiker danach wieder aufwärts ging (zumindest kommerziell, denn seine beiden Hardrock-Platten „Constrictor“ und „Raise your Fist and Yell“, mit denen er sich zurückmeldete, sind wahrscheinlich auch seine schlechtesten).

Alice sieht ziemlich mitgenommen aus, als habe er mit einem schlimmen Hangover zu kämpfen – er war damals gerade 36, sieht aber, gezeichnet durch vergangene Exzesse, deutlich älter aus -, wirkt ausgesprochen desorientiert und verunsichter. Es passt zu LEVIATÁN, der eigentlich immer und überall verrissen wird. Es ist gewiss kein „guter“ Film – aber er hat mich positiv überrascht, weil er ganz anders ist, als ich das erwartet hatte. Fragasso darf man durchaus als einen der Totengräber des italienischen Kinos bezeichnen: Gemeinsam mit Bruno Mattei bildete er ein gefürchtetes Duo, das in den Achtzigern alle irgendwie erfolgreichen US-Filme kopierte und in meist lieblos hingerotzten Italo-Versionen auf den Markt brachte. Mit ZOMBI 3 bescherte Fragasso dem armen Lucio Fulci eine echte Breitseite und besaß die Chuzpe, danach mit OLTRE LA MORTE sogar noch einen Nachklapp zu inszenieren. Sein berühmtester Film ist wohl TROLL 2 ein Meilenstein des „So bad it’s good“, den ich auch endlich mal gucken muss. Was ich sagen will: Alles deutete daraufhin, dass LEVIATÁN ein inkompetentes Formula-Movie ist. Ich erwartete eigentlich einen Slasher mit austauschbaren Hackfressen und einem doofen Monster. Ein doofes Monster gibt es, austauschbare Hackfressen auch, aber den Film um diese herum möchte ich beinahe als „eigenständig“ bezeichnen.

Vince Raven (Alice Cooper) ist ein erfolgreicher Popmusiker, der mit seinem neuesten Video zu dem Song „Identity Crisis“ (furchtbar lazy getextet, aber den Refrain habe ich jetzt seit zwei Tagen im Ohr) überhaupt nicht zufrieden ist. Für seinen nächsten Clip packt er deshalb seine befreundete Crew ein und fährt zu dem Haus, in dem er einst aufwuchs – und sich ein handfestes Trauma zuzog. Sein Vater litt nämlich an einer seltenen Geisteskrankheit, die ihn in ein werwolfähnliches Wesen verwandelte: In dieser Gestalt tötete er einige Menschen und wurde schließlich von einem aufgebrachten Lynchmob hingerichtet. Kein Wunder, dass Vincents Ankunft von den Eingeborenen wenig begeistert aufgenommen wird: Man vermutet, dass er die Krankheit von seinem Vater geerbt hat – und hat außerdem mit einem Rudel wild gewordener Hunde zu kämpfen, die die Gegend unsicher machen. Tatsächlich gibt es bald die ersten Toten …

Um ehrlich zu sein: LEVIATÁN ist auch ein Meisterstück der Laufzeit-Schinderei. Der Film beginnt mit dem Videoclip, in der Mitte gibt es eine ausgedehnte Passage, in der Cooper einen zweiten fürchterlichen Song zum besten gibt, bevor die Schlusscredits laufen, gibt es noch einmal eine Art „Best-of-Montage“ und viel Zeit geht außerdem drauf für das unwichtige Miteinander der Figuren. Aber LEVIATÁN hat eine eigene Atmosphäre und wandelt nicht nur auf ausgetretenen Pfaden. Wenn es richtig losgeht, geht die größte Bedrohung gar nicht vom „Monster Dog“ aus, sondern von ein paar Rednecks, die sich Zugang zu Vincents Elternhaus verschaffen (das etwas an eine Mischung aus dem Haus der Sawyer-Family aus THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und der Bleibe derer zu Usher erinnert) und Vincents umbringen wollen. Da gibt es dann ein sehr handfestes Belagerungsszenario mit deutlichen Westernanleihen, das Fragasso viel besser liegt als die etwas tölpeligen Horrorszenen. Die Titelkreatur sieht man nur ein paar Mal: Sie ist eher eine Metapher denn der eigentliche „Schurke“ des Films. Großen Anteil an der eigenartigen Stimmung des Ganzen hat der Drehort: LEVIATÁN spielt in den USA, wurde aber irgendwo in der spanischen Pampa gedreht. Das schafft eine kognitive Dissonanz, und dass die Bilder ein herbstlicher Grauschleier umwabert, schadet auch nicht. Wie gesagt: LEVIATÁN ist keinesfalls ein vergessener Klassiker und ich würde auch nicht unbedingt empfehlen, ihn aktiv zu suchen, aber wenn er einem über den Weg läuft, sollte man sich von Vorurteilen freimachen und ihm eine Chance geben. Besser als die beiden zuletzt von mir gesehenen Hundeschocker DEVIL DOG und DRACULA’S DOG ist er in jedem Fall.