Mit ‘Amadeus August’ getaggte Beiträge

Es hat nicht allzu viele deutsche Versuche gegeben, im Actiongenre Fuß zu fassen, und wenn, dann sind sie an den Kinokassen meistens krachend gescheitert, egal wie gut oder wenigstens ehrenwert sie waren. Bestimmte, typische Actionstoffe waren aufgrund unserer Geschichte sowieso immer tabu für die exploitative Aufarbeitung – affirmative deutsche Gewaltepen um tapfere Soldaten kann und will man sich nicht wirklich vorstellen – und Polizisten haben seit jeher ihren festen Platz im deutschen Fernsehen, warum sollte man sie also auf die Leinwand hieven? (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.) Südlich der Alpen sah das ganz anders aus, da ließen die Italiener in den Siebzigerjahren einen Hagel aus Blei auf den Zuschauer herniedergehen, gefolgt von außer Kontrolle geratenen Fiats, die mit quietschenden Reifen um die Kurve bretterten. Der Poliziottesco ist vielleicht das genuin europäische Actiongenre (das seinen amerikanischen Vorbildern selbstredend viel zu verdanken hat). Das Kuriose: Rolf Olsen lieferte mit einem der tollsten und größten deutschen Actionfilme – einer italienischen Koproduktion – entscheidende Geburtshilfe für den italienischen Polizeifilm. Die Rede ist natürlich von BLUTIGER FREITAG.

Zu Beginn der Siebziger entstanden, platzte Olsens Film mitten hinein in eine Phase gesellschaftlicher und politischer Aufruhr, die auch den Poliziottesco entscheidend beflügeln sollte: Das Aufbegehren linksradikaler Kräfte gegen das noch von alten Nationalsozialisten und Faschisten durchsetzte Establishment bestimmte die Schlagzeilen, politisch motivierter Terror verbündete sich mit ganz normaler Kriminalität. Während die RAF Schlagzeilen machte, wurde die Bundesrepublik von einer Welle von Trittbrettfahrern und Banküberfällen erschüttert, am berühmtesten der Überfall auf die Filiale der Deutschen Bank in der Münchener Prinzregentenstraße, bei der die Polizei, die es mit der ersten Geiselnahme der deutschen Kriminalgeschichte zu tun bekam, massiv überfordert war. Die Bankräuber, 31 und 24 Jahre alt, gaben sich als Gruppe der Roten Front aus, doch es ging ihnen ums schnöde Geld – genau wie Heinz Klett (Raimund Harmstorf) und seinem italienischen Gastarbeiterkumpel Luigi (Gianni Macchia) in Olsens BLUTIGER FREITAG.

Der Revoluzzersprech, den vor allem Klett absondert, gehörte damals wahrscheinlich auch unter gewöhnlichen Gewaltverbrechern zum guten Ton. Es verlieh einem gleich eine ganz andere Aura, wenn man seine persönlichen Gelüste mit intellektuell verbrämten Klassenkämpferparolen untermauern konnte. Dass sich hinter den hohlen Phrasen manche Wahrheit verbarg, wird von dieser Erkenntnis nicht tangiert. Die BRD, die Olsen zeigt, ist wie das Italien der Poliziotteschi ein tief gespaltenes, marodes Land, das für die Bedürfnisse und Träume der Jüngeren viel zu eng ist. Luigi malocht unter den rassistischen Verunglimpfungen seiner huttragenden, behornbrillten Kunden und seines ihn für einen Gammler haltenden Chefs, seine Freundin Heidi (Christine Böhm) in einem dumpfen Schreibbüro. Abends sinken sie in Luigis Zimmer umringt von Postern nackter Schönheiten und Formel-1-Autos ins Bett, von besseren Zeiten träumend. Heidis Bruder Christian (Amadeus August) hat den Autoritarismus und die Schikanen beim Bund nicht mehr ertragen, seinen Vorgesetzten niedergeschlagen und ist nun als Deserteur auf der Flucht. Er gerät durch Blutsbande in das Klett’sche Vorhaben, das Geld kann er gebrauchen und gesucht wird er sowieso schon. In Olsens Deutschland hat man nicht viele Optionen, wenn man nicht dazugehört. Während der Geiselnahme versammelt sich das deutsche Spießbürgertum vor der Bank und diktiert dem nach Vorbild der SCHULMÄDCHEN-REPORTS authentifizierenden rasenden Reporter Bild-Schlagzeilen ins Mikro: Die Todesstrafe muss her, ist doch klar. Nur Heinz Klett fällt aus dem Raster, ragt wie ein Mahnmal aus der Tristesse des Mittelmaßes hinaus, wie er da mit roter Mähne und Bart, Lederkluft, Sonnenbrille und Zigarillo durch den Film pflügt, unablässig Vulgaritäten zwischen den Zähnen hindurchpressend und von der Flucht an den Indischen Ozean schwadronierend.

BLUTIGER FREITAG ist ein großartiger Film, voller ungebändigter Energie und schmierigem Verve, einer ungehobelten Oberfläche, direkt aus dem dampfenden Schritt gefilmt, und Harmstoff Dreh- und Angelpunkt des Ganzen, die Ikone, die aus dem graubraunen Zeitgeistprotokoll ein Werk für die Ewigkeit macht. Er ist gleichzeitig auch das personifizierte Augenzwinkern Olsens, dem das trübe Gesülze seiner Nebenfiguren und die deutsche Mittelmäßigkeit wahrscheinlich genauso auf den Zeiger gingen wie Klett, der wildgewordenen Rampensau. Wie er hier als Gravitationsfeld fungiert, den Film immer dann, wenn er sich aus dem Schlamm zu erheben und den Kopf Richtung gesellschaftskritisches Drama zu heben versucht, mit Lust in sich zusammenstürzen lässt, lädt geradezu dazu ein, ihn als metafilmisches Paradigma zu interpretieren. Heinz Klett in BLUTIGER FREITAG ist wie BLUTIGER FREITAG im deutschen Kino: ein Prolet, der auf alles scheißt, der keine Bestätigung und kein Schulterklopfen und am allerwenigsten einen guten Grund braucht. Das ist die Quelle geiler, brodelnder Exploitation: die pure Lust am Sein, am Exzess, an Rausch und Wahn. Jede darüber hinausgehende Motivation ist immer nur vorgeschoben, kann den Irrsinn nie in Bann schlagen und weiß das natürlich auch. Der Zuschauer kann sich noch so sehr vorbeten, was für ein asozialer Lump dieser Klett ist, das man jemanden seinesgleichens nie im Leben begegnen will, trotzdem hört man die Englein ihre himmlischen Choräle singen, wann immer er das Bild betritt. Die personifizierte Erektion im unpassenden Moment: Man hofft, dass niemand sie bemerkt, sie ist einem ein bisschen peinlich, trotzdem möchte man sie gern anfassen.

Dass BLUTIGER FREITAG dieser Tage nach langer Wartezeit eine seinem Status angemessen legendäre Blu-ray-Veröffentlichung erfahren hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Subkultur haben keine Mühen gescheut und den Film, der zuvor nur auf einer grabbeligen DVD vorlag, nicht nur liebevoll restauriert, sondern bei der Gelegenheit auch noch rekonstruiert. Die auf Scheibe vorliegende Langfassung ist in dieser Form niemals zu sehen gewesen und bildet somit das Happy-End für einen Film, der ein solches niemals wirklich gebraucht, aber absolut verdient hat. Wenn man in diesem Jahr nur eine Blu-ray kaufen will, dann muss es diese sein – das bei meinen Lesern eine Affinität für solche bauch- und sackzentrierten Filme besteht, setze ich einfach mal voraus.

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