Mit ‘Amanda Donohoe’ getaggte Beiträge

Vielleicht bin ich mit dem Werk von Ken Russell einfach nicht vertraut genug, um diesen Film nicht als überraschenden Querschläger in seinem Oeuvre zu betrachten. Klar, die Attribute „bunt“, „schrill“, „trippy“ und mitunter „beknackt“ kann man wahrscheinlich mehreren seiner Filme anheften, sicherlich sind einige von ihnen hinter ihrer artifiziellen Fassade auch irgendwie komisch, aber diese betont trashy gehaltene Horrorkomödie ist nicht unbedingt der Film, den ich von einem in Cineastenkreisen verehrten, kontrovers diskutierten auteur seines Rufes erwarten würde. Was wiederum nicht heißt, dass THE LAIR OF THE WHITE WORM misslungen, unpassend oder gar peinlich wäre, im Gegenteil: Das Teil ist eine echte Wundertüte und eben auch deshalb so toll, weil dahinter ein solch eigenwilliger Kopf steckte, der damit seine sehr eigenständige Version eines Genrefilms realisierte – und den zahlreichen minderbemittelten hacks und Proleten, die sich während der Achtzigerjahre an der Horrorkomödie versuchten, zeigte, dass eine solche durchaus visuell gewagt und anspruchsvoll sein kann, ohne dabei an Zugänglichkeit oder Witz einzubüßen.

THE LAIR OF THE WHITE WORM basiert lose auf Bram Stokers gleichnamigem Roman und entstand als Teil eines Four-Picture-Deals mit Vestron, nachdem Russells GOTHIC zuvor sehr erfolgreich auf Video ausgewertet worden war. Ich erinnere mich an Berichte in der damals noch existierenden, auf das fantastische Kino spezialisierten Zeitschrift Moviestar, die Russells bizarren Film sogar auf dem Cover präsentierte. Ich vermute, dass die wahrscheinlich eher spärlichen Besucher, die sich daraufhin in den Film verirrten, nicht ganz das bekamen, was sie sich erhofft hatten. Dass THE LAIR OF THE WHITE WORM aber auch heute, exakt 30 Jahre später nicht regelmäßig als verkanntes Meisterwerk und euphorisierende Cinedrug gefeiert wird, ist der eigentliche Skandal. Während andere, als Sternstunden gefeierte Genrefilme schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen erheblich von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben und nicht viel mehr als ein indifferentes Schulterzucken evozieren, wirkt THE LAIR OF THE WHITE WORM auch heute immer noch völlig singulär, dabei so frisch wie am ersten Tag und darüber hinaus noch witzig, radikal, eigenständig und anspruchsvoll, ohne jemals gezwungen, angestrengt oder aufgesetzt anzumuten. Russell ist die ziemlich schwierige Verbindung von Kunst und Spaß tatsächlich fulminant geglückt. Auf Anhieb fallen mir nur wenige Filme ein, über die ich das so sagen kann. Eigentlich sogar gar keine (was aber auch an meinem Gedächtnis liegen kann).

Klar, man sieht dem Film sein Alter heute an: Aber die damals vermutlich noch visionären Video-Collage-Sequenzen gewinnen gerade heute, wo dieses Stilmittel nur noch als „retro“ zu bezeichnen ist, wieder erheblich an Reiz und verfehlen ihre Wirkung nicht – zumindest nicht auf der großen Leinwand, auf der ich dieses Wunderwerk in der vergangenen Woche bestaunen durfte (im Double Feature mit Harry Kümels gleichermaßen magischem LES LÉVRES ROUGE, Mondo Bizarr sei Dank). Nicht nur in diesen Szenen, auch in den zahlreichen Auftritten der anbetungswürdigen Amanda Donohoe (wie gut, dass die eigentlich vorgesehene Tilda Swinton absagte) erreicht der Film eine fiebrig-psychedelische Qualität, die durch den (von der deutschen Synchro forcierten) Humor geschickt unterschnitten wird: Wie sie sich zur Dudelsack-Darbietung von DR. WHO-Darsteller Peter Capaldi aus einem großen Korb windet, ist nicht nur ein herrlich bescheuerter Einfall, sondern auch einfach ein tolles Bild, das in Russells Verquickung aus britischer Mythologie, Eighties-Pop, Psychedelik, SM-Erotik und Slapstick gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Und der Film ist voll von solchen Momenten, dabei nie ausrechenbar und immer on point – auch dann, wenn er absichtlich ins Kraut schlägt. Neben der verführerischen Amanda Donohoe, die in hüfthohen Lackleder-Schaftstiefeln zu knappen Dessous eine ebenso gute Figur macht wie als Schlangengift versprühende Dämonin, begeistert auch der junge Hugh Grant als zwar schmieriger, aber doch sympathischer Offizier, dem die Synchro eine Überdosis britischer Gelacktheit in die Stimme legt. (Die Synchro ist wirklich toll, unterstreicht die Genialität von Russells Ideen und erinnert wieder einmal schmerzhaft daran, dass uns diese Kunst in den letzten Jahrzehnten leider vollends verloren gegangen ist.) Aber solche Einzelheiten oder Personen hervorzuheben, wird THE LAIR OF THE WHITE WORM eigentlich nicht gerecht. Vielleicht das größte Wunder an einem Film, der in der Rückschau wie ein Füllhorn greller Ideen anmutet: Er ist durch und durch homogen und fließt wie aus einem Guss.

 

cortezcastaway1981 begab sich der 45-jährige englische Verleger Gerald Kingsland mit der 21 Jahre jüngeren Lucy Irvine, die er zuvor aus über 50 Bewerberinnen ausgewählt hatte, für ein Jahr auf die entlegene Insel Tuin, in der Torres-Straße zwischen Neuguinea und Australien. Was als romantisches Abenteuer, soziales Experiment und nicht zuletzt Prämisse für ein Buch gedacht war, endete für die beiden, die mit Mangelernährung zu kämpfen hatten, beinahe tödlich. Ihre Erlebnisse schilderten sie anschließend in ihren Büchern „Castaway“ (Irvine, 1983) und „The Islander“ (Kingsland, 1984).

Roeg verzichtet in seiner Verfilmung der wahren Geschichte auf nahezu jede Kontextualisierung. Was Kingsland auf eine verlassene Insel treibt – abseits des schriftstellerischen Engagements -, bleibt ebenso vage wie Lucys Motive. Die beiden sind sich nicht unsympathisch, aber Lucy scheint den älteren Mann, der sich ihr gegenüber bereitwillig als konservativ eingestellter Pascha outet, durchaus als eine Art Kompromiss zu betrachten, den sie eingehen muss, wenn sie den „Zuschlag“ haben will. Sex ist ihr ein zu diesem Zweck billiges Mittel. Man versteht den späteren Zorn Geralds, wenn er ihr nach monatelangem Sexentzug vorwirft, ihm in der Heimat nur etwas vorgespielt zu haben, aber auch er selbst, entspricht auf Tuin nicht mehr dem Bild des patenten, motivierten und gut vorbereiteten Abenteurers, das er in London von sich entworfen hatte. Das wichtige Jod hat er ebenso einzupacken vergessen wie das Mehl, und anstatt den so wichtigen Unterschlupf zu bauen, liegt er lieber faul in der Sonne. Was wie eine Märchenromanze begann, entwickelt sich binnen kürzester Zeit in einen Albtraum aus Zickereien, handfesten Streitigkeiten und gegenseitigen Vorwürfen, der nur mit einem bitterbösen Erwachen enden kann. Mangelernährung und eitrige Entzündungen zerren an Psyche und Physis, nach einer langen Dürrezeit liegen die beiden ausgemergelt und unfähig, sich zu bewegen, in ihrem Zelt und warten auf den Tod. CASTAWAY endet an dieser Stelle aber nicht. Nach der Rettung durch zwei Nonnen von der größeren Nachbarinsel und dank der Hilfe einiger Bewohner richten sich Gerald und Lucy dann doch noch „häuslich“ ein und schließen Frieden miteinander. Nach Ablauf ihres Jahres bleibt er als Handwerker, der für die Einheimischen Motoren, Uhren und andere Geräte repariert, sie reist zurück in die Heimat, Stoff für einen Bestseller im Gepäck, aber auch die Gewissheit, dass das „Experiment“ auf menschlicher Ebene gescheitert ist.

Es ist gut, dass Roegs Film im letzten Drittel diese mild positive Wendung nimmt, die sich vorher nicht unbedingt abgezeichnet hat (zumindest dann nicht, wenn man den realen Ausgang der Geschichte nicht kennt). Während der ersten knapp 90 Minuten ist CASTAWAY zunehmend schwere Kost, wenn auch in berückend schönen, fies trügerischen Bildern des Inselidylls. Dem langsamen Verfall der beiden zuzusehen, die sich ja eigentlich nichts zu Schulden haben kommen lassen, die einfach nur stinknormale Menschen mit all den gängigen Verfehlungen sind, bereitet fast körperliche Schmerzen und man wähnt sich in einem dieser seit einiger Zeit angesagten Horrorfilme, in denen als „arrogant“ apostroophierte Zivilisationsmenschen die Quittung für ihre Hybris bekommen. So eindimensional ist CASTAWAY nicht, wie es sich Roeg ganz generell verkneift, ein Urteil über seine Protagonisten zu fällen oder ihre Geschichte als Gleichnis aufzuziehen, das dem Zuschauer irgendetwas über den Zustand der Gesellschaft oder des Individuums im ausgehenden 20. Jahrhundert erzählen soll. Es geht hier um Lucy und Gerald, um zwei konkrete Personen, darum, wie und warum ihre Träume platzen, und was das mit ihnen anstellt. Natürlich werden dabei einige unvermeidliche Themen angerissen: die Naivität des Zivilisationsbürgers, der sich in der Isolation der Natur von all seinen Makeln reinwaschen zu können hofft, die Romantisierung des Inselidylls, das sich schnell als genauso tückisch entpuppt wie die dunkleren Ecken Londons, schließlich der Geschlechterkonflikt und die Frage, inwiefern fremde Menschen unter den gegebenen Extrembedingungen überhaupt eine auf Ehrlichkeit basierende Beziehung zueinander aufbauen können. Aber die Bearbeitung dieser Themen emanzipiert sich eben nicht von der eigentlichen Geschichte, es gibt für den Zuschauer am Ende keine handlichen, universell anwendbaren Antworten. Das ist durchaus nicht selbstverständlich: Man beachte nur einmal, wie wenig Aufhebens Roeg darum macht, dass da eine 24-Jährige auf die Zeitungsannonce eines mittelalten Mannes antwortet, und vergleiche das mit der Paranoia, die heute immer noch um das böse Internet und finstere „Chatrooms“ gemacht wird, in denen jeder zweite ein potenzieller Serienmörder ist.

CASTAWAY war eigentlich dazu angetan, die nach kein Ende nehmen wollenden Skandalmeldungen sowie zahlreichen Publikums- und Kritikerflops traurig versandete Karriere Reeds wiederzubeleben. Es ist eine Darbietung für die Ewigkeit, die der damals 48-Jährige abliefert, wie er mühelos und überzeugend zwischen sympathischem Spaßvogel, peinlich-notgeilem Jammerlappen und cholerisch polterndem Derwisch hin- und herschaltet, körperlich immer weiter abbaut und am Ende mit bärigem Grinsen alle Sympathien auf seiner Seite hat. Zwar wurde seine Leistung erkannt, doch die erhoffte Sogwirkung blieb leider aus. Wahrscheinlich auch, weil CASTAWAY insgesamt nur wenig Erfolg beschieden war. Liest man heute die Einschätzungen der Rezensenten, so erkennt man, dass dem Film genau das angelastet wurde, was ich oben als seine ausgesprochene Stärker herausgearbeitet habe. Roeg gibt dem Zuschauer keine Bedienungsanleitung, keine Reiseroute an die Hand, die ihm erklärte, was er mit dem Gesehenen anzufangen habe. Warum auch? Es ist ausnehmend faszinierend, Lucy und Gerald zuzusehen und sich zu fragen, was sie glauben ließ, eine Robinsonade mit einem wildfremden Partner sei eine gute Idee. Es ist anzunehmen, dass sie darauf selbst keine befriedigende Antwort geben konnten. Manche Dinge muss man eben einfach tun, mit allen Konsequenzen.